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Sämtliche Werke 21

Der ewige Gatte (continued 3)

E. K. Rahsin translation

Mehrmals geschah es übrigens, daß er ganz plötzlich aus seiner Versunkenheit aufsah und eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte: er nahm sogleich einen Wagen und fuhr nach Petersburg zu den besten Ärzten, die er alle zu einem Konsilium berief. Das zweite fand noch am Tage vor dem Tode der Kleinen statt. Drei oder vier Tage vorher hatte Klawdia Petrowna zu Weltschaninoff von der Notwendigkeit gesprochen, Herrn Trussozkij endlich aufzusuchen: denn „sollte das Schlimmste geschehen, so kann man sie ja nicht einmal beerdigen, wenn man nicht wenigstens den Taufschein hat“! Herr Pogorjelzeff hatte schon gesagt, er werde ihn einfach durch die Polizei suchen lassen. So schrieb denn Weltschaninoff einen kurzen Zettel und brachte ihn selbst zu Marja Ssyssojewna, die ihn Pawel Pawlowitsch, der natürlich nicht zu Hause war, einhändigen sollte, sobald er kam.

Endlich, an einem wundervollen Sommerabend, als gerade die Sonne unterging, starb Lisa, und nun erst kam Weltschaninoff zu sich, und es war, als erwache er aus einem Traum. Und als dann die kleine Leiche in einem weißen Kleidchen auf einem Tisch im Saal aufgebahrt war und mit Blumen geschmückt wurde, trat er plötzlich mit funkelnden Augen auf Klawdia Petrowna zu und erklärte ihr, daß er sogleich „den Mörder“ herbeischaffen werde. Und ohne auf die Bitten und Beschwörungen, doch bis morgen damit zu warten, zu achten, begab er sich sogleich nach der Stadt.

Er wußte, wo er Pawel Pawlowitsch finden konnte; war er doch nicht bloß der Ärzte wegen nach Petersburg gefahren. Es hatte ihn in diesen Tagen mehr als einmal plötzlich die Überzeugung gepackt, daß nur der Vater an Lisas Bett zu treten brauchte, und sie, sobald sie nur seine Stimme hörte, wieder zu sich kommen würde; dann war er aufgesprungen und in die Stadt gefahren und hatte ihn wie ein Verzweifelter gesucht.

Pawel Pawlowitsch wohnte nach wie vor in den zwei möblierten Zimmern, doch dort nach ihm zu fragen, war vergeblich: „Er hat wieder drei Nächte nicht hier verbracht,“ berichtete Marja Ssyssojewna, „und läßt er sich mal tagsüber hier blicken, dann kommt er besoffen an und nach einer Stunde geht er wieder. Ganz heruntergekommen ist der Mensch!“

Ein Kellner des Gasthofes aber hatte Weltschaninoff gesagt, daß Pawel Pawlowitsch früher sehr oft gewisse Mädchen in einem Hause am Wosnessenskij Prospekt besucht habe. Diese Mädchen hatte Weltschaninoff alsbald aufgesucht. Natürlich entsannen sie sich sogleich des Herrn, der um den Hut einen Trauerflor trug und der stets so freigebig gewesen war, doch nichtsdestoweniger begannen sie alsbald einmütig über ihn zu schimpfen – natürlich nur deshalb, weil er jetzt nicht mehr zu ihnen kam. Die eine von ihnen, Katjä mit Namen, beteuerte sogleich, daß sie ihn jederzeit finden könne, da er die Maschka Prostakowa jetzt überhaupt nicht mehr verlasse, denn Geld habe er so viel wie Sand am Meer, diese Maschka aber heiße gar nicht Prostakowa, sondern eigentlich Prochwostowa, und wenn sie, Katjä, nur wolle, so könnte sie sie jeden Tag nach Sibirien verschicken lassen, sie brauche nur ein Wort zu sagen! Trotzdem war es aber der Katjä an jenem Tage doch nicht gelungen, ihn zu finden, doch hatte sie hoch und heilig versprochen, ihn das nächstemal unbedingt zur Stelle zu schaffen. Auf ihre Hilfe rechnete nun Weltschaninoff.

Es war bereits zehn Uhr abends, als er sie zu sprechen verlangte (nachdem er, wie es sich gehörte, für ihre Abwesenheit gezahlt) und sich mit ihr auf die Suche begab. Er wußte selbst noch nicht, was er mit Pawel Pawlowitsch beginnen werde: ob er ihn totschlagen oder ob er ihm einfach nur mitteilen wollte, daß Lisa gestorben war und daß er die zur Bestattung notwendigen Dokumente hergeben mußte. Doch auch diesmal ließ er sich nicht finden: Maschka Prochwostowa erklärte, daß sie ihn seit drei Tagen nicht gesehen und daß das letztemal ihm ein Kassenbeamter mit einer Holzbank „den Schädel eingeschlagen“ habe. Kurz, man suchte ihn überall vergeblich. Erst gegen zwei Uhr nachts, als Weltschaninoff aus einem gewissen Hause, in dem er Pawel Pawlowitsch „bestimmt finden“ sollte und doch nicht gefunden hatte, heraustrat, stieß er plötzlich ganz unerwartet auf ihn: Pawel Pawlowitsch wurde von zwei Frauenzimmern gerade zu diesem Hause geschleppt – er war vollständig betrunken. Die eine der beiden „Damen“ hatte ihn unter den Arm gefaßt und stützte ihn nach Kräften; ihnen folgte irgendein Mensch, ein großer, starker Bursche, der wütend auf Pawel Pawlowitsch schimpfte und ihn mit fürchterlichen Drohungen einzuschüchtern suchte. Unter anderem hörte man ihn gerade noch schreien, daß Pawel Pawlowitsch ihn „ausgenutzt“ und sein Leben „vergiftet“ habe. Offenbar handelte es sich für ihn um Geld. Die Damen schienen aber große Angst zu haben und sich sehr zu beeilen, um schneller ins Haus zu gelangen. Kaum hatte Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff erblickt, da warf er sich ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und schrie, als stecke ihm das Messer schon in der Kehle:

„Bruder! Retter! Hilf, beschütze mich!“

Der Kerl, der folgte, glotzte Weltschaninoff ganz verblüfft an und – zog sich ohne weiteres zurück: Er mußte es offenbar für vorteilhafter halten, der ziemlich athletischen Gestalt des Unbekannten das Feld zu räumen, als es auf einen Kampf mit ihm ankommen zu lassen. Pawel Pawlowitsch fühlte sich als Sieger, drohte zum Zeichen des Triumphes mit der Faust hinter ihm her und gröhlte. Da packte ihn Weltschaninoff an den Schultern – ohne selbst zu wissen, wozu und weshalb – und plötzlich kam es wie ein Krampf über ihn und er schüttelte den Besoffenen, daß dessen Zähne klapperten. Pawel Pawlowitschs Gegröhl war im Augenblick verstummt und er starrte nur mit stumpfsinnigem Schrecken seinen neuen Henker an. Weltschaninoff wußte offenbar zunächst nicht, was er mit ihm weiter tun sollte – doch plötzlich drückte er ihn mit aller Kraft so zu Boden, daß der Betrunkene unversehens auf dem Prellstein am Trottoir saß.

„Lisa ist tot!“ stieß er hervor.

Pawel Pawlowitsch hatte noch keinen Blick von ihm abgewandt, er starrte ihn, auf dem Prellstein sitzend und von einer der „Damen“ gestützt, immer noch verständnislos an. Endlich begriff er und – sonderbar! – sein ganzes Gesicht schien sich plötzlich zu verändern und sah alt und verfallen aus.

„Tot ...“ flüsterte er eigentümlich vor sich hin. Lächelte er nun wieder sein scheußliches langes Lächeln oder war es etwas anderes, das sein Gesicht verzog – Weltschaninoff konnte es nicht unterscheiden. Doch im nächsten Augenblick hob Pawel Pawlowitsch mühsam seine zitternde rechte Hand, um sich zu bekreuzen, aber er vollendete das Kreuz nicht, schlaff sank ihm der Arm herab. Nach einer Weile erhob er sich wankend vom Prellstein, tastete nach seiner „Dame“ und ging, sich schwer auf sie stützend, wankenden Schrittes davon, wie in Gedanken versunken. Es war, als habe er Weltschaninoff völlig vergessen. Doch sollte er nicht weit kommen. Weltschaninoff riß ihn an der Schulter zurück.

„Begreifst du denn nicht, du Lump, daß man sie ohne dich nicht einmal begraben kann!“ schrie er wutbebend.

Jener wandte den Kopf nach ihm um.

„Den Artil–lerie ... Leutnant ... Sie wissen doch?“ brachte er mit schwerer Zunge unklar hervor.

„Was? ... Was sagst du?“ keuchte Weltschaninoff, in dem sich alle Sehnen zum Zerreißen spannten.

„Da hast du den Vater! Such ihn dir ... zum Begraben ...“

„Du lügst!“ brüllte Weltschaninoff, als habe er vor Wut alle Macht über sich verloren, „aus Rache lügst du ... ich wußte es, daß du das für mich in Bereitschaft hieltest!“

Und außer sich vor Wut holte er aus, um Pawel Pawlowitsch den Schädel einzuschlagen. Noch ein Moment – und die Knochen hätten unter der Wucht seiner athletischen Faust geknirscht: wohl mit einem einzigen Hieb hätte er ihn totgeschlagen! Die beiden Frauenzimmer schrien auf und stoben zur Seite, doch Pawel Pawlowitsch zuckte mit keiner Wimper. Nur Haß – ein Haß, der in seiner Grenzenlosigkeit nahezu tierisch war – entstellte sein ganzes Gesicht.

„Kennst du,“ fragte er mit bedeutend festerer Stimme, fast als wäre er ganz nüchtern, „kennst du unsere russische ...?“ (Und er nannte das scheußliche russische Schimpfwort für eine Dirne.) „Dann pack dich zu ihr!“

Und mit aller Gewalt riß er sich von Weltschaninoff los, dessen Linke sich um seinen Arm gekrallt hatte, wankte, taumelte zwei Schritte weiter und drohte zu fallen. Die Damen griffen ihn noch rechtzeitig auf und eilten, kreischend und schreiend, so schnell sie nur konnten, mit ihm davon, indem sie ihn fast nachschleifend weiterzogen.

Weltschaninoff folgte ihnen nicht.

Am nächsten Tage um ein Uhr mittags erschien bei Pogorjelzeffs ein höchst anständig aussehender Herr in tadelloser Beamtenuniform und überreichte Klawdia Petrowna höflichst ein an sie adressiertes Paket von Pawel Pawlowitsch Trussozkij. In diesem Paket befand sich außer einem Brief und den zur Bestattung notwendigen Dokumenten noch ein Kuvert mit dreihundert Rubeln. Pawel Pawlowitsch schrieb ziemlich kurz, doch äußerst verbindlich und jedenfalls sehr taktvoll. Er dankte „Ihrer Exzellenz“ für die liebevolle Aufnahme, die sie der kleinen Waise erwiesen, für die Pflege und alles das andere, was allein Gott durch seinen Segen entgelten könne. Darauf erwähnte er – übrigens war dieser Satz ziemlich unklar gehalten –, daß er infolge ernsten Unwohlseins verhindert sei, persönlich zum Begräbnis seiner geliebten entschlafenen Tochter zu erscheinen und daß er deshalb, im Vertrauen auf die „unvergleichliche Güte Ihrer Exzellenz“, diese herzlich bitte, alle Obliegenheiten zu übernehmen. Die dreihundert Rubel seien für die Ausgaben der Bestattung und überhaupt für die Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe, bestimmt. Sollte von dieser Summe noch etwas übrigbleiben, so bitte er ergebenst und gehorsamst, dieses Geld zu Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen zu verwenden. Der Herr in der Beamtenuniform wußte nichts weiter hinzuzufügen; aus seinen Worten ging sogar hervor, daß er nur auf die dringende Bitte Pawel Pawlowitschs eingewilligt habe, dieses Paket Ihrer Exzellenz persönlich zu überbringen. Der Geheimrat fühlte sich fast beleidigt durch die „Unkosten, die ihre Krankheit verursacht habe“ und schlug daher vor, das Geld außer den fünfzig Rubeln für das Begräbnis – da man es dem Vater doch nicht verwehren konnte, sein Kind aus eigenen Mitteln zu bestatten – an Herrn Trussozkij sogleich zurückzusenden. Klawdia Petrowna entschied jedoch, ihm nicht das Geld, sondern ihm lieber die Quittung des Geistlichen der Friedhofskirche zuzustellen und für die zweihundertundfünfzig Rubel – was er aus der Quittung ersehen werde – Totenmessen für das Seelenheil der Verstorbenen lesen zu lassen. Und so geschah es auch. Die Quittung wurde später Weltschaninoff eingehändigt, der sie durch die Post an Pawel Pawlowitschs Adresse sandte.

Nach der Beerdigung kehrte Weltschaninoff in die Stadt zurück. Ganze zwei Wochen trieb er sich ziel- und zwecklos umher, schlenderte ganz allein durch die Straßen, stieß in seiner Gedankenversunkenheit mit anderen Menschen zusammen, entschuldigte sich nicht einmal und sah keinen an. Bisweilen wiederum lag er tagelang auf seinem Diwan ausgestreckt, ohne auch nur an das Nächstliegende zu denken. Pogorjelzeffs ließen ihn mehrmals zu sich bitten, und er versprach auch bald hinzufahren, vergaß es aber schon im nächsten Augenblick. Klawdia Petrowna kam sogar persönlich zu ihm gefahren, traf ihn jedoch nicht zu Haus. Dasselbe Ergebnis hatten auch zwei Besuche seines Rechtsanwalts, der ihm eine sehr erfreuliche Mitteilung zu machen hatte: der Rechtsstreit war von ihm nämlich so geschickt geleitet worden, daß die Gegner jetzt zu einem gütlichen Vergleich bereit waren, wenn man sie mit einem unbedeutenden Bruchteil der von ihnen bestrittenen Erbschaft abfand. Dazu bedurfte es nur noch der Einwilligung Weltschaninoffs. Als der Rechtsanwalt diesen dann endlich zu Hause antraf, war er nicht wenig erstaunt über den müden Gleichmut, mit dem ihn sein vor kurzem noch so ungeduldiger Klient anhörte.

Die Julihitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Tage waren unerträglich heiß. Doch Weltschaninoff achtete nicht darauf, ihm war alles gleichgültig. Er fühlte nur einen Schmerz in der Seele, den er immerwährend wie einen qualvoll bewußten Gedanken empfand. Am wehesten tat ihm, daß Lisa gestorben war, ohne ihn besser kennen gelernt zu haben und ohne zu wissen, wie sehr er sie liebte! Jenes Lebensziel, das er plötzlich in so strahlendem und kraftvollem Licht vor sich gesehen, war plötzlich wieder verschwunden in drückender Dunkelheit. Jenes Ziel hatte eigentlich nur darin bestanden – seine Gedanken beschäftigten sich jetzt fast ausschließlich damit –, daß er Lisa erzogen und daß sie an jedem Tage, zu jeder Stunde seine sorgende Liebe gefühlt hätte. „Ein höheres Ziel gibt es nicht, ein höheres hat kein Mensch und kann auch kein Mensch haben!“ sagte er sich überzeugt, und es erfaßte ihn eine düstere Begeisterung. „Oder wenn die Menschen auch andere Ziele haben sollten, so kann doch keines heiliger sein!“ Und diese Liebe zu seinem Kinde, so dachte er es sich jetzt, hätte alles wieder gut gemacht, vor allem sein ganzes früheres lasterhaftes und unnützes Leben; statt eines müßigen, schlechten und abgelebten Menschen, wie er es war, hätte er ein reines und wundervolles Wesen für die Welt und das Leben erzogen und – „um dieses Kindes willen wäre mir alles verziehen worden und hätte ich mir auch selbst verziehen!“

Alle diese Gedanken waren für ihn untrennbar verbunden mit der ewig klaren und ewig auf ihm lastenden Erinnerung an das tote Kind. Er vergegenwärtigte sich immer wieder ihr bleiches Gesichtchen, erinnerte sich jedes Ausdruckes, jeder ihrer Bewegungen; er glaubte, sie wieder vor sich zu sehen, wie sie im Sarge unter Blumen und wie sie während der Krankheit bewußtlos gelegen: heißglühend mit offenen, unbeweglichen, fieberglänzenden Augen. Da fiel es ihm ein, daß er, als sie noch auf dem Tisch aufgebahrt lag, plötzlich bemerkt hatte, daß ein Fingerchen an einer Stelle blauschwarz geworden war; das hatte ihn damals so betroffen gemacht und dieser arme kleine Finger hatte ihm so leid getan, daß ihm plötzlich zum erstenmal der Gedanke gekommen war, Pawel Pawlowitsch unverzüglich aufzusuchen und totzuschlagen; bis dahin aber war er wie betäubt gewesen. Gleichviel, was die Ursache der Krankheit des Kindes gewesen sein mochte – gekränkter Stolz oder die Qualen, mit denen sie der eigene Vater folterte, dessen Liebe sich so plötzlich in Haß verwandelt hatte, der ihr schändliche Schimpfwörter sagte und über ihre Angst höhnisch lachte, bis er zu guter Letzt zuließ, daß sie von einem fremden Menschen fortgebracht wurde – die Schuld an ihrem Tode trug jedenfalls Pawel Pawlowitsch ganz allein. Darüber war sich Weltschaninoff von vornherein vollkommen klar, und immer wieder kehrten seine Gedanken dazu zurück, wie Pawel Pawlowitsch sie gequält hatte, und seine Phantasie gab sich mit tausend Schrecknissen ab. „Wissen Sie auch, was Lisa mir war?“ hörte er plötzlich wieder die Frage des Betrunkenen und er fühlte, daß diese eigentümliche Frage nicht wie alles andere Verstellung war, sondern aus der tiefsten Tiefe seines Inneren kam und von einst unendlicher Liebe sprach. „Ja aber wie konnte dieses Scheusal dann so grausam zu diesem Kinde sein, das er doch zweifellos geliebt hat, wie ist so etwas überhaupt möglich?“ Doch jedesmal, wenn er wieder bei dieser Frage angelangt war, erschrak er und dachte sogleich an etwas anderes, als wolle er weiterem Nachdenken über dieses Problem schnell aus dem Wege gehen. Es lag für ihn in dieser Frage etwas geradezu Unheimliches, etwas Unerträgliches, etwas, das ihn davon abhielt, nach einer Antwort zu suchen.

Eines Tages hatte er, fast ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, seinen ziellosen Weg durch die Straßen der Stadt immer weiter fortgesetzt, bis er zu dem Friedhof gelangt war, auf dem man Lisa begraben hatte. Er fand bald ihr kleines Grab. Es war das erstemal, daß er nach der Bestattung auf den Friedhof kam: er hatte immer gefürchtet, daß die Qual gar zu groß werden könnte, und so hatte er es nicht gewagt, ihr Grab aufzusuchen. Doch seltsam, kaum war er niedergekniet und hatte die Stirn auf den weichen Rasen des kleinen, noch hohen Hügels gesenkt, da war es ihm, als würde ihm leichter zumute. Der Abend war still und klar, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten. Ringsum auf den Hügeln und Plätzen wuchs üppiges, weiches Gras; an einem Hagebuttenstrauch in der Nähe summte eine Biene. Die Blumen und Kränze auf Lisas kleinem Grabe waren verwelkt und die Blüten zur Hälfte entblättert. Weltschaninoff sah und schaute, und zum erstenmal nach langer Zeit stieg wieder ein Hoffnungsgefühl in ihm auf und erfrischte ihm Herz und Sinne.

„Wie frei! ... wie wundervoll leicht!“ dachte er unter der Empfindung der tiefen, reglosen Friedhofsstille, und er schaute hinauf zum klaren, stillen Himmel.

Und wie ein Strom eines reinen, ruhigen Vertrauens, wie ein Glaube an irgend etwas, kam es über ihn.

„Das hat mir Lisa gesandt, sie spricht zu mir,“ sagte er sich.

Es dämmerte bereits, als er den Friedhof verließ, um nach Hause zurückzukehren. Nicht allzu weit vom Friedhofstor befand sich in einem niedrigen hölzernen Häuschen an der Straße so etwas wie eine Schenke oder ein Bierlokal. Durch die offenen Fenster sah man die Leute an den Tischen sitzen. Plötzlich schien es Weltschaninoff, als sei einer von ihnen – derjenige, welcher am offenen Fenster saß – Pawel Pawlowitsch, der ihn bereits erkannt hatte und neugierig mit den Blicken verfolgte. Er ging weiter, ohne seinen Schritt zu verändern, doch bald hörte er, daß jemand ihm schnell folgte. Es war in der Tat Pawel Pawlowitsch. Offenbar hatte ihn der versöhnliche Ausdruck im Gesicht Weltschaninoffs ermutigt. Als er ihn erreicht hatte, hielt er mit ihm gleichen Schritt, schien zwar noch etwas zaghaft zu sein, und lächelte nur – doch war es nicht mehr sein betrunkenes widerliches Lächeln, wie er überhaupt nicht betrunken zu sein schien.

„Guten Tag,“ sagte er.

„Guten Tag,“ antwortete Weltschaninoff.

XI. Pawel Pawlowitsch will heiraten.

Weltschaninoff war eigentlich über sich selbst erstaunt: wie eigentümlich, daß er den Gruß erwidert hatte! Auch kam es ihm sehr seltsam vor, daß er jetzt beim Wiedersehen mit diesem Menschen gar keinen Haß mehr gegen ihn empfand – daß sich in seinen Gefühlen für ihn vielmehr etwas ganz anderes geltend machte und er fast einen Drang zu einer ganz neuen Stellungnahme zu allen diesen Dingen und Erlebnissen verspürte.

„Der Abend ist heute so angenehm,“ begann Pawel Pawlowitsch, ihm in die Augen blickend.

„Sie sind noch nicht abgereist,“ bemerkte Weltschaninoff – nicht fragend, sondern so, als denke er im Weitergehen nach.

„Die Abreise hat sich etwas verzögert, aber – mein Gesuch um Versetzung ist jetzt genehmigt worden. Ich komme auf einen höheren Posten. Übermorgen reise ich ganz bestimmt ab.“

„Sie sind auf einen höheren Posten versetzt?“ fragte Weltschaninoff – diesmal fragte er wirklich.

„Weshalb denn nicht?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit einer kleinen einseitigen Grimasse.

„Ich sagte es nur so ...“ entschuldigte sich Weltschaninoff halbwegs, runzelte leicht die Stirn und warf einen Seitenblick auf Pawel Pawlowitsch.

Zu seiner Verwunderung sah der ganze Herr Trussozkij vom Hut mit dem Trauerflor bis hinab auf die Stiefelspitzen unvergleichlich anständiger aus, als vor vierzehn Tagen. „Weshalb saß er in jenem Bierlokal?“ fragte sich Weltschaninoff und wurde die Frage nicht los.

„Ich wollte Ihnen noch von meiner anderen großen Freude Mitteilung machen, Alexei Iwanowitsch,“ begann wieder Pawel Pawlowitsch.

„Einer Freude?“

„Ich heirate nämlich.“

„Was?“

„Nach jedem Kummer kommt wieder die Freude an die Reihe, so geht es immer im Leben. Ich würde aber sehr gern, Alexei Iwanowitsch ... nur weiß ich nicht, vielleicht haben Sie es jetzt eilig, Sie sehen so aus ...“

„Ja, ich muß mich allerdings beeilen und ... überdies fühle ich mich nicht ganz wohl.“

Er wollte ihn so schnell wie möglich abschütteln: seine Bereitwilligkeit zu neuen Gefühlen war im Augenblick wieder verschwunden.

„Ich würde aber gern ...“

Pawel Pawlowitsch sprach es jedoch nicht aus, was er wollte.

Weltschaninoff schwieg.

„In dem Fall ... dann später einmal, wenn wir uns nur wieder treffen.“

„Gut, gut, später einmal ... sehr gern ...“ Brummend gab Weltschaninoff seine Einwilligung, schnell und undeutlich, ohne ihn dabei anzusehen oder stehen zu bleiben.

Sie gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander weiter, bis Pawel Pawlowitsch mit ihm nicht mehr gleichen Schritt halten konnte.

„Dann also nächstens – auf Wiedersehen,“ sagte er endlich.

„Auf Wiedersehen! Wünsche Ihnen ...“

Weltschaninoff langte zu Haus wieder in schlechtester Laune an. Die Begegnung mit „diesem Menschen“ war doch entschieden eine zu große Zumutung gewesen: kein Wunder, daß seine Nervenkraft nicht ausreichte. Als er zu Bett ging, fragte er sich nochmals: „Was hatte er nur dort im Bierlokal in der Nähe des Friedhofs zu suchen?“

Am nächsten Morgen gedachte er, endlich einmal zu Pogorjelzeffs zu fahren, doch entschloß er sich nur ungern dazu; der bloße Gedanke an die Teilnahme anderer Menschen, auch wenn diese Menschen Pogorjelzeffs waren, dünkte ihm unerträglich. Doch da er wußte, wie sehr sie sich um ihn sorgten, ging es nicht anders, er mußte hinfahren. Plötzlich bildete er sich ein, daß er sich im ersten Augenblick des Wiedersehens aus irgendeinem Grunde unendlich schämen werde.

„Soll ich fahren – oder soll ich nicht fahren?“ überlegte er gerade, indem er sich beeilte, seinen Lunch zu beenden, als plötzlich zu seinem größten Erstaunen Pawel Pawlowitsch ins Zimmer trat.

Weltschaninoff hätte, trotz der Begegnung am Abend vorher, alles eher erwartet, als daß „dieser Mensch“ jemals noch bei ihm vorsprechen würde, und war daher so verblüfft, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte, und ihn nur wortlos ansah. Doch Pawel Pawlowitsch bedurfte keines Willkommens: er grüßte, wünschte einen guten Tag und setzte sich dann unaufgefordert in denselben Lehnsessel, in dem er vor drei Wochen gesessen hatte. Weltschaninoff sah plötzlich die Szene des ersten Besuches ganz besonders deutlich vor sich. Beunruhigt und mit einem gewissen Ekel betrachtete er seinen Gast.

„Sie wundern sich?“ fragte Pawel Pawlowitsch, der die Gedanken des anderen am Blick erriet.

Er schien bedeutend aufgeräumter zu sein, als er am Abend auf der Straße gewesen war, doch gleichzeitig verriet alles, daß er ängstlich zu vermeiden suchte, irgendwie zu mißfallen, noch ängstlicher als gestern bei seiner Anrede. Seine äußere Erscheinung hatte sich tatsächlich sehr verändert: Herr Trussozkij war nicht etwa nur anständig, er war sogar fast stutzerhaft gekleidet: enganschließende Beinkleider, eine helle Weste, die Wäsche, Handschuhe und die goldene Lorgnette, die er sich Gott weiß weshalb angelegt hatte, waren tadellos, und seinen Kleidern entströmte sogar ein leiser Wohlgeruch. Über der ganzen Erscheinung lag jedoch etwas, das lächerlich wirkte und das gleichzeitig auf einen seltsamen und unangenehmen Gedanken brachte.

„Ich habe Sie, Alexei Iwanowitsch, natürlich in Erstaunen gesetzt durch meinen Besuch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch sichtlich befangen fort, „und – das begreife ich vollkommen ... Ja ... ich finde es, wie gesagt, sehr begreiflich. Aber es besteht doch, denke ich, zwischen den Menschen immer noch etwas – das heißt meiner Überzeugung nach, muß es auch bestehen – nämlich immer noch etwas Höheres, ist es nicht so? Ich meine, etwas Höheres, das über den Dingen und Verhältnissen steht, sogar über den Unannehmlichkeiten, die sich vielleicht mal haben ergeben können ... nicht wahr?“

„Pawel Pawlowitsch, sagen Sie schnell und ohne Zeremonien, was Sie sagen wollen!“ Weltschaninoff sah finster aus.

„In zwei Worten!“ beeilte sich mit ergebenem Eifer Pawel Pawlowitsch. „Ich heirate und will mich sogleich zu meiner Braut begeben. Die Familie meiner Braut lebt augenblicklich gleichfalls auf ihrer Datsche. Ich würde Sie nun um die große Ehre bitten, Sie mit dieser Familie bekannt machen zu dürfen, und bin daher mit der ergebensten Bitte zu Ihnen gekommen“ (Pawel Pawlowitsch neigte sogar untertänigst seinen Oberkörper) „mich dorthin begleiten zu wollen ...“

„Wohin?“

Weltschaninoff sah ihn groß an.

„Zu ihnen, das heißt auf die Datsche, zu den Eltern meiner Braut. Verzeihen Sie, ich rede nicht ganz klar, vielleicht habe ich mich irgendwie nicht richtig ausgedrückt, aber ich fürchte so sehr eine Absage von Ihnen ...“

Und er sah Weltschaninoff bekümmert und herzlich bittend zugleich an.

„Sie wollen, daß ich mit Ihnen jetzt gleich zu Ihrer Braut fahre?“ fragte Weltschaninoff, indem sein Blick schnell die Gestalt des anderen überflog, während er sich noch unschlüssig darüber war, ob er seinen Ohren trauen sollte.

„Ja ...“ bestätigte Pawel Pawlowitsch kleinlaut und plötzlich ganz eingeschüchtert. „Ärgern Sie sich nicht, Alexei Iwanowitsch, und fassen Sie es nicht als Unverschämtheit von mir auf. Es ist nur meine außerordentliche und untertänigste Bitte. Ich dachte, Sie würden es mir vielleicht doch nicht abschlagen ...“

„Es ist ganz unmöglich!“ Weltschaninoff bewegte sich unruhig.

„Es ist ja nur mein größter Wunsch und nichts weiter,“ fuhr jener fort, ihn zu bitten, „aber ich will auch nicht verheimlichen, daß ich noch einen besonderen Grund zu meiner Bitte habe. Doch diesen Grund wollte ich Ihnen erst nachher mitteilen, jetzt aber wollte ich Sie nur ganz außerordentlich bitten ...“

Und er erhob sich vor lauter Höflichkeit vom Stuhle.

„Aber es ist doch ganz unmöglich, was Sie da verlangen, das müssen Sie doch selbst einsehen ...“

Weltschaninoff erhob sich gleichfalls.

„Es ist sehr möglich, Alexei Iwanowitsch, glauben Sie mir! Ich wollte Sie dort nur als meinen Freund vorstellen; und überdies kennen Sie ja die Familie bereits, ich will ja zu Sachlebinins auf die Datsche, zum Staatsrat Sachlebinin.“

„Was, zu wem?“ rief Weltschaninoff.

