Über die Einsinnigkeit der Zeit und ihre ethische Bedeutung nebst Spekulationen über Zeit, Raum, Wille überhaupt.
Reading edition
Über rückläufige Bewegungen. (Vom amechanischen Standpunkte.)
(War ursprünglich als Aufsatz für eine Zeitschrift gedacht.)
Man hat in den geometrischen Gebilden vielfach Symbole einer höheren Realität erblickt. Ob der Grund dieser Erscheinung einzig darin gelegen ist, daß wir in ihnen eine apriorische Funktion unserer eigenen Anschauung, also immerhin etwas mit den Eigenschaften und dem Werte aller Apriorität Ausgestattetes wiederfinden, wie dies Kant gelehrt hat, oder ob darum, daß wir in ihren Gesetzen nur die der eigenen Phantasie entdecken, sie nicht vielmehr aller transzendenten Symbolik zu entkleiden geeignet ist, mag dahingestellt bleiben. Ganz einfach und allgemein ist die Frage sicherlich mit keiner von beiden Antworten erledigt. Das Dreieck z. B. dient seit altersher und auch heute noch in der theosophischen Lehre als magisches, mystisches Symbol und erweckt sicherlich auch oft im Beschauer, der diese Tradition nicht kennt, einen unheimlichen Eindruck, beinahe Furcht. Das Viereck hat von dieser Eigenschaft fast gar nichts.
Vielleicht hängt damit auch die merkwürdige Rolle der Dreizahl zusammen. Wundt hat in seiner „Methodenlehre der historischen Wissenschaften“ (Logik, II/2, 2. Aufl., Leipzig 1895) verschiedene Theorieen zusammengestellt, die sich nach seiner Ansicht nur durch ihre ganz unbegründete, verwerfliche Neigung zur Trichotomie erklären und sich dadurch immer verraten, daß die Wirklichkeit unter dem apriorischen Gesichtspunkte der Dreizahl betrachtet und vergewaltigt wird. Er führt die dialektische Methode von Fichte und Hegel, Comtes „Gesetz“ der religiösen, metaphysischen und wissenschaftlichen Menschheit und mehreres andere von sehr ungleicher Bedeutung nebeneinander an und (in einem später veröffentlichten Aufsatze „Über naiven und kritischen Realismus“, Philosophische Studien 1897) auch die Vitalreihentheorie von Avenarius, welche er an ihrem Dreischnitt bereits als ein mythologisches Gespinst wiedererkennt — allerdings das schlimmste, was dem Ametaphysiker begegnen kann. Es muß aber, trotz Wundt, einen tieferen Grund haben, daß in allen Märchen, Mythen, Sagen die Dreizahl eine so übergroße Rolle spielt (Die drei Wünsche, die 3 Gesellen, 3 Strophen des Meistergesanges, 3 Sätze der Sonatenform, 3 Zeiten, 3 Nornen, 3 Parzen, 3 Grazien, 3 Weltregenten (Zeus, Hades, Poseidon), 3 Unterweltsrichter (bei den Indern Vishnu, Indra, Çiva als die 3 Götter), Trilogieform; vgl. August Pott, Zahlen von kosmischer Bedeutung, Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XIV, 1883). Sieben, neun, zwölf, dreizehn werden wohl ausgezeichnet und haben doch nicht diese hohe Bedeutung. Wie ärmlich ist hingegen das Gefühlsäquivalent, welches der Wichtigkeit der Fünf- und Zehnzahl in jenem dekadischen Zahlensystem, in dem wir uns rechnend fortwährend bewegen, in uns entspricht! Wie wenig Tieferes empfinden wir in diesen Zahlen, die doch in jahrtausendelangem Gebrauch nach biologischer Art Zeit genug gehabt hätten, sich in uns zu fixieren, die wir an den uns mit so vielen Wirbeltieren gemeinsamen Extremitäten wahrnehmen können, ja zumindest als Affen fleißig benutzen durften; während für jene anderen Zahlen durchaus kein ebenbürtiges Vorbild in der empirischen Wirklichkeit besteht. Es läßt sich vermuten, daß der tiefere, unbekannte Grund der Bedeutung der Dreizahl identisch sein wird mit der Ursache der Dreizahl der Dimensionen unseres Raumes. Doch scheint den Ansprüchen der Dreiheit ein Gefühl zugrunde zu liegen, als ob sie vorzüglich die im Absoluten erfolgende Vereinigung der in der Erscheinung differenzierten Gegensätze (wie Liebe — Haß, Furcht — Glaube, Angst — Hoffnung, Gut — Böse) versinnbildliche.
