Vorrede.
Reading edition
Motto:
Jedes wahre, ewige Problem ist eine ebenso wahre, ewige Schuld; jede Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis eine Besserung.
Weininger.
Das Kreuz in Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’, erlösen.
Angelus Silesius.
Otto Weininger wurde am 3. April 1880 als das zweite Kind eines Kunsthandwerkers in Wien geboren. Er war ein fröhlich angelegter Knabe und beteiligte sich gern und häufig an den Jugendspielen; ziemlich früh machte sich ein heftiger Wissensdrang bei ihm bemerkbar. Im Gymnasium eilte er durch die eifrige Lektüre historischer, literarischer und philosophischer Schriften seinem Alter weit voraus. Zu dieser Zeit interessierte er sich am meisten für Philologie; er trug sich auch mit dem Gedanken, Philologe zu werden. (Im ganzen lernte er fünf moderne Sprachen: Französisch, englisch und italienisch beherrschte er vollkommen, war auch sehr belesen in den Literaturen dieser Völker; spanisch und norwegisch verstand er recht gut.) Der Sinn für Naturwissenschaften und für Mathematik erwachte erst später, als er die Universität besuchte. Daselbst beschäftigte er sich am eingehendsten mit Biologie und Physiologie;[1] Physik interessierte ihn sehr, doch konnte er dem praktischen Arbeiten im Laboratorium keinen Geschmack abgewinnen. Er trieb auch viel Mathematik (Differentialgleichungen, Zahlentheorie), kam aber in der letzten Zeit sehr davon ab. Eine lebhafte Abneigung gegen alles „Formale“ trat bei ihm ein; er verlangte immer mehr nach „Erfülltheit“.[2] — Er hörte übrigens Vorlesungen aller Fächer auf der philosophischen Fakultät; seine Arbeitskraft war eine kolossale, sowie es nur eine besonders starke Konstitution ermöglichte.
Von sehr großer, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besaß er doch eine äußerst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwanden alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie besaß. Neurasthenisch war er nicht, auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur unter schweren Herzkrämpfen und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten sich immer nach großen psychischen Aufregungen ein.
In der Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen sind große Umwandlungen zu verzeichnen. Anfangs war er ein begeisterter Anhänger von Avenarius; auch Mach schätzte er damals sehr hoch. Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich bald. Den Umschwung führten ethische Probleme herbei, welche immer mehr und mehr Besitz von ihm ergriffen: und als er klar erkannte, daß der Schlüssel zur Lösung des Welträtsels in der Ethik zu suchen sei, wandte er sich naturgemäß ab von einer Philosophie, welcher „Gut und Böse“ gar nicht einmal Problem geworden war. Er wurde Kantianer, und bei Kant ist er, von einer einzigen Anschauung abgesehen, bis zu seinem Lebensende verblieben.
Noch höher beinahe als Kant schätzte er Plato; diese beiden Philosophen liebte und verehrte er wegen ihres vollkommenen, extremen Dualismus. Auch traf er bei Plato sowohl wie bei Kant seine innerste Überzeugung wieder: daß das tiefste Wesen aller Dinge der Ethik angehören müsse. Von anderen Philosophen schätzte er Plotin, Augustinus, Pascal, Schopenhauer, Nietzsche.[3] Schopenhauer, Nietzsche und Fechner warf er allerdings vor, daß sie nicht den Wert (d. h. das Gute und Wahre), sondern Lust und Schmerz für das letzthin Reale halten; er nannte das „die Weltanschauung des Neurasthenikers.“
Ich will nunmehr versuchen, das Verhältnis Weiningers zur Musik zu beschreiben. Er war sehr musikalisch, insbesondere hatte er ein fabelhaftes musikalisches Gedächtnis; er selbst spielte kein Instrument. Er war in extremem Grade Musikpsychologe: d. h. er fühlte bei jeder einzelnen Melodie irgend ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien; so daß er z. B. von einem Motiv der Willensstärke, von einem Motiv des Herzschlages, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme. Probleme können selbstverständlich musikalisch auch nur durch ihren Stimmungsgehalt wiedergegeben werden; und der ist bald stärker, bald schwächer, ganz in dem Maße, als die Probleme wirklich erlebt werden. Das war freilich hier im denkbarst stärksten Grade der Fall; und so empfand Weininger mit großer Bestimmtheit in diesem Motiv den spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die Erbsünde u. s. w. — Sein Lieblingskomponist war Richard Wagner; ihn hielt er für den größten Künstler der gesamten Menschheit. Zwar hatte er noch in der Avenarius-Periode ziemlich geringschätzig geäußert, daß „Wagner anhören müsse, wer Psychologe werden wolle.“ Aber in der großen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte sich auch das gewaltig. Er hielt nunmehr Tristan für eines der größten Kunstwerke der Welt; am allerhöchsten[4] schätzte er textlich den Parsifal, musikalisch den Siegfried (besonders dessen III. Akt). Das Vorspiel zu diesem Akte erregte stets seine Bewunderung; da fand er sein innerstes Erlebnis ausgedrückt: „den Kampf zwischen dem All und dem Nichts, zwischen Kosmos und Chaos, die größte Alternative der Welt; und der Aufruhr der ganzen Natur in diesem Kampfe.“ — Sehr viel bedeutete die Melodie „Siegfried, Herrlicher, Hort der Welt“ für ihn. — Aber dies alles trat zurück gegen die ungeheure Wirkung, welche das sogenannte „Liebeswonne-Motiv“ („Du Wecker des Lebens, siegendes Licht!“) auf ihn ausübte. Nach einer Siegfriedvorstellung sagte er einmal, er begreife nicht, wie — nach dieser Melodie — das Haus noch stehen bleiben könne. Noch in der verzweifelten Stimmung seiner letzten Lebenstage wurde er von dem Motiv — er selbst nannte es „die Resorption des Horizontes“ (weil der ganze Horizont hier gleichsam umarmt, verschlungen wird) — aufs furchtbarste erschüttert. Vor der zunehmenden Verdunkelung seiner Gemütsstimmung tat sich noch einmal ein weiter offener blauer Himmel auf; dem umdüsterten Auge erstrahlte noch einmal das „siegende Licht.“ — Sonst will ich noch das Regenbogen-Motiv (Rheingold) erwähnen, welches ihm etwas von der „Freiheit des Objektes“ zu enthalten schien; auch dieses schätzte er besonders hoch. — Die Walküre empfand er als krankhaft. — Einige musikpsychologische Bemerkungen über Wagnersche Melodien, die ihm besonders nahe gingen, hat er übrigens selbst in diesem Buche zur Sprache gebracht.
Nächst Richard Wagner verehrte er Beethoven am meisten. Er hielt Beethoven für ein Genie, dessen Gefahr das Verbrechen gewesen ist, wie Knut Hamsun, Kant, Augustinus. Die Gefahr des Bösen, die Sehnsucht nach Reinheit, das furchtbare Leiden und der gewaltige Kampf waren es, die ihn bei Beethoven anzogen; vor allem aber jene merkwürdige, verklärte Freude, deren Beethoven allein fähig war — er nannte sie „die gerettete Freude.“ (Dabei dachte er besonders an das Adagio aus der IX. Symphonie, die Stelle in B-dur.) — Von den Mozartschen Opern schätzte er den Don Juan am höchsten; Mozart, Bach und Händel waren die — in seinem weiteren Sinne — frömmsten Komponisten.[5] Als die Gefahr Bachs sah er das Chaos an; die Gefahr des Händel sei Zweifel an der Allmacht Gottes gewesen. Aus der modernen Musik schätzte er das Lied der Solveig in Griegs Peer-Gynt-Suite besonders hoch; er nannte dessen A-dur-Melodie „die größte Luftverdünnung, die jemals erreicht worden sei.“ — Die sogenannte „leichte Musik“ war ihm entweder gleichgültig oder (wie z. B. alle Walzer) direkt antipathisch.
Ich will nun einiges über das Verhältnis Weiningers zur Natur anführen. Er besaß eine ungeheuer starke, sehr differenzierte und sehr umfassende Naturempfindung; hier zeigte sich recht eigentlich seine durchaus universelle Veranlagung. Das höchste für ihn war der Sonnenuntergang (der ihm wahrscheinlich das Erlöschen des göttlichen Lichtes beim Sündenfall symbolisierte). Alle Erscheinungen des Lichtes wirkten sehr stark auf ihn; am stärksten der Anblick des Feuers, das er als den Ausdruck des Bösen, der Vernichtung empfand. Auch für das Wasser in allen seinen Formen hatte er viel Sinn. Die Quelle bedeutete ihm die Geburt, der Fluß das apollinische und das Meer das dionysische Prinzip. Überhaupt wurde alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefaßt. Nicht als ob sich jede Empfindung gleich in abstrakte Reflexion umgesetzt hätte; sondern das intensivste Naturerlebnis war ihm eins mit einer sicheren Erkenntnis über die Bedeutung dieses Phänomens für das Universum. Mit der Form und der Farbe zugleich erschaute er die sittliche Potenz, die Idee, die sich dort materialisiert hatte. So ward ihm alles Sinnliche zum Symbol eines Geistigen. „Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene im Menschen“ (Letzte Aphorismen). In dieser Symbolik traf sich seine Intuition mit der idealistischen Philosophie. „Die Welt ist meine Vorstellung“ —, somit kommt allen Erscheinungen nur soweit Realität zu, als sie Symbole jener zweiten Welt sind, die uns in verschiedenen Gestalten hier entgegentritt: als das höhere, ewige Leben; als das zeitlose Sein, als die intelligible Welt, als das Transzendente, als das höchste Reale u. s. w. — Sein erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der Sittlichkeit; er schloß daraus, daß die Tiefseefauna die Inkarnation von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so fern vom Licht gewählt hat. — Die erkenntnistheoretische Begründung dieser Ansichten hat er nicht gegeben; er dürfte auch kein starkes Bedürfnis danach gefühlt haben, da ihn sein extrem anthropozentrischer Standpunkt jedes Zweifels an der objektiven Richtigkeit derselben enthob. Die Welt ist ihm der Ausdruck des Menschen, der Mensch das korrespondierende Subjekt des Objekts „Welt“. Es ist die alte Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmus,[6] die hier wieder einmal fruchtbar geworden ist. — Die Universalität seiner Naturempfindung war erstaunlich; er empfand das Hochgebirge so stark als das Meer, er sehnte sich nach dem Norden ebensosehr als nach dem Süden. Er fühlte stets ein starkes Reisebedürfnis. — In der letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hell beleuchtete Fernen am stärksten auf ihn.
