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Sämtliche Werke 21

Der Spieler (continued 2)

E. K. Rahsin translation

„Mein Herr, gestatten Sie die Frage, was das für Geschichten sind, die Sie hier angerichtet haben?“ begann der General.

„Es wäre mir angenehm, General, wenn Sie ohne weiteres zur Sache kommen wollten,“ sagte ich. „Sie wollen wahrscheinlich von meiner heutigen Begegnung mit einem Deutschen reden?“

„Mit einem Deutschen?! Dieser Deutsche ist der Freiherr von Wurmerhelm und eine überaus wichtige Persönlichkeit! Und Sie, Sie haben sich gegen ihn und seine Gemahlin unanständig benommen!“

„Ich wüßte nicht, inwiefern.“

„Sie haben sie erschreckt, mein Herr!“

„Keineswegs. Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Sachverhalt klarlege. Mir klingt noch von Berlin her das deutsche ‚Jawohl‘ in den Ohren, das man dort nach jedem Satz zu hören bekommt und das sie so widerwärtig in die Länge ziehen. Als ich ihnen heute in der Allee begegnete, kam mir plötzlich dieses ‚Jawohl‘ in den Sinn und das wirkte auf mich selbstverständlich aufreizend ... Überdies hat die Baronin, die mir schon dreimal begegnet ist, die Gewohnheit, gerade auf mich zuzugehen, als wäre ich ein Wurm, den man mit dem Fuß zertreten kann. Sie werden doch zugeben, daß auch ich meine Eigenliebe haben kann. Nun und diesmal, als sie wieder tat, als sei die Allee nur für sie geschaffen, zog ich den Hut und sagte höflich – ich versichere Sie, daß ich es mit ausgesuchter Höflichkeit sagte – ‚Madame, j’ai l’honneur d’être votre esclave.‘ Und als der Baron sich darauf nach mir umwandte und einen Nasenton à la ‚Hn‘ hervorstieß – da ritt mich plötzlich der Teufel, ihm dieses wundervolle ‚Jawohl‘ zu sagen. Und so tat ich’s denn auch: das erste Mal ganz gewöhnlich, das zweite Mal jedoch mit ausgesprochener Berliner Dehnung. Und das war alles.“

Ich muß gestehen, daß diese meine kindische Erklärung mir ungeheuren Spaß bereitete. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich die ganze Geschichte plötzlich so unsinnig als möglich darstellen wollte. Und mit jeder weiteren Phrase kam ich mehr in Geschmack.

„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ schrie mich der General an. Und mit einer brüsken Bewegung wandte er sich zu dem Franzosen, um ihm auf französisch lebhaft gestikulierend auseinanderzusetzen, daß ich es entschieden auf Händel abgesehen habe. Der Marquis lächelte geringschätzig, lachte kurz auf und zuckte mit den Achseln.

„Sie sind durchaus im Irrtum,“ unterbrach ich den General, „Händel habe ich weder gesucht, noch suche ich jetzt. Mein Benehmen war natürlich nicht lobenswert, das sehe ich selbst sehr wohl ein und gebe es offen zu. Man kann meine Handlungsweise schlimmstenfalls als dumm, als einen Schuljungenstreich bezeichnen, jedoch – mehr war sie nicht. Und übrigens bereue ich sie aufrichtig. Es spricht aber hier noch ein gewisser Umstand mit, der mich in meinen Augen sogar der pflichtschuldigen Reue enthebt. Ich fühle mich nämlich seit einiger Zeit, seit zwei oder sogar drei Wochen, nicht ganz wohl; ich bin krank, nervös, reizbar, zu allem Phantastischen aufgelegt, und in manchen Augenblicken verliere ich sogar jede Gewalt über mich selbst. Wirklich, ich habe zum Beispiel schon ein paarmal die größte, versichere Sie, die größte Lust verspürt, mich plötzlich an den Marquis de Grillet zu wenden und ... Du reste, brisons-là, es lohnt nicht, alles auszusprechen, und vielleicht könnte es ihn auch kränken. Mit einem Wort, das sind alles Krankheitssymptome. Leider weiß ich nicht, ob die Baronin Wurmerhelm diesen Umstand als Entschuldigungsgrund gelten lassen wird, wenn ich sie um Entschuldigung bitten werde – denn das ist meine Absicht. Ich nehme jedoch an, daß sie sie gelten lassen wird, um so mehr, als die Juristen in letzter Zeit, soviel mir bekannt ist, mit ähnlichen Entschuldigungen sogar schon Mißbrauch treiben. Tatsächlich! Die Rechtsanwälte wenigstens verteidigen bei Kriminalprozessen ihre Klienten, oft die schändlichsten Verbrecher, damit, daß sie im Augenblick der Tat nicht bei vollem Bewußtsein gewesen und daß dieser Zustand eine Art Krankheit sei: ‚Nun ja, er hat erschlagen, weiß aber selbst nichts davon,‘ heißt es. Und was das Unglaublichste dabei ist – die Mediziner geben ihnen noch recht, sie sagen, es gäbe tatsächlich solch einen zeitweiligen Irrsinn. Der Mensch wisse in diesem Zustande so gut wie nichts von dem was er tut, oder wisse es nur halb, oder vielleicht nur zu einem Viertel. Freilich will das in diesem Fall wenig besagen, denn der Baron und die Baronin sind Leute vom alten Schlage, außerdem preußische Junker und Gutsbesitzer. Daher dürfte ihnen dieser Fortschritt im juristischen und medizinischen Leben wohl noch unbekannt sein, womit denn mein Entschuldigungsgrund leider hinfällig wird. Was meinen Sie dazu, General?“