Das war der Name desselben Staatsrats, den er vor etwa einem Monat überall vergeblich gesucht und auch zu Hause nicht angetroffen –, der also allem Anscheine nach seinen Einfluß zugunsten der Gegner Weltschaninoffs zu verwenden beabsichtigt hatte.

„Nun ja, nun ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch lächelnd und gleichsam ermutigt durch dessen maßlose Verwunderung, „es ist derselbe, mit dem Sie, wissen Sie noch, damals auf dem Newskij gingen: ich stand auf der anderen Straßenseite und sah zu Ihnen hinüber. Ich wartete damals nur darauf, daß Sie sich von ihm verabschiedeten, um dann selbst zu ihm zu gehen. Vor etwa zwanzig Jahren haben wir zusammen im selben Bureau gearbeitet, übrigens hatte ich an jenem Tage, als ich, nach Ihnen, auf ihn zugehen und mit ihm sprechen wollte, noch gar keine besondere Absicht. Erst seit kurzem, seit einer Woche erst ist es anders ...“

„Aber erlauben Sie, das ist doch, soviel ich weiß, eine höchst anständige Familie!“ wunderte sich Weltschaninoff ganz naiv.

„Was ist denn dabei, daß sie anständig ist?“ Pawel Pawlowitsch lächelte wieder nur mit einer Gesichtshälfte.

„Nein, versteht sich, ich meinte es nicht so ... aber soviel ich bemerken konnte, wenn ich dort vorgesprochen habe ...“

„Sie erinnern sich, oh, Sie erinnern sich noch ganz genau, wie Sie dort gesessen und den Staatsrat zu sprechen gewünscht haben!“ fiel ihm Pawel Pawlowitsch sogleich erfreut ins Wort, „nur haben Sie die Familie damals nicht gesehen. Und er selbst erinnert sich Ihrer auch noch sehr gut und schätzt Sie sehr hoch. Ich habe dort nur mit größter Hochachtung von Ihnen sprechen hören.“

„Aber wie denn, Sie sind doch erst seit drei Monaten Witwer?“

„Oh, die Hochzeit soll ja nicht so bald stattfinden, erst nach neun oder zehn Monaten, wenn das Trauerjahr vorüber ist! Glauben Sie mir, es ist alles in Ordnung. Erstens kennt mich Fedossei Petrowitsch schon von Kindheit an, er hat auch meine verstorbene Frau gekannt, er weiß, wie ich gelebt habe, was man von mir hält, und schließlich: ich bin doch vermögend, und jetzt hat man mich noch auf einen höheren Posten versetzt – das fällt natürlich alles ins Gewicht.“

„Ist es denn wirklich eine Tochter von ihm?“

„Ich werde Ihnen alles ausführlich erzählen,“ versetzte Pawel Pawlowitsch, angenehm berührt, „erlauben Sie, daß ich ein Zigarettchen anrauche? Doch Sie werden sich ja heute selbst von allem überzeugen können. Also erstens – werden solche Leute wie Fedossei Petrowitsch im Dienst bisweilen sehr geschätzt, wenn sie es einmal verstanden haben, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber außer dem Gehalt und den Gratifikationen, Zuschüssen und noch sonstigen kleinen Summen, die er hier und da als Vorsitzender erhält, gibt’s doch nichts, das heißt, weder Nebenverdienste noch ein Grundkapital. Sie leben gut, aber etwas beiseite legen, das geht nicht, wenn man eine so große Familie hat. Nun sagen Sie sich doch selbst: Fedossei Petrowitsch hat ganze acht Töchter und einen Sohn – der ist der jüngste, noch ein kleiner Bengel. Stirbt Fedossei Petrowitsch heute oder morgen, so bleibt dieser ganzen großen Familie nur die magere Pension. Das bedenken Sie einerseits, und anderseits – acht Töchter! Nun berechnen Sie bloß: wenn jede von ihnen auch nur ein Paar Schuhe braucht – was das nicht allein schon ausmacht! Und von diesen acht sind fünf bereits heiratsfähig, die älteste ist vierundzwanzig – übrigens ganz reizend, doch Sie werden schon selbst sehen! Die sechste, die ist fünfzehn Jahre alt und besucht noch das Gymnasium. Den fünf ältesten müssen also jetzt Männer verschafft werden, was am besten möglichst bald geschehen soll. Mithin müssen die Mädchen Bälle mitmachen – was das alles kostet, bedenken Sie doch nur! Und da bin ich nun plötzlich aufgetaucht, bin der erste Freier in ihrem Hause – sie aber, sie kennen mich ganz genau, das heißt, ich meine, sie sind über meine Vermögensverhältnisse mit aller Sicherheit unterrichtet. Nun, und das ist alles.“

Pawel Pawlowitsch gab seine Erklärung mit sichtlich sehr gehobenen Gefühlen.

„Sie haben um die Älteste angehalten?“

„N–ein, ich ... nein, nicht um die Älteste; ich habe um jene sechste angehalten, um die, die jetzt noch das Gymnasium besucht.“

„Was! ...“ Weltschaninoff lachte unwillkürlich auf, „aber Sie sagten doch, die sei erst fünfzehn!“

„Ja, fünfzehn ist sie jetzt, aber nach neun Monaten wird sie sechzehn Jahre alt sein, sechzehn Jahre und drei Monate – also was ist denn? Da es aber jetzt wegen des Trauerjahres und ihrer Jugend nicht geht, so soll vorläufig noch nichts davon verlauten, es bleibt ganz unter uns ... Glauben Sie mir, es ist alles in Ordnung!“

„Aber noch nicht ganz entschieden?“

„Nein, wieso, gewiß entschieden! Glauben Sie mir, es ist wirklich alles in Ordnung ...“

„Und die Kleine, weiß die auch was davon?“

„Sehen Sie, nur vorläufig, nur anstandshalber wird jetzt noch nicht davon gesprochen, – doch wissen! wie sollte sie’s denn nicht wissen!“ Pawel Pawlowitsch lächelte selbstgefällig. „Nun, wie steht’s, werden Sie mir die Ehre erweisen, Alexei Iwanowitsch?“ wagte er ganz zaghaft zu fragen.

„Aber weshalb soll ich denn hin? Übrigens,“ unterbrach er sich schnell, „da ich selbstverständlich auf keinen Fall mit Ihnen fahren werde, so brauchen Sie mir auch weiter gar nicht Ihre Gründe anzuführen.“

„Alexei Iwanowitsch ...“

„Ja, was glauben Sie denn, – daß ich mich neben Sie setzen und mit Ihnen hinfahren werde? – was fällt Ihnen ein!“

Wieder überkam ihn jenes widerliche, abstoßende Gefühl, das durch das Geschwätz und die Erzählung Pawel Pawlowitschs eine Weile in den Hintergrund gedrängt worden war. Noch einen Augenblick, und er hätte ihn zum Teufel gejagt. Ja, aus irgendeinem Grunde ärgerte er sich sogar über sich selbst.

„Setzen Sie sich, Alexei Iwanowitsch, setzen Sie sich neben mich und Sie werden es nicht bereuen!“ fuhr Pawel Pawlowitsch mit innig flehender Stimme fort. „Nein, nein, nein!“ beschwichtigte er sogleich mit beiden Händen, als er Weltschaninoffs ungeduldige und energische Handbewegung bemerkte. „Nein, Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, warten Sie noch einen Augenblick mit der Entscheidung, fassen Sie nicht voreilig Ihren Entschluß! Ich sehe, daß Sie mich falsch verstanden haben: ich begreife es ja selbst nur zu gut, daß wir nicht zu Kameraden geschaffen sind, daß weder Sie mein Freund sind, noch ich Ihr Freund sein kann; so einfältig bin ich denn doch nicht, um das nicht zu verstehen. Diese Gefälligkeit aber, um die ich Sie jetzt bitte, wird und soll Sie zu nichts weiter verpflichten. Übermorgen reise ich ab, für immer, also nur diese eine Fahrt! Lassen Sie nur diesen einen Tag eine Ausnahme bilden. Auf dem Wege zu Ihnen setzte ich meine ganze Hoffnung auf – nun, auf gewisse besondere Gefühle Ihres Herzens, Alexei Iwanowitsch, – gerade jene Gefühle, die vielleicht die letzte Zeit in Ihrem Herzen erweckt hat ... Jetzt habe ich mich doch, denke ich, klar genug ausgedrückt, oder noch nicht?“

Pawel Pawlowitschs Erregung hatte einen kaum glaublichen Grad erreicht. Weltschaninoff sah ihn seltsam an.

„Sie bitten mich um eine Gefälligkeit?“ fragte er nachdenklich, „und ... bestehen mit aller Gewalt darauf, daß ich sie Ihnen erweisen soll, – das kommt mir verdächtig vor. Ich will mehr wissen.“

„Die ganze Gefälligkeit soll nur darin bestehen, daß Sie mit mir fahren. Dann aber, wenn wir von dort zurückgekehrt sind, werde ich alles vor Ihnen aufdecken: es soll meine Beichte sein. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Alexei Iwanowitsch!“

Doch Weltschaninoff weigerte sich immer noch, und zwar tat er das um so kategorischer, als ihn eine gewisse Bosheit plagte. Diese Bosheit – sie war wie ein Gefühl und ein Gedanke zugleich – regte sich schon seit einiger Zeit in ihm, richtiger: von dem Augenblick an, als Pawel Pawlowitsch von seiner Braut zu sprechen begonnen. War es nun einfach Neugier, oder war es ein vorläufig noch ganz unklares Sichhingezogenfühlen, das wußte er weder, noch wollte er darüber nachdenken, – aber Tatsache war, daß ihn das Verlangen plagte, einzuwilligen. Und je mehr es ihn plagte, um so hartnäckiger verteidigte er sich dagegen, nur wollte das nicht viel helfen. Er saß, den Arm auf den Tisch gestützt, und schwieg, während Pawel Pawlowitsch ihn mit allen Künsten zur Einwilligung zu bewegen suchte.

„Nun gut, ich fahre,“ willigte er plötzlich ein und erhob sich unruhig, fast erregt von seinem Platz.

Pawel Pawlowitsch geriet förmlich in Ekstase.

„Nein, aber jetzt, jetzt müssen Sie sich nur noch danach ankleiden, Alexei Iwanowitsch,“ meinte er, mit einem Lächeln ihn musternd und sichtlich sehr zufrieden damit, daß Weltschaninoff sogleich Miene gemacht hatte, sich umzukleiden, „so, wie nur Sie sich zu kleiden verstehn!“

„Wenn ich nur wüßte, was der Mensch mit diesem Besuch eigentlich bezwecken will?“ fragte sich Weltschaninoff derweilen mißtrauisch.

„Aber ich müßte Sie doch noch um etwas bitten, Alexei Iwanowitsch. Wenn Sie nun schon so gut gewesen sind, einzuwilligen, mich zu begleiten, dann seien Sie auch mein Ratgeber.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel in dieser Frage: mit dem Flor oder ohne Flor? Was ist anständiger: soll ich ihn abnehmen oder soll ich ihn nicht abnehmen?“

„Ganz wie Sie wollen.“

„Nein, ich will Ihre Meinung hören: was Sie täten, wenn Sie Trauer hätten? Ich dachte, wenn ich den Flor behalte, so spricht das von der Beständigkeit meiner Gefühle, also wäre es in gewissem Sinne eine gute Empfehlung.“

„Selbstverständlich nehmen Sie ihn ab.“

„Wirklich? Meinen Sie? Und sogar selbstverständlich finden Sie es?“ Pawel Pawlowitsch dachte nach. „Nein, ich möchte ihn doch lieber behalten ...“

„Wie Sie wollen.“ – „Er scheint mir doch nicht zu trauen, das ist gut,“ dachte Weltschaninoff.

Endlich war er fertig und nahm seinen Hut. Pawel Pawlowitsch betrachtete ihn mit sichtlichem Wohlgefallen, und in seinem Mienenspiel wie in seinem ganzen Wesen blickte merkliche Hochachtung und sogar ein gewisser Stolz durch. Weltschaninoff wunderte sich über ihn, doch mehr noch über sich selbst. Vor dem Portal hielt eine elegante Kutsche.

„Ah, Sie hatten also auch den Wagen schon bereit? Waren Sie denn so fest davon überzeugt, daß ich mitfahren würde?“

„Den Wagen hatte ich zunächst für mich genommen, doch war ich – jawohl, ich war so gut wie überzeugt, daß Sie einwilligen würden,“ antwortete Pawel Pawlowitsch mit der Miene eines vollkommen glücklichen Menschen.

„Ei, mein Bester,“ bemerkte Weltschaninoff mit einem kleinen gereizten Auflachen, während die Pferde anzogen und der Wagen davonrollte, „ist das Vertrauen, das Sie in mich setzen, vielleicht nicht doch etwas zu groß?“

„Aber doch nicht Ihnen, Alexei Iwanowitsch, Ihnen steht es doch nicht zu, mich deshalb einen Narren zu nennen?“ versetzte Pawel Pawlowitsch mit fester Stimme, aus der man deutlich seine Überzeugung heraushörte.

„Aber Lisa?“ dachte Weltschaninoff, vermied jedoch – sogar mit einem gewissen Schrecken – schnell jeden weiteren Gedanken an sie, als wäre er im Begriff gewesen, etwas Heiliges zu entweihen. Und plötzlich kam er sich selbst so kleinlich, so nichtswürdig vor, und jener boshafte Gedanke, oder jenes Gefühl der Neugierde, das ihn verführt hatte, mit Pawel Pawlowitsch zu dessen Braut zu fahren, erschien ihm so nichtig und erbärmlich ... und im Augenblick wollte er allem den Rücken kehren und aus dem Wagen springen, selbst wenn er vorher diesen Pawel Pawlowitsch noch hätte durchprügeln müssen. Doch da begann dieser von neuem zu sprechen und die Versuchung nahm wieder sein Herz gefangen.

„Alexei Iwanowitsch, verstehen Sie was von Schmucksachen?“

„Von was für Schmucksachen?“

„Nun so, von Damenschmuck, von Goldsachen und Brillanten?“

„Ja. Was ist denn?“

„Ich würde gern ein kleines Geschenk mitbringen. Raten Sie mir: soll ich oder soll ich nicht?“

„Meiner Meinung nach – besser nicht.“

„Ich würde es aber so gern ... Nur – was könnte man wohl kaufen? Eine ganze Garnitur, eine Brosche, Ohrringe und ein Armband, oder nur eine einzige Sache?“

„Wieviel wollen Sie dafür ausgeben?“

„Nun so – vier- bis fünfhundert Rubel.“

„O – oh!“

„Zu viel, was?“ fragte Pawel Pawlowitsch ganz erschrocken.

„Kaufen Sie ein Armband für hundert Rubel.“

Pawel Pawlowitsch schien durch diese Zumutung förmlich beleidigt zu sein. Er wollte gern möglichst viel bezahlen und gleich eine ganze Garnitur kaufen. Ihm auszureden, was er sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, war unmöglich. Sie fuhren also zu einem Juwelier. Es endete aber doch damit, daß Pawel Pawlowitsch nur ein Armband kaufte, und zwar nicht dasjenige, das ihm selbst am meisten gefiel, sondern das, zu welchem Weltschaninoff geraten hatte. Übrigens wollte er zuerst beide Armbänder kaufen. Als der Juwelier, der für das eine Armband hundertfünfundsiebzig Rubel verlangt hatte, schließlich nur hundertfünfzig verlangte, ärgerte sich Pawel Pawlowitsch aufrichtig über ihn: er hätte mit Vergnügen auch zweihundert gezahlt, so groß war sein Wunsch, ein möglichst teures Geschenk zu kaufen.

„Das hat nichts zu sagen, daß ich mit dem Schenken etwas voreilig bin,“ versicherte er, als sie wieder im Wagen saßen, „man ist dort gar nicht zeremoniell. Und die Unschuld freut sich über Geschenke,“ meinte er mit einem schlauen und höchst vergnügten Lächeln. „Sehen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie lachten vorhin darüber, daß sie erst fünfzehn Jahre alt ist; aber mich, sehen Sie, hat ja gerade das gepackt, daß sie noch das Gymnasium besucht, mit dem Büchertäschchen am Arm, und mit Heftchen und Federn drin, hehe! Gerade dieses Büchertäschchen hat’s mir angetan, das hat meine Gedanken zuerst gefangen genommen! Ich bin nämlich eigentlich nur für die Unschuld, Alexei Iwanowitsch. Es liegt mir weniger an einem schönen Gesicht, als eben gerade daran. Wenn man so sieht, wie sie dasitzen mit einer Freundin in einem Winkel und kichern und kichern, als gebe es Gott weiß was! Und worüber wird denn gekichert? Nur darüber, daß ein Kätzchen vom Tisch aufs Sofa gesprungen ist und sich wie ein Knäuelchen zusammengerollt hat! ... Das duftet ja förmlich nach frischen Äpfeln! Aber – soll ich nicht doch den Flor abnehmen?“

„Wie Sie wollen.“

„Ich tu’s!“

Er nahm den Hut ab, riß den Trauerflor vom Hutboden und warf ihn aus dem Fenster. Weltschaninoff konstatierte, daß sein Gesicht geradezu strahlte und die schönsten Hoffnungen verriet, als er seinen kahlen Kopf wieder mit dem Hut bedeckte.

„Sollte er wirklich das sein, was er zu sein scheint?“ fragte sich Weltschaninoff in ausgesprochener Wut, „sollte wirklich keine besondere Absicht dahinterstecken, daß er mich aufgefordert hat, mit ihm zu fahren? Sollte er wirklich nur auf meine Anständigkeit rechnen?“ Durch diese Annahme fühlte er sich fast gekränkt. „Und überhaupt, was ist er eigentlich – ein Narr, ein Esel oder nichts als ein ‚ewiger Gatte‘? Nein, das geht nicht so weiter! ...“

XII. Bei Sachlebinins.

Sachlebinins waren in der Tat eine „höchst anständige Familie“ und der Staatsrat selbst ein geachteter, einflußreicher und tüchtiger Beamter. Doch war auch das, was Pawel Pawlowitsch über die Vermögenslage gesagt hatte, durchaus richtig: Sie lebten gut, starb er aber heute oder morgen, so blieb nichts übrig.

Der Hausherr empfing Weltschaninoff in der freundlichsten und herzlichsten Weise: aus dem früheren Feinde schien ein aufrichtiger Freund geworden zu sein.

„Nun, ich gratuliere, so hat sich alles zum besten gewandt!“ kam er sogleich in einer etwas gönnerhaft gutmütigen Weise auf den Prozeß zu sprechen. „Ich habe selbst auf einen gütlichen Vergleich hingewirkt und Pjotr Karlowitsch“ (Weltschaninoffs Advokat) „ist ja in solchen Sachen eine Kraft, auf die man sich verlassen kann. Sechzigtausend Rubel bekommen Sie ohne alle Scherereien, die sind Ihnen ganz fraglos sicher. So wie die Dinge jetzt liegen. Andernfalls hätte sich der Prozeß noch drei Jahre hinziehen können.“

Weltschaninoff wurde sogleich Madame Sachlebinin vorgestellt, einer korpulenten, ältlichen Dame mit einem ziemlich einfachen, etwas müden Gesicht. Nach und nach erschienen dann auch die Töchter, einzeln oder paarweis. Aber es kamen ihrer doch schon gar zu viele, nicht acht, sondern ganze zehn oder zwölf – Weltschaninoff konnte sie nicht einmal zählen, da es ein fast ununterbrochenes Kommen und Gehen war. Doch befanden sich unter ihnen auch mehrere Freundinnen aus den in der Nachbarschaft liegenden Landhäusern. Das Landhaus, in dem Sachlebinins wohnten, – ein großes hölzernes, in undefinierbarem, doch recht eigentümlichem Stil gebautes Haus mit verschiedenen Anbauten – war von einem großen Garten umgeben; in diesem Garten lagen in ziemlicher Entfernung noch drei oder vier Landhäuser; und da der Garten allen Anwohnern gemeinsam gehörte, so war es selbstverständlich, daß die jungen Mädchen mit den Altersgenossinnen aus den anderen Landhäusern Freundschaft geschlossen hatten.

Es fiel Weltschaninoff nicht schwer, alsbald zu erraten, daß sein Erscheinen niemanden überrascht, daß man ihn vielmehr erwartet hatte und sein Besuch als Freund Pawel Pawlowitschs von diesem womöglich feierlich angemeldet worden war. Sein in solchen Angelegenheiten gut geschulter Scharfblick – Erfahrung lehrt – durchschaute sogar noch mehr als das: der so überaus liebenswürdige Empfang seitens der Eltern, sowie das etwas eigentümliche Verhalten der jungen Damen und nicht zuletzt auch ihre festliche Kleidung (es war allerdings ein Feiertag, aber immerhin –!) – alles das rief in ihm den Verdacht hervor, daß Pawel Pawlowitsch ihm ein Stückchen gespielt und – was sehr möglich war – angedeutet hatte, natürlich ohne irgend etwas Genaueres zu sagen, daß sein Freund Weltschaninoff ein sich langweilender Junggeselle sei, der „zur besten Gesellschaft gehört und vermögend ist“, und daß er sich vielleicht endlich einmal entschließen werde, „seine Freiheit aufzugeben“, zumal er gerade jetzt noch ein Vermögen dazu geerbt hatte. Allem Anscheine nach war die älteste Tochter, Katerina Fedossejewna, – dieselbe, die schon vierundzwanzig Jahre alt sein sollte und die Pawel Pawlowitsch als „reizend“ bezeichnet hatte – sogar ein wenig darauf vorbereitet worden. Wenigstens zeichnete sie sich durch ihre Kleidung wie durch eine ganz besonders sorgfältige, sehr reizvolle und originelle Frisur ihres sehr schönen blonden Haares aus. Die Schwestern aber und die Freundinnen blickten alle so drein, als wüßten auch sie es ganz genau, daß Weltschaninoff „Katjäs wegen“ sich hatte einführen lassen und nur gekommen war, „um sie zu sehen“. Ihre Blicke und einzelne hin und wieder entschlüpfende Bemerkungen schienen ihm die Richtigkeit dieser Annahme noch zu bestätigen.

Katerina Fedossejewna war eine hoch gewachsene, fast üppige Blondine mit einem sympathischen lieben Gesicht, still, sehr wenig temperamentvoll, vielleicht sogar ein wenig phlegmatisch. „Sonderbar, daß eine solche sitzen geblieben ist,“ dachte Weltschaninoff unwillkürlich, indem er sie mit aufrichtigem Wohlgefallen betrachtete, „mag sie auch keine Mitgift bekommen und später einmal, vielleicht schon bald, in ihren Formen sozusagen ausfließen – aber für das, was sie vorläufig ist, gibt es doch so viele Liebhaber ...“ Auch die übrigen Schwestern sahen nicht übel aus und unter den Freundinnen schienen sogar ein paar recht pikante und hübsche Gesichtchen zu sein. Die Sache begann ihn zu interessieren, übrigens war er ja auch mit besonderen Absichten zu ihnen gekommen.

Nadeschda Fedossejewna, die sechste Tochter, die noch die Schule besuchende „Erwählte“ Pawel Pawlowitschs, ließ auf sich warten. Weltschaninoff sah mit wachsender Ungeduld ihrem Erscheinen entgegen, worüber er sich selbst wunderte und sich sogar heimlich auslachte. Endlich erschien sie – nicht ohne mit ihrem Erscheinen einen gewissen Eindruck zu machen – am Arme einer älteren, sehr lebhaften Freundin. Diese Freundin, Marja Nikititschna mit Namen – eine mittelgroße Erscheinung, brünett, mit einem komischen Gesicht, wurde, wie es sich sogleich herausstellen sollte, von Pawel Pawlowitsch ganz besonders gefürchtet. Sie lebte als Hauslehrerin der Kinder einer bekannten Familie in einem der Nachbarhäuser und wurde, da sie bereits dreiundzwanzig Jahre zählte, auch nichts weniger als dumm und sehr lustig war, von den jungen Mädchen nahezu verehrt und von der ganzen Familie wie eine Verwandte behandelt. Ersichtlich war sie auch Nadjä[10] in diesem Augenblick eine unentbehrliche Stütze. Weltschaninoff bemerkte sogleich, daß alle Mädchen sich gegen Pawel Pawlowitsch verschworen haben mußten, die Freundinnen nicht ausgenommen, und schon wenige Augenblicke nach Nadjäs Erscheinen war er überzeugt, daß sie, die Hauptperson, ihn einfach haßte. Gleichzeitig stellte er fest, daß Pawel Pawlowitsch nichts davon bemerkte oder wenigstens nicht bemerken wollte. Nadjä war zweifellos die hübscheste von allen Schwestern: eine kleine Brünette mit dem Mienenspiel eines echten Wildfangs und der Dreistigkeit einer geborenen Nihilistin, ein spitzbübisches Teufelchen mit blitzenden Augen, einem reizenden Lächeln – das übrigens auch recht boshaft und spöttisch sein konnte – einem entzückenden Mund und noch entzückenderen Zähnchen, ein schlankes, strammes Figürchen, mit den ersten eigenen Denkversuchen im sprechenden Ausdruck des Gesichtchens, das aber dabei doch noch ganz kindlich wirkte. Ihre fünfzehn Jahre verrieten sich in jedem Schritt, in jedem Wort. Später stellte es sich heraus, daß Pawel Pawlowitsch sie zum erstenmal tatsächlich mit dem Büchertäschchen gesehen hatte.

Die Überreichung des Geschenks mißlang vollkommen und machte sogar einen sehr unangenehmen Eindruck. Pawel Pawlowitsch trat sogleich, kaum daß er seine „Braut“ erblickt hatte, auf sie zu und überreichte ihr mit einem verlegenen Lächeln das Etui als Ausdruck seines „Dankes für das Vergnügen, das ihm die von Nadeschda Fedossejewna während seines letzten Besuches gesungene Romanze bereitet ...“ Er kam aus dem Konzept, stockte, wußte sich nicht zurechtzufinden, stand wie ein Verlorener vor ihr und wollte ihr das Etui mit dem Armband förmlich in die Hand drücken. Nadeschda Fedossejewna errötete vor Zorn und Scham, versteckte schnell beide Hände hinter dem Rücken und wandte sich brüsk an die Mama, die gleichfalls etwas peinlich berührt schien, und sagte schnippisch:

„Ich mag es nicht, maman!“

„Nimm es entgegen und bedank dich,“ sagte der Vater mit ruhiger Strenge, doch war auch er offenbar nicht sehr erbaut von dieser Überraschung. „Überflüssig, mein Lieber, überflüssig!“ brummte er in leise zurechtweisendem Tone.

Nadjä nahm, da ihr nichts anderes übrig blieb, mit niedergeschlagenen Augen das Etui in Empfang und machte einen Knix, wie ihn kleine Mädchen zu machen pflegen. Eine der Schwestern trat darauf zu ihr, um das Geschenk zu betrachten, doch Nadjä reichte ihr sogleich das Etui, ohne es vorher zu öffnen, womit sie natürlich zeigen wollte, daß sie die Schmucksache überhaupt nicht zu sehen wünsche. Das Armband wurde herausgenommen und ging von Hand zu Hand, doch alle betrachteten es stumm, einige sogar mit kaum merklichem Spottlächeln. Nur die Mama äußerte halblaut, daß es „sehr nett“ sei. Pawel Pawlowitsch wäre am liebsten in die Erde versunken.

Da rettete Weltschaninoff die Situation.

Lebhaft und mit seiner ganzen Routine knüpfte er sogleich ein Gespräch an, benutzte den ersten besten Gedanken, der ihm kam, und es vergingen keine fünf Minuten, da hatte er bereits die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gefesselt. Die Kunst, in Gesellschaft zu plaudern, beherrschte er meisterhaft, – das heißt die Kunst, vollkommen harmlos zu scheinen und zu tun, als halte er seine Zuhörer für genau so harmlos und offenherzig, wie er es selbst ist. Mit fabelhafter Naturtreue gelang es ihm auch, wenn es nötig war, den glücklichsten und heitersten Menschen darzustellen. Nicht minder geschickt verstand er z. B. eine scharfsinnige, interessante Bemerkung, eine witzige Anspielung oder eine humorvolle Anekdote so nebenbei mit ins Gespräch einzuflechten, als habe sich das ganz von selbst ergeben, als bemerke er es überhaupt nicht, oder als sei alles Geistvolle ganz selbstverständlich – während in Wirklichkeit sowohl die Bemerkung wie die Anspielung und die betreffende Anekdote vielleicht schon viel früher einmal von ihm ersonnen und auswendig gelernt und wohl schon manches liebe Mal angebracht worden waren. Doch diesmal kam seiner Kunst noch die Natur selbst zu Hilfe: er fühlte sich zu einer geistvollen Unterhaltung so aufgelegt, wie noch nie; es war da irgend etwas, das ihn einfach mit sich selbst fortriß; und die Überzeugung, daß in wenigen Minuten alle diese Augen nur auf ihn gerichtet sein, alle Anwesenden nur ihm allein zuhören, nur mit ihm allein sprechen und nur über seine Witze lachen würden, gab ihm die Sicherheit der Siegesgewißheit und inspirierte ihn in einer Weise, daß er förmlich sich selbst übertraf. Und in der Tat, bald hörte man leises Lachen und schon ließen sich auch andere ins Gespräch hineinziehen – denn das verstand er vorzüglich, andere gleichfalls zum Reden zu bringen – und schon begannen drei oder vier zu gleicher Zeit zu sprechen, so lebhaft war man geworden. Sogar das gelangweilte, müde Gesicht der Madame Sachlebinin erhellte sich vor Freude, und mit Katerina Fedossejewna war dasselbe der Fall: sie hörte ihm mit dem lebhaftesten Interesse zu und schien überhaupt nur noch für ihn Augen und Ohren zu haben.

Nadjä beobachtete ihn unausgesetzt mit prüfenden Blicken etwas unter der Stirn hervor – sie war augenscheinlich gegen ihn eingenommen. Das trieb ihn nur noch mehr an, den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit ins Treffen zu führen. Der „boshaften“ Marja Nikititschna gelang es aber doch, eine ihm ziemlich peinliche Stichelei anzubringen: sie behauptete plötzlich – was sie sich selbst ausgedacht hatte – daß Pawel Pawlowitsch bei seinem Besuch tags zuvor von ihm als von seinem ehemaligen Spielkameraden und Jugendfreund gesprochen habe, wodurch sie zu verstehen gab, daß sie ihn für ebenso alt halte, wie Pawel Pawlowitsch, der doch um ganze sieben Jahre älter war, als Weltschaninoff. Doch auch der boshaften Marja Nikititschna gefiel er schließlich. Pawel Pawlowitsch war einfach wie vor den Kopf gestoßen. Obschon er wußte, welch ein glänzender Gesellschafter sein „Freund“ sein konnte, und sich anfangs aufrichtig über seinen Erfolg gefreut hatte – er lachte zunächst über jedes gelungene Wort oder kicherte beifällig und mischte sich sogar selbst ins Gespräch – so verstummte er doch allmählich, schien gleichsam nachdenklich zu werden, und zu guter Letzt sprach sogar eine gewisse offenkundige Verstimmtheit aus seinem verbissenen Gesicht.

„Nun, Sie sind ja ein Gast, um dessen Unterhaltung man sich nicht erst zu bemühen braucht,“ meinte schließlich der alte Sachlebinin heiter, indessen er sich vom Stuhl erhob, um sich in sein Arbeitszimmer zu begeben. Dort harrte seiner eine ganze Menge Schriftstücke, die er, obschon es ein Feiertag war, alle noch durchsehen wollte. „Und stellen Sie sich vor, ich hielt Sie für den schlimmsten Hypochonder unter allen unseren Junggesellen. Da sieht man wieder, wie man sich mitunter täuschen kann!“

Im Saal stand ein Flügel; Weltschaninoff fragte, wer sich von den Damen mit Musik beschäftige, und plötzlich wandte er sich an Nadjä:

„Sie singen, nicht wahr?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“ fragte Nadjä schnippisch.

„Pawel Pawlowitsch sagte es doch vorhin.“

„Das ist nicht wahr! Ich singe gar nicht! Oder wenn ich singe, dann tue ich es nur so zum Ulk. Ich habe überhaupt keine Stimme.“

„Auch ich habe keine Stimme und doch singe ich.“

„Ja? Werden Sie uns etwas vorsingen? Nun, dann werde auch ich singen!“ rief Nadjä mit aufblitzenden Augen, „aber nicht jetzt, später, nach dem Essen! – Ich kann Musik nicht ausstehen,“ fuhr sie fort, „dieses ewige Geklimper langweilt mich furchtbar. Bei uns wird doch vom Morgen bis zum Abend gespielt und gesungen – Katjä allein übt ja schon den ganzen Tag.“

Weltschaninoff griff sofort die Bemerkung auf und es stellte sich heraus, daß von allen in der Tat nur Katerina Fedossejewna sich ernstlich mit Musik beschäftigte. Da wandte er sich sogleich mit der Bitte an sie, doch etwas vorzuspielen. Ersichtlich berührte es alle sehr angenehm, daß er sich an Katjä gewandt hatte, und maman errötete sogar vor Freude. Katerina Fedossejewna erhob sich lächelnd und trat an den Flügel: und mit einemmal – es kam ihr selbst ganz unerwartet – errötete sie gleichfalls, und plötzlich schämte sie sich entsetzlich, daß sie, die schon so groß und schon vierundzwanzig Jahre alt und schon so üppig war, wie ein kleines Mädchen erröten konnte, – und alles das las man in ihrem Gesicht, während sie sich hinsetzte, um die Bitte des Gastes zu erfüllen. Sie spielte irgend etwas von Haydn und spielte es tadellos, wenn auch ohne besonderen Ausdruck. Offenbar: sie schämte sich. Nachdem sie es beendet hatte, begann Weltschaninoff animiert, nicht ihr Spiel, sondern Haydn und namentlich jene kleine Komposition von ihm, die sie gespielt hatte, beifällig zu beurteilen, und das war ihr augenscheinlich so angenehm und sie hörte so dankbar und glücklich das Lob an, das nicht ihr, sondern Haydn galt, daß Weltschaninoff sie unwillkürlich aufmerksamer und fast sogar zärtlich betrachtete: „Ei, du bist ja reizend!“ sprach sein Blick – und plötzlich errieten alle diesen Blick, und auch Katerina Fedossejewna erriet ihn.

„Sie haben da einen herrlichen Garten,“ wandte er sich wieder an alle, nach einem Blick durch die Glastür der Veranda, „ich möchte einen Vorschlag machen: gehen wir jetzt alle etwas spazieren.“

„Ja, ja, gehen wir, gehen wir!“ erscholl von allen Seiten fröhlicher Beifall, als hätte er den größten Herzenswunsch aller Anwesenden ausgesprochen.

Im Garten blieb man dann bis zum Mittagessen, das nach der Petersburger Sitte wie gewöhnlich um fünf Uhr serviert wurde. Madame Sachlebinin, die nicht gut ohne ein Nachmittagsschläfchen auskam, konnte sich doch nicht enthalten, mit den übrigen hinauszugehen, blieb aber dann „zur Erholung“ auf der Veranda sitzen, wo sie alsbald einschlummerte. Im Garten wurden die Beziehungen zwischen Weltschaninoff und den jungen Mädchen noch freundschaftlicher. Er bemerkte alsbald, daß aus den Nachbarvillen drei Jünglinge sich zu ihnen gesellt hatten. Einer von ihnen war Student, ein anderer erst Gymnasiast. Sie suchten jeder sogleich die entsprechende, junge Dame auf, um derentwillen sie offenbar nur gekommen waren. Der dritte „junge Mann“ – ein zwanzigjähriger Jüngling mit struppigem Haar und finsterem Gesicht, das eine große blaue Brille noch mehr verfinsterte – begann schnell und ärgerlich mit Marja Nikititschna und Nadjä über irgend etwas zu tuscheln. Er musterte auch Weltschaninoff mit strengem Blick und schien es offenbar für seine Pflicht zu halten, ihn mit der größten Verachtung zu behandeln. Einige der Mädchen schlugen vor, schneller „mit dem Spiele“ zu beginnen. Auf Weltschaninoffs Frage, was denn gespielt werden solle und welche Spiele sie gewöhnlich bevorzugten, wurde ihm die vielstimmige Antwort zuteil, daß sie gewöhnlich „alle Spiele“ spielten, am Abend aber komme meist ein Sprichwörterspiel an die Reihe – und sie erklärten ihm dasselbe ausführlich folgendermaßen: Alle setzen sich und einer oder eine muß fortgehen und sich die Ohren zuhalten; die Sitzenden wählen dann irgendein Sprichwort, z. B. „Eile mit Weile“, und nachdem dann der, welcher fortgegangen, wieder zurückgerufen ist, muß jeder oder jede der Reihe nach einen Satz sagen: die erste einen, in dem unbedingt das Wort „Eile“ vorkommen muß, die zweite einen Satz mit dem Wort „mit“, und so weiter. Jener aber „müsse unbedingt die richtigen Wörter herausmerken und das Sprichwort erraten“.

„Das muß ja sehr amüsant sein,“ meinte Weltschaninoff.

„Ach nein, gar nicht, es ist furchtbar langweilig!“ antworteten zwei oder drei Stimmen zugleich.

„Oh, aber zuweilen spielen wir auch Theater!“ wandte sich plötzlich Nadjä ihm zu. „Sehen Sie dort den großen Baum mit dem Buschwerk ringsherum: dort, hinter dem Baum, sind die Kulissen – es sind ja keine, aber wir sagen so – dort sitzen dann die Schauspieler, gleichviel was sie da sind, König oder Königin, oder die Prinzessin, oder der Held und Liebhaber – wie es ein jeder selbst will. Und jeder tritt dann auf, wenn er Lust hat und redet, was ihm einfällt. Nun und so kommt denn dabei irgend etwas heraus.“

„Das muß ja allerliebst sein!“ meinte wiederum Weltschaninoff in lobender Anerkennung der Leistungen.

„Ach nein, schrecklich langweilig! Zuerst ist es ganz lustig, aber zum Schluß wird es immer blödsinnig, denn niemand versteht irgendwie abzuschließen. Ja, mit Ihnen, da wäre es was anderes, wenn Sie mitspielen wollten. Wir glaubten doch, daß Sie ein Freund von Pawel Pawlowitsch seien, aber da stellt es sich jetzt heraus, daß er einfach nur geprahlt hat. Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind ... und das – aus einem besonderen Grunde ...“

Sie sah ihn sehr ernst und bedeutsam an und kehrte wieder zu ihrer Marja Nikititschna zurück.

„Das Sprichwörterspiel werden wir am Abend spielen,“ tuschelte plötzlich vertrauensvoll und mitteilsam eine der kleinen Freundinnen Weltschaninoff zu, – eine, die er bis dahin noch kaum beachtet und mit der er noch kein Wort gesprochen hatte, „und wenn wir dann alle Pawel Pawlowitsch auslachen, müssen Sie mitlachen, ja?“

„Ach, wie gut das ist, daß Sie gekommen sind, sonst ist es bei uns immer so langweilig!“ teilte ihm freundschaftlich eine andere Kleine mit, die er überhaupt noch nicht bemerkt hatte, und die plötzlich Gott weiß woher aufgetaucht war – eine kleine Rothaarige mit Sommersprossen und einem vom Laufen höchst komisch geröteten Gesicht.

Pawel Pawlowitschs Unruhe wurde immer größer. Weltschaninoff dagegen schloß inzwischen Freundschaft mit Nadjä, die ihn längst nicht mehr mißtrauisch betrachtete, vielmehr jede Absicht, ihn genauer zu prüfen, vergessen zu haben schien, und vorläufig nur lachte und lief und herumhüpfte und zweimal plötzlich sogar seine Hand ergriff. Sie war unsagbar glücklich, Pawel Pawlowitsch jedoch schenkte sie nicht die geringste Beachtung, als existiere er überhaupt nicht. Bald hatte Weltschaninoff sich überzeugt, daß eine regelrechte Verschwörung gegen Pawel Pawlowitsch geplant war. Nadjä und die halbe Schar der Mädchen führte Weltschaninoff nach der einen Seite des Gartens, während gleichzeitig die andere halbe Schar Pawel Pawlowitsch unter verschiedenen Vorwänden nach der entgegengesetzten Seite zu entführen suchte, was jedoch nicht gelang. Pawel Pawlowitsch riß sich nämlich plötzlich los und eilte schnurstracks zu Weltschaninoff und Nadjä, die beide ordentlich erschraken, als sein kahler, unruhig aufhorchender Schädel zwischen ihnen auftauchte. Zu guter Letzt scheute er sich gar nicht mehr, offen seine Eifersucht zu zeigen, – die Naivität seines Gebarens war bisweilen mehr als erstaunlich. Weltschaninoff konnte nicht umhin, Katerina Fedossejewna nochmals mit besonderem Interesse zu betrachten: sie war sich jetzt natürlich schon klar darüber, daß er durchaus nicht um ihretwillen gekommen war und sich bereits gar zu lebhaft für Nadjä interessierte, doch der Ausdruck ihres Gesichts blieb ebenso lieb und gut, wie er vorher gewesen war. Sie schien allein schon deshalb glücklich zu sein, weil sie gleichfalls bei ihnen sein und mit anhören konnte, was der neue Gast sprach; leider verstand es die Ärmste nur gar nicht, sich auch selbst geschickt am Gespräch zu beteiligen.

„Wie reizend Ihre Schwester Katerina Fedossejewna ist!“ sagte er leise zu Nadjä.

„Katjä? Ja kann es denn überhaupt eine bessere Seele geben? Sie ist doch unser Engel, ich bin einfach in sie verliebt!“ entgegnete die Kleine ganz begeistert.

Um fünf Uhr ging man zu Tisch. Auch das Mittagessen zeichnete sich in einer Weise aus, die verriet, daß es zu Ehren des Gastes mit besonderer Sorgfalt zubereitet worden war. Zwei oder drei der Speisen waren zweifellos Zugaben, die die staatsrätliche Küche nicht jeden Tag herstellte, und eine von ihnen war sogar so eigenartig, daß es wohl jedem Uneingeweihten schwer gefallen wäre, der Speise einen Namen zu geben. Außer dem üblichen Tischwein gab es noch – offenbar gleichfalls zu Ehren des Gastes – Tokaier, und zum Schluß wurde sogar Champagner gereicht. Der alte Herr Sachlebinin fühlte sich durch die verschiedenen Gläschen in die leutseligste Stimmung versetzt und war bereit, über alles, was Weltschaninoff sagte, zu lachen. Das endete damit, daß Pawel Pawlowitsch sich von seinem Ehrgeiz verleiten ließ, gleichfalls etwas Witziges zu sagen: und plötzlich erscholl an jenem Ende des Tisches, wo er neben Madame Sachlebinin saß, lautes Gelächter der jungen Mädchen.

„Papa, Papa! Pawel Pawlowitsch hat auch einen Witz gemacht!“ riefen zwei wie aus einem Munde. „Er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse ...‘“

„Ah, also auch er macht Witze! Nun, was für einen Witz hat er denn gemacht?“ erkundigte sich erwartungsvoll der Staatsrat, sich huldvoll jenem Tischende zuwendend, und er lächelte bereits im voraus über den Witz, den er nun zu hören bekommen würde.

„Aber das war es doch, er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse‘.“

„J–ja? Nun und?“

Der alte Herr begriff den „Witz“ noch immer nicht und lächelte in der Erwartung noch freundlicher.

„Ach, Papa, wie Sie aber auch sind! Nun, ‚Fräulein‘ und dann ‚freuen‘ – ‚Fräu‘ klingt wie ‚freu‘, also ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse‘.“

„A–a–ah!“ machte der Alte etwas verblüfft. „Hm! Nun, das nächstemal wird er einen besseren Witz machen!“

Und er lachte vor sich hin.

„Pawel Pawlowitsch, man kann sich doch nicht durch alle Vorzüge auszeichnen!“ neckte ihn Marja Nikititschna. „Ach, mein Gott, eine Gräte ist ihm in den Hals geraten, er erstickt!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken und sprang im Nu vom Stuhl auf.

Das rief eine allgemeine Verwirrung hervor – doch weiter wollte ja Marja Nikititschna nichts damit bezwecken. Pawel Pawlowitsch hatte sich nur ein wenig verschluckt, als er, um seine Verlegenheit zu verbergen, beim Weintrinken nach dem Glase gegriffen, doch Marja Nikititschna versicherte nach allen Seiten, daß es eine Gräte sei, sie habe es selbst gesehen, und er könne davon sterben.

„Auf den Rücken klopfen!“ rief jemand.

„Ja, das ist das Beste!“ bestätigte der Hausherr laut, und im Augenblick waren auch schon eine ganze Reihe Dienstbeflissener zur Stelle: Marja Nikititschna und die kleine, drollige, rothaarige Freundin – die man mit zu Tisch geladen hatte – und sogar die Dame des Hauses, die ernstlich erschrocken zu sein schien. Pawel Pawlowitsch war gleichfalls aufgesprungen, um möglichst den Schlägen zu entgehen, doch lange mußte er vergeblich nach links und rechts beteuern, daß er sich nur beim Weintrinken verschluckt habe und der Husten sogleich vorüber sein werde – bis man endlich erriet, daß das Ganze nur ein mutwilliger Streich von Marja Nikititschna war.

„Schäm dich, du bist wieder mal unglaublich! ...“ wandte sich Madame Sachlebinin in streng verweisendem Tone an Marja Nikititschna, konnte sich aber selbst nicht bezwingen und lachte so belustigt auf, wie man es von ihr wohl nur höchst selten gehört hatte, – nach dem Eindruck zu urteilen, den ihr Lachen selbst auf die fröhlichen Familienmitglieder machte.

Nach dem Essen wurde der Kaffee auf der Veranda getrunken.

„Wie schön das Wetter jetzt ist!“ sagte der Alte lobend und mit Wohlgefallen in den Garten blickend. „Regen könnte allerdings nicht schaden ... Doch – ich werde mich jetzt etwas zurückziehen und erholen. Nun, amüsiert euch nur, amüsiert euch! Und auch du amüsiere dich!“ riet er beim Hinausgehen noch Pawel Pawlowitsch und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Kaum waren alle wieder im Garten, da zupfte plötzlich Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff am Ärmel.

„Auf einen Augenblick!“ flüsterte er sichtlich erregt.

Sie bogen in einen Seitenweg ein, der nach dem einsamen Teil des Gartens führte.

„Nein, hier, verzeihen Sie, hier will ich’s mir denn doch verbitten ... hier werde ich es mir doch nicht gefallen lassen!“ sagte er wutbebend – seine Faust ließ den Ärmel nicht los.

„Was denn? Was?“ fragte Weltschaninoff und sah ihn mit großen Augen ganz erstaunt an.

Pawel Pawlowitsch blickte schweigend zu ihm auf, bewegte die Lippen und – lächelte vor Wut.

„Wohin gehen Sie denn? So kommen Sie doch! Wo bleiben Sie denn? Alles ist schon fertig!“ hörte man die ungeduldig rufenden Stimmen der jungen Mädchen.

Weltschaninoff zuckte mit der Achsel und kehrte zu ihnen zurück. Pawel Pawlowitsch folgte ihm.

„Ich könnte wetten, daß er Sie um ein Taschentuch gebeten hat,“ sagte Marja Nikititschna, „gestern hatte er gleichfalls sein Taschentuch vergessen.“

„Ewig vergißt er was!“ bemerkte eine der mittleren Schwestern.

„Er hat sein Taschentuch vergessen! Pawel Pawlowitsch hat sein Taschentuch vergessen! Maman, Pawel Pawlowitsch hat wieder sein Taschentuch vergessen! Maman, Pawel Pawlowitsch hat wieder Schnupfen!“ tönte es von allen Seiten.

„Aber weshalb sagt er denn das nicht gleich! Wie können Sie nur so ... pedantisch sein, Pawel Pawlowitsch!“ sagte überaus langsam Madame Sachlebinin. „Ein Schnupfen kann sehr gefährlich werden. Ich werde Ihnen sogleich ein Taschentuch schicken ... Wie kommt es nur, daß Sie einen Schnupfen haben?“ fragte sie noch im Fortgehen, innerlich froh über den Vorwand, der ihr die Möglichkeit gab, sich wieder zurückzuziehen.

„Ich habe zwei Taschentücher und gar keinen Schnupfen!“ rief Pawel Pawlowitsch ihr nach, doch sie hörte es zu undeutlich, um ihn zu verstehen, und nach einer kleinen Weile, während der man weitergegangen war und Pawel Pawlowitsch sich näher an Nadjä und Weltschaninoff herangeschlängelt hatte, kam ihnen ein Hausmädchen atemlos nachgelaufen und brachte ihm das versprochene Taschentuch.

„Jetzt spielen, spielen, das Sprichwörterspiel!“ riefen die Mädchen eifrig, als erwarteten sie Gott weiß was von diesem Spiel.

Man setzte sich auf die Gartenbänke in einer Reihe hin und Marja Nikititschna erhob sich als erste; man sagte ihr, sie solle möglichst weit fortgehen und „nur ja nicht horchen!“ Währenddessen wählte man ein Sprichwort. Marja Nikititschna wurde zurückgerufen und erriet es sogleich.

Nach ihr kam die Reihe an den jungen Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille. Von ihm verlangte man, daß er noch weiter fortgehe, bis zur Laube, und sich so hinstelle, „mit dem Rücken zu uns und mit dem Gesicht nach dem Zaun“. Der finstere junge Mann befolgte die Vorschrift mit verächtlicher Miene und schien sie sogar als eine gewisse moralische Erniedrigung zu empfinden. Als man ihn zurückrief, konnte er nichts erraten; er hörte die ganze Reihe nacheinander an, jeder Satz wurde ihm zweimal gesagt, er dachte lange und finster grübelnd nach, doch leider vergeblich. Man lachte ihn schließlich aus und sagte ihm, er solle sich schämen. Das Sprichwort lautete:

„Zu Gott gebetet und dem Zaren gedient, ist nicht vergebliche Müh’.“

„So ’n Blödsinn!“ brummte der verletzte Jüngling unwillig und zog sich auf seinen Platz zurück.

„Ach wie langweilig!“ hörte man von einigen.

Weltschaninoff mußte gehen: man schickte ihn also fort, doch auch er konnte nichts erraten.

„Ach wie langweilig!“ sagten noch mehr Stimmen.

„Nun, jetzt gehe ich,“ sagte Nadjä.

„Nein, nein, jetzt muß Pawel Pawlowitsch gehen, jetzt ist er an der Reihe!“ riefen mehrere Stimmen und alle belebten sich ein wenig.

Pawel Pawlowitsch wurde bis zum Zaun geführt und dort mußte er stehen bleiben; damit er sich aber nicht etwa umsah, mußte die kleine Rothaarige ihn bewachen. Pawel Pawlowitsch, der wieder etwas Mut gefaßt hatte und ordentlich munter geworden war, beabsichtigte natürlich, ehrlich und eifrig seine Pflicht zu erfüllen, und stand wie ein Pfosten, sah den Zaun an und wagte nicht einmal, sich zu rühren, geschweige denn, sich umzuschauen. Die kleine Rothaarige stand bei der Laube, etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, und gab aufgeregt den übrigen verschiedene Winke: es mußte etwas Besonderes geplant worden sein. Plötzlich winkte sie mit beiden Händen so schnell sie konnte: da sprangen alle auf und liefen Hals über Kopf davon.

„Laufen Sie, laufen Sie mit uns!“ tuschelten eifrig und in fast angstvoller Erregung wohl zehn Stimmen Weltschaninoff zu, ordentlich böse und zugleich ganz verzweifelt darüber, daß er nicht sogleich mitlief.

„Was ist denn? Was ist passiert?“ fragte er, schnellen Schritts ihnen folgend.

„Sch! leise! schreien Sie nicht! Mag er dort stehen und den Zaun betrachten, wir aber laufen alle fort. Da kommt auch schon Nastjä gelaufen!“

Die kleine rothaarige Freundin, Nastjä, kam ihnen in einer Eile und Aufregung nachgelaufen, als wäre der Himmel weiß was geschehen. Endlich war man ganz am anderen Ende des Gartens, hinter dem Teich, angelangt. Als Weltschaninoff sich ihnen näherte, sah er, daß Katerina Fedossejewna heftig mit den anderen stritt, namentlich mit Nadjä und Marja Nikititschna.

„Katjä, Täubchen, sei nicht böse!“ bat Nadjä herzlich und küßte die Schwester.

„Nun gut, ich werde es nicht Mama sagen, aber ich gehe fort. Es ist doch wirklich nicht schön von euch, es ist sogar recht häßlich. Was muß der Arme dort am Zaun empfinden, wenn ihr ihn so lange stehen laßt und betrügt!“

Und sie ging wirklich fort – aus Mitleid mit ihm, die anderen aber blieben erbarmungslos bei ihrem Entschluß. Auch von Weltschaninoff wurde streng verlangt, daß er, wenn Pawel Pawlowitsch sich wieder zu ihnen gesellte, ihn überhaupt nicht beachten und tun solle, als sei nichts geschehen.

„Und wir wollen jetzt alle unser Fangspiel spielen!“ rief die kleine Rothaarige ganz außer sich vor Entzücken.

Pawel Pawlowitsch kam erst nach einer guten Viertelstunde wieder zu ihnen. Zwei Drittel dieser Zeit hatte er bestimmt regungslos am Zaun gewartet. Das Fangspiel war in vollem Gange und gelang vortrefflich – alle schrien und amüsierten sich köstlich. Pawel Pawlowitsch kochte vor Wut, trat schnell an Weltschaninoff heran und faßte ihn wieder am Ärmel.

„Auf einen Augenblick!“

„Ach Gott, was will er immer mit seinen Augenblicken!“

„Er will wieder ein Taschentuch haben!“ hörten sie hinter sich rufen.

„Nein, diesmal sind Sie es gewesen! diesmal Sie ganz allein, jawohl Sie, Sie! Sie haben die Mädel dazu veranlaßt! ...“

Pawel Pawlowitsch war so erregt, daß seine Zähne aufeinanderschlugen.

Weltschaninoff unterbrach ihn und riet ihm in ruhigem Tone, mit den Heiteren heiter zu sein: „Man neckt Sie doch nur deshalb, weil Sie sich ärgern, während alle anderen lustig sind.“ Zu seinem Erstaunen machten dieser Rat und diese Bemerkung Pawel Pawlowitsch ganz betroffen: er verstummte sogleich und kehrte wie ein Schuldbewußter zur Gesellschaft zurück, um sich dann gleichfalls am Spiel zu beteiligen. Man ließ ihn ruhig mitspielen und spielte mit ihm wie mit allen anderen. So verging noch keine halbe Stunde und er war wieder munter und guter Dinge. Bei allen Spielen engagierte er als Dame, wenn es nötig war, die kleine rothaarige Verräterin oder eine der Schwestern. Was Weltschaninoff besonders in Erstaunen setzte, war, daß er kein einziges Mal Nadjä anzureden wagte, obschon er sich ununterbrochen in ihrer Nähe aufhielt. Er schien es nunmehr als etwas Selbstverständliches zu betrachten, daß sie ihn überhaupt nicht beachtete und sogar eine gewisse Verachtung hervorkehrte, als sei das ganz natürlich und als müsse es so sein. Zum Schluß wurde ihm übrigens noch ein Streich gespielt.

Man spielte „Verstecken“. Diesmal mit einer kleinen Neuerung: man brauchte nicht in dem einmal erwählten Versteck auszuharren, sondern konnte oder mußte sogar, sobald der Suchende nicht zu sehen war, ein anderes Versteck aufsuchen. Pawel Pawlowitsch hatte sich bereits sehr geschickt zwischen dichten Büschen versteckt, als es ihm plötzlich einfiel, ins Haus zu laufen. Mehrstimmiges Geschrei erschallte – man hatte ihn gesehen. Da schlüpfte er schnell die Treppe zum zweiten Stockwerk hinauf, wo er sich in der Treppenkammer hinter einer Kommode verbarg. Im Nu aber war die kleine Rothaarige hinter ihm hergeschlüpft, auf den Fußspitzen zur Treppe geschlichen und hatte leise den Schlüssel umgedreht: Pawel Pawlowitsch saß eingeschlossen in seiner Kammer. Sogleich brach man das Versteckspiel ab und alle liefen wieder hinter den Teich. Nach etwa zehn Minuten wurde ihm das Warten dort oben doch etwas lang, und er steckte vorsichtig den Kopf zum Fenster hinaus: niemand war zu sehen. Zu rufen wagte er nicht, denn er fürchtete die Eltern zu wecken; den Mägden war natürlich strengstens befohlen, sich nicht blicken zu lassen und auf seinen Ruf, falls er rufen sollte, nicht herbeizueilen. Nur Katerina Fedossejewna hätte ihn aus seiner Gefangenschaft befreien können, doch leider hatte sie sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen und war über ihren Träumereien schließlich eingeschlummert. So saß denn Pawel Pawlowitsch dort fast eine ganze Stunde. Und endlich, endlich erst tauchten die jungen Mädchen wieder auf. Sie kamen zu zweien, zu dreien, als wäre nichts passiert, und spazierten harmlos plaudernd vorüber.

„Pawel Pawlowitsch, weshalb kommen Sie denn nicht zu uns? Ach, es ist dort so lustig! Wir spielen Theater! Alexei Iwanowitsch hat den ‚jungen Mann‘ gespielt!“

„Pawel Pawlowitsch, weshalb sitzen Sie denn dort? Sie wollen wohl irgend etwas darstellen, worüber man sich freuen soll?“ fragten im Vorübergehen zwei andere.

„Worüber denn sich wieder ‚freuen‘?“ ertönte da plötzlich die Stimme der Madame Sachlebinin, die ihr Nachmittagsschläfchen beendet hatte und gerade von der Veranda in den Garten trat, um sich bis zum Tee noch etwas zu bewegen und den Spielen der „Kinder“ zuzuschauen.

„Ja dort – über den Pawel Pawlowitsch!“ und sie wiesen nach dem Fenster, in dem man das verzerrt lächelnde, vor Wut gelblich bleiche Gesicht Pawel Pawlowitschs sah.

„Aber was ist denn das für ein Vergnügen, allein in einem Stübchen zu sitzen, wenn draußen alle so lustig sind!“ wunderte sich die Mama.

Inzwischen wurde Weltschaninoff die Ehre zuteil, von Nadjä die huldvolle Bemerkung, daß sie sich aus einem ganz „besonderen Grunde“ über seinen Besuch freue, zu vernehmen, und zwar unter vier Augen in einer entlegenen, einsamen Allee. Marja Nikititschna hatte ihn zu dem Zweck von den anderen fortgerufen – sehr zu seiner Erleichterung, da ihn die Spiele schon unwiderstehlich zu langweilen begannen – und ihn in diese Allee geführt, wo sie ihn mit Nadjä allein ließ.

„Ich bin jetzt vollkommen überzeugt,“ begann diese sogleich, „daß Sie durchaus nicht ein so großer Freund von Pawel Pawlowitsch sind, wie er hier geprahlt hat. Ich habe mich auch überzeugt, daß nur Sie allein mir einen sehr, sehr großen und sehr wichtigen Dienst erweisen können. Hier ist sein abscheuliches Armband“ – sie zog das Etui aus der Tasche hervor – „und nun bitte ich Sie recht sehr, ihm dieses Geschenk unverzüglich wieder einzuhändigen, denn ich selbst werde für keinen Preis noch ein Wort mit ihm sprechen, weder jetzt noch später, in meinem ganzen Leben nicht! Übrigens können Sie ihm sagen, daß Sie es ihm in meinem Auftrage zurückgeben, und fügen Sie nur gleich hinzu, daß er hinfort nicht mehr wagen soll, mir nochmals mit Geschenken zu kommen. Das übrige werde ich ihm dann schon durch andere sagen lassen. Werden Sie nun so gut sein und mir die Freude bereiten, meine Bitte zu erfüllen?“

„Um Gottes willen, verschonen Sie mich damit!“ rief Weltschaninoff fast entsetzt.

„Was? Verschonen? Warum sagen Sie ‚verschonen‘?“ erschrak Nadjä und sah ihn groß an.

Vergessen war der ganze damenhafte Ton ihrer vermutlich vorbereiteten Rede, und sie sah ihn hilflos wie ein Kind an, das dem Weinen nahe ist. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen.

„O nein ... so war es nicht gemeint ... ich würde Ihre Bitte gewiß sehr gern erfüllen, nur ... ich habe da selbst noch einiges mit ihm vor ...“

„Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß Sie nicht sein Freund sein können und daß er einfach gelogen hat!“ unterbrach ihn Nadjä schnell und heftig. „Ich werde ihn niemals heiraten, damit Sie’s wissen! Niemals! Ich begreife nicht, wie er es überhaupt gewagt hat ... Nur müssen Sie ihm trotzdem sein abscheuliches Armband zurückgeben, was soll ich denn sonst anfangen? Ich will, daß er unbedingt, unbedingt heute noch das Geschenk zurückerhält und den Korb einsteckt. Und wenn es ihm einfällt, zu Papa zu gehen und zu klatschen, dann soll er sehen, was Rache heißt! ...“

Plötzlich tauchte hinter ein paar Büschen in ihrer Nähe der junge Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille auf. Im Augenblick stand er vor ihnen.

„Sie müssen das Armband zurückgeben!“ wandte er sich wütend an Weltschaninoff, „allein schon im Namen der Frauenrechte, vorausgesetzt, daß Sie sich über dieselben überhaupt klar sind und auf der Höhe des Problems stehen! ...“

Weiter kam er leider nicht: Nadjä riß ihn mit aller Gewalt am Ärmel von Weltschaninoff fort.

„Gott, wie Sie dumm sind, Predpossyloff!“ rief sie zornig. „Gehen Sie fort! Gehen Sie fort, so gehen Sie doch fort! – und wagen Sie es nicht wieder, zu lauschen! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie dort weit hinten stehen sollen!“ Und ihr kleiner Fuß stampfte zornig auf, und selbst als jener wieder hinter dem Gebüsch verschwunden war, ging sie noch ganz außer sich hin und her in der Allee und rang die Hände vor Verzweiflung.

„Nein wirklich, Sie glauben nicht, wie dumm diese Jungen sind!“ sagte sie. „Ja, Sie haben gut lachen, aber was soll ich denn sagen!“

„Das ist doch nicht Er?“ fragte lachend Weltschaninoff, vor dem sie stehen geblieben war.

„Natürlich nicht Er! – wie können Sie sich nur so was denken!“ versetzte Nadjä errötend und mit einem flüchtigen Lächeln. „Das ist nur sein Freund. Ich begreife nicht, was für Freunde er sich aussucht! Von diesem sagen sie alle, er sei eine ‚zukünftige Größe‘, ich begreife aber nichts davon ... Alexei Iwanowitsch, ich habe keinen, an den ich mich wenden könnte, also zum letztenmal: werden Sie ihm das Armband zurückgeben oder nicht?“

„Nun gut, ich werde, geben Sie es her.“

„Ach Sie Lieber, ach Sie Guter!“ rief sie erfreut und gab ihm das Etui. „Ich werde Ihnen dafür den ganzen Abend vorsingen, denn ich habe sogar eine sehr gute Stimme! Damit Sie’s wissen: ich habe es Ihnen nur vorgelogen, daß ich Musik nicht ausstehen kann. Ach, wenn Sie doch noch einmal, noch ein einziges Mal zu uns kämen, ich wäre so froh, und ich würde Ihnen alles, alles, alles erzählen, und vieles noch außerdem, denn Sie sind so gut, – so gut wie ... wie Katjä!“

Und sie hielt ihr Versprechen: nachdem man zum Tee ins Haus zurückgekehrt war, sang sie ihm zwei Romanzen vor. Ihre Stimme war noch gar nicht geschult, sie begann sich erst zu entwickeln, doch war sie angenehm und konnte einmal vielleicht zu einer recht umfangreichen werden.

Pawel Pawlowitsch saß, als die anderen aus dem Garten kamen, bereits ehrbar und ruhig mit den Eltern am Teetisch, auf dem der große Ssamowar und Teetassen aus echtem Sèvresporzellan standen. Offenbar hatte er mit den Eltern über sehr ernste Dinge gesprochen, da er in zwei Tagen Petersburg verlassen mußte und nicht vor neun Monaten wiederkehren sollte. Den Eintretenden und namentlich Weltschaninoff schenkte er überhaupt keine Beachtung. Anzunehmen war, daß er noch nichts „geklatscht“ hatte, denn vorläufig schien alles „ruhig“ zu sein.

Doch kaum begann Nadjä zu singen – da erschien auch er sogleich im Saal. Nadjä war so unhöflich, auf eine Frage, die er direkt an sie richtete, überhaupt nicht zu antworten, doch ließ er sich dadurch nicht im geringsten abschütteln oder auch nur verwirren: er trat hinter ihren Stuhl und seine Miene, wie seine ganze Haltung drückten nur zu deutlich aus, daß er diesen Platz keinem anderen abzutreten gedachte.

„Jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen, maman, jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen!“ riefen die jungen Mädchen lebhaft alle durcheinander und drängten sich zusammen, ohne die Blicke von Weltschaninoff abzuwenden, der sich, selbstbewußt, wie immer, bereits an den Flügel gesetzt hatte. Sogleich kamen denn auch die Eltern in den Saal, und auch Katerina Fedossejewna, die bei ihnen gewesen und den Tee eingegossen hatte.

Weltschaninoff wählte ein altes, jetzt schon fast ganz vergessenes Lied von Glinka[11]:

„Wenn ich dich sehe und du zu mir sprichst ...“

Während des Vortrages wandte er sich ausschließlich an Nadjä, die am nächsten bei ihm stand und sich an den Flügel stützte. Er hatte schon lange keine Stimme mehr, die zu einem vollendeten Gesang taugte, doch was ihm noch geblieben war, zeigte immerhin, daß er einst eine schöne Stimme gehabt haben mußte. Dieses Lied hatte er als Student vor etwa zwanzig Jahren zum erstenmal gehört, und zwar vom Komponisten selbst vorgetragen: es war bei einem Freunde Glinkas an einem kleinen literarisch-künstlerischen „Junggesellenabend“ gewesen. Glinka war im Zimmer unruhig auf und ab gegangen und dann hatte er sich plötzlich an den Flügel gesetzt und seine Lieblingskompositionen gesungen – darunter auch dieses Lied. Auch Glinka hatte damals keine Stimme mehr gehabt, doch Weltschaninoff entsann sich noch deutlich des außerordentlichen Eindrucks, den gerade dieses Lied, halb sprechend vorgetragen, auf alle Anwesenden gemacht hatte. Niemals hätte ein Dilettant, ein bloßer Salonsänger, selbst wenn er über die größten Stimmittel verfügte, einen ähnlichen Eindruck erreicht. Mit jeder Strophe steigert sich in diesem Liede die Leidenschaft und wuchs schließlich an zu einer alles mitreißenden Macht; und gerade wegen der Größe und Gewalt dieser Leidenschaft hätte alles „Gemachte“, hätte die geringste Übertreibung – wie man sie in der Oper immer wieder hört – das Lied nur herabgezogen und den Sinn jedes Wortes, jedes Tones entstellt. Um dieses kleine, doch ganz einzige Lied zu singen, war unbedingt eines erforderlich: wirkliche Begeisterung, wirkliche Leidenschaft, oder – wenn man ein großer Künstler war – doch wenigstens die vollendetste künstlerische Beherrschung des Ausdrucks dieser Gefühle. Anderenfalls hätte das Lied nur unangenehm und vielleicht sogar sehr peinlich wirken können. Weltschaninoff wußte, daß ihm der Vortrag des Liedes bisher fast immer gelungen war: hatte sich ihm doch damals, als er es zum erstenmal von Glinka gehört, jede Nuance und die ganze Art seines Vortrages unauslöschlich eingeprägt. Und auch diesmal erfaßte ihn, kaum daß er die ersten Töne angeschlagen und die ersten Worte gesungen hatte, wirkliche Begeisterung: und die Begeisterung wirkte auf seine Stimme zurück und ging von da auf die Zuhörenden über. Mit jedem weiteren Wort wuchs das Gefühl und der Ausdruck wurde stärker, sicherer, fast rücksichtslos, und es war, als streife er alle, auch die letzten Bedenken ab. So kam es denn zu dieser außerordentlichen Wirkung. So kam es, daß Nadjä, als er sie bei den Schlußworten

Nur küssen will ich dich, küssen, Nur küssen, küssen!

mit vor Leidenschaft blitzendem Blick ansah, erschrocken zusammenfuhr und unwillkürlich etwas zurückwich: purpurn stieg das Blut ihr in die Wangen und im Moment war es Weltschaninoff, als habe er in ihrem fast ängstlichen Gesichtchen und ihren erschrockenen Augen ein kurzes Erraten bemerkt. Doch auch die Gesichter aller übrigen Zuhörerinnen verrieten förmliche Entzückung und gleichzeitig doch auch so etwas wie Beschämung oder ein verschämtes Staunen: es war, als meinten sie alle, so etwas könne man doch nicht so vor allen Menschen aussprechen, da müsse man sich doch scheuen! Und doch glühten alle diese Gesichtchen und blitzten aller Augen und es war, als erwarteten sie noch etwas ... Flüchtig streifte Weltschaninoffs Blick sie alle, wie sie dasaßen, und blieb auf Katerina Fedossejewna haften: wie schön sie aussah!

„Nun, das ist mir mal eine Romanze! ...“ brummte jetzt langsam der alte Sachlebinin, der zum Schluß ganz verblüfft dagesessen hatte, „aber ... hm! – ist sie nicht doch etwas zu feurig? Sie ist ja sehr schön, aber ...“

„Ja ...“ wollte etwas unschlüssig auch Madame Sachlebinin ihre Meinung äußern, doch kam sie nicht dazu: Pawel Pawlowitsch war plötzlich neben Nadjä aufgetaucht: er sah wie ein Irrsinniger aus und vergaß sich so weit, daß er Nadjä am Arm faßte und sie von Weltschaninoff fortzog – um dann, fast wankend, wieder vor diesen hinzutreten. Er war offenbar unzurechnungsfähig. Seine Lippen zuckten krampfhaft.

„Auf einen Augenblick,“ brachte er endlich mühsam hervor.

Weltschaninoff begriff sofort, daß dieser Mensch im nächsten Augenblick etwas zehnmal Schlimmeres tun konnte, wenn man ihm nicht zuvorkam: er faßte ihn deshalb an der Hand und führte ihn schnell, ohne sich durch die Verwunderung der anderen aufhalten zu lassen, auf die Veranda und von dort noch ein paar Stufen hinab in den Garten. Es dunkelte bereits.

„Begreifen Sie nicht, daß Sie sogleich mit mir von hier fortfahren müssen!“ stieß Pawel Pawlowitsch bebend hervor.

„Nein, das begreife ich nicht ...“

„Erinnern Sie sich,“ fuhr Pawel Pawlowitsch flüsternd in einer Aufregung fort, die nahezu unheimlich war, „erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie damals von mir verlangten, ich solle Ihnen alles sagen, alles, verstehen Sie, und ganz aufrichtig ‚das letzte Wort‘ ... wissen Sie noch? Nun, jetzt ist der Augenblick gekommen für dieses Wort ... Gehen wir!“

Weltschaninoff dachte ein paar Sekunden lang nach, blickte nochmals Pawel Pawlowitsch an und erklärte sich dann bereit, mit ihm zu fahren.

Der plötzliche Aufbruch der beiden Gäste erschreckte die Eltern nicht wenig und empörte die jungen Mädchen ganz maßlos.

„Aber trinken Sie doch wenigstens noch ein Täßchen Tee ...“ bat Madame Sachlebinin fast kläglich.

„Na, was ist denn in dich gefahren, daß du dich plötzlich so aufregst?“ wandte sich mit strenger, unzufriedener Miene der alte Sachlebinin an Pawel Pawlowitsch, der nur eigentümlich lächelte und schwieg.

„Pawel Pawlowitsch, weshalb entführen Sie uns Alexei Iwanowitsch?“ wandten sich die jungen Mädchen teils vorwurfsvoll, teils aufrichtig böse an ihn, und die Blicke, die er auffing, sprachen von nichts weniger als von Sympathie. Nadjä aber maß ihn mit so unaussprechlichem Haß, daß er sich förmlich wand unter ihrem Blick, doch er blieb bei seinem Entschluß.

„Verzeihen Sie, aber Pawel Pawlowitsch hat mich zum Glück noch rechtzeitig an etwas sehr Wichtiges erinnert, das leider keinen Aufbruch duldet,“ entschuldigte sich Weltschaninoff lachend, worauf er dem Staatsrat die Hand drückte, die der Dame des Hauses an die Lippen führte und sich von den jungen Mädchen verabschiedete, bei welcher Gelegenheit er wieder Katerina Fedossejewna vor allen anderen auszeichnete, was wiederum von allen bemerkt wurde.

„Wir danken Ihnen sehr für Ihren Besuch, und es wird uns alle jederzeit freuen, Sie wiederzusehen; jederzeit,“ schloß der Staatsrat nachdrücklich.

„Ach ja, es wird uns sehr freuen ...“ bestätigte die Mama gefühlvoll.

„Kommen Sie wieder, Alexei Iwanowitsch, kommen Sie wieder!“ riefen noch viele Stimmen von der Verandatreppe, als Weltschaninoff sich bereits neben Pawel Pawlowitsch in den Wagen setzte, und unter ihnen etwas leiser ein hohes Stimmchen: „Kommen Sie wieder, lieber, lieber Alexei Iwanowitsch!“

„Das war der rothaarige Racker!“ lachte Weltschaninoff.

XIII. Die Beiden.

Ja, er konnte noch an die kleine Rothaarige denken, während ihn tiefinnerlich schon längst Ärger und Reue quälten. Und überhaupt war er an diesem Tage, den er doch, wie man meinen sollte, so angenehm verbracht hatte, ein gewisses bedrückendes, an einen unbestimmten Kummer gemahnendes Gefühl nicht losgeworden. Bevor er an den Flügel getreten war, hatte er kaum noch gewußt, was er mit sich anfangen, wohin er vor diesem Kummer flüchten sollte: und vielleicht war auch nur diese Stimmung der Grund gewesen, weshalb er sich beim Vortrag des Liedes von seinen Gefühlen so hatte hinreißen lassen.

„Und ich konnte mich so furchtbar erniedrigen ...“ begann er und wollte sich selbst Vorwürfe machen, doch schnell brach er den Gedanken wieder ab und bemühte sich, an anderes zu denken. So erniedrigend erschienen sie ihm, diese Selbstanklagen, die zudem nicht das geringste nützten! Deshalb wählte er das Angenehmere und ärgerte sich rasch über einen anderen.

„Dieser R–rüpel!“ dachte er wütend, mit einem halben Blick auf den im Wagen neben ihm sitzenden Pawel Pawlowitsch.

Der schwieg noch immer; vielleicht sammelte er sich erst oder bereitete sich auf die Aussprache vor. Von Zeit zu Zeit hob er hastig die Hand und nahm seinen Hut ab, um sich mit dem Taschentuch über die Stirn zu wischen.

„Wie er schwitzt!“ dachte Weltschaninoff verbissen, denn es war ihm geradezu ein Bedürfnis, sich recht über ihn zu ärgern.

Nur einmal wandte sich Pawel Pawlowitsch mit der Frage an den Kutscher, ob es ein Gewitter geben würde.

„O–oh, und was für eins! Den ganzen Tag war’s schwül, sicher wird’s eins geben!“

In der Tat war der Himmel dunkler als je um diese Zeit. Hin und wieder zuckte ein Blitz. Es war halb elf, als sie in der Stadt anlangten.

„Ich fahre ja doch zu Ihnen,“ hatte sich Pawel Pawlowitsch kurz vorher an Weltschaninoff gewandt.

„Verstehe. Doch muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich ernstlich krank fühle.“

„Ich bleibe nur kurze Zeit, nur kurze Zeit!“

Als sie ins Haus traten, verschwand Pawel Pawlowitsch auf einen Augenblick in der Wohnung des Portiers, wo er ein paar Worte mit Mawra wechselte.

„Was suchten Sie dort?“ fragte Weltschaninoff ärgerlich, als jener ihn auf der Treppe wieder einholte und sie eintraten.

„Nichts, nur ... wegen des Kutschers ...“

„Zu trinken gebe ich Ihnen nichts!“

Eine Antwort erfolgte nicht. Weltschaninoff zündete eine Kerze an und Pawel Pawlowitsch ließ sich sogleich auf seinem alten Platz nieder. Weltschaninoff trat finster vor ihn hin.

„Sie entsinnen sich vielleicht, daß ich Ihnen damals versprach, auch mein ‚letztes Wort‘ zu sagen,“ begann er, innerlich erregt, doch äußerlich in vollkommener Selbstbeherrschung. „So hören Sie denn, ich kann es mit gutem Gewissen sagen ... – Also: ich bin überzeugt, daß zwischen uns beiden alles zu Ende ist und wir nichts mehr einander zu sagen haben, Sie verstehen mich: nichts mehr; und deshalb – wäre es nicht besser, Sie gingen jetzt und ich schlösse die Tür hinter Ihnen zu.“

„Lassen Sie uns erst ... abrechnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte Pawel Pawlowitsch und sah ihm dabei ganz eigentümlich sanft in die Augen.

„Wa–as? Abrechnen?“ fragte Weltschaninoff in höchster Verwunderung. „Ein sonderbares Wort haben Sie da gebraucht! In welcher Beziehung denn ‚abrechnen‘, wenn man fragen darf? Oder sollte es etwa gar jenes ‚letzte Wort‘ sein, jenes, mit dem Sie mir versprachen, alles ... aufzudecken?“

„Ja.“

„Wir haben nichts mehr miteinander ‚abzurechnen‘, wir sind bereits vollständig ... quitt!“ sagte Weltschaninoff mit einem gewissen Stolz.

„Glauben Sie wirklich?“ fragte Pawel Pawlowitsch in eigentümlichem Tone, der fast ein Durchschauen verriet, und er hob die Hände – die Ellenbogen ruhten auf den Armlehnen des Stuhles – und schob die Finger zwischeneinander.

Weltschaninoff antwortete nichts und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. „Lisa! Lisa!“ hätte er stöhnen mögen, aber er biß die Zähne zusammen und – fühlte sein Herz klopfen.

„Doch übrigens, worüber wollten Sie denn mit mir abrechnen?“ wandte er sich nach längerem Schweigen mit finsterer Stirn wieder an Pawel Pawlowitsch, dessen Augen ihm während der Wanderung durch das Zimmer unaufhörlich gefolgt waren, der selbst aber nach wie vor regungslos im Stuhl lehnte, die Hände mit den gekreuzten Fingern vor der Brust.

„Fahren Sie nicht mehr dorthin,“ sagte er kaum hörbar mit rührend bittender Stimme, und plötzlich stand er auf.

„Wie! Und nichts weiter?“ – Weltschaninoff lachte zornig auf.

„In der Tat, Sie haben ja heute den ganzen Tag nichts anderes getan, als mich in Erstaunen gesetzt!“ sagte er bissig, doch plötzlich veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts. „Hören Sie,“ begann er, und seine Stimme klang tief und traurig und es sprach aus ihr aufrichtiges Gefühl, „ich finde, daß ich mich noch niemals und durch nichts so erniedrigt habe, wie heute, und das erstens dadurch, daß ich einwilligte, Sie dorthin zu begleiten, und zweitens – durch das, was dort war ... Das war so kleinlich, so erbärmlich ... ich habe mich mir selbst so verekelt und mich vor mir selber so entehrt, indem ich auf alles einging ... und ganz vergessen konnte, daß – ... Ach nun, was rede ich!?“ besann und unterbrach er sich plötzlich. „Sie haben mich heute überrumpelt, ich war überreizt und abgespannt, ich ... ich bin krank ... eh, wozu sich da rechtfertigen wollen! Hinfahren werde ich jedenfalls nicht mehr, und ich versichere Ihnen, daß ich dort absolut keine Interessen habe,“ schloß er energisch.

„Wirklich nicht? Ist das wahr? ist das wirklich wahr?“ rief Pawel Pawlowitsch, ohne seine freudige Aufregung zu verbergen.

Weltschaninoff sah ihn mit Verachtung an und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Sie scheinen sich ja entschlossen zu haben, um jeden Preis glücklich zu sein,“ konnte er sich zu bemerken nicht enthalten.

„Ja,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch leise und naiv.

„Was geht es mich an,“ dachte Weltschaninoff, „daß er ein Narr und nur aus Dummheit bösartig ist? Ich kann ihn doch nicht – nicht hassen! Wenn er’s auch gar nicht wert ist –!“

„Ich bin ein ‚ewiger Gatte‘!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit einem ergebenen Spottlächeln über sich selbst. „Ich habe diese Bezeichnung schon vor langer Zeit von Ihnen gehört, Alexei Iwanowitsch, schon damals, als Sie noch dort mit uns lebten. Ich habe mir damals viele Ihrer Aussprüche gemerkt – in jenem Jahr, jawohl! Als Sie nun hier von neuem ‚ewiger Gatte‘ sagten, fiel es mir wieder ein.“

Mawra trat ein: sie brachte eine Flasche Champagner und zwei Gläser, stellte sie auf den Tisch und ging wieder hinaus.

„Verzeihen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie wissen, daß ich ohne Alkohol nicht sein kann. Fassen Sie es nicht als Unhöflichkeit auf, betrachten Sie es als etwas ganz Nebensächliches und Geringfügiges, über das Sie erhaben sind.“

„Eh ...“ Weltschaninoff wandte sich angewidert fort, „aber ich – ich bin wirklich krank, glauben Sie mir ...“

„Gleich, gleich ... im Augenblick!“ beeilte sich Pawel Pawlowitsch, „nur einen Schluck, denn meine Kehle ...“

Er stürzte gierig sein Glas hinunter, setzte sich und sah gerührt Weltschaninoff an.

„Dieser Ekel!“ murmelte Weltschaninoff.

„Das waren ja nur die Freundinnen,“ sagte plötzlich Pawel Pawlowitsch laut und unversehens munter, als habe ihn der Champagner neu belebt.

„Was? Wer? Ach so, ja, Sie reden immer noch davon ...“

„Nur die Freundinnen! Und dann die Jugend! und das Ganze doch nur eine Kinderei, – sehen Sie, so fasse ich’s auf! Es ist sogar nicht ohne Reiz. Später aber – nun, Sie wissen, später werde ich ihr Sklave sein; sie wird die Gesellschaft kennen lernen ... – sie wird ihre Stellung in der Gesellschaft ... mit einem, Wort, sie wird ein ganz anderer Mensch werden.“

„Teufel, ich muß ihm ja noch das Armband zurückgeben!“ dachte Weltschaninoff und fühlte nach dem Etui in seiner Tasche.

„Sie fragten, ob ich mich nun entschlossen habe, glücklich zu sein? Ich muß heiraten, Alexei Iwanowitsch,“ fuhr Pawel Pawlowitsch nahezu rührend vertrauensvoll fort, „was wird denn sonst aus mir? Sie sehen doch selbst!“ – er wies auf die Flasche – „und das ist erst noch ein Hundertstel meiner ... Eigenschaften. Ich kann überhaupt nicht leben ohne Ehe und ... ohne einen neuen Glauben. Gewinne ich den wieder, dann werde ich von neuem aufleben!“

Weltschaninoff wollte fast in schallendes Gelächter ausbrechen.

„Weshalb teilen Sie mir denn alles das mit?“ Seine Mundwinkel zuckten. Übrigens kam ihm das Ganze doch zu haarsträubend vor.

„Aber so sagen Sie mir doch endlich,“ fuhr er heftig auf, „zu welch einem Zweck Sie mich nun eigentlich dorthin geschleppt haben! Wozu hatten Sie mich denn nötig?“

„Nur ... um zu prüfen ...“ stotterte Pawel Pawlowitsch etwas verwirrt, wie es schien.

„Was zu prüfen?“

„Ich ... ich wollte nur den Eindruck sehen. Ich, sehen Sie, Alexei Iwanowitsch, ich bin doch erst seit einer Woche ... dort –“ er wurde, wie es schien, immer verlegener. „Gestern traf ich Sie, und da dachte ich: Ich habe sie doch noch niemals in anderer Gesellschaft gesehen, ich wollte sagen, in Gesellschaft von Herren – wenn ich mich nämlich selbst nicht zähle ... Es war ein dummer Gedanke, ich sehe es jetzt selbst ein, und ganz überflüssig. Aber ich wollte es doch gar zu gern, eben – nun, aus Charakterschlechtigkeit.“

Er erhob plötzlich den Kopf und errötete.

„Sollte er wirklich die Wahrheit sagen?“ fragte sich Weltschaninoff, noch ganz sprachlos vor Verwunderung, und er starrte ihn an.

„Und?“

Pawel Pawlowitsch lächelte süßlich, doch gleichzeitig eigentümlich verschmitzt.

„Nichts weiter als Kindlichkeit, die noch frisch und reizend ist, nichts weiter! Das waren nur die Freundinnen! Verzeihen Sie mir bloß mein dummes Benehmen Ihnen gegenüber; ich werde mich nie wieder so vergessen, und überhaupt wird es ja nun nie mehr dazu kommen.“

„Zumal ja auch ich nie mehr hinfahren werde,“ versetzte Weltschaninoff etwas höhnisch.

„Ich meinte es auch zum Teil in diesem Sinne.“

Weltschaninoff richtete sich straffer auf und warf den Kopf zurück.

„Übrigens ... ich bin doch nicht der einzige in der Welt,“ bemerkte er fast verletzt.

Pawel Pawlowitsch errötete wieder.

„Es betrübt mich, das zu hören, Alexei Iwanowitsch, und glauben Sie mir, ich achte Nadeschda Fedossejewna so hoch ...“

„Entschuldigen Sie, bitte, verzeihen Sie, ich wollte ja nichts ... Es kam mir nur etwas sonderbar vor, daß Sie meine Vorzüge so übertrieben eingeschätzt ... und ... sich so vertrauensvoll auf mich verlassen haben ...“

„Eben deshalb habe ich mich ja auf Sie verlassen, weil das doch bereits nach allem geschah ... was gewesen ist.“

„Dann müssen Sie mich ja, wenn es so ist, auch jetzt für einen Ehrenmann halten?“ entfuhr es Weltschaninoff, der plötzlich stehen geblieben war, unwillkürlich und ganz unbedacht.

Im nächsten Moment erschrak er selbst über die Naivität seiner Frage.

„Das habe ich von jeher getan,“ sagte Pawel Pawlowitsch, indem er die Augen niederschlug.

„Nun ja, versteht sich ... nein, so meinte ich es auch nicht, das heißt nicht in dem Sinne, ich wollte nur sagen – ungeachtet aller ... Vorurteile!“

„Ja, auch trotz der Vorurteile.“

„Aber als Sie nach Petersburg fuhren?“ – Weltschaninoff konnte sich nicht mehr bezwingen, obschon er die ganze Ungeheuerlichkeit seiner Neugier selbst sehr wohl empfand.

„Und auch als ich nach Petersburg fuhr, hielt ich Sie für einen Ehrenmann. Ich habe Sie immer geachtet, Alexei Iwanowitsch.“

Pawel Pawlowitsch blickte wieder auf und sah mit klarem Blick, jetzt bereits ohne die geringste Verwirrung, seinen Gegner an. Weltschaninoff wurde plötzlich bange: er wollte um alles in der Welt nicht, daß jetzt irgend etwas Gefühlvolles geschah – daß irgend etwas die – Grenze auch nur überschritt, um so weniger, als er selbst es war, der dazu herausgefordert hatte.

„Ich habe Sie geliebt, Alexei Iwanowitsch,“ sagte Pawel Pawlowitsch, als habe er sich plötzlich zu etwas entschlossen, „jenes ganze Jahr in T. habe ich Sie geliebt. Sie haben es nicht bemerkt,“ fuhr er, zu Weltschaninoffs Schrecken, mit einer etwas unsicher werdenden Stimme fort, „ich war als Mensch und Persönlichkeit viel zu gering neben Ihnen, um Sie etwas merken zu lassen. Und es war vielleicht auch gar nicht nötig. In diesen neun Jahren habe ich oft an Sie gedacht, sehr oft, immerwährend, denn ich habe kein zweites solches Jahr in meinem Leben gehabt.“ Pawel Pawlowitschs Augen erglänzten eigentümlich. „Ich habe mir viele Ihrer Bemerkungen, Ihrer Aussprüche und Gedanken gemerkt. Ich habe in Ihnen immer einen Menschen von hoher Bildung gesehen, der sich nach guten Gefühlen sehnt und der eigene Gedanken ausspricht. ‚Große Gedanken entspringen weniger einem großen Verstande, als einem großen Gefühl‘ – sagten Sie einmal; vielleicht haben Sie es jetzt vergessen, ich aber habe es mir gemerkt. So habe ich denn in Ihnen immer einen Menschen von großem Gefühl gesehen ... und folglich auch an Sie geglaubt – trotz allem ...“

Sein Kinn begann plötzlich zu zittern. Weltschaninoff war aufs höchste erschrocken: diesem unerwarteten Ton mußte unbedingt schnell ein Ende gemacht werden.

„Genug, hören Sie auf, bitte, Pawel Pawlowitsch,“ brachte er errötend – da ihm alles dies mehr als peinlich war – und seltsam unsicher, in gereizter Ungeduld hervor. „Weshalb auch, zu welchem Zweck,“ fuhr er plötzlich nervös auf, „zu welchem Zweck heften Sie sich jetzt an einen kranken, überreizten Menschen – ich bin wirklich krank – und ziehen ihn in dieses Dunkel hinein ... während ... während doch – alles nur Trugbilder und Lüge und Schande und Unnatur ist und – und keinerlei Maß hat: das aber ist das Schmählichste an der Sache! Alles übrige ist Unsinn: wir sind beide lasterhafte, gemeine, ganz gemeine – Kellermenschen[12] ... Und wollen Sie, wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich beweisen, daß Sie mich nicht nur nicht lieben, sondern hassen, sogar mit ganzer Seele hassen, und daß Sie hier gelogen haben, allerdings ohne es selbst zu wissen! Sie haben mich gar nicht zu diesem lächerlichen Zweck hingeführt: um Ihre Braut zu prüfen – was Sie sich nicht alles ausdenken! –, sondern haben sich gestern, als Sie mich auf der Straße erblickten, einfach erbost und mich dann hingeführt, um sie mir zu zeigen und mir zu sagen und zu verstehen zu geben: ‚Siehst du: sie! Und die wird mir gehören! na, versuch’s mal jetzt hier!‘ Es war eine Herausforderung von Ihnen! Sie wußten das vielleicht selbst nicht, aber es war eine! ja: eine Herausforderung war es! So und nicht anders fühlten Sie! ... Ohne Haß aber kann man keinen so herausfordern: folglich haben Sie mich gehaßt!“

Notes in this chapter

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