Ich will nunmehr versuchen, das eigentliche Wesen Weiningers, den Kern seines Seins, zu erklären; dabei sollen auch die Motive des Selbstmordes klar hervortreten. Otto Weininger verstehen, heißt soviel als den Dualismus[7] und seine Projektion auf die menschliche Psyche, das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein, verstehen. Denn es wird kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so furchtbaren inneren Kampf unablässig zum Ausdrucke gekommen wäre, wie bei ihm.
Die Lehre Otto Weiningers von der Bedeutung des Gegensatzes[8] im Bewußtsein läßt sich etwa folgendermaßen darstellen: Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel (der für Weininger bloß das personifizierte „Nichts“ ist) und etwas vom All, vom Kosmos, von der Gottheit. Diese beiden Mächte ringen miteinander; ihr Kampf ist der Sinn des menschlichen Lebens. Und zwar bestimmt die spezifische Art seines Chaos, seines „Nein“ bei jedem Menschen die Entwicklung und Ausbildung gerade desjenigen „Ja“ aus dem Reiche des Kosmos, der Gottheit, welches seinem Nein, seiner Form des Chaos genau entgegengesetzt ist. Jede Äußerung des Nichts macht die korrespondierende Äußerung aus dem All möglich; jedes Stück Kosmos im Menschen trägt die Gefahr eines entsprechenden Chaos in sich. Bewußtsein ist nur durch den Gegensatz möglich; die Gottheit inkarniert sich im Menschen, um dort im Kampfe gegen das Nichts ihrer selbst sich bewußt zu werden. So wie bei aller Erotik der Mann im Weibe, so will sich Gott im Menschen finden, wiederfinden. — Die zwei hauptsächlichen Formen des „Nichts“ sind Verbrechen und Irrsinn; das wahrhaft, in höchster Realität Existierende ist Güte und Weisheit. Diese beiden fallen freilich, im Reiche des Transzendenten, zusammen; nur empirisch ist es zweierlei. Denn es gibt keine Erkenntnis, die nicht Sühnung einer Schuld wäre; keine wirkliche Selbstbeobachtung, die nicht den Willen zum Guten anspornen würde. Logik und Ethik gehören zusammen. Wir wollen das Prinzip des Gegensatzes nun für diese zwei Fälle besprechen.
Derjenige, welcher die Veranlagung zum Irrsinn in sich fühlt, wird vor allem von logischen und erkenntnistheoretischen Problemen angezogen. Wem der Irrsinn Gefahr ist, dem wird alles Logische problematisch; alles Denken, selbst das allereinfachste, wird von ihm in Zweifel gezogen. Die instinktive Sicherheit und Notwendigkeit, welche den Gesunden bei jedem Urteilsakte leitet, wandelt sich bei ihm in eine Schar von Denkmöglichkeiten um, von denen jede um den Vorzug streitet. Daher muß er, um sich gegen die allgemeine Unsicherheit in der gedanklichen Orientierung zu schützen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, die obersten, allgemeinsten Grundsätze des Denkens zu Hilfe rufen. Je größer das bedrohte Gebiet ist, desto umfassender müssen auch die Vorkehrungen von Seite der Logik sein, damit es dem völligen Verfall entrissen wird. So interessieren sich Menschen mit Irrsinnsgefahr für viele logische und erkenntnistheoretische Probleme, für welche andere Leute gar keinen Sinn haben. Damit etwas Problem wird, muß es zuerst problematisch sein. Wer krank ist, der muß sich um die Krankheit bekümmern, mag ihm die Medizin sonst noch so gleichgültig sein; wo die Existenz einer Sache in Frage kommt, dort wird es der Aufmerksamkeit bedürfen; wo eine Gefahr ist, dort wird eine Erkenntnis nötig sein. Das gilt von den Gefahren für die innere Erhaltung in noch höherem Grade als von den Bedrängnissen der Umgebung. Sicherlich war bei Kant alles in Frage gestellt, als er seine Probleme fand: „Wie ist Erfahrung möglich? Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?....“
Die zweite hauptsächliche Form des „Nichts“ ist das Verbrechen. Dem Irrsinnigen verdunkelt sich alles Denken, dem Verbrecher alles Gefühl für den Wert. Aller Wert ist bei ihm in Frage gestellt, keiner bleibt über jeden Zweifel erhaben; der Wert des menschlichen Lebens, der Wert der Wahrheit — das alles wird völlig problematisch. Und wenn es kein vollkommener Verbrecher ist, sondern ein Mensch, dem verbrecherische Neigungen neben sittlichem Streben innewohnen, der sein besseres Ich gegenüber allen Anfechtungen zu behaupten sucht, dann entstehen aus dem Problematisch-gewordenen die entsprechenden Probleme. Das war mit dem Satze gemeint: „Jedes wahre Problem ist eine ebenso wahre Schuld.“ Wenn also bei einem Menschen, der Sittliches und Verbrecherisches zugleich in sich trägt, der innere Kampf[9] beginnt, der die Entscheidung bringen soll, so bedarf es der höchsten, allgemeinsten Erleuchtung über Gut und Böse, um der tiefsten, völligsten Verdunkelung des Wertgefühles standhalten zu können. Wo alles in Frage gestellt ist, da muß alles gefestigt werden; da muß der letzte Quell des Sittlichen aufgesucht werden: in eine Welt von Dunkelheit muß eine Unendlichkeit von Licht einströmen. Und da kann es denn geschehen, daß aus dem ehemaligen Verbrecher ein Heiliger wird. Dieser wird natürlich viel höhere sittliche Anforderungen an sich stellen als ein normaler Mensch; er wird oft auch dort Gemeines, Böses erblicken, wo ein anderer nichts bemerkt. Wie der Wert früher ganz aus der Welt ausziehen wollte, so dringt er jetzt, nach vollzogener Umwandlung, in alle Fasern der Schöpfung ein.