„Genug, mein Herr!“ sagte der General scharf und in verhaltenem Zorn, „genug! Ich sehe mich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen, um mich ein für allemal davon zu befreien, den Folgen Ihrer Schuljungenstreiche ausgesetzt zu sein. Entschuldigen werden Sie sich weder bei der Baronin noch bei dem Baron, denn jede Annäherung Ihrerseits wäre für beide nur eine erneute Beleidigung. Da es dem Baron ein leichtes gewesen ist, zu erfahren, daß Sie zu meinem Hause gehören, hat er mich im Kursaal bereits um eine Erklärung ersucht, und ich will es Ihnen nur gestehen, es fehlte nicht viel, daß er von mir Genugtuung verlangt hätte. Begreifen Sie denn nicht, welchen Unannehmlichkeiten Sie mich ausgesetzt haben, – mich, mein Herr! Ich war gezwungen, den Baron um Entschuldigung zu bitten, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß Sie sogleich, daß Sie noch heute nicht mehr zu meinem Hause gehören werden.“

„Erlauben Sie ... erlauben Sie, General, so hat er selbst unbedingt verlangt, daß ich hinfort nicht mehr zu Ihrem Hause gehöre, wie Sie sich auszudrücken belieben?“

„Nein, das nicht; aber ich hielt es selbst für meine Pflicht, ihm diese Genugtuung zu geben, und der Baron gab sich damit selbstverständlich zufrieden. Also wir gehen auseinander, mein Herr. Sie haben von mir noch diese vier Friedrichsdor und drei Gulden nach hiesigem Gelde zu erhalten. Hier ist das Geld und hier die Rechnung. Sie können sich von ihrer Richtigkeit überzeugen. So, und jetzt – leben Sie wohl. Von nun an sind wir geschiedene Leute. Außer Unannehmlichkeiten und Scherereien habe ich von Ihnen nichts gehabt. Ich werde sogleich den Kellner rufen lassen, und ihm sagen, daß ich von morgen an für Ihre Ausgaben im Hotel nicht mehr einstehe. Habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“

Ich nahm das Geld und das Papier, auf dem mit Bleistift eine Berechnung aufgeschrieben war, machte eine kurze Höflichkeitsverbeugung gegen den General und sagte sehr ernst:

„Damit ist die Sache natürlich nicht abgetan, Exzellenz. Es tut mir sehr leid, daß Sie sich Unannehmlichkeiten ausgesetzt haben, doch – verzeihen Sie – die Schuld daran müssen Sie nur sich selbst zuschreiben. Wie kamen Sie dazu, dem Baron gegenüber die Verantwortung für mich zu übernehmen? Was bedeutet der Ausdruck, daß ich zu Ihrem Hause gehöre? Ich bin oder war nur Lehrer in Ihrem Hause und nichts weiter. Ich bin weder Ihr Sohn noch Ihr Mündel, weshalb niemand Sie für meine Vergehen verantwortlich machen kann. Ich bin eine juridisch selbständige Person, bin fünfundzwanzig Jahre alt, Kandidat der Philosophie, bin Edelmann und Ihnen ein vollkommen Fremder. Nur meine unendliche Achtung für Ihre Verdienste hält mich davon ab, Sie um Rechenschaft zu bitten und ohne weiteres Genugtuung dafür zu verlangen, daß Sie sich anmaßen, für mich eine Verantwortung übernehmen zu wollen.“

Der General war sprachlos vor Verwunderung. Plötzlich kam er zu sich, wandte sich wieder an den Franzosen und begann ihm eilig auseinanderzusetzen, daß ich ihn soeben fast zum Duell gefordert hätte.

Der Franzose brach in schallendes Gelächter aus.

„Und was den Baron betrifft,“ fuhr ich mit vollkommener Kaltblütigkeit fort, ohne mich im geringsten durch das Gelächter verwirren zu lassen, „so habe ich nicht die Absicht, ihm etwas zu schenken. Und da Sie, General, indem Sie die Klagen des Barons anhörten und seine Partei ergriffen, sich gewissermaßen zu einem an dem Vorfall Beteiligten gemacht haben, so erlaube ich mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich nicht später als morgen früh von dem Baron eine Erklärung der Gründe verlangen werde, weshalb er sich in einer Angelegenheit, in der er es ausschließlich mit mir zu tun hatte, an eine andere, eine fremde Person zu wenden vorgezogen, – ganz, als wäre ich unfähig, für mich selbst die Verantwortung zu tragen, oder als wäre es unter seiner Würde, sich an mich zu wenden.“

Was ich vorausgesehen, geschah: Der General erschrak entsetzlich, als er diese neue Dummheit hörte.

„Wie, wollen Sie denn diese verd... Geschichte noch bis in die Unendlichkeit weiterziehen!“ rief er aus. „Aber so bedenken Sie doch, was Sie mir damit antun. Herr des Himmels! Wagen Sie es nur, wagen Sie es nur, mein Herr ... unterstehen Sie sich nicht, oder ... ich schwöre Ihnen! ... Auch hier gibt es eine Obrigkeit und ich ... ich ... mit einem Worte, bei meinem Rang ... und ebenso der Baron ... mit einem Wort, man wird Sie durch die Polizei zu beseitigen wissen, wenn Sie es nicht lassen wollen, Unfug zu treiben! Merken Sie sich das!“

Obschon er vor Zorn ganz außer Atem geriet, so war ihm doch entsetzlich bange geworden.

„General,“ erwiderte ich mit einer Ruhe, die ihm furchtbar auf die Nerven ging, „wegen Unfug verhaften kann man nicht früher als bis der Unfug verübt worden ist. Ich habe meine Auseinandersetzung mit dem Baron noch nicht einmal begonnen, folglich können Sie nicht wissen, in welcher Form und auf welcher Grundlage ich die Sache anfangen werde. Ich wünsche in erster Linie nur die mich beleidigende Annahme ausgeschaltet zu sehen, daß ich mich unter der Vormundschaft einer Person befinde, von der mein freier Wille irgendwie abhängen soll. Sie regen sich ganz unnötigerweise so auf.“

„Um Gottes willen, um Gottes willen, Alexei Iwanowitsch, so geben Sie doch dieses unsinnige Vorhaben auf!“ stotterte der General, plötzlich vom zornigsten Tone in einen fast kläglich flehenden verfallend. Und er ergriff sogar meine Hände. „So bedenken Sie doch, was daraus alles entstehen kann! Doch nichts als neue Unannehmlichkeiten. Sie werden doch einsehen, daß ich mich namentlich jetzt nach außen hin so korrekt als möglich benehmen muß! ... namentlich jetzt! ... Sie ... Sie können doch nicht wissen, in welchen Verhältnissen ich mich augenblicklich befinde! ... Wenn wir diesen Ort hier verlassen haben, werde ich Sie gern wieder engagieren, nur jetzt ... nun, mit einem Wort – Sie begreifen doch, daß es besondere Gründe geben kann, die ich berücksichtigen muß!“ rief er ganz verzweifelt aus. „Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, Alexei Iwanowitsch!“ ...

Ich zog mich zur Tür zurück, bat ihn nochmals aufrichtig sich nicht zu beunruhigen, versprach, daß ich alles tun werde, damit die Sache gut und anständig ablaufe und beeilte mich, das Zimmer zu verlassen.

Die Russen sind im Auslande in einer Beziehung oft übertrieben ängstlich: sie fürchten sich entsetzlich davor, was man von ihnen sagen oder wofür man sie halten „könnte“, und ob dieses oder jenes wohl anständig oder unanständig wäre. Kurz, sie bewegen sich wie in einem Korsett, und zwar tun das vornehmlich solche, die sich für angesehene, würdevolle Leute halten. Daher ist für sie das Angenehmste eine alte, feststehende Form, die sie dann sklavisch befolgen können – gleichviel ob in Hotels, auf dem Spaziergang, in Versammlungen oder sonstwo ... Doch der General hatte in der ersten Angst verraten, daß er noch besondere Umstände zu berücksichtigen habe, weshalb er sich „so korrekt als möglich“ benehmen müsse. Deshalb war er plötzlich so ängstlich geworden und hatte seinen Ton ganz umgestimmt. Das merkte ich mir, denn das gab mir zu denken. Und schließlich konnte er sich ja sehr wohl aus Dummheit morgen an irgend eine Obrigkeit hier wenden, weshalb ich es für klüger hielt, wirklich vorsichtiger zu sein.

Übrigens war es mir durchaus nicht darum zu tun, den General zu ärgern; Polina aber würde ich jetzt gern ärgern. Sie hat mich so grausam behandelt, nachdem sie mich selbst auf diesen dummen Weg gestoßen, daß ich nun versuchen will, es so weit zu treiben, daß sie mich selbst um Einhalt bitten muß. Meine Jungenstreiche können doch schließlich auch sie kompromittieren!

Außerdem hatten sich in mir, bereits während ich sprach, noch andere Gefühle und Gedanken entwickelt. Wenn ich mich z. B. vor ihr freiwillig bis zum Sklaven erniedrigte, so sollte das doch noch längst nicht bedeuten, daß ich mich auch von anderen Leuten treten lasse und natürlich auch nicht, daß dieser Baron mich mit seinem Stock „verprügeln“ kann. Ich will über sie alle lachen und mich selbst durch Mut hervortun. Mögen sie doch einmal sehen, wer ich bin. Na! selbstverständlich wird die Aussicht auf einen Skandal sie erschrecken und – dann wird sie mich eben zurückrufen. Oder sollte sie es nicht, so wird sie doch wenigstens sehen, daß ich kein Jammerlappen bin.

Eine seltsame Neuigkeit übrigens: soeben erfuhr ich von der Kinderfrau, der ich auf der Treppe begegnete, daß Marja Filippowna heute mit dem Abendzug ganz allein zu ihrer Kusine nach Karlsbad gereist sei. Was mag das nun wieder zu bedeuten haben? Die Kinderfrau sagte, Marja Filippowna habe schon seit langer Zeit die Absicht gehabt, hinzureisen, – wie kommt es dann nur, daß niemand etwas von diesen Plänen wußte? Übrigens – vielleicht habe nur ich nichts gewußt. Die Alte verriet auch noch, daß Marja Filippowna vorgestern eine gründliche Unterredung mit dem General gehabt habe. Begreife, wer’s kann! Es war natürlich wegen Mademoiselle Blanche. Man sieht, es bereitet sich bei uns etwas Entscheidendes vor.

VII.

Am Morgen rief ich den Kellner und sagte ihm, daß ich meine Rechnung von nun an besonders ausgeschrieben wünsche. Mein Zimmer ist nicht so teuer, daß ich ob der Zukunft sehr besorgt zu sein brauchte oder sogleich das Hotel hätte verlassen müssen. Ich besaß am Morgen noch sechzehn Friedrichsdor und in den nächsten Tagen ... kann ich ein Vermögen besitzen! Seltsam, ich habe noch nichts gewonnen, handle aber, fühle und denke bereits wie ein Krösus und könnte es gar nicht anders.

Ich hatte gerade beschlossen, mich trotz der frühen Stunde ins Hotel d’Angleterre zu Mister Astley zu begeben, als plötzlich der Franzose in mein Zimmer trat. Es war dies das erste Mal, daß er zu mir kam, und es wunderte mich um so mehr, als mein Verhältnis zu diesem Herrn in der letzten Zeit ein äußerst gespanntes gewesen war. Er suchte seine Geringschätzung für mich nicht im geringsten zu verbergen, ja er bemühte sich sogar, sie möglichst deutlich hervorzukehren, ich aber hatte besondere Gründe, ihm nicht wohlgewogen zu sein. Oder seien wir aufrichtig: er war mir sogar direkt verhaßt. Jedenfalls sagte ich mir sofort, daß dieser erstaunliche Besuch etwas Besonderes zu bedeuten habe.

Er trat liebenswürdig ein, sah sich flüchtig ringsum und sagte mir etwas Angenehmes über mein Zimmer. Als er bemerkte, daß ich meinen Hut in der Hand hielt, erkundigte er sich, ob ich denn schon so früh einen Spaziergang zu machen gedenke. Doch als er hörte, daß ich in einer gewissen Angelegenheit Mister Astley aufsuchen wollte, wurde er nachdenklich und überlegte, wie es schien, denn sein Gesicht nahm einen überaus besorgten Ausdruck an.

De Grillet ist wie alle Franzosen aufgeräumt und liebenswürdig, wenn ihm das nötig und vorteilhaft erscheint, und unerträglich langweilig, wenn die Notwendigkeit, heiter und liebenswürdig zu sein, nicht mehr vorhanden ist. Ein Franzose ist selten natürlich liebenswürdig; er ist es immer gewissermaßen auf Befehl, auf eigenen Befehl, das heißt aus Berechnung. Hält er es zum Beispiel für notwendig, phantastisch, oder sonstwie nicht ganz alltäglich zu sein, so zeigt sich seine Phantasie in der Regel unglaublich dumm und unnatürlich und bedient sich ausschließlich bereits benutzter, einmal angenommener und durch ihre Abgedroschenheit längst schon gemein gewordener Formen. Ein natürlicher Franzose besteht aus spießbürgerlichstem, kleinlichstem, alltäglichstem und positivstem Materialismus, – ist mit einem Wort das langweiligste Geschöpf der Welt. Meiner Meinung nach können überhaupt nur naive Neulinge und namentlich unsere russischen jungen Damen an Franzosen Gefallen finden, wie dies ja auch tatsächlich der Fall ist. Jeder etwas denkfähigere Mensch dagegen durchschaut doch sofort dieses – ich möchte sagen Beamtentum der Franzosen innerhalb der einmal angenommenen Formen ihrer Salonliebenswürdigkeit, und ebenso in ihrer Unterhaltung und maßvollen Heiterkeit.

„Ich komme zu Ihnen in der bewußten Angelegenheit,“ begann er möglichst ungezwungen, obschon übrigens noch höflich, „und zwar, was ich durchaus nicht verbergen will, als Abgesandter des Generals, oder richtiger, als Vermittler. Ich habe gestern fast nichts von Ihrem Gespräch mit dem General verstanden, da ich die russische Sprache nur sehr schlecht beherrsche, doch der General hat mir heute alles ausführlich erklärt, und ich gestehe ...“

„Erlauben Sie, Monsieur de Grillet,“ unterbrach ich ihn, „Sie sagen, daß Sie den Vermittler spielen wollen. Nun gut. Ich bin natürlich ‚un outchitel‘ und habe in dieser Stellung nie auf die Ehre Anspruch erhoben, ein nahestehender Freund dieser Familie zu sein oder sonstwie in einem intimen Verhältnis zu ihr zu stehen, und deshalb sind mir auch selbstverständlich nicht ihre augenblicklichen Verhältnisse so genau bekannt. Gestatten Sie deshalb die Frage: zählen Sie sich jetzt bereits ganz zur Familie, – oder? Ich frage nur, weil Sie an allem so lebhaften Anteil nehmen und sofort den Vermittler zu spielen suchen ...“

Meine Frage schien ihm sehr zu mißfallen. Sie war für ihn gar zu durchsichtig und er – er wollte eben nichts verraten.

„Mich verbinden mit dem General zum Teil geschäftliche Interessen, zum Teil noch gewisse andere Umstände,“ sagte er trocken. „Der General hat mich zu Ihnen geschickt, um Sie zu bitten, Ihr gestriges Vorhaben aufzugeben. Alles, was Sie da gestern vorbrachten, war natürlich sehr geistreich und scharfsinnig; aber er hat mich gerade gebeten, Sie auf die unbedingte Erfolglosigkeit Ihres geplanten Schrittes aufmerksam zu machen. Ja – der Baron wird Sie gewiß nicht einmal empfangen, und überdies stehen ihm doch alle Mittel zur Verfügung, um Sie unschädlich zu machen, das heißt, nicht weiteren Unannehmlichkeiten durch Sie ausgesetzt zu sein. Das können Sie doch nicht leugnen. Wozu also versuchen, mit dem Kopf die Wand einzurennen? Und der General verspricht Ihnen doch noch, Sie wieder in sein Haus aufzunehmen, sobald es für ihn nur möglich sein wird; bis dahin aber werden Sie vos appointements ungeschmälert weiterbeziehen. Ich dächte, das ist doch ganz vorteilhaft, n’est-ce pas?“

Ich erwiderte darauf sehr ruhig, daß er sich in einem kleinen Irrtum befinde; daß der Baron mich vielleicht doch nicht so ohne weiteres abweisen lassen, sondern womöglich sogar bis zu Ende anhören werde, worauf ich ihn bat, doch ruhig einzugestehen, daß er deshalb bei mir erschienen sei, um zu erforschen, wie ich in dieser Sache vorzugehen gedenke.

„O Gott, da der General doch mehr oder weniger in die Geschichte verwickelt ist, wäre es ihm selbstverständlich nicht unangenehm, wenn er erführe, auf was er sich gefaßt zu machen hat. Das ist doch nur natürlich.“

Ich begann also zu erklären und er hörte mir zu, – den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und mit einer bewußt unverhohlenen Andeutung von Ironie im Gesichtsausdruck. Überhaupt spielte er den Sich-Herablassenden, während ich mich nach Kräften bemühte, ihn glauben zu machen, daß ich die Sache todernst auffasse. Ich erklärte ihm, daß der Baron, indem er sich mit einer Klage über mich an den General gewandt, als wäre ich ein Dienstbote desselben, mich damit erstens um meine Stellung gebracht und zweitens mich so behandelt habe, als wäre ich nicht imstande, für mich selbst einzustehen, oder als wäre ich ein minderwertiges Subjekt, mit dem sich ein Gentleman nicht persönlich abgeben kann. – „Wie Sie sehen, habe ich Grund, mich beleidigt zu fühlen.“ Nichtsdestoweniger wolle ich die möglichen Einwendungen, wie zum Beispiel den Altersunterschied, die Verschiedenheit unserer sozialen Stellung, usw. usw. – ich konnte kaum noch das Lachen verbeißen, als ich das sagte – gern gelten lassen und deshalb würde ich von einem Duell absehen, d. h. davon, offiziell volle Genugtuung von ihm zu verlangen. Doch wie dem auch sei, jedenfalls aber habe ich das volle Recht, sowohl bei ihm als namentlich bei der Baronin meine Entschuldigungsgründe geltend zu machen, da ich mich in letzter Zeit tatsächlich krank, nervös, reizbar und wie gesagt, zu allem Exzentrischen aufgelegt fühle, usw. usw. Leider aber könne das jetzt nicht mehr von mir aus geschehen, da man infolge des Vorgehens des Barons und seiner Bitte an den General, mich zu verabschieden, ganz sicherlich annehmen würde, ich käme nur deshalb mit meinen Entschuldigungen, um wieder vom General gnädigst aufgenommen zu werden. Aus all dem folge, daß ich jetzt gezwungen sei, den Baron zu ersuchen, sich zuerst bei mir zu entschuldigen – zum Beispiel mir zu sagen, daß er mich durchaus nicht habe beleidigen wollen. Damit würde er mir dann erst die Möglichkeit schaffen, mich frei, aufrichtig und offen bei ihm zu entschuldigen. Mit einem Wort, schloß ich meine Auseinandersetzung, ich werde den Baron nur bitten, mir die Hände loszubinden.

„Fi donc, was für eine Empfindlichkeit das ist! Und was für Finessen! Wozu brauchen Sie sich zu entschuldigen? So sagen Sie doch einfach Monsieur ... Monsieur ... daß Sie alles das absichtlich aufbauschen wollen, um den General zu ärgern ... Vielleicht aber haben Sie dabei noch andere Dinge im Auge ... mon cher monsieur ... pardon, j’ai oublié votre nom, monsieur Alexis? ... n’est ce pas?“

„Aber erlauben Sie, mon cher marquis, was geht denn das Sie an?“

„Mais le général ...“

„Aber was hat denn das mit dem General zu tun? Er sprach zwar gestern so etwas von – sich besonders korrekt benehmen müssen und namentlich jetzt ... und er schien sich auch nicht wenig aufzuregen ... nur begreife ich nicht, was ihn dazu veranlaßt haben könnte.“

„Ja, sehen Sie, es gibt da nämlich gewisse Umstände ...“ fuhr de Grillet in einem eigenartigen Tonfall fort – es war, als wolle er mich um etwas bitten oder sich und mich zur Bitte vorbereiten, und gleichzeitig war es, als ärgere er sich – doch ob über sich selbst oder mich war nicht herauszuhören. „Sie kennen doch Mademoiselle de Cominges?“

„Sie meinen Mademoiselle Blanche?“

„Nun ja, Mademoiselle Blanche de Cominges ... et madame sa mère ... und Sie werden doch zugeben, daß der General ... mit einem Wort, daß der General verliebt ist und sogar ... es ist möglich, daß vielleicht sogar hier die Hochzeit stattfinden wird. Und nun, wie denken Sie sich das, wenn sich jetzt plötzlich ein Skandal an den anderen reiht ...“

„Leider vermag ich keine Anzeichen eines zu erwartenden Skandals zu entdecken, und noch gar eines solchen, der mit seiner Heirat etwas zu tun hätte.“

„Oh, le baron est si irascible, un caractère prussien, vous savez, enfin ... il fera une querelle d’Allemand!“

„Aber das geht doch nur mich etwas an, nicht Sie und auch nicht den General, da ich doch nicht mehr zu seinem Hause gehöre ...“ Ich stellte mich mit Absicht schwer von Begriff. „Aber erlauben Sie – dann ist es schon entschieden, daß Mademoiselle Blanche den General heiraten wird? Worauf wartet man denn noch? Ich meine, weshalb wird es denn noch so geheim gehalten, sogar vor uns, die wir doch sozusagen zum Hause gehören?“

„Ich kann Ihnen nicht ... übrigens ist es doch noch nicht so ganz ... einstweilen ... Sie wissen doch, daß aus Rußland jeden Augenblick Nachrichten eintreffen können, und der General muß noch seine Verhältnisse ordnen ...“

„A, ah! La baboulenka!“

Ein haßerfüllter Blick des Franzosen streifte mich flüchtig.

„Eh bien,“ unterbrach er mich, „ich verlasse mich ganz auf Ihre angeborene Liebenswürdigkeit, auf ihren Verstand und Takt ... Sie werden es natürlich für diese Familie tun, in der Sie wie ein Angehöriger aufgenommen worden sind, die Sie geliebt hat und geachtet ...“

„Lassen Sie das: ich bin weggejagt worden! Sie behaupten da, es handle sich nur um den Schein, aber wie würden Sie sich dazu verhalten, wenn man zu Ihnen sagte: ‚Ich will Dich selbstverständlich nicht an den Ohren ziehen, aber erlaube mir, daß ich Dich an den Ohren ziehe, damit die anderen es sehen ...‘ Das kommt doch auf eins heraus!“

„Wenn es so ist, wenn keine Bitte Sie umzustimmen vermag,“ begann er streng und hochmütig, „so gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß wir Maßregeln ergreifen werden. Es gibt auch hier eine Obrigkeit, man wird sie noch heute expedieren – que diable! Un blanc-bec comme vous will eine Persönlichkeit wie den Baron zum Duell herausfordern! Und Sie glauben, daß man Ihnen das so ruhig erlauben wird? Ich versichere Sie, daß sich hier niemand vor Ihnen fürchtet! Wenn ich Sie gebeten habe, so habe ich es mehr von mir aus getan, weil ich den General beunruhigt sah. Und glauben Sie denn wirklich, der Baron werde Sie nicht einfach durch seinen Diener hinauswerfen lassen?“

„Ich werde ja doch nicht selbst zu ihm gehen,“ versetzte ich mit äußerster Ruhe. „Sie irren sich, Monsieur de Grillet, es wird alles weit anständiger vor sich gehen als Sie annehmen. Ich war vor Ihrem Erscheinen gerade im Begriff, mich zu Mister Astley zu begeben, um ihn zu bitten, mein Vermittler und, falls nötig, mein Sekundant zu sein. Ich weiß, daß er mich gern hat und meine Bitte erfüllen wird. Er wird zum Baron gehen und zweifellos empfangen werden. Wenn ich als Hauslehrer dem deutschen Freiherrn zu subaltern erscheinen sollte, so ist Mister Astley der Neffe eines Lords – eines wirklichen Lords, nicht zu vergessen – wie hier ein jeder weiß ... dieser Lord Peabroke hält sich sogar gegenwärtig hier auf. Sie können mir also aufs Wort glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß monsieur le baron sich dem Engländer von einer höflicheren Seite zeigen und ihn anhören wird. Sollte er das jedoch nicht tun wollen, so wird Mister Astley diese Weigerung als persönliche Beleidigung auffassen – Sie wissen doch, wie hartnäckig Engländer sind – und von sich aus einen Sekundanten zum Freiherrn senden, und wie Sie wissen, sind seine Freunde nicht zu verachtende Leute ... Wie Sie sehen, kann es unter Umständen auch anders auskommen als Sie voraussetzen.“

Dem Franzosen wurde bange. Es klang freilich so ziemlich glaubhaft, was ich sagte, und jedenfalls sah er ein, daß ich „unter Umständen“ tatsächlich die Möglichkeit hatte, einen „Skandal“ heraufzubeschwören.

„Aber ich bitte Sie doch aufrichtig, von diesem tollen Vorhaben abzulassen!“ suchte er mich förmlich zu beschwören. „Es ist wirklich, als bereite es Ihnen ein Vergnügen, diese Unannehmlichkeiten zu verursachen! Sie wollen nicht Genugtuung, sondern Aufsehen! Wie ich Ihnen sagte, will ich Ihnen gern glauben, daß alles sehr interessant und geistreich sein wird – worauf Sie es vielleicht einzig abgesehen haben – doch ... mit einem Wort,“ beeilte er sich, zu schließen, da ich nach meinem Hut griff, „ich ... ich habe Ihnen noch diesen Brief hier von einer Dame zu übergeben. Lesen Sie ihn, ich muß Ihre Antwort übermitteln.“

Damit reichte er mir ein kleines, schmales Briefchen, das mit einer Oblate geschlossen war.

Es war Polinas Handschrift.

Sie schrieb:

„Sie beabsichtigen, wie es scheint, diese Geschichte nicht ruhen zu lassen. Sie haben sich geärgert und wollen sich durch neue Streiche rächen. Es gibt aber hier besondere Umstände, die ich Ihnen später vielleicht erklären werde; vorläufig bitte ich Sie, aufzuhören und sich zu beruhigen. Was sind das doch für Dummheiten! Ich habe Sie nötig und Sie haben mir versprochen, mir zu gehorchen. Denken Sie an den Schlangenberg. Ich bitte Sie, gehorchen Sie mir, oder falls nötig, befehle ich es Ihnen.

Ihre P.

P. S. Wenn Sie mir wegen gestern böse sind, so verzeihen Sie, bitte.“

Es war mir, als drehe sich alles vor meinen Augen, als ich diese Zeilen gelesen hatte. Sogar meine Lippen wurden bleich und ich begann zu zittern. Der verwünschte Franzose trug eine Miene zur Schau, die diskrete Bescheidenheit vortäuschen sollte, und sah absichtlich zur Seite, als wolle er meine Verwirrung nicht sehen. Hätte er doch laut über mich gelacht! – wahrlich, das wäre mir angenehmer gewesen.

„Gut,“ sagte ich, „teilen Sie Mademoiselle Polina mit, daß sie sich beruhigen könne. Erlauben Sie jedoch die Frage,“ fuhr ich fort, und zwar in sehr scharfem Ton, „weshalb Sie mir diesen Brief erst jetzt übergeben haben? Anstatt diesen ganzen Unsinn zu schwatzen, hätten Sie sich sogleich Ihres Auftrages entledigen sollen ... wenn dieses der ganze Auftrag war, mit dem man Sie zu mir geschickt hat.“

„O, ich wollte ... es ist das überhaupt alles so sonderbar, daß Sie meine begreifliche Ungeduld entschuldigen werden. Ich wollte von Ihnen persönlich Ihre Absichten erfahren. Überdies ist mir der Inhalt des Briefes ganz unbekannt und ich dachte, daß ich immer noch frühzeitig genug zum Übergeben käme.“

„Ich verstehe, man hat Ihnen einfach befohlen, mir den Brief nur im äußersten Fall einzuhändigen, falls Sie aber selbst durch Ihre Beredungskunst zum Ziele gelangen sollten, dann eben – überhaupt nicht. So verhält es sich doch? Sagen Sie es offen, Monsieur de Grillet!“

„Peut-être,“ sagte er. Seine Miene drückte eine ganz besondere Zurückhaltung aus und er sah mich dabei mit einem seltsamen Blick an.

Ich nahm meinen Hut vom Tisch. Er nickte nur mit dem Kopf und verließ mein Zimmer. Wie mir schien, zuckte ein spöttisches Lächeln um seine Lippen. Wie hätte es auch anders sein sollen!

„Wart’ mal, wir werden noch miteinander abrechnen, Franzose!“ murmelte ich vor mich hin, als ich die Treppe hinabstieg.

Ich versuchte zu kombinieren; konnte es aber nicht; mein Kopf war wie von einem Keulenschlage betäubt. Die frische Luft tat mir gut.

Da tauchten plötzlich zwei Gedanken in mir auf, beide von erstaunlicher Klarheit und Schärfe. Der erste war: wie diese doch sicherlich nicht glaubhaften Drohungen eines machtlosen „blanc-bec“, die er in der Erregung nur so hingeworfen hatte, eine so allgemeine Aufregung hervorrufen konnten! Und der zweite Gedanke: wie groß muß nach diesem Brief zu urteilen doch der Einfluß de Grillets auf Polina sein! Es hat nur eines Wortes von ihm bedurft, und sie tut alles, was er will, ja sie schreibt sogar einen Brief an mich, und bittet mich sogar um Verzeihung! Ihr Verhältnis zueinander ist mir zwar von Anfang an ein Rätsel gewesen, seