Der Spieler
E. K. Rahsin translation
I.
Endlich bin ich nach vierzehntägiger Abwesenheit wieder hier eingetroffen. Die Unsrigen sind schon seit drei Tagen in Roulettenburg. In meiner Annahme, daß sie mich Gott weiß wie sehnsüchtig erwarteten, täuschte ich mich sehr. Der General blickte höchst selbstbewußt drein, als er mich empfing, sprach mit mir nur in herablassendem Ton und schickte mich dann zu seiner Schwester. Jedenfalls ist es klar, daß sie inzwischen irgendwo Geld aufgetrieben haben. Dennoch wollte es mir scheinen, daß der General sich trotz all seines Selbstbewußtseins ein wenig vor mir schämte und meinem Blick auswich. Marja Filippowna war sehr beschäftigt und sprach nur flüchtig mit mir. Das Geld nahm sie jedoch in Empfang, zählte es nach und hörte sogar meinen ganzen Bericht an. Zu Tisch wurden Mesenzoff und der jämmerliche Franzose erwartet, und außer ihnen noch ein Engländer. Natürlich: haben sie Geld, so muß doch sofort ein Diner gegeben werden. Sie werden doch nicht die Moskowiter verleugnen! Polina Alexandrowna fragte mich nur en passant, weshalb ich so lange fortgeblieben sei, worauf sie, ohne meine Antwort abzuwarten, an mir vorüberging. Selbstverständlich lag Absicht in diesem Benehmen. Wir sind uns übrigens noch Erklärungen schuldig. Es hat sich mit der Zeit zu viel angesammelt.
Für mich war im vierten Stockwerk des Hotels ein kleines Zimmer reserviert worden. Hier weiß man, daß ich zur „Suite“ des Generals gehöre. Aus allem ist zu ersehen, daß sie bereits zu imponieren verstanden haben. Der General wird hier für einen der reichsten russischen Aristokraten gehalten. Vor Tisch bat er mich, für ihn zwei Tausendfrankennoten zu wechseln. Ich wechselte sie im Büro des Hotels. Jetzt wird man uns wenigstens eine Woche lang für Millionäre halten. Darauf wollte ich mit Mischa und Nadjä einen Spaziergang machen, wurde jedoch auf der Treppe zurückgerufen: der General ließ mich zu sich bitten. Es fiel ihm plötzlich ein, sich bei mir zu erkundigen, wohin ich die Kinder führen wolle. Nein, dieser Mensch ist entschieden nicht imstande, mir offen in die Augen zu sehen! Er würde es ja mehr als gern tun, doch erwidere ich seinen Blick jedesmal so offen und kühl, d. h. so unehrerbietig, daß er sogleich verwirrt zur Seite blicken muß. In sehr hochtrabenden Ausdrücken, eine Phrase an die andere gereiht – weshalb er sich denn zum Schluß total verwirrte – gab er mir zu verstehen, daß ich mit den Kindern möglichst weit weg vom Kurhaus spazieren solle, am besten wohl irgendwo in den entlegeneren Teilen des Parks. Plötzlich ärgerte er sich über sich selbst und fügte schroff hinzu:
„Sonst bringen Sie sie womöglich noch in die Spielsäle und spielen mit ihnen Roulette ... Das heißt, pardon,“ unterbrach er sich, „Sie entschuldigen wohl meine Bemerkung, aber Sie sind ja als junger Mann noch ziemlich leichtsinnig und am Ende gar fähig, zu spielen. Jedenfalls habe ich, obschon ich nicht Ihr Mentor bin und diese Rolle auch durchaus nicht zu übernehmen wünsche, wohl das Recht, wenigstens den Wunsch zu äußern, daß Sie mich hier nicht etwa kompromittieren ...“
„Zum Spielen gehört Geld,“ versetzte ich ruhig „und da ich das nicht habe ...“
„Sie werden es im Augenblick erhalten,“ sagte er, leicht errötend, und wandte sich sogleich zum Schreibtisch, um nach seinem Notizbuch zu suchen. Es zeigte sich, daß ich noch hundertundzwanzig Rubel bei ihm zugute hatte.
„Wie berechnen wir denn das?“ fragte er stirnrunzelnd. „Wir müssen es in Taler übersetzen ... Hm! ... Nun, nehmen Sie hier hundert Taler, eine runde Summe – das übrige wird natürlich nicht verloren gehen.“
Schweigend nahm ich das Geld.
„Übrigens ... bitte sich durch meine Worte nicht gekränkt zu fühlen ... Sie sind so leicht verletzt ... Wenn ich diese Bemerkung gemacht habe, so tat ich es gewissermaßen nur, um vorzubeugen, um Sie zu warnen, und dieses Recht werden Sie mir doch wohl zugestehen ...“
Als ich, noch am Vormittage, mit den Kindern vom Spaziergang zurückkehrte, begegnete mir unterwegs eine ganze Kavalkade: es waren die Unsrigen, die eine Ausfahrt machten, um irgendwelche berühmte Ruinen zu besichtigen. Die Damen, Mademoiselle Blanche, Marja Filippowna und Polina, fuhren in einem schönen Wagen, den unsere drei Herren, der Franzose, der Engländer und der General, hoch zu Roß begleiteten. Die Vorübergehenden blieben stehen, um die elegante Gesellschaft anzustaunen. Also hatten sie wieder einmal Aufsehen erregt! Nur wird der General seinem Schicksal doch nicht entgehen können. Zusammen mit den viertausend Franken, die ich ihm gebracht und mit allem, was sie hier augenscheinlich noch aufgetrieben haben, können sie jetzt höchstens sieben- bis achttausend Franken besitzen. Das aber ist viel zu wenig für Mademoiselle Blanche.
Mademoiselle Blanche ist gleichfalls in unserem Hotel abgestiegen, zusammen mit ihrer Mutter. Und auch der Franzusischka soll sich hier irgendwo niedergelassen haben. Die Bedienten nennen ihn „Monsieur le comte“ und die Mutter der Mademoiselle Blanche heißt „Madame la comtesse“. Nun, wer kann’s schließlich wissen, vielleicht sind sie auch wirklich comte et comtesse.
Ich wußte es im voraus, daß dieser Monsieur le comte mich nicht erkennen würde, wenn wir uns in Gegenwart anderer begegnen sollten. Dem General fiel es natürlich nicht ein, uns miteinander bekannt zu machen oder wenigstens mich ihm vorzustellen; Monsieur le comte aber ist in Rußland gewesen und weiß daher ganz genau, wie gering der Vogel ist, den sie „un outchitel“[1] nennen. Übrigens kennt er mich sehr gut. Doch um die Wahrheit zu gestehen: ich erschien völlig unaufgefordert zum Diner. Ich glaube, der General hatte mich ganz vergessen, denn sonst hätte er mich sicherlich an die Table d’hote geschickt. Ich erschien also ungebeten und fing daher einen sehr erfreuten Blick des Generals auf. Die gute Marja Filippowna wies mir sogleich einen Platz an. Und die Anwesenheit Mister Astleys rettete mich vollends: ich gehörte nun ohne mein Zutun gleichfalls zur Gesellschaft.
Diesen seltsamen Engländer habe ich in Preußen kennen gelernt. Wir saßen im Kupee einander gegenüber, als ich den Unsrigen nachreiste. Und dann bin ich ihm nachher noch einmal in der Schweiz begegnet, gleichfalls auf der Reise, unweit der französischen Grenze. Ich war aber nicht wenig überrascht, ihn plötzlich hier in Roulettenburg anzutreffen.
Noch nie in meinem Leben habe ich einen so schüchternen Menschen gesehen! Er ist bis zur Unglaublichkeit, geradezu bis zur unglaublichsten Dummheit schüchtern, was er natürlich selbst ganz genau weiß; denn daß er nicht dumm ist, sieht man ihm auf den ersten Blick an. Im übrigen ist er ein sympathischer, stiller Mensch. Bei unserer ersten Begegnung hatte ich ihn sogar zum Reden gebracht: er hatte mir erzählt, daß er in diesem Sommer am Nordkap gewesen sei und sehr gern die Messe in Nishnij Nowgorod besucht hätte. Wie er mit dem General bekannt geworden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint er in Polina grenzenlos verliebt zu sein. Als sie eintrat, wurde er feuerrot. Offenbar war er sehr froh darüber, mich zum Tischnachbar zu haben und wie es scheint, hält er mich bereits für seinen besten Freund.
Bei Tisch führte der Franzusischka das große Wort; er benahm sich allen gegenüber nachlässig, wenn nicht gar geringschätzig, und zeigte wieder mal unverhohlen, wie sehr er von sich eingenommen ist. In Moskau, entsinne ich mich, blies er noch auf einer ganz anderen Flöte. Diesmal sprach er unendlich viel von Finanzen und von der russischen Politik. Der General wagte mitunter, ihm zu widersprechen, doch tat er es nur sehr vorsichtig und bescheiden, offenbar nur deshalb, um seine vermeintliche Autorität nicht gänzlich einzubüßen.
Ich war ziemlich verstimmt. Natürlich stellte ich mir schon nach dem ersten Gang wie gewöhnlich die Frage: „Wozu plagst du dich überhaupt mit diesem General, weshalb hast du ihm und ihnen allen nicht schon längst den Rücken gekehrt?“
Hin und wieder blickte ich zu Polina Alexandrowna hinüber: sie übersah mich jedoch vollkommen. Das Spiel endete damit, daß ich wütend wurde und mich entschloß, einfach – frech zu werden. Ich wollte mich ungebeten in ihr Gespräch einmischen, nur um mit dem Franzosen anzubändeln. So wandte ich mich plötzlich an den General und bemerkte laut – ich glaube, ich unterbrach ihn sogar –, daß es den Russen in diesem Sommer nahezu unmöglich sei, irgendwo an einer Table d’hote zu speisen. Der General sah mich verwundert an.
„... Wenn Sie sich als Mensch eine gewisse Selbstachtung nicht versagen,“ fuhr ich unbekümmert fort, „so setzen Sie sich damit direkt Beleidigungen aus und müssen sich eine geradezu kränkende Behandlung gefallen lassen. In Paris und am Rhein, ja sogar in der Schweiz sitzen an der Table d’hote unter dem unvermeidlichen Polengesindel soviele Französchen, die mit diesem sympathisieren, daß es einem ganz unmöglich ist, auch nur ein Wort zu sagen, wenn man eben das Unglück hat, bloß Russe zu sein.“
Ich sagte es auf französisch. Der General sah mich an, als wisse er nicht, ob er sich ärgern oder nur wundern sollte: darüber, daß ich mich so vergessen konnte.
„Dann haben Sie wohl schlimme Erfahrungen gemacht,“ warf unser Franzusischka nachlässig und spöttisch hin.
„Ja, aber dafür habe ich dann in Paris einem Polen und einem französischen Offizier, der dem Polen beistand, einmal um so aufrichtiger meine russische Meinung gesagt. Das änderte die Sachlage sogleich bedeutend zu meinen Gunsten. Und als ich dann noch einmal bei Tisch zum besten gab, wie wenig ehrerbietig ich mich über den Kaffee des päpstlichen Prälaten geäußert, ging ein Teil der Franzosen sogar auf meine Seite über.“
„Über den Kaffee? ...“ fragte der General in würdevollem Erstaunen und blickte fast die ganze Tischgesellschaft fragend an. Der Franzose musterte mich mißtrauisch.
„Ja, über den Kaffee,“ bestätigte ich. „Da ich zwei Tage lang überzeugt war, daß ich in unserer Angelegenheit auf kurze Zeit nach Rom würde reisen müssen, begab ich mich in die Kanzlei der Gesandtschaft des heiligen Vaters zu Paris, um meinen Paß visieren zu lassen. Dort empfing mich ein kleiner Abbé, ein hageres Kerlchen von etwa fünfzig Jahren, mit frostiger Physiognomie. Er hörte mich höflich an und bat mich darauf nur trocken, etwas zu warten. Ich hatte zwar wenig Zeit, doch setzte ich mich hin, zog die ‚Opinion nationale‘ hervor und begann zu lesen. Der Leitartikel war ein einziges großes Geschimpf über Rußland. Inzwischen hörte ich, wie durch das Nebenzimmer jemand zum Monseigneur geführt wurde; ich sah, wie der Abbé ihn begrüßte. Ich wandte mich zum zweitenmal mit meiner Bitte an ihn; er bat mich in noch trockenerem Tone, mich zu gedulden. Nach kurzer Zeit trat wieder ein Unbekannter ins Zimmer – es schien ein Österreicher zu sein. Der Abbé hörte ihm aufmerksam zu, während dieser sein Anliegen vorbrachte und ließ ihn dann sogleich nach oben führen. Das ärgerte mich nicht wenig. Ich erhob mich, trat auf ihn zu und sagte in nicht mißzuverstehendem Tone, daß Monseigneur, da er doch augenscheinlich empfange, wohl auch mein Anliegen ohne Aufschub erledigen könne. Mein Abbé aber prallte förmlich zurück vor Verwunderung und maß mich mit einem unbeschreiblichen Blick. Er konnte es einfach nicht fassen, daß ein nichtswürdiger Russe sich mit den anderen, die sein Monseigneur empfing, gleichstellen wollte! Er maß mich mit unendlicher Verachtung vom Kopf bis zu den Füßen und sagte in einem Tone, dem man die Freude, mich verletzen zu können, sehr deutlich anhörte:
‚Ja, glauben Sie denn etwa, daß Monseigneur Ihretwegen seinen Kaffee wird kalt werden lassen?‘
Da wurde ich wütend und sagte zu ihm, daß der Teufel seinen Kaffee holen könne, ich schere mich nicht drum, ‚und wenn Sie mir nicht im Augenblick meinen Paß mit der Visa zurückbringen, so gehe ich selbst zum Monseigneur,‘ schloß ich.
‚Was! Während bei ihm der Kardinal sitzt!‘ schrie das Kerlchen, entsetzt vor mir zurückweichend, und plötzlich stürzte er zur Tür, vor der er sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Kreuz hinstellte und eine Miene aufsetzte, die mir sagen sollte, daß er eher zu sterben gewillt sei als von seinem Platz zu weichen.
Da sagte ich ihm, ich sei ein Ketzer und Barbar und alle seine Erzbischöfe, Kardinäle, Monseigneurs und wie sie da hießen, gingen mich absolut nichts an. Kurz ich gab ihm zu verstehen, daß ich meinen Willen unbedingt durchsetzen würde. Er blickte mich haßerfüllt an, riß mir meinen Paß aus der Hand und brachte ihn nach oben zum Monseigneur. Nach einer Minute kam er zurück: der Paß war visiert. Hier, wenn’s gefällig ist, sich davon zu überzeugen ...“ Ich nahm den Paß aus meiner Brusttasche und zeigte die römische Visa.
„Sie haben indes ...“ begann der General, doch der Franzose unterbrach ihn halb lachend:
„Was Sie rettete, war, daß Sie sich für einen hérétique und barbare ausgaben. Cela n’était pas si bête.“
„Ja, wie sollte es denn auch anders sein, wer könnte denn hier unsere Russen achten?“ fuhr ich fort. „Die wagen ja hier, wenn sie an einer Table d’hote sitzen, kein Wort zu sagen, und sind womöglich sofort bereit, falls jemand es wünschte, ihre Nationalität zu verleugnen und sich von ganz Rußland loszusagen! In Paris wenigstens begann man, sich viel aufmerksamer zu mir zu verhalten, nachdem ich ihnen von meinem Streit mit dem Abbé erzählt hatte. Ein dicker polnischer Pan, der bis dahin die erste Rolle an der Table d’hote gespielt hatte, mußte sich hinfort mit der zweiten Rolle begnügen. Ja, die Franzosen nahmen es nachher sogar ruhig hin, daß ich ihnen von einem Menschen erzählte, auf den ein französischer Chasseur im Jahre 1812 geschossen hatte, einzig um sein Gewehr zu entladen. Dieser Mensch war damals ein zehnjähriger Knabe und seine Familie hatte Moskau nicht rechtzeitig vor dem Einzug der Franzosen verlassen können.“
„Das kann nicht wahr sein,“ brauste mein Französchen auf. „Ein französischer Soldat wird nicht auf ein Kind schießen!“
„Indessen war es so,“ versetzte ich unbeirrt. „Mein Gewährsmann war ein ehrwürdiger verdienstvoller Hauptmann a. D. und ich habe selbst die Schramme auf der Wange des Betreffenden gesehen, den die Kugel zum Glück nur gestreift hat.“
Der Franzose begann sehr schnell und sehr erregt zu sprechen. Der General wollte ihm bereits beipflichten, ich schlug ihm aber vor, doch wenigstens die Auszüge aus den Memoiren des 1812 in französische Gefangenschaft geratenen Generals Perowskij zu lesen. Da unterbrach uns endlich Marja Filippowna, die von etwas anderem zu sprechen begann, um dieses Gespräch zu beenden. Der General war sehr unzufrieden mit mir, denn das Französchen und ich hatten unsere Stimmen zum Schluß mehr als nötig erhoben. Doch Mr. Astley schien mein Streit mit dem anderen sehr gefallen zu haben; nach Tisch lud er mich zu einem Glase Wein ein.
Gegen Abend gelang es mir, mit Polina Alexandrowna unter vier Augen zu sprechen. Es war das auf dem Spaziergang. Wir gingen alle in den Park zum Kurhaus. Polina setzte sich auf eine Bank gegenüber dem Springbrunnen und erlaubte Nadenjka, in der Nähe mit anderen Kindern zu spielen. Auch ich erlaubte meinem Mischa, zum Springbrunnen zu gehen, und so blieben wir endlich allein.
Natürlich begannen wir sogleich von Geschäftlichem zu sprechen. Polina war einfach empört, als ich ihr im ganzen nur siebenhundert Gulden einhändigte. Sie hatte mit aller Bestimmtheit erwartet, daß ich ihr für ihre in Paris versetzten Brillanten wenigstens zweitausend Gulden, wenn nicht noch mehr, bringen würde.
„Ich brauche vor allen Dingen und unter allen Umständen Geld,“ sagte sie, „und ich muß es mir verschaffen, ich muß! Sonst bin ich verloren!“
Ich begann zu fragen, was in meiner Abwesenheit geschehen war.
„Nichts weiter, als daß wir aus Petersburg zwei Depeschen erhalten haben: zuerst die Nachricht, daß es der Babuschka sehr schlecht gehe; und nach zwei Tagen, daß sie, glaube ich, im Sterben liege. Diese Nachricht stammt von Timofei Petrowitsch,“ fügte Polina hinzu, „er aber ist ein pedantisch gewissenhafter Mensch. Und jetzt erwarten wir die endgültige Nachricht.“
„So sind denn jetzt alle voll Hoffnung?“ fragte ich.
„Versteht sich, alle und alles; haben wir doch ganze sechs Monate nur noch darauf gewartet.“
„Sie gleichfalls?“ fragte ich.
„Ich bin ja doch als Stieftochter des Generals gar nicht verwandt mit ihr ... Aber ich weiß, daß sie mich in ihrem Testament nicht übergehen wird.“
„Ich glaube, Sie werden sehr viel erben,“ sagte ich überzeugt.
„Möglich; sie liebte mich; aber weshalb scheint es denn Ihnen so?“
„Sagen Sie,“ fragte ich, ohne auf ihre Frage zu antworten, „unser Marquis ist doch gleichfalls in alle Familiengeheimnisse eingeweiht?“
„Weshalb interessiert Sie das?“ fragte Polina trocken und sie sah mich streng an.
„Auch eine Frage! Wenn ich nicht irre, hat der General bereits Geld von ihm geborgt.“
„Wie kommt es, daß Ihre Vermutungen heute so merkwürdig richtig sind?“
„Nun, würde er ihm wohl das Geld geliehen haben, wenn er vom Zustand der Großtante nichts wüßte? Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie er bei Tisch, als von ihr die Rede war, sie etwa dreimal ‚la baboulenka‘[2] nannte? Welch nahe, freundschaftliche Beziehungen!“
„Ja, Sie haben recht. Sobald er erfährt, daß auch mir etwas zugefallen ist, wird er sich sogleich um mich bewerben. War es das, was Sie erfahren wollten?“
„Erst ‚wird‘? Ich dachte, er tue es schon längst.“
„Sie wissen nur zu gut, daß er es nicht tut!“ sagte Polina geärgert. „Wo haben Sie diesen Engländer kennen gelernt?“ fragte sie nach kurzem Schweigen.
„Ich wußte es, daß Sie mich jetzt nach ihm fragen würden.“
Ich erzählte ihr von meinen früheren Begegnungen mit Mr. Astley.
„Er ist schüchtern und sehr verliebter Natur und ... hat sich natürlich in Sie verliebt?“
„Ja, er ist in mich verliebt,“ antwortete Polina ruhig.
„Und natürlich ist er zehnmal reicher als der Franzose. Wie, hat denn der Franzose tatsächlich etwas? Ist das so gar keinem Zweifel unterworfen?“
„Nein, das ist keinem Zweifel unterworfen. Er hat irgendwo ein château. Noch gestern sagte es mir der General ganz positiv. Nun, genügt Ihnen das?“
„Ich würde an Ihrer Stelle unbedingt den Engländer nehmen.“
„Warum?“ fragte Polina.
„Der Franzose ist ja hübscher, aber dafür ist er auch ein gemeiner Kerl. Der Engländer aber hat, ganz abgesehen davon, daß er grundehrlich ist, mindestens zehnmal mehr,“ versetzte ich trocken.
„Ja; aber dafür ist der Franzose Marquis und klüger,“ sagte sie kühl mit gleichmütigster Miene.
„Nur ... stimmt das auch wirklich?“ fragte ich im selben Tone.
„Vollkommen.“
Meine Fragen mißfielen ihr sehr, doch ich merkte nur zu gut, daß sie mich mit ihrer Ruhe und ihren unmöglichen Antworten ärgern wollte. Ich sagte ihr das.
„Nun ja, es amüsiert mich, zu sehen, wie Sie sich ärgern,“ meinte sie. „Denn ... wie werden Sie mir schon das allein, daß ich Ihnen solche Fragen und Äußerungen gestatte, bezahlen müssen!“
„Ich fühle mich allerdings im Recht, jede beliebige Frage an Sie zu richten,“ versetzte ich ruhig, „und zwar schon deshalb, weil ich zu jeder Bezahlung bereit bin und überhaupt mein ganzes Leben für ein Nichts erachte.“
Polina begann zu lachen.
„Sie sagten mir das letztemal auf dem Schlangenberge, Sie seien sogar bereit, sobald ich es nur wünschte, sich mit dem Kopf voran von der Terrasse hinabzustürzen, der Weg aber ist dort, glaube ich, an tausend Fuß hoch. Nun, irgend einmal werde ich diesen Wunsch aussprechen, und zwar einzig um zu sehen, wie Sie ihn erfüllen. Und, ich versichere Sie, daß ich charakterfest sein werde. Sie sind mir verhaßt, sind es mir geworden deshalb, weil ich Ihnen so viel erlaubt habe, und sind mir noch verhaßter, weil ich Ihrer Hilfe so dringend bedarf. Doch so lange das der Fall ist – muß ich Sie noch am Leben lassen.“
Sie erhob sich. Die letzten Worte hatte sie geradezu gereizt gesagt. Überhaupt war es mir aufgefallen, daß sie in der letzten Zeit unsere Gespräche regelmäßig sehr gereizt abbrach.
„Gestatten Sie noch eine Frage,“ hielt ich sie auf, um sie nicht ohne Erklärung fortgehen zu lassen, „wer ist Mademoiselle Blanche?“
„Das wissen Sie doch ebenso gut wie ich, wer Mademoiselle Blanche ist. Sie hat weder ihre alten Eigenschaften verloren noch neue hinzubekommen. Mademoiselle Blanche wird ganz gewiß Generalin werden. Das heißt, vorausgesetzt natürlich, daß sich die Nachricht vom zu erwartenden Tode der Großtante bewahrheitet, denn sowohl Mademoiselle Blanche wie ihre Mutter und ihr Cousin, le marquis, wissen alle sehr gut, daß wir ruiniert sind.“
„Und der General ist unrettbar verliebt?“
„Das gehört jetzt nicht zur Sache. Doch hören Sie und behalten Sie, was ich Ihnen sage: hier sind die siebenhundert Gulden, nehmen Sie sie und spielen Sie Roulette, und gewinnen Sie so viel als möglich; ich gebrauche jetzt unter allen Umständen Geld und Sie müssen es mir verschaffen.“
Damit wandte sie sich von mir ab, rief Nadenjka und ging mit ihr zum Kurhaus, wo sie sich den Unsrigen anschloß. Ich aber bog in den ersten Seitenpfad nach links ein, noch ganz verwundert über den Auftrag, der mir so plötzlich zuteil geworden war, und demgemäß recht nachdenklich gestimmt. Eigentlich war mir zumut als hätte ich einen Schlag auf den Kopf erhalten: ich, ich sollte Roulette spielen! Doch sonderbar: obschon ich jetzt über etwas Wichtiges nachzudenken hatte, versenkte ich mich doch ganz in eine Analyse meiner Gefühle für Polina. In der Tat, ich muß gestehen, daß ich mich in den zwei Wochen meiner Abwesenheit freier gefühlt hatte und glücklicher gewesen war als jetzt am Tage meiner Rückkehr, obschon ich unterwegs vor Sehnsucht fast wahnsinnig zu werden fürchtete und sie mir sogar Nacht für Nacht im Traum erschien. Einmal – es war im Kupee auf der Reise durch die Schweiz – begann ich, überwältigt von Müdigkeit, im Schlaf von Polina zu sprechen, womit sich meine Reisegefährten so erheiterten, daß sie in lautes Lachen ausbrachen, was mich zum Glück aufweckte ... Und wieder stellte ich mir die Frage: liebst du sie? – Und wieder wußte ich mir darauf nichts zu antworten, oder richtiger, ich sagte mir wieder einmal – wohl zum hundertsten Mal –, daß ich sie haßte. Ja, sie war mir verhaßt! Es gab Augenblicke – namentlich zum Schluß unserer Gespräche – in denen ich mein halbes Leben dafür hingegeben hätte, sie erwürgen zu können! Ich schwöre es: wenn es möglich gewesen wäre, ein scharfes Messer ihr langsam in die Brust zu stoßen, so hätte ich es – davon bin ich überzeugt – mit Wonne getan. Doch andererseits schwöre ich bei allem, was es Heiliges gibt, daß ich, wenn sie mir dort auf dem Schlangenberge wirklich gesagt hätte: ‚Stürzen Sie sich hinab‘ – ich mich sogleich hinabgestürzt haben würde, und zwar gleichfalls mit Wonne. Das weiß ich. Aber so geht das nicht weiter, es muß etwas Entscheidendes geschehen! Sie begreift natürlich mit bewundernswerter Richtigkeit die ganze Situation, und der Gedanke, daß ich mir ihrer Unnahbarkeit und Unerreichbarkeit für mich, der ganzen Unmöglichkeit der Erfüllung meiner phantastischen Träume vollkommen bewußt bin – dieser Gedanke muß ihr, meiner Überzeugung nach, eine unendliche Genugtuung gewähren, muß ihr geradezu ein Genuß sein. Denn wie könnte sie sonst so unbekümmert offen und ungeniert im Verkehr mit mir sein, sie, die doch vorsichtig und klug ist? Ich glaube, sie hat bisher ungefähr ebenso auf mich herabgesehen wie jene Kaiserin im Altertum, die sich in Gegenwart ihres Sklaven entkleidete, da sie ihn ja doch nicht für einen Menschen hielt. Sie hat mich schon mehr als einmal nicht für einen Menschen gehalten.
Aber wie dem auch war, einstweilen hatte sie mich beauftragt, unbedingt für sie Geld zu gewinnen. So hatte ich nicht einmal zu fragen, wozu sie das Geld brauchte, wie bald ich es verschaffen mußte, und welche neuen Berechnungen in ihrem ewig berechnenden Kopfe wohl wieder entstanden sein mochten ... Offenbar war auch in diesen letzten zwei Wochen eine Unmenge neuer Fakta, von denen ich noch nichts ahnte, hinzugekommen. Da gab es nun viel zu raten, zu kombinieren und nachzudenken, und das mußte schnell geschehen. Doch vorläufig hatte ich keine Zeit dazu: ich mußte zum Roulette.
II.
Offen gestanden: dieser Auftrag war mir sehr unangenehm; denn, wenn ich auch fest beschlossen hatte, zu spielen, so wollte ich es doch für mich und nicht für andere tun. Diese plötzliche Durchkreuzung meiner Pläne machte mich eigentlich ganz konfus und ich betrat die Spielsäle mit einem höchst widerwärtigen Gefühl. Dort mißfiel mir auf den ersten Blick ausnahmslos alles. Nicht ausstehen kann ich dieses Lakaientum der Feuilletonschreiber der ganzen Welt, namentlich aber unserer russischen, die fast in jedem Frühjahr immer wieder von zwei Dingen erzählen: erstens, von der ungeheueren Pracht und dem fabelhaften Luxus der Spielsäle gewisser internationaler Städte am Rhein, und zweitens, von den Goldhaufen, die dort – nach ihrer Schilderung – auf den Tischen liegen. Man zahlt ihnen doch nichts für diese Lügen, es geschieht von ihnen einfach aus Gefallsucht, glaube ich, oder übrigens vielleicht auch aus ganz uneigennütziger Nächstenliebe. In Wirklichkeit kann aber in diesen elenden Sälen von Pracht überhaupt nicht die Rede sein, und Gold liegt auf den Tischen nicht nur nicht in „Haufen“, sondern ist so gut wie gar nicht zu sehen. Freilich kommt es mitunter vor – in jeder Saison höchstens einmal – daß plötzlich irgendein Sonderling auftaucht, ein Engländer oder irgendein Asiat, etwa ein Türke, wie in diesem Sommer, und daß dieser entweder sehr viel verspielt oder sehr viel gewinnt. Die übrige Gesellschaft spielt aber nur mit kleinen Summen, setzt gewöhnlich silberne Münzen, und so liegt durchschnittlich immer nur sehr wenig Gold auf den Tischen.
Als ich den Spielsaal betrat – zum erstenmal im Leben – nahm ich mir vor, eine Zeitlang noch nicht zu spielen. Das Gedränge war auch so groß, daß ich kaum hätte ankommen können. Doch selbst wenn ich allein im Saal gewesen wäre, hätte ich nicht zu spielen begonnen; wenigstens scheint es mir so; ich glaube sogar, daß ich eher fortgegangen wäre. Um die Wahrheit zu sagen: mein Herz klopfte nicht wenig, und ich muß offen gestehen, daß ich nicht gleichmütig blieb. Ich wußte mit tödlicher Sicherheit, daß ich Roulettenburg nicht so verlassen, daß vielmehr hier etwas geschehen würde, das mein Schicksal entschied. Und so muß es, und so wird es auch sein! Wie lächerlich es aber auch erscheinen mag, vom Roulette etwas zu erwarten, so finde ich doch die landläufige Meinung, daß es direkt dumm und unsinnig sei, auf das Spiel irgendeine Hoffnung zu setzen, noch viel lächerlicher. Inwiefern ist denn das Spiel schlechter als irgendeine andere Art Geldgewinn, als zum Beispiel – nun, sagen wir der Gewinn im Handel? Allerdings gewinnt hier von hundert nur einer und neunundneunzig verlieren ... doch was geht das mich an?
Ich sagte mir, daß es wohl das beste sei, zunächst dem Spiel der anderen zuzusehen und selbst vorläufig noch nicht zu beginnen, wenigstens nicht ernstlich. Wenn ich aber an diesem Abend dennoch spielen sollte, so würde ich es eben nur versuchsweise tun, – das war mein fester Entschluß. Hinzu kam, daß ich noch nicht einmal zu spielen verstand; denn, ungeachtet der zahllosen Beschreibungen des Roulette, die ich stets mit so großem Interesse gelesen hatte, war mir das Spiel doch noch ein Rätsel. Das wurde nun freilich anders, als ich mit eigenen Augen spielen sah.
Der erste Eindruck, den ich empfing, war ein sehr unangenehmer: es erschien mir alles so schmutzig – gewissermaßen moralisch schmutzig und gemein. Ich rede nicht von den gierigen, unruhigen Gesichtern, die dutzendweis oder gar zu Hunderten die Spieltische umringten. – Übrigens vermag ich in dem Wunsche, möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu gewinnen, nichts Schmutziges zu sehen, und der Ausspruch eines bekannten, natürlich satten und wohlhabenden Moralpredigers, der auf irgend jemandes Einwendung, man spiele ja nur um „kleinen Gewinn“ geantwortet: „Um so schlimmer, dann ist es kleinliche Habgier“, erscheint mir ziemlich dumm. Als wäre kleinliche Habgier und große Habgier nicht ein und dasselbe! Die Begriffe klein und groß sind doch hier ganz relativ: was für einen Rothschild eine kleine Summe ist, ist für meinen Beutel eine sehr große Summe. Was aber den Gewinn betrifft, so sind ja doch die Menschen nicht nur am Roulettetisch, sondern überall und zu jeder Zeit nur darauf bedacht, wie sie etwas gewinnen oder sonstwie ergattern könnten. Ob nun Gewinn überhaupt und im allgemeinen etwas Schlechtes ist – das ist eine Frage für sich, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Da aber auch ich, als ich den Spielsaal betrat, im höchsten Grade von dem Wunsche erfüllt war, möglichst viel und möglichst schnell zu gewinnen, so war mir diese allgemeine Habgier, dieser Schmutz der Habgier, wenn man will, gewissermaßen vertraut. Es gibt ja nichts Netteres als wenn man sich untereinander nicht geniert, nicht ziert und Verstecken spielt, sondern sich offen und sans gêne benimmt. Ja und wozu sich schließlich selber betrügen? Das wäre doch eine ganz überflüssige, leere Beschäftigung ohne die geringste Berechnung ...
Ganz besonders unschön war aber an diesem Spielerpack jene Hochachtung vor dem Spiel, jener Ernst – ein Ernst, der fast sogar an Ehrfurcht grenzt – mit dem es sich an die Spieltische drängte. Deshalb wird hier auch ein großer Unterschied gemacht zwischen dem Spiel, das man „mauvais genre“ nennt, und dem Spiel, das einem anständigen Menschen erlaubt ist: das eine ist gentlemanlike, das andere plebejisch, habgierig, das Spiel solcher Leute, die man mit „Spielsaalgesindel“ bezeichnet. Wie gesagt: der Unterschied ist groß, aber – wie ist dieser Unterschied im Grunde doch verächtlich! Ein Gentleman kann z. B. fünf oder sechs Louisdor setzen, selten mehr – übrigens, wenn er sehr reich ist, auch tausend Franken – aber er setzt sie einzig um des Spieles willen, nur so zu seinem Vergnügen, nur um dem Prozeß des Verlierens oder Gewinnens zuzusehen und ohne sich im geringsten speziell für den Gewinn zu interessieren. Gewinnt er zufällig, so kann er z. B. amüsiert lächeln, sich mit einer scherzhaften Bemerkung an einen der Nebenstehenden wenden, er kann sogar noch einmal setzen und den Einsatz wieder verdoppeln, doch alles nur aus Neugier, nur zu seinem „Amüsement“, um den Wechsel der Chancen zu beobachten, also gewissermaßen um zu experimentieren, doch beileibe nicht um des Gewinnes willen! – ein so plebejischer Beweggrund ist absolut ausgeschlossen! Kurz, er darf dieses Spiel nicht anders auffassen denn als amüsanten Zeitvertreib, der nur zu seiner Unterhaltung inszeniert wird. Alle Berechnungen und Fallen, auf denen das Spiel beruht, ohne die es überhaupt nicht existieren würde, darf er nicht einmal vermuten. Und einen äußerst vorteilhaften Eindruck macht es, wenn er z. B. ganz naiv voraussetzt – oder sich den Anschein gibt, als setze er es voraus –, daß auch alle übrigen Spieler, dieses ganze Gesindel, das um jeden Gulden zittert, ebensolche Krösusse und Gentlemen seien wie er, und gleichfalls nur zu ihrer Belustigung das Geld auf den Tisch setzten. Diese vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit und naive Auffassung der Menschen waren sehr aristokratisch. Ich sah, wie viele Mütter ihre unschuldig aussehenden und elegant gekleideten fünfzehn- oder sechzehnjährigen Töchter vorschoben, ihnen einige Goldstücke in die Hand drückten und dann erklärten, wie man spielt. Und die junge Miß, die dann gewann oder verlor, lächelte unbedingt sehr zufrieden, wenn sie den Tisch verließ. Einmal sah ich auch, wie unser General spielte. Würdevoll und langsam, wie in gleichmütiger Ruhe trat er an den Tisch; ein Lakai eilte herbei, um ihm einen Stuhl zu reichen, doch er übersah den Lakai und den Stuhl; langsam, ohne jede Hast und Erregung, zog er seine Börse hervor, langsam, sehr langsam entnahm er ihr dreißig Franken und setzte sie auf Schwarz: Er gewann. Doch er rührte den Gewinn nicht an, er ließ ihn liegen, wo er lag. Und er gewann wieder; und er rührte auch diesmal den Gewinn nicht an. Und als dann statt Schwarz plötzlich Rot gewann, verlor er mit einem Schlage eintausend und zweihundert Franken. Mit einem Lächeln ging er fort, ohne sich auch nur einen Augenblick zu vergessen. Ich bin überzeugt, daß sein Herz zum Zerspringen schmerzte und daß er, wenn der Verlust zwei- oder dreimal größer gewesen wäre, seine Selbstbeherrschung wohl kaum bewahrt hätte. Übrigens stand ich einmal neben einem Franzosen, der dreißigtausend Franken gewann und verlor und dabei doch seine unbekümmert heitere Miene beibehielt. Ein richtiger Gentleman darf sich nie beim Spiel aufregen, und sollte er auch sein ganzes Vermögen verspielen. Er muß auf das Geld so herabsehen, als sei es für ihn kaum der Mühe wert, sich darum zu kümmern. So ist es denn sehr aristokratisch, den Schmutz sowohl dieses Spielgesindels wie der ganzen Umgebung gar nicht zu bemerken. Mitunter aber ist auch das Gegenteil nicht minder vornehm: dieses ganze Gesindel in seinem Treiben zu beobachten, ja es sogar ostentativ zu betrachten – etwa durch ein Lorgnon – jedoch nicht anders, als indem man zu verstehen gibt, daß man das Betrachten dieses Pöbels und der allgemeinen, doch ängstlich cachierten Habgier nur als originelle Zerstreuung auffasse, als interessantes Schauspiel, das ebenfalls nur zur Unterhaltung des Beobachters vor seinen Augen sich abspielt. Man kann sich sogar selbst in das Gewühl drängen, doch muß man dabei in Blick und Miene die vollkommene Überzeugung ausdrücken, daß man nur sich allein für den einzigen Beobachter halte und selbst keineswegs zu dieser Gesellschaft gehöre. Übrigens ist ein gar zu interessiertes Beobachten doch wieder nicht zu empfehlen. Das wäre wiederum nicht ganz gentlemanlike, denn im Grunde steht doch dieses Schauspiel zu tief unter der Würde eines Aristokraten, als daß er ein so großes Interesse dafür empfinden könnte, – wie es ja überhaupt wenig Schauspiele gibt, die in den Augen eines Gentleman besonderer Aufmerksamkeit wert sind. Mir persönlich aber wollte es nichtsdestoweniger scheinen, daß alles dies sehr wohl der Mühe wert sei, mit größter Aufmerksamkeit beobachtet zu werden, und zwar namentlich für den, der nicht nur Studien halber gekommen ist, sondern sich selbst gewissenhaft und aufrichtig zu diesem ganzen Gesindel zählt. Was jedoch meine privaten sittlichen Überzeugungen betrifft, so sind sie natürlich hier unter diesen meinen Betrachtungen nicht am Platz. Mag es denn dabei bleiben, daß es so ist; ich rede zur Erleichterung meines Gewissens. Doch eines ist mir dabei aufgefallen: daß es mich in der ganzen letzten Zeit eigentümlich angewidert hat, meine Gedanken und Handlungsweisen gleichviel mit welch einem moralischen Maßstäbchen zu messen. Etwas ganz anderes beherrschte mich ...
Das Spielgesindel spielt in der Tat sehr schmutzig. Ich bin sogar nicht abgeneigt, anzunehmen, daß dort an den Tischen sehr oft ganz gewöhnlicher Diebstahl betrieben wird. Die Croupiers – von denen nur je einer an einem Tisch sitzt – die nach den Einsätzen sehen und die Gewinne berechnen müssen, haben ohnehin schon viel zu viel zu tun, als daß sie auf alle Hände aufpassen könnten. Das ist nun mal so ein Pack, diese Croupiers! Größtenteils sind es Franzosen. Übrigens mache ich hier alle diese Bemerkungen nicht etwa, um das Roulette zu beschreiben; ich beobachtete nur so für mich selbst und merke mir dieses und jenes, damit ich dann weiß, wie ich mich späterhin beim Spiel zu verhalten habe. Unter anderem ist mir dort aufgefallen, daß sich sehr oft eine Hand ausstreckt, die nicht zu den in der ersten Reihe Sitzenden gehört, und das fortnimmt, was ein anderer gewonnen hat. Es entsteht ein Streit, nicht selten kommt es sogar zu beträchtlichem Lärm, doch – nun bitte gefälligst zu beweisen und Zeugen dafür zu suchen, wem der Einsatz gehört!
Anfangs war mir das ganze Spiel so unverständlich wie eine arabische Grammatik. Nach und nach erriet ich mehr als ich begriff, daß die Einsätze nach der Zahl, nach der Farbe und auf Paar oder Unpaar gemacht wurden. Ich beschloß, von dem Gelde, das Polina mir gegeben hatte, nur hundert Gulden „aufs Spiel zu setzen“. Der Gedanke, daß ich nun doch nicht für mich begann, machte mich gewissermaßen unsicher. Jedenfalls war es ein sehr unangenehmes Gefühl, das ich schnell loswerden wollte. Es schien mir die ganze Zeit, daß ich, indem ich für Polina mein Glück versuchte, damit das eigene Glück untergrub.
Sollte man wirklich mit dem grünen Tisch nicht in Berührung kommen können, ohne sogleich vom schlimmsten Aberglauben befallen zu werden?
Ich begann damit, daß ich fünf Friedrichsdor, also fünfzig Gulden, herausnahm und sie auf Paar setzte. Das Rad drehte sich und es kam dreizehn – ich hatte verloren. Mit einer gewissen krankhaften Empfindung, nur um mich irgendwie loszumachen und mit Anstand fortgehen zu können, setzte ich noch fünf Friedrichsdor auf Rot. Es kam Rot. Ich setzte alle zehn Friedrichsdor auf Rot – wieder kam Rot. Und ich ließ wieder alles stehen und wieder kam Rot. Von den erhaltenen vierzig Friedrichsdor setzte ich zwanzig auf die zwölf mittleren Ziffern, ohne zu wissen, was daraus werden würde. Man gab mir das Dreifache. So hatte ich anstatt der zehn Friedrichsdor auf einmal achtzig. Es wurde mir aber von einer ungewohnten, seltsamen Empfindung so unerträglich zumut dort am Tisch, daß ich beschloß, sogleich fortzugehen. Es schien mir, daß ich ganz anders gespielt haben würde, wenn ich für mich gespielt hätte. Doch plötzlich setzte ich alle achtzig Friedrichsdor noch einmal auf Paar. Diesmal kam vier: ich gewann noch achtzig Friedrichsdor. Da nahm ich den ganzen Haufen von hundertundsechzig Friedrichsdor vom Tisch und ging, um Polina Alexandrowna aufzusuchen.
Sie spazierten alle zusammen im Park und so gelang es mir erst nach dem Abendessen, unter vier Augen mit ihr zu sprechen. Diesmal war der Franzose nicht zugegen und der General wurde gesprächig. Unter anderem fand er es für nötig, mir nochmals zu sagen, daß er es eigentlich nicht wünschte, mich am Spieltisch zu sehen. Seiner Ansicht nach würde es ihn sehr kompromittieren, wenn ich einmal gar zu viel verspielte, – „doch selbst wenn Sie sehr viel gewinnen sollten, würde ich auch dann noch stark kompromittiert sein,“ fügte er bedeutsam hinzu. „Ich habe allerdings nicht das Recht, Ihnen für Ihr Tun und Lassen Vorschriften zu erteilen, aber Sie werden doch selbst zugeben, daß ...“
Nach seiner alten Gewohnheit sprach er den Satz wieder nicht zu Ende. Ich erwiderte darauf nur trocken, daß ich sehr wenig Geld habe und folglich nicht auffallend viel verlieren könne, falls ich überhaupt spielen sollte. Als ich zu mir hinaufging, konnte ich Polina noch ihren Gewinn übergeben, bei welcher Gelegenheit ich ihr erklärte, daß ich fernerhin nicht mehr für sie spielen werde.
„Warum nicht?“ fragte sie beunruhigt.
„Weil ich für mich und nicht für andere spielen will,“ antwortete ich, sie etwas verwundert betrachtend, daß sie es nicht von selbst erriet, „und das stört mich nur.“
„So sind Sie immer noch überzeugt, daß das Roulette Ihre Rettung sein wird?“ fragte sie spöttisch.
„Ja,“ erwiderte ich sehr ernst. „Was jedoch meine Überzeugung, daß ich unfehlbar gewinnen werde, betrifft, so mag sie vielleicht sehr lächerlich sein, meinetwegen, doch wünsche ich, in Ruh gelassen zu werden.“
Polina Alexandrowna bestand darauf, daß ich den Gewinn mit ihr teilen müsse, und wollte mir unbedingt achtzig Friedrichsdor aufdrängen, mit dem Vorschlag, auch fernerhin das Spiel unter dieser Bedingung fortzusetzen. Ich weigerte mich jedoch mit aller Entschiedenheit, das Geld anzunehmen, und erklärte ihr, daß ich für andere nicht nur deshalb nicht spielen werde, weil ich nicht wolle, sondern weil ich ganz gewiß verlieren würde.
„Und doch setze auch ich, wie dumm es auch sein mag, meine ganze Hoffnung fast nur noch auf das Spiel,“ sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken versunken. „Nein, Sie müssen das Spiel unbedingt fortsetzen und den Gewinn mit mir teilen, und – natürlich werden Sie es tun.“
Damit verließ sie mich, ohne meine weiteren Einwendungen anzuhören.
III.
Gestern sprach sie, ganz wider meine Erwartung, kein Wort zu mir vom Spiel. Und überhaupt vermied sie es gestern, mit mir zu sprechen. Ihr Benehmen gegen mich hat sich nicht im geringsten verändert. Im Verkehr wie überhaupt bei jeder kurzen Begegnung immer dieselbe Geringschätzung, in die sich mitunter sogar so etwas wie Verachtung und Haß mischt. Ja, sie scheint sogar die Abneigung, die sie doch augenscheinlich für mich empfindet, nicht einmal verbergen zu wollen. Das sehe ich. Dabei gibt sie sich aber gar keine Mühe, zu verbergen, daß sie meiner bedarf und mich zu irgendeinem Zweck „noch am Leben läßt“, d. h. also, mich noch „aufspart“. Es haben sich zwischen uns seltsame Beziehungen gebildet, die mir in mancher Hinsicht unverständlich sind – wenn ich ihren Stolz und Hochmut gegen alle in Betracht ziehe.
Sie weiß zum Beispiel, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, sie erlaubt mir sogar, von meiner Leidenschaft zu sprechen – und, versteht sich, könnte mir ihre Verachtung durch nichts deutlicher zu verstehen geben, als durch diese gleichgültige Erlaubnis, so viel und wie immer ich nur will, mit aller Zensurfreiheit, von meiner Liebe zu ihr zu sprechen. Was kann sie damit anders sagen wollen, wenn nicht: „Deine Gefühle schätze ich viel zu gering, als daß es mich nicht vollkommen gleichgültig ließe, was du da zu mir sprichst oder für mich fühlst.“
Von ihren eigenen Angelegenheiten hat sie auch früher schon viel mit mir gesprochen, aber doch niemals mit ganzer Offenherzigkeit. Ja, mehr noch als das: in ihrer Geringschätzung für mich kam mitunter noch eine ganz besondere Raffiniertheit zum Ausdruck, wie zum Beispiel:
Sie weiß, sagen wir, daß mir irgendein Umstand aus ihrem Leben bekannt ist, oder irgend etwas, was sie sehr beunruhigt, sie erzählt mir sogar selbst einiges davon – wenn ich ihr etwa wie ein Sklave oder Laufbursche einen Dienst erweisen kann – erzählt mir dann aber nur genau so viel, wieviel ein Sklave oder Laufbursche zu wissen braucht, um den Dienst erweisen zu können. Und wenn sie auch sehr gut sieht, daß es mich quält, nicht den ganzen Zusammenhang der Dinge erraten zu können, wenn sie auch tausendmal sieht, wie ihre Unruhe und ihre Sorgen mich quälen und aufregen, so wird sie mich doch nie dessen würdigen, daß sie mich durch volle Offenheit beruhigt. Und sie hat mir oft genug nicht nur schwierige, sondern direkt mit Gefahr verbundene Aufträge gegeben, was ihr doch, wenigstens meiner Meinung nach, geradezu zur Pflicht machen müßte, vollkommen aufrichtig zu sein. Doch ... lohnt es sich denn, sich überhaupt um meine Gefühle zu kümmern, und darum, daß ich gleichfalls besorgt und unruhig bin, und daß ihre, nur ihre Sorgen und ihr Mißgeschick mich vielleicht noch dreimal mehr quälen als sie selbst?
Ich wußte schon drei Wochen vorher um ihre Absicht, Roulette zu spielen. Sie hatte mich darauf vorbereitet, daß ich für sie werde spielen müssen, da es sich für sie selbst nicht schicke. Und aus dem Ton ihrer Worte glaubte ich schon damals zu erraten, daß eine wirklich ernste Sorge sie bedrücke und aus ihr nicht etwa der Wunsch sprach, nur so für sich Geld zu gewinnen. Was ist ihr denn Geld! Nein, sie muß eine ganz besondere und ernste Absicht haben, es muß etwas geschehen sein, was ich nur halb erraten kann, ohne deshalb den ganzen Zusammenhang auch nur zu ahnen. Natürlich kann ich diese Sklaverei, in der sie mich hält, sehr wohl insofern ausnutzen, als sie mir doch gewissermaßen erlaubt, ganz ungeniert und ohne Umschweife Fragen zu stellen: wenn ich in ihren Augen so nichtswürdig bin, so darf sie sich doch durch meine unhöfliche Neugier nicht verletzt fühlen. Und so habe ich sie bisweilen ganz unumwunden gefragt. Nun war aber die Sache die, daß sie mir zwar diese Fragen erlaubte, doch deshalb noch lange nicht auf dieselben zu antworten geruhte. Mitunter aber überhörte sie sie einfach. Das ist nun unser Verhältnis zueinander!
Gestern wurde viel von einem Telegramm gesprochen, das schon vor vier Tagen nach Petersburg abgegangen und auf welches seltsamerweise noch keine Antwort eingetroffen war. Dies regte den General nicht wenig auf, weshalb er denn recht wortkarg und nachdenklich wurde. Natürlich handelt es sich um die Babuschka. Auch der Franzose ist aufgeregt. Gestern zum Beispiel hatte er gleich nach Tisch eine sehr lange und ernste Unterredung mit dem General. Das Benehmen des Franzosen gegen uns alle läßt viel zu wünschen übrig, da er mit jedem Tage hochmütiger wird und immer geringschätziger auf uns herabblickt. Auf ihn paßt vorzüglich das Sprichwort: „Setzt du ihn an den Tisch, so setzt er auch schon die Füße auf den Tisch.“ Sogar gegen Polina benimmt er sich bis zur Unhöflichkeit nachlässig, doch hindert ihn das nicht, mit Vergnügen an den gemeinsamen Spaziergängen im Kursaal oder an den Ausfahrten in die Umgegend und den Spazierritten teilzunehmen. Einzelne Motive der soi-disant-Freundschaft, die den General mit dem Franzosen verknüpft, sind mir bekannt. In Rußland wollten sie zusammen eine Fabrik gründen, nur weiß ich nicht, ob das Projekt bereits endgültig vergessen ist oder ob von ihm mitunter noch gesprochen wird. Außerdem habe ich zufällig noch ein gewisses Familiengeheimnis erfahren: der Franzose hat nämlich im vorigen Jahr dem General wirklich einmal aus der Verlegenheit geholfen, und zwar, indem er ihm mit dreißigtausend unter die Arme griff, als dieser bei Übergabe seines Amtes auch die ihm anvertrauten Staatsgelder übergeben mußte, von denen rund dreißigtausend abhanden gekommen waren. Selbstverständlich hat er den General jetzt am Gängelbande. Doch jetzt, gerade jetzt spielt die Hauptrolle in der ganzen Geschichte nur Mademoiselle Blanche – darin täusche ich mich gewiß nicht.
Wer Mademoiselle Blanche ist? Nun, hier bei uns heißt es, sie sei eine vornehme Französin, die in Begleitung ihrer Mutter reist und ein kolossales Vermögen besitzt. Bekannt ist ferner, daß sie mit unserem Marquis verwandt ist, oder sein soll, jedoch nur ziemlich entfernt: Kusine oder noch um einen Grad weiter, oder so ungefähr. Man sagt aber, daß der Franzose und Mademoiselle Blanche vor meiner Fahrt nach Paris im Verkehr miteinander bedeutend zeremonieller gewesen seien, sich wenigstens weit rücksichtsvoller und diskreter vor der Gesellschaft gegeben hätten, während sich ihre Bekanntschaft, Freundschaft und Verwandtschaft jetzt viel plumper und gewissermaßen intimer äußerte. Vielleicht erscheint ihnen unsere finanzielle Lage bereits so schlecht, daß sie sich die Mühe größerer Zeremonien sparen.
Schon vorgestern fiel es mir auf, wie kritisch Mister Astley Mademoiselle Blanche und deren Mutter betrachtete. Es ist fast anzunehmen, daß er sie früher gekannt hat. Und plötzlich schien es mir, daß er sogar unserem Franzosen bereits früher irgendwo begegnet sein müsse. Übrigens ist Mister Astley so schüchtern, menschenscheu und schweigsam, daß man sich wohl unter allen Umständen auf ihn verlassen kann, – der wird nichts auf die Straße tragen! Wenigstens grüßt ihn der Franzose kaum und sieht ihn auch kaum an, folglich fürchtet er ihn nicht. Das Benehmen des Franzosen ist noch begreiflich, aber warum beachtet auch Mademoiselle Blanche den Engländer kaum? Das ist noch um so verwunderlicher, als der Franzose gestern im allgemeinen Gespräch – ich entsinne mich nicht mehr, wovon gerade die Rede war – die Bemerkung machte, daß Astley kolossal reich sei, er, der Marquis, wisse es ganz genau. Da hätte doch Mademoiselle Blanche den Mister ansehen müssen!
Kurz, der General fühlt sich sehr beunruhigt. Na, es ist ja begreiflich, wenn man bedenkt, was für ihn ein Telegramm mit der Nachricht vom Tode der Tante im Augenblick bedeuten würde!
Obschon ich mit Sicherheit zu bemerken glaubte, daß Polina absichtlich ein Gespräch mit mir zu vermeiden suchte, als verfolge sie damit einen bestimmten Zweck, so trug doch vielleicht auch ich einen Teil der Schuld, indem ich möglichst kühl und gleichgültig tat. Im geheimen aber hoffte ich die ganze Zeit, daß sie sich im nächsten Augenblick an mich wenden werde. Dafür habe ich gestern und heute meine Aufmerksamkeit hauptsächlich Mademoiselle Blanche zugewandt. Der arme General! Jetzt ist er doch so gut wie verloren. Im fünfundfünfzigsten Lebensjahr sich mit solch einer brennenden Leidenschaft zu verlieben – das ist natürlich mehr als ein Unglück. Und jetzt füge man noch hinzu, daß er als Witwer Kinder hat, daß sein Gut über und über verschuldet ist, und denke dann an das Frauenzimmer, in das er sich – ausgerechnet – verlieben mußte!
Mademoiselle Blanche ist hübsch. Nur ... ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke, wenn ich sage, daß sie eines jener Gesichter hat, die einem unheimlich werden können. Ich wenigstens habe solche Frauenzimmer von jeher etwas gefürchtet. Sie wird mindestens ihre fünfundzwanzig Jahre alt sein, ist hoch gewachsen, mit breiten, vollen Schultern; ihr Hals und ihre Büste sind wundervoll. Ihre Gesichtsfarbe hat den gelblich-bräunlichen Schimmer der Südländerin, ihr Haar ist schwarz wie Tusche und in solcher Überfülle vorhanden, daß es für zwei Frisuren ausreichen würde. Ihre Augen sind braunschwarz und das Weiße im Auge ist etwas gelblich. Ihr Blick ist frech. Die Zähne sind blendend weiß und die Lippen stets geschminkt. Ihr Lieblingsparfüm ist musc, das ihre Gestalt immer als leise Duftwolke umgibt. Sie kleidet sich sehr effektvoll, chic, doch zugleich mit viel Geschmack. Ihre Hände und Füße sind wundervoll. Sie hat eine Altstimme, die mitunter etwas belegt klingt. Wenn sie lacht, sieht man fast ihr ganzes Gebiß, doch lacht sie eigentlich selten. Gewöhnlich sitzt sie schweigend da und blickt frech die Anwesenden an, – wenigstens pflegt sie in Polinas und Marja Filippownas Gegenwart nur äußerst wenig zu sprechen. Übrigens, eine seltsame Neuigkeit: es heißt, Marja Filippowna werde nach Rußland zurückreisen. Mir scheint, daß Mademoiselle Blanche ganz ungebildet ist, wenigstens was ihr Wissen betrifft, und vielleicht ist sie auch nicht mal von Natur klug, wenn man so sagen darf, doch dafür ist sie argwöhnisch und folglich vorsichtig, und außerdem scheint sie über viel instinktive Schlauheit zu verfügen. Ich glaube, ihr bisheriges Leben wird nicht ganz ohne Abenteuer abgelaufen sein. Ja, wenn ich aufrichtig sein soll, so glaube ich sogar, daß der Marquis überhaupt nicht ihr Cousin oder sonstwie ein Verwandter von ihr ist, und ihre Mutter auch nicht ihre leibliche Mutter. Doch wie man hört, sollen beide Damen in Berlin, wo wir sie kennen lernten, ziemlich vornehme Bekannte besitzen. Und was den Marquis betrifft, so scheint es doch wahr zu sein, obschon ich es immer noch stark bezweifle, daß er wirklich ein Marquis ist. Jedenfalls soll seine Zugehörigkeit zur anständigen Gesellschaft, wenigstens bei uns in Moskau und in einzelnen Städten Deutschlands, keinem Zweifel unterworfen sein. Nur weiß ich nicht, wie es sich damit in Frankreich verhält. Es heißt, er habe dort ein château.
Ich dachte, während dieser zwei Wochen werde viel Wasser den Fluß hinabfließen, wollte sagen, es werde vieles geschehen, doch erscheint es mir heute noch immer sehr fraglich, ob es zwischen Mademoiselle Blanche und dem General endlich zu einer entscheidenden Aussprache gekommen ist. Wie gesagt, es hängt jetzt alles von unserem Vermögensstande ab, d. h. wieviel Geld der General ihnen zeigen kann. Wenn jetzt z. B. die Nachricht käme, die alte Dame sei nicht gestorben und werde voraussichtlich nicht so bald sterben, so wird Mademoiselle Blanche – davon bin ich überzeugt – binnen kürzester Zeit verschwinden.
Wirklich, ich muß mich selbst darüber wundern, was für eine Klatschbase ich doch geworden bin. Wie lächerlich! Und wie mich das doch alles anekelt! Mit welchem Vergnügen würde ich hier allen und allem den Rücken kehren, oh! mit welch einem erlösenden Wonnegefühl ich es täte! Aber – kann ich mich denn von Polina trennen, kann ich es denn lassen, um sie herumzuspionieren? Zur Spionage gehört natürlich immer eine gewisse Gemeinheit, doch – was kümmert das mich?
Sehr interessiert hat mich gestern und heute auch Mister Astley. Ja, ich bin positiv überzeugt, daß er in Polina verliebt ist! Es ist ganz merkwürdig und sogar zum Lachen, wieviel mitunter der Blick eines verschämten und fast schon krankhaft keuschen Menschen, den plötzlich die Liebe gepackt hat, zu verraten vermag, und zwar gerade dann, wenn dieser Mensch lieber in die Erde versinken als durch einen Blick oder ein Wort etwas von seinen Gefühlen verraten möchte. Mister Astley begegnet uns sehr oft auf unseren Spaziergängen. Er grüßt und geht vorüber, äußerlich wie ein gleichgültiger Fremder, doch innerlich, versteht sich, vergeht er fast vor Verlangen, sich uns anzuschließen. Fordert man ihn aber dazu auf, so lehnt er es mit einer Entschuldigung sofort ab. An allen Ruhepunkten, im Kursaal, beim Springbrunnen oder vor dem Musikpavillon, kurz, wo wir uns gerade befinden, wird er unfehlbar irgendwo in unserer Nähe stehen bleiben; und wo wir auch sonst sein mögen, im Walde, auf der Promenade, im Park oder auf dem Schlangenberge – man braucht nur einmal aufzuschauen oder sich umzuschauen und mit tödlicher Sicherheit wird man in nächster Nähe oder hinter einem Gebüsch oder auf einem Nebenwege einen Zipfel von Mister Astley erblicken. Mir scheint, er sucht eine Gelegenheit, unter vier Augen mit mir zu sprechen. Heute morgen begegneten wir uns zufällig nicht in Gegenwart der anderen und wechselten ein paar Worte. Mitunter spricht er förmlich in abgerissenen Brocken. Noch hatte er mir nicht guten Tag gesagt, als er schon ohne Einleitung von Mademoiselle Blanche zu sprechen begann – wohl im Anschluß an die Gedanken, die ihn gerade beschäftigt haben mochten.
„Ja, Mademoiselle Blanche! ... Ich habe viele solche Damen gesehen! ... und ähnliche! ...“
Ein bedeutsamer Seitenblick sollte wohl als Erläuterung dienen, doch bin ich wahrscheinlich dieser Redeweise gegenüber etwas schwer von Begriff, denn was er damit sagen wollte, habe ich mir noch immer nicht ganz zu erklären vermocht. Auf meine Frage, was er damit meine, erwiderte er nur mit listigem Lächeln und mit dem Kopfe nickend:
„Das ist schon so.“
Und nach kurzer Pause fragte er plötzlich ganz unvermittelt:
„Liebt Miß Polina Blumen?“
„Das weiß ich nicht. Keine Ahnung,“ erwiderte ich.
„Wie? Auch das wissen Sie nicht?“ rief er höchst verwundert aus.
„Nein, in der Tat, ich weiß es nicht. Es ist mir nicht aufgefallen,“ sagte ich lachend.
„Hm! Das bringt mich auf einen besonderen Gedanken.“
Und damit nickte er mir zu und ging weiter. Er sah übrigens sehr zufrieden aus. Wir sprachen Französisch miteinander, obwohl er diese Sprache sehr schlecht spricht.
IV.
Heute war es wirklich ein lächerlicher, ein unsinniger, ein geradezu blödsinniger Tag! Jetzt ist es elf Uhr nachts. Ich sitze in meinem Zimmer – von dem ich eigentlich nur im Diminutiv sprechen sollte – sitze am Tisch und durchlebe in Gedanken nochmals den ganzen Tag.
Er begann damit, daß mich Polina Alexandrowna am Morgen doch zu zwingen wußte, nochmals für sie Roulette zu spielen. Ich nahm alle ihre hundertsechzig Friedrichsdor wieder mit, doch hatte ich zwei Bedingungen gestellt: erstens, daß ich den Gewinn nicht mit ihr teilen würde, d. h. wenn ich gewänne, so behielte ich nichts für mich; und zweitens, daß sie mir erklären müsse, wieviel und wozu sie das Geld zu gewinnen wünsche. Ich kann es mir nicht denken, daß sie einfach nur Geld gewinnen will, nur Geld! Nein, hier handelt es sich um etwas Ernstes, sie braucht das Geld und sie möchte es sich möglichst bald verschaffen, und zwar zu einem ganz bestimmten Zweck. Nun, sie versprach, mir das zu erklären und ich ging.
In den Spielsälen war ein furchtbares Gedränge. Wie rücksichtslos sie doch alle sind und wie geldgierig! Ich drängte mich glücklich bis zu einem Tisch durch und stellte mich neben den Croupier. Ich begann etwas zaghaft zu spielen, setzte nur zwei bis drei Geldstücke auf einmal. Dabei machte ich meine Beobachtungen und merkte mir verschiedenes. Es scheint mir, daß alle diese Spielberechnungen sehr wenig wert sind, oder zum mindesten nicht den Wert haben, den viele Spieler ihnen beilegen. Da sitzen sie mit ihren bekritzelten Papierstückchen, notieren sorgfältig, was herausgekommen ist, rechnen und berechnen, wägen die Chancen ab, rechnen nochmals nach, bevor sie endlich setzen und – verlieren, ganz ebenso wie die gewöhnlichen Sterblichen, die ohne Berechnung spielen. Dafür aber habe ich eine Beobachtung gemacht, die mir richtig scheint. In der Reihenfolge, in der die verschiedenen Farben und Zahlen gewinnen, liegt wirklich, wenn nicht gerade ein System, so doch ein gewisser Anklang an eine Regel, – was natürlich sehr seltsam ist. So pflegten zum Beispiel nach den zwölf mittleren Ziffern gewöhnlich die zwölf ersten herauszukommen; zweimal, nehmen wir an, trifft es die zwölf ersten, dann geht es auf die zwölf letzten über. Nach den zwölf letzten folgen wieder die zwölf mittleren, die es drei- oder viermal nach der Reihe trifft, um dann wieder zu den zwölf ersten überzugehen, von denen es, nachdem es sie etwa zweimal getroffen hat, wieder zu den zwölf letzten zurückkehrt. Die letzten trifft es, sagen wir, nur einmal, dann kommen dreimal wieder die zwölf mittleren an die Reihe, und so geht es weiter, anderthalb oder gar zwei Stunden lang. Immer eins, drei und zwei; eins, drei und zwei. Das ist sehr merkwürdig. – An einem andern Tage oder nur Vormittage kommt es dagegen vor, daß Rot immer mit Schwarz abwechselt, bald dies, bald jenes, es wechselt alle Augenblicke, und eine Regel besteht dann höchstens insofern, als es weder die eine noch die andere Farbe mehr als zwei- oder dreimal nach der Reihe trifft. Doch an einem anderen Tage oder Abend wiederum kommt nur die eine Farbe, Rot zum Beispiel, Schlag auf Schlag heraus, mehr als zweiundzwanzigmal nach der Reihe, dann tritt plötzlich eine kleine Unterbrechung ein und – wieder folgt Rot, Rot, Rot. Und das dauert mitunter lange Zeit, zuweilen sogar einen ganzen Tag. Einige dieser Beobachtungen hat mir Mister Astley erzählt. Er scheint viel beobachtet zu haben. Heute stand er den ganzen Morgen über am Spieltisch, hat aber selbst nicht ein einziges Mal gesetzt. Was nun mich betrifft, so habe ich heute alles verspielt, alles bis aufs Letzte, und das ging sehr schnell.
Ich begann damit, daß ich sogleich zwanzig Friedrichsdor auf Paar setzte und gewann, nochmals setzte und nochmals gewann, und so noch drei oder vier Mal. Wenn ich nicht irre, hatte ich in einigen Minuten zirka vierhundert Friedrichsdor gewonnen. Da wäre es richtig gewesen, fortzugehen. In mir aber stieg etwas Seltsames auf – ich glaube, es war das Verlangen, das Schicksal herauszufordern, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihm einfach die Zunge zu zeigen! Ich setzte die größte Summe, die den Spielern gestattet wird, viertausend Gulden, und verlor. Das erregte mich, ich nahm alles heraus, was ich bei mir hatte, und setzte es auf dieselbe Zahl und verlor wieder. Wie betäubt verließ ich den Tisch. Ich begriff zunächst nicht einmal, was geschehen war, und teilte Polina Alexandrowna erst kurz vor Tisch mit, daß ich alles verspielt hatte. Bis dahin irrte ich die ganze Zeit im Park umher.
Bei Tisch lebte ich wieder auf und wurde gesprächig, ähnlich wie vorvorgestern. Der Franzose und Mademoiselle Blanche speisten wieder mit uns. Es stellte sich heraus, daß Mademoiselle Blanche am Morgen gleichfalls im Spielsaal gewesen war und meine Heldentat gesehen hatte. Sie verhielt sich diesmal etwas aufmerksamer zu mir. Der Franzose ging offener vor und fragte mich ohne Umschweife, ob es denn wirklich mein eigenes Geld gewesen sei, das ich verspielt habe. Mir schien es, als habe er Polina in Verdacht. Jedenfalls muß etwas dahinter stecken. Ich beschloß natürlich sofort, nicht die Wahrheit zu sagen und bestätigte, daß es mein eigenes Geld gewesen sei.
Der General war darob höchst verwundert: wie war ich in den Besitz einer so hohen Summe gelangt? Ich erklärte, daß ich mit zehn Friedrichsdor das Spiel begonnen, und Schlag auf Schlag den Einsatz verdoppelt, bis ich nach etwa sieben Sätzen fast sechstausend Gulden gewonnen und dann in zwei Einsätzen wieder verloren hatte.
Das klang alles ziemlich wahrscheinlich. Während ich dieses erzählte, blickte ich flüchtig zu Polina hinüber, wurde aber nicht klug aus ihrem Gesichtsausdruck. Aber sie ließ mich doch ruhig lügen; daraus schloß ich, daß ich das Richtige tat, indem ich nicht die Wahrheit sagte und es verheimlichte, für wen ich gespielt hatte.
„Jedenfalls ist sie mir jetzt eine Aufklärung des Sachverhalts schuldig,“ dachte ich bei mir, „und sie versprach mir ja, mir noch anderes mitzuteilen.“
Ich erwartete eigentlich, daß der General mir noch eine Bemerkung machen würde, doch schwieg er wohlweislich. Ich sah ihm aber deutlich an, wie aufgeregt und ängstlich er war. Vielleicht fiel es ihm in seiner finanziell so peinlichen Lage einfach nur schwer, ruhig anzuhören, wie ein so großer Haufen Gold einem so unschlauen Dummkopf wie mir in den Schoß gefallen war, und dieser unüberlegte Mensch ihn nicht festzuhalten verstanden.
Ich vermute, daß er und der Franzose gestern abend stark aneinandergeraten sind. Ich weiß, daß sie bei verschlossenen Türen sehr erregt gesprochen haben. Der Franzose verließ ihn darauf ersichtlich gereizt, um sich heute schon früh am Morgen wieder mit ihm einzuschließen und wahrscheinlich das gestrige Gespräch fortzusetzen.
Nachdem ich von meinem Spielerlebnis erzählt hatte, machte der Franzose in beißendem und sogar boshaftem Tone die Bemerkung, daß man vernünftiger sein müsse, und nach kurzer Pause fügte er hinzu – ich weiß nicht, wie er darauf kam – daß von den Russen zwar viele spielten, sie jedoch seiner Meinung nach nicht einmal zu spielen verstünden.
„Meiner Meinung nach ist aber das Spiel speziell für die Russen erfunden,“ sagte ich.
Und als der Franzose als Antwort auf meine Bemerkung nur verächtlich auflachte, äußerte ich mich dahin, daß die Wahrheit doch augenscheinlich auf meiner Seite sei, da ich, wenn ich die Russen als Spieler kritisierte, weit mehr Schlechtes als Gutes von ihnen sagte und man mir folglich glauben könne.
„Womit begründen Sie denn Ihre Meinung?“ fragte mich darauf der Franzose.
„Damit, daß im Katechismus der Tugend- und Ehrbegriffe des zivilisierten Westeuropäers die Fähigkeit, Kapital zu erwerben, in historischer Entwicklung fast zum ersten Hauptstück geworden ist. Der Russe dagegen ist nicht nur unfähig, Kapital zu erwerben, er ist auch im Verschwenden von Geld ganz unbedacht und formlos. Leider können aber auch wir Russen nicht ohne Geld auskommen,“ fuhr ich fort, „wir haben es zuweilen sehr nötig und da sind wir sehr froh über solche Erwerbsmöglichkeiten, wie sie im Spiel, im Roulette zum Beispiel, geboten werden, und gehen mit Vergnügen auf den Leim. Denn, so ohne Arbeit, ohne Mühe und Geduld in zwei Stunden reich zu werden, das ist gerade das, was wir wollen. Und da wir auch im Spiel unbedacht sind und jede Mühe scheuen, so verspielen wir eben, was wir gewinnen.“
„Das ist zum Teil richtig,“ bemerkte der Franzose selbstzufrieden.
„Nein, das ist keineswegs richtig und Sie sollten sich schämen, so von Ihrem Volk und Vaterlande zu sprechen!“ bemerkte der General streng und mit vielsagendem Nachdruck.
„Aber ich bitte Sie,“ versetzte ich schnell, „es ist ja damit noch längst nicht gesagt, was nun eigentlich widerlicher ist, diese russische Neigung zur Unanständigkeit im Erwerb oder die deutsche Methode des Sparens durch anständigen Fleiß.“
„Welch ein schändlicher Gedanke!“ rief der General aus.
„Welch ein russischer Gedanke!“ rief der Franzose.
Ich lachte. Es machte mir Spaß, sie zu foppen.
„Nun, was mich betrifft,“ sagte ich lachend, „so würde ich es vorziehen, mein ganzes Leben nomadisierend nach Kirgisenart zu verbringen, als – den deutschen Götzen anzubeten.“
„Was für einen Götzen?“ fuhr der General auf; er begann sich ernstlich zu ärgern.
„Die deutsche Art und Weise, Geld zu sparen. Ich bin noch nicht lange in Deutschland, doch was ich hier zu beobachten und zu vergleichen Gelegenheit gehabt habe, das empört mein tatarisches Rassegefühl. Bei Gott, ich danke für solche Tugenden! Ich bin hier gestern wohl über zehn Werst weit ins Land hineingegangen. Und ich finde, daß alles genau so ist, wie in den moralpredigenden deutschen Bilderbüchern. Jedes Familienoberhaupt ist hier ein entsetzlich tugendhafter und außerordentlich ehrlicher Vater. Er ist schon so ehrlich, daß einem wider Willen bange wird, wenn man sich ihm nähert. Ich kann aber ehrliche Leute von diesem Schlage nicht ausstehen. Man wagt ihnen kaum näherzutreten. Jeder dieser Väter hat natürlich eine Familie, und abends werden lehrreiche Bücher gelesen. Über dem Hause rauschen Ulmen und Kastanienbäume. Dazu Sonnenuntergang, ein Storchennest auf dem Dach – und alles ist überaus poetisch und rührend ... Ärgern Sie sich nicht, Exzellenz, es lohnt nicht! Erlauben Sie mir, noch Rührenderes zu erzählen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein verstorbener Vater abends unter den Linden in unserem Garten mir und meiner Mutter aus ähnlichen Büchern vorlas ... Ich kann also darüber urteilen. Nun, so lebt eine jede dieser Familien hierzulande in vollständiger Sklaverei und widerspruchslosem Gehorsam beim Familienvater. Alle arbeiten sie wie die Zugochsen, und alle sparen sie Geld wie die Juden. Nehmen wir an, der Vater hat schon so und so viele Taler erspart und beabsichtigt, dem ältesten Sohne, der das Handwerk des Vaters erlernt hat, seine Werkstube mit allem Zubehör oder sein Stück Land dereinst zu übergeben. Deshalb wird der Tochter keine Mitgift ausgesetzt und sie muß ihr Leben als alte Jungfer vollbringen. Deshalb muß auch der jüngere Sohn sich als Knecht verdingen oder als Soldat seinen Lohn suchen, und das Geld, das damit gespart wird, kommt zum Familienerbkapital. Tatsächlich, so wird es hier gemacht, ich habe mich erkundigt. Alles das wird einzig aus Ehrlichkeit getan, fast sogar aus einer Art Überehrlichkeit, die in allem so weit geht, daß sogar der verkaufte jüngere Sohn daran glaubt, daß man ihn nur aus lobesamer Ehrlichkeit sein Leben verkaufen läßt. Das aber ist doch schon einfach ideal, wenn das Opfer sich selbst darüber freut, daß man es schlachtet! Und was nun weiter? Weiter sehen wir, daß der Älteste es deshalb noch nicht leichter hat, denn – es lebt dort irgendwo ein Amalchen, deren Herz sich zu seinem Herzen gefunden hat, doch heiraten darf er sie nicht, da vorher noch soundsoviel Taler gespart werden müssen. Und so warten sie beide sittsam und von Herzen aufrichtig, und sehen beide gleichfalls mit einem Lächeln ihrem Opfer zu. Amalchen beginnt zu welken, die Wangen fallen ein, doch was hat das zu sagen! Endlich, nach etwa zwanzig Jahren, ist der Besitzstand ein wesentlich besserer geworden, die Taler sind ehrlich und tugendsam zusammengespart. Der Vater segnet seinen Vierzigjährigen Ältesten und das fünfunddreißigjährige Amalchen mit der eingefallenen Brust und rotgewordenen Nasenspitze ... Bei der Gelegenheit vergießt er eine Träne, predigt noch Moral und stirbt bald darauf. Der Älteste wird nun seinerseits ein tugendsamer Vater und es fängt wieder dieselbe Geschichte an.
So nach fünfzig oder siebzig Jahren hat dann der Enkel jenes ersten Vaters schon ein ganz ansehnliches Vermögen, das er wieder seinem ältesten Sohne vermacht, dieser hinterläßt es wieder seinem Sohne, dieser wieder seinem und so weiter, bis endlich ein Sproß nach fünf oder sechs Generationen so etwas wie ein zweiter Baron Rothschild wird oder Hoppe und Kompagnie oder der Teufel weiß was sonst. Nun, wie sollte da der Anblick dieser Ahnenreihe kein erhabenes Schauspiel sein! Hundert- oder zweihundertjähriger Fleiß, Geduld, Verstand und Ehrlichkeit, praktische Berechnung, Charakter und Festigkeit, und dazu ein Storchennest auf dem Dach! Was will man mehr? – Das ist doch das Erhabenste, was es gibt ... und von diesem Standpunkt aus beginnen sie selbst die ganze Welt zu beurteilen und die Schuldigen, d. h. solche, deren Lebensweise der ihrigen mehr oder weniger unähnlich ist, ohne weiteres zu verurteilen – und zwar schonungslos. Nun, ich für meine Person wollte nur sagen, daß ich denn doch vorziehe, nach russischer Art das Leben zu verschwelgen und durch das Roulette Vermögen zu erwerben. Ich danke dafür, nach fünf Generationen Hoppe und Co. zu sein! Ich will mein Geld für mich besitzen und mir soll es gehören, nicht ich ihm, denn niemals könnte ich mich als Zugabe zum Kapital, als Nebensache betrachten ... Das heißt, pardon, ich weiß übrigens selbst, daß ich Unsinn zusammengeredet und entsetzlich übertrieben habe, aber mag es nun mal so sein. Ich bleibe dabei, was ich gesagt habe.“
„Ich weiß nicht, ob viel Wahres daran ist, was Sie gesagt haben,“ bemerkte der General nachdenklich, „nur weiß ich dafür sehr genau, daß Sie sich selbst zu überbieten suchen, sobald man Ihnen nur ein bißchen erlaubt, sich zu vergessen ...“
Wie gewöhnlich brach er wieder kurz ab. Wenn unser General irgend etwas Bedeutsameres sagen will, etwas, das ein wenig über dem Niveau der alltäglichen Unterhaltung steht, so spricht er seine Gedanken nie ganz aus. Der Franzose hörte nachlässig zu und machte kalbige Augen. Er hat wohl kaum etwas davon begriffen, was ich sagte. Polina schaute mit einem gewissen hochmütigen Gleichmut drein. Es hatte fast den Anschein, als habe sie nicht nur mich, sondern alles heute bei Tisch Gesprochene überhört.
V.
Ihre Gedanken waren mit etwas ganz anderem beschäftigt; das sah man ihr an; doch sogleich nach Tisch sagte sie zu mir, ich solle sie auf einem Spaziergang begleiten. Wir nahmen die Kinder mit und gingen in den Park zum Springbrunnen.
Da ich in ganz besonders aufgeregter Stimmung war, platzte ich dumm und grob mit der Frage heraus, weshalb denn unser Marquis de Grillet, so hieß mein Franzusischka, sie jetzt weder auf ihren Spaziergängen begleite, noch sich mit ihr wie früher unterhalte. Es war mir aufgefallen, daß er oft tagelang kein Wort mit ihr sprach.
„Weil er ein verächtliches Subjekt ist,“ sagte sie seltsamerweise.
Noch nie hatte ich von ihr eine solche Äußerung über de Grillet gehört und ich schwieg unwillkürlich. Ich fürchtete mich, nach einer Erklärung dieser Gereiztheit zu suchen.
„Haben Sie nicht bemerkt, daß er und der General heute nicht gut aufeinander zu sprechen sind?“
„Damit wollen Sie mich wohl fragen, um was es sich handelt?“ fragte sie trocken und gereizt. „Sie wissen doch, daß der General von ihm Geld geliehen, wofür er ihm Wechsel ausgestellt und das ganze Gut verpfändet hat, so daß de Grillet, falls die Babuschka nicht stirbt, sogleich in den Besitz dessen treten kann, was er als Pfand bereits in der Hand hat.“
„Ah, dann ist es also wirklich wahr, daß alles verpfändet ist? Ich habe davon gehört, nur wußte ich nicht, ob es sich tatsächlich um alles handelte.“
„Um was denn sonst?“
„Nun, dann Adieu, Mademoiselle Blanche,“ bemerkte ich, „dann ist’s nichts mit der Generalin! Aber wissen Sie, mir scheint, der General ist so verliebt, daß er sich womöglich erschießen wird, wenn Mademoiselle Blanche ihn verläßt. In seinen Jahren sich so zu verlieben, ist sehr gefährlich.“
„Ja, auch ich glaube, daß man sich in dem Fall auf etwas Schlimmes wird gefaßt machen müssen,“ sprach Polina Alexandrowna nachdenklich vor sich hin.
„Und wie wundervoll deutlich das wäre!“ lachte ich. „Nicht wahr, deutlicher könnte man es doch nicht gut zeigen, daß sie es nur auf sein Geld abgesehen hat! Hier wird ja nicht einmal der äußere Anstand gewahrt, nicht einmal um den Schein ist es ihr zu tun! Wundervoll! Und was die Babuschka betrifft, was kann es Lächerlicheres und Schmutzigeres geben, als Depesche auf Depesche abzusenden mit ewig derselben gierigen Frage: ist sie tot? – ist sie schon gestorben? – stirbt sie? ... Wie gefällt Ihnen das, Polina Alexandrowna?“
„Lassen Sie doch den Unsinn!“ schnitt sie kurz ab. „Ich wundere mich nur, daß er Sie in so gute Laune versetzt. Worüber freuen Sie sich denn? Etwa darüber, daß Sie mein Geld verspielt haben?“
„Warum gaben Sie es mir zum Verspielen? Ich sagte Ihnen doch, daß ich nicht für andere spielen kann und für Sie am allerwenigsten! Ich werde jeden Ihrer Befehle ausführen, gleichviel welcher Art er sein sollte, doch die Folgen hängen nicht von mir ab. Ich sagte Ihnen im voraus, daß nichts dabei herauskommen würde. Sagen Sie, ist es Ihnen sehr nahe gegangen, daß Sie so viel Geld verloren haben? Wozu haben Sie so viel nötig?“
„Was sollen diese Fragen?“
„Aber Sie haben mir doch selbst versprochen, zu erklären ... Hören Sie: ich bin fest überzeugt, daß ich, wenn ich für mich zu spielen beginne – ich besitze zwölf Friedrichsdor – unfehlbar gewinnen werde. Nehmen Sie dann von mir soviel Sie wollen.“
Sie machte eine verächtliche Miene.
„Ärgern Sie sich nicht über dieses Angebot meinerseits,“ fuhr ich fort. „Ich bin ja doch so durchdrungen von dem Bewußtsein, daß ich vor Ihnen eine Null bin – das heißt, in Ihren Augen – daß Sie sogar Geld von mir annehmen können. Sie können sich durch ein Geschenk von mir nicht beleidigt fühlen. Und außerdem habe ich ja das Ihrige verspielt.“
Sie warf einen raschen Blick auf mich, und als sie sah, daß ich gereizt war und sarkastisch sprach, gab sie dem Gespräch schnell eine andere Wendung, indem sie der Fortsetzung zuvorkam.
„Es ist nichts, was Sie interessieren könnte,“ sagte sie rasch. „Wenn Sie es durchaus wissen wollen – ich schulde es einfach. Ich habe Geld geborgt und würde es gern zurückgeben. Und da kam der dumme und seltsame Einfall, daß ich hier im Spiel unbedingt gewinnen würde. Wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin, begreife ich jetzt selbst nicht, aber ich glaubte an ihn, ich war überzeugt, daß es so sein werde. Wer weiß, vielleicht glaubte ich nur deshalb an ihn, weil mir sonst keine andere Rettungsmöglichkeit zur Auswahl blieb.“
„Oder weil Sie es schon gar zu nötig hatten. Das ist ganz wie bei einem Ertrinkenden, der nach einem Strohhalm greift: unter anderen Umständen würde er ihn doch gewiß nicht für einen Balken halten, der ihn retten könnte oder kann.“
Polina schien erstaunt zu sein.
„Wie, ich verstehe Sie nicht – haben Sie denn Ihre Hoffnung nicht auf ganz dasselbe gesetzt?“ fragte sie mich. „Haben Sie mir nicht noch vor zwei Wochen lang und breit erklärt, daß Sie vollkommen überzeugt seien, hier am Roulette zu gewinnen, und sagten Sie nicht, ich solle Sie deshalb nicht für wahnsinnig halten? Oder scherzten Sie damals nur? Soviel ich mich erinnere, sprachen Sie in so ernstem Tone, daß man es unter keinen Umständen als Scherz auffassen konnte.“
„Es ist wahr, ich bin fest überzeugt, daß ich gewinnen werde ... Sonderbar,“ fuhr ich nach kurzem Besinnen fort, „Sie haben mich auf eine naheliegende Frage gebracht: weshalb mein heutiger unsinniger und dummer Verlust diese meine Zuversicht nicht durch den geringsten Zweifel beeinträchtigt? Denn ich bin nach wie vor unerschütterlich überzeugt, daß ich, sobald ich für mich selbst zu spielen beginne, unfehlbar gewinnen werde.“
„Woher denn diese Siegesgewißheit?“
„Wenn ich aufrichtig sein soll – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich gewinnen muß, daß es gleichfalls meine einzige Rettungsmöglichkeit ist. Nun und deshalb scheint es mir denn vielleicht, daß ich unfehlbar gewinnen werde.“
„Also auch Sie haben es ‚schon gar zu nötig‘, wenn Sie so fanatisch daran glauben.“
„Ich wette, daß Sie natürlich daran zweifeln, ich könnte wirklich ein ernst zu nehmendes Bedürfnis haben!“
„Das ist mir ganz gleichgültig,“ sagte sie halblaut, ruhig, gleichmütig. „Wenn Sie wollen – ja, ich bezweifle, daß etwas Ernstes Sie quält. Sie können sich vielleicht quälen, jedoch nicht ernstlich. Sie sind ein zerfahrener und unbeständiger Mensch. Wozu brauchen Sie Geld? Wenigstens habe ich unter all jenen Gründen, die Sie mir damals aufzählten, keinen einzigen gefunden, der wirklich ernst zu nehmen wäre.“
„A propos,“ unterbrach ich sie, „sagten Sie nicht, daß Sie eine Schuld zurückzahlen wollten? Das muß ja ein nettes Sümmchen sein! – Doch nicht etwa dem Franzusischka?“
„Was für Fragen! Sie sind ja heute ganz besonders ... oder sind Sie vielleicht betrunken?“
„Sie wissen, daß ich Ihnen erlaube, mir alles zu sagen, und dafür meinerseits ebenso frei frage. Ich wiederhole Ihnen, ich bin Ihr Sklave, vor einem Sklaven aber schämt man sich nicht und ein Sklave kann auch nicht beleidigen.“
„Reden Sie keinen Unsinn! Ich kann Ihre Sklaventheorie nicht ausstehen!“
„Vergessen Sie nicht, daß ich nicht deshalb von meiner Sklaverei rede, weil ich etwa Ihr Sklave zu sein wünsche, sondern einfach – weil es eine Tatsache ist, die nicht von mir abhängt.“
„Sagen Sie ganz offen – wozu brauchen Sie das Geld?“
„Wozu brauchen Sie das zu wissen?“
„Wie Sie wollen,“ sagte sie schroff und wandte stolz den Kopf ab.
„Die Sklaventheorie sagt Ihnen nicht zu, aber sklavischen Gehorsam verlangen Sie wie etwas Selbstverständliches. ‚Antworten, nicht denken, wenn ich frage!‘ Schön, mag es so sein. Wozu ich das Geld brauche, fragen Sie? Wie denn! Geld ist – alles!“
„Ich verstehe. Aber deshalb braucht man doch nicht irrsinnig zu werden, wenn man es sich bloß wünscht! Sie gehen ja schon bis zum Fanatismus, sogar bis zum Fatalismus. Da kann es nicht anders sein, Sie müssen ein bestimmtes Ziel haben, Sie wollen damit etwas Besonderes bezwecken. Also sprechen Sie es offen aus, ohne Umschweife, ich will es!“
Sie ärgerte sich und mich freute es ungeheuer, daß sie so nachdrücklich darauf bestand. Der Grund interessierte sie doch.
„Selbstverständlich verfolge ich damit ein bestimmtes Ziel,“ sagte ich, „nur verstehe ich nicht, es Ihnen zu erklären. Es ist nichts weiter, als daß ich mit Geld in der Tasche auch in Ihren Augen ein ganz anderer Mensch und nicht mehr ein elender Sklave sein werde.“
„Wie? Wie wollen Sie das erreichen?“
„Wie ich’s erreichen will? ... Halten Sie nicht einmal die Möglichkeit für möglich, daß ich es erreichen könnte, von Ihnen anders denn als Sklave betrachtet zu werden! ... Nun, sehen Sie, gerade das ist es, was ich nicht will: solche Verwunderung und Verständnislosigkeit!“
„Sie haben mir gesagt, diese Sklaverei sei für Sie eine Wonne. Und ich habe es mir selbst auch so gedacht.“
„Sie haben es sich selbst auch so gedacht!“ entfuhr es mir unwillkürlich und ich empfand dabei plötzlich eine seltsame Genugtuung, die mit Schmerz und Wonne gepaart war. „Ach, wie diese Naivität von Ihnen reizend ist! Nun, ja, ja, Ihr Sklave zu sein – ist für mich eine Wonne. Es gibt, glauben Sie mir, es gibt ein Wonnegefühl, das man in dem Bewußtsein, auf der letzten Stufe der Erniedrigung und Nichtigkeit zu stehen, empfinden kann!“ delirierte ich fast wie im Fieber. „Der Teufel weiß, vielleicht empfindet man es auch unter der Knute, wenn der Riemen einem über den Rücken leckt und das Blut wie aus Schnittwunden spritzt ... Ich will aber vielleicht auch andere Genüsse, andere Wonnen auskosten. Der General hat mir vorhin bei Tisch in Ihrer Gegenwart Moral gepredigt ... für siebenhundert Rubel jährlich, die ich vielleicht noch nicht einmal von ihm erhalten werde. Marquis de Grillet betrachtet mich mit hochgezogenen Augenbrauen oder bemerkt mich nicht. Ich aber, nun, ich wünsche vielleicht nichts so sehr und trage vielleicht kein leidenschaftlicheres Verlangen, als diesen Monsieur le Marquis de Grillet in Ihrer Gegenwart an der Nase zu fassen!“
„Sie reden wies ein Bengel. In jeder Lage kann man sich durch sein Auftreten Achtung verschaffen. Und wenn es einen Kampf gilt, so kann man durch ihn nur noch mehr gewinnen.“
„Ein Aphorismus aus dem Schönschreibeheft! Sie nehmen an, daß ich eben nicht so würdevoll aufzutreten verstehe. Das heißt, daß ich – nun ja – vielleicht auch ein ganz achtbarer Mensch sei, mir aber doch keine Achtung zu verschaffen wisse. Also eigene Schuld? Das ist es doch, was Sie meinen? Ja, aber so sind doch alle Russen, und wissen Sie, warum? – Weil die Russen gar zu reich und vielseitig begabt sind, um schnell eine anständige Form für sich zu finden. Und hierbei handelt es sich gerade nur um die Form. Größtenteils sind wir aber, wir Russen, so reich begabt, daß wir zur anständigen Form direkt Genialität besitzen müßten. Nun, diese Genialität aber fehlt uns gewöhnlich, zumal sie überhaupt ein seltenes Ding ist. Nur bei den Franzosen und, sagen wir, auch bei einigen anderen Europäern steht die Form bereits so fest, und man hat sich schon so lange in ihr geübt, daß man äußerlich den größten Anstand markieren kann, selbst wenn man innerlich der unanständigste Mensch ist. Deshalb wird bei ihnen auch so viel Gewicht gelegt auf die Form. Deshalb hat diese so viel bei ihnen zu bedeuten. Der Franzose wird eine Beleidigung, eine wirkliche, tiefe Beleidigung, gelassen ertragen, wird sie ruhig einstecken, wird nicht einmal mit der Wimper zucken, einen Nasenstüber aber wird er unter keinen Umständen ertragen, denn ein Nasenstüber verletzt die einmal festgesetzten, durch das Alter von Jahrhunderten geheiligten Anstandsformen. Deshalb sind denn auch unsere Damen so eingenommen von den Franzosen, eben weil sie sich von den äußeren Umgangsformen bestechen lassen. Ich verstehe sie nicht. Meiner Ansicht nach ist aber da überhaupt keine Form vorhanden, ich sehe in ihnen nur den Hahn, le coq gaulois. Übrigens kann ich das wohl deshalb nicht verstehen, weil ich es nicht beurteilen kann: ich bin keine Dame. Vielleicht sind Hähne gerade das Richtige ... Übrigens, pardon, ich bin wieder aus dem Konzept geraten und Sie haben mich nicht unterbrochen. Unterbrechen Sie mich öfter, wenn ich mit Ihnen rede ... Ich will alles aussprechen, alles, endlich einmal alles! Ich verliere jede Form. Ich gebe sogar zu, daß ich nicht nur keine Form – daß ich nicht einmal irgendwelche Würde habe. Ich teile Ihnen das selbst mit, wie Sie sehen. Ja, und es liegt mir auch nichts an all den Würden, ich begehre keine einzige von ihnen und mache mir nicht einmal Sorgen darob. Es stockt jetzt alles in mir. Sie wissen, weshalb. Ich habe keinen einzigen menschlichen Gedanken im Kopf. Schon seit Monaten weiß ich nicht mehr, was in der Welt geschieht, weder in Rußland, noch hier. Da bin ich zum Beispiel durch Dresden gefahren, ich weiß aber nichts mehr davon. Sie wissen, was mich so absorbiert hat. Doch da ich nicht die geringste Hoffnung habe und in Ihren Augen eine vollständige Null bin, so kann ich es Ihnen offen sagen: ich sehe nur Sie überall, das übrige ist mir gleichgültig. Wie, warum und wofür ich Sie liebe – ich weiß es nicht. Wissen Sie, vielleicht sind Sie gar nicht einmal schön? Stellen Sie sich vor, ich weiß es nicht, ob Sie schön sind oder nicht, ich weiß nicht einmal, wie Ihr Gesicht aussieht. Sie haben gewiß kein gutes Herz und es ist sehr möglich, daß Ihr ganzer geistiger Mensch nicht edel ist.“
„Dann rechnen Sie vielleicht deshalb darauf, mich mit Geld kaufen zu können,“ sagte sie, „weil Sie mich für unedel halten?“
„Wann habe ich darauf gerechnet, Sie mit Geld kaufen zu können?“ rief ich aufs äußerste erregt.
„Sie verrieten sich vorhin. Wenn nicht gerade mich zu kaufen, so glauben Sie doch, meine Achtung mit Geld in der Tasche erkaufen zu können.“
„Nun, nein, das war nicht ganz so gemeint. Ich sagte Ihnen, daß es mir schwer fällt, mich zu erklären. Sie erdrücken mich mit Ihrer Gegenwart. Ärgern Sie sich nicht über mein Geschwätz. Sie sehen doch ein, weshalb Sie sich nicht über mich ärgern dürfen? Ich bin doch einfach ein Wahnsinniger. Übrigens ist mir alles gleich, ärgern Sie sich meinetwegen so viel Sie wollen. Oben in meinem Zimmer brauche ich mich nur an das Rauschen Ihres Kleides zu erinnern, und ich könnte mir die Hände zerbeißen. Und weshalb ärgern Sie sich denn über mich? Etwa deshalb, weil ich mich einen Sklaven nenne? Bedienen Sie sich, bedienen Sie sich nur meiner Sklaverei, bedienen Sie sich ihrer! Wissen Sie, daß ich Sie einmal töten werde? Und nicht aus Eifersucht oder weil ich aufhörte, Sie zu lieben, sondern so, ich werde Sie einfach töten, denn – es verlangt mich zuweilen so maßlos, Sie zu zerreißen, Sie zu verschlingen! Sie lachen ...“
„Ich lache durchaus nicht!“ fuhr sie zornig auf. „Ich befehle Ihnen, zu schweigen!“
Sie blieb stehen und rang fast nach Atem vor Zorn. Bei Gott, ich weiß nicht, ob sie in diesem Augenblick schön war, aber ich liebte es, wenn sie so vor mir stehen blieb, und deshalb rief ich gern ihren Zorn hervor. Vielleicht hatte sie das bemerkt und stellte sich absichtlich erzürnt. Ich sagte ihr das.
„Pfui, wie schmutzig!“ sagte sie angeekelt.
„Mir ist alles egal,“ fuhr ich fort. „Wissen Sie, daß es für uns gefährlich ist, so zu zweien zu gehen? Es hat mich schon mehr als einmal unwiderstehlich getrieben, Sie zu prügeln, Sie zu verstümmeln, zu erwürgen. Und meinen Sie, daß es nicht dazu kommen wird? Sie machen mich irrsinnig, ich fange an zu delirieren. Oder glauben Sie etwa, ich fürchtete einen Skandal? Oder Ihren Zorn? Was ist mir Ihr Zorn! Ich liebe Sie, ohne mir die geringste Hoffnung machen zu können, und ich weiß, daß ich Sie nachher noch tausendmal mehr lieben werde. Wenn ich Sie einmal umgebracht habe, werde ich auch mir das Leben nehmen müssen. Nun wohl ... so werde ich dann meinen eigenen Tod so lange als möglich hinausschieben, um diesen unerträglichen Schmerz, ohne Sie zu leben, ganz, ganz auskosten zu können. Wissen Sie, ich werde Ihnen etwas Unglaubliches sagen: ich liebe Sie mit jedem Tage mehr – wie ist das nur möglich? Und da soll ich nicht Fatalist werden? Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen auf dem Schlangenberg auf Ihre Herausforderung hin zuflüsterte? – ‚Ein Wort von Ihnen und ich springe in den Abgrund.‘ Und wenn Sie damals dieses Wort gesprochen hätten, so wäre ich hinabgesprungen. Oder glauben Sie, ich hätte nicht Wort gehalten?“
„Hören Sie auf mit Ihrem dummen Geschwätz!“ unterbrach sie mich geärgert.
„Was geht das mich an, ob es dumm oder klug ist!“ rief ich aus. „Ich weiß nur, daß ich in Ihrer Gegenwart sprechen muß, immer nur sprechen, versuchen muß, alles auszudrücken – und so versuche ich es denn. Ich verliere jede Eigenliebe in Ihrer Gegenwart, es ist mir alles so gleichgültig.“
„Wozu sollte ich Sie veranlassen, vom Schlangenberg hinabzuspringen?“ fragte sie trocken und irgendwie ganz besonders beleidigend. „Das wäre für mich doch ganz nutzlos.“
„Nutzlos ... Prachtvoll!“ rief ich, „Sie haben absichtlich dieses Wort gewählt, dieses ‚nutzlos‘, um mich ganz und gar unter die Füße zu treten. Ich durchschaue Sie vollkommen. ‚Nutzlos‘ sagen Sie? Aber ein Vergnügen ist doch niemals ‚nutzlos‘, und gar erst wilde grenzenlose Macht über ein Wesen – und wenn’s auch nur eine Fliege ist – ist doch ein ganz besonderer Genuß. Der Mensch ist von Natur ein Despot und liebt es, zu quälen. Sie lieben es ungeheuer.“
Ich weiß nicht, sie musterte mich mit einem ganz eigentümlich forschenden, aufmerksamen, unbeweglichen Blick. Mein Gesicht muß wohl alle meine sinnlosen Empfindungen wiedergespiegelt haben. Ich glaube, daß ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort wiedergegeben habe. Meine Augen waren blutunterlaufen, an den Mundwinkeln klebte, glaube ich, Schaum. Was aber den Schlangenberg betrifft, so schwöre ich bei meiner Ehre, daß ich, wenn sie mir damals befohlen hätte, mich hinabzustürzen, unfehlbar mein Wort gehalten haben würde und hinabgesprungen wäre, um unten zu zerschmettern! Und hätte sie es auch zum Scherz gesagt oder mit der größten Verachtung, mir womöglich ins Gesicht speiend – ich wäre auch dann in den Abgrund gesprungen!
„Nein, wieso, ich glaub’s Ihnen gern,“ sagte sie – sagte es aber so, wie nur sie allein mitunter etwas zu sagen versteht, sagte es mit einer solchen Verachtung, mit einer solchen Anmaßung und solchem Sarkasmus, daß ich sie – bei Gott! – in dem Augenblick hätte erwürgen mögen.
Sie riskierte viel. Was ich ihr von der Gefahr gesagt hatte, war richtig.
„Sie sind kein Feigling?“ fragte sie mich plötzlich.
„Ich weiß nicht, vielleicht bin ich einer. Ich weiß nicht ... ich habe lange nicht mehr darüber nachgedacht.“
„Wenn ich Ihnen sagen würde: töten Sie diesen Menschen, – würden Sie ihn dann töten?“
„Wen?“
„Den, den ich bezeichnen werde.“
„Den Franzosen?“
„Fragen Sie nicht, antworten Sie! Wen ich bezeichnen werde. Ich will wissen, ob Sie soeben im Ernst gesprochen haben.“
Und sie wartete so ungeduldig und mit so ernstem Gesicht auf meine Antwort, daß mir seltsam zumut wurde.
„Ja, werden Sie mir denn nicht endlich einmal sagen, was hier vorgeht!“ entfuhr es mir in plötzlicher Empörung. „Oder fürchten Sie mich etwa? Ich sehe doch, wie hier alles zusammenhängt! Da sind zuerst Sie, die Stieftochter eines total ruinierten Mannes, den die Liebe zu diesem Satan, dieser Blanche, wahnsinnig macht! Hinzu kommt dieser Franzusischka mit einem geheimnisvollen Einfluß auf Sie, und – da stellen Sie plötzlich so ernst ... eine solche Frage. So sagen Sie mir doch nur ein einziges Wort, damit ich wenigstens kombinieren kann! Sonst werde ich noch verrückt und stelle etwas an! Oder schämen Sie sich, mich Ihres Vertrauens zu würdigen? Wie können Sie sich denn überhaupt so weit herablassen, sich vor mir zu schämen?“
„Ich rede gar nicht davon mit Ihnen ... Ich habe nur eine Frage an Sie gestellt und warte auf die Antwort.“
„Selbstverständlich werde ich ihn töten!“ rief ich wütend. „Wen Sie mir nur bezeichnen! Aber können Sie denn ... werden Sie mir denn diesen Befehl geben?“
„Was glauben Sie! daß es mir um Sie leid tun wird? Ich gebe Ihnen nur den Befehl und bleibe selbst ganz aus dem Spiel. Werden Sie das ertragen? Übrigens, was fällt mir ein! Sie würden vielleicht den Befehl ausführen, dann aber zu mir kommen, um mich zu töten, und zwar nur deshalb, weil ich es gewagt habe, Sie hinzuschicken.“
Es war mir bei diesen Worten, als versetze mir jemand einen Schlag auf den Kopf. Natürlich hatte ich ihre Frage zunächst mehr für einen Scherz gehalten, eine Herausforderung, doch um so unangenehmer war mir ihr Ernst. Es machte mich doch ganz betroffen, daß sie sich so deutlich aussprach und sich ein solches Recht über mich anmaßte, oder auch – daß sie eine solche Macht über mich sich selbst zuzugestehen geruhte. „Gehe du ins Verderben, ich aber bleibe aus dem Spiel!“ Diese Worte enthielten so viel Zynismus und verachtende Aufrichtigkeit, daß es meiner Meinung nach denn doch schon zu viel war. Als was betrachtet sie mich denn? – fragte ich mich. Das überschreitet doch schon die Grenze der Sklaverei und Erniedrigung! Nein, wenn sie so auf mich sieht, dann stellt sie mich auf eine Stufe mit sich selbst! – Aber wie dumm, wie unmöglich auch unser Gespräch war – mein Herz erzitterte dennoch.
Plötzlich begann sie zu lachen. Wir saßen gerade auf einer Bank vor den spielenden Kindern, nicht weit von der Stelle, wo die Allee beginnt, die zum Kurhaus führt, und wo gewöhnlich die Equipagen anhalten, wenn die Insassen zu den Spielsälen wollen.
„Sehen Sie diese dicke Baronin?“ rief sie lachend. „Das ist die Baronin Wurmerhelm. Sie ist erst vor drei Tagen angekommen. Und sehen Sie ihren Mann, den langen, hageren Preußen mit dem Stock in der Hand? Erinnern Sie sich noch, wie er uns vorgestern ansah? Gehen Sie sofort hin, treten Sie auf die Baronin zu, nehmen Sie den Hut ab und sagen Sie ihr irgend etwas auf französisch.“
„Weshalb?“
„Sie haben mir geschworen, daß Sie vom Schlangenberg hinabspringen würden, daß Sie bereit seien, auf meinen Befehl hin zu töten, – anstatt all dieser Verbrechen und Tragödien will ich nur einmal lachen. Gehen Sie sofort, ich will es! Ich will zusehen, wie der Baron Sie mit seinem Stock verprügelt.“
„Sie fordern mich heraus. Glauben Sie, daß ich es nicht tun werde?“
„Ja, es soll eine Herausforderung sein, gehen Sie, ich will es!“
„Wie Sie wünschen, ich werde gehen, wenn’s auch ein unglaublicher Einfall ist. Nur eines noch: werden nicht für den General und durch ihn auch für Sie Unannehmlichkeiten daraus entstehen? Bei Gott, ich trage nicht wegen meiner Person Bedenken, ich denke dabei nur an Sie und – auch an den General, versteht sich. Und was hat das für einen Sinn, hinzugehen und eine Frau zu beleidigen?“
„Nein, Sie sind doch nur ein Schwätzer, wie ich sehe,“ sagte sie mit unendlicher Verachtung. „Ihre Augen waren vorhin blutunterlaufen, doch wird das wohl nur darauf zurückzuführen sein, daß Sie bei Tisch zu viel Wein getrunken haben. Als ob ich nicht selbst wüßte, daß es dumm und verächtlich ist und daß der General sich ärgern wird? Ich will einfach nur lachen. Ich will eben und damit basta. Und übrigens – bevor Sie dazu kämen, die Frau zu beleidigen, wird man Sie doch schon durchgeprügelt haben.“
Ich erhob mich und ging schweigend auf die Baronin zu, um den Auftrag auszuführen. Natürlich war es dumm und ich verstand mich nicht aus der Affäre zu ziehen. Doch während ich mich noch der Baronin näherte, war es mir, als erfasse mich jetzt selbst die Lust, einen Streich zu spielen. Ich war aufs äußerste gereizt und fast wie ein Betrunkener kaum noch meiner Sinne mächtig.
VI.
Erst zweimal vierundzwanzig Stunden sind seit jenem dummen Tage vergangen, und wieviel Geschrei, Geschwätz, Streit und Lärm hat es schon gegeben! Und was für eine Unordnung und Dummheit und Gemeinheit dabei überall zutage tritt! Doch übrigens – mitunter ist es wirklich zum Lachen! Wenigstens von mir kann ich ehrlich sagen, daß mich mehr als einmal unbändige Lachlust angewandelt hat. Ich vermag mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mit mir geschehen ist: ob ich mich in einem noch zurechnungsfähigen oder bereits unzurechnungsfähigen Zustande befinde, oder ob ich einfach nur aus dem Geleise geraten bin und vorläufig nichts als Unfug treibe – bis man mich bindet. Von Zeit zu Zeit scheint es mir, daß ich meinen Verstand einbüßen werde, und bisweilen wiederum, daß ich kaum der Schulbank entwachsen bin und einfach nach Schülerart tolle Streiche mache.
Polina, nur Polina ist an allem schuld! Wäre sie nicht, so täte ich keinem etwas zuleide! Ich glaube, ich tue alles nur aus Verzweiflung – wie dumm es auch sein mag, so zu denken. Und wirklich ... wirklich, ich begreife nicht, was an ihr ist, das so toll machen kann! Schön ist sie übrigens, ja, schön ist sie. Ich glaube wenigstens, daß sie schön ist. Bringt sie doch auch andere um den Verstand. Hoch gewachsen ist sie und schlank. Zum Biegen schlank. Ich glaube, man könnte sie zum Knoten schlingen oder wie ein Taschenmesser zusammenknicken. Ihre Fußspur ist schmal und lang. Qualvoll ist das! Ja: qualvoll! Ihr Haar hat einen rötlichen Schimmer. Ihre Augen sind richtige Katzenaugen, aber wie stolz und hochmütig sie blicken können! Vor etwa vier Monaten, kurz nachdem ich die Stelle als Hauslehrer angenommen hatte, sah ich sie an einem Abend im Saal, wie sie mit de Grillet lange und heftig sprach. Und so sah sie ihn an ... daß ich später, als ich in mein Zimmer ging und mich schlafen legte, dachte, sie habe ihm eine Ohrfeige gegeben in jenem Augenblick, als sie so vor ihm stand und ihn ansah ... Und seit jenem Abend ... ja, an jenem Abend begann ich sie zu lieben.
Doch zur Sache.
Ich ging den etwas abwärts führenden Weg zur großen Allee hinab, blieb in der Mitte der Allee stehen und erwartete die Baronin und den Baron. Als sie bis auf etwa fünf Schritte Entfernung an mich herangekommen waren, lüftete ich den Hut und verbeugte mich.
Ich erinnere mich noch genau der ganzen Situation. Die Baronin trug ein seidenes Kleid von hellgrauer Farbe und unheimlichem Umfang, mit unzähligen Volants über der Krinoline und einer Schleppe obendrein. Sie selbst ist klein von Wuchs, entsetzlich dick und hat ein erschreckend großes hängendes Doppelkinn, das den ganzen Hals vollständig verdeckt. In ihrem dicken himbeerroten Gesicht sitzen zwei kleine, böse und frech blickende Augen. Sie geht – als würdige sie damit alle einer besonderen Ehre. Der Baron ist hager und sehr lang. Sein Gesicht besteht fast nur aus Runzeln. Auf der Nase eine Brille. Alter – etwa fünfundvierzig, taxiere ich. Seine Beine beginnen fast gleich unter der Brust; das bezeichnet, heißt es, Rasse. Stolz ist er wie ein Pfau. Ein wenig unbeholfen. Im Gesichtsausdruck etwas Schafiges, was vielleicht in seiner Art Gedankenreichtum ersetzt.
Alles das übersah ich in noch nicht fünf Sekunden.
Mein Gruß und meine Verbeugung lenkten anfangs kaum ihre Aufmerksamkeit auf mich. Nur der Baron runzelte leicht die Stirn. Die Baronin jedoch schwamm in ihrer Krinoline wie ein Schwimmtier gerade auf mich zu.
„Madame la baronne,“ sagte ich laut, jede Silbe ganz besonders betonend, „j’ai l’honneur d’être votre esclave.“
Darauf verbeugte ich mich, setzte den Hut auf und ging an dem Baron vorüber, indem ich ihm höflich mein Gesicht zuwandte und kaum merklich lächelte.
Nur den Hut abzunehmen hatte sie mir befohlen, alles übrige, so wie es sich frei aus der Situation heraus ergab, war mein eigener Mutwille. Der Teufel weiß, was mich im Augenblick plagte, ihr diesen Streich zu spielen!
„Hn?“ schrie der Baron, oder richtiger, trompetete er durch die Nase, und drehte sich in zorniger Verwunderung nach mir um.
Ich wandte mich sofort zurück und blieb in höflicher Erwartung stehen, stand, sah ihn an und lächelte. Er schien sich jedenfalls über den Beweggrund meiner Handlungsweise nicht klar zu sein und zog seine Augenbrauen bis zum non plus ultra zusammen. Sein Gesicht wurde mit jedem Augenblick finsterer und drohender. Die Baronin wandte sich gleichfalls nach mir um und sah mich mit derselben zornigen Verständnislosigkeit an. Die Vorübergehenden wurden auf uns aufmerksam, blickten uns an, oder blieben gar in der Nähe stehen.
„Hn?“ trompetete nochmals in zornigem Nasalton der Baron – sein Ärger schien sich zu verdoppeln.
„Jawohl!“ sagte ich auf deutsch sehr gedehnt und blickte ihm unverwandt in die Augen.
„Sind Sie rasend?“ schrie er und fuchtelte einmal mit dem Stock, doch, wie mir schien, begann ihm bange zu werden. Ihn verwirrte vielleicht auch mein Äußeres: ich war sehr anständig, war sogar elegant gekleidet, wie einer, der fraglos zur besten Gesellschaft gehört.
„Jawo–o–hl!“ sagte ich plötzlich so laut wie ich nur konnte, das „o“ möglichst in die Länge ziehend, wie es die Berliner tun, die im Gespräch fast nach jedem Satz „jawohl“ sagen, wobei sie durch die größere oder geringere Dehnung des „o“ sehr verschiedene Gedanken und Empfindungen ausdrücken.
Der Baron und die Baronin wandten sich rasch von mir ab und eilten fast erschrocken, so schnell sie konnten, fort. Von den Zuschauern waren einige sehr aufgeräumt und schienen amüsiert zu sein, einige begannen interessiert zu sprechen, andere blickten mich verwundert an. Übrigens entsinne ich mich dessen nicht mehr genau.
Ich wandte mich um und ging gelassen zu Polina Alexandrowna zurück. Doch plötzlich – ich war noch etwa hundert Schritte von ihrer Bank entfernt – sah ich, wie sie aufstand und mit den Kindern zum Hotel zurückkehrte.
Ich erreichte sie erst vor dem Eingang.
„Ist besorgt ...“ sagte ich, neben ihr hergehend, „die Dummheit.“
„Nun, und? So tragen Sie doch jetzt die Konsequenzen,“ sagte sie, ohne mich überhaupt anzusehen, und stieg die Treppe hinauf.
Den ganzen Nachmittag strich ich im Park umher, von dort ging ich in den Wald und ging immer weiter geradeaus und kam sogar in ein anderes Fürstentum. In einem Bauernhause verzehrte ich eine Portion Rührei und trank dazu Wein. Für dieses Idyll zapfte man mir ganze anderthalb Taler ab.
Erst gegen elf Uhr kehrte ich ins Hotel zurück. Sogleich kam ein Diener und meldete, daß der General mich zu sich bitten lasse.
Die Unsrigen nehmen im Hotel ein großes Appartement mit vier Zimmern ein. Das erste ist ein großer Salon, in dem ein Flügel steht. Nebenan ist ein zweites großes Zimmer – das Kabinett des Generals. Hier erwartete er mich, in höchst majestätischer Haltung mitten im Zimmer stehend. Der Marquis saß in lässiger Pose auf dem Diwan.