Je mächtiger die Gefahr des „Nichts“ war, desto glorioser wird das „Sein“, wenn es das Nichts überwunden hat. So ist der größte Mensch derjenige, der den größten Feind besiegt hat. Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren größter Gegensatz.
Ich möchte das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein noch mit einem biologischen Phänomen vergleichen. Bei jeder Krankheit bilden sich bekanntlich die sogenannten Antitoxine, welche die Toxine, die Erreger der Krankheit, zu vernichten streben. Sobald sie den letzteren an Zahl und Stärke überlegen sind, tritt Genesung ein. Hat nun jemand einmal eine ansteckende Krankheit gehabt, so wird er sie — infolge der im Körper zurückbleibenden Antitoxine — selbst bei der größten Ansteckungsgefahr in der Regel nicht ein zweitesmal bekommen. Ebenso wird der, welcher den Verbrecher in sich überwunden hat, auch alle jene gemeinen Züge abstreifen, welche sonst zum normalen Menschen dazu gehören: d. h. er wird zum Heiligen.
Das wird freilich nur in den außerordentlich seltenen Fällen vorkommen, wo verbrecherisch angelegten Naturen zugleich ein hohes sittliches Streben innewohnt. Mag es schon sehr selten geschehen, daß sich bei einem antimoralischen Menschen auch nur die Spur eines Kampfes bemerkbar macht, viel seltener noch tritt der Fall ein, daß er bei diesem Kampfe den Sieg erringt. Dann freilich ist der ehemalige Verbrecher ein Heiliger oder ein Genie geworden. Beide Formen stellen die Umkehrung des Antimoralischen dar; beide haben im höchsten Ausmaße teil an der Wahrheit. Der Heilige hat die Wahrheit, die den Weg der Selbstbeobachtung erhellt, das Genie jene, welche die Beobachtung der ganzen Welt möglich macht. Der Heilige ist erlöst, wenn das Licht des höheren Lebens in ihm selbst aufgegangen ist; dem Genie leuchtet die ganze Welt in diesem Licht. — Weil Wahrheit das Gegenteil von Lüge sowie von Irrtum ist, so berührt sich das Genie als der umgekehrte Verbrecher mit dem Genie als dem umgekehrten Irrsinnigen.
Die Weiningersche Auffassung, daß Genialität höchste Sittlichkeit ist, wird vielen befremdlich erscheinen. Es ist aber eigentlich ein ganz einfacher Zusammenhang, der hier vorliegt. Der Sittliche hat Verständnis für alles Leben in der Welt, weil er selbst am höheren Leben, das der Quell alles Lebens ist, teilnimmt. Dem Verbrecher fehlt der Sinn für Freiheit, Selbstzweck, Leben. Nun kann man aber ein Lebewesen nur dann verstehen, wenn man es als Selbstzweck betrachtet. Ich verstehe einen Hund, wenn ich weiß, was er fühlt und will; wenn ich ihn aber nur als Mittel zum Zweck auffasse, ist er kein Lebewesen für mich, sondern bloß eine Maschine oder eine bestimmte Menge von Energie. — Das Verständnis des Lebens ist die Grundlage für das Verständnis des Organismus; denn jeder Organismus, in seinem Bau und in seinen Funktionen, ist der Ausdruck für die spezifische Form des Lebens, welche sich ihn gebaut hat und ihn bewohnt. Hier äußert sich Sittlichkeit als Verständnis für Biologie. Doch der kategorische Imperativ: „niemanden bloß als Mittel zum Zweck aufzufassen,“ der von Kant nur auf vernünftige Wesen anwendbar gedacht ist, läßt sich in gewissem Sinne auf alle Schöpfung ausdehnen. Auch einen Granitblock, ein Amethystkrystall kann ich nur dann wirklich auffassen, wenn ich mich in der von Schopenhauer beschriebenen Stimmung der „willenlosen Anschauung“ befinde. Soweit etwas „interessant“ ist, soweit fällt es unter den Begriff des Selbstzweckes. Die andere Art der Auffassung aller Dinge ist vom Willen zur Macht eingegeben. — Aber nur auf der Grundlage des Selbstzweckes ist alles Naturverständnis und alle Naturempfindung möglich; daher ist der sittlichste Mensch — das Genie.
Vielleicht kann durch diese Betrachtung die Lehre Weiningers vom Verbrecher leichter verständlich gemacht werden. Es heißt bei der Psychologie des Verbrechers, S. 117 dieses Buches, daß alles Böse in der Neigung zum Funktionalismus bestehe. Dieser Ausdruck ist aber sehr geeignet, Mißverständnisse hervorzurufen. Denn das Funktionale ist gerade dasjenige, das allein Gegenstand der Erkenntnis werden kann; und die Kantische Frage „Wie ist Erfahrung möglich“ fand ihre Antwort in dem — Funktionalismus. Das ist nämlich so. Jeder Körper dehnt sich aus, wenn er erwärmt wird; jedem Grade der Erwärmung entspricht ein bestimmtes Maß der Ausdehnung. Man sagt: Das Volumen ist eine Funktion der Temperatur, v = f(t). Diese Beziehung hat zur Konstruktion des Thermometers geführt; der Bau des Thermometers ist durch sie bedingt. Ebenso sind alle unsere Denkgesetze durch die Natur aller möglichen Funktionalbeziehungen bedingt (z. B. der Satz der Identität durch das Phänomen der Stabilität in der Natur, welches einen Teil des Funktionalen ausmacht); dem liegt ein tiefer apriorischer (transzendenter) Zusammenhang zugrunde.
Böse ist der Wunsch, alles Psychische in der Welt in eine derartige funktionale[10] Verbindung zu bringen, daß es jede Freiheit und Selbständigkeit einbüßt (Verschmolzenheit). Wie das Volumen des Quecksilbers mit der Temperatur, so sollen sich die Handlungen des Sklaven mit dem Willen des Despoten ändern. — Dies ist nun in der Psychologie des Verbrechers weiter ausgeführt.
Die Erkenntnis des Funktionalen ist aber natürlich nicht böse. Was man erkennt, davon hat man sich befreit. Wir nehmen die Drehung der Erde nicht wahr, weil wir uns selbst mitdrehen; um eine Sache zu erkennen, muß man außerhalb derselben seinen Standpunkt haben. Damit hängt es zusammen, daß Hume, Mach, Avenarius, welche die Kausalität als eine bloße Naturerscheinung ansehen, die Vorstellung von der Willensfreiheit entschieden abweisen (siehe S. 71 dieses Buches), während gerade Kant, der der Kausalität eine viel größere Bedeutung zuerkennt, eine Lehre vom freien Willen aufgestellt hat. Das zur Klärung des Funktionalbegriffes. — Ich kehre nach dieser Abschweifung, welche vielleicht das Verständnis des Buches zu erleichtern hilft, wieder zur Biographie zurück.
Otto Weininger war in hohem Grad zum Verbrecher veranlagt, und zugleich besaß er ein ungeheures sittliches Streben. Er kannte sehr wohl alles Böse; in ihm wirkte aber auch eine riesenhafte Wahrheitsliebe, eine an Heiligkeit streifende Seelengüte. Ich will nur erwähnen, daß er niemals über eine Wiese ging, um keinen Grashalm zertreten, keinen Lebenskeim zerstören zu müssen. Er litt es auch bei niemand anderem, der mit ihm ging. Wenn er einem Bettler etwas gab, so zog er stets dabei den Hut ab, um ihn nicht zu beschämen. — Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenuß beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht. Damit dürfte es auch zusammenhängen, daß er niemals „gemütlich“ war. Von „Güte“ in höherem Sinne hatte er sehr viel in sich.
So mußte Weininger einen Kampf[11] bestehen, der an Intensität, an Ausdehnung über alle Gebiete des Seins, an unablässig höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte. „Wenn ich siege, so wird das der größte Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen hat,“ sagte er einmal zu mir. Seine Kraft war eine ungeheure; aber als die Gefahr so groß wurde, daß er ihr nicht mehr widerstehen zu können fühlte, da tötete er sich selbst, um nicht dem Bösen zu verfallen; „um nicht einen anderen töten zu müssen,“ wie er unmittelbar vor seinem Tode aufschrieb. Höchste Furcht vor dem Teufel ist das Motiv seines Selbstmordes gewesen, sicherlich nichts anderes. Kein Mensch war weniger als er dazu geneigt, Kompromisse zu schließen; und so richtete er sich selbst in dem Moment, da er erkannte, daß er als guter Mensch nicht leben könne. Die Abweisung aller Kompromisse ist sicherlich heroisch, Weiningers Selbstmord insofern ein Akt des höchsten Heroismus.
Dieser Kampf dehnte sich über alle Gebiete seines Seins aus. Alle Probleme der Welt rührte er auf; alles psychische Geschehen, alle Naturempfindung, alle Kunsterlebnisse, alle Erotik mußte an ihm teilnehmen. Mit einer merkwürdigen Sicherheit wurden da Pferd und Hund, Zypresse und Veilchen, Fluß und See, Sonne und Sterne als Symbole der Ethik erschaut. Da nun die ganze Natur voll derselben Probleme wurde, die ihn selbst erfüllten, konnte Weininger den Kampf verteilen und sich ihn wesentlich erleichtern: das ist eben jene Erweiterung des Heiligen zum Genie, von der wir früher gesprochen haben. Er horchte auf jede Regung der Natur, ob sie etwas Sittliches oder Unsittliches bedeute; und so entstand in ihm der Plan zu einem grandios angelegten Gedankenbau, zu einer allgemeinen Natursymbolik; was er davon ausgeführt hat, ist in diesem Buche unter dem Abschnitte „Metaphysik“ enthalten.
Es ist hier am Platze, einiges über sein Erstlingswerk „Geschlecht und Charakter“ zu sagen. Wie alles, was Weininger je geschrieben hat, so ist auch dieses Werk eine Abwehr gegen das Nichts, gegen das Böse. Es handelt von den Frauen nur deswegen, weil die Frauen als ausschließlich sexuelle Wesen aufgefaßt werden. Es will den Zusammenhang von Sexualität und Verbrechen zeigen; es will dartun, daß Sexualität nicht ohne Unfreiheit, ohne Sklaverei bestehen kann. Dazu führt es den Mittelbegriff der „Verschmolzenheit“ ein. Der eigentliche Wurzelstock des Buches ist der Begriff der Kuppelei: das vergebliche Streben des Nichts, zum Sein zu gelangen (Klingsor). Die extremen sittlichen Forderungen, die in „Geschlecht und Charakter“ gestellt werden (wie z. B. völlige Keuschheit), sind durch den gewaltigen Seelenkampf des Verfassers zu erklären; er bedurfte der vollkommenen Reinheit, um sich vor dem Abgrund zu retten. Es berührt unangenehm, zu sehen, wie mancher über die „übertriebene“ Sittenstrenge lächelt, der eben weder diesen Kampf, noch die Voraussetzungen dieses Kampfes kennt. Ich betone es noch einmal: alles, was Weininger geschrieben hat, war eine oft verzweifelte Abwehr gegen den völligen Verfall aller Werte, gegen die drohende Verdunkelung des Sinnes für Wahrheit und Leben. — Er selbst war sehr erotisch und sehr sinnlich, doch lebte er in der letzten Zeit vollkommen keusch. Als er das Buch schrieb, äußerte er sich einmal folgendermaßen: „Was ich hier gefunden habe, wird sicherlich keinen anderen so schmerzen wie mich selbst.“ — Einige Monate darauf: „Dieses Buch bedeutet ein Todesurteil; entweder trifft es das Buch oder dessen Verfasser.“
Es ist dies eben die Art jener Produktion, aus der zweifellos alle wahrhaft bedeutenden Werke über ethische Probleme hervorgegangen sind. „Die Ethik wird einem nicht geschenkt,“ sagte Weininger öfters; und was damit zusammenhängt: „Gute Menschen haben immer eine flache Ethik.“ (Damit meinte er Menschen, welche niemals einen Impuls zum Bösen verspürt haben.)
Das ist der tiefste, charakteristischeste Zug in Otto Weiningers Wesen: die Gewalt, mit welcher er den Dualismus erlebt hat. Darum ging ihm auch alles nahe, worin der Dualismus zum Ausdruck kommt; so Kant, so Plato, vor allem aber das Christentum,[12] an dem er mit leidenschaftlicher Verehrung hing. Er war fest überzeugt davon, daß die Person[13] und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt als die eigene Schuld empfinden, ging ihm außerordentlich nahe. Der Inhalt des Christentums: die strenge Scheidung von höherem, ewigem und niederem, zeitlichem Leben; der Glaube an den Sündenfall (der wahrscheinlich so alt wie die Menschheit ist, hier aber eine besonders große Bedeutung erlangt); die Vorstellung vom inneren Tode bei äußerlich lebendigem Leibe (Lasset die Toten ihre Toten begraben) — das alles ging ihm besonders nahe. Auch ihm bedeutete das Wort „Leben“ etwas, das eigentlich nur dem Sittlichen zukommt: da das höhere Leben auch der Quell des irdischen ist. — Im Mittelpunkte seines Denkens steht der Begriff der „Schuld“. Alles Leiden ist nach Weininger Schuld, und zwar übernommene Schuld; er teilte die Menschen ein in solche, die die Schuld übernehmen und daran leiden (die Dulder), und solche, die die Schuld auf die anderen abwälzen (die Verbrecher). Den Sündenfall faßte er durchaus individuell auf. Jeder Mensch hat seine eigene Erbsünde, die eben mit seiner „Schuld“ identisch ist. — Seine Abneigung gegen das Judentum, gegen die Frauen und gegen Schiller ist zum großen Teil aus deren vollkommenem Mangel an Dualismus zu erklären. Den empirischen Optimismus haßte er, an den transzendenten glaubte er selbst (das Paradies).
Als er gerade sein Erstlingswerk vollendet hatte, da sagte er einmal zu mir: „Es gibt drei Möglichkeiten für mich; den Galgen, den Selbstmord[14] und eine Zukunft, welche so glänzend ist, daß ich sie mir gar nicht auszudenken traue.“[15] Seit dieser Zeit wurde seine Stimmung immer schlechter. Er verbrachte den ganzen Sommer in Italien, und verblieb zunächst längere Zeit in Syrakus, wo er den größten Teil des vorliegenden Buches niederschrieb. Syrakus nannte er „den einzigen Ort, in dem man den Sonnenuntergang ertragen könne.“ Dann hielt er sich in Calabrien auf, besuchte Casamicciola auf der Isola d’Ischia, sah sich auch Rom und Florenz an. In den letzten Tagen des September kehrte er nach Wien zurück. Hier arbeitete er, wohl schon mit der festen Selbstmordabsicht, an den „Letzten Aphorismen“; er schrieb zwei ganze Nächte durch. Da fand er plötzlich die Lösung eines Problems, das ihn früher unablässig gequält hatte: „Nicht die Seelen, die Individuen sind das letzthin Reale, auch sie sind noch Ausdruck der Eitelkeit, Knüpfung des Wertes an die Person; von höchster Realität ist allein das Gute, welches alle Einzelinhalte in sich schließt.“ — Wohl äußerte er noch die Absicht, bald wieder Wien zu verlassen und wegzureisen; aber seine Stimmung verriet die herannahende Katastrophe. Völlige Dunkelheit brach über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus (den er aber auch als Schuld empfand) bemächtigte sich seiner.
So äußerte er sich z. B. (es war in den letzten vier, fünf Tagen seines Lebens): „Alles, was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde; vielleicht mit Ausnahme davon, daß Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur enthalten ist, daß das Symbol des Sittlichen nur das Schöne, nur die ganze Natur sein kann. — Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in Berührung gekommen ist.“ Ein andermal: „Meine Rückkehr nach Wien hätte eine zweite Inkarnation[16] in Wien sein sollen.“
Tags darauf nahm er sich ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus. Er verbrachte dort eine Nacht; in der Früh — am 4. Oktober 1903 — machte er seinem Leben durch einen Schuß in die Brust ein Ende.
Es sei hier erwähnt, daß zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine in Wien sichtbare partielle Mondesfinsternis stattfand, die genau in dem Momente endigte, als sein Leib in die Erde gesenkt wurde. — Bekanntlich erzählt Schopenhauer, daß am Tage von Immanuel Kants Tode eine weiße Wolke gen Himmel aufgestiegen sei, worauf der Himmel klarer und reiner geleuchtet habe als je vorher.
Es hat wohl — seit Richard Wagners Tode — niemand gegeben, dem das Wort „Seele“ soviel bedeutet hätte, in dem auf dieses Wort so Vieles und Inhaltsschweres mitgeklungen wäre. Aber viel weiter noch, glaube ich, müßten wir zurückgehen, um jemanden zu finden, der eine so ungeheure, so weltumspannende Vorstellung von Güte in sich getragen hätte wie Otto Weininger.
Da es vielleicht manchen interessieren wird, noch etwas Persönliches über Weininger zu erfahren, so veröffentliche ich hier einige seiner an Herrn Gerber und an mich gerichteten Briefe.
Aus den Briefen an Herrn Arthur Gerber:
München, 29. 7. 02.
„— — München hat noch keinen großen Mann hervorgebracht: alle angezogen, keinen festgehalten. — Ich komme eben aus der Schack-Galerie. Dort hängt eine Kopie des großartigsten Bildes der Welt, des Jeremias von Michel Angelo. Ich habe bisher nicht gewußt, daß es so etwas geben kann, daß von einem Bilde soviel ausstrahlen kann. — —“
Dresden, 12. 8. 02.
„— — Ich habe jetzt die Überzeugung, daß ich doch zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte, und die mich mit einem starken Respekt erfüllt hat. — —
— — Ich habe jetzt die leibhaftige sixtinische Madonna gesehen. Sie ist — schön. Aber nicht bedeutend; nicht großartig, nicht irgendwie erschütternd. Und die Leute davor! Ich habe mich herzlich amusiert. Es gibt weit hervorragendere Bilder hier. Einen hab’ ich entdeckt, einen tiefen Kenner des Weibes: Palma vecchio! — —“
Fredrikshaven (Nordspitze Jütlands), 21. August 1902.
„— — — Ich habe also jetzt 14 Stunden Seefahrt hinter mir, darunter fast die ganze Nacht auf Deck zugebracht, bei ziemlichem Sturme und bis 4 m hohen Wellen; und bin seefest! wie ich’s von mir nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die Würde des Menschen so leiden wie durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug ist’s, daß die Frauen alle seekrank werden. — —“
Syrakus, 3. August 1903.
„— — Statt in Ancona auf ein Schiff lange zu warten, bin ich über Rom, Neapel, Messina, Taormina (einen der schönsten Punkte der Erde), Catania (Ätna) hierher gereist.
In Rom hörte ich den Trovatore, in dem die großartigste Darstellung des Herzschlages sich findet, und bin mehr als je der Meinung, daß Verdi ein Genie gewesen ist; hier hörte ich vorgestern abends in einer zauberischen Gegend, am Strande des mondbeschienenen jonischen Meeres, zwischen der papyrusbestandenen Quelle Arethusa und den Segelschiffen des Hafens, von der Corso-Militärmusik die Cavalleria rusticana spielen.
Als er die schrieb, damals war Mascagni groß. Ich habe jetzt die ganze Gegend gesehen, in der sie spielt, bin unweit Francofonte gewesen, und habe mich sehr gefreut, wie vollkommen richtig ich sie mir vorgestellt hatte: das blondeste Getreide (la cirāsa). Es ist die fruchtbarste Gegend Europas. Über die sizilianischen Duelle der Bauern habe ich reiche Belehrung gesucht und gefunden, und über eine Art selbst den Unterricht eines Ziegenhirten genossen, der wirklich und wahrhaftig auf der selbstgeschnitzten Syrinx blies — allerdings, und zwar sehr schlecht, eine Melodie aus dem Barbier von Sevilla, die gar nicht an den Ort paßte. — Beneide mich aber nicht zu sehr, auch wenn dich, was ich dir hier schreibe, noch so sehr mit Sehnsucht erfüllen sollte.
Syrakus ist die eigentümlichste Gegend der Welt. Hier kann ich nur geboren werden oder sterben — leben nicht.
Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben. Ein Krater erinnert an den Hintern des Mandrill.
Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich dir nur sehr. Er ist das absolute Gegenteil Shakespeares, und Shakespeare oder die Shakespeare-Ähnlichkeit ist, wie ich immer mehr sehe, etwas, worüber jeder Größere hinauskommen muß und hinauskommt. Bei Shakespeare hat die Welt keinen Mittelpunkt, bei Beethoven hat sie einen. — — —“
Syrakus, 19. August 1903.
„Die Beilagen, außer der gewöhnlichen Ansichtskarte,[17] sind:
2 Blüten einer Papyrusstaude, 1 Stückchen Bast aus dem Stamme derselben
was du dem Umstande zuzuschreiben hast, daß die Schiffer des Ruderbootes, auf welchem ich den papyrusbestandenen Fluß Anapo bis zur Quelle, der berühmten Cyane, fuhr (was ich dir [und zwar ebenfalls im Boote] unbedingt anrate, wenn du nach Syrakus kommst), gegen meinen ausdrücklichen Willen und ohne mein Wissen eine Pflanze abschnitten.
Die andere Ansichtskarte ist eben aus dem hier wachsenden Papyrus selbst hergestellt und bietet eine sehr schlechte Ansicht der Ruinen des alten griechischen Theaters, jener Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist.“
Aus den Briefen an mich:
Casamicciola, Isola d’Ischia.
„Es steht viel schlimmer, als ich selbst noch vor zwei Tagen dachte, beinahe hoffnungslos.“[18]
Sorrent.
Die Schlange ist das Symbol der Lüge (gespaltene Zunge, Häutungen, ihr Kriechen Gegenteil des Vogelfluges; die Schlange als der [innere] Feind des Vogels).... Für die Griechen hat es im engeren Sinne keine Einsamkeit und kein Zeitproblem gegeben. Zwischen den Griechen und Beethoven ist eine Ähnlichkeit, indem bei beiden die Welt einen Mittelpunkt hat; absolutes Gegenteil Shakespeare. Es ist dort polarisiertes, hier unpolarisiertes Licht. Das Gegenteil des Mitleides ist bei Shakespeare nicht Grausamkeit, sondern Stumpfsinn....
Neapel.
Das Lamm ist das frömmste Tier, obwohl es auch sündhaft ist, nämlich müde und feig; Trägheit und Feigheit sind verwandt, ebenso Fleiß und Mut....
Hat das Erdbeben nicht Verwandtschaft mit dem Krampf des Epileptikers?
Der Ausspruch: „Dir wird schon noch einmal bei deiner Gottähnlichkeit bang,“ deutet darauf hin, daß Goethe auch einmal Gott werden wollte, und sich später beschieden hat.
Sind die Pferdebremse (die übrigens eine gewisse sadistische Schönheit hat) und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind Symbole für etwas, wovon Gott sich abgekehrt hat, spiegeln dem Menschen gewisse Dinge in ihm selber wieder, gleich wie das Meer den Himmel wiederspiegelt. Aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen ist, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem, Allzumenschlichem; sonst wäre ja irgendwo Vollendung, Erfüllung, statt immer bloß Erscheinung. Gott kann in keinem dieser Einzeldinge stecken, denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und nichts anderes.
Die Russen sind das ungriechischeste aller Völker.
Die Windungen der Schlange sind symbolisch für die windungsreiche Biegsamkeit des Lügners.
Alle Krankheit ist häßlich; darin liegt, daß sie Schuld sein muß.
Das Anbellen und Wieder-Zurückprallen des kleinen Hundes ist das furchtsame, kleine Sakrileg, das sofort Kehrt macht und um Gnade winselt, und nicht einmal verzweifelt ist wie der Mörder.
Die Diskontinuität im Zeitverlauf ist das Unsittliche an ihm; deswegen gibt es auch keine Heiligkeit von Fall zu Fall.
Alle Sittlichkeit ist schöpferisch; darum ist der Verbrecher nicht arbeitsam und nicht produktiv (er hat keinen Willen zum Wert). Wäre die Sittlichkeit des Weibes echt, so müßte sie schöpferisch sein.
Der Selbstmord ist kein Zeichen von Mut, sondern von Feigheit, wenn auch unter den Feigheiten selbst die geringste.
Neapel.
Die Furcht ist die Rückseite alles Willens. Vorwärts Etwas, rückwärts Nichts. Darum ist es unheimlich, auf einem Weg, den man geht, bei plötzlicher Umdrehung die zurückgelegte Strecke zu gewahren (Einsinnigkeit der Zeit). Ich glaube also doch, daß Furcht mit Unsittlichkeit verschwistert ist; nur wächst eben das Gefühl für das Chaos, je mehr Kosmos man sein will. Das Nichts ist der Rand des Etwas; und wird der Mensch alles, wird er Gott, so hat er keine Ränder und keine Furcht mehr. Aber wahrscheinlich hat er kurz vorher die letzte, größte Furcht zu besiegen....
Wien, den 4. November 1903.
Moriz Rappaport.