1 und 3 haben eine Verwandtschaft. Die Dreizahl hat einen monistischen Charakter; durch sie wird die Eins, die Einheit wieder bejaht. Darum sind beide ungerade (durch 2 nicht teilbar): weil sie einheitlich sind.[62]
Warum ich hierbei länger verweilt habe, wird sich später[63] zeigen; jetzt will ich auf ein damit verwandtes Thema, das noch nirgends zum Gegenstande einer Frage gemacht scheint, etwas näher eingehen.
Man hat allgemein dem Kreise eine besonders hohe Dignität als dem vollkommensten, symmetrischen, ebenen Gebilde zuerkannt. Jahrtausendelang hat die Auffassung, die einzige erhabener Gegenstände würdige Bewegungsform sei die im Kreise, bestanden und bekanntlich noch Kopernikus gehindert, die Planetenbewegung um die Sonne anders zu denken als kreisförmig. Daß die Planeten sich kreisförmig bewegen müßten, war für ihn, wie für alle seine Vorgänger ein Axiom, an dem ein Zweifel in ihm gar nicht aufstieg. Die Erhabenheit der vollkommensten, unerschütterlichen Gleichmäßigkeit, jene Empfindung, die in den Gesängen der Erzengel des Faust-Prologes, in den großartigsten Versen der Welt, zum Ausdruck kommt, liegt offenbar dieser Forderung zugrunde. Als Keplers Gesetze Anerkennung fanden, versuchte man durch ein Lächeln über die frühere kindliche Auffassung diese zu widerlegen.
Die elliptische Bewegung teilt zwar nicht ganz mit der kreisförmigen das Pathos des Gesetzes, die Würde der Launenlosigkeit, dafür aber haftet ihr in gleicher Weise wie jener die Eigenschaft an, die hier zum Gegenstande der Kritik gemacht werden soll.
Die rückläufige Bewegung ist nämlich die anethische Bewegung κατ’ ἐξοχήν. Sie ist selbstzufrieden, sie schließt das Streben aus, sie wiederholt das Gleiche immerfort, sie ist, moralisch betrachtet, schlimmer als der wenigstens immer weiter rückwärts wollende, wenigstens sinnvolle Krebsgang. Bloß im unablässigen Streben liegt für Goethe wie für Kant das Sittliche. Wie berechtigt die Argumente sind, die sich vom Standpunkte dieser einzig freien Ethik gegen jede positiv ethische Wertung der Planetenbewegung herleiten lassen, läßt sich leicht an einigen vulgären Analogien zu derselben dartun. Sich im Kreise drehen ist sinnlos, zwecklos; jemand, der sich auf der Fußspitze herumdreht, selbstzufriedener, lächerlich eitler, gemeiner Natur. Der Tanz ist eine weibliche Bewegung, und zwar vor allem die Bewegung der Prostitution. Man wird finden, daß ein Weib um so lieber, um so besser tanzt, je mehr es von der Dirne an sich hat.
Hiermit hängt ferner der Charakter des bayerisch-österreichischen Volksstammes, insbesondere des Wieners, zusammen. Seine große Neigung zur Tanzmusik ist kein isolierter Zug seines Wesens, sondern in diesem tief begründet. Die Kreisbewegung hebt die Freiheit auf und ordnet sie einer Gesetzlichkeit unter; die Wiederholung des nämlichen wirkt entweder lächerlich oder unheimlich (Robinson). Der Charakter des Wieners ist im Ethischen fatalistisch (Lass’ gut sein, Da kann man nichts machen); der Fatalismus, ins Intellektuelle übersetzt, ist Indifferentismus; darum ist der Wiener apathisch, „gemütlich“. Der Walzer ist die absolut fatalistische Musik; aber darum zugleich der adäquate musikalische Ausdruck der Kreisbahn.
Das Ringelspiel. Zu ihm fühlen sich stets Frauen mehr als Männer hingezogen. Die Abneigung des Mannes gegen das Ringelspiel und die eigentümliche Beklemmung, welche es erweckt, können höchst intensive Grade annehmen. Die wenigsten Männer werden auch, wenn sie zu ihrem Ausgangsorte zurückzukehren gezwungen sind, gerne auf derselben Linie zurückgehen, die sie auf dem Hinweg eingeschlagen haben — ein Phänomen, das durchaus hierher gehört. Nur der unethisch veranlagte Mensch wird keinerlei Widerstreben in solchem Falle empfinden. Darum berührt uns auch der Gedanke des Wanderers so sympathisch; und darum haben selbst die höchststehenden Frauen so gar kein Bedürfnis zu reisen. Allem Reisen aber liegt unbestimmte Sehnsucht, ein metaphysisches Motiv zugrunde.
