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Sämtliche Werke 21

Der ewige Gatte (continued 2)

E. K. Rahsin translation

„Erinnern Sie sich denn nicht mehr?“

„Wie denn nicht! – gewiß erinnere ich mich ...“

„Sehen Sie, Pawel Pawlowitsch, dasselbe habe auch ich gedacht und mir somit alles erklärt,“ sagte Weltschaninoff versöhnlich. „Außerdem war ich gestern selbst etwas gereizt und ... folglich etwas gar zu ungeduldig, was ich gern eingestehe. Ich fühle mich bisweilen nicht ganz wohl und Ihr überraschender Besuch gestern nacht ...“

„Ja, in der Nacht, in der Nacht!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit mißbilligendem Kopfschütteln, als wundere er sich selbst über das, was er fertiggebracht hatte. „Was mich wohl getrieben haben mag! Aber ich wäre ja auf keinen Fall bei Ihnen eingetreten, wenn Sie nicht selbst die Tür aufgemacht hätten! Ich wäre so von der Tür wieder fortgegangen. Ich war doch schon vor etwa einer Woche mal bei Ihnen, traf Sie aber nicht zu Hause an, – deshalb wäre ich vielleicht nie wieder hingegangen. Immerhin habe auch ich meinen Stolz, Alexei Iwanowitsch, wenn ich auch selbst ... meinen Zustand eingestehe. Wir sind uns sogar auf der Straße begegnet, nur habe ich dann immer gedacht: ‚Aber wie, wenn er dich nun nicht erkennt, wenn er dir den Rücken kehrt, neun Jahre sind kein Spaß‘ – und so konnte ich mich nicht entschließen, mich Ihnen zu nähern. Gestern aber kam ich von der Petersburger Seite, schleppte mich ganz müde zurück, und da hatte ich denn sogar Zeit und Stunde vergessen. Das kommt alles davon“ – er wies auf die Flasche – „und von den Gefühlen. Dumm, wie gesagt! Sehr sogar! Und wären Sie nicht dieser Mensch, der Sie sind – sind Sie doch jetzt zu mir gekommen, und noch dazu nach meinem Besuch, also nur des Früheren gedenkend – so hätte ich doch jede Hoffnung verloren, die Bekanntschaft erneuern zu können!“

Weltschaninoff hörte ihm aufmerksam zu. Dieser Mensch schien wirklich aufrichtig und sogar mit einer gewissen Selbstachtung zu sprechen; indessen – er glaubte ihm doch nichts, und zwar schon von dem Augenblick an nichts, in dem er bei ihm eingetreten war.

„Sagen Sie, Pawel Pawlowitsch, Sie ... sind hier, wie ich sehe, nicht allein? Wessen Kind ist die Kleine, die ich bei Ihnen antraf?“

Pawel Pawlowitsch schien höchst erstaunt zu sein und zog die Brauen in die Hohe, sein Blick jedoch lag hell und freundlich auf Weltschaninoff.

„Wie, wessen Kind? Das ist doch Lisa!“ sagte er mit einem guten Lächeln.

„Welch eine Lisa?“ fragte halblaut Weltschaninoff, und plötzlich zuckte irgend etwas in ihm auf. Die Empfindung kam gar zu plötzlich: als er vorhin eingetreten war und Lisa erblickte, da hatte er sich ein wenig gewundert, aber doch keine Spur von einem Vorgefühl empfunden, kein einziger besonderer Gedanke war ihm dabei gekommen.

„Aber doch unsere Lisa, unsere Tochter Lisa!“ erklärte lächelnd Pawel Pawlowitsch.

„Ihre Tochter? Ja haben Sie denn mit Natalja ... mit der verstorbenen Natalja Wassiljewna Kinder gehabt?“ fragte Weltschaninoff ungläubig und schüchtern, und ganz leise mit einer so seltsamen Stimme, daß diese allein hätte auffallen müssen.

„Ja aber wie denn! Ach, mein Gott, es ist ja wahr, woher hätten Sie es auch wissen sollen? Was fällt mir denn ein? Das war ja nach Ihnen, nach Ihnen erst wurde sie uns von Gott geschenkt!“

Und Pawel Pawlowitsch sprang sogar in einer gewissen Erregung, die jedoch nicht die einer unangenehmen Berührung zu sein schien, von seinem Stuhle auf.

„Ich habe davon nichts gehört,“ sagte Weltschaninoff und erbleichte.

„In der Tat, freilich! ... gewiß! – von wem hätten Sie es denn auch hören sollen!“ Pawel Pawlowitsch sprach mit einer geradezu gerührt liebevollen Stimme. „Wir hatten ja doch, die Verstorbene und ich, alle Hoffnung bereits aufgegeben – Sie erinnern sich wohl selbst noch dessen – und da plötzlich segnete uns der Herr! – und wenn ich nur denke, was mir das war – das weiß nur Gott der Herr allein! Genau ein Jahr, glaube ich, nach einem Jahr, nein, viel früher, warten Sie mal. Sie verließen uns damals, wenn ich nicht irre, doch erst im Oktober oder erst im November, nicht?“

„Ich verließ T. Anfang September, am zwölften September, ich weiß es genau ...“

„Wirklich, im September? Hm! ... was fällt mir denn ein?“ wunderte sich Pawel Pawlowitsch nicht wenig. „Nun, denn, wenn es so ist – erlauben Sie mal, Lisa aber wurde am achten Mai geboren, das sind also – September, Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März, April – also nach acht Monaten und ein paar Tagen. Stimmt! Und wenn Sie nur gesehen hätten, wie die Verstorbene ...“

„Zeigen Sie mir ... rufen Sie sie einmal her ...“ brachte Weltschaninoff mit einer eigentümlich stockenden Stimme hervor.

„Unbedingt, das muß ich doch!“ Und Pawel Pawlowitsch vollendete nicht einmal den begonnenen Satz, ganz, als habe er eigentlich gar nichts sagen wollen, und wandte sich rasch zur Tür. „Sofort, sofort werde ich sie Ihnen vorführen!“

Und er begab sich eilig ins Nebenzimmer zu Lisa.

Es vergingen vielleicht ganze drei oder vier Minuten: im kleinen Stübchen nebenan wurde leise und schnell geflüstert, dazwischen hörte man kaum, kaum einige Laute einer Kinderstimme. „Sie will nicht kommen,“ dachte Weltschaninoff. Doch endlich erschienen sie beide.

„Hier, das ist sie, aber immer noch hat sie Angst vor Fremden!“ sagte Pawel Pawlowitsch. „So verschämt ist sie, und dabei stolz ... und der Verstorbenen wie aus dem Gesicht geschnitten!“

Lisas Tränen waren versiegt, doch trat sie mit niedergeschlagenen Augen ins Zimmer. Der Vater führte sie an der Hand. Es war ein zartes und sehr hübsches, für ihr Alter nicht kleines Mädchen. Allmählich löste sich ihr Blick vom Boden und plötzlich schlug sie die Augen schnell zu ihm auf – große blaue Augen – sah ihn mit ernster Neugier an und blickte dann sogleich wieder zu Boden. In ihrem Blick lag jene kindliche Würde, die man an allen Kindern beobachten kann, wenn sie mit einem Gast allein bleiben, sich in einen Winkel zurückziehen und von dort aus ernst und würdevoll und mit einem gewissen Mißtrauen den noch nie gesehenen fremden Menschen betrachten. Vielleicht aber lag – so schien es Weltschaninoff – noch ein anderer, nicht mehr kindlicher Gedanke in diesem Blick. Der Vater führte sie dicht an ihn heran.

„Sieh, dieser Onkel da hat Mama früher gekannt, er war unser Freund, fürchte dich nicht vor ihm, gib ihm mal die Hand.“

Das kleine Mädchen verneigte sich leicht und reichte ihm schüchtern das Händchen.

„Natalja Wassiljewna wollte es ihr nicht beibringen, einen Knix zu machen, sondern so ... ihr gefiel diese englische Manier mehr – nur eine leichte Verbeugung – und die Hand gereicht,“ sagte Pawel Pawlowitsch zur Erklärung, während er ihn lauernd beobachtete.

Weltschaninoff wußte es, daß er ihn beobachtete, dachte aber gar nicht mehr daran, seine Erregung zu verbergen. Er saß schweigend und hielt immer noch Lisas Händchen in seiner Hand und verwandte keinen Blick von dem Kinde. Doch Lisa schien von etwas anderem ganz in Anspruch genommen zu sein; sie vergaß ihre Hand in der des Fremden und wandte keinen Blick vom Vater ab. Angstvoll horchte sie auf das, was er sprach. Weltschaninoff erkannte sofort diese großen blauen Augen, doch am meisten überzeugten ihn ihr erstaunlich zarter, wundervoller Teint und das ganz besondere Blond ihres Haares: diese Anzeichen waren für ihn von entscheidender Bedeutung. Das Oval des Gesichtchens dagegen und der Schnitt der Lippen erinnerten stark an Natalja Wassiljewna. Pawel Pawlowitsch sprach inzwischen immer weiter und schien sich in Rührung und Begeisterung hineinzureden, doch Weltschaninoff hatte kein Wort gehört – nur die letzten Sätze fing er noch auf:

„... so daß Sie sich unsere Freude über dieses Geschenk Gottes gar nicht werden vorstellen können!“ hörte er ihn gerade noch sagen. „Für mich war sie alles, der Inbegriff meines ganzen Lebens! Und ich habe oft bei mir gedacht, daß mir, wenn ich nach Gottes Ratschluß einmal mein stilles Glück verlieren sollte, dann – dann doch immer noch Lisa bliebe! – das wenigstens wußte ich mit aller Bestimmtheit!“

„Und Natalja Wassiljewna?“ fragte Weltschaninoff.

„Natalja Wassiljewna?“ Pawel Pawlowitschs Gesicht verzog sich eigentümlich. „Sie wissen doch, sie sprach nicht gern von Gefühlen, dafür aber, als sie auf dem Sterbebett von ihr Abschied nahm ... da kam dann alles zum Ausdruck! Freilich: auf dem Sterbebett! Wenn ich das sage, dann müssen Sie es nicht falsch auffassen! Sie war doch so, daß sie zum Beispiel noch am Tage vor dem Tode plötzlich behauptete – dabei ganz empört und aufgeregt, sie war gar nicht mehr zu beruhigen! – daß man sie mit all diesen Medikamenten nur vergiften wolle: sie habe nur eine ganz gewöhnliche Influenza, sagte sie, unsere beiden Ärzte verstünden nur von nichts etwas, wenn aber erst Koch wieder zurückkehren werde – Sie erinnern sich seiner wohl noch, unser alter Hausarzt, so ’n kleines Kerlchen! – dann werde sie in zwei Wochen gesund sein. Und noch fünf Stunden vor dem Tode sagte sie, daß sie nach drei Wochen unbedingt zum Namenstag der Tante, die auf ihrem Gut lebt, hinfahren wolle – es war Lisas Taufmutter ...“

Weltschaninoff erhob sich plötzlich vom Stuhl, doch ohne die Hand Lisas freizugeben. Er glaubte unter anderem, in dem unverwandt am Vater hängenden Blick der Kleinen einen Vorwurf zu lesen.

„Ist sie nicht krank?“ fragte er eigentümlich, ganz plötzlich und überstürzt.

„Es scheint, nicht ... aber ... die Verhältnisse haben sich hier so gefügt ...“ meinte Pawel Pawlowitsch in trüber Besorgnis, „und das Kind ist ein so eigenes Geschöpf, nervös, ängstlich, nach dem Tode der Mutter war sie in der Tat zwei Wochen krank. Sie haben ja selbst gehört, wie sie vorhin weinte, als Sie kamen – hörst du, Lisa, hörst du, jetzt erzähle ich es dem Onkel! – Und weshalb, was glauben Sie wohl? Alles nur deshalb, weil ich fortgehe und sie allein lasse, und sie folglich, wie sie sagt, nicht mehr so lieb habe wie zu Lebzeiten der Mama – sehen Sie, das ist es, was sie mir vorwirft. Ich begreife nicht, wie ihr solch ein Einfall in den Kopf kommen kann – einem Kinde, das nur an Spielsachen denken sollte! Aber das ist es eben, sie hat hier keinen, mit dem sie spielen könnte.“

„Ja, aber wie ... sind Sie denn hier ganz allein mit ihr?“

„Ganz allein; nur das Stubenmädchen kommt einmal am Tage, um aufzuräumen.“

„Und wenn Sie fortgehen, dann ist niemand bei ihr?“

„Ja, natürlich nicht, wie denn sonst? Als ich gestern fortging, schloß ich sie ein, dort im Stübchen, und deshalb gab es dann heute die Tränen. Aber, nicht wahr, was sollte ich denn machen, urteilen Sie doch selbst: vor drei Tagen hatte ich sie nicht eingeschlossen und da war sie ohne mich nach unten auf den Hof gegangen, und dort hat ihr ein Bengel einen Stein an den Kopf geworfen. Oder sonst, wenn ich sie nicht einschließe, fängt sie zu weinen an und läuft auf den Hof und fragt dort alle und jeden, wohin ich gegangen sei. Das geht doch nicht. Aber freilich habe auch ich Vorwürfe verdient: ich will oft bloß auf eine Stunde fortgehen und komme dann erst am nächsten Morgen zurück, wie es sich gerade diesmal wieder traf. Zum Glück hat die Frau, die Marja Ssyssojewna, die Tür endlich aufgemacht – sie hat den Schlosser gerufen. Das ist nun allerdings eine Schande und ich komme mir auch selbst wie ein Scheusal vor! Das kommt eben alles von der – Umnachtung ... Wie gesagt, von der – Umnachtung ...“

„Papa!“ unterbrach ihn plötzlich schüchtern und angstvoll die Kleine.

„Nun, schon wieder! Beginnst du schon wieder damit? Was habe ich dir vorhin gesagt?“

„Ich werd’ nicht, ich werd’ nicht!“ stammelte die Kleine erschrocken und faltete schnell bittend die Händchen vor ihm.

„So kann das hier nicht weitergehen!“ erklärte plötzlich Weltschaninoff gereizt und im Tone eines Machthabers. „Sie sind doch ... Sie sind doch, soviel ich weiß, vermögend! Wie kommen Sie dazu ... erstens, hier in diesem Hinterhause, in einem solchen Winkel zu leben?“

„Hier im Hinterhaus? Aber wir werden doch vielleicht schon nach einer Woche Petersburg wieder verlassen, und Geld haben wir sowieso schon viel verausgabt – dieses ‚vermögend sein‘ will nicht allzuviel besagen ...“

„Genug, schon gut,“ unterbrach ihn Weltschaninoff, dessen Ungeduld mit jeder Minute wuchs, und er machte dabei eine Handbewegung, die ungefähr sagte: „Brauchst keine Worte zu verlieren, ich weiß alles, weiß sogar, mit welchen Hintergedanken du sprichst!“ – Laut sagte er: „Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie sagten, daß Sie eine ganze Woche oder noch länger hier zu bleiben gedenken. Ich kenne hier eine Familie, in der ich wie zu Hause bin – ich kenne sie schon zwanzig Jahre – Poporjelzeff ... heißen sie. Alexandr Petrowitsch Poporjelzeff ist Geheimrat – er kann sich vielleicht noch für Sie verwenden, in Ihrer Angelegenheit. Sie leben jetzt auf ihrer Datsche[8], nicht weit von der Stadt. Sie haben ein sehr schönes Landhaus. Die Dame des Hauses ist wie eine Schwester zu mir, wie eine Mutter. Erlauben Sie, daß ich Lisa sogleich zu ihnen bringe ... ich meine, damit nicht unnötigerweise noch viel Zeit verloren wird. Man wird sie dort mit Freuden aufnehmen, mit offenen Armen, ich versichere Ihnen! Man wird sie mit der größten Liebe behandeln, wie ein eigenes Kind!“

Er wurde nervös vor Ungeduld und verbarg es nicht einmal.

„Das ist doch wohl nicht gut möglich,“ wandte Pawel Pawlowitsch mit einem verkniffenen Schmunzeln ein, wobei er ihm, wie es Weltschaninoff scheinen wollte, listig in die Augen sah.

„Weshalb nicht? Warum soll es nicht möglich sein?“

„Ja wie denn, das Kind so plötzlich fortgeben – übrigens mit einem so aufrichtigen Freunde wie Sie ... doch ich rede nicht von Ihnen! Aber immerhin so in ein fremdes Haus, in eine vornehme Familie, in der man sie, ich weiß noch nicht, wie empfangen wird ...“

„Aber ich sage Ihnen doch, ich bin dort, als gehörte ich gleichfalls zur Familie!“ rief Weltschaninoff fast zornig. „Klawdia Petrowna, die Gemahlin des Geheimrats, wird sich glücklich schätzen, wenn ich sie darum bitte! Wie meine Tochter ... ach, zum Teufel, Sie wissen doch selbst, daß Sie nur so reden, um zu schwatzen ... da braucht man doch wahrhaftig keine Worte darüber zu verlieren!“

Und er stampfte vor Ärger mit dem Fuß auf.

„Ich meine ja nur, wird es vielleicht nicht doch etwas zu sonderbar erscheinen? Jedenfalls müßte ich dann ein- oder zweimal hinfahren, denn so ganz ohne Vater, wie sieht denn das aus? Hehe ... und noch dazu in ein so vornehmes Haus!“

„Es ist ein ganz gewöhnliches Haus, von Zeremonien keine Spur!“ versicherte Weltschaninoff. „Ich sage Ihnen doch: acht Kinder! Sie wird dort aufleben, nur deshalb ... Was aber Ihre Person betrifft, so kann ich Sie noch morgen am Tage dort einführen, wenn Sie wollen. Ja, das muß sogar unbedingt geschehen, Sie müssen sich eben einmal zeigen und Ihren Dank aussprechen. Wir können ja jeden Tag hinfahren, wenn Sie es wünschen ...“

„Es ist aber doch immer ...“

„Unsinn! Und die Hauptsache – Sie wissen das ja selbst! Hören Sie, machen wir es einfach so: Kommen Sie, wenn Sie wollen, schon heute abend zu mir, schlafen Sie die Nacht über meinetwegen bei mir, und dann am Morgen fahren wir beide früher aus, damit wir um zwölf dort sind!“

„Sie sind ... Sie sind wirklich mein Wohltäter! Sogar übernachten soll ich bei Ihnen! ...“ nahm Pawel Pawlowitsch den Vorschlag ganz plötzlich und fast gerührt an. „Sie erweisen mir Wohltaten, wie ich sie gar nicht verdient habe ... aber wo liegt denn dieses Landhaus?“

„In Ljesnoje ...“

„Nur, sehen Sie, wie machen wir denn das mit ihren Kleidern? Denn in ein so feines Haus, und noch dazu in einem so vornehmen Sommeraufenthalt, Sie wissen doch selbst ... Das Vaterherz ...“

„Wieso, was ist mit ihrem Kleide? Sie hat doch Trauer. Was kann sie da anderes tragen als Schwarz? Es ist das anständigste Kleidchen, das man sich denken kann. Nur ... etwas reinere Wäsche vielleicht, hier die Krause ...“

Die kleine Spitzenkrause am Halse, sowie die unter dem kurzen Kleidchen sichtbaren Röckchen waren allerdings nichts weniger als sauber.

„Im Augenblick, im Augenblick, sie muß sich unbedingt umkleiden,“ stimmte Pawel Pawlowitsch sogleich geschäftig bei. „Und auch die übrigen Sachen müssen wir sogleich einpacken. Aber das ist jetzt alles bei Marja Ssyssojewna in der Wäsche!“

„Dann schicken Sie nur gleich nach einer Droschke,“ versetzte Weltschaninoff schnell, „und vielleicht ohne Zögern wenn möglich.“

Es stellte sich jedoch heraus, daß zunächst noch ein anderes Hindernis zu überwinden war: Lisa wollte nicht fort. Die ganze Zeit, während der Weltschaninoff den Vater beredete, hatte sie angstvoll zugehört, und wenn er sie beobachtet hätte, würde er in ihrem Gesichtchen immer größer werdendes Entsetzen, zuletzt fast Verzweiflung wahrgenommen haben.

„Ich werde nicht fahren!“ sagte sie leise, doch mit aller Bestimmtheit.

„Sehen Sie, da sehen Sie es: ganz wie die Mama!“

„Nein, ich bin nicht wie Mama, ich bin nicht wie Mama!“ rief Lisa flehentlich und rang verzweifelt ihre kleinen Händchen, als wolle sie sich gegen den furchtbaren Vorwurf verteidigen, der Mutter ähnlich zu sein. „Papa, Papa, wenn Sie mich verlassen ...“

Und plötzlich stürzte sie sich auf den ganz erschrockenen Weltschaninoff:

„Wenn Sie mich fortbringen, werde ich ...“

Weiter kam sie nicht: Pawel Pawlowitsch hatte sie gepackt und zog sie bereits mit unverhohlener Wut ins kleine Nebenzimmer. Von dort hörte man dann wieder eine ganze Weile eifriges Geflüster; dazwischen unterdrücktes Weinen. Weltschaninoff wollte sich schon erheben und zu ihnen gehen, um der Quälerei ein Ende zu machen, als Pawel Pawlowitsch wieder auf der Schwelle erschien und mit einem eigentümlichen, verstellten Lächeln sagte, sie werde sogleich kommen. Weltschaninoff bemühte sich, ihn nicht anzusehen, und blickte zur Seite.

Bald erschien denn auch Marja Ssyssojewna, dieselbe Frauensperson, der Weltschaninoff im Korridor begegnet war, und die Pawel Pawlowitsch inzwischen gerufen hatte. Sie brachte Lisas Wäsche und machte sich daran, dieselbe in Lisas nette, kleine Reisetasche einzupacken.

„Sie wollen das Mädchen fortbringen, Väterchen?“ wandte sie sich an Weltschaninoff. „Sie haben wohl selbst eine Familie? Das ist gut von Ihnen, Väterchen, daß Sie sie fortbringen: ist ’n stilles Kindchen, so kommt’s wenigstens aus diesem Sodom hier heraus.“

„Wie wär’s, Marja Ssyssojewna ...“ begann Pawel Pawlowitsch etwas betreten.

„Na, was denn: Marja Ssyssojewna! Meinen Namen kann ein jeder nennen! Oder ist denn das ein Leben, wie es sich gehört? Ist denn das eine Art, wenn ein Kindchen, das doch schon was begreifen kann, solche Schande mit ansieht? – Der Wagen ist schon vorgefahren, Väterchen. Nach Ljesnoje, nicht?“

„Ja, ja.“

„Nun dann – mit Gott!“

Lisa kam ganz bleich, mit niedergeschlagenen Augen, aus dem kleinen Zimmer und nahm die Reisetasche: kein Blick nach Weltschaninoff! Sie nahm sich krampfhaft zusammen und wandte sich auch nicht mehr an den Vater, um bei ihm Schutz zu suchen oder ihn anzuflehen; auch beim Abschied rührte sie sich nicht; offenbar wollte sie ihn nicht einmal ansehen. Der Vater küßte sie auf die Stirn und streichelte ihr einmal übers Köpfchen; ihre Lippen zuckten und ihr Gesicht verkrampfte sich; aber sie sah doch nicht zu ihm auf. Pawel Pawlowitsch schien bleich zu sein und seine Hände zitterten – letzteres bemerkte Weltschaninoff ganz deutlich, obschon er sich alle Mühe gab, ihn nicht anzusehen. Er wollte nur so schnell als möglich fort, nur fort!

„Wenn ich sie erst dort habe ... Es ist nicht meine Schuld, daß es so gekommen ist! Was geht mich dieser Mensch an?“ dachte er bei sich. „Es hat so kommen müssen.“

Unten angelangt, wurde Lisa noch von Marja Ssyssojewna zum Abschied geküßt und dann in den Wagen gesetzt. Erst als auch Weltschaninoff eingestiegen war, schlug Lisa plötzlich die Augen auf und sah den Vater an – und plötzlich streckte sie die Hände nach ihm aus und schrie auf: im nächsten Augenblick wäre sie zu ihm hinausgestürzt, doch die Pferde zogen bereits an und sie fuhren davon.

VI. Ein neuer Einfall eines müßigen Menschen.

„Fühlst du dich nicht wohl, Lisa?“ fragte Weltschaninoff erschrocken. „Ich werde anhalten lassen ... ich lasse dir Wasser bringen ...“

Da schlug sie wieder ihre großen Kinderaugen zu ihm auf und aus ihnen sah ihn ein heißer, bitterer Vorwurf an.

„Wohin bringen Sie mich?“ fragte sie stockend.

„In ein wunderschönes Haus, Lisa. Es sind dort viele Kinder und die Eltern sind sehr nette Menschen. Sie leben jetzt auf ihrer Datsche. Es ist dort sehr schön und man wird dich sehr lieb haben ... Sei mir nicht böse, kleine Lisa, ich meine es gut mit dir ...“

Hätten ihn seine Bekannten jetzt sehen können, sie würden ihn zum mindesten sehr sonderbar gefunden haben.

„Wie Sie – wie – wie – hu, wie schlecht Sie sind!“ stieß Lisa, tapfer die Tränen schluckend, mit stockender, zitternder Stimme hervor, und ihre blauen Augen wurden ganz dunkel vor Zorn.

„Lisa, ich ...“

„Schlecht, schlecht, schlecht sind Sie!“

Und sie rang die Händchen vor Verzweiflung. Weltschaninoff sah einfach hilflos aus.

„Lisa, liebe Kleine, wenn du wüßtest, zu welch einer Verzweiflung du mich bringst!“

„Ist es wahr, daß er morgen kommen wird? Ist es wahr?“ fragte sie angstvoll.

„Aber gewiß wird er kommen! Ich werde ihn selbst hinbringen! Ich werde ihn einfach festnehmen und in den Wagen setzen!“

„Er wird fortlaufen,“ sagte sie leise und senkte betrübt den Blick.

„Hat er dich denn nicht lieb, Lisa?“

„Nein, er hat mich nicht lieb ...“

„Hat er dich gekränkt? Hat er dir etwas zuleide getan?“

Lisa blickte ihn finster an, sagte aber kein Wort. Sie wandte sich wieder von ihm ab und sah eigensinnig zu Boden. Er sprach auf sie ein, redete ihr gut zu und war dabei wie im Fieber. Lisa hörte ihn mißtrauisch und feindselig an – aber sie hörte wenigstens. Ihre Aufmerksamkeit war schon eine große Freude für ihn. Er suchte ihr zunächst zu erklären, weshalb ein Mensch trinkt. Er sagte ihr auch, daß er sie sehr lieb habe und auf den Vater achtgeben werde. Endlich schaute Lisa auf und sah ihn lange unverwandt an. Und er erzählte weiter: daß er ihre Mama gekannt und im Hause ihrer Eltern verkehrt habe; und als er sah, daß er sie mit seinen Erzählungen zu fesseln vermochte, war er sehr froh. Allmählich begann sie, auf seine Fragen zu antworten, aber immer noch vorsichtig und einsilbig und mit noch nicht überwundenem Mißtrauen. Die wichtigsten Fragen jedoch ließ sie unbeantwortet: so sagte sie z. B. kein Wort über den Vater und wie er sie behandelt hatte. Während Weltschaninoff zu ihr sprach, nahm er ihr Händchen in seine Hand und hielt es fest; sie entzog es ihm nicht. Übrigens verrieten ihre Antworten doch mancherlei: aus ihnen ging wenigstens hervor, daß sie den Vater früher mehr geliebt hatte als die Mutter, weil auch er sie früher mehr geliebt habe, denn die Mama sei früher gar nicht so gut zu ihr gewesen. Auf dem Sterbebett aber habe die Mama sie so geküßt und sie habe so geweint, als alle hinausgegangen und sie allein geblieben waren ... und jetzt liebe sie die Mama mehr als alle, mehr als alles in der Welt, mehr als alle Menschen, und in jeder Nacht liebe sie sie über alles! Aber die Kleine besaß zweifellos ihren Stolz: kaum hatte sie es ausgesprochen, da erschrak sie sichtlich und nichts konnte sie wieder dazu bewegen, weiterzusprechen: Weltschaninoff, der ihr das Geheimnis entlockt hatte, fing nur einen feindseligen Blick auf, und wieder wandte sie sich von ihm ab. Als sie bereits über die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, bemerkte Weltschaninoff, daß die krankhafte Erregung der Kleinen sich gelegt zu haben schien, dafür aber war sie beängstigend nachdenklich und scheu geworden, und in dem kleinen zarten Gesichtchen drückten sich qualvoller Kummer, Angst und gleichzeitig doch auch Trotz und Entschlossenheit aus. Daß man sie in ein fremdes Haus, zu fremden Menschen brachte, daran schien sie vorläufig am wenigsten zu denken. Es war etwas ganz anderes, was ihr armes kleines Kinderherz quälte, das erriet Weltschaninoff sehr bald. Und zwar war es dies: daß sie sich für ihren Vater schämte, sich schämte, weil er sie ohne weiteres von einem Fremden hatte fortbringen lassen, fast als freue er sich, sie los zu werden – und daß nun dieser Fremde sie ohne weiteres auf dem Halse hatte.

„Sie ist krank, ganz fraglos ist sie krank!“ sagte sich Weltschaninoff. „Vielleicht sogar sehr krank. Und natürlich nur von seinen Quälereien ... O, dieser besoffene, gemeine Lump! Jetzt erst verstehe ich ihn! ...“

Er trieb den Kutscher zur Eile an: er setzte alle Hoffnung auf das Landhaus, die Luft, den Garten, die Kinder, auf das ganze neue, ihr bisher unbekannte Leben, und dann, später ... Denn darüber, was dann „später“ sein werde, war er sich keinen Augenblick mehr im unklaren. Große, helle Hoffnungen stiegen auf! Eines aber wußte er mehr als genau: daß er in seinem ganzen bisherigen Leben noch niemals das empfunden hatte, was er jetzt empfand und daß dieses Gefühl ihm für sein ganzes ferneres Leben bleiben würde!

„Ein Ziel! Jetzt habe ich ein Ziel, einen Lebensinhalt!“ dachte er begeistert.

Vieles ging ihm noch durch den Sinn und er schmiedete große Pläne, vermied es jedoch geflissentlich, an die „nebensächlichen“ Einzelheiten zu denken, weshalb ihm denn auch gelang, alles ganz wunderschön zu entwerfen. Der Hauptplan machte sich eigentlich ganz von selbst.

„Man wird eben diesen Schurken so lange bearbeiten,“ dachte er, „eventuell noch mit vereinten Kräften, bis er Lisa Pogorjelzeffs läßt, wenn auch vorläufig vielleicht nur für eine bestimmte Zeit, und allein zurückfährt. Dann aber gehört Lisa mir. Mehr verlange ich ja gar nicht! Und ... und natürlich ist das auch nur sein eigener Wunsch! Weshalb sollte er sie denn sonst so gequält haben?“

Endlich waren sie angelangt. Die Datsche der Pogorjelzeffs war wirklich ein reizender Erdenfleck. Empfangen wurden sie sogleich von einer fröhlich lärmenden Kinderschar, die kaum, daß der Wagen hielt, schon auf der Freitreppe erschien und lachend dem Besuch entgegendrängte. Weltschaninoff war lange nicht mehr bei ihnen gewesen, daher die unbändige Freude der Kinder: sie hatten ihn alle gern. Die älteren von ihnen riefen sogleich, noch bevor er ausgestiegen war:

„Ihr Prozeß, was macht Ihr Prozeß?“

Diese Frage griffen selbstverständlich auch die jüngeren und jüngsten auf und so tönte sie ihm denn aus allen Kehlen in allen Abstufungen unter Lachen und Geschrei entgegen. Er wurde hier nämlich mit seinem Prozeß regelmäßig geneckt. Als sie jedoch Lisa erblickten, verstummte eines nach dem anderen und alle umringten sie, um sie dann mit echtem ernstem Kinderinteresse zu betrachten. Da erschien aber schon Klawdia Petrowna und ihr folgte ihr Gemahl. Auch deren erstes Wort war eine lachende Frage nach dem Prozeß.

Klawdia Petrowna war eine Dame von siebenunddreißig Jahren, eine ziemlich volle und noch ganz hübsche Brünette mit einem frischen, sympathischen Gesicht. Ihr Gemahl war fünfundfünfzig, ein kluger und zugleich auch schlauer Kopf, doch in erster Linie und im Grunde ein gutmütiger Mensch. Ihr Haus war für Weltschaninoff im vollen Sinne des Wortes zu einem halben Heim geworden, wie er sich selbst ausdrückte. Übrigens war hier noch etwas anderes mit im Spiel: vor etwa zwanzig Jahren wäre dieselbe Klawdia Petrowna beinahe die Gattin Weltschaninoffs geworden, der damals, versieht sich, noch ein grüner Junge, noch Student gewesen war. Es war ihre erste, leidenschaftliche, lächerliche und doch so schöne Liebe gewesen. Geendet aber hatte ihr Verlöbnis damit, daß sie den Pogorjelzeff heiratete. Vor etwa fünf Jahren waren sie sich nun wieder begegnet und aus der einstigen Liebe war eine stille, heitere Freundschaft geworden, die aber doch eines gewissen wärmeren Untertones nicht entbehrte, der dieser Freundschaft noch einen ganz besonderen Reiz verlieh. In den Erinnerungen Weltschaninoffs an seine Beziehungen zu dieser Frau war alles rein und keusch, und deshalb um so teurer für ihn, als es die einzige Beziehung war, von der er das sagen konnte. In dieser Familie, und zwar nur hier allein, war er jungenhaft harmlos und gut; er gab sich mit den Kindern ab, verstellte sich nie, gestand alle seine Fehler ein und beichtete alles, was er auf dem Gewissen hatte. Mehr als einmal schon hatte er Pogorjelzeffs hoch und heilig versichert, daß er nur noch kurze Zeit sein altes Leben in der Welt weiterführen wolle, dann aber zu ihnen ziehen und für immer bei ihnen bleiben werde, so als freiwillig hinzugetretenes Familienmitglied, um in angenehmer Gesellschaft und stiller Beschaulichkeit freundlich sein Leben zu beschließen. In Gedanken nahm er diesen Scherz bisweilen sogar selbst für durchaus ernst gemeint.

Er erzählte ihnen ziemlich ausführlich alles, was über Lisa zu sagen war, doch seine Bitte allein genügte schon vollkommen, so daß die Erklärungen eigentlich überflüssig erschienen. Klawdia Petrowna küßte die „kleine Waise“ und versprach ihrerseits alles zu tun, was sich für sie tun ließ. Die Kinder waren sehr erfreut und im Augenblick schob die ganze Bande, Lisa in der Mitte, in den Garten ab. Nach einer halben Stunde lebhafter Unterhaltung erhob sich Weltschaninoff, um aufzubrechen. Er war so unruhig, daß es jedem auffallen mußte. Man war natürlich sehr erstaunt: drei Wochen lang hatte er sich nicht gezeigt, und nun wollte er nach einer halben Stunde schon wieder fort. Er versicherte zwar lachend, daß er nichts, „absolut nichts Besonderes“ habe und am nächsten Tage wiederkommen werde. Da aber sagte man ihm offen, daß er ja sehr aufgeregt zu sein scheine, und er zuckte zusammen und wandte sich dann plötzlich an Klawdia Petrowna, indem er bat, sie unter vier Augen sprechen zu dürfen, da er etwas sehr Wichtiges zu sagen vergessen habe. Sie gingen in ein anderes Zimmer.

„Erinnern Sie sich noch dessen, was ich Ihnen einmal erzählte,“ begann er, „nur Ihnen allein, was nicht einmal Ihr Mann weiß – ich meine das von meinem Aufenthalt in T.?“

„O, nur zu gut! Sie haben mir oft von diesem Jahr erzählt.“

„Nicht erzählt, sondern gebeichtet, und nur Ihnen, nur Ihnen allein! Ich habe Ihnen aber niemals den Namen jener Frau genannt. Es war – Frau Trussozkij, die Frau dieses selben Trussozkij, dieselbe, die jetzt gestorben ist. Und Lisa ist ihre Tochter, und – meine Tochter!“

„Wissen Sie es genau? Irren Sie sich nicht?“ fragte Klawdia Petrowna, auch ihrerseits sichtlich etwas erregt.

„Nein, ein Irrtum ist ausgeschlossen, ich weiß es genau!“ bestätigte Weltschaninoff mit förmlicher Begeisterung.

Und er erzählte in nicht geringer Erregung, rasch und so kurz, wie er sich nur fassen konnte, nochmals alles. Klawdia Petrowna hatte bisher nur den Namen jener Frau nicht gekannt; Weltschaninoff war schon der bloße Gedanke fürchterlich gewesen, daß jemand von seinen Bekannten Madame Trussozkij begegnen und sich dann darüber wundern konnte, wie er diese Frau so habe zu lieben vermocht. Deshalb hatte er nicht einmal Klawdia Petrowna, seinem einzigen „Freunde“, ihren Namen zu nennen gewagt.

„Und der Vater weiß nichts davon?“ fragte sie, nachdem sie ihn angehört hatte.

„Ja – er scheint doch etwas zu wissen ... Das ist es ja eben, was mich quält, – daß ich mir über diesen Punkt selbst noch nicht ganz klar bin!“ fuhr Weltschaninoff erregt fort. „Ich fühle es, er muß unbedingt etwas wissen! Davon habe ich mich gestern und heute vollkommen überzeugt. Aber jetzt fragt sich nur, wieviel er weiß? Deshalb will ich eben schnell wieder zurückkehren. Heute abend wird er zu mir kommen. Übrigens, ich verstehe nicht, woher er es wissen sollte? Von ihrem Verhältnis zu Bagontoff weiß er entschieden alles, das steht fest! Aber von mir? Sie wissen doch, wie Frauen in solchen Fällen ihre Männer zu überzeugen verstehen! Und sollte auch ein Engel vom Himmel herabsteigen und es ihm sagen – er wird ihm doch keinen Glauben schenken, sondern ausschließlich darauf hören, was seine Frau sagt! Schütteln Sie nicht den Kopf, verurteilen Sie mich nicht, ich habe mich ja schon selber tausendmal verurteilt! ... Sehen Sie, heute morgen, dort bei ihm, da war ich so fest davon überzeugt, daß er alles wisse, daß ich mich weiter gar nicht mehr verstellt oder sonstwie zusammengenommen habe – ich stellte mich unwillkürlich selbst bloß! Und werden Sie es mir glauben: es bedrückt mich ganz unsäglich, daß ich ihn gestern so unhöflich, so beleidigend geradezu, empfangen habe. Ich werde Ihnen ein nächstes Mal alles noch ausführlicher erzählen. Er ist gestern sicher nur mit dem einen boshaften Wunsch zu mir gekommen, mir zu verstehen zu geben, daß er um den ganzen ihm angetanen Schimpf weiß und auch den Beleidiger kennt! Sehen Sie, nur das war der Grund seines dummen Besuches in halbbetrunkenem Zustande. Doch ist es ja schließlich so begreiflich! Sein Besuch war und sollte am Ende nichts anderes sein als eine Mahnung und ein Vorwurf. Überhaupt habe ich mich gestern wie auch heute viel zu hitzig benommen! Unvorsichtig und dumm! Ich habe mich selbst verraten! Daß er aber auch gerade zu einer solchen Stunde kommen mußte, in der man ohnehin schon reizbar ist! Ich sagte Ihnen, er hat sogar Lisa gequält, das Kind, nur um seine Wut an ihr auszulassen! Ja, er ist erbittert, das merkt man. Wie unbedeutend er auch sein mag, erbittert aber ist er doch – ist es bis zur ohnmächtigen Wut – daher seine Bosheiten! Selbstverständlich ist er nichts mehr als ein Narr, obschon er früher, bei Gott, den Eindruck eines sehr vernünftigen Menschen machte – wenigstens soweit man aus ihm klug werden konnte. Aber es ist ja schließlich so natürlich, daß er jetzt liederlich geworden ist! In solchen Fällen, liebe Freundin, muß man sich menschlich in die Lage des anderen hineinzuversetzen suchen, bevor man verurteilt. Wissen Sie, meine Gute, Liebe, ich – ich will mich von nun an ganz anders zu ihm verhalten: ich will mich bemühen, gut zu ihm zu sein. Ich glaube, ich werde mir das sogar als eine ‚gute Tat‘ anrechnen können. Denn ich bin doch immerhin der schuldige Teil! Und noch eines nicht zu vergessen – ich stehe außerdem auch noch moralisch in seiner Schuld: ich brauchte einmal in T. ganz plötzlich und dringend viertausend Rubel, und er gab sie mir im Augenblick, ohne sich einen Moment zu bedenken, streckte er sie mir vor, und ohne jede Schuldverschreibung meinerseits. Er freute sich sogar aufrichtig, daß er mir einen Dienst erweisen konnte, und ich nahm das Geld an, ich ließ mir von ihm den Dienst erweisen, verstehen Sie, ich nahm das Geld an, wie man es von einem Freunde annimmt!“

„Seien Sie jedenfalls vorsichtig,“ rief ihm darauf etwas beunruhigt Klawdia Petrowna zu. „Sie sind jetzt so ... begeistert, daß ich Ihnen wirklich nur raten möchte, sich in acht zu nehmen. Lisa ist mir natürlich so lieb wie mein eigenes Kind, aber es bedarf hier noch so vieles der Aufklärung. Seien Sie nur vor allen Dingen vorsichtiger – das müssen Sie unbedingt, solange Sie so – glücklich und so versöhnlich gestimmt sind! Sie sind vielleicht gar zu großmütig, wenn Sie glücklich sind,“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

Weltschaninoff brach auf. Zum Abschied kamen wieder alle aus dem Garten herbei, auch Lisa mit den Kindern. Die Kinder schienen die Kleine übrigens jetzt noch verwunderter zu betrachten als bei ihrem ersten Erscheinen, denn etwas so Schüchternes wie Lisa konnten sie wohl noch nicht gesehen haben. Als Weltschaninoff sie zum Abschied vor allen Anwesenden küßte, erschrak sie heftig und hätte sich offenbar am liebsten irgendwohin verkrochen. Weltschaninoff versprach mit aller Bestimmtheit, am nächsten Tage mit dem Vater wiederzukommen. Da erst blickte Lisa zu ihm auf, und als er sich nun von den anderen Kindern verabschieden wollte, fühlte er sich plötzlich am Ärmel gezupft: er wandte sich um und – es war Lisa, die ihn flehend ansah und mit dem Blick eine Bitte aussprach, die er sofort verstand. Sie wollte ihm etwas sagen, ihm ganz allein. Er führte sie sogleich ins nächste Zimmer.

„Was willst du mir sagen, Lisa? Was ist es?“ fragte er zärtlich, mit ermunterndem Lächeln sich zu ihr beugend; die Kleine aber zog ihn noch weiter, sah sich ängstlich um, und zog ihn wieder weiter bis in den Winkel, als wolle sie sich vor allen verstecken.

„Was gibt es denn, Lisa, sag es mir doch!“

Sie schwieg und konnte sich noch nicht entschließen; ihre großen Kinderaugen sahen ihn unbeweglich an und jeder Zug ihres Gesichtchens sprach von unsäglicher Angst.

„Er ... er wird sich ... erhängen!“ flüsterte sie wie im Fieber.

„Wer wird sich erhängen?“ fragte Weltschaninoff erschrocken.

„Er, er! Er wollte sich in der Nacht ... an einer Schlinge erhängen!“ stieß sie plötzlich schnell und vor Angst doch stockend hervor, „ich habe es gesehen! Und er hat es mir selbst gesagt, daß er sich erhängen wird, er hat es mir selbst gesagt! Er wollte es auch früher schon, er hat es immer gewollt ... Ich habe es doch gesehen, in der Nacht ...“

„Nicht möglich!“ Weltschaninoff war so betroffen, daß er nicht wußte, was er denken sollte.

Und plötzlich begann Lisa, seine Hand zu küssen, sie weinte, das Weinen drohte sie fast zu ersticken, sie bat und flehte, aber er konnte aus ihrem wirren Gestammel nicht klug werden. Der flehende Blick jedoch – der Blick dieses vor Qual zitternden Kindes, blieb für immer in seinem Gedächtnis, er sah ihn im Traum und in wachem Zustande vor sich – diesen Kinderblick, mit dem sich ein ganzes Leben mit seinen letzten Hoffnungen an ihn klammerte.

„Sollte sie ihn wirklich, wirklich so lieben?“ fragte er sich nicht ohne Eifersucht und Neid, als er in fieberhafter Ungeduld nach der Stadt zurückfuhr.

„Sie sagte doch auf der Hinfahrt, daß sie die Mutter mehr liebe ... Vielleicht haßt sie ihn sogar und liebt ihn durchaus nicht! ...“

„Und was soll das heißen: er werde sich erhängen? Was sagte sie doch? Er, dieser Dummkopf, und sich aufhängen! Jedenfalls muß man dahinter kommen! Unbedingt! Ich muß zusehen, wie ich es anstellen kann, daß ich die Sache bald, so schnell als möglich und ein für allemal ins reine bringe!“

VII. Der Gatte und der Liebhaber küssen sich.

Weltschaninoff fieberte fast vor Ungeduld. So sehr drängte es ihn, zu erfahren, was alles „dahintersteckte“.

„Am Morgen war ich ja zunächst wie betäubt, es kam alles viel zu überraschend für mich, ich hatte keine Zeit zum Nachdenken,“ sagte er sich, „jetzt aber muß ich sehen, wie ich mir vor allen Dingen Klarheit verschaffe.“ Und in seiner Ungeduld wollte er dem Kutscher schon befehlen, direkt zu Trussozkij zu fahren, besann sich jedoch sogleich und sagte sich vernünftigerweise: „Nein, es ist doch besser, er kommt zu mir! Ich aber werde versuchen, bis dahin noch meine verdammten Gänge zu erledigen.“

Und so tat er es denn auch: mit Hast und Eifer machte er sich daran, alles zu „erledigen“, was er an diesem Tage vorhatte. Doch fühlte er selbst, daß er sehr zerstreut war und gar nicht recht dazu ausgelegt, sich mit seinen Prozeßsachen zu befassen. Und als er sich, endlich, gegen fünf Uhr wie gewöhnlich ins Restaurant begab, um zu Mittag zu speisen, kam ihm, plötzlich und zum erstenmal, der Gedanke, daß er ja vielleicht wirklich den Verlauf seines Rechtsstreites nur aufhalte, indem er sich persönlich in die Angelegenheiten hineinmischte, Nachforschungen anstellte und seinen Rechtsanwalt nicht in Ruhe ließ, weshalb dieser sich bereits ein paarmal vor ihm hatte verleugnen lassen und ihm auch sonst schon aus dem Wege zu gehen begann. Doch statt sich über diese Beobachtung zu ärgern, lachte er nur vergnügt auf. „Wäre ich gestern darauf gekommen, so hätte es mich doch stark verdrossen!“ sagte er sich mit einem Lächeln. Im übrigen wuchs, trotz dieser scheinbar guten Laune, seine Zerstreutheit und Ungeduld mit jeder Minute. Schließlich versank er in Nachdenken. Nur kam er, obschon er wirklich nachdenken wollte, mit dem Denken nicht recht vom Fleck – es ging ihm gar zu vieles durch den Kopf.

„Ich muß mir diesen Menschen einfangen!“ sagte er sich, als er endlich so weit zur Einsicht gekommen war. „Ich muß ihm zuerst auf den Zahn fühlen und dann sehen, wie ich weiter vorgehen kann. Natürlich muß ich mich von vornherein auf ein Duell gefaßt machen!“

Gegen sieben Uhr kam er nach Haus, doch Pawel Pawlowitsch war noch nicht erschienen. Darüber war er nun höchlichst erstaunt, aber das Erstaunen verwandelte sich alsbald in Ärger, und diesem folgte mißmutige Niedergeschlagenheit. Endlich stiegen auch noch Befürchtungen auf:

„Gott weiß, Gott weiß, womit das noch enden wird!“ murmelte er vor sich hin, wie von Vorahnungen bedrückt, während er bald im Zimmer auf und ab schritt, bald sich auf dem Diwan ausstreckte und immer wieder nach der Uhr sah. Endlich, gegen neun Uhr, erschien Pawel Pawlowitsch. „Wenn dieser Mensch,“ sagte sich Weltschaninoff, „wenn dieser Mensch ein Schlaukopf wäre, so hätte er mich in keiner Weise besser zu Unvorsichtigkeiten meinerseits vorbereiten können, als durch dieses Wartenlassen – so zerstreut bin ich jetzt!“ Und plötzlich wurde er ganz munter, womit sich dann auch seine gute Laune wieder einstellte.

Auf seine scherzhaft lustige Frage, weshalb er denn so spät komme, hatte Pawel Pawlowitsch als Antwort nur ein halb höhnisches Lächeln, worauf er sich nachlässig – nicht so wie beim ersten Besuch – in einen der großen Sessel warf und seinen Hut mit dem Trauerflor auf den nächsten Stuhl schleuderte – gleichfalls mit einer gewissen verärgerten Nachlässigkeit. Weltschaninoff fiel dieses veränderte Gebaren sogleich auf und er merkte es sich.

Ruhig und ohne viel Worte zu machen, auch ohne die Erregung, in der er bei ihm am Vormittag gesprochen, erzählte Weltschaninoff, ganz als wolle er nur „Bericht erstatten“, wie er Lisa hingebracht und wie nett man sie aufgenommen hatte, wie gut ihr der Aufenthalt dort bekommen und wie sie ausleben werde. Ganz allmählich ging er dann – wie wenn er Lisa schon vergessen – auf Pogorjelzeffs über. D. h. er erzählte, was für reizende Menschen sie seien, wie lange er schon mit ihnen verkehre, was für ein guter und einflußreicher Mensch Pogorjelzeff sei usw., usw. Pawel Pawlowitsch hörte sichtlich zerstreut zu und begnügte sich damit, ihn hin und wieder mit einem Blick unter der Stirn hervor flüchtig zu streifen, während ein bestimmtes spitzbübisches Lächeln um seinen Mund spielte.

„Ein lebhafter Mensch sind Sie, das muß man sagen,“ brummte er schließlich in eigentümlichem Tone, und in seinem Lächeln lag dabei eine ganz besondere Gemeinheit.

„Sie scheinen ja heute recht boshaft zu sein,“ bemerkte Weltschaninoff ärgerlich.

„Weshalb sollte ich denn auch nicht boshaft sein, wenn alle anderen es sind?“ fragte Pawel Pawlowitsch schnell, ganz als springe er mit seiner Frage plötzlich hinter einer Ecke hervor – und als habe er nur auf diese gewartet, um aus dem Versteck hervorzuspringen.

„Ganz wie Sie wollen,“ entgegnete Weltschaninoff lächelnd. „Ich dachte schon, es sei Ihnen vielleicht was passiert.“

„Und es ist mir auch was passiert!“ versetzte jener, als wolle er damit prahlen, daß ihm etwas „passiert“ war.

„Was denn, wenn man fragen darf?“

Pawel Pawlowitsch zögerte ein wenig mit der Antwort.

„Ja, sehen Sie, unser Stepan Michailowitsch hat mir da wieder einen Streich gespielt ... Bagontoff, der eleganteste junge Mann der besten Petersburger Gesellschaft –“

„Sind Sie wieder abgewiesen worden?“

„Nein, gerade diesmal wurde ich eben nicht abgewiesen, ich wurde zum erstenmal vorgelassen und habe mir Bagontoffs Gesichtszüge ganz genau betrachten können ... freilich diesmal bereits diejenigen des Toten ...“

„Wa–as? Bagontoff ist tot?“ wunderte sich Weltschaninoff über alle Maßen, obschon, wie man meinen sollte, eigentlich kein natürlicher Grund zu einer solchen Verwunderung vorlag.

„Er und kein anderer! Unser teuerster Freund ist tot, er, der uns sechs Jahre lang treu gewesen ist! Schon gestern, fast um die Mittagszeit, ist er gestorben, und ich habe es nicht einmal gewußt! vielleicht bin ich gar zu derselben Zeit dort gewesen und habe mich nach seiner Gesundheit erkundigt! Morgen ist die Beerdigung, er liegt schon im Sarge. Der Sarg ist mit dunkelrotem Samt beschlagen, mit goldenen Quasten und Fransen. An einem Nervenfieber ist er gestorben. Ja, man ließ mich vor und ich sah ihn mir an, betrachtete die Züge, wie gesagt. Ich erklärte den Leuten, daß ich sein aufrichtiger Freund gewesen sei, deshalb ließ man mich, wie gesagt, vor. Was hat er mir da nun für einen Streich gespielt, dieser mein aufrichtiger, sechs Jahre lang treuer Freund, sagen Sie bloß! Ich bin ja doch vielleicht einzig seinetwegen hierher nach Petersburg gekommen! ...“

„Aber weshalb ärgern Sie sich denn über ihn?“ fiel ihm Weltschaninoff lachend ins Wort. „Er ist doch nicht absichtlich gestorben!“

„Ja aber – ich rede doch auch nur mit Bedauern! Er war doch mein teuerster Freund! – er hat doch das für mich bedeutet:“

Und Pawel Pawlowitsch hob plötzlich und ganz unvermutet beide Fäuste mit emporstehenden Zeigefingern an seine Schläfen, so daß die Finger wie Hörner über seinem kahlen Schädel standen, und dazu kicherte er leise und anhaltend. Und so, mit den Hörnern am Kopf und widerlich lachend, saß er wohl eine halbe Minute lang und blickte mit der boshaftesten, tückischsten Frechheit im Blick unbeweglich Weltschaninoff in die Augen. Dieser erstarrte förmlich, als sehe er ein Gespenst. Doch seine Starrheit dauerte nur einen Moment: im nächsten Augenblick erschien bereits ein spöttisches und geradezu beleidigend ruhiges Lächeln langsam, beleidigend langsam auf seinen Lippen.

„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte er nachlässig und in etwas gedehntem Tone.

„Das hat Hörner zu bedeuten!“ versetzte Pawel Pawlowitsch kurz und entfernte zugleich wieder die Hände von der Stirn.

„Das heißt ... Ihre Hörner?“

„Jawohl, meine eigenen, wohlerworbenen!“ Und Pawel Pawlowitsch verzog sein Gesicht zu einer halben Grimasse, die unglaublich gemein aussah.

Beide schwiegen.

„Sie sind ein mutiger Mensch!“ bemerkte endlich Weltschaninoff.

„Weil ich Ihnen meine Hörner gezeigt habe? Wissen Sie was, Alexei Iwanowitsch, es wäre besser, Sie bewirteten mich mit irgend etwas! Habe ich Sie doch in T. ein ganzes Jahr lang bewirtet, jeden Herrgottstag ... Schicken Sie mal nach einer Flasche, meine Kehle ist wie ausgetrocknet.“

„Mit Vergnügen. Sie hätten es sogleich sagen sollen. – Was wünschen Sie?“

„Was ‚Sie‘! Sagen Sie doch ‚wir‘! Wir werden doch zusammen trinken, oder etwa nicht?“ rief Pawel Pawlowitsch herausfordernd, während er zugleich doch mit einer gewissen und ganz eigentümlichen Unruhe dem anderen in die Augen sah.

„Champagner?“

„Was denn sonst? Beim Branntwein sind wir noch nicht angelangt ...“

Weltschaninoff erhob sich, ohne sich zu beeilen, klingelte und gab der Mawra, seiner zeitweiligen Aufwärterin, einige Anweisungen.

„Trinken wir zur Feier unseres frohen Wiedersehens nach neunjähriger Trennung!“ grinste ganz überflüssigerweise Pawel Pawlowitsch – der vermeintliche Scherz mißglückte ihm aber sehr. „Jetzt sind Sie, nur Sie allein mir noch als aufrichtiger Freund verblieben! Einen Stepan Michailowitsch Bagontoff gibt’s nicht mehr! Das ist ja, wie der Dichter sagt:

Patroklos, der große, ist tot. Statt seiner lebt nur noch Thersites, Der mehr als verächtliche ...“

Bei dem Namen Thersites stieß er sich mit dem Finger vor die eigene Brust.

„Wenn das Schwein sich doch schneller aussprechen würde, diese Anspielungen sind mir in den Tod verhaßt!“ dachte Weltschaninoff bei sich. Der Ärger kochte in ihm und schon lange konnte er sich nur noch mit Mühe beherrschen.

„Ich verstehe Sie nicht,“ begann er ärgerlich, „wenn Sie Stepan Michailowitsch (er nannte ihn jetzt nicht mehr einfach Bagontoff!) so überzeugtermaßen beschuldigen, so kann es Ihnen, dächte ich, nur zur Freude gereichen, daß Ihr Beleidiger gestorben ist. Weshalb also ärgern Sie sich noch?“

„Wieso zur Freude? Zu welch einer Freude denn?“

„Ich urteile nach Ihren Gefühlen.“

„Hehe, dann täuschen Sie sich sehr. Was meine Gefühle betrifft, so kann ich mit den Worten eines Weisen sagen: ‚Ein toter Feind ist gut, aber ein lebender ist besser!‘ Hehe!“

„Ja aber Sie haben doch den lebenden fünf Jahre lang jeden Tag zu betrachten Gelegenheit gehabt, – also Zeit genug, denke ich, um sich an ihm sattzusehen,“ bemerkte Weltschaninoff boshaft und unverschämt.

„Ja habe ich denn ... habe ich denn damals was gewußt?“ fuhr Pawel Pawlowitsch plötzlich auf, und es war wieder ganz so, als springe er plötzlich hinter einer Ecke hervor, sogar mit einer gewissen Freude darüber, daß man endlich die Frage gestellt, die er lange erwartet hatte. „Für wen halten Sie mich denn, Alexei Iwanowitsch?“

Und in seinem Blick blitzte plötzlich ein ganz neuer, noch nie gesehener Ausdruck auf, der sein bis dahin nur boshaftes und zu gemeinen Grimassen sich verzerrendes Gesicht gleichsam vollständig umgestaltete.

„Ja, haben Sie denn wirklich nichts gewußt!“ entfuhr es Weltschaninoff mit der größten und unverfälschtesten Bestürztheit.

„Wie, glauben Sie denn, ich hätte es gewußt? Wirklich gewußt?! O, ihr – unsere Vertreter Jupiters! Ihr stellt ja einen Menschen nicht höher als einen Hund und beurteilt jeden anderen nur nach der eigenen erbärmlichen Natur. Da haben Sie’s! Schlucken Sie es nur, das Kompliment!“ Und jähzornig schlug er mit der Faust auf den Tisch, erschrak aber im Moment selbst über seinen Faustschlag – und aus seinem Blick sprach sofort wieder Ängstlichkeit.

Weltschaninoff nahm eine strammere Haltung an.

„Hören Sie, Pawel Pawlowitsch, es kann mir doch entschieden ganz gleichgültig sein, das werden Sie mir wohl zugeben, ob Sie da was gewußt haben oder nicht. Wenn Sie nichts gewußt haben, so gereicht Ihnen das jedenfalls mehr zur Ehre, obschon ... übrigens, ich verstehe nicht, weshalb Sie gerade mich zu Ihrem Beichtvater erwählt haben? ...“

„Ich rede nicht von Ihnen ... ärgern Sie sich nicht ... nicht von Ihnen ...“ lenkte Pawel Pawlowitsch, den Blick zu Boden gesenkt, wieder ein.

Mawra erschien mit dem Champagner.

„Ah, da kommt die Flasche!“ rief Pawel Pawlowitsch, sichtlich erfreut über die Unterbrechung gerade im richtigen Augenblick. „Und die Gläser, Matuschka, die Gläser! Großartig! Weiter werden wir von Ihnen nichts verlangen, liebes Wesen. Und auch schon entkorkt? Sie sind ja eine Perle, liebes Kind! Nun, schon gut, Sie können gehen!“

Und mit neuem Mut blickte er Weltschaninoff wieder frech in die Augen.

„Aber gestehen Sie doch nur, hehe,“ begann er plötzlich, „daß Sie für alles das kolossales Interesse übrig haben und es Ihnen durchaus nicht so ‚entschieden ganz gleichgültig‘ ist, wie Sie sich soeben zu äußern beliebten, sondern daß Sie sogar aufrichtig betrübt wären, wenn ich im Augenblick aufstände und fortginge, ohne Ihnen was zu erklären!“

„Versichere Sie, es fiele mir nicht ein, betrübt zu sein.“

„Ei, wie du lügst!“ schien das Lächeln Pawel Pawlowitschs zu sagen.

„Nun, denn – trinken wir!“ Und er schenkte den Champagner ein. „Lassen Sie uns einen Toast ausbringen: trinken wir auf das Wohl des in Gott entschlafenen Freundes Stepan Michailowitsch!“

Er hob den Kelch und leerte ihn auf einen Zug.

„Auf ein solches Wohl werde ich nicht trinken.“ Weltschaninoff stellte sein Glas wieder hin.

„Warum denn nicht? Es ist doch ein nettes Toastchen.“

„Sagen Sie: als Sie hierher kamen, waren Sie da noch nicht betrunken?“

„Ich hatte ein wenig getrunken. Was ist denn?“

„Nichts Besonderes. Es schien mir nur, daß Sie gestern und namentlich heute morgen um die verstorbene Natalja Wassiljewna aufrichtig trauerten.“

„Aber wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich nicht auch jetzt aufrichtig um sie trauere?“ fuhr sogleich wieder Pawel Pawlowitsch auf, ganz als habe er innerlich eine Sprungfeder, an der ihn jemand gezupft habe.

„Das wollte ich damit nicht gesagt haben ... Aber Sie werden doch zugeben, daß Sie in bezug auf Stepan Michailowitsch in einem Irrtum befangen sein können, das aber – will viel besagen.“

„Wie gern Sie doch selbst erfahren würden, wie ich hinter das Geheimnis Stepan Michailowitschs gekommen bin!“

Weltschaninoff wurde rot.

„Ich wiederhole Ihnen, daß es mir entschieden ganz gleichgültig ist.“

„Oder sollte ich ihn nicht sogleich vor die Tür setzen, ihn einfach hinauswerfen samt seiner Flasche?“ fuhr es ihm durch den Kopf und er errötete noch mehr.

„Tut nichts!“ sagte da, wie um ihn zu ermuntern, Pawel Pawlowitsch und schenkte sich wieder ein.

„Ich werde Ihnen sogleich erklären, wie ich ‚alles‘ erfahren habe, und damit Ihren glühenden Wunsch erfüllen ... denn Sie sind wirklich ein glühender Mensch, Alexei Iwanowitsch, ein furchtbar heißblütiger Mensch! Hehe! Geben Sie mir nur ein Zigarettchen, denn seit dem März ...“

„Hier sind Zigaretten.“

„Ich bin nämlich ganz auf Abwege geraten seit dem März, Alexei Iwanowitsch, und das ist, wie gesagt, eine sehr eigentümliche Krankheit. In der Regel stirbt der Kranke, ohne es vorher auch nur zu ahnen, daß es mit ihm zu Ende geht. Ich sagte Ihnen ja: noch fünf Stunden vor dem Tode erklärte die selige Natalja Wassiljewna, daß sie in zwei Wochen zu ihrer Tante fahren werde, deren Gut vierzig Werst von der Stadt entfernt liegt. Außerdem wird Ihnen wohl nicht unbekannt sein, daß viele Damen, vielleicht aber auch Herren, die Angewohnheit oder die Manie haben, allen möglichen alten Plunder von ihrer Liebeskorrespondenz aufzubewahren ... Am vernünftigsten wäre es doch, so etwas in den Ofen zu werfen, nicht wahr? Aber nein, jedes Papierfetzchen wird von ihnen in Kästchen und Schiebfächern aufbewahrt, ja oft sind sie sogar numeriert nach Jahr und Datum und nach den Absendern sortiert. Wozu das alles, ob es ihnen nun einen Trost gewährt oder was sonst – das weiß ich nicht; aber wahrscheinlich, na, so zur angenehmen Erinnerung. Da nun Natalja Wassiljewna noch fünf Stunden, wie gesagt, vor ihrem Ende die Tante zu besuchen beabsichtigte, dachte sie natürlich nicht an den Tod, nicht einmal in der letzten Stunde, und erwartete immer noch mit Ungeduld den Doktor Koch. So kam es denn, daß sie starb, ihre kleine Schatulle aber – ein Kästchen aus Ebenholz mit kunstvoller Einlegearbeit in Perlmutter und Silber – die blieb in ihrem Schreibtisch. So’n nettes kleines Kästchen mit einem Schlüsselchen davor, ein Familienerbstück, von der Großmutter hatte sie es. Nun, und aus diesem Kästchen kamen dann all die Geheimnisse an den Tag, das heißt nämlich – alles, ohne jede Ausnahme, Tag für Tag und Jahr für Jahr, während des ganzen zwanzigjährigen Ehelebens. Da aber Stepan Michailowitsch eine ausgesprochene Neigung zur Literatur besessen, einmal sogar eine Novelle von höchst leidenschaftlichem Kolorit an eine Zeitschrift gesandt hat, nun, so ist es erklärlich, wenn ich sage, daß die Zahl seiner Schriftstücke in der Schatulle nahe an Hundert reichte – allerdings hatte er sie im Laufe von ganzen fünf Jahren geschrieben. Einige Nummern waren noch mit eigenhändigen Randbemerkungen von Natalja Wassiljewna versehen. Eine angenehme Entdeckung das, für den Gatten, was meinen Sie?“

Weltschaninoff überlegte im Augenblick und erinnerte sich genau, daß er niemals weder einen Brief noch einen Zettel heimlich an Natalja Wassiljewna geschrieben hatte. Aus Petersburg freilich hatte er zwei Briefe geschrieben, doch waren die an sie beide gerichtet gewesen, wie es vorher zwischen ihm und ihr verabredet worden war. Auf den letzten Brief Natalja Wassiljewnas, in dem sie ihm den Abschied erteilte, hatte er überhaupt nichts mehr geantwortet.

Als Pawel Pawlowitsch seine Erzählung beendet hatte, schwieg er eine ganze Weile und beobachtete den anderen nur mit einem aufdringlichen, spöttisch provozierenden Lächeln.

„Warum antworten Sie mir denn nichts auf meine kleine Frage?“ sagte er endlich.

„Auf welch eine kleine Frage?“

„Nun doch: bezüglich der angenehmen Gefühle des Gatten, der die Schatulle öffnet.“

„Oh, was geht das mich an!“ Weltschaninoff machte erbost eine gereizte Handbewegung, stand auf und begann im Zimmer hin- und herzugehen.

„Ich könnte wetten, daß Sie jetzt denken: ‚Bist doch ein Schwein, wenn du selbst auf deine Hörner weist!‘ hehe! Nichts ist leichter als ... Sie anzuekeln.“

„Es fällt mir nicht ein, das zu denken, was Sie mir da unterschieben wollen. Im Gegenteil, ich sage mir, daß der Tod Ihres Beleidigers Sie gar zu sehr geärgert hat, und außerdem haben Sie mehr als nötig getrunken. Doch sehe ich in alledem nichts Außergewöhnliches. Ich begreife auch sehr gut, wozu Sie des lebenden Bagontoff bedürfen und bin gern bereit, Ihren Ärger zu achten, aber ...“

„Und wozu würde ich wohl des lebenden Bagontoff bedürfen, Ihrer Meinung nach?“

„Das ist Ihre Sache.“

„Ich wette, daß Sie dabei an ein Duell denken!“

„Zum Teufel!“ Weltschaninoffs Selbstbeherrschung begann merklich nachzulassen. „Ich dachte eben, daß Sie, wie jeder anständige Mensch ... in ähnlichen Fällen sich nicht zu albernem Geschwätz erniedrigen würden, zu dummen Verstellungen, zu lächerlichen Klagen und gemeinen Anspielungen, mit denen ein jeder nur sich selbst noch mehr beschmutzt, sondern daß Sie offen und ehrlich handeln wollten – eben wie ein anständiger Mensch!“

„Hehe, aber vielleicht bin ich gar kein anständiger Mensch?“

„Das ist wiederum Ihre Sache ... Doch übrigens, zu welcher Teufelei hätten Sie denn sonst des lebenden Beleidigers bedurft?“

„Na, so ... wenn auch nur, um den lieben Hausfreund mal zu betrachten. Wir würden dann eben ein Fläschchen nehmen und es gemütlich austrinken.“

„Er hätte mit Ihnen doch nicht getrunken!“

„Warum nicht? Noblesse oblige! Trinken doch auch Sie mit mir; inwiefern sollte er besser sein als Sie?“

„Ich habe mit Ihnen nicht getrunken.“

„Weshalb denn plötzlich dieser Stolz?“

Weltschaninoff lachte nervös und gereizt auf.

„Pfui Teufel! Sie sind ja entschieden ein Raubtier-Typ! Und ich dachte, Sie seien nur ein – ewiger Gatte, und nichts weiter!“

„Wie das – ewiger Gatte, was bedeutet das?“ griff Pawel Pawlowitsch die Ohren spitzend sogleich das Wort auf.

„So – ich meine, meine so einen besonderen Typ Ehemänner ... es ist eine zu lange Geschichte, um sie zu erzählen. Packen Sie sich jetzt lieber, es ist Zeit für Sie ... außerdem: Sie werden langweilig und fallen für die Dauer auf die Nerven.“

„Und was bedeutet Raubtier-Typ? Sie sagten soeben ...“

„Wenn ich sagte, daß Sie ein Raubtier-Typ seien, na, so tat ich es, um mich über Sie lustig zu machen.“

„Aber was ist das für ein Raubtier-Typ? Erklären Sie es mir, Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, um Gottes willen, um Christi willen!“

„Nun ... ach, nun, genug!“ ärgerte sich plötzlich Weltschaninoff ganz furchtbar. „Es ist Zeit für Sie, machen Sie, daß Sie fortkommen! Genug!“

„Nein, es ist noch nicht genug!“ Pawel Pawlowitsch erhob sich schnell. „Und selbst wenn ich Sie langweile, auch dann ist es noch nicht genug: denn vorher müssen wir beide noch anstoßen und zusammen trinken! Also trinken wir, dann gehe ich, aber jetzt ist es noch nicht genug!“

„Pawel Pawlowitsch, können Sie sich heute zum Teufel scheren oder nicht?“

„Ich kann und werde mich zum Teufel scheren, doch vorher werden wir noch trinken. Sie sagten, daß Sie gerade mit mir nicht trinken wollten; nun, ich aber will es, daß Sie gerade mit mir trinken!“

Er schnitt jetzt nicht mehr Gesichter, er lächelte und kicherte auch nicht mehr. Alles an ihm hatte sich plötzlich wieder vollkommen verwandelt und war so entgegengesetzt der ganzen Erscheinung und dem ganzen Tone jenes Pawel Pawlowitsch, der noch vor ein paar Augenblicken dort gestanden hatte, daß Weltschaninoff ihn ganz befremdet ansah und wirklich stutzig wurde.

„Ei, trinken wir, Alexei Iwanowitsch, Sie weigern sich nicht!“ fuhr Pawel Pawlowitsch in diesem an ihm ganz neuen Tone fort – und plötzlich packte er Weltschaninoff am Handgelenk und sah ihn eigentümlich an.

Offenbar handelte es sich für ihn hier nicht allein um das Trinken.

„Ja, nun, meinetwegen ...“ brummte Weltschaninoff. „Wo sind denn ... Aber da ist ja nur noch ein Bodensatz ...“

„Es reicht noch genau für zwei Gläser ... allerdings Bodensatz, aber wir werden trinken und anstoßen! Hier, bitte, nehmen Sie gefälligst Ihr Glas.“

Sie stießen an und tranken.

„Nun, und jetzt, und jetzt ... Ach!“

Pawel Pawlowitsch faßte sich plötzlich mit der Hand an die Stirn und verblieb mehrere Sekunden lang in dieser Stellung. Weltschaninoff glaubte schon, er werde im nächsten Augenblick ... werde sogleich das letzte noch unausgesprochene Wort aussprechen. Doch siehe da: Pawel Pawlowitsch sprach es nicht aus – er sah Weltschaninoff nur an, und dann verzog sich sein Mund lautlos wieder zu jenem breiten, verschmitzten, gleichsam zuzwinkernden Lächeln, das so maßlos arglistig war und so widerlich sein konnte.

„Was wollen Sie von mir, Sie besoffener Kerl! Sie wollen mich wohl zum Narren haben?“ schrie ihn Weltschaninoff plötzlich zornbebend an.

„Schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, wozu dies Geschrei?“ suchte ihn Pawel Pawlowitsch schnell zu beschwichtigen. „Ich halte Sie nicht zum Narren, wirklich nicht! Wissen Sie auch, was Sie mir jetzt geworden sind – Sie! – sehen Sie!“

Und schon hatte er seine Hand erfaßt und geküßt – Weltschaninoff war kaum zur Besinnung gekommen.

„Sehen Sie, das sind Sie mir jetzt! So – und jetzt packe ich mich zu allen Teufeln!“

„Warten Sie, warten Sie!“ hielt ihn Weltschaninoff noch zurück. „Ich vergaß ganz, Ihnen zu sagen ...“

Pawel Pawlowitsch trat von der Tür wieder ein paar Schritte ins Zimmer.

„Sehen Sie,“ begann Weltschaninoff schnell und geschäftig, indem er jedoch unwillkürlich errötete und sich fast ganz von ihm abwandte, „Sie müssen morgen unbedingt zu Porgojelzeffs fahren ... um ihnen Ihre Aufwartung zu machen und Ihren Dank auszusprechen. Sie müssen unbedingt ...“

„O, unbedingt, unbedingt, wie denn sonst, das ist doch selbstverständlich!“ pflichtete Pawel Pawlowitsch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit bei, und er machte eine Handbewegung, die ungefähr sagen sollte, daß es ganz überflüssig sei, ihn noch daran zu erinnern.

„Und außerdem werden Sie auch von Lisa sehnsüchtig erwartet. Ich versprach ...“

„Lisa ...!“ Pawel Pawlowitsch kehrte nochmals von der Tür zurück. „Lisa? Wissen Sie auch, was Lisa mir war, war und ist? War und ist!“ stieß er plötzlich wie außer sich hervor. „Doch ... He! Davon später, alles später ... Jetzt genügt mir das nicht mehr, daß Sie mit mir getrunken haben, Alexei Iwanowitsch, ich bedarf jetzt einer anderen Genugtuung ...“

Er legte seinen Hut auf den Stuhl und sah ihn wie vorhin mit verhaltenem Atem an.

„Küssen Sie mich, Alexei Iwanowitsch,“ sagte er plötzlich.

„Betrunken sind Sie!“ rief Weltschaninoff, unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.

„Ich bin betrunken, aber küssen Sie mich trotzdem, Alexei Iwanowitsch. Nun, küssen Sie mich! Habe ich Ihnen doch soeben noch die Hand geküßt!“

Weltschaninoff schwieg eine Weile, und wußte nicht, was er sagen, noch denken sollte. Doch plötzlich beugte er sich zu Pawel Pawlowitsch herab, der ihm fast nur bis an die Schulter reichte, und küßte ihn auf den Mund, von dem ein starker Weinduft ausging. Übrigens war er selbst nicht ganz sicher, ob er die Lippen wirklich berührt hatte.

„Nun, jetzt aber, jetzt ...“ rief in betrunkener Ekstase Pawel Pawlowitsch und in seinen stieren Augen blitzte es auf, „jetzt hören Sie! Ich fragte mich damals: ‚Sollte auch er? ... Wenn auch er,‘ dachte ich, ‚wenn auch er, wem kann man dann überhaupt noch trauen!‘“

Und Pawel Pawlowitsch brach plötzlich in Tränen aus.

„Begreifen Sie nun, was für ein Freund Sie mir damit geblieben sind?! ...“

Und damit griff er nach seinem Hut und lief aus dem Zimmer.

Weltschaninoff stand wieder minutenlang auf einem Fleck mitten im Zimmer, ganz wie nach dem ersten Besuch Pawel Pawlowitschs.

„Eh, ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ sagte er sich endlich ärgerlich.

„Entschieden nichts weiter!“ bekräftigte er nochmals energisch, nachdem er sich bereits entkleidet hatte, während er sich auf seinem Schlafdiwan ausstreckte.

VIII. Lisas Krankheit.

Am nächsten Morgen wartete Weltschaninoff in eigentümlicher Stimmung auf Pawel Pawlowitsch, der ihm noch ausdrücklich versprochen hatte, rechtzeitig bei ihm vorzusprechen, um sich mit ihm zu Pogorjelzeffs zu begeben. Weltschaninoff ging im Zimmer auf und ab, trank dazwischen schluckweise seinen Kaffee, rauchte und gestand sich jeden Augenblick, daß er einem Menschen gleiche, der am Morgen erwacht ist und nun immerwährend daran denken muß, daß er am Abend vorher eine Ohrfeige erhalten hat.

„Hm! ... er begreift nur zu gut, um was es sich dabei handelt, und wird sich durch Lisa an mir rächen!“ dachte er fast angstvoll.

Der ganze rührende Eindruck, den das bleiche traurige Kind auf ihn gemacht hatte, erwachte wieder in ihm und sein Herz begann schneller zu schlagen bei dem Gedanken, daß er heute noch, schon bald, schon nach zwei Stunden seine Lisa wiedersehen werde.

„Ach, wozu da viel Worte verlieren!“ meinte er plötzlich und schlug sich energisch die Sorgen aus dem Kopf. „Jetzt ist das mein Lebensinhalt, mein Ziel! Was sind dagegen all die Ohrfeigen und Erinnerungen, was gehen die mich an! ... Wozu habe ich bisher überhaupt gelebt? Was war mein ganzes Leben? Unordnung und Trübsal ... jetzt aber – wird alles anders werden, alles ganz anders!“

Trotz seiner gehobenen Stimmung kamen aber doch immer wieder trübe, bange Gedanken, die ihm Sorgen machten.

„Er will mich mit Lisa quälen – das ist klar! Er wird mich noch krank machen! Und Lisa gleichfalls. Ja, das ist es, auf diese Weise will er mir dann alles heimzahlen. Hm! ... jedenfalls darf ich ihm solche Ausfälle wie gestern abend nicht wieder erlauben,“ sagte er sich plötzlich und errötete bei dem Gedanken an den Abend, „und ... aber was ist denn das, er kommt ja noch immer nicht und die Uhr geht schon auf zwölf!“

Er wartete und wartete – wartete bis halb eins, und seine Stimmung wurde immer gedrückter. Pawel Pawlowitsch erschien nicht. Schließlich sagte er sich – dieser Gedanke hatte sich übrigens schon ein paarmal in ihm zu regen begonnen, – daß er gewiß absichtlich nicht kommen werde, und zwar einzig deshalb nicht, um ihn, ganz wie gestern, nochmals „zum Narren“ zu halten. Das aber brachte ihn dann endgültig auf.

„Er weiß, daß ich von ihm abhängig bin! Aber was wird jetzt mit Lisa geschehen? Wie kann ich ohne ihn hinfahren?“

Um ein Uhr hielt er das Warten nicht mehr aus und fuhr zu Pawel Pawlowitsch. Dort erfuhr er, daß dieser überhaupt nicht in seiner Wohnung geschlafen habe und erst um neun Uhr morgens auf ein Viertelstündchen nach Haus gekommen sei – um dann wieder fortzugehen, ohne zu sagen, wohin. Weltschaninoff stand vor des Abwesenden Zimmer, während die Stubenmagd ihm das alles erzählte, und bewegte ganz gedankenlos die Klinke der verschlossenen Tür, drückte, zog und rüttelte an ihr – alles ganz mechanisch. Plötzlich kam er aus seiner Gedankenversunkenheit zu sich, unterdrückte einen Fluch, ließ die Klinke fahren und bat, ihn zu Marja Ssyssojewna zu führen. Doch diese hatte ihn schon gehört und kam ihm selbst entgegen.

Marja Ssyssojewna war ein gutmütiges Frauenzimmer, „ein Weib mit vernünftigen Anschauungen“, wie sich Weltschaninoff zu Klawdia Petrowna über sie äußerte. Sie fragte zuerst, wie er denn das „Mädchen hingebracht“ habe, begann dann aber sogleich und ganz unaufgefordert von Pawel Pawlowitsch zu erzählen. Nach ihren Worten hätte sie ihn „schon längst vor die Tür gesetzt“, wenn nicht das Mädchen bei ihm gewesen wäre. „Ist er doch auch aus dem Gasthof deshalb hinausgejagt worden, weil er es dort gar zu unanständig getrieben hat. Nu, ist es denn nicht eine wahre Schande, wenn er nachts ein liederliches Frauenzimmer mitbringt, während das Kindchen doch schon was begreifen kann! Und dabei schreit er noch: ‚Sieh, das hier wird deine Mutter sein, wenn ich es will!‘ Und was glauben Sie, er trieb es doch so, daß selbst diese Person, was sie da auch ist, ihm ins Gesicht spie. Und der Kleinen schreit er zu: ‚Du bist nicht meine Tochter, bild’ du dir nur das nicht ein! Ein ... bist du!‘“

Weltschaninoff fuhr zusammen bei diesem gemeinen Wort.

„Nicht möglich!“ stieß er ganz entsetzt hervor.

„Ich habe es selbst gehört. Er war ja wohl betrunken, als er das sagte, also nicht bei klarem Bewußtsein, aber immerhin ist das doch nichts für Kinderchen: wenn auch das Mädchen noch klein ist, begreifen tut es doch schon was, und es behält doch solche Wörter und denkt darüber nach und macht sich seine eigenen Gedanken! Und immer weinte das Mädchen, ganz krank hatte er es gemacht. Und vor ein paar Tagen noch, da war hier im Hause ein Verbrechen geschehen: ein Kommissar, oder was da die Leute sagten, hatte im Gasthof am Abend ein Zimmer genommen und gegen Morgen sich dann erhängt. Er soll fremdes Geld durchgebracht haben, heißt es. Nu, alles lief natürlich hin! Pawel Pawlowitsch war wieder nicht zu Hause und das Kindchen hatte er ohne Aufsicht zurückgelassen. Da sehe ich: auch das Mädchen steht dort unter all den Leuten im Korridor und guckt auch auf den Erhängten – so, wissen Sie, mit solchen Augen! Ich brachte sie schnell von dort fort, hierher zu mir. Aber was glauben Sie wohl, sie zitterte wie’n Espenblatt, ganz blau war sie im Gesicht, und kaum hatte ich sie wieder hier, da fiel sie auch schon hin und lag in Krämpfen. Ich hatte zu tun, daß sie wieder zu sich kam! Gott weiß, was das nu war – Fallsucht oder Kinderkrämpfchen oder was – aber seit der Zeit fing sie an zu kränkeln. Als er es dann erfuhr, am Abend, nachdem er zurückgekommen, da begann er von neuem, sie zu kneifen – denn er schlug sie ja nicht, er kniff gewöhnlich nur, – darauf soff er sich natürlich wieder voll, am selben Abend noch, kam wieder zurück, na, und da ging’s dann los mit dem Bangemachen: ‚Ich werde mich ebenso aufknüpfen, deinetwegen werde ich mich aufhängen,‘ sagte er, ‚an dieser selben Schnur‘ – dort, die vom Rouleau, sagt’ er, an dieser Schnur werde er sich aushängen. Und er machte sogar die Schlinge fertig, alles vor ihren Augen! Und die zittert sowieso schon, daß Gott erbarm’, und weiß nicht, wo sie sich lassen soll – schreit und weint und klammert sich mit ihren Ärmchen an ihn und jammert nur noch: ‚Ich werde nicht, ich werde nicht!‘ Daß Gott erbarm’!“

Weltschaninoff hatte sich zwar auf manches Seltsame gefaßt gemacht, diese Mitteilungen aber machten ihn so betroffen, daß er seinen Ohren nicht trauen wollte. Marja Ssyssojewna erzählte ihm noch vieles andere. Einmal zum Beispiel hätte sich Lisa „um ein Haar“ aus dem Fenster gestürzt, wenn sie, Marja Ssyssojewna, nicht dazwischen gekommen wäre.

Fast wie ein Betrunkener verließ er ihr Zimmer: „Ich werde ihn totschlagen, mit einem Knüppel totschlagen, wie einen Hund!“ fuhr es ihm durch den Kopf und lange noch wiederholte er in Gedanken diese Worte, als könnten sie ihn beruhigen.

Er nahm einen Wagen und fuhr zu Pogorjelzeffs. Doch noch war er aus der Stadt nicht hinausgefahren, als der Wagen plötzlich an einer Straßenkreuzung bei einer Kanalbrücke, über die sich ein langer Leichenzug bewegte, halten mußte. An beiden Enden der Brücke wurde der Verkehr dadurch aufgehalten und die Zahl der wartenden Gefährte wuchs mit jedem Augenblick. Fußgänger blieben schaulustig stehen und drängten sich näher. Es war ein vornehmes Begräbnis und die Reihe der nachfolgenden Equipagen daher sehr lang. Und plötzlich war es Weltschaninoff, als habe er in einem der Kutschenfenster das Gesicht Pawel Pawlowitschs erblickt. Einen Moment hielt er es für eine Täuschung, und er hätte seinen Augen auch wohl nicht getraut, – wenn nicht Pawel Pawlowitsch selbst seinen Kopf zum Fenster hinausgesteckt und ihm lächelnd zugenickt hätte. Offenbar war er riesig froh darüber, daß er Weltschaninoff erblickt und erkannt hatte, ja, er winkte ihm zum Gruß sogar mit der Hand. Weltschaninoff sprang aus dem Wagen und drängte sich trotz der Menge, der Schutzleute und ungeachtet dessen, daß Pawel Pawlowitschs Equipage bereits auf die Brücke fuhr, an den Wagenschlag heran. Pawel Pawlowitsch saß allein in seiner Kutsche.

„Was fällt Ihnen ein!“ schrie Weltschaninoff, „weshalb sind Sie nicht gekommen? Wie kommen Sie hierher?“

„Ich erweise dem Toten die letzte Ehre – schreien Sie nicht, schreien Sie nicht – ich muß meine Schuld tilgen!“ erwiderte Pawel Pawlowitsch kichernd und mit vergnügtem Zwinkern. „Ich geleite die irdischen Überreste meines aufrichtigen Freundes Stepan Michailowitsch!“

„Blödsinn! Betrunken sind Sie, verrückt!“ schrie Weltschaninoff, der im ersten Augenblick etwas gestutzt hatte. „Sie steigen sofort aus und setzen sich in meinen Wagen, sofort!“

„Ich kann nicht, meine Pflicht ...“

„Ich ziehe Sie am Kragen heraus und schleppe Sie hin!“ schrie Weltschaninoff.

„Aber ich werde schreien, ich werde schreien!“ kicherte mit derselben Vergnügtheit Pawel Pawlowitsch, ganz als scherze man nur mit ihm, zog sich jedoch in den fernsten Winkel der Kutsche zurück ...

„Achtung! Heda! Aufgepaßt!“ rief der Schutzmann.

In der Tat hatte, als der Wagen von der Brücke herabfuhr, eine fremde Kutsche die Reihe des Leichenzuges durchbrochen, was eine große Verwirrung und ein noch gefährlicheres Gedränge hervorrief. Weltschaninoff war gezwungen, zur Seite zu springen, und andere Kutschen und die Volksmenge drängten ihn noch weiter fort. Vor Ärger spie er aus und kehrte zu seinem Wagen zurück.

„Gleichviel, in diesem Zustande hätte man ihn doch nicht hinbringen können!“ suchte er sich zu beruhigen, aber er wurde trotzdem eine gewisse erregende Verwunderung nicht los.

Als er Klawdia Petrowna die Mitteilungen Marja Ssyssojewnas wiedergegeben und von der Begegnung unterwegs erzählt hatte, wurde sie sehr nachdenklich.

„Ich muß gestehen, daß ich für Sie fürchte,“ sagte sie, „Sie müssen jede Beziehung zu ihm abbrechen, je früher, um so besser.“

„Ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ rief Weltschaninoff heftig. „Das fehlte noch, daß ich den zu fürchten beginne! Und wie soll ich denn die Beziehungen zu ihm abbrechen – Sie vergessen Lisa! Denken Sie doch an Lisa!“

Und nun hörte er erst, daß Lisa ernstlich erkrankt sei. Seit dem Abend war das Fieber bedeutend gestiegen und man erwartete mit Ungeduld einen hervorragenden Arzt aus der Stadt, nach dem man schon in aller Frühe geschickt hatte. Diese Nachrichten gaben Weltschaninoff natürlich noch den Rest! Klawdia Petrowna führte ihn zur Kranken.

„Ich habe sie gestern aufmerksam beobachtet,“ sagte sie zu ihm, bevor sie ins Krankenzimmer traten. „Sie ist ein stolzes und düsteres Kind; sie schämt sich, daß sie bei uns ist und daß der Vater sie verlassen hat. Es ist das, meiner Meinung nach, die ganze Ursache ihrer Krankheit.“

„Wieso verlassen? Weshalb glauben Sie, daß er sie verlassen habe?“

„Nun schon – ich meine die Tatsache, daß er sie so ohne weiteres in ein fremdes Haus hat bringen lassen und noch dazu von einem Menschen ... der doch fast fremd ist – oder wenigstens ...“

„Aber ich habe sie ihm doch selbst fortgenommen, einfach mit Gewalt fortgenommen! Ich finde nicht, daß ...“

„Ach, mein Gott, aber Lisa, das Kind, findet es! Und von ihm – nun, von ihm glaube ich, daß er überhaupt nicht kommen wird.“

Lisa war durchaus nicht erstaunt, als sie Weltschaninoff ohne den Vater erblickte. Sie lächelte nur traurig und wandte ihr fieberglühendes Gesichtchen zur Wand. Auf die fast schüchternen Trostversuche Weltschaninoffs und auf seine eifrigen Versicherungen, daß er morgen unter allen Umständen den Vater zu ihr bringen werde, antwortete sie nichts. Als er sie endlich verließ und die Tür des Krankenzimmers hinter sich schloß, brach er plötzlich in Tränen aus.

Der Arzt kam erst gegen Abend. Nachdem er die Kleine untersucht hatte, äußerte er sich zum Schrecken aller dahin, daß da wohl überhaupt nichts mehr zu machen sei. Als man ihm sagte, daß die Kleine erst am Abend vorher erkrankt sei, wollte er es zunächst gar nicht glauben.

„Alles hängt jetzt nur davon ab,“ meinte er schließlich, „wie sie diese Nacht überstehen wird.“ Darauf traf er noch seine Anordnungen und verabschiedete sich, mit dem Versprechen, am nächsten Morgen möglichst früh wiederzukommen. Weltschaninoff wollte unbedingt zur Nacht bei ihnen bleiben, doch Klawdia Petrowna bat ihn, noch einmal den Versuch zu machen, „diesen Unmenschen“ dazu zu bewegen, zu seiner kranken Tochter zu kommen.

„Noch einmal?“ stöhnte Weltschaninoff. „Ja!! Ich werde ihn binden, ich werde ihn knebeln, und wenn ich ihn auch auf meinen Armen herschleppen müßte –!“

Der Gedanke, Pawel Pawlowitsch „zu binden und zu knebeln“ und mit Gewalt zu Pogorjelzeffs zu bringen, bemächtigte sich seiner in dem Maße, daß er vor Ungeduld, es buchstäblich so auszuführen, ganz nervös wurde.

„In nichts, in nichts fühle ich mich jetzt noch ihm gegenüber schuldig!“ sagte er beim Abschied zu Klawdia Iwanowna. „Ich leugne alles, was ich da gestern an Sentimentalitäten gesagt habe,“ fügte er im größten Unwillen über sich selbst hinzu.

Lisa lag mit geschlossenen Augen im Bettchen und schien zu schlafen. Es war möglich, daß eine Besserung eintrat. Als Weltschaninoff sich behutsam zu ihr niederbeugte, um zum Abschied wenigstens die Spitzen ihrer blonden Haare zu küssen, schlug sie plötzlich die Augen auf, als habe sie nur auf ihn gewartet, und flüsterte:

„Bringen Sie mich fort!“

Es war eine stille, traurige Bitte, ohne jede Spur von dem früheren Eigensinn und Trotz, doch gleichzeitig klang aus ihr eine unendliche Hoffnungslosigkeit, als wisse sie selbst, daß man ihre Bitte unter keiner Bedingung erfüllen werde. Und kaum begann Weltschaninoff, dem die Verzweiflung die Kehle zuschnürte, alles zu erklären, mit dem trostlosen Versuch, sie davon zu überzeugen, daß es jetzt wirklich nicht möglich sei, da schloß sie ganz still wieder die Augen und sagte kein Wort weiter, als höre sie nichts und als habe sie nichts gewollt.

Als Weltschaninoff in die Stadt zurückgekehrt war, ließ er sich sogleich zum Gasthof in der Nähe der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte fahren. Es war bereits zehn Uhr. Pawel Pawlowitsch war aber noch nicht zurückgekehrt. Weltschaninoff wartete auf ihn eine halbe Stunde, die er damit zubrachte, daß er in krankhafter Ungeduld im Korridor auf- und abging. Marja Ssyssojewna versicherte ihm zu guter Letzt, daß Pawel Pawlowitsch erst am Morgen, frühestens bei Tagesanbruch, zurückkehren werde.

„Nun gut, dann werde auch ich bei Tagesanbruch wieder hier sein!“ entschied Weltschaninoff und begab sich in größter Erregung nach Hause.

Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, noch bevor er seine Wohnung betreten hatte, von Mawra erfuhr, daß der „gestrige Gast“ bereits seit zehn Uhr auf ihn warte.

„Auch Tee hat der Herr oben getrunken und auch nach Wein hat er geschickt, nach demselben, den ich gestern brachte. Einen Fünfrubelschein gab er mir.“

IX. Das Gespenst.

Pawel Pawlowitsch hatte es sich äußerst bequem gemacht. Er saß im Lehnstuhl, rauchte Zigaretten und hatte sich gerade das vierte und letzte Glas aus der Flasche eingeschenkt. Die Teekanne und das nur halbvolle Teeglas standen neben ihm auf dem Tisch. Sein gerötetes Gesicht leuchtete vor Gutmütigkeit. Er hatte sogar seinen Frack abgelegt und saß ganz sommerlich in Hemdsärmeln.

„Verzeihen Sie, teuerster Freund!“ rief er aus, als er Weltschaninoff erblickte, und er sprang sogleich auf, um den Frack wieder anzuziehen. „Ich zog ihn aus zwecks größtmöglichster Genußfähigkeit – wollte die Situation hier ganz auskosten –“

Weltschaninoff trat drohend auf ihn zu. „Sind Sie ganz betrunken? Oder kann man mit Ihnen noch reden?“

Pawel Pawlowitsch schien etwas bange zu werden.

„Nein, noch nicht ganz ... Ich gedachte des Entschlafenen ... aber noch nicht ganz ...“

„Werden Sie mich verstehen?“

„Zu dem Zweck bin ich ja hergekommen, um Sie zu verstehen.“

„Schön, dann beginne ich ohne weiteres damit, daß ich Ihnen sage, was Sie sind: – eine nichtswürdige Canaille sind Sie!“ schrie ihn Weltschaninoff mit zornbebender Stimme an.

„Wenn Sie damit schon beginnen, womit werden Sie dann enden?“ versetzte Pawel Pawlowitsch, der doch recht eingeschüchtert aussah, mit dem leisen Versuch zu protestieren. Weltschaninoff aber schrie weiter, ohne auf ihn zu hören:

„Ihre Tochter liegt im Sterben, sie ist krank, – haben Sie sie bereits verlassen oder wollen Sie sie erst noch verlassen?“

„Stirbt sie wirklich schon?“

„Sie ist krank, schwer krank, sehr gefährlich krank!“

„Vielleicht nur so Anfälle ...“

„Reden Sie keinen Unsinn! Sie ist ü–ber–aus gefährlich krank! Allein schon deshalb hätten Sie hinfahren müssen, um ...“

„Um meinen Dank auszusprechen, ich verstehe, um für die freundliche Aufnahme meinen Dank auszusprechen. Ich verstehe sehr wohl. Alexei Iwanowitsch, bester, teuerster!“ flehte er ihn plötzlich an und ergriff mit beiden Händen Weltschaninoffs Hand, um ihn dann fast unter Tränen und in trunkener Gerührtheit, wie um Verzeihung bittend, zu beschwören: „Alexei Iwanowitsch, schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, Alexei Iwanowitsch! Wenn ich sterbe, wenn ich jetzt gleich, betrunken wie ich bin, in die Newa falle und ertrinke – dann könnte ich’s doch auch nicht tun, also was will denn das besagen? Zu Herrn Pogorjelzeff werden wir ja immer noch zeitig genug kommen ...“

Weltschaninoff horchte auf und nahm sich ein wenig zusammen.

„Sie sind betrunken, ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen,“ versetzte er streng. „Ich bin jederzeit bereit, mich mit Ihnen auszusprechen, es wäre mir sogar lieber, wenn es schneller geschehe ... Ich fuhr auch in dieser Absicht ... Doch vor allen Dingen lassen Sie es sich gesagt sein, daß ich jetzt Maßregeln ergreifen werde: Sie werden hier bei mir übernachten! Und morgen früh setze ich Sie in den Wagen und fahre mit Ihnen hin. Glauben Sie nicht, daß ich Sie entwischen lasse!“ – Seine Selbstbeherrschung ließ wieder nach. „Ich werde Sie binden, zum Knoten werde ich Sie binden und mit dieser Faust hinschleppen! ... Wird Ihnen dieser Diwan bequem genug sein?“ brach er kurz ab, den Atem anhaltend, und eine kurze Handbewegung wies auf den breiten, weichen Diwan, der dem anderen, auf dem er selbst zu schlafen pflegte, an der entgegengesetzten Wand gegenüberstand.

„Aber ich bitte Sie, ich kann ja gleichviel wo ...“

„Nein, nicht gleichviel wo, sondern auf diesem Diwan! ... Nehmen Sie, – hier haben Sie eine Decke, ein Kissen, Bettücher ...“ Weltschaninoff nahm alles Nötige aus seinem Schrank und warf es Pawel Pawlowitsch zu, der gehorsam die Hand ausstreckte und eines nach dem anderen in Empfang nahm. „Machen Sie sich sofort Ihr Nachtlager zurecht! Nun, wird’s bald? So–fort, sage ich Ihnen!“

Pawel Pawlowitsch stand ganz bepackt und wie in ratloser Unentschlossenheit mitten im Zimmer, ein breites, betrunkenes Lächeln auf dem betrunkenen Gesicht; als Weltschaninoff ihn jedoch zum zweitenmal wahrhaft unheilverkündend anschrie, da fuhr er zusammen und stürzte in größter Hast zum Diwan, um Hals über Kopf dem Befehl nachzukommen: er schob den Tisch zur Seite und bemühte sich, vor Anstrengung fast ächzend, als käme er mit dem Atem zu kurz, die schwierige Prozedur auszuführen und die Bettücher auszubreiten. Weltschaninoff trat zu ihm, um ihm zu helfen: der Gehorsam und der Schreck seines Gastes gefielen ihm – er war zum Teil ganz zufrieden mit der Wirkung seiner Wut.

„Trinken Sie Ihr Glas aus und legen Sie sich dann hin!“ kommandierte er wieder: er fühlte es ganz deutlich, daß er jetzt überhaupt nicht anders zu reden vermochte, als in Befehlen. „Haben Sie selbst nach dem Wein geschickt?“

„Ich selbst ... Ich wußte, daß Sie, Alexei Iwanowitsch, jetzt nicht mehr nach ihm schicken würden.“

„Das ist gut, daß Sie es wußten, nur sollen Sie jetzt noch mehr wissen. Ich erkläre Ihnen hiermit noch einmal, daß ich weiß, was ich zu tun habe: Ihre Faxen werde ich nicht mehr dulden, Ihre betrunkenen Küsse verbitte ich mir ein für allemal!“

„Ich begreife doch selbst, Alexei Iwanowitsch, daß das überhaupt nur einmal möglich war,“ meinte Pawel Pawlowitsch mit einem halben Lächeln.

Weltschaninoff, der im Zimmer auf und ab schritt, blieb plötzlich mit einer gewissen Feierlichkeit vor ihm stehen.

„Pawel Pawlowitsch, sprechen Sie sich einmal offen aus! Sie sind schlau, ich gebe es zu, aber ich versichere Ihnen, daß Sie sich auf einem falschen Wege befinden! Reden Sie offen, handeln Sie offen, seien Sie ehrlich – und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen auf alles Rede stehen werde, auf alles!“

Pawel Pawlowitsch lächelte wieder sein langes zweideutiges Lächeln, das allein schon genügte, um Weltschaninoff aus der Haut zu bringen.

„Warten Sie!“ schrie er ihn wieder an. „Sparen Sie sich die Mühe, sich zu verstellen, ich durchschaue Sie ja doch! Ich sage Ihnen nochmals: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich bereit bin, Ihnen jede Frage zu beantworten, hören Sie, jede! – und Ihnen soll jede nur mögliche Genugtuung gewährt werden, verstehen Sie, jede! – jede sogar unmögliche, wenn Sie wollen! O, was würde ich darum geben, wenn Sie mich richtig verstanden! ...“

„Wenn Sie nun einmal so gut sind,“ näherte sich ihm vorsichtig Pawel Pawlowitsch, „so, sehen Sie, interessiert mich das sehr, was Sie gestern vom Raubtier-Typ sagten ...“

Weltschaninoff wandte sich brüsk von ihm ab und nahm nervös wieder seinen Gang durch das Zimmer auf, nur weit schneller und wie von innerer Unruhe getrieben.

„Nein, Alexei Iwanowitsch, seien Sie nicht böse, denn das ist für mich von großem Interesse und ich bin gerade deshalb hergekommen, um mich zu vergewissern ... Meine Zunge ist jetzt etwas steif, doch Sie müssen es mir schon verzeihen. Ich habe ja von diesen ‚Raubtieren‘ und vom ‚zahmen‘ Typus selbst was in einer Zeitschrift gelesen, in irgendeiner Kritik, das fiel mir heute morgen wieder ein ... nur habe ich vergessen, was es war, oder aufrichtig gesagt, ich habe es auch damals nicht verstanden. Ich wollte nämlich gerade nur eines feststellen: der verstorbene Stepan Michailowitsch Bagontoff – war der nun einer von den wilden oder zahmen? Was meinen Sie?“

Weltschaninoff schwieg immer noch und setzte seinen Gang fort.

„Zum Raubtier-Typ gehört derjenige Mensch,“ sagte er, plötzlich stehen bleibend und in maßloser Wut, „der Bagontoff eher vergiftet hätte, wenn er mit ihm ‚Champagner trank und zur Feier des angenehmen Wiedersehens anstieß,‘ wie Sie ihn gestern mit mir tranken, der aber seinem Sarge nicht auf den Friedhof folgt, wie Sie ihm heute gefolgt sind – unter weiß der Teufel was für geheimen und gemeinen Verstellungen und Absichten, die nur Sie selbst, aber keinen anderen, beschmutzen! Nur Sie selbst!“

„Das stimmt, daß er nicht gefahren wäre,“ bestätigte Pawel Pawlowitsch, „nur verstehe ich noch nicht, wie Sie denn so auf mich ...“

„Das ist nicht derjenige Mensch,“ fuhr Weltschaninoff zornbebend fort, ohne auf ihn zu hören, „nicht derjenige, der sich Gott weiß was alles zusammenreimt, Recht und Unrecht mathematisch berechnet und die ihm angetane Beleidigung wie eine Schulaufgabe auswendig hersagen kann, so gut hat er sie erlernt, und der sich dann mit ihr herumschleppt, sich verstellt und entstellt und den Leuten auf dem Halse sitzt – und – seine ganze Zeit nur darauf verschwendet! Ist es wahr, daß Sie sich haben erhängen wollen? Ist das wahr?“

„In der Betrunkenheit vielleicht – vielleicht irgend mal was geschwatzt – ich entsinne mich nicht mehr. Für unsereins, Alexei Iwanowitsch, schickt sich das nicht, Gift hineinzumischen. Ganz abgesehen davon, daß man ein gut angeschriebener Beamter ist, besitzt man doch auch ein Kapital, und vielleicht will man sogar nochmals heiraten.“

„Ja und außerdem würde man für das Gift zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien verschickt werden.“

„Nun ja, sehen Sie, und dann auch noch diese Unannehmlichkeit, obschon die Gerichte heutzutage für alles mildernde Umstände gelten lassen. Doch ich will Ihnen, Alexei Iwanowitsch, eine höchst spaßige Geschichte erzählen, vorhin im Wagen fiel sie mir wieder ein – ich wollte sie Ihnen, das nahm ich mir gleich vor, unbedingt mitteilen. Sie sprachen soeben von ... von: ‚den Leuten auf dem Halse sitzen‘. Sie erinnern sich vielleicht noch Ssemjon Petrowitsch Liwzoffs, – er hat uns zu Ihrer Zeit in T. besucht. Nun, sein jüngerer Bruder, der gleichfalls für einen Petersburger Kavalier galt, war nach W. zum Dienst beim Gouverneur abkommandiert und zeichnete sich dito durch verschiedene Eigenschaften glänzend aus. Einmal geriet nun dieser junge Mann mit dem Obersten Golubenko in Streit: es war in einer Gesellschaft und in Anwesenheit von Damen, unter denen sich auch die Dame seines Herzens befand. Er fühlte sich beleidigt, steckte aber die Beleidigung ruhig ein und ließ niemanden etwas merken. Golubenko aber machte ihm inzwischen die Dame seines Herzens abspenstig und hielt um ihre Hand an. Und was glauben Sie wohl, was dieser Liwzoff darauf tut? – Er wird Golubenkos bester Freund, als wäre nie das Geringste zwischen ihnen vorgefallen, und drängt sich ihm noch als Hochzeitsmarschall[9] auf! Richtig, in der Kirche stand er neben ihm, und als man aus der Kirche zurückgekehrt war und die Gratulationscour begann, trat er auf ihn zu, sprach seinen Glückwunsch aus und küßte ihn, und im selben Augenblick, wie er dort war und stand, im Frack und geschniegelt und gestriegelt und inmitten der ganzen glänzenden Gesellschaft – auch der Gouverneur war zugegen – sticht er dem Golubenko plötzlich einen Dolch in den Leib, daß dieser wie vom Blitz getroffen taumelt und hinfällt! Sein eigener Hochzeitsmarschall! Unerhört doch! Aber das ist alles noch nichts! Die Hauptsache kommt erst: Kaum hatte er jenen niedergestochen, da ringt er schon die Hände und schreit und jammert wie verzweifelt: ‚Was hab ich getan! Ach, was hab ich getan!‘ Und er weint und zittert am ganzen Körper, und wirft sich schluchzend allen an den Hals, sogar den Damen, und jammert immer weiter: ‚Ach, was hab ich getan, was hab ich jetzt getan!‘ – Hehehe! Zum Totlachen. Nur, daß einem der arme Golubenko leid tun kann – übrigens ist er wieder gesund geworden.“

„Ich verstehe nicht, zu welchem Zweck Sie mir das erzählt haben,“ sagte Weltschaninoff, dessen Gesicht sich verfinstert hatte, in abweisendem Tone.

„Nun, weil er doch immerhin mit dem Dolch gestochen hat,“ grinste Pawel Pawlowitsch. „Man sieht doch, daß er ganz gewiß nicht zu jenem Typ gehört. Ein Lappen war er, ein Rotzbengel, wenn er vor lauter Angst jeden Anstand vergessen und sich in Gegenwart des Gouverneurs den Damen an den Hals werfen konnte – aber er hat doch gestochen, hat’s doch fertig gebracht! Nur das war es, was ich meinte.“

„Packen Sie sich zum Teufel!“ schrie plötzlich Weltschaninoff mit einer Stimme, die ganz fremd und heiser klang – fast als hätte ihn jemand gewürgt. „Scheren Sie sich zum Henker mit Ihrem Schmutz, Sie gemeiner Mensch! – Läßt sich einfallen, mich schrecken zu wollen! – Sie Kinderquälgeist, Sie gemeines Subjekt! Sie Schuft, Sie Schuft, Sie Schuft!“ schrie er, bebend, atemlos vor Wut, und kaum noch seiner Sinne mächtig.

Pawel Pawlowitsch fuhr zusammen und alle Sehnen schienen sich in ihm zu spannen: selbst die letzte Spur vom Rausch war im Nu verflogen – seine Lippen bebten.

„Wie, – mich nennen Sie einen Schuft, Alexei Iwanowitsch, Sie – mich?“

Doch Weltschaninoff war bereits zu sich gekommen.

„Ich bin bereit, mich zu entschuldigen,“ sagte er nach kurzem, finsterem Schweigen, „aber nur in dem Fall, wenn Sie selbst, und zwar sogleich offen und ehrlich vorgehen wollen.“

„Ich würde mich an Ihrer Stelle in jedem Fall entschuldigen, Alexei Iwanowitsch.“

„Nun gut,“ willigte Weltschaninoff nach kurzem Schweigen ein, „ich bitte Sie um Entschuldigung. Aber Sie werden doch selbst einsehen, Pawel Pawlowitsch, daß ich mich nach alledem Ihnen gegenüber in nichts mehr verpflichtet zu halten brauche, hören Sie, in nichts mehr, – ich spreche von allem, und nicht nur von diesem einen Zwischenfall soeben.“

„Schon gut, darauf kommt es nicht an!“ meinte Pawel Pawlowitsch mit kaum merklichem Lächeln, wobei er übrigens zu Boden sah.

„Nun, dann – um so besser! ... Trinken Sie Ihren Wein aus und legen Sie sich hin, ich werde Sie trotzdem nicht fortlassen ...“

„Ja was ... der Wein ...“ Pawel Pawlowitsch schien ein wenig verwirrt zu sein, trat aber doch an den Tisch und nahm das Glas mit dem längst eingegossenen Champagner.

Vielleicht hatte er vorher schon viel getrunken und es zitterte deshalb seine Hand, als er das Glas hob: er verschüttete einen Teil des Weines auf den Boden, auf seine Weste und sein Vorhemd, trank aber doch den Rest bis auf den letzten Tropfen aus, ganz als könne er ihn nicht unausgetrunken lassen: und nachdem er dann das leere Glas höflich wieder auf den Tisch gesetzt hatte, ging er gehorsam zum Diwan und begann sich auszukleiden.

„Oder wär’s nicht besser ... nicht hier zu übernachten?“ fragte er plötzlich aus irgendeinem Grunde, indem er den einen Stiefel, den er bereits ausgezogen hatte, unschlüssig in den Händen hielt.

„Nein, das wäre nicht besser!“ versetzte ärgerlich Weltschaninoff, der unermüdlich auf- und abging, ohne ihn anzusehen.

Pawel Pawlowitsch entkleidete sich vollends und legte sich hin. Eine Viertelstunde später ging auch Weltschaninoff zu Bett und löschte das Licht aus.

Ihn überkam ein unruhiger Halbschlummer. Es war ihm, als sei etwas Neues irgendwoher aufgetaucht, das die Sache noch mehr verwickelte, und das beunruhigte ihn; doch gleichzeitig fühlte er und war er sich dessen bewußt, daß er sich dieser Unruhe schämte. Allmählich schlummerte er jedoch ein und lag in einem leichten, wenn auch unruhigen Schlaf. Plötzlich weckte ihn ein Geräusch. Er schlug sogleich die Augen auf und sah hinüber zum anderen Diwan. Es war ganz dunkel im Zimmer – die dunklen Stoffgardinen waren zugezogen – doch schien es ihm, daß Pawel Pawlowitsch nicht lag, sondern sich aufgerichtet hatte und saß.

„Was ist?“ rief Weltschaninoff.

„Ein Schatten ...“ flüsterte nach kurzem Zögern Pawel Pawlowitsch kaum hörbar.

„Was – was für ein Schatten?“

„Dort ... in jenem Zimmer, in der Tür ... es war mir so, als hätte ich dort einen Schatten gesehen.“

„Was für einen Schatten, wovon denn?“

„Von Natalja Wassiljewna.“

Weltschaninoff setzte die Füße auf den Teppich, stand auf und ging selbst zur Tür, um durch den kleinen Korridor in jenes Zimmer zu sehen, dessen Tür immer offen stand. Die Fenster hatten keine dunklen Vorhänge, nur die weißen Rouleaux waren herabgelassen, weshalb es dort bedeutend heller war.

„In diesem Zimmer ist nichts, Sie sind einfach betrunken; legen Sie sich hin!“ sagte Weltschaninoff, kehrte ins Bett zurück und wickelte sich in seine Decke.

Pawel Pawlowitsch sagte kein Wort und legte sich gleichfalls hin.

„Haben Sie früher auch schon solche Schatten gesehen?“ fragte plötzlich Weltschaninoff, nachdem bereits ganze zehn Minuten vergangen waren.

„Einmal war es so wie ... als hätte ich so was gesehen,“ antwortete wieder nach einigem Zögern Pawel Pawlowitsch mit schwacher Stimme.

Darauf trat von neuem Schweigen ein.

Weltschaninoff hätte es nicht bestimmt zu sagen vermocht, ob er wirklich eingeschlafen war oder wieder nur so im Halbschlummer gelegen hatte. Es mochte über eine Stunde vergangen sein – und plötzlich drehte er sich wieder um: war es ein Geräusch, das ihn geweckt hatte, oder was sonst – er wußte es nicht, aber es schien ihm plötzlich, als ob in der vollkommenen Dunkelheit etwas vor ihm stehe, etwas Weißes, noch nicht ganz an seinem Bett, aber doch schon mitten im Zimmer. Er fuhr auf, blieb sitzen und blickte lange Zeit regungslos in das Dunkel, dorthin, wo er meinte, daß etwas sei.

„Sind Sie es, Pawel Pawlowitsch?“ fragte er mit schwacher Stimme.

Und diese Stimme, die plötzlich in der Stille und Dunkelheit erklang, kam ihm selbst fremd vor.

Es erfolgte keine Antwort, doch ein Zweifel daran, daß dort wirklich jemand stand, war für ihn ganz ausgeschlossen.

„Sind Sie es ... Pawel Pawlowitsch?“ wiederholte er lauter, sogar so laut, daß Pawel Pawlowitsch, selbst wenn er auf seinem Diwan ganz fest geschlafen hätte, davon sicherlich aufgewacht wäre und geantwortet haben würde.

Doch wieder blieb alles still – keine Antwort ... dafür schien es ihm aber, daß diese weiße, kaum erkennbare Gestalt sich ihm etwas genähert hatte. Und nun geschah etwas Seltsames: es war ihm, als werde plötzlich irgend etwas in ihm aufgerissen, und so schrie er zitternd, rasend vor Wut, mit einer Stimme, die ihn zu ersticken drohte, fast nach jedem Wort atemlos stockend:

„Wenn Sie ... betrunkener Narr ... nur wagen, zu denken, daß Sie ... mich erschrecken können, so drehe ich mich zur Wand, zieh’ die Decke über und dreh’ mich die ganze Nacht kein einziges Mal nach Ihnen um ... um dir zu beweisen, Lump, wie wenig ich dich fürchte ... und wenn Sie auch bis zum Morgen hier stehen ... Narr Sie ... ich spucke auf Sie! ...“

Und er spie wütend nach der Richtung des vermeintlichen Pawel Pawlowitsch, warf sich hin, drehte sich zur Wand, wickelte sich in die Decke und blieb wie ein Scheintoter regungslos liegen. Totenstille trat ein. Näherte sich nun das Weiße oder stand es noch auf derselben Stelle – er wußte es nicht, doch sein Herz pochte ... pochte ... pochte ... Es vergingen wenigstens ganze fünf Minuten, und plötzlich, keine zwei Schritt von ihm, ertönte die schwache, fast klägliche Stimme Pawel Pawlowitschs:

„Ich, Alexei Iwanowitsch, ich stand nur auf, um ...“ (er nannte einen notwendigen Gegenstand) „zu suchen, ich fand aber dort nichts bei mir ... da wollte ich leise unter Ihrem Bett nachsehen.“

„Weshalb taten Sie denn das Maul nicht auf ... als ich Sie anschrie?“ fragte Weltschaninoff nach kurzem Schweigen mit eigentümlicher Stimme.

„Ich erschrak ... Sie schrien so – plötzlich ... da erschrak ich ...“

„Dort, in der Ecke, links von der Tür, im Nachtschränkchen, zünden Sie das Licht an ...“

„Ich kann ja auch ohne Licht ...“ meinte Pawel Pawlowitsch ganz bescheiden, zur bezeichneten Zimmerecke tappend. „Verzeihen Sie mir, Alexei Iwanowitsch, daß ich Sie so beunruhigt habe ... ich habe doch wohl etwas zu viel getrunken ...“

Weltschaninoff antwortete ihm darauf nichts mehr. Er blieb regungslos so liegen wie er lag und drehte sich während der ganzen Nacht kein einziges Mal auf die andere Seite. Wollte er nun damit seine Verachtung bezeugen oder einfach nur sein Wort halten – das mag dahingestellt sein; er wußte selbst nicht, was in ihm vorging. Seine nervöse Erregung ging in einen seltsamen Traumzustand über und lange konnte er nicht einschlafen.

Am nächsten Morgen erwachte er – als habe ihn jemand gestoßen – gegen zehn Uhr, sprang sogleich auf und setzte sich aufs Bett – doch Pawel Pawlowitsch war verschwunden: nur der leere, unaufgeräumte Diwan stand dort an der Wand, er selbst aber mußte sich wohl schon bei Tagesanbruch aus dem Staube gemacht haben.

„Das konnte ich mir ja denken!“ rief Weltschaninoff aus und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

X. Auf dem Friedhof.

Die Befürchtungen des Arztes gingen in Erfüllung: Lisas Zustand verschlimmerte sich ganz plötzlich und wurde so ernst, wie es Klawdia Petrowna und Weltschaninoff noch tags zuvor gar nicht für möglich gehalten hätten. Als Weltschaninoff am Vormittage kam, war die Kleine zwar noch nicht bewußtlos, doch hatte das Fieber bereits eine beängstigende Höhe erreicht. Weltschaninoff versicherte später, sie habe ihm zugelächelt und das heiße Händchen entgegengestreckt, doch ob sie es wirklich getan oder ob es ihm nur so geschienen hatte, das ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls war er selbst fest davon überzeugt, und diese Überzeugung war ihm ein Trost. Am Abend verlor Lisa das Bewußtsein und in diesem Zustand blieb sie während der ganzen Krankheit. Am zehnten Tage nach ihrer Ankunft auf der Datsche starb sie.

Das waren kummervolle, qualvolle Tage für Weltschaninoff. Den größten Teil dieser schweren Zeit verbrachte er bei Pogorjelzeffs, die sich wirklich ernste Sorgen um ihn machten. In den letzten Tagen saß er oft stundenlang ganz allein irgendwo in einem Winkel und beschäftigte sich mit nichts, dachte auch offenbar an nichts. Klawdia Petrowna trat dann oft zu ihm, um ihn etwas zu zerstreuen, doch er antwortete kaum und die Störung war ihm sichtlich unangenehm. Klawdia Petrowna hätte es nie für möglich gehalten, daß ihm so etwas in dieser Weise nahegehen würde. Nur die Kinder konnten ihn wohl etwas ablenken und zerstreuen und bisweilen sogar zum Lachen bringen – doch in jeder Stunde erhob er sich einmal leise und schlich auf den Fußspitzen an das Bett der kleinen Kranken, um sie zu betrachten. Bisweilen schien es ihm, als erkenne sie ihn – aber wer konnte das mit Bestimmtheit sagen? Hoffnung auf ihre Genesung hatte er nicht und konnte sie auch nicht haben – wußten doch alle, wie es um sie stand; aber von dem Zimmer, in dem sie lag, vermochte er sich nicht zu trennen und so saß er gewöhnlich im Zimmer nebenan.

Notes in this chapter

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