← Table of contents
Was Helmut in Deutschland erlebte

Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald

Reading edition

Der Regen rauschte – so ein rechter, fruchtbarer Frühlingsregen, unter dem Saaten und Knospen sprießen, der aber auch die Landstraßen zu Brei verwandelt und dem Wanderer feuchtkalt durch alle Kleider dringt. Tief hingen die Wolken über der traurig verwüsteten Gegend, in der die Russen gehaust hatten. Wie ein zerbrochener Armstumpf ragte der seiner Spitze und seiner Glocken beraubte Kirchturm in die graue Luft. Öde starrten die leeren Fensterhöhlen aus den brandgeschwärzten Mauern des Schiffes der kleinen Kirche. Ringsumher Schutthaufen verbrannter, eingestürzter Häuser, in den Gärten Überreste von mutwillig zerbrochenem Hausgerät, Fetzen zerschlitzter Federbetten. Nur die steinernen Kamine der Herde ragten aus der Verwüstung empor. – Doch an allen Ecken und Enden waren schon Menschen an der Arbeit, um die liebe Heimat wieder zum Wohnsitz für die zurückgekehrten Besitzer herzurichten. Es wurde gegraben, Steine wurden geschleppt, Balken aufgerichtet. Finster blickten die Männer, vergrämt die hageren Frauen. Wieviel sie durch die Besetzung Ostpreußens durch die Feinde verloren, das konnten sie erst jetzt überschauen. All das schöne Vieh, das irgendwo in den Wäldern verhungert war oder von den Russen verzehrt!

Illustration from Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte

Schwerfällig arbeitete sich durch die zerweichte, schlammige Landstraße wieder so ein Planwagen mit heimkehrenden Flüchtlingen heran. Was lag da alles beieinander unter dem Regendach. Säcke mit Wäsche und Kleidern, eine Kiste mit Saatkartoffeln, das Spinnrad der Mutter, das alte Gesangbuch der Großmutter, ein weißes Zicklein, das die Flucht wie den Aufenthalt in der Stadt vergnügt überstanden hatte und im Begriff war, sich zu einer stattlichen Ziege auszuwachsen. Zwischen ihren geretteten Sachen kauerten auf Kissen und Decken die Familienglieder, alt und jung. Endlich fand der Vater, der neben den Pferden herschritt, den Platz, auf dem sein Häuschen gestanden hatte. Es war nicht so leicht gewesen, denn das Dorf hatte durch den Brand und die Beschießung ein völlig verändertes Aussehen bekommen. Der Wagen hielt, einer nach dem anderen steckte den Kopf unter der nassen Leinewand hervor und begann, im triefenden Regen vom Wagen zu klettern. Da fand sich auch einer unter ihnen, der nicht zu der ostpreußischen Flüchtlingsfamilie gehörte. Das war Helmut Kärn. Bis hierher an die russische Grenze war er ohne viel Beschwerde gelangt.

Zwar hatte es ein paarmal unvorhergesehenen Aufenthalt gegeben, viel Militär war an ihm vorübergefahren, aber mit seinem Billett kam er sicher nach Königsberg. Schwierig wurde die Sache erst, als Helmut auf die Kleinbahnen geriet, die ihre Fahrpläne nicht mehr innehielten, auf denen man Zivilpersonen fast gar nicht mehr beförderte. Doch Helmut wußte sich immer irgendwie einzuschmuggeln. Bat er einen der Soldaten so recht flehentlich, ihn doch mitzunehmen, weil er seinen Vater in einem Lazarett an der russischen Grenze suchen müsse, so erlaubten ihm die gutmütigen Feldgrauen gewöhnlich, sich zwischen ihnen einzuquetschen, obwohl sie meistens schon so eng saßen, wie die Bücklinge in ihren Kisten.

Plötzlich hieß es, für die nächsten Tage sei der Bahnverkehr gänzlich gesperrt. Es mußte da oben, wo Hindenburg befehligte, etwas Neues im Werke sein! Desto heißer wurde Helmuts Verlangen, in die kriegerische Zone zu gelangen.

Er beschloß, zu Fuß weiter zu wandern, zumal er mit Erschrecken sah, wie schnell seine Barschaft sich verringerte.

In der Nacht schlief er in der Knechtekammer des Gasthauses in einer kleinen Ortschaft. Für das Unterkommen nahm die Wirtin ihm nur 50 Pfennige ab und die Flöhe bekam er umsonst – es waren nicht wenige! Denn auch hier hatten die Russen mit ihrem Schmutz gehaust. Von ihrem ersten und zweiten Einfall hörte er in der Gaststube, wo er eine Suppe verzehrte. Greuliche Geschichten! Es lief ihm kalt über den Rücken, wenn er sich vorstellte, daß das alles wirklich geschehen war und nicht nur so in Büchern stand. In der Wand der Gaststube steckten noch die Kugeln, und die Wirtin trug Trauer, denn ihren Mann hatten die russischen Soldaten auf dem Marktplatz erschossen, weil er sich geweigert hatte, ihnen sein gesamtes Eigentum auszuliefern. Auf dem Hofe von Frau Ledderhose hatte Helmut gar nicht so einen schrecklichen Begriff von ihnen bekommen. – Da waren sie einfach freundliche Menschen gewesen, die ihre Arbeit taten und des Abends vor ihrem Schuppen saßen und schöne traurige Lieder sangen. Seltsam doch, wie der Krieg die Menschen verändern mußte! Ob sein Vater wohl auch so von Grund aus verändert, so wild und grausam geworden war? Einen armen Kerl, der über die Zerstörung seines Eigentums verzweifelt war, so einfach niederzuknallen – nein, dessen war sein Vater nicht fähig. Das wußte Helmut felsenfest.

Mit solchen Gedanken trottete er im Regen die Landstraße entlang, erfüllt von all den neuen Eindrücken. Er begegnete schon mancherlei kriegerischen Vorbereitungen. Einmal einer langen Artilleriekolonne mit großmächtigen Geschützen, ein anderes Mal einem friedlichen Zug schwarz und weiß gefleckter Rinder, die indessen auch einem vaterländischen Zwecke dienten. Sie folgten dem Heere nur, um geschlachtet zu werden, dann als Gulasch die fahrbaren Feldküchen zu füllen und die Tapferen nach vollbrachter Pflicht zu stärken.

Immer Neues gab es zu sehen und zu hören. Helmut wurde das stundenlange Wandern nicht leid. Aber endlich wurde er noch naß bis auf die Haut, und in seinen Schuhen gluckste das Wasser bei jedem Schritt. Als er am Nachmittag den Planwagen mit den heimkehrenden Flüchtlingen überholte, war er herzensfroh, als der Kätner ihn gutmütig aufforderte, mit unter den Plan zu kriechen. Da war's ganz behaglich, man saß dicht beisammen, einer wärmte den anderen, und man kam schneller vorwärts.

Aber dann war's doch schrecklich, das zerstörte Dorf zu sehen und den starren Schmerz der Leute, als sie vor dem Trümmerhaufen standen, der einst ihr schmuckes Häuschen gewesen.

»Na, nun nicht gejammert, das wird schon alles wieder werden«, sagte der Mann endlich und schlug sich bekräftigend mit der Faust in die linke Hand. »Das ganze Deutsche Reich wird uns helfen wieder hoch zu kommen, und der Kaiser hat's versprochen!« Damit holte er sich vom Wagen einen Spaten und fing gleich an aufzuräumen, um sich durch den Schutt den Weg in die noch stehengebliebenen Brandmauern zu bahnen. Der Stall war auch ziemlich unversehrt. Der ließ sich am ersten zu einem vorläufigen Obdach für die Nacht herrichten. Vater und Mutter, die Kinder, darunter ein Sohn in Helmuts Alter, alles arbeitete wacker daran, das Ställchen sauber zu bekommen. Da hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ein paar Strohsäcke wurden vom Wagen geholt und die mitgeführten Betten und Decken darübergebreitet. Helmut machte sich nützlich, indem er unter dem vorspringenden Dach, an einer vor dem Regen geschützten Stelle, aus Steinen einen kleinen Herd baute und Feuer anzündete. Das hatte er oft auf Jagdausflügen mit dem Vater geübt. Die Frau kochte einen Brei, und obschon die ganze Familie aus einer Schüssel aß, schmeckte es doch allen prächtig. Der Mann dehnte sich und sagte zufrieden zu seiner Frau: »Was, meine trautste Marjell, wieder zu Haus – is doch besser, als die Füße unter fremder Leute Tisch zu stecken!« Und dann schnarchte er auch gleich schon friedlich, daß es klang, als arbeite eine große Säge sich durch eine gewaltige Eiche. –

Am nächsten Morgen wanderte Helmut weiter, diesmal bei hellem Frühlingssonnenschein; der trocknete seine nassen Schuhe schnell. Hinter ihm klang der Schlag der Äxte und der Ruf der Zimmerleute aus den Ruinen, in denen überall sich fleißige Menschen regten, die einander hilfreich waren, um neu aufzubauen, was der Krieg zerstört hatte. Schwer mochte es oft sein, in der verwüsteten Gegend seines Lebens Notdurft und Nahrung zu finden, mancher mochte bereuen, zu früh im Winter zurückgekehrt zu sein. Vor dem nächsten Dorfe traf Helmut auf eine Gruppe Kinder, die eifrig in dem Schlamm der aufgewühlten Gartenerde nach Kohlstrünken suchten und die halbfaulen, schmutzigen Reste gierig benagten. Er stand still und schaute sie an – so etwas von Hunger, wie sich auf den armen, blassen Gesichtlein ausprägte, hatte er sich nie träumen lassen! Barfuß waren sie, mit offenen Frostbeulen an den Füßen, und nur ein paar zerrissene Lumpen als Kleider am Körper.

Helmut warf seinen Rucksack von der Schulter. Er besaß noch belegte Butterstullen, mit denen er sich am Tage zuvor im Gasthof versorgt hatte, und einige harte Eier! Er dachte nicht mehr daran, daß dies für heute sein Mittagsmahl bilden sollte, sondern kramte die guten Dinge eilig hervor und hielt sie den Kindern entgegen.

Die starrten ihn einen Moment lang ganz dumm an, als könnten sie das unerwartete Glück gar nicht fassen. Dann stürzten sie sich auf die Gabe, Helmut mußte noch energisch wehren, daß sie sich nicht darum prügelten. Schon waren Eier, Wurst und Brot in den eifrig kauenden Mündern verschwunden. Wahrhaftig, sie bettelten noch um mehr. Er ließ sie in seinen Rucksack schauen, um sie zu überzeugen, daß er nichts Eßbares mehr bei sich führte.

»Warum seid ihr nicht nach Berlin gekommen? Mein Großvater hätte besser für euch gesorgt«, sagte er. »Jeder, der kommt, kriegt Nachtlager und Speisemarken für die Volksküche!«

»Vater wollte nicht fort, Mutter hat ihn so gebeten! Er sagte, er wollte sterben, wo er gelebt hat«, antwortete das Älteste, ein verständiges Mädchen von etwa neun Jahren. »Wir haben uns nur im Walde versteckt, solange Russ' hier war, dann kamen wir gleich wieder. Aber kalt im Winter, schrecklich kalt!« »Das will ich wohl glauben, ihr armen Würmer«, sagte Helmut mitleidig und schenkte jedem noch zehn Pfennige. Sie zeigten ihm die Richtung des Weges und warnten ihn, er solle nicht durch den Wald gehen, dort hänge noch viel Stacheldraht zwischen den Büschen, und es gäbe dort auch tote Pferde, die röchen schlecht.

Am nächsten Tag kam Helmut ins Russische, oder vielmehr in das Gebiet, das vordem russisch gewesen, nun aber von unseren Truppen besetzt war. Jetzt begann erst die schwere Zeit. Er konnte sich nicht mehr mit den Einwohnern verständigen, die ihn mißtrauisch und feindlich betrachteten. Er verirrte sich und wußte nicht mehr aus noch ein, dazu knurrte ihm der Magen gewaltig, denn er hatte am Abend zuvor in einem furchtbar schmutzigen »Krug« am Waldesrand nur ein Glas Bier und ein Stück Brot erhalten. Lange Stunden irrte er im Walde umher. Er sah auch so eine arme Pferdeleiche im Drahtverhau hängen. Schwärme von Raben kreisten über ihr und bedeckten sie fast. Helmut hatte im Tropenwald und auf den Weiden in Brasilien oft gefallenes Vieh gesehen und immer auch die Aasvögel über ihrer Beute. Aber hier grauste es ihn mehr als je zuvor, er wußte selbst nicht warum. Der Gedanke, in diesem Wald übernachten zu müssen, erschien ihm plötzlich sehr schreckhaft. Noch in diesem Frühling mußten hier Kämpfe stattgefunden haben. Viele Bäume waren schwarzgesengte Stummel. Er traf auf tiefe Gräben, die an ihren Rändern zerbrochene Konservenbüchsen, Patronenhülsen, Kleiderfetzen aufwiesen zum Zeichen, daß sie für Freund oder Feind als Schützengräben gedient hatten. Kreuz und quer liefen die zerschossenen und zerrissenen Drahthindernisse durch das Unterholz, das sich mit lichtgrünem Blätterwerk zu bekleiden begann. Es war so still, als hätten selbst die Vögel vor Schrecken das Singen verlernt. Helmut ging schneller und schneller auf einem kräftig betretenen Pfad, der denn doch einmal irgendwo auf eine breitere Straße führen mußte. Zuletzt lief er und fühlte, wie die Schweißtropfen ihm über die Stirn rannen.

Da hielt er mit einemmal auf einer Lichtung inne. Ihr Boden war bedeckt mit zarten weißen Anemonen und lila Waldveilchen. Durch die spärlich belaubten hohen Buchen, an denen die hellgrünen Blättchen die goldigen Knospenhüllen noch nicht völlig abgestreift hatten, schien die Abendsonne und tauchte den einsamen Platz in einen sanften, hellen Glanz. Zwischen den Blumen lag eine Reihe kleiner Hügel, auf jedem war ein Holzkreuz befestigt, und graue Helme hingen über den Kreuzen.

Auf den Zehen trat Helmut näher und las die Inschriften der Kreuze. Zuweilen waren es Namen und die Bezeichnung des Dienstgrades, z. B.: »Hier ruht in Gott unser guter Hauptmann Freiherr Egon von Falkenberg.« Zuweilen nur die kurzen Worte: Hier ruht ein deutscher Soldat. Das Datum war bei allen dasselbe.

Helmut nahm seine Mütze ab und faltete die Hände. Friedlich durften sie nun schlafen, die toten Helden unter Anemonen und Veilchen, im grünen Arm des Waldes!

Weihevolle Andacht und Verehrung erhob Helmut das Herz. Vor diesen Gräbern verging die sinnlose Angst, die ihn beim Anblick der Pferdeleiche gepackt hatte. Er richtete sich straff auf, seine Augen glänzten wieder hell und mutig. Es war, als steige aus dem Erdboden dieses stillen, goldumglänzten Waldwinkels eine wunderbare Kraft auf, die er mit tiefem Atemzuge trank, die ihn plötzlich mit einer großen Zuversicht begabte, daß er die Aufgabe, zu der er ausgezogen, auch erfüllen werde.

Mit scharfen Blicken musterte er den Stand der Sonne, prüfte mit emporgehobenem genäßten Finger die Windrichtung, betrachtete eingehend die verschiedenen begrasten Pfade, die auf der Lichtung zusammenführten und wählte nach kurzem Bedenken den, der am meisten Spuren aufwies, in der letzten Zeit von menschlichen Füßen betreten worden zu sein. Der führte ihn dann auch nach zwei Stunden strengen Marschierens aus dem Walde heraus auf eine breite Landstraße. Hier geriet er in ein mächtiges kriegerisches Treiben mitten hinein.

Im Dämmern der Frühlingsnacht zogen graue Truppenmassen singend dahin, große Lastautos und Planwagen folgten ihnen, Offiziere auf Pferden ritten an den Rändern der Chaussee, ungeheuere eisengraue Geschütze wurden von Autos oder von Reihen schwerer Gäule mit furchtbarem Gedröhn und Gerassel bewegt, während die Artilleristen, die sie zu bedienen hatten, fluchten und schimpften, weil sie nicht schnell genug vorwärtskamen.

Eine Weile schaute Helmut begeistert auf das belebte Nachtbild. Plötzlich fühlte er eine ungeheure Müdigkeit seine Glieder lähmen und seine Sinne verwirren. Fast wäre er stehend eingeschlafen. Er lief zurück zum Wald, kroch in ein Gebüsch, und während das Dröhnen und Rasseln, das Singen und der dumpfe Marschtritt der Bataillone fern und ferner verhallte, war er schon fest eingeschlafen.

Illustration from Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings