Der ewige Gatte (continued 4)
E. K. Rahsin translation
Wie außer sich ging er im Zimmer umher, immer schneller und erregter stieß er alles hervor und ließ sich von seiner Erregung nur so fortreißen: dabei quälte und kränkte ihn nichts so sehr, wie die erniedrigende Erkenntnis, daß er sich selbst in einem solchen Maße herabließ – bis zu Pawel Pawlowitsch ...
„Ich wollte mich mit Ihnen versöhnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte jener plötzlich schnell und entschlossen, doch mit leiser Stimme, und sein Kinn begann wieder zu zittern.
Eine unbändige Wut erfaßte Weltschaninoff, als habe man ihm noch niemals eine solche Beleidigung zugefügt.
„Ich sage Ihnen doch,“ schrie er förmlich zitternd, „daß Sie einem kranken und überreizten Menschen ... auf dem Halse sitzen, um ihm irgendein unmögliches Wort zu entreißen, es ihm im Fieber – wie soll ich sagen: herauszuwürgen! Wir ... ja, wir sind Menschen verschiedener Welten, begreifen Sie das doch endlich, und ... und ... zwischen uns, da hat sich – ein Grab gelegt!“ stieß er durch die Zähne hervor, und – plötzlich kam er zur Besinnung ...
„Aber woher wissen Sie,“ – Pawel Pawlowitschs Gesicht erbleichte und sah entstellt aus – „woher wissen Sie, was dieses kleine Grab hier bedeutet, hier ... bei mir!“ keuchte er, Schritt für Schritt sich Weltschaninoff nähernd, während er mit einer grotesken, doch um so entsetzlicheren Geste die Faust hob und sich ans Herz schlug. „Ich kenne dieses kleine Grab hier auf dem Friedhof, und wir beide stehen an dieser Gruft, ich hier – Sie dort, nur ist auf meiner Seite mehr, als auf Ihrer, mehr ...“ raunte er, indem er sich immer wieder ans Herz schlug, „mehr, mehr, mehr ...“
Plötzlich gellte schrill und laut die Türglocke und riß sie aus der furchtbaren Spannung. Es hatte jemand geklingelt, der sich ordentlich geschworen zu haben schien, den Glockenzug mit einem einzigen Ruck abzureißen.
„Wer zu mir will, klingelt nicht so,“ sagte Weltschaninoff halb zu sich selbst und noch unter dem verwirrenden Eindruck.
„Aber zu mir doch auch nicht,“ flüsterte zaghaft Pawel Pawlowitsch, der gleichfalls zu sich gekommen und im Augenblick wieder der frühere Pawel Pawlowitsch geworden war.
Weltschaninoff runzelte die Stirn und ging, um die Tür zu öffnen.
„Herr Weltschaninoff, wenn ich nicht irre?“ hörte man eine jugendliche, helle und ungemein selbstbewußte Stimme fragen.
„Was wünschen Sie?“
„Ich bin genau unterrichtet,“ fuhr die helle Stimme fort, „daß ein gewisser Trussozkij sich im Augenblick bei Ihnen befindet. Ich muß ihn unbedingt und unverzüglich sprechen.“
Weltschaninoff hatte die größte Lust, diesen selbstbewußten jungen Mann mit einem Fußtritt die Treppe hinunterzubefördern. Doch er bedachte sich, trat zur Seite und ließ ihn eintreten.
„Dort ist Herr Trussozkij, treten Sie ein ...“
XIV. Ssaschenka[13] und Nadjenka.
Ins Zimmer trat ein noch sehr junger Mann, der etwa neunzehn Jahre zählen mochte, vielleicht sogar noch weniger – so jungenhaft wirkte sein hübsches und höchst selbstbewußt dreinschauendes Gesicht. Er war nicht schlecht gekleidet; wenigstens saß alles vortrefflich. Von Wuchs war er über Mittelgröße; sein schwarzes weiches Haar und seine großen, dreisten, dunklen Augen fielen an ihm am meisten auf. Nur die Nase war etwas breit und aufgestülpt, sonst wäre er ein geradezu schöner junger Mensch gewesen. Er trat sehr stolz ein.
„Ich habe wohl Gelegenheit, mit Herrn Trussozkij zu sprechen,“ begann er gemessen, indem er das Wort „Gelegenheit“ ersichtlich mit besonderem Vergnügen betonte, womit er wohl zu verstehen geben wollte, daß ein Gespräch mit Herrn Trussozkij ihm weder eine Ehre, noch ein Vergnügen sein könne.
Weltschaninoff begann zu begreifen, und auch Pawel Pawlowitsch schien bereits die Hauptsache zu erraten. In seinem Gesicht drückte sich eine gewisse Unruhe aus; übrigens hielt er sich tadellos.
„Da ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen,“ entgegnete er würdevoll, „nehme ich an, daß ich mit Ihnen auch nichts zu erörtern haben kann.“
„Hören Sie zuerst, und dann sagen Sie Ihre Meinung,“ versetzte der junge Mann selbstbewußt und in zurechtweisendem Tone, worauf er seinen an einer Schnur hängenden Kneifer hob und die Champagnerflasche auf dem Tisch zu mustern begann. Als er die Musterung beendet hatte, klappte er den Kneifer ruhig wieder zusammen und wandte sich von neuem Pawel Pawlowitsch zu:
„Alexandr Loboff.“
„Was ist das, ‚Alexandr Loboff‘?“
„Das bin ich. Haben Sie den Namen noch nicht gehört?“
„Nein.“
„Übrigens, wie sollten Sie auch! Ich komme in einer wichtigen Angelegenheit, die Sie – namentlich Sie angeht. Erlauben Sie, daß ich mich einstweilen setze, ich bin müde ...“
„Nehmen Sie Platz,“ sagte Weltschaninoff, doch der junge Mann hatte sich bereits vor der Aufforderung niedergelassen.
Weltschaninoff begann sich, trotz wachsender Schmerzen unter der Brust, für diesen unverschämten Bengel zu interessieren. In seinem hübschen, frischen Jungengesicht war etwas, was ihn an Nadjä erinnerte, – vielleicht bestand sogar eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen?
„Auch Sie könnten sich setzen,“ schlug der junge Mann Pawel Pawlowitsch vor, indem er mit einem nachlässigen Kopfnicken nach einem Stuhl deutete.
„Ich ziehe vor, zu stehen.“
„Sie werden müde werden. Sie, Herr Weltschaninoff, können, wenn Sie wollen, auch hierbleiben.“
„Sie scheinen zu vergessen, daß ich hier zu Hause bin.“
„Wie Sie wollen. Und offen gestanden, ich wünsche es sogar, daß Sie bei meiner Auseinandersetzung mit diesem Herrn zugegen sind. Nadeschda Fedossejewna hat Sie mir in ziemlich schmeichelhafter Weise empfohlen.“
„So? Wann hat sie denn dazu Zeit gehabt?“
„Sogleich nach Ihrer Abfahrt, ich komme doch von dort! Also, Herr Trussozkij,“ wandte er sich wieder diesem zu, der immer noch stand, „wir, das heißt, ich und Nadeschda Fedossejewna,“ fuhr er fort, in nachlässiger Pose im Lehnstuhl sitzend – – und ebenso nachlässig, wie er saß, sprach er auch die Worte aus, mit eingezogenem Mundwinkel und kaum sich bewegenden Lippen –, „wir lieben uns schon lange und haben uns miteinander verlobt. Sie sind nun als Hindernis zwischen uns getreten: deshalb bin ich hergekommen, um Sie aufzufordern, das Feld zu räumen. Sagen Sie mir also kurz, ob Sie gewillt sind, meiner Aufforderung nachzukommen?“
Pawel Pawlowitsch erbleichte und zuckte ein wenig zurück, doch schon im nächsten Augenblick lächelte er boshaft.
„Nein, dazu bin ich durchaus nicht gewillt,“ versetzte er lakonisch.
„So!“ Der Jüngling rückte ein wenig auf dem Stuhl und schlug ein Bein über das andere.
„Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind,“ fuhr Pawel Pawlowitsch fort, „und ich denke, daß unsere Unterredung hiermit beendet sein dürfte.“
Bei diesen Worten sah er sich nach einem Stuhl um und setzte sich.
„Ich sagte Ihnen ja, Sie würden müde werden,“ bemerkte der Jüngling nachlässig. „Ich hatte soeben Gelegenheit, Ihnen mitzuteilen, daß ich Loboff heiße und daß ich mich mit Nadeschda Fedossejewna verlobt habe – folglich können Sie nicht sagen, wie Sie es soeben taten, daß Sie nicht wüßten, wer ich bin; desgleichen können Sie nicht aufrichtig der Meinung sein, daß unsere Unterredung hiermit beendet wäre: ganz abgesehen von mir, handelt es sich hier um Nadeschda Fedossejewna, der Sie sich jetzt in einer so frechen Weise aufdrängen. Schon das allein wäre eine genügende Veranlassung zu einer Unterredung.“
Diese ganze Rede hielt er mit geckenhafter Nachlässigkeit, kaum daß er sich die Mühe gab, die Worte zur Not gerade noch verständlich auszusprechen; zwischendurch hatte er sogar wieder den Kneifer vor die Augen gehalten und, während er sprach, irgendeinen Gegenstand im Zimmer fixiert.
„Erlauben Sie, junger Mann ...“ fuhr Pawel Pawlowitsch gereizt auf, doch der „junge Mann“ trumpfte ihn sogleich ab, noch bevor er seinen unvorsichtig begonnenen Satz zu Ende sprechen konnte.
„Zu jeder anderen Zeit würde ich es mir von Ihnen natürlich sogleich verbitten, mich mit ‚junger Mann‘ anzureden, doch hier ist es mir insoweit ganz angenehm, als meine Jugend, wie Sie selbst zugeben werden, in diesem Fall gerade mein größter Vorzug vor Ihnen ist, wie Sie zum Beispiel heute bei der Überreichung Ihres Armbandes zweifellos sehr gern ein wenig jünger gewesen wären.“
„So ein Frechdachs!“ dachte Weltschaninoff.
„Jedenfalls, werter Herr,“ verbesserte sich Pawel Pawlowitsch kühl, „kann ich die von Ihnen betonten Gründe – die wohl nichts weniger als anständig sind und auch recht zweifelhaft zu sein scheinen – nicht als derartig empfinden, daß mir eine weitere Verhandlung mit Ihnen notwendig erschiene. Ich sehe, daß es sich hier nur um einen kindischen Einfall handelt; morgen noch werde ich mich von Fedossei Ssemjonowitsch über den Sachverhalt aufklären lassen, jetzt aber bitte ich Sie, uns nicht weiter zu belästigen.“
„Sehen Sie den Charakter dieses Menschen!“ rief der Jüngling aufgebracht, indem er sich sogleich an Weltschaninoff wandte und natürlich aus dem Ton fiel. „Es ist ihm nicht genug, daß man ihn von dort hinausjagt, sich über ihn lustig macht und ihm eine lange Nase zeigt – er will uns morgen noch dem Alten verraten! Beweisen Sie denn damit nicht sonnenklar, Sie gemeiner Mensch, daß Sie das Mädchen mit Gewalt nehmen wollen: daß Sie sie von kindisch gewordenen alten Menschen, denen nur infolge der barbarischen Zustände unserer Gesellschaft die schmählichste Machtvollkommenheit über das junge Mädchen zugesprochen wird, – daß Sie sie von ihnen einfach kaufen wollen? Sie hat es Ihnen doch deutlich gezeigt, daß sie Sie verachtet! Ihnen ist doch Ihr unanständiges Geschenk, Ihr Armband, bereits zurückgegeben worden! Was wollen Sie denn noch?“
„Niemand hat mir mein Armband zurückgegeben, es wäre das auch ganz unmöglich!“ sagte Pawel Pawlowitsch, war aber doch sehr betroffen.
„Wieso unmöglich? Hat Herr Weltschaninoff es Ihnen denn noch nicht zurückgegeben?“
„Teufel, da haben wir die Bescherung!“ verwünschte ihn Weltschaninoff.
„In der Tat,“ sagte er dann ... wie sich besinnend, und runzelte die Stirn, „Nadeschda Fedossejewna hat mich vorhin beauftragt, Ihnen, Pawel Pawlowitsch, dieses Etui einzuhändigen. Ich wollte es natürlich nicht übernehmen, aber sie bat mich so ... hier ist es ... Es tut mir leid, daß ...“
Er legte, ersichtlich peinlich berührt, das Etui auf den Tisch neben Pawel Pawlowitsch, der ihn ganz starr ansah.
„Warum haben Sie es ihm nicht früher zurückgegeben?“ unterbrach ihn der junge Mann in strengem Tone.
„Ich werde wohl noch keine Zeit dazu gehabt haben,“ entgegnete Weltschaninoff ärgerlich.
„Sonderbar.“
„Wa–as?“
„Zum mindesten sonderbar: das werden Sie wohl selbst zugeben, daß hier tatsächlich ein – Versehen vorliegt.“
Weltschaninoff hatte wieder die größte Lust, sogleich aufzustehen und den Bengel gründlich an den Ohren zu nehmen. Doch plötzlich konnte er sich nicht bezwingen und brach in schallendes Gelächter aus. Der Jüngling mußte mitlachen. Nicht so Pawel Pawlowitsch: hätte Weltschaninoff den Blick bemerkt, der ihn traf, als er über den „Frechdachs“ zu lachen begann, dann hätte er begriffen, daß in diesem Menschen etwas Geheimnisvolles vor sich ging ... So begriff Weltschaninoff nur – der den Blick nicht bemerkt hatte – daß er Pawel Pawlowitsch wenigstens beistehen mußte.
„Hören Sie mal, Herr Loboff,“ wandte er sich in freundschaftlichem Tone an den Jüngling, „ich will, ohne auf die übrigen Gründe näher einzugehen, da ich sie überhaupt nicht berühren möchte, Sie nur darauf aufmerksam machen, daß Pawel Pawlowitsch, wenn man ihn als Bewerber um Nadeschda Fedossejewna mit Ihnen vergleicht, jedenfalls sehr schwerwiegende Vorzüge hat: erstens sind die Eltern mit ihm gut bekannt, sie wissen, wer und was er ist; zweitens nimmt er in der Gesellschaft sowohl wie im Staatsdienst eine vorzügliche Stellung ein, und drittens besitzt er ein Vermögen, folglich ist es nur natürlich, daß er sich über einen Nebenbuhler, wie Sie – nun, sagen wir: wundert. Denn, wenn Sie als Mensch vielleicht noch so viele Vorzüge haben, so sind Sie doch dermaßen jung, daß er Sie wahrlich nicht als ernst zu nehmenden Bewerber betrachten kann ... und deshalb hat er wohl recht, wenn er Sie bittet, die zwecklose Unterredung zu beenden.“
„Was heißt das ‚noch dermaßen jung‘? Ich bin seit weit mehr als einem Monat neunzehn Jahre alt. Nach dem Gesetz kann ich folglich schon längst heiraten. Da haben Sie’s!“
„Aber welcher Vater wird sich denn entschließen können, Ihnen seine Tochter anzuvertrauen – und sollten Sie auch in Zukunft mehrfacher Millionär oder sonst so ein Wohltäter der Menschheit werden! Ein Neunzehnjähriger kann nicht einmal für sich selbst die volle Verantwortung tragen, und da wollen Sie noch die Verantwortung für ein fremdes Menschenleben auf Ihr Gewissen nehmen, das heißt die Zukunft eines ebensolchen Kindes, wie Sie selbst eins sind! Das ist doch wohl auch nicht ganz ehrenhaft, was meinen Sie? Ich habe mir diese Meinungsäußerung nur erlaubt, weil Sie sich vorhin selbst an mich, wie an einen Vermittler zwischen Ihnen und Pawel Pawlowitsch, wandten.“
„Ach ja richtig, er heißt ja Pawel Pawlowitsch!“ bemerkte der Jüngling, „wie kam es nur, daß es mir die ganze Zeit schien, er heiße Wassilij Petrowitsch? Also,“ wandte er sich wieder an Weltschaninoff, „Sie haben mich nicht im geringsten überrascht: ich wußte, daß Sie nicht anders sein konnten, als die anderen, – sie sind ja doch alle gleich! Es wundert mich nur, daß man mir von Ihnen als von einem einigermaßen aufgeklärten Menschen gesprochen hat. Übrigens kommt das nicht in Betracht, denn die Sache ist einfach die, daß es hier meinerseits nichts ‚Unehrenhaftes‘ – wie der Ausdruck ja wohl lautete, den zu gebrauchen Sie sich erlaubten – gibt, sondern ganz im Gegenteil, daß es sich um etwas sehr Ehrenhaftes handelt, was ich Ihnen sogleich erklären und verständlich machen zu können hoffe. Wir haben uns also – erstens: verlobt, und außerdem habe ich ihr in Gegenwart von zwei Zeugen feierlich versprochen, daß ich ihr, sobald sie einen anderen liebgewinnen oder einfach nur bereuen sollte, mich geheiratet zu haben, sogleich eine schriftliche Erklärung geben würde, in der ich mich des Ehebruchs schuldig bekenne, um damit vor der betreffenden Behörde ihr Scheidungsgesuch zu unterstützen. Doch das ist noch nicht alles: für den Fall, daß ich nachträglich meinen Entschluß ändern und mich weigern sollte, ihr besagte schriftliche Erklärung einzuhändigen, gebe ich ihr zu ihrer Sicherstellung am Hochzeitstage und noch vor der Trauung einen Wechsel über hunderttausend Rubel auf meinen Namen, so daß sie in dem Falle, wenn ich jene schriftliche Erklärung verweigere, diesen Wechsel sogleich zur Einlösung einer Bank übergeben kann – und damit hat sie mich in der Hand! – verstehen Sie? So ist denn alles sichergestellt, und nach solchen Erklärungen werden Sie mir nicht mehr sagen können, daß ich ein fremdes Leben auf mein Gewissen nehme. Nun, das wäre also erstens.“
„Ich wette, das hat jener – wie hieß er doch? – Predpossyloff ausgedacht!“ rief Weltschaninoff aus.
„Hehehe!“ grinste Pawel Pawlowitsch boshaft.
„Worüber lacht dieser Herr? – Ja, Sie haben es erraten: es ist wirklich ein Gedanke von Predpossyloff – und das können Sie doch nicht leugnen, daß er gut ist. Das unsinnige Gesetz ist auf diese Weise vollständig lahmgelegt. Selbstverständlich habe ich die Absicht, sie immer zu lieben – sie lacht selbst furchtbar über den Einfall, – aber es ist doch immerhin geschickt ersonnen: das werden Sie mir jetzt zugeben müssen – und auch das, daß es ehrenhaft und edel gehandelt ist, und daß nicht ein jeder sich zu so etwas entschließen wird!“
„Ich finde, das es nicht nur keineswegs ehrenhaft, sondern sogar recht ekelhaft ist.“
Der junge Mann zuckte nur die Achseln. „Sie setzen mich wiederum nicht im geringsten in Erstaunen,“ bemerkte er nach kurzem Schweigen, „so etwas hat schon seit gar zu langer Zeit seine Neuheit für mich verloren. Predpossyloff würde Ihnen einfach sagen, daß dieses Ihr Unvermögen, die natürlichsten Dinge zu begreifen, nur auf die Entartung Ihrer Gefühle und Ihres Begriffsvermögens zurückzuführen ist, – und zwar infolge Ihres blödsinnigen Lebens und Ihres ewigen Müßigganges. Übrigens verstehen wir uns wohl noch nicht: man hat Sie mir allerdings anders geschildert ... Sie sind schon in den Fünfzigern?“
„Bleiben Sie gefälligst bei der Sache.“
„Verzeihen Sie meine Indiskretion – ich fragte ohne besondere Absicht. Also – ich fahre fort: ich bin durchaus kein zukünftiger ‚mehrfacher Millionär‘, wie Ihr Ausdruck lautete (was Menschen doch für Einfälle haben!). Was ich bin und was ich habe, das sehen Sie hier vor sich, doch dafür bin ich meiner Zukunft vollkommen sicher. Ein Held und Wohltäter für Fremde werde ich nicht werden, aber mich und meine Frau werde ich ernähren! Allerdings habe ich jetzt noch nichts, und ich bin ja sogar in ihrem Hause erzogen worden, von Kindheit an ...“
„Wie das?“
„Ganz einfach, da ich der Sohn eines entfernten Verwandten von Frau Sachlebinin bin: als meine Eltern starben und mich als Achtjährigen zurückließen, da nahm mich der Alte zu sich und steckte mich in ein Gymnasium. Dieser Mensch nämlich ist sogar gut, wenn Sie es wissen wollen ...“
„Ich weiß es.“
„Nur ist er für unsere Zeit schon gar zu rückständig. Übrigens ist er wirklich gut. Jetzt habe ich mich natürlich schon längst von seiner Vormundschaft befreit, da ich mir selbst meinen Lebensunterhalt verdienen und niemandem als mir verpflichtet sein will.“
„Seit wann sind Sie denn nicht mehr unter seiner Vormundschaft?“ fragte Weltschaninoff.
„O, schon lange! fast seit ganzen vier Monaten!“
„Nun ist mir die Sache allerdings verständlich: wenn Sie Jugendgespielen sind! Doch – haben Sie jetzt eine Beschäftigung?“
„Ja, eine private, ich bin im Kontor eines Notars angestellt, für fünfundzwanzig Rubel monatlich, natürlich nur vorläufig. Als ich um ihre Hand anhielt, hatte ich nicht einmal das! Ich war nämlich damals in der Eisenbahnverwaltung und bekam nur zehn Rubel monatlich, auch natürlich nur vorläufig.“
„Ja haben Sie denn einen Heiratsantrag gemacht?“
„Gewiß, ganz formell, und schon vor längerer Zeit, – vor ganzen drei Wochen.“
„Nun, und?“
„Der Alte lachte zuerst schallend auf, dann aber ärgerte er sich fürchterlich, und sie wurde einfach oben in eine Kammer eingesperrt. Aber Nadjä hielt die Prüfung heldenhaft aus. Übrigens ist der ganze Mißerfolg nur darauf zurückzuführen, daß der Alte sich noch von früher her über mich ärgerte, weil ich nämlich der Abteilung, in die er mich vor damals vier Monaten hineingesteckt hatte, den Rücken gekehrt habe. Er ist ein prächtiger alter Mann, ich sage es Ihnen nochmals, zu Hause ist er gutmütig, freundlich und von Herzen heiter, doch kaum tritt er in sein Abteilungsbureau – da können Sie ihn sich einfach gar nicht vorstellen! Wie ein Jupiter sitzt er da! Ich gab ihm selbstverständlich zu verstehen, daß solche Manieren aufgehört hätten, mir zu gefallen, doch an der ganzen Geschichte war hauptsächlich der Gehilfe des Vorsitzenden schuld: dieser Herr ließ es sich einfallen, sich bei ihm darüber zu beschweren, daß ich angeblich ‚grob‘ geworden sei, während ich ihm in Wirklichkeit gesagt hatte, er sei unentwickelt. Da pfiff ich denn auf sie alle und bin jetzt beim Notar.“
„Wieviel bekamen Sie denn dort, in der Abteilung?“
„Ach, nichts ... ich war ja überzählig! Der Alte selbst gab das Nötige. Ich sagte Ihnen doch, er ist ein guter Mensch, nur werden wir trotzdem nicht nachgeben. Versteht sich, fünfundzwanzig Rubel sind kein Auskommen, aber ich hoffe, in kürzester Zeit an der Verwaltung der verschuldeten Güter des Grafen Sawileiskij teilzunehmen, dann habe ich dreitausend Rubel Einkommen. Oder ich werde Rechtsanwalt. Heutzutage werden Menschen gesucht ... Ha! Wie’s donnert! Das wird ein Gewitter geben! Gut, daß ich noch vor dem Ausbruch angelangt bin. Ich bin ja zu Fuß von dort gekommen, bin fast die ganze Zeit gelaufen.“
„Aber erlauben Sie, wann haben Sie denn Zeit gehabt, noch mit Nadeschda Fedossejewna zu sprechen, wenn man Sie dort abgewiesen hat und wohl auch nicht mehr empfängt?“
„Ach, doch ganz einfach über den Zaun! Die Rothaarige haben Sie ja gesehen?“ fragte er lachend. „Nun, die ist auch eine von den Vermittlerinnen, und auch Marja Nikititschna; nur ist diese Marja Nikititschna eine Schlange! ... Was ist? – weshalb runzeln Sie die Stirn? Fürchten Sie sich vor dem Donner?“
„Nein, ich bin krank, ernstlich krank ...“
Weltschaninoff fühlte in der Tat einen heftigen Schmerz unter der Brust, der immer unerträglicher wurde, so daß er schließlich aufstand und versuchte, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Ach, dann störe ich natürlich ... beunruhigen Sie sich nicht, ich gehe sogleich!“ Er sprang auf.
„So schlimm ist es ja nicht, bleiben Sie nur,“ sagte Weltschaninoff höflichkeitshalber.
„I wo, ‚wenn Kobylnikoff Leibweh hat‘ – wie Schtschedrin[14] sagt. Lieben Sie Schtschedrin? – Sie kennen ihn doch?“
„Ja.“
„Ich auch, er gefällt mir kolossal. Nun, also, Wassilij ... ach nein, – Pawel Pawlowitsch, richtig! Also kommen wir zu einem Schluß!“ wandte er sich halb lachend an Pawel Pawlowitsch. „Um Ihnen das Verständnis zu erleichtern, will ich meine Frage nochmals formulieren: sind Sie bereit, nicht später als morgen, und zwar offiziell, das heißt also vor den beiden Alten und in meiner Gegenwart, alle Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen?“
„Nein, dazu bin ich durchaus nicht bereit,“ schnitt Pawel Pawlowitsch kurz ab, indem er sich mit einer ungeduldigen Bewegung vom Platze erhob, „und ich bitte Sie nochmals, mich nicht weiter zu belästigen ... denn das sind doch nur Kindereien und Dummheiten.“
„Nehmen Sie sich in acht,“ sagte der Jüngling hochmütig lächelnd, und er drohte mit dem Finger, wie um ihn zu warnen, „daß Sie sich nicht verrechnen! Wissen Sie auch, zu was eine solche Rechnung ohne den Wirt führen kann? Deshalb sage ich es Ihnen im voraus, daß Sie sich nach neun Monaten, wenn Sie dort bereits alle Ausgaben gemacht und sich genugsam gequält haben, hier bei Ihrer Wiederkunft gezwungen sehen werden, unaufgefordert Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen, aber tun Sie das nicht – um so schlimmer für Sie. Sehen Sie, zu was Sie es mit Ihrer Weigerung bringen können! Ich will Sie damit nur gewarnt haben, denn Sie sind jetzt wie jener Hund, der den Knochen keinem anderen gönnt, obwohl er ihn selbst nicht fressen kann – verzeihen Sie den Vergleich. Ich warne Sie also nur aus menschlichem Mitgefühl, überlegen Sie sich die Sache, versuchen Sie wenigstens einmal im Leben, logisch zu denken.“
„Ich bitte Sie, mich mit Ihrer Moral zu verschonen!“ rief Pawel Pawlowitsch empört, „und was Ihre gemeinen Andeutungen betrifft, so werde ich morgen noch meine Maßregeln treffen, und zwar entscheidende!“
„Gemeine Andeutungen? Wovon sprechen Sie? Sie sind selber gemein, wenn Sie – so etwas im Sinne haben. Übrigens bin ich bereit, bis morgen zu warten, doch wenn ... Ach, wieder dieser Donner! Auf Wiedersehen, freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ rief er mit einem Kopfnicken zum Abschied Weltschaninoff zu und entfernte sich eilig, offenbar, um noch vor dem Ausbruch des Gewitters geborgen zu sein.
XV. Die Abrechnung.
„Haben Sie gesehen? Haben Sie gesehen?“ fragte Pawel Pawlowitsch gespannt auf ihn zutretend, kaum daß der Jüngling das Zimmer verlassen hatte.
„Ja, Sie scheinen kein Glück zu haben!“ entfuhr es Weltschaninoff unbedachtsamerweise.
Diese unvorsichtige Bemerkung wäre ihm bestimmt nicht entschlüpft, wenn nicht der heftige Schmerz ihn gequält und geärgert hätte. Pawel Pawlowitsch zuckte zusammen, als sei er gebrannt worden.
„Nun, und das Armband – das haben Sie mir wohl aus Mitleid nicht zurückgegeben, he?“
„Ich kam nicht dazu ...“
„Weil Sie als aufrichtiger Freund mit dem aufrichtigen Freunde von Herzen Mitleid hatten?“
„Nun ja, weil ich Mitleid hatte,“ sagte Weltschaninoff ärgerlich.
Er erzählte ihm aber doch in kurzen Worten, wie Nadeschda Fedossejewna ihn gebeten hatte, das Armband zurückzugeben und wie er durch sie ganz gegen seinen Willen in diese Angelegenheit hineingezogen worden war.
„Sie begreifen doch, daß ich das Armband sonst nie genommen hätte: man hat schon sowieso genug Unannehmlichkeiten!“
„Sie sind eben dem Zauber unterlegen und haben es doch genommen,“ sagte Pawel Pawlowitsch grinsend.
„Ihre Bemerkung ist köstlich. Übrigens sind Sie zu entschuldigen. Sie haben soeben selbst gesehen, daß nicht ich in dieser Sache die Hauptperson bin!“
„Immerhin haben Sie sich bezaubern lassen.“
Pawel Pawlowitsch setzte sich und füllte wieder sein Glas.
„Sie glauben wohl, daß ich sie diesem Bengel abtreten werde? Zum Teufel jage ich ihn, und wie noch! Morgen fahre ich hin und bringe alles in Ordnung. Diesen Geist werden wir schon ausräuchern – aus der Kinderstube ...“
Er stürzte das Glas in einem Zuge hinab und schenkte sich wieder ein. Überhaupt benahm er sich jetzt mit einer an ihm ganz ungewohnten Zwanglosigkeit.
„Also Nadjenka und Ssaschenka, die lieben Kinderchen! – hehehe!“
Seine Bosheit schien keine Grenzen zu kennen. Ein Blitz zuckte blendend hell auf, knatternd setzte der Donner ein und vergrollte, und plötzlich goß es in Strömen. Pawel Pawlowitsch erhob sich und schloß das offene Fenster.
„Wie er sie fragte, ob Sie sich nicht vor dem Donner fürchten! – hehe! Weltschaninoff und sich vor dem Donner fürchten! ‚Wenn Kobylnikoff ...‘ – wie war das: ‚wenn Kobylnikoff ...‘? Und das noch von den Fünfzigern, was? Besinnen Sie sich noch?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit unverhohlener Bosheit.
„Sie haben sich hier ... wohl für immer niedergelassen?“ fragte Weltschaninoff leise, da er vor Schmerz kaum sprechen konnte. „Ich lege mich hin ... Sie ... tun Sie, was Sie wollen.“
„Aber bei solchem Wetter jagt man doch nicht einmal einen Hund aus dem Haus!“ versetzte Pawel Pawlowitsch gekränkt, doch war es, als freue er sich über das Recht, den Gekränkten spielen zu dürfen.
„Nun, ja, gleichviel, trinken Sie weiter ... übernachten Sie auch meinetwegen hier!“ murmelte Weltschaninoff, der sich gerade auf seinem Schlafdiwan ausstreckte, und leise stöhnte.
„Übernachten? Aber werden Sie denn nicht Angst haben?“
„Was?“ fragte Weltschaninoff, indem er den Kopf plötzlich vom Kissen hob.
„Nichts, nur so. Das vorige Mal war es, als ob Sie erschraken – oder vielleicht hat es mir nur so geschienen ...“
„Sie sind verrückt!“ sagte Weltschaninoff, der sich nicht bezwingen konnte, und drehte sich wütend zur Wand.
„Tut nichts,“ erwiderte Pawel Pawlowitsch.
Der Kranke schlief ganz plötzlich ein. Die außergewöhnliche nervöse Spannung, in der er den ganzen Tag verbracht, hatte seiner in letzter Zeit ohnehin schon stark mitgenommenen Gesundheit gewissermaßen den Rest gegeben, seine ganze Nervenkraft war mit einemmal dahin und er fühlte sich schwach wie ein Kind. Doch der Schmerz überwand die Müdigkeit und den Schlaf: nach kaum einer Stunde wachte er auf und erhob sich unter Qualen vom Diwan. Das Gewitter war vorüber. Die Luft im Zimmer war stickig vom Zigarettenrauch. Die Flasche auf dem Tisch war leer. Pawel Pawlowitsch schlief auf dem anderen Diwan. Er lag auf dem Rücken, mit dem Kopf auf einem Schlafkissen, vollkommen angekleidet, sogar in Stiefeln. Sein Kneifer war aus der Tasche geglitten und hing an der Schnur fast bis zum Boden herab. Sein Hut lag auf dem Teppich. Weltschaninoff blickte verdrossen auf den Schlafenden, weckte ihn jedoch nicht. Krumm und wie verzogen vor Schmerz, schritt er langsam im Zimmer auf und ab, da er das Liegen nicht mehr aushielt. Er stöhnte leise und dachte immer wieder über die Schmerzen nach.
Sie ängstigten ihn, und nicht ohne Ursache. Er kannte sie schon seit langer Zeit, doch hatten sie ihn bisher nur selten heimgesucht, nur einmal in zwei Jahren oder höchstens einmal im Jahr. Er wußte, daß sie von der Leber herrührten. Die Schmerzen waren immer dieselben: sie begannen unter der Herzgrube, oder auch etwas höher: zuerst war es nur ein dumpfer, nicht starker, aber doch unangenehmer Druck, der dann allmählich – bisweilen dauerte es ganze zehn Stunden – so stark, so unerträglich schmerzhaft wurde, daß der Kranke schon glaubte, nun komme die Sterbestunde. Als er das letzte Mal diese Schmerzen gehabt hatte, vor etwa einem Jahre, da war er – der Anfall hatte sich erst nach zehn Stunden gelegt – nachher so entkräftet gewesen, daß er kaum die Hand von der Bettdecke heben konnte, und der Arzt hatte ihm nur ein paar Löffel schwachen Tees und ein kleines Stück in Bouillon getauchtes Weißbrot gestattet. Die Wiederkehr dieser Anfälle wurde meistens durch Zufälligkeiten verursacht, doch traten sie immer nur dann auf, wenn seine Nerven vorher bereits überreizt waren. Eine gewisse Verschiedenartigkeit zeigte sich dagegen in der Art, wie die Schmerzen wieder nachließen: das eine Mal gelang es, den Schmerz sogleich in der ersten halben Stunde durch einfache heiße Umschläge zu betäuben, und in kurzer Zeit war dann alles überstanden; das letzte Mal hatte jedoch nichts geholfen, und erst nachdem er mehrere Brechmittel eingenommen, hatte der Schmerz nachgelassen. Nachher hatte der Arzt ihm gesagt, er sei überzeugt gewesen, daß er sich vergiftet habe. Diesmal waren es noch viele Stunden bis zum Morgen, in der Nacht jedoch wollte er nicht nach dem Arzt schicken – überhaupt waren ihm Ärzte zuwider. Aber die Schmerzen wurden doch so unerträglich, daß er laut zu stöhnen begann. Davon erwachte schließlich Pawel Pawlowitsch: er richtete sich auf, saß eine Zeitlang und horchte, offenbar erschrocken, während seine Blicke angstvoll und verständnislos Weltschaninoff folgten. Die Wirkung der geleerten Flasche machte sich bemerkbar: es dauerte ziemlich lange, bis er begriff, was er sah – dann aber sprang er vom Diwan und trat schnell auf Weltschaninoff zu, der vor Schmerz nur etwas Unverständliches stammeln konnte.
„Das ist die Leber, ich weiß!“ – Pawel Pawlowitsch war im Augenblick wie neu belebt und entwickelte sogleich eine ungeheure Geschäftigkeit. „Ich kenne das, Polossuchin, Pjotr Kusmitsch Polossuchin hatte genau dasselbe, – gleichfalls von der Leber. Da sind heiße Umschläge das beste! Pjotr Kusmitsch ließ sich dann immer heiße Umschläge machen ... Man kann doch daran sterben! Soll ich nicht die Mawra rufen, was?“
„Nicht nötig, nicht nötig!“ wehrte Weltschaninoff gereizt ab. „Nichts ist nötig.“
Doch Pawel Pawlowitsch war, Gott weiß weshalb, ganz kopflos vor Besorgnis, als handle es sich um die Rettung seines teuersten Freundes. Er achtete auf keinen Einwand und bestand mit dem größten Eifer darauf, daß unbedingt heiße Umschläge gemacht würden, und außerdem müsse der Kranke noch zwei bis drei Tassen schwachen Tee trinken – „aber nicht löffeln, sondern einfach hinabstürzen, und nicht bloß heiß muß er sein, sondern kochend!“ beteuerte er, lief darauf, ohne auf die Erlaubnis zu warten, zu Mawra, mit der er bald wieder erschien, half ihr in der Küche beim Feueranmachen und blies mit Eifer die Holzkohlen im Ssamowar an. Noch bevor das Wasser zu kochen begann, hatte er Weltschaninoff bereits die Oberkleider abgenommen, ihn zu Bett gebracht und gut zugedeckt – und in kaum zwanzig Minuten war der Tee fertig und der erste Teller heiß.
„Ich habe nämlich Teller genommen,“ erklärte er fast begeistert und legte behutsam, um sich nicht die Finger zu verbrennen, den in eine Serviette gewickelten heißen Teller Weltschaninoff auf die Herzgrube. „Heiße Umschläge sind zu umständlich, es dauert zu lange, bis man die macht, aber heiße Teller, glühendheiße Teller sind sogar das allerbeste, glauben Sie mir, das allerbeste, mein Ehrenwort! Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, an Pjotr Kusmitsch, ich habe es selbst gesehn und gefühlt. Man kann doch daran sterben! Trinken Sie den Tee, schlucken Sie nur; tut nichts, wenn Sie sich verbrühen; das Leben ist teurer als alles.“
Es war ihm tatsächlich gelungen, die schläfrige Mawra munter zu machen. Die Teller wurden alle zwei bis drei Minuten gewechselt. Schon nach dem dritten Teller und der zweiten heißen Tasse Tee, die Weltschaninoff hinabstürzte, fühlte er, daß der Schmerz nachließ.
„Wenn wir den Schmerz erst einmal weggebracht haben, dann Gott sei Dank, – das ist ein gutes Zeichen!“ rief Pawel Pawlowitsch hocherfreut und eilte in die Küche nach einem neuen Teller und neuem Tee.
„Wenn wir nur den Schmerz erst wegbringen! Nur der Schmerz muß erst mal betäubt werden!“ wiederholte er immer wieder.
Und wirklich: nach einer halben Stunde hatte sich der Schmerz fast ganz gelegt, aber der Kranke war so erschöpft, daß er trotz aller Bitten Pawel Pawlowitschs, doch „noch ein Tellerchen“ auszuhalten, nicht mehr darauf einging. Die Augen fielen ihm zu vor Müdigkeit.
„Schlafen, schlafen,“ sagte er nur mit schwacher Stimme.
„Auch das!“ willigte Pawel Pawlowitsch ein.
„Sie übernachten ... wie viel – wie spät ist es?“
„Bald zwei, es fehlen noch ein paar Minuten.“
„Bleiben Sie hier?“
„Ich bleibe, ich bleibe.“
Nach einer kleinen Weile rief der Kranke ihn wieder zu sich.
„Sie ... Sie ...“ murmelte er, als jener zu ihm geeilt war und sich über ihn beugte, „Sie sind besser als ich! Ich begreife alles ... alles ... ich danke Ihnen.“
„Schlafen Sie, schlafen Sie,“ flüsterte Pawel Pawlowitsch und schlich auf den Fußspitzen schnell wieder zu seinem Diwan zurück.
Der Kranke hörte noch im Einschlafen, wie Pawel Pawlowitsch schnell, doch möglichst leise sein Lager zurechtmachte, seine Kleider ablegte, die Kerze auslöschte und sich behutsam, womöglich mit angehaltenem Atem, um den Einschlafenden nur ja nicht zu stören, auf seinem Diwan ausstreckte.
Zweifellos schlief Weltschaninoff wirklich ein, und sogar sehr bald, nachdem die Kerze ausgelöscht war – dessen entsann er sich später noch ganz genau. Doch während der ganzen Zeit seines Schlafens – bis zu dem Augenblick, in dem er plötzlich erwachte – hatte er im Traum die Empfindung, daß er nicht schlafe und auch trotz seiner Erschöpfung und seines Verlangens nach Schlaf nicht einschlafen könne. Schließlich glaubte er – natürlich im Traum –, daß er in wachem Zustande zu phantasieren beginne und die vor ihm auftauchenden, sich um ihn drängenden visionären Erscheinungen, ungeachtet des klaren vollen Bewußtseins, daß es Fiebergebilde waren und nichts Wirkliches, nicht zu bannen vermochte. Es war ihm alles bekannt, was er sah: das Zimmer war, so schien es ihm, wieder voll von Menschen und die Tür zum Treppenflur stand offen. Und immer noch Menschen kamen in Scharen ins Zimmer und drängten sich auf der Treppe. Und am Tisch, der in die Mitte des Zimmers gerückt war, saß wieder ein Mensch – ganz wie damals, im Traum, vor einem Monat. Und ganz wie damals hatte der Mensch auch jetzt einen Arm auf den Tisch gestützt und wollte nicht sprechen; doch hatte er diesmal einen runden Hut auf und um den Hutrand einen Streifen Trauerflor. „Was? Sollte es wirklich auch damals Pawel Pawlowitsch gewesen sein?“ dachte Weltschaninoff, doch als er dem schweigenden Menschen ins Gesicht sah, überzeugte er sich, daß es ein ganz anderer war. „Weshalb trägt er den Trauerflor?“ fragte sich Weltschaninoff verwundert. Der Lärm und das Geschrei der Menschen, die sich um den Tisch drängten, war fürchterlich: sie schienen alle noch viel aufgebrachter über ihn zu sein, als damals, in jenem Traum; sie drohten ihm mit den Fäusten und schrien ihm empört etwas zu, doch konnte er trotz aller Anstrengung nicht verstehen, was es war, das sie ihm da zuschrien. „Aber das ist ja nur eine Vision, ich fiebere ja, ich phantasiere, – ich weiß es doch selbst!“ dachte er, „ich weiß doch, daß ich nicht einschlafen konnte und jetzt ausgestanden bin, weil ich vor Schmerz das Liegen nicht aushielt! ...“ Aber das Geschrei und die Menschen und ihre Bewegungen und alles andere – es war so deutlich, so wirklich, daß er doch wieder an ihrer Unwirklichkeit zu zweifeln begann: „Sollte das wirklich nur eine Fiebervision sein? Was wollen diese Menschen von mir, mein Gott? Aber ... wenn das Wirklichkeit wäre, wie wäre es dann möglich, daß dieses Geschrei nicht Pawel Pawlowitsch endlich aus dem Schlaf weckte? daß er davon noch immer nicht erwacht ist? Und er schläft doch noch, schläft doch dort auf dem Diwan!“ Da geschah plötzlich wieder etwas, ganz wie damals im Traum: alle wandten sich zur Tür und wollten zur Treppe, und es kam zu einem furchtbaren Gedränge in der Tür, denn von draußen begann sich ein neuer Haufe ins Zimmer zu schieben. Und die, die hinter ihnen kamen, trugen etwas, etwas Großes und Schweres: man hörte, wie die Schritte der Träger unter der getragenen Last schwer und ungleichmäßig auf den Treppenstufen dumpf aufpolterten und wie sie sich unter dem Druck der Last mit atemlosen Stimmen erregt Anweisungen zuriefen. Im Zimmer aber begannen alle zu rufen: „Sie bringen, sie bringen!“ und aller Augen funkelten und richteten sich auf ihn, Weltschaninoff, und alle wiesen sie drohend und triumphierend nach der Tür. Er zweifelte jetzt nicht mehr im geringsten daran, daß alles Wirklichkeit und nicht etwa eine Vision war, wie er zuerst geglaubt hatte, und erhob sich auf die Fußspitzen, um über die Köpfe der Menschen hinweg erkennen zu können, was denn dort von den Trägern so Schweres gebracht wurde. Sein Herz aber pochte, pochte, pochte, und plötzlich – ganz wie damals in jenem Traum – wurde dreimal mit aller Kraft am Glockenzug gerissen, und wieder war es ein so gellend heller, so greifbar wirklicher Schall, daß er ihm unmöglich nur geträumt haben konnte! ... Er schrie auf und erwachte.
Doch er stürzte nicht wie damals im Augenblick zur Tür. Welch ein Gedanke seine erste Bewegung lenkte, ob er im Moment überhaupt einen Gedanken hatte – das wußte er selbst nicht! nur war es ihm, als habe ihm irgend jemand gesagt, was er zu tun hatte: er sprang auf und streckte die Arme, wie zur Verteidigung oder zur Abwehr eines Angriffs erhoben, nach der Richtung, in der Pawel Pawlowitsch schlief. Doch im selben Augenblick stießen seine Hände mit zwei anderen, bereits nach ihm ausgestreckten Händen zusammen und er packte sie mit aller Kraft. Jemand hatte sich über ihn beugen wollen! Die Vorhänge waren zugezogen, doch war es nicht ganz dunkel im Zimmer, da aus dem Nebenraum, zu dem die Tür offen stand und dessen Fenster keine Vorhänge hatten, schon ein schwacher Lichtschimmer eindrang. Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz in der linken Hand, und er wußte sofort, daß er die Schneide eines Rasiermessers erfaßt und sie sich selbst ins Fleisch gepreßt hatte ... Im selben Moment hörte man auch schon das eintönige Aufschlagen eines metallisch schweren Gegenstandes, der zu Boden fiel.
Weltschaninoff war vielleicht dreimal so stark wie Pawel Pawlowitsch, doch ihr Kampf währte lange, währte wenigstens drei Minuten. Endlich drückte er ihn zu Boden und bog ihm die Arme zurück. Doch aus irgendeinem Grunde wollte er diese zurückgebogenen Arme unbedingt auf den Rücken fesseln. Er suchte also tastend mit der rechten Hand – während er mit der verwundeten Linken die Handgelenke des Gegners hielt – lange vergeblich nach der Rouleauschnur, bis er sie endlich doch fand und mit einem einzigen Ruck abriß. Später wunderte er sich selbst darüber, wie er das fertiggebracht hatte, denn es gehörte eine fast übernatürliche Kraft dazu. Nachdem er dann Pawel Pawlowitschs Hände mit der Schnur gefesselt hatte, stand er auf, ließ den Gefesselten auf dem Boden liegen, zog den Vorhang zur Seite und schob die Gardinen fort. Auf der menschenleeren Straße war es schon hell. Er öffnete das Fenster und atmete tief die Morgenluft ein. Es mußte zwischen vier und fünf Uhr sein. Er schloß wieder das Fenster, trat schnell zum Schrank, nahm ein reines Handtuch heraus und wickelte es sehr fest um seine linke Hand, um das aus der Wunde quellende Blut zu stillen. Zufällig stieß er mit dem Fuß an das offene Rasiermesser, das nicht weit vom Schrank auf dem Teppich lag; er hob es auf, klappte es zusammen und legte es in das Etui, das er am Morgen auf dem kleinen Tisch neben dem anderen Diwan vergessen hatte. Er öffnete eines der Schubfächer seines Schreibtisches, legte das Rasierbesteck hinein und verschloß das Fach. Und erst nachdem das erledigt war, trat er an Pawel Pawlowitsch heran und begann ihn zu betrachten.
Dieser hatte sich inzwischen mit Mühe erhoben und sich auf einen Stuhl gesetzt. Er war, ganz wie Weltschaninoff, auch nur in Unterkleidern und ohne Stiefel. Sein Hemd hatte auf dem Rücken und an den Ärmeln große Blutflecke, doch war das nicht sein Blut, sondern das Blut Weltschaninoffs. Freilich war es Pawel Pawlowitsch, der dort saß! Im ersten Augenblick hätte man ihn kaum zu erkennen vermocht – so verändert sah er aus! Er saß wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände in unbequemer gerader Haltung, sein entstelltes, verzerrtes, gequältes Gesicht war grünlich bleich, und von Zeit zu Zeit überlief ihn ein Zittern. Mit einem seltsam dunklen, gleichsam noch nicht alles erkennenden Blick sah er regungslos Weltschaninoff an. Plötzlich lächelte er – es war ein so stumpfes Lächeln, wie es nur Übermüdete bisweilen haben –, deutete mit einem Kopfnicken nach der Wasserkaraffe, die auf dem Tisch stand, und sagte halblaut:
„Einen Schluck.“
Weltschaninoff goß das Wasser in ein Glas, hielt es ihm an den Mund und ließ ihn trinken. Pawel Pawlowitsch trank gierig; nach dem dritten Schluck hob er den Kopf, sah unverwandt dem vor ihm stehenden Weltschaninoff ins Gesicht, sagte aber kein Wort und begann wieder zu trinken. Nachdem er dann seinen Durst gelöscht hatte, atmete er tief auf. Weltschaninoff nahm vom Diwan sein Kissen, warf seine Oberkleider über den Arm und ging ins andere Zimmer, worauf er Pawel Pawlowitsch im ersten Zimmer einschloß.
Die Schmerzen unter der Brust waren vollständig vergangen, doch machte sich jetzt wieder ein großes Schwächegefühl geltend, was nach der plötzlichen Anspannung aller Kräfte ganz erklärlich war. Er wollte nachdenken, um sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war, doch konnte er seine Gedanken nicht sammeln: es war doch eine zu große Nervenerschütterung gewesen. Seine Augen fielen ihm wieder zu und dann glaubte er, einzuschlafen, doch schon nach wenigen Minuten zuckte er wieder zusammen, erwachte, erinnerte sich sogleich an das Vorgefallene und an seine schmerzende Hand, befühlte das vom Blut feuchte Handtuch und begann wieder fieberhaft zu denken. Er wurde sich jedoch nur über eines klar: daß Pawel Pawlowitsch ihn tatsächlich hatte ermorden wollen – vielleicht ohne noch eine Viertelstunde vorher selbst zu wissen, was er tun wollte. Das schmale Etui des Rasiermessers hatte er am Abend vielleicht nur ganz flüchtig auf dem Tisch liegen gesehen. (Übrigens lag Weltschaninoffs Rasierbesteck gewöhnlich verschlossen im Schubfach, doch gerade an dem Morgen hatte er es herausgenommen, um einige überflüssige Haare am Schnurrbart fortzurasieren, was er mitunter zu tun pflegte.)
„Wenn er schon lange die Absicht gehabt hätte, mich zu töten,“ dachte Weltschaninoff, „so würde er eine Mordwaffe, einen Dolch oder Revolver mitgenommen und nicht auf mein vergessenes Rasiermesser gerechnet haben, das er ja erst gestern abend zum erstenmal bei mir gesehen hat.“
Endlich schlug es sechs. Weltschaninoff raffte sich auf, kleidete sich an und ging zu Pawel Pawlowitsch. Als er die Tür aufschloß, fragte er sich ganz verwundert, wozu er ihn denn eingeschlossen hatte, statt ihn sogleich aus dem Hause hinausgehen zu lassen. Zu seinem Erstaunen sah er, daß der Gefangene bereits vollständig angekleidet war: also mußte es ihm doch möglich gewesen sein, seine Hände von der Fessel zu befreien. Er saß im Lehnstuhl, erhob sich aber sogleich, als Weltschaninoff eintrat. Seinen Hut hatte er bereits in der Hand. Sein erregter, unruhiger Blick schien – gleichsam in geschäftiger Eile – sagen zu wollen:
„Fange nicht an; da ist nichts zu reden; lohnt sich nicht ...“
„Gehen Sie!“ sagte Weltschaninoff. „Nehmen Sie Ihr Armband.“
Pawel Pawlowitsch, der schon an der Tür angelangt war, kehrte zurück, nahm das Etui vom Tisch, steckte es in die Tasche und trat hinaus. Weltschaninoff stand an der Tür, um sie hinter ihm zuzuschließen. Ihre Blicke trafen sich zum letzten Mal: Pawel Pawlowitsch blieb plötzlich stehen; beide sahen sich etwa fünf Sekunden lang in die Augen, als wären sie irgendwie unschlüssig; endlich hob Weltschaninoff die Hand und ließ sie, wie beschwichtigend, sinken.
„Nun, gehen Sie!“ sagte er halblaut und schloß die Tür.
XVI. Die Analyse.
Das Gefühl einer ungewöhnlichen, befreienden, großen Freude bemächtigte sich Weltschaninoffs; irgend etwas hatte jetzt endlich ein Ende genommen, hatte sich aufgelöst; irgendein lastender Kummer war von ihm gewichen und hatte sich zerstreut. So schien es ihm. Fünf Wochen hatte es ihn bedrückt. Er erhob seine Hand, betrachtete das blutbefleckte Handtuch und murmelte: „Nein, jetzt ist aber auch wirklich alles beendet!“ Und den ganzen Morgen dachte er zum erstenmal in drei Wochen fast gar nicht an Lisa, wenigstens nicht mit jenem quälenden Schmerz – als habe das Blut aus seiner verwundeten Hand sogar diese Schuld getilgt.
Er begriff vollkommen, daß er einer großen Gefahr entronnen war. „Gerade diese Menschen,“ dachte er, „die noch eine Minute vor der Tat nicht wissen, ob sie morden oder nicht morden, – gerade diese sind die gefährlichsten; denn sobald sie erst einmal das Messer in der bebenden Hand fühlen und das erste, heiße Blut ihnen über die Finger fließt – dann genügt es ihnen nicht mehr, nur zu morden, dann schneiden sie gleich den ganzen Kopf ab, – ‚glatt ab‘, wie die Sträflinge sagen. Ja, so sind sie.“
Es litt ihn nicht mehr in seiner Wohnung, und er verließ das Haus in der Überzeugung, daß sogleich irgend etwas getan werden müsse oder – daß mit ihm selbst irgend etwas sogleich geschehen werde. Er schlenderte also durch die Straßen und wartete. Er hätte jetzt gar zu gern jemanden getroffen oder mit irgendwem ein Gespräch angeknüpft, selbst mit einem Unbekannten. Das brachte ihn endlich auf den Gedanken, doch zum Arzt zu gehen, da die Hand sowieso verbunden werden mußte. Der Arzt, ein Bekannter von ihm: fragte neugierig, während er die Wunde betrachtete, wie er sich denn so verletzt habe? Weltschaninoff antwortete mit einem Scherz, lachte und hätte ihm beinahe alles erzählt, bezwang sich aber noch rechtzeitig. Der Arzt fühlte ihm den Puls, und als er hörte, daß Weltschaninoff in der Nacht wieder seine Schmerzen gehabt hatte, redete er ihm zu, sogleich ein beruhigendes Mittel, das er bei der Hand hatte, einzunehmen. In betreff der Wunde beruhigte er ihn: es seien keine schlimmen Folgen zu befürchten. Weltschaninoff versicherte ihm darauf lachend, daß sie bereits die besten Folgen gezeitigt habe. Der lebhafte Wunsch, alles jemandem zu erzählen, erfaßte ihn im Laufe des Tages noch zweimal, und zwar in solchem Maße, daß er einmal Mühe hatte, sich zu bezwingen und nicht mit einem fremden Menschen, der sich in einer Konditorei an seinen Tisch gesetzt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen. Dabei war ihm sonst nichts so verhaßt, wie in öffentlichen Lokalen mit fremden Menschen Gespräche zu beginnen.
Er trat in mehrere Läden, kaufte sich eine Zeitung, sprach bei seinem Schneider vor und bestellte sich einen neuen Anzug. Der Gedanke, Pogorjelzeffs besuchen zu müssen, war ihm noch immer unangenehm, aber er dachte nicht weiter daran. Er hatte auch einen Grund, nicht zu ihnen hinauszufahren: er erwartete ja die ganze Zeit irgend etwas, das hier in der Stadt geschehen müsse. Er speiste mit Genuß, wechselte sogar ein paar Worte mit dem Kellner, sprach auch mit seinem Tischnachbar, und trank eine halbe Flasche Wein. An die Möglichkeit, daß die Schmerzen wiederkehren könnten, dachte er überhaupt nicht; er war vielmehr überzeugt, daß seine Krankheit gerade in dem gefährlichsten Augenblick vollständig vergangen sei, als er etwa anderthalb Stunden nach dem Einschlafen in völliger Erschöpfung plötzlich aufgesprungen war und den Mörder mit so ungemeiner Kraft niedergezwungen hatte. Gegen Abend erfaßte ihn aber doch ein leichtes Schwindelgefühl und bisweilen war es ihm sogar, als wollten die Fiebervisionen der vergangenen Nacht wieder vor ihm auftauchen. Er kehrte erst in der Dämmerung nach Haus zurück. Als er in seine Wohnung trat, erschrak er. Unheimlich erschien sie ihm, und es war ihm fast, als wandle ihn Furcht an. Mehrmals ging er durch die großen Räume und trat sogar in die Küche, was er sonst nie tat. „Hier haben sie gestern die Teller gewärmt,“ dachte er. Die Tür verschloß er sorgfältig und machte dann sogleich Licht, – früher, als er es gewöhnlich zu tun pflegte. Beim Verschließen der Tür dachte er daran, daß er vor einer halben Stunde, als er an der Portierstür vorübergegangen war, Mawra herausgerufen und gefragt hatte, ob der fremde Herr in seiner Abwesenheit nicht wieder bei ihm gewesen wäre, ganz als hätte er es selbst wirklich für möglich gehalten, daß jener noch einmal zu ihm gekommen sein könne.
Nachdem er dann auch die Tür zum Korridor zugeschlossen hatte, öffnete er seinen Schreibtisch, nahm das schmale Etui heraus und klappte das „verhängnisvolle“ Rasiermesser auf, um es zu betrachten. Auf dem elfenbeinernen Griff waren noch kleine Blutpünktchen zu bemerken. Er klappte es wieder zusammen und schob es zurück in das Etui, das er wieder im Schreibtisch verschloß. Er wollte schlafen: er fühlte, daß er sich unbedingt sogleich hinlegen mußte, da er anderenfalls am nächsten Tage „zu nichts taugen“ würde. Dieser nächste Tag erschien ihm aus irgendeinem Grunde „verhängnisvoll“, als müsse sich dann erst „alles endgültig entscheiden“, als bringe er gewissermaßen den „wirklichen Abschluß“. Doch die Gedanken, die ihn schon den ganzen Tag, wo er auch ging und stand, verfolgt und keinen Augenblick ganz verlassen hatten, die drängten und stießen sich auch jetzt wieder unermüdlich in seinem schmerzenden Hirn, und er dachte, dachte, dachte, und lange noch konnte er nicht einschlafen ...
„Wenn es nun wirklich feststeht, daß sein Mordanschlag ein unvorbereiteter war,“ mußte er immer wieder denken, „sollte ihm dann der Gedanke, mich umzubringen, nicht wenigstens einmal schon früher in den Kopf gekommen sein – wenn auch nur als kurzer Einfall? in einem Augenblick der Wut?“
Er beantwortete sich die Frage sehr sonderbar, und zwar damit, daß Pawel Pawlowitsch ihn allerdings habe ermorden wollen, daß jedoch der Gedanke an einen Mord dem Mörder kein einziges Mal vorher in den Sinn gekommen sei. „Kurz, Pawel Pawlowitsch wollte mich ermorden,“ sagte er sich, „wußte aber selbst nicht, daß er es wollte. Das klingt widersinnig, ist aber richtig.“
„Nicht, um sich versetzen zu lassen und auch nicht Bagontoffs wegen ist er nach Petersburg gekommen – obschon er sich versetzen lassen wollte und Bagontoff hier aufsuchte und sich über dessen Tod ärgerte. Bagontoff war ihm nichts, den verachtete er einfach. Aber wegen mir – mir! war er hergekommen und ... hatte Lisa mitgebracht! ...“
„Aber sollte ich selbst erwartet haben, daß er mich ... ermorden könnte?“ fragte er sich, dachte wieder lange nach und mußte die Frage schließlich bejahen: er hatte es von dem Augenblick an erwartet, als er ihn damals im Wagen an der Kanal-Brücke erblickt hatte, hinter dem Sarge Bagontoffs. „Ja, von dem Augenblick an begann ich so etwas zu erwarten ... aber, versteht sich, nicht wörtlich und genau so, selbstverständlich erwartete ich nicht, daß er mich ermorden werde! ...“
„Und sollte das wirklich, wirklich alles wahr sein,“ fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn und er erhob den Kopf vom Kissen und schlug die Augen auf, „alles das, was dieser ... Verrückte gestern hier von seiner Liebe zu mir sprach, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust ans Herz schlug?“
„Entschieden ist es wahr,“ urteilte er schließlich, und er vertiefte sich immer mehr in die Analyse, „dieser Mann aus T. war natürlich dumm genug und in seinen Voraussetzungen anständig genug, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben, von deren Untreue er in zwanzig Jahren nichts, nicht das Geringste bemerken konnte! Neun Jahre lang hat er mich verehrt, mich und mein Andenken, und hat sich sogar meine ‚Aussprüche‘ gemerkt – Herrgott! – und ich habe von allem keine Ahnung gehabt! Nein, er konnte gestern nicht lügen! Aber hat er mich denn gestern geliebt, als er mir seine Liebeserklärung machte und ‚abrechnen‘ wollte? Ja, auch gestern hat er mich geliebt, hat mich aus Wut geliebt: und diese Liebe ist die stärkste ...“
„Aber es ist doch möglich, nein, es ist sogar mit aller Bestimmtheit anzunehmen, daß ich damals in T. einen kolossalen Eindruck auf ihn gemacht habe, – gerade einen ‚kolossalen‘ und ‚wohltuenden‘ Eindruck – und gerade bei solch einem Idealisten im Schillerschen Sinne war das möglich! Er hat mich für hundertmal großer gehalten, als ich war. Jawohl: ein so großer Eindruck war es, den ich auf ihn, in seiner vereinsamten Gedankenwelt, machte, ... Doch wäre es ganz interessant, zu wissen, wodurch ich ihm eigentlich imponiert habe? Vielleicht nur durch besondere Glacéhandschuhe und die Art, wie ich sie abstreifte oder anzog. Solche Menschen lieben Ästhetik, oh, und wie! Gar mancher edlen Seele, und wenn sie noch dazu einem ‚ewigen Gatten‘ angehört, genügen ein Paar Handschuhe vollkommen. Das übrige vervollständigen sie dann selbst bis ins Tausendfache, und sie werden sich sogar für einen schlagen, wenn es soweit kommen sollte. Und wie hoch er meine Verführungsmittel einschätzt! Oder vielleicht hat ihm gerade die Art, wie ich mich ihr näherte, damals am meisten imponiert? Und sein Ausruf hier nach dem Kuß: ‚Wenn auch der, wenn auch der!‘ – das heißt: an wen kann man dann noch glauben! Nach diesem Ausruf wird man ja zum Tier! ...“
„Hm! Er ist nach Petersburg gekommen, um mir ‚um den Hals zu fallen und mit mir zu weinen‘, wie er sich selbst gemeinerweise ausdrückte, das heißt, er fuhr, um mich zu ermorden, und glaubte doch selbst, daß er fahre, um mich zu ‚umarmen und mit mir zu weinen‘ ... Und er nahm Lisa mit. Aber wie: hätte ich mit ihm geweint, so würde er mir vielleicht alles verziehen haben, wirklich, denn es war ja sein größter Wunsch, zu verzeihen! ... Und das schlug dann beim ersten Zusammenstoß in betrunkenes Sich-verstellen um, alles wurde zur Karikatur und lief auf nichts anderes hinaus, als auf weibisches Geheul über die ihm zugefügte Beleidigung. (Die Hörner, die Hörner, wie er sich die aufsetzte!) Deshalb kam er angetrunken zu mir, um sich, wenn auch unter Verstellungen, doch zu verraten oder sich erraten zu lassen; im nüchternen Zustande hätte auch er es nicht fertig gebracht ... Und das Verstellen und Verstecken und Hervorlugen und Wiederverstecken – ach, wie er das liebte! Wie froh er war, als er es so weit gebracht hatte, daß ich ihn küßte! Nur wußte er damals selbst nicht, womit es enden würde: mit einer Umarmung oder einem Mord? Natürlich kam’s heraus, daß das beste beides zusammen war. Die natürlichste Entscheidung! – Ja, da sieht man’s wieder: die Natur liebt die Mißgeburten nicht und schlägt sie mit ‚natürlichen Entscheidungen‘ einfach tot. Die mißgeborenste Mißgeburt – das ist die Mißgeburt mit edlen Gefühlen: ich weiß es aus eigener Erfahrung, Pawel Pawlowitsch! Die Natur ist der Mißgeburt keine zärtliche Mutter, sondern eine Stiefmutter. Die Natur gebiert die Mißgeburt, sie bringt sie ja selbst hervor, doch statt nun Mitleid mit ihr zu haben, straft und züchtigt sie sie noch, – und es ist auch gut und recht so. Umarmungen und Tränen des Allverzeihens sind selbst von anständigen Leuten heutzutage nicht umsonst zu haben, geschweige denn von solchen, wie wir beide, Pawel Pawlowitsch!“
„Ja, er war dumm genug, mich zu seiner Braut zu führen, – Gott! Seine Braut! Wahrlich, nur in einem solchen Menschen konnte der Gedanke entstehen, durch die Unschuld einer Mademoiselle Sachlebinin zu einem ‚neuen Leben aufzuerstehn‘! Doch man kann dir deshalb keinen Vorwurf machen, Pawel Pawlowitsch, jedenfalls nicht dir: du bist eine Mißgeburt, und deshalb muß auch alles an und in dir mißgeboren sein. Deine Selbsttäuschungen wie deine Hoffnungen. Aber trotzdem hat er an ihnen zu zweifeln begonnen – weshalb denn auch die hohe Sanktion Weltschaninoffs, des ehrfurchtsvoll geachteten, notwendig wurde! Es ging nicht ohne Weltschaninoffs Beifall, ohne seine Billigung und seine Bestätigung, daß die Illusion keine Illusion, sondern ein wirkliches Ding war! Er hat mich in ehrfurchtsvoller Hochachtung meiner Person und im festen Glauben an die Anständigkeit meiner Gefühle hingeführt, – vielleicht sogar in dem Glauben, daß wir uns dort hinter einem Busch, in der Nähe der Unschuld, in die Arme sinken und miteinander weinen würden. Ja, und dann mußte sich doch dieser ‚ewige Gatte‘ endlich einmal – es war ja einfach seine Pflicht – mußte sich doch wenigstens irgendeinmal bestrafen für alles, mußte sich definitiv bestrafen, und um sich zu bestrafen, griff er zum Rasiermesser, – freilich ganz unverhofft, und ohne daß er es wollte, aber immerhin griff er danach! ‚Er hat ihm aber doch das Messer in den Leib gestoßen, hat es doch fertig gebracht, sogar in Gegenwart des Gouverneurs!‘ Übrigens – ob er wohl schon damals, als er mir diese Hochzeitsgeschichte erzählte, irgend etwas Derartiges im Sinne gehabt haben sollte? – wenn auch nur in ganz entfernter Gedankenverbindung? Und als er damals in der Nacht ausgestanden war und mitten im Zimmer stand, – sollte er auch da schon? ... Hm! ... Nein, damals stand er nur zum Spaß, sich zum Spaß auf. Nur in der Absicht war er aufgestanden, um – ... als er aber sah, daß mir bange wurde, daß ich ihn zu fürchten begann, da antwortete er mir erst nach ganzen zehn Minuten, so lange ließ er mich warten, denn es war ihm doch gar zu angenehm, daß ich ihn fürchtete ... Damals kann ihm vielleicht wirklich so etwas zum erstenmal in den Sinn gekommen sein – als er hier in der Dunkelheit stand ...“
„Und wenn ich nun gestern nicht dieses Rasiermesser auf dem Tisch vergessen hätte, – wäre wohl nichts geschehen. Oder doch? Oder doch? Ist er mir nicht aus dem Wege gegangen – ganze vierzehn Tage lang? Hat er sich doch sogar vor mir versteckt, – aus Mitleid mit mir! Und zuerst erkor er sich den Bagontoff und nicht mich! Und in der Nacht sprang er auf, um für mich Teller zu wärmen, im Glauben, sich damit abzulenken: vom Messer – durch Rührung! ... Und wollte sich und mich damit retten – mit gewärmten Tellern! ...“
Und noch lange arbeitete das kranke Hirn dieses ehemaligen „Salonmenschen“ weiter, bis er endlich einschlummerte. Am nächsten Morgen aber erwachte er mit demselben krausen Hirn: und zwar mit einem ganz neuen und diesmal ganz unerwarteten Schrecken im Gefühl und in den Gedanken ...
Dieser neue Schrecken war die unerschütterliche Überzeugung, die sich plötzlich in ihm festgesetzt hatte, daß er, Weltschaninoff, der Weltmann, der doch genau wußte, was sich schickt und was sich nicht schickt, aus eigenem freien Antriebe, und zwar heute noch, zu Pawel Pawlowitsch gehen werde – warum? Wozu? – das wußte er selbst nicht und wollte es auch nicht wissen, so ekelhaft war es ihm; er wußte nur, daß er sich aus irgendeinem Grunde „hinschleppen“ werde.
Diese „Verrücktheit“ – anders glaubte er sie nicht benennen zu können – entwickelte sich indessen so, daß sie, soweit das möglich war, den Anschein von Vernunft erhielt und daß er schließlich einen ziemlich triftigen Vorwand fand: er sagte sich, daß er schon die ganze Zeit die Empfindung nicht losgeworden sei, Pawel Pawlowitsch habe sich nach seiner Wohnung begeben, sich in derselben eingeschlossen und dann erhängt, – wie jener Kommissär, von dem ihm Marja Ssyssojewna erzählt hatte. Diese Einbildung war in ihm allmählich, mochte sie auch noch so widersinnig sein, zur festen Überzeugung geworden. „Weshalb sollte sich dieser Dummkopf aufknüpfen?“ unterbrach er sich selbst immer wieder in seinem Gedankengang. Ihm fielen Lisas Worte ein ... „Doch übrigens, ich würde mich an seiner Stelle vielleicht auch aufhängen ...“ fuhr es ihm einmal durch den Sinn.
Es endete damit, daß er, statt ins Restaurant zum Mittagessen zu gehen, sich tatsächlich zu Pawel Pawlowitsch begeben wollte. „Ich werde mich nur bei Marja Ssyssojewna nach ihm erkundigen,“ sagte er sich, als er seine Wohnung verließ. Doch noch war er nicht auf die Straße getreten, als er plötzlich unter dem Torbogen des Hauses stehen blieb.
„Nicht möglich!“ dachte er und wurde vor Scham bis unter die Haarwurzeln rot, „sollte ich wirklich zu ihm trotten, um ihm ‚in die Arme zu sinken und mit ihm zu weinen‘? Sollte wirklich gerade diese sinnlose Gemeinheit zur Vollendung der ganzen Gemeinheit noch fehlen!?“
Doch vor der Ausführung dieser „sinnlosen Gemeinheit“ rettete ihn die Vorsehung selbst, die ganz spezielle aller anständigen und ehrenwerten Menschen. Kaum war er nämlich auf die Straße getreten, als er plötzlich mit Alexandr Loboff zusammenstieß. Der Jüngling mußte in größter Eile gekommen sein und sah erregt aus.
„Ah, da sind Sie ja! Ich wollte zu Ihnen. Na, was sagen Sie zu unserem Freunde Pawel Pawlowitsch? Teufel noch eins!“
„Hat sich erhängt?“ stieß Weltschaninoff atemlos hervor.
„Wer hat sich erhängt? Wo?“ – Loboff riß die Augen auf.
„Nichts ... ich meinte es nur so – fahren Sie fort!“
„Pfui Teufel, was Sie für Gedanken haben! Sie meinten ihn? O nein, ist ihm gar nicht eingefallen – und weshalb sollte er? – im Gegenteil, er ist jetzt glücklich abgereist. Ich komme soeben vom Bahnhof, hab’ ihn in den Waggon gesetzt und fortexpediert. Teufel, wie der Kerl säuft, Sie glauben’s nicht! Wir haben zusammen drei Flaschen getrunken, Champagner! Predpossyloff war auch dabei. Aber wie er säuft, wie er säuft! Zum Schluß stimmte er noch Lieder an, sprach von Ihnen, winkte aus dem Fenster und warf uns Kußhände zu, – ließ Sie grüßen. Aber was meinen Sie, ist er nicht doch ein Schuft, – was?“
Der junge Mann war in der Tat nicht nüchtern: sein gerötetes Gesicht, die blitzenden Augen und die nicht ganz gehorsame Zunge legten davon deutlich Zeugnis ab.
Weltschaninoff lachte schallend auf.
„Haha! Da haben Sie zu guter Letzt doch noch mit Brüderschaft geendet! Sind sich in die Arme gesunken und haben gemeinsam geweint! Ach, ihr Schillerianer!“
„Bitte schimpfen Sie nicht. Wissen Sie, er hat sich dort von allem losgesagt. Gestern erfuhr ich’s schon, heute war ich wieder da. Er hat mörderlich geklatscht. Nadjä ist eingesperrt – sitzt wieder in der Kammer. Natürlich: Tränen, Geschrei, aber wir geben nicht nach! Doch wie er säuft, wie er säuft! Ich sag’ Ihnen, Sie glauben’s nicht! Und wissen Sie, was für einen mauvais ton er hat, das heißt, nicht mauvais ton, aber – na, wie heißt das doch wieder? ... Und immer sprach er von Ihnen. Aber er ist ja gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Sie sind doch immerhin ein anständiger Mensch und haben wirklich mal zur höheren Gesellschaft gehört – sind nur jetzt gezwungen, sich von ihr zurückzuziehen – aus Armut, oder wie’s da war ... weiß der Teufel, ich wurde nicht klug aus ihm ...“
„Ah, so hat er Ihnen in diesen Ausdrücken von mir erzählt?“
„Er, natürlich, ärgern Sie sich nicht. Mensch sein, ist mehr wert, als die ganze höhere Gesellschaft. Ich sage das, weil man heutzutage in Rußland nicht weiß, wen man achten soll. Sie müssen doch zugeben, daß das eine schlimme Zeitkrankheit ist, wenn man nicht weiß, wen man achten soll, – nicht wahr?“
„Gewiß, gewiß, aber was sagte er noch?“
„Er? Ja richtig! ... Ach ja! – weshalb sagte er immer: ‚der fünfzigjährige, doch verarmte Weltschaninoff‘? Weshalb ‚doch verarmte‘ und nicht ‚und verarmte‘? Und er lachte dabei, wiederholte es tausendmal! Im Coupé begann er zu singen und dann weinte er – einfach widerlich; er konnte einem sogar leid tun, – in seiner Betrunkenheit. Ach, ich mag Dummköpfe nicht! Den Bettlern warf er Geld hin, die sollten für die Seelenruhe einer Lisaweta beten – das war wohl seine Frau?“
„Seine Tochter.“
„Was ist mit Ihrer Hand?“
„Ich habe mich geschnitten.“
„Tut nichts, vergeht. Wissen Sie, hol’ ihn der Teufel, gut, daß er fort ist; aber ich wette, daß er dort, wohin er jetzt kommt, sogleich wieder heiraten wird, – hab’ ich nicht recht?“
„Aber Sie wollen doch auch heiraten?“
„Ich? Ja, ich! – ich bitte Sie, das ist doch etwas ganz anderes! Sind Sie sonderbar! Wenn Sie ein Fünfzigjähriger sein sollen, dann ist er bestimmt schon ein Sechzigjähriger! Hier tut Logik not, mein Bester! Aber wissen Sie, früher, das ist schon lange her, da war ich ein Slawophile, in meinen Überzeugungen, meine ich, doch jetzt, jetzt erwarten wir die Morgenröte vom Westen ... Nun, auf Wiedersehen; gut, daß ich Sie hier traf, so brauchte ich nicht hinaufzugehen; fordern Sie mich nicht auf, bitten Sie nicht, habe keine Zeit! ...“
Und er eilte davon.
„Ach, richtig, wie konnt’ ich’s denn vergessen!“ rief er plötzlich, indem er schnell wieder zurückkam, „er hat mich doch mit einem Brief zu Ihnen geschickt! Hier ist der Brief. Weshalb kamen Sie nicht zum Abschied zur Bahn?“
Weltschaninoff kehrte in seine Wohnung zurück und erbrach das Kuvert, das mit seiner Adresse versehen war.
Doch der Brief, der in dem Kuvert lag, war nicht von Pawel Pawlowitsch – der hatte keine Zeile geschrieben, kein Wort. Weltschaninoff erkannte aber die Handschrift sogleich. Es war ein alter Brief, das Papier war vergilbt und die Schrift verblaßt. Der Brief war vor zehn Jahren an ihn nach Petersburg geschrieben, zwei Monate nach seiner Abreise aus T. Doch den Brief hatte er niemals erhalten; statt seiner war damals jener andere Brief gekommen: das ging deutlich aus diesen blassen Zeilen hervor.
In diesem Brief machte Natalja Wassiljewna, indem sie für immer von ihm Abschied nahm – die Abschiedsworte waren dieselben, wie in jenem anderen Brief, den er damals erhalten hatte, und indem sie ihm auch gestand, daß sie bereits einen anderen liebte – kein Geheimnis daraus, daß sie tatsächlich schwanger war, was sie ihm ja schon in T. mitgeteilt hatte. Sie versprach ihm sogar, um ihn zu trösten, daß sie Gelegenheit finden werde, ihm das Kind zu zeigen; jetzt seien es Pflichten, die sie verbänden, schrieb sie, und ihre Freundschaft sei nun durch unzerreißbare Bande gesichert. Kurz, es war wenig Logik in dem Brief. Der Sinn war schließlich der, daß er sie mit seiner Liebe verschonen solle. Dann aber erlaubte sie ihm wieder, sie nach einem Jahr einmal in T. zu besuchen, wenn er den Wunsch haben sollte, das Kind zu sehen. Gott weiß, weshalb sie sich bedacht und nicht diesen, sondern jenen anderen Brief abgesandt haben mochte!?
Weltschaninoff war bleich, während er las. Er stellte sich Pawel Pawlowitsch vor, wie er diesen Brief gefunden und zum erstenmal gelesen hatte! – über der geöffneten Schatulle aus Ebenholz, mit der kunstvollen Einlegearbeit in Perlmutter und Silber ...
„Auch er muß bleich geworden sein, wie ein Toter,“ dachte Weltschaninoff, als er sein Gesicht zufällig im Spiegel sah, „er hat nachher wohl die Augen geschlossen und sie plötzlich wieder geöffnet, in der Hoffnung, daß der Brief sich in gewöhnliches weißes Papier verwandelt haben werde ... Dreimal wenigstens mag er den Versuch wiederholt haben! ...“
XVII. Der ewige Gatte.
Fast ganze zwei Jahre waren seit den von uns geschilderten Ereignissen vergangen. Es war ein wundervoller Sommertag, als Herr Weltschaninoff auf einer unserer neueröffneten Eisenbahnstrecken nach Odessa fuhr. Dort wollte er einen ehemaligen Freund besuchen, und zwar nicht nur, um eine kleine Abwechslung zu haben, sondern gleichzeitig noch aus einem anderen, gleichfalls sehr angenehmen Grunde: durch diesen Freund hoffte er nämlich die Bekanntschaft einer äußerst interessanten Dame zu machen, die näher kennenzulernen schon lange sein Wunsch gewesen war. Ohne auf Einzelheiten einzugehen sei hier nur bemerkt, daß er sich in diesen letzten zwei Jahren stark verändert, oder richtiger, verbessert hatte. Von seiner einstigen Hypochondrie war keine Spur mehr zu bemerken, und von den verschiedenen „Erinnerungen“ und Aufregungen, die ihn vor zwei Jahren in Petersburg heimgesucht hatten – damals, als er infolge der ungünstigen Wendung seines Rechtsstreits ganz nervös geworden war – von all diesen Unannehmlichkeiten war ihm nichts weiter verblieben, als die Empfindung einer gewissen Scham, wenn er seines damaligen „Kleinmuts“ gedachte. Doch auch diese Empfindung wurde zum Teil wieder aufgehoben durch die Überzeugung, daß sich „so etwas“ nie mehr wiederholen werde, und daß von dem „einen Fall“ ja niemand etwas erfahren konnte. Allerdings hatte er sich damals aus dem Gesellschaftsleben ganz zurückgezogen, hatte sogar sein Äußeres vernachlässigt, und war allen aus dem Wege gegangen – was natürlich von allen erst recht bemerkt worden war. Doch hatte er sich so bald mit seinem alten Selbstvertrauen überall wieder eingefunden, daß ihm „alle“ seinen kurzen Abfall gern verziehen; und selbst diejenigen, die er bereits zu grüßen aufgehört hatte und von denen er schon beinahe vollständig übersehen worden war, grüßten ihn jetzt zuerst und streckten ihm die Hand entgegen, und zwar ohne alle langweiligen Fragen – ganz als sei er während der Zeit irgendwo fern von Petersburg in Privatangelegenheiten, die niemand angingen, verreist gewesen und erst jetzt wieder zurückgekehrt. Die Ursache dieser günstigen Veränderungen war natürlich sein gewonnener Prozeß. Weltschaninoff hatte im ganzen sechzigtausend Rubel erhalten, fraglos nur eine Kleinigkeit, die aber für ihn im Augenblick doch sehr wertvoll war: vor allem fühlte er jetzt wieder festen Boden unter den Füßen, und das gab ihm dann einen ganz anderen moralischen Halt. Außerdem wußte er nun mit aller Bestimmtheit, daß er dieses letzte Vermögen nicht mehr „wie ein Esel“ verschleudern werde, wie er die ersten beiden verschleudert hatte, daß er vielmehr jetzt bis an sein Lebensende sichergestellt war. „Mag ihr ganzes Gesellschaftsgebäude krachen und mögen sie da reden und schreiben was sie wollen,“ dachte er bisweilen, wenn er all das Wunderliche und Unglaubliche sah und hörte, das rings um ihn und in ganz Rußland zu sehen und zu hören war, „und mögen sich auch alle Menschen und ihre Ansichten verändern, ich werde doch immer dieses feine und schmackhafte Mittagessen haben, zu dem ich mich jetzt an den Tisch gesetzt, folglich aber brauche ich mir um die Zukunft keine Sorgen zu machen, gleichviel, was da kommen wird.“ Dieser Gedanke, zärtlich, wie er ihn hegte, ging ihm allmählich fast in Fleisch und Blut über und verursachte in ihm nicht nur eine moralische, sondern fast sogar auch eine rein physische Umwandlung: er sah ganz anders aus, war gar nicht mehr zu vergleichen mit jenem Hypochonder, der er vor zwei Jahren gewesen und dem bereits so „unanständige“ Widerwärtigkeiten hatten begegnen können. Er war vielmehr heiter und selbstbewußt und imponierte durch seine Überlegenheit. Selbst die bösartigen kleinen Runzeln, die sich bereits um die Augen und auf der Stirn einzunisten begonnen hatten, waren jetzt so gut wie ganz verschwunden, und sogar seine Gesichtsfarbe sah jünger und frischer aus. Zur Stunde saß er sehr bequem in einem Coupé erster Klasse und hatte nichts dagegen einzuwenden, daß in seinem Gehirn ein plötzlich entstandener Gedanke sich immer breiter machte, zumal dieser nicht ohne Reiz war. Auf der nächsten Station bog nämlich eine Zweigbahn nach rechts ab: wenn er nun, so dachte er, die Hauptlinie verlassen und sich auf kurze Zeit nach rechts begeben würde, dann brauchte er nur die Strecke von zwei Stationen zurückzulegen, um von dort aus eine bekannte Dame besuchen zu können, die gerade jetzt aus dem Auslande zurückgekehrt war und sich zurzeit in einer ihm sehr angenehmen, doch sie gewiß sehr langweilenden Provinzeinsamkeit aufhielt: es bot sich ihm also die beste Gelegenheit, daselbst einige Zeit nicht weniger interessant zu verbringen, als in Odessa – und was ihn dort erwartete, lief jedenfalls auch nicht fort. Er war aber doch noch unentschlossen und wußte nicht, wozu er sich nun endgültig entscheiden sollte. Er wartete auf einen „Schicksalswink“ oder etwas Ähnliches. Inzwischen hatte der Zug die betreffende Station erreicht, und der „Schicksalswink“ blieb auch nicht aus.
Der Zug hatte hier nämlich vierzig Minuten Aufenthalt und die Passagiere konnten sich ein Mittagessen bestellen. Am Eingang zum Wartesaale erster und zweiter Klasse drängte sich wie gewöhnlich eine Menge Ungeduldiger, die es eilig hatten, und bei der Gelegenheit kam es – vielleicht gleichfalls „wie gewöhnlich“ – zu einem Skandal. Eine Dame, die aus einem Coupé zweiter Klasse ausgestiegen war und die ein sehr hübsches Gesichtchen hatte – nur war sie für eine Reisende viel zu auffallend gekleidet – schleppte fast mit Gewalt einen noch sehr jungen und hübschen Ulanenoffizier, der sich immer wieder von ihr losreißen wollte, zum Wartesaal. Der junge Offizier war stark betrunken, und die Dame – offenbar eine ältere Verwandte – mochte ihn nur deshalb bei sich behalten wollen, weil sie wohl befürchtete, daß er sonst das Büfett aufsuchen und weitertrinken würde. In der Tür, wo das Gedränge am größten war, stieß der Ulan recht unsanft mit einem Kaufmann zusammen, der gleichfalls einen Rausch hatte. Dieser Kaufmann hielt sich schon den zweiten Tag auf der Station auf, trank, umringt von einem ganzen Anhang, warf das Geld mit vollen Händen fort, und verpaßte immer wieder den Zug, der ihn weiterbringen sollte. Es entstand ein Streit, der Kaufmann schimpfte und der Offizier schrie ihn an, die Dame aber zerrte ihren Schützling ganz verzweifelt fort und suchte ihn zu beschwören, indem sie immer nur flehentlich „Mitinka! Mitinka!“ rief. Das erschien dem braven Kaufmann doch zu skandalös; alles lachte natürlich, er aber fühlte sich durch die, wie ihm schien, so offen verletzte „Moral“ tief gekränkt.
„Seht doch: ‚Mi–tin–ka‘!“ äffte er die hohe Stimme der Dame im Fisteltone nach, „selbst in der Öffentlichkeit schämen sie sich nicht mehr!“
Und er näherte sich schwankend der Dame, die auf den ersten besten Stuhl niedergesunken war und den Ulan neben sich hingesetzt hatte, betrachtete beide verächtlich und schimpfte gedehnt:
„’Ne Schlumpe bist du, ’ne Schlumpe, sieh, wie dein Kleiderschwanz aussieht!“
Die Dame schrie auf und sah sich hilfesuchend nach einem Verteidiger um. Sie schämte sich und fürchtete sich – und zur Vollendung des Jammers sprang noch der Ulan auf und wollte sich brüllend auf den Kaufmann stürzen, stolperte aber über die eigenen Beine, schwankte und fiel auf seinen Platz zurück. Das Gelächter wurde noch lauter, und niemand dachte daran, der bedrängten Dame zu Hilfe zu kommen. Da griff Weltschaninoff als Retter ein: er packte plötzlich den Kaufmann am Kragen, drehte ihn von der Dame fort und stieß ihn so, daß er fünf Schritte weit flog. Damit aber war der Skandal zu Ende. Der Kaufmann war ganz verblüfft, sowohl durch den Stoß wie durch die imponierende Erscheinung Weltschaninoffs, und ließ sich von der Schar seiner Freunde widerspruchslos fortführen. Das Auftreten des elegant gekleideten Herrn flößte auch den Spöttern Achtung ein: das Lachen verstummte. Die Dame begann sogleich, errötend und fast unter Tränen, ihn ihrer Dankbarkeit zu versichern. Der Ulan stotterte: „Da–anke, da–anke!“ und wollte Weltschaninoff bereits die Hand reichen, besann sich jedoch eines Besseren und streckte sich auf den Stühlen aus.
„Aber Mitinka!“ rief die Dame vorwurfsvoll und schlug die Hände zusammen.
Weltschaninoff begann der Vorfall zu amüsieren und die Dame interessierte ihn. Allem Anscheine nach war sie eine reiche Kleinstädterin, die sich für die Reise viel zu auffallend und leider auch geschmacklos gekleidet hatte. Jedenfalls waren ihre Manieren ein wenig lächerlich. Mit einem Wort, sie schien alle die Eigenschaften zu besitzen, die einem großstädtischen Gecken jeden Erfolg garantieren. Es begann eine Unterhaltung: die Dame erzählte sehr viel und beklagte sich über ihren Gatten, der plötzlich aus dem Coupé irgendwohin verschwunden sei. Nur deshalb sei alles passiert: immer verschwände er gerade dann, wenn man ihn nötig habe.
„Irgendwohin ...“ brummte der Ulan.
„Ach, Mitinka!“ rief sie wieder vorwurfsvoll und rang die Hände vor Ratlosigkeit.
„Na, dem Gatten wird’s schlimm gehen!“ dachte Weltschaninoff.
„Ich werde versuchen, ihn ausfindig zu machen. Darf ich fragen, wie Ihr Herr Gemahl heißt?“
„Pal Palytsch,“ versetzte der Ulan.
„Ihr Gemahl heißt Pawel Pawlowitsch?“ fragte Weltschaninoff interessiert, als plötzlich ein ihm wohlbekannter kahler Kopf zwischen ihm und der Dame auftauchte. Einen Moment sah er wieder den Sachlebininschen Garten, die kindlich frohe Mädchenschar vor sich, und dann diesen lästigen kahlen Kopf, der ewig zwischen ihm und Nadjä aufgetaucht war.
„Da sind Sie endlich!“ empfing die Dame ganz empört ihren Gatten.
Es war tatsächlich derselbe Pawel Pawlowitsch, der jetzt vor ihm stand und ihn anstarrte, als sehe er ein Gespenst. Sein Schrecken war so groß, daß er augenscheinlich nichts davon verstand, was seine gekränkte Gattin erregt und empört vorbrachte, ja, vielleicht hörte er sie nicht einmal reden. Endlich fuhr er erschrocken zusammen und erfaßte offenbar im Augenblick die ganze Sachlage: seine Schuld und Mitinkas Schuld und schließlich, daß dieser „Mßjö“ – so hatte die Dame Weltschaninoff bezeichnet – als „Schutzengel und Retter“ seiner Gattin beigestanden hatte, während er, der Sündenbock, ewig nicht zur Stelle war, wenn er zur Stelle sein sollte ...
Weltschaninoff lachte auf – köstlich amüsiert.
„Aber wir sind ja doch Freunde, sogar ‚Jugendfreunde‘!“ unterbrach er lachend den Redefluß der Dame, und faßte Pawel Pawlowitsch, gleichsam ein wenig familiär protegierend, mit seinem rechten Arm um die Schultern, während dieser mit bleichen Lippen lächelte. „Hat er Ihnen nie etwas von Weltschaninoff erzählt?“
„Nein, niemals ...“ sagte die Dame etwas verwundert.
„Aber so stellen Sie mich doch Ihrer Frau Gemahlin vor, Sie ungetreuer Freund!“
„Das ist ... wirklich, Lipotschka, das ist Herr Weltschaninoff, ja ...“ begann Pawel Pawlowitsch, blieb beschämenderweise stecken, und wußte nicht, was er sagen oder tun sollte.
Die Gemahlin wurde feuerrot vor Zorn, da er sie mit „Lipotschka“ anzureden gewagt hatte: der Blick, der den armen Gatten traf, war gewiß nicht zärtlich.
„Und denken Sie sich, nicht einmal seine Verlobungsanzeige hat er mir geschickt, und auch zur Hochzeit hat er mich nicht eingeladen, doch Sie, Olympiada ...“
„Ssemjonowna,“ half ihm Pawel Pawlowitsch.
„Ssemjonowna!“ wiederholte plötzlich wie ein Echo der Ulan, der bereits eingeschlummert zu sein schien.
„Sie müssen es ihm schon verzeihen, Olympiada Ssemjonowna, um dieses freundschaftlichen Wiedersehens willen ... Er ist – ein guter Gatte!“
Und Weltschaninoff klopfte bei diesen Worten Pawel Pawlowitsch freundschaftlich auf die Schulter.
„Herzchen, ich war nur ... nur einen Augenblick ... etwas ... etwas zurückgeblieben,“ begann Pawel Pawlowitsch sich zu rechtfertigen.
„Und haben Ihre Frau einer schändlichen Szene preisgegeben!“ fiel ihm Lipotschka sogleich ins Wort, „wo es nötig ist – da sind Sie nicht da, wo es nicht nötig ist – da sind Sie da ...“
„Wo’s nicht nötig ist – da, wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ wiederholte der Ulan.
Lipotschka war fast atemlos vor Ärger und Aufregung, sie wußte es ja selbst, daß es nicht gut war, sich in Weltschaninoffs Gegenwart gehen zu lassen, und sie schämte sich deshalb auch, doch konnte sie sich nicht mehr beherrschen.
„Wo es nicht nötig ist, sind Sie nur zu vorsichtig, nur zu vorsichtig!“ entfuhr es ihr unwillkürlich.
„Unterm Bett ... sucht er Liebhaber ... unterm Bett – wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ rief plötzlich auch Mitinka ganz aufgebracht.
Doch mit Mitinka war nichts mehr anzufangen. Übrigens verlief die Sache noch ganz gut. Olympiada Ssemjonowna schickte Pawel Pawlowitsch zum Buffet, damit er ihnen Kaffee und Bouillon besorge, und erzählte dann Weltschaninoff, daß sie aus O. kämen, wo ihr Gatte angestellt sei, und nun zwei Monate auf ihrem Landgute zubringen wollten; das Gut sei von dieser Station nur noch vierzig Werst entfernt und dort hätten sie ein schönes Haus und einen schönen Garten, und es käme auch Besuch hin, und sie hätten auch nette Nachbarn, und wenn er, Alexei Iwanowitsch, ihnen die Freude machen wollte, sie dort in ihrer „Einsamkeit“ zu besuchen, so werde sie ihn wie ihren „Schutzengel und Retter“ empfangen, denn sie könne noch nicht ohne Entsetzen daran denken, was geschehen wäre, wenn nicht er ... usw. usw., mit einem Wort, sie werde ihn aufnehmen wie ihren „Schutzengel“ ...
„Und Retter, und Retter,“ fügte der Ulan eifrig hinzu.
Weltschaninoff dankte höflich und erwiderte, daß er jederzeit gern dazu bereit sein würde, da ihn als den unbeschäftigten Menschen, der er war, nichts binde, und daß ihre Aufforderung ihm sehr schmeichelhaft sei. Darauf begann er eine amüsante Unterhaltung, in der er ihr geschickt zwei oder drei Komplimente sagte. Lipotschka errötete vor Vergnügen, und als Pawel Pawlowitsch zurückkehrte, teilte sie ihm sogleich freudestrahlend mit, daß Alexei Iwanowitsch so liebenswürdig gewesen sei, ihre Aufforderung, sie auf dem Landgute zu besuchen, und einen Monat bei ihnen zu verbringen, anzunehmen und daß er versprochen habe, in einer Woche einzutreffen. Pawel Pawlowitsch lächelte zerstreut und schwieg, weshalb Olympiada Ssemjonowna mit einem Achselzucken zur Decke emporsah, ganz konsterniert über die Unhöflichkeit des Gatten, der kein Wort zu sagen verstand. Endlich trennte man sich: es war nochmals von Dankbarkeit die Rede, wieder fiel das Wort „Schutzengel“ und vor dem „Retter“ wieder in vorwurfsvollem Tone ein „Aber Mitinka“, bis schließlich Pawel Pawlowitsch seine Gattin und den Ulan zum Coupé geleitete. Weltschaninoff zündete sich eine Zigarette an und promenierte auf dem Bahnsteig: er wußte, daß Pawel Pawlowitsch sogleich zu ihm zurückkehren werde, um mit ihm noch bis zum Glockenzeichen zu sprechen. Und so geschah es auch. Pawel Pawlowitsch tauchte alsbald wieder auf, blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einer angstvollen Frage im Blick und gewissermaßen in der ganzen Haltung an. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen, faßte ihn „freundschaftlich“ am Ellenbogen und zog ihn zur nächsten Bank, auf der er sich niederließ und den anderen auch Platz zu nehmen bat. Dann schwieg er, um Pawel Pawlowitsch zu veranlassen, das erste Wort zu sagen.
„Also – werden Sie zu uns kommen?“ begann dieser endlich, indem er ganz offen auf seine Besorgnis zu sprechen kam.
„Wußte ich es doch! Nein, Sie sind noch ganz der alte!“ rief Weltschaninoff lachend. „So sagen Sie mir doch,“ wandte er sich an ihn, indem er ihn wieder auf die Schulter schlug, „haben Sie denn wirklich auch nur einen Augenblick im Ernst glauben können, daß ich wirklich zu Ihnen zu Gast kommen könnte, und das noch dazu auf einen ganzen Monat – hahaha!“
Pawel Pawlowitsch fuhr lebhaft auf.
„So werden Sie – nicht kommen?“ fragte er, ohne seine Freude zu verbergen.
„Nein, beruhigen Sie sich, ich komme nicht!“ lachte Weltschaninoff selbstzufrieden.
Übrigens begriff er nicht, weshalb er lachte, doch je länger sie beisammen waren, um so lachhafter erschien ihm alles.
„Wirklich ... sprechen Sie wirklich im Ernst?“ – Pawel Pawlowitsch sprang von der Bank auf und zitterte ordentlich vor Spannung.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich nicht kommen werde, – Sie sind ein sonderbarer Mensch.“
„Aber was soll ich denn ... wenn es so ist ... was soll ich denn Olympiada Ssemjonowna sagen, wenn Sie nicht kommen und sie Sie vergeblich erwartet?“
„Mein Gott, da ist doch keine Schwierigkeit! Sagen Sie, ich hätte ein Bein gebrochen oder etwas Ähnliches.“
„Sie wird es nicht glauben,“ meinte Pawel Pawlowitsch kleinlaut.
„Nun, dann werden Sie büßen müssen?“ lachte Weltschaninoff immer noch. „Aber wie ich sehe, mein armer Freund, haben Sie ja vor Ihrer schönen Frau Gemahlin förmlich Angst, wie?“
Pawel Pawlowitsch versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Daß Weltschaninoff den Besuch ablehnte, das war natürlich gut, doch daß er sich in bezug auf seine Frau so ungeniert ausdrückte, das war natürlich nicht mehr gut. Er fühlte sich etwas gekränkt, was Weltschaninoff nicht entging. Da ertönte das zweite Glockenzeichen, und gleich darauf hörte man aus einem fernen Abteil eine hohe Damenstimme ängstlich Pawel Pawlowitsch rufen. Dieser wurde unruhig, folgte aber doch nicht dem Ruf, da er offenbar noch etwas von Weltschaninoff erwartete – natürlich nur die endgültige Versicherung, daß er sie bestimmt nicht besuchen werde.
„Was für eine Geborene ist Ihre Frau Gemahlin?“ erkundigte sich Weltschaninoff, als bemerke er die Aufregung des anderen gar nicht.
„Sie ist die Tochter unseres Propstes,“ antwortete Pawel Pawlowitsch, der ängstlich nach dem Coupé hinsah und zu horchen schien.
„Ah, verstehe, also nur um der Schönheit willen.“
Diese Bemerkung schien Pawel Pawlowitsch wieder nicht recht zu sein.
„Und wer ist denn dieser Mitinka?“
„Der ist nur so – ein entfernter Verwandter von uns, das heißt, von mir, der Sohn meiner verstorbenen Kusine, Golubtschikoff. Wegen Kassengeschichten ist er degradiert worden, jetzt aber wieder avanciert – wir haben ihm wieder aufgeholfen ... Ein armer, junger Mann ...“
„Na ja, also alles in Ordnung: komplette Einrichtung!“ dachte Weltschaninoff.
„Pawel Pawlowitsch!“ ertönte in diesem Augenblick von neuem der Ruf aus dem Coupé, und zwar bereits recht ärgerlich.
„Pal Palytsch!“ wiederholte eine andere, heisere Stimme.
Pawel Pawlowitsch wurde wieder unruhig und wußte nicht, wo er sich lassen sollte, doch plötzlich faßte ihn Weltschaninoff am Ellenbogen und hielt ihn fest.
„Oder wollen Sie – daß ich sogleich hingehe und Ihrer Frau erzähle, wie Sie mich ermorden wollten?“
„Was fällt Ihnen ein, was ...“ Pawel Pawlowitsch starrte ihn ganz entsetzt an, „um Gottes willen!“
„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ hörte man wieder rufen.
„Na, dann gehen Sie nur!“ Weltschaninoff gab mit gutmütigem Lachen seinen Arm frei.
„So werden Sie wirklich nicht kommen?“ flüsterte Pawel Pawlowitsch fast verzweifelt, und er faltete dazu die Hände wie im Gebet.
„Aber ich schwöre Ihnen doch, daß ich nicht kommen werde! Eilen Sie nur, sonst kann’s schlimm werden!“
Und er streckte ihm zum Abschied herzlich und offen die Hand entgegen – und – zuckte gleichzeitig zusammen: Pawel Pawlowitsch nahm sie nicht, ja er zog seine Hand sogar zurück.
Das dritte Glockenzeichen ertönte.
In beiden ging plötzlich etwas Seltsames vor sich: es war, als habe ein Augenblick sie verwandelt. Weltschaninoff, der noch vor einer Minute gelacht hatte, war sehr ernst. Es war ihm, als sei in ihm plötzlich etwas zerrissen. Wütend faßte er Pawel Pawlowitsch wie mit eiserner Hand an der Schulter.
„Wenn ich, ich Ihnen hier diese Hand hinreiche,“ und er hielt ihm seine Hand hin, über die sich quer eine breite Narbe hinzog, „so könnten Sie sie wohl nehmen!“ sagte er heiser mit zitternden, bleichen Lippen.
Pawel Pawlowitsch war gleichfalls erbleicht und auch seine Lippen begannen zu zittern. In seinem Gesicht zuckte es eigentümlich.
„Aber Lisa?“ stieß er plötzlich kurz flüsternd hervor und seine Lippen zuckten und die Wangen und das Kinn begannen zu zittern, und plötzlich stürzten ihm Tränen aus den Augen.
Weltschaninoff stand vor ihm und rührte sich nicht.
„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ wurde aus dem Coupé geschrien, als werde dort jemand ermordet, – ein Pfiff von der Lokomotive, ein Stoßen ...
Pawel Pawlowitsch kam plötzlich zu sich, als wache er auf, sah sich erschrocken um und eilte dann Hals über Kopf zu seinem Coupé; der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, doch es gelang ihm noch, im letzten Augenblick auf das Trittbrett zu springen und sich festzuhalten. Weltschaninoff blieb auf der Station zurück und fuhr erst mit dem Abendzuge auf derselben Strecke weiter. Die Fahrt nach rechts, zu seiner Bekannten, unterließ er – er war gar zu wenig in der Stimmung dazu. Nachher hat er’s dann freilich doch sehr bereut!