Aus dem gleichen Grunde ist es auch alles eher als eine Befriedigung des Unsterblichkeitsbedürfnisses, jene ewige Wiederkunft des Gleichen anzunehmen, wie sie pythagoreische und indische Lehren (auch die Weltentage des esoterischen Buddhismus) kennen, und wie sie Nietzsche wieder verkündigt hat. Im Gegenteile, sie ist fürchterlich: denn es ist nur der Doppelgänger, zwar nicht in zeitlicher Koexistenz, sondern in der Sukzession. Der Wille zum (eigenen) Wert, zum Absoluten ist ja die Quelle des Bedürfnisses nach Unsterblichkeit. Alles Streben nach unendlicher Vervollkommnung wird aber durch nichts so verhöhnt, wie durch den Gedanken, daß jede Überwindung der Unvollkommenheit uns dem Rückfall in deren stärksten Grad zeitlich näher bringt.
Darum ist auch das Gefühl so unheimlich (vgl. die Theorie der Furcht), das viele Menschen kennen, eine neue Situation bereits einmal erlebt zu haben. Man hat in diesem Gefühle ganz unsinnigerweise die tatsächliche Basis des Glaubens an die Unsterblichkeit gesucht.[64] Unsinnig ist diese Ableitung: denn jenes Gefühl ist voll Furcht, weil wir uns in solchem Augenblick wie völlig determiniert, wie an ein Rad (oder an eine Zykloide) gebunden vorkommen; der Unsterblichkeitsgedanke negiert aber gerade die Determiniertheit durch irgend eine Kausalität von außen, er setzt und bejaht etwas, das gerade allein nicht Funktion der Zeit ist, er ist der Freiheitsgedanke, der Besieger der Furcht, Unsterblichkeitsbewußtsein: höchstes Selbstbewußtsein.
Kein „ens metaphysicum“ will die drehende Bewegung; der Mensch will eine Unsterblichkeit in Freiheit, nicht weil es ein Weltprozeß will; ja Unsterblichkeit ist selbst nur ein Teil der Freiheit, Freiheit (Nicht-Bedingtheit) von der Zeit (Freiheit selbst umfaßt noch mehr: ist noch Freiheit vom Raume, Freiheit vom Stoff). Freiheit wird negiert durch ein Gesetz der Periodizität.
Der Fatalismus, das ist der Verzicht des Menschen, sich selbst je in Freiheit eigene Zwecke zu setzen, empfängt sein Symbol im Wiener Walzer. Die Tanzmusik begünstigt im Menschen die Verabschiedung des sittlichen Kampfes, ihre Wirkung ist ein Gefühl der Determiniertheit; höheren Menschen ist sie darum ebenso unheimlich und widerwärtig, wie die Entdeckung des Robinson, im Kreise herumgegangen zu sein.
Sicher gibt es auch im Leben des Menschen, nicht nur des Weibes, sondern auch des Mannes, eine Periodizität.[65] Aber nie kommt hier ganz der gleiche Zustand wieder. Wenn wir ein mathematisches Pendel im luftleeren Raume schwingen sehen könnten, so würde, wenn wir von uns, den Beobachtern, absehen, der eine Zustand der äußersten Elongation rechts von der Gleichgewichtslage nach einer ganzen Schwingungsdauer wiedergekehrt sein, und zwar vollständig als der nämliche. Wir sagen freilich, er unterscheide sich von dem früheren (nur) durch eine ganze Schwingungsdauer; d. h. aber, er unterscheidet sich von ihm dadurch, daß jener ihm vorangegangen ist; sonst ist hier das zeitliche Doppelgängertum durchaus realisiert. Von jenem Vorangehen haben wir Kunde durch unser Gedächtnis, welches das psychologische Werkzeug für die Auffassung der Zeit ist. Es besteht also völlige Identität sonst, nur die Zeitmomente sind verschieden. Wir sehen hier, daß zur Zeitmessung nur geeignet ist, wem sonst Zeitliches, d. h. Veränderung mit der Zeit, nicht anhaftet. Da wir eine solche Voraussetzung von den Fixsternen mit noch geringeren Fehlern als von irgend einem realen Pendel machen dürfen, benützen wir sie als letzte Messer der Zeit.
Die Kreisbewegung ist schließlich auch lächerlich, wie alles bloß Empirische, d. h. Sinnlose; indes alles Sinnvolle erhaben ist.
Damit hängt auch wohl zusammen, daß der Kreis und die Ellipse als abgeschlossene Figuren auch nicht schön sind. Der kreisförmige oder elliptische Bogen, als Ornament, kann schön sein: er bedeutet nicht, wie die ganze Kurve, die völlige Sattheit, der nichts mehr anzuhaben ist, wie die um die Welt geringelte Midgardschlange. Im Bogen ist noch etwas Unfertiges, der Vervollkommnung Bedürftiges und Fähiges, er läßt noch ahnen. Darum ist auch der Ring immer Symbol von etwas Unmoralischem oder Antimoralischem: der magische Kreis fesselt, er raubt die Freiheit; der Hochzeitsring fesselt und bindet, er nimmt zweien die Freiheit und die Einsamkeit, er bringt statt dessen die Knechtschaft und Gemeinschaft. Der Ring des Nibelungen ist das Abzeichen des Radikal-Bösen, des Willens zur Macht, und der Ring des Zauberers, einmal um den Finger gedreht, verleiht die Macht.
Daß also die Planeten in runden Bahnen laufen, darin vermag, wer mit Kant im Progressus, im Kampfe das Sittliche sieht, nur etwas Unethisches zu erblicken, etwas vollkommen Moralfremdes. Auch in den Planeten finden wir also nicht die würdige Anlehnung für unser Dasein als sittliche Wesen. Dieses gewinnt freilich nur noch an Erhabenheit, wenn es von allen Einzeldingen der sichtbaren Natur losgelöst wird. Wäre also das Sonnensystem speziell ethisch gedacht, so dürfte die Bahn eines Planeten nie in sich zurücklaufen. Es dreht sich ja auch der Mond, in dem sicherlich nichts irgendwie Ethisches liegt (sein intimes Verhältnis zur weiblichen Physis und zum Hunde ist hierfür Beweis), in der gleichen Bewegung um die Erde, wie diese um die Sonne. Und der Saturn, zu dem der Mensch sicherlich unter allen Planeten in der nächsten Beziehung steht, mit seinen Ringen und Monden erscheint geradezu als die Summation des Bösen.
Vielleicht gibt es Himmelskörper, die keine rückläufigen Bewegungen ausführen, an denen die Astronomie zuschanden wird.[66] Keinesfalls aber wird, selbst im Falle der vollen Berechtigung dieser Kritik der in sich zurücklaufenden Bahnformen, der gestirnte Himmel, den Kant neben das Sittengesetz stellte, nun all seine Majestät zugunsten des Sittengesetzes verlieren müssen. Nur soll man in ihm nicht mehr suchen, als er tatsächlich psychologisch für uns repräsentiert, das Symbol für die Unendlichkeit des Weltalls, deren allein wir uns im Sittengesetze würdig fühlen, die allein des Sittengesetzes würdig ist, und seine schmerzlose Lichtseligkeit.
Das Zeitproblem.
Alle jene Phänomene der Neigung und Abneigung, der Bejahung und der Furcht finden ihre Zusammenfassung in der Einsinnigkeit der Zeit. Diese besteht darin, daß die reale Gegenwart zwar zur realen Vergangenheit, aber nie zur realen Zukunft wird: oder, wie man auch sagen könnte, darin, daß die Zeit sich nur in der Form entwickelt, daß das Quantum der Vergangenheit immer größer, das der Zukunft immer kleiner wird, nie umgekehrt. Nur ideale Gegenwart kann zur realen Zukunft werden: indem ich etwas will, schaffe ich Zukunft.
Man hat über den tieferen Grund der Einsinnigkeit der Zeit, ihres Vorschreitens nur in einem Sinne, ihrer Nicht-Umkehrbarkeit viel nachgedacht, aber nur Unsinn zutage gefördert.
Die Einsinnigkeit der Zeit ist mit dem Welträtsel (dem Rätsel des Dualismus) das tiefste Problem im Universum, und es ist nicht zu wundern, daß die hervorragendsten Denker der Welt — Plato, Augustinus, Kant, Schopenhauer — darüber sämtlich geschwiegen haben, auch dort, wo sie mit der Zeit selbst sich beschäftigten. Und doch hätte vor allem Kant nicht schweigen sollen; denn wenn die Zeit nur apriorische Anschauungsform ist, ohne Bedeutung für die Dinge an sich selbst, so bleibt das Rätsel eines Sinnes, einer Richtung der Zeit drückender als zuvor. Auf einer geraden Linie mag ich hin und her spazieren; und der Zeit, die doch als eine Gerade vorgestellt wird, fehlt diese Eigenschaft. Die Einsinnigkeit der Zeit, d. h. das Nie-Wiederkehren des Vergangenen, ist aber der Grund aller jener besprochenen Phänomene des Widerstrebens gegen rückläufige, drehende Bewegungsformen. Diese Form der Bewegung ist, wie sich herausstellte, unethisch.
Daß die Zeit einsinnig ist, dafür muß demnach der Grund im Moralischen liegen.
Um so schneidender empfinden wir den Widerspruch im Kantischen System: wenn die Zeit einen Sinn hat, so muß, sei sie noch so sehr Form bloßer Erscheinung (und das ist sie sicher), doch ein Zusammenhang zwischen ihr und dem intelligiblen, ethischen Grunde der Welt bestehen.
Daß die Einsinnigkeit der Zeit ein Ausdruck der Ethizität des Lebens ist, darauf weist vieles hin. Es ist unsittlich, zweimal dasselbe zu sagen: wenigstens empfindet der Mensch, der an sich die höchste sittliche Anforderung stellt und sich verloren weiß, wenn er nicht ihr gehorcht, es so.
So hat es auch Christus empfunden: es ist die tiefste und zugleich die strengste (an Strenge noch über Kant hinausgehend) sittliche Vorschrift des Evangeliums in dem nie beachteten Worte (Evang. Matth. 10, 19) enthalten: Sorget nicht, was Ihr sagen werdet, wenn man Euch fragt, sondern sprechet, was Euch der Geist eingeben wird. (Μὴ μεριμνήσητε πῶς ἢ τί λαλήσητε δοθήσεται γὰρ ὑμῖν ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ τί λαλήσετε.])
Denn: sage ich, was ich mir vorgenommen habe zu sagen, so streiche ich die Zeit, die zwischen jenem Augenblick der Überlegung und dem neuen, der die Handlung erfordert, liegt; ich begehe eine Lüge gegen den neuen Augenblick, setze ihn nämlich als identisch mit dem früheren; und bin damit zugleich determiniert, indem ich mich durch einen früheren Augenblick, durch empirische Kausalität, determiniert habe. Ich handle nicht mehr frei, aus dem Ganzen meines Ich heraus, suche nicht mehr neu das Richtige zu finden; und bin doch wirklich ein anderer als in jenem früheren Moment, zumindest um jenen reicher; und nicht mehr ganz identisch mit dem früheren.
Unethisch ist es, die Vergangenheit ändern zu wollen: Alle Lüge ist Geschichtsfälschung. Man fälscht zuerst seine eigene Geschichte, dann die der anderen. Unethisch, die Zukunft nicht ändern zu wollen, sie nicht anders, besser als die Gegenwart, d. h. nicht schaffen zu wollen. Wolle! so könnte der kategorische Imperativ formuliert werden. Das Phänomen der Reue verbindet beides (es ist der eigentliche Ausdruck der Einsinnigkeit der Zeit): Es bejaht die vergangene Schuld, aber als Vergangenheit und verneint sie als Zukunft, d. h. es setzt ihr den Willen zur Besserung in der Zukunft entgegen.
Die Zukunft ist noch nicht wahr, die Vergangenheit ist wahr. Die Lüge ist Machtwille über die Vergangenheit, der sie keine Freiheit oder Existenz schenken kann, weil die Gegenwart gleich unfrei, gleich tot ist. In der Gegenwart berühren sich Vergangenheit und Zukunft; sie ist das, was der Mensch kann; über die Vergangenheit hat er keine Macht mehr und über die Zukunft noch keine. Wenn Ewigkeit und Gegenwart eins geworden sind, dann ist der Mensch Gott geworden, und Gott ist allmächtig.
Die Lüge also, als unethisch, ist Umkehrung der Zeit: Indem der Änderungswille hier auf die Vergangenheit statt auf die Zukunft sich erstreckt. Alles Böse aber ist Aufhebung des Sinnes der Zeit: Verzicht darauf, Verzweiflung daran, dem Leben einen Sinn zu geben.[67]
Der Wille des Menschen schafft die Zukunft: Der Mensch nimmt die Zeit voraus, indem er beschließt; und er nimmt die Zeit zurück, indem er bereut. Im Willen des Menschen, der stets Wille zur Ewigkeit ist, wird die Zeit zugleich gesetzt und verneint.
Die Einsinnigkeit der Zeit ist sonach identisch mit der Tatsache, daß der Mensch zutiefst ein wollendes Wesen ist. Das Ich als Wille ist die Zeit.
Das realisierte Ich wäre Gott; das Ich auf dem Wege zur Selbstrealisierung ist Wille.
Der Wille ist etwas zwischen Nichtsein und Sein; sein Weg geht vom Nichtsein zum Sein (denn aller Wille ist Wille zur Freiheit, zum Wert, zum Absoluten, zum Sein, zur Idee, zu Gott; „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 578). Daß das Sein noch nicht ist, das Nicht-Sein noch ist, das ist der Grund, warum die Zeit wirklich ist; daß das Sein wird, das ist der Grund ihrer Einsinnigkeit und deren tiefere, wesenhaftere Bedeutung.
Hiermit wären die aufgeworfenen Fragen beantwortet.
Die Einsinnigkeit der Zeit ist somit identisch mit der Tatsache der Nichtumkehrbarkeit des Lebens, und das Zeiträtsel identisch mit dem Rätsel des Lebens (obschon nicht mit dem Rätsel der Welt). Das Leben ist nicht umkehrbar; es gibt keinen Rückweg vom Tode zur Geburt. Das Problem der Einsinnigkeit der Zeit ist die Frage nach dem Sinn des Lebens.
In dieser Einsinnigkeit der Zeit liegt der Grund dafür, daß unser Unsterblichkeitsbedürfnis nur auf die Zukunft (nicht auf das Leben vor unserer Geburt zurück) sich erstreckt. Deshalb interessiert uns wenig unser Zustand vor der Geburt, gar sehr aber jener nach dem Tode. Und wäre die einsinnige Zeit nicht dasselbe wie der Wille, so könnte ja der Wille zurückwollen und Vergangenheit ändern (nach dem Worte Nietzsches: „Was aber ist des Willens größter Schmerz? Daß er über die Vergangenheit nicht gebieten kann“). Der Wille müßte nicht Wille sein und der Satz der Identität wäre aufgehoben, wenn der Wille Vergangenheit ändern wollte oder könnte; denn eben, daß er Wille ist, darin liegt die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft und ihr ewiger Unterschied ausgesprochen. Der Wille ist etwas Gerichtetes und seine Richtung ist der Sinn der Zeit. Das Ich verwirklicht sich selbst als Wille, d. h. es erlebt, entfaltet sich in der Form der Zeit: Die Zeit ist die Form der inneren Anschauung, wie Kant dies gelehrt hat.
Aller Wille will Vergangenheit als Vergangenheit; und nur der Verbrecher, der nicht mehr den Blick nach Gott will, sondern nach unten sinkt, lügt, d. h. mordet Vergangenheit; die Umkehrung der Zeit ist das Radikal-Böse, und die Furcht vor dieser Umkehrung ist die Furcht vor dem Bösen.
Der Wille setzt die Zeit und verneint sie (darum erwacht man, wenn man will, erwacht das Medium, wenn der Hypnotiseur will); in ihm ist das Sein Gottes und des Nichts, in ihm der Dualismus in der Welt am deutlichsten ausgesprochen. So ist das Problem des Willens zugleich das tiefste Problem der Welt und eins mit diesem.
Psychologisch ist „die Zeit“ die Zeit, in der wir leben, „die Zukunft“ die Zeit, die wir noch erleben werden. Die formale, transzendentale Zeit hört aber mit dem physischen Tode nicht auf, sondern erstreckt sich über die Individuen hinweg. Sie wird eben gesetzt vom Ewiglebenden.
Warum der Mensch geboren wird, um zu sterben, warum der Wert (das Ich) Wille wird, warum das Absolute sich an ihm im irdischen Leben realisiert, d. h. warum die Zeit einsinnig ist, das ist die Frage nach dem Sinn des Daseins, und nicht durch das Wort, sondern nur durch die Tat zu lösen. Sie ist aber identisch mit der Frage, mit dem Sinn der Einsinnigkeit der Zeit.
„Man lebt nur einmal“, das gilt nicht nur vom Ganzen, sondern auch von jedem einzelnen Moment.
Weil Furcht die Kehrseite des Willens zum Wert ist, bezieht sie sich auf das, was geschehen wird, nicht auf das, was geschehen ist, obwohl ihr Grund immer in der Vergangenheit zu suchen ist (ebenso bei ihrem Gegenteile: der Hoffnung). Die Furcht ist so ein guter Ausdruck der Einsinnigkeit der Zeit; die Schuld, aus welcher sie entspringt, ist vergangene Zeit; die Strafe, vor der ihr bangt, ist kommende Zeit.
Der Glaube hingegen geht aufs Zeitlose. Aufs Zeitlose beziehen sich Mut und Glaube, auf die Einsinnigkeit der Zeit (ihren einzigen Wertbestandteil, die doch sonst das Wertlose an sich ist) Hoffnung und Furcht.
