Als Spion verhaftet
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In der Morgenfrühe erwachte Helmut, schaudernd in der Kühle und dem Tau der Frühlingsnacht. Er wärmte sich durch einen Dauerlauf am Rande der sonnigen Chaussee, auf der sich schon wieder ein reges kriegerisches Treiben entwickelte. Mörderisch hungrig war Helmut inzwischen geworden. Öfters mußte er stehenbleiben und sich zusammenkrümmen wie ein Regenwurm vor Schmerzen in seinem leeren Magen. Er dachte mit einem gewissen Stolz: Eklig ist's ja – aber Donnerschock – ich kann das doch eher aushalten wie die armen kleinen Mädchen in dem Krautgarten!
Endlich traf Helmut bei einem zerschossenen Gehöft eine Kompagnie, die auf dem gepflasterten Hof um eine Gulaschkanone lagerte und sich bei munterem Geplauder ihr Frühstück schmecken ließ. Der Duft des dampfenden Kaffees, des frischgebackenen Brotes stieg Helmut wie ein berauschender Wohlgeruch in die Nase. Er machte sich heran und fragte bescheiden, ob er wohl auch einen Bissen und einen Schluck haben könnte. Man forschte, woher er käme, denn hier sprach die Landbevölkerung nur Russisch oder Estnisch. Offenherzig berichtete er seine Absichten und Pläne. Die Soldaten lachten über seine Keckheit, einer holte ihm eine Schale Kaffee, ein anderer schenkte ihm ein tüchtiges Stück Kommisbrot. Als sie aufbrachen, zog er einfach mit ihnen. Freilich schnauzte ihn der Feldwebel einmal nicht wenig an – er solle machen, daß er heimkäme, er wäre ja noch nicht trocken hinter den Ohren und gehöre an Mutters Schürzenband. Der Junge ließ sich nicht anfechten und ging einfach zu einer anderen Kompagnie. Überall amüsierte man sich über den hellen klugen Bengel. – Er mußte von Brasilien und seinem dortigen Leben erzählen, der Deutsche hört nun einmal zu jeder Zeit gern von fremden Ländern und Sitten. Alle seine Abenteuer mit Schlangen, durchgehenden Pferden, Indianerüberfällen gab Helmut zum besten, und es ging hier wie schon in Jarmlitz und in Berlin im Realgymnasium, aus ganz einfachen Erlebnissen waren im Laufe der Zeit wildromantische Geschichten geworden, die mit der Wirklichkeit nur noch wenig Ähnlichkeit aufwiesen. In den Ruhestunden sang er brasilianische Lieder und tanzte komische Negertänze, kurz, Helmut bildete sich schnell zum Clown der Truppe aus und empfing von den gutmütigen Feldgrauen als Dank für seine Späße reichlich Liebesgaben in Gestalt von Wurstbrocken, Zigaretten und Schokolade.
So zog er zwei Tage lang mit der Kompagnie immer tiefer nach Rußland hinein, der Gegend zu, wo die großen heißen Kämpfe stattfanden. Er sah und hörte viel Neues, und der Mund stand auch nie stille mit Fragen nach den Einzelheiten der militärischen Ausbildung, nach Uniformen und Einrichtungen, nach der Art der Kämpfe, die dieser und jener schon miterlebt hatte. Die Soldaten gaben ihm auch bereitwillig Auskunft. Indessen sollte diese Neugier für Helmut höchst unangenehme Folgen haben.
In einer kleinen Ortschaft, wo Nachtquartier gehalten werden sollte, drängte sich ein russischer Hausierer zwischen die Soldaten und verkaufte Seife, Kerzen, Bleistifte. Besonders begehrt wurden die russischen Süßigkeiten, denn die Kehlen wurden trocken bei den langen Märschen. Der Hausierer machte ein gutes Geschäft, trotzdem er ein unangenehmer Geselle war mit seiner Zudringlichkeit, seinem schmutzigfettigen Pelz und dem dummverschmitzten Kalmückengesicht, mit den schiefstehenden Schlitzaugen. Helmut ließ sich mit ihm in eine längere Unterhaltung ein. Der Hausierer sprach recht gut Deutsch. Außerordentlich spannend erzählte er Helmut, wie er schon als Schüler wegen revolutionärer Gesinnung eingekerkert und nach Sibirien verbannt worden sei, wie es ihm dann unter schrecklichen Gefahren und Entbehrungen gelang zu entfliehen, wie er in England und der Schweiz gelebt habe und erst jetzt, nun es von den Deutschen erobert sei, den Teil seines Vaterlandes wiedersehen dürfe, in dem er ein glückliches Kind gewesen sei.

So unsympathisch Helmut der Mann auch war, wurde er doch gerührt durch die Erzählung all der Leiden, die ihm das Leben schon gebracht hatte. Nur war es ihm fatal, daß, während er auf einem kleinen Seitenweg des Städtchens zwischen Gärten in der milden Frühlingsdämmerung mit ihm auf und ab wandelte, der Russe ihm im Eifer des Erzählens zuweilen zärtlich um die Schultern faßte oder ihm liebevoll über den Arm strich. Auch die Anrede »Lieber Mensch Sie! Hören Sie doch!« mit der der Hausierer sehr freigebig war, schien Helmut etwas allzu vertraulich. Er wäre ihn schließlich gern losgeworden, wußte aber nicht, wie er das anstellen sollte. Ein Trupp von vier bis fünf Soldaten kam das Sträßchen herunter.
»Da sind sie ja – die beiden Burschen!« hörte er rufen, »nun mal schnell ran, Jungens, jetzt können sie uns nicht entwischen!«
Ehe Helmut noch recht wußte, wie ihm geschah, war er bei der Schulter gepackt und bekam, als er sich losreißen wollte, von dem jungen Kriegsfreiwilligen, der ihn hielt, eine Ohrfeige, daß ihm die Funken vor den Augen tanzten. »So«, sagte dieser böse, »das ist dafür, daß du uns so reingelegt hast mit deiner Vergnügtheit, Mensch – und machst dich dabei mit solchem Gesindel gemein! Pfui Teufel!«
»Ja, was ist denn nur los – erklären Sie mir blos in aller Welt ...?«
Inzwischen waren die übrigen Feldgrauen dem Russen nachgelaufen. Beim Anblick der auf sie zukommenden Soldaten, war der die Straße hinabgesprungen, so schnell ihn seine Beine trugen. Er kam nicht weit, beim Überklettern eines Gartenzaunes faßten sie ihn schon und banden ihm die Hände mit festen Hanfstricken auf den Rücken. Helmut geschah das gleiche, er mochte sich wehren, um sich schlagen, spucken und beißen soviel er konnte. Dabei hörte er aus dem Munde der Soldaten das schreckliche Wort: »Widerspenstiges Spionenschwein!« Helmut schrie, schluchzte und beteuerte seine Unschuld. Der Kriegsfreiwillige Möller, der bisher sein besonders guter Freund gewesen und ihn nun nur finster und verächtlich anschaute, sagte streng: »Schick' dich vernünftig in das Unvermeidliche. Der Oberst wird schon herausfinden, ob du unschuldig bist oder nicht! Verdächtig war den Kameraden dein Hin- und Herlaufen zwischen uns und dein ewiges Gefrage nach lauter Dingen, die dich nichts angehen! Ich bin immer für dich eingetreten! Und dann macht sich ein deutscher Junge mit so 'nem Lausekerl gemein! Pfui Teufel, pfui Teufel! – Na, jetzt gibt's erst einmal eine ordentliche Leibesuntersuchung – dabei wird sich ja ergeben, ob wir etwas Anstößiges finden!«
»Aber ich habe Ihnen doch meinen Paß gezeigt«, stotterte Helmut kleinlaut.
»Pässe – Pässe –!« sagte der junge Kriegsfreiwillige, »das wär' nicht der erste Paß, der gefälscht wäre!«
Helmut biß die Zähne aufeinander und reckte sich trotzig. Er wollte nicht den Anblick eines feigen Hundes bieten, mochte nun kommen, was da wolle! Der Hausierer heulte und winselte wie ein geschlagenes Tier, zwischen den Fäusten der zwei alten Landwehrmänner.
Furchtbar schamvoll war es für Helmut, zwischen den Gruppen der lagernden Soldaten auf dem Marktplatz hindurchgeführt zu werden. Die Hände auf den Rücken gebunden. Alle kannten sie ihn ja doch – reckten die Köpfe nach ihm, flüsterten und tuschelten erregt untereinander. Sie hielten ihn für einen Spion, der sein Vaterland verraten wollte – welch ein unerträglich abscheulicher Gedanke!
In einem stattlichen Hause, es mochte so etwas wie das Rathaus sein, trennte sich die Gruppe in zwei Teile. Helmut wurde in ein Bureauzimmer gebracht, wo er sich völlig entkleiden mußte. Der junge Möller, der schon die Gefreitenknöpfe trug, untersuchte seine Jacke, während zwei Männer sich mit der Wäsche und seiner Brieftasche befaßten. Jedes Zettelchen wurde dreimal umgewendet und durchstudiert. Allmählich begann Helmut sich zu fassen. Außer den Briefen seines Vaters, die er immer bei sich trug, dem Stundenplan des Gymnasiums, einer Rechnung mit der Unterschrift von Frau Anna Ledderhose, die er einmal in Jarmlitz aus dem Papierkorb entwendet hatte, und einem Samtband, das sie um den Hals getragen, enthielt die Brieftasche nur noch einen Zettel mit ein paar feinen Schulwitzen, über die er sich zwar ein bißchen schämte, aber die ihn doch unmöglich an den Galgen bringen konnten.
Da plötzlich hörte er einen dumpfen Ausruf des jungen Freiwilligen, der sich hinter seinem Rücken mit seiner Jacke zu schaffen machte. Die Soldaten traten zusammen – Helmut fuhr mit dem Kopf herum, und sah wie sein Freund aus dem Umschlag des Jackenärmels einige zusammengeknüllte Kügelchen von Seidenpapier zum Vorschein brachte.
– »Da haben wir's ja«, murrte er zwischen den Zähnen.
»Das gehört mir nicht!« rief Helmut stürmisch.
»Kann jeder sagen«, wurde ihm geantwortet. Die Männer, mit Ausnahme eines stämmigen alten Landwehrmannes, der ihn im Auge behielt, traten am Fenster zusammen, glätteten vorsichtig die Papiere, beugten sich dicht darüber, einer zog eine Lupe hervor und prüfte sie, schüttelte darauf den Kopf, blickte ernst und traurig zu Helmut hinüber und sagte leise: »Es ist kein Zweifel möglich. Hätte es doch nie gedacht ... Machte solchen netten Eindruck!«
Helmut war zumut, als sollte ihm das Herz zerspringen vor Wut und Zorn. Das waren alles seine guten Freunde gewesen – und hielten ihn solcher Schlechtigkeit für fähig! Wollte er sich verteidigen, wollte er zu erklären versuchen, was ihm selbst unerklärlich erschien, so hieß es: »Halt's Maul! Vor dem Oberst magst du dich rechtfertigen!« Die Soldaten verließen ihn, nachdem Möller die geglätteten Seidenpapiere und Helmuts Brieftasche sorgfältig zu sich gesteckt hatte. Der schweigsame Landwehrmann mit dem zottigen Bart blieb in der Tür stehen. Es wurde dunkel in dem öden Bureauzimmer, wo der Staub auf den leeren Regalen und Tischen lag. Helmut saß auf einem Stuhl, malte mit dem Finger gedankenlos in dem Staub auf dem Tisch, bis er nichts mehr zu sehen vermochte. Er begann nachzudenken, wie die Seidenpapierkügelchen wohl in aller Welt in seinen Jackenärmel geraten sein mochten. Sie waren doch keine Läuse, daß sie kriechen, keine Flöhe, daß sie springen konnten!
Da kam's ihm plötzlich! »Lieber Mensch! lieber Mensch«, hatte der Russe gejammert, »hast du Mitleid, bist du edler Mensch!« Und hatte seine Schultern umfaßt, hatte seinen Arm gestreichelt! Ihm sicher bei dieser Gelegenheit die Kügelchen, die Gott weiß was für gefährliche Aufzeichnungen enthalten mochten, in den Jackenärmel geschoben, weil er sich irgendwie verraten wußte, oder weil er hoffte, ihn auf diese Weise zum Mitschuldigen zu machen! Teufel auch! Das war ja eine scheußliche Geschichte! Manche Erzählung von Spionen hatte Helmut in dieser Zeit gehört. Weder bei uns noch bei unseren Feinden machte man viel Umstände mit den Gesellen! Eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baum geknüpft, sobald der Kerl überführt war! War er denn nicht überführt? Hatte man nicht Aufzeichnungen bei ihm gefunden? Ein recht freundliches Schicksal, das ihn da erwartete....
Ein Frieren ging durch seinen Körper, ein Schwindelgefühl war in seinem Kopf. Der Knabe stützte beide Arme auf den Tisch und faßte die Stirn mit den Händen. Jetzt galt es, sich zusammennehmen, seine Gedanken klar behalten ... Ja – nun war er im Krieg, und Gefahren drohten von allen Seiten! Das hatte er ja zu erleben gewünscht! Von Heldentaten hatte er geträumt. Nur nicht so elend schmachvoll zugrunde gehen – nur das nicht!
Schritte dröhnten auf dem Korridor vorüber, jedesmal schrak Helmut auf und dachte, man würde ihn holen. Endlich öffnete sich die Tür, Gefreiter Möller trat ein und sagte kurz: »Komm jetzt, der Herr Oberst will dich vernehmen!«
Helmut folgte schweigend. Dicht bei ihm ging der Landwehrmann mit dem großen Bart. Auf dem Flur, der durch eine trübselige Öllampe erhellt wurde, führte man den Hausierer an ihnen vorüber. Den Kopf tief auf die Brust hängend, an allen Gliedern schlotternd, hin und her schwankend, ein Haufen menschliches Elend, so schlurfte er zwischen zwei Feldgrauen daher.
Der ist erledigt, dachte Helmut mit Grauen und Ekel. So sieht ein Mensch aus, der keine Hoffnung mehr hat.
– Nur nicht so armselig vor den Richter treten! Er ballte die Fäuste, drückte sich die Nägel tief ins Fleisch, reckte sich mit aller Gewalt zurecht.
In einem öden leeren Zimmer saß der Oberst mit vier Offizieren um einen Tisch, den Papiere und Karten bedeckten. Mehrere Kerzen in Flaschen gesteckt, beleuchteten die braunen energischen Gesichter der Herren. Der Oberst winkte Helmut nahe zu sich heran, so daß der Lichtschein hell über ihn fiel, während der Raum ringsumher sich im Dunkel verlor. Die blauen wie Stahl blitzenden Augen des Regimentskommandeurs blickten scharf auf den Jungen, während er Frage nach Frage an ihn richtete. Der neben ihm sitzende Offizier hatte Helmuts Brieftasche vor sich ausgebreitet und prüfte zuweilen, ob seine Angaben mit den Schriftstücken, die er darin gefunden hatte, übereinstimmten.
Vielerlei mußte er den Herren erzählen, und manches schien ihm wenig oder nichts mit der Spionensache zu tun zu haben. Indessen mußten die Herren ja wohl wissen, warum sie ihn das alles fragten. Von »Waldecke« mußte er berichten, wie das Haus dort eingerichtet gewesen sei, wo der Garten gelegen, wieviel Pferde und Kühe sein Vater besaß – dann Einzelheiten über die Reise und den Berliner Aufenthalt bei den Großeltern.
Helmut fühlte deutlich, daß es galt die Wahrheit, die reine schlichte Wahrheit zu sprechen; denn sein kindisches Protzentum, die phantastischen Flunkereien fielen vor den Augen und Ohren dieser ernsten Männer jämmerlich in sich zusammen.
Zuweilen hielt er inne und sagte bescheiden: ich muß mich erst besinnen – ich kann mich nicht gleich erinnern ..., dann nickte ihm der Oberst aufmunternd zu. So wurden seine Angaben im ganzen klar, einfach und übersichtlich.
»Du hast also aus Neugier diesen russischen Händler ausgefragt?« sagte der Oberst schließlich. »Er hat dir seine Lebensgeschichte erzählt, die wahrscheinlich erlogen war, und, wie du angibst, dich dabei umarmt und gestreichelt – nun das klingt ja ganz einleuchtend! Der Kerl war ein raffinierter Spion, der uns vielen Schaden zugefügt hat, und dem wir schon längst auf der Spur sind.... Er wußte wohl, was für ihn auf dem Spiel stand und versuchte sein armseliges Leben durch dich zu retten. – Ja, in solche Gefahren kommt man eben, wenn man sich vorwitzig an Orte begibt, wo man nicht hingehört, statt vernünftig in seine Schule zu gehen. Hoffentlich bewahrheiten sich deine Angaben – so lange bis wir Gewißheit haben, müssen wir dich noch in Gewahrsam halten.«
Helmut wurde in das Zimmer zurückgeführt, wo er vorher gesessen hatte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, und eiserne Riegel davorgelegt. Auch die Tür wurde verschlossen. Hier hatte er nun die ganze lange Nacht zuzubringen. Aber neue Hoffnung stieg in ihm auf – der Oberst hatte zuletzt zwar ernst, doch nicht mehr so finster ausgeschaut wie zu Anfang des Verhörs, Helmut hatte sogar zu beobachten geglaubt, wie ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht gehuscht war.
Endlich ging dann auch diese lange Nacht zu Ende. Als kleine Sonnenblitze sich durch die Spalten in den Holzläden stahlen, drehte sich der Schlüssel im Schloß. Gefreiter Möller kam herein, stieß die Läden auf und lachte über sein ganzes rosenrotes junges Gesicht.
Fröhlich rief er: »Das Telegramm vom Polizeibureau in Berlin ist da und bestätigt deine Angaben über Familie und Herkunft!« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Nun schlag ein und sei mir nicht böse wegen der Ohrfeige, die du in der Hitze des Gefechtes bekommen hast. Denk' es wäre ein feindlicher Streifschuß gewesen! Ich kann dir übrigens verraten, daß unser Herr Oberst das Telegramm noch mit dem Vermerk »dringlich« versehen hatte! Wir wollen dem armen Kerl doch die Stunden der Angst möglichst verkürzen, sagte er.«
Helmut hörte kaum auf die freundliche Erklärung.
»Ja – bin ich denn frei?« fragte er verwirrt.
»Natürlich bist du frei!« Da gab's einen wilden Jubelschrei, Helmut tanzte wie toll in dem staubigen Zimmer herum, ergriff zwei Stühle und schwenkte sie hoch in der Luft herum, vor Glück.
»Nun laß mal bitte meinen Schädel in Ruhe«, meinte Möller gemütlich. »Wasche dir unten am Brunnen Gesicht und Hände – du siehst aus, als hättest du fürs Vaterland ein paar russische Kamine ausgefegt! Aber fix! Der Herr Oberst will dich noch sprechen, ehe wir aufbrechen.«
Der Herr Oberst hatte sich sein Frühstück in einen benachbarten Garten bringen lassen. Er saß unter einem blühenden Birnbaum im Sonnenschein und strich sich behaglich eine Schnitte Brot mit Marmelade. Dabei plauderte er mit dem Oberstabsarzt, als Möller und Helmut vor ihm erschienen.
»Na, mein Junge«, begrüßte er diesen freundlich, »heut schaust du ja bedeutend frischer aus. Gestern war die Farbe doch etwas gelbgrün. War ja auch keine Kleinigkeit! Hast aber Haltung bewahrt! Hat mich gefreut. Gefreiter Möller hat dir schon mitgeteilt, daß du frei bist. Schwatz' ein anderes Mal in der Kriegszone nicht mit unbekannten Persönlichkeiten. Hier unser Herr Oberstabsarzt fährt in einer halben Stunde im Auto nach dem Lazarett von L. Dort wolltest du dich doch nach deinem Vater erkundigen. Er hat mir versprochen, dich mitzunehmen. Dann geht's aber mit dem ersten Verwundetentransport nach Berlin zurück, hörst du wohl! Schlachtenbummler deiner Art können wir hier draußen nicht gebrauchen! Sobald du in L. eintriffst, schreibst du an deine Frau Mutter, daß sie weiß, wo du Strolch geblieben bist! Hier hast du 'ne Feldpostkarte! Möller wird dafür sorgen, daß du was in den Magen kriegst. Na Schwarz, was gibt's denn Neues?«
Schon standen Ordonnanzen mit Meldungen bereit, ein Adjutant eilte im Sturmschritt auf den friedlichen Frühstücksplatz, der schlanke Oberst erhob sich, strich das graue Bärtchen und war bereit für tausend neue Pflichten.
Eine Stunde später sauste Helmut neben dem Oberstabsarzt durch das leicht gewellte Land, seinem Ziel entgegen.