Die Zukunft ist das, was durch den Willen geschaffen wird; nur der Wollende hat Zukunft. Darum lebt der Mensch solange, als er noch irgendwie will, zum Wert hinauf will, als er noch zwischen Sein und Nichtsein steht, und die Menschen sterben im Momente, da sie sich völlig entfaltet haben: entweder ihr Wille am Ziele angelangt, Wert geworden ist, d. h. der Mensch Gott oder Engel geworden ist; oder wenn der Wille (und die Hoffnung) am Ziele angekommen und damit auch die Fähigkeit dazu gänzlich erloschen ist: ein Mensch, der gar keinen Willen zum Wert (also gar auch keine Furcht) mehr hat, stirbt ebenfalls. Der vollkommene Verbrecher kann als Mensch nicht leben — denn der Mensch hat noch immer Möglichkeit zu sein, so lang er lebt — darum stirbt der vollkommen böse gewordene Verbrecher, und darum ist es so wahrscheinlich, daß er Tier oder Pflanze wird, und daß die Inder Recht haben, wenn sie vor allem Lebenden deswegen sich scheuen.
Darnach also ist die Lebensdauer des Menschen zu bestimmen. Wagner hatte den Parsifal vollendet, und nicht mehr die Absicht, noch zu schaffen; was er je wollte, hatte er zu wirken vermocht. Ebenso war Goethes eigentlichste Lebensarbeit der Faust, und er betrachtete selbst die wenigen Tage als geschenkt, die er nach seiner Vollendung noch lebte. Die Antizipation einer extensiv-großen Zukunft kann auch Hoffnung genannt werden: der Mensch lebt solang als er hofft.
Der Spieler ist der Mensch, der Hoffnung am notwendigsten hat, weil er an der Furcht am stärksten leidet. Er ist stets ein Desperado.
Bei Rossini hingegen scheint mir — ich glaube ihm nicht Unrecht zu tun — ein umgekehrter Prozeß vor sich gegangen zu sein. Er hat große Versuche zweimal gemacht („Barbier“ und „Tell“), schließlich aber aufgehört zu wollen; sein Gesicht als alten Mannes ist von frecher, fetter Sinnlichkeit.
Bei den weiblichen Schriftstellerinnen, Künstlerinnen u. s. w. ist auffallend, daß keine eine Entwicklung hat, keine einem Kunstideal nachstrebt und allmählich näher kommt. Die Frauen haben keine Entwicklung; weil sie keinen Willen zum Wert haben: Hiermit ist das begründet, was ich einmal („Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 382) allzu abgerissen behauptet habe: daß für die Frauen die Zeit nicht gerichtet ist.
Ist somit die Zeit das Ich als Wille, so fragt es sich noch, was ist der Raum, die andere Form der Erscheinung und wie verhalten sich die beiden?
Die Bewegung ist es, die hierauf Antwort gibt; in ihr vereinigen sich in rätselhafter Weise Raum und Zeit. Die Zeit ist die Art, in welcher der Raum einzig durchmessen werden kann; es gibt keine Fernwirkung. Sie ist aber auch die einzige Form, in welcher das Ich (Gott im Menschen) sich findet.
Der Raum ist also eine Projektion des Ich (aus dem Reich der Freiheit ins Reich der Notwendigkeit). Er enthält im Nebeneinander, was nur im zeitlichen Nacheinander erlebt werden kann. Der Raum ist symbolisch für das vollendete, die Zeit für das sich wollende Ich. Darum scheint der Raum erhaben, die Zeit nicht.
Das Ich aber ist die Synthesis des Alls, die Einheit aller Gegensätze und darum, von wegen der synthetischen, vollendenden Bedeutung der Dreizahl,[68] die drei Dimensionen des Raumes.
Darum ist die Bewegung, die Projektion des Willens, ein sichtbarer, körperlicher Ausdruck (Muskelkontraktion), und Schopenhauer ein wenig gerechtfertigt, der beide gar identifiziert. Der Trieb stellt nur die Erscheinung des Willens im niederen Leben dar; darum ist auch das Leben der Tiere und Pflanzen noch einsinnig, weil sie nur symbolisch sind für menschliches Leben.
Der Wille (die Enge des Bewußtseins) ist die Form der Bewegung des Psychischen: die Enge des Bewußtseins, solange es noch irgend eng ist, und nicht alle Ewigkeit in sich resorbiert hat, ist ja die Tatsache der Zeit; und es werden hier als zwei Tatsachen ausgegeben, was eins und dasselbe ist.
Darum ist der Körper räumlich und entsprechen seine Achsen den Raumachsen; weil er die Projektion des Ich, seine Erscheinung ist.
Wie im Reiche der Natur, das ist im Reiche der Gesetzlichkeit, der Funktionalität, der Raum, das überall qualitativ Gleiche, in der Zeit durchmessen wird — Bewegung — d. h. wie die Vielheit der Raumpunkte die Zeit ist; so enthalten im Reiche des Geistes, dem Reiche der Freiheit, des Nicht-irgendwie-noch-abhängig-Variablen, die vielen diskreten Momente des individuellen Lebens immer das ganze zeitlose Ich, den Charakter (nur jetzt in umfangreicherer, dann in beschränkterer Bewußtheit). Dieses Enthaltensein des Ich in jedem Momente des Lebens ist identisch mit der Tatsache der Freiheit.
Diese doppelte Erscheinungsform des Ich als Raum und als Zeit ist der tiefste Grund dafür (was man nie noch ganz begriffen, worüber man sich mit Zeno wundert), daß Geometrie auf Arithmetik, Arithmetik auf Geometrie angewendet werden kann: weil Raum und Zeit nur verschiedene Erscheinungen eines und desselben sind.
Das Leben ist eine Art Reise durch den Raum des inneren Ich, eine Reise vom engsten Binnenlande freilich zur umfassendsten, freiesten Überschau des Alls. Alle Teile des Raumes sind qualitativ ununterschieden, in allen Momenten des Lebens steckt (potentiell) der ganze Mensch. Zeit ist Vielheit, aus vielen Einheiten zusammengesetzt; Raum ist Einheit, aus Vielheit zusammengesetzt (Symbol des einheitlichen Ich).
Das Unbewußte ist die Zeit, beides eine Tatsache.
Die Melodie entspricht der Zeit (die einzelnen Töne konstituieren den Rhythmus), die Harmonie dem Raum (geometrisches Verhältnis der Schwingungszahlen; Harmonie der Sphären). Darum wird die Melodie durch eine Linie dargestellt. Musik ist die Mathematik im Reich der Freiheit (vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 326).
Licht — Raum (Auge mit Fixationspunkt).
Schall — Zeit (Gehörssinn ohne „Lokalzeichen“).
Ich kehre zum Thema zurück:
Wäre der Mensch anethisch, wie die drehende Bewegung, so könnte er nicht im Morgen etwas anderes sehen, als im Heute, das neue Jahr nicht unterscheiden vom alten, sich entwertet fühlen und Furcht empfinden, wenn er sich auf einem früheren Punkte wiederfindet, wie Robinson, oder wie eine Gestalt Tolstois (in seiner hervorragendsten Erzählung „Herr und Knecht“). So sehr es zum Lächeln reizen mag, wenn der Spießbürger in der Sylvesternacht von der Zeitung auf die Zeit zu reflektieren beginnt: es liegt doch darin ein gewisses kosmisches Gefühl, ein Gefühl für Vergangenheit und Vergänglichkeit, der eine hoffnungsvolle Zukunft entgegengesetzt wird.
Alle Drehung aber ist Aufhebung der Zeit, sie wird als Wiederholung ja auch nur erkannt und bewertet durch unsere bloß einsinnige Zeitanschauung, die Bedingung aller Eindeutigkeit, aller Wahrheit ist: wir würden im anderen Falle allen Halt verlieren. Während die Erde, auf der wir leben, fortwährend kreist und kreist, bleibt der Mensch unberührt vom kosmischen Tanze. Sein Geist ist nicht mit dem ganzen Systeme mechanisch verbunden; frei blickt er hinaus und gibt oder nimmt dem Schauspiel seinen Wert.
Anhang.
Ich will noch zwei musikalische Motive hier besprechen, welche in Beziehung zu dem Probleme stehen.
1. Die Melodie des Hirten, Tristan und Isolde, III. Akt, drückt die sinnlose Zeit aus, als wäre die Zukunft nicht etwas, was der Vergangenheit entgegengesetzt wird. Das ewige Einerlei soll sie ja auch nach der Absicht Wagners bezeichnen.
2. Das Hauptmotiv der „Appassionata“ ist das Motiv des Menschen (als des Wesens mit dem Willen zum Wert), das größte Motiv zwischen Sein und Nicht-Sein. Sein aufsteigender Teil ist die Liebe, die Sehnsucht nach dem Wert, nach der Reinheit.
Sein zweiter, absteigender, abfallender Teil drückt das Zurückgeschlagenwerden, das Erfolglose, Unglückliche aller Versuche aus, sich dem Wert zu nähern: das ewige Zurückfallen in die Sinnlichkeit. Alles Schicksal, alles Unbewußte, alle Vergangenheit und Zukunft neben der Gegenwart, alles, worüber der Mensch keine Macht hat, liegt in diesem zweiten Teile.
Der sieghafte Schluß des dritten Satzes bringt nur mehr den ersten, nicht mehr den zweiten Teil: die erfolgreiche Annäherung an den Wert, die Vereinigung mit ihm.
Das Motiv ist das größte Motiv der Einsinnigkeit der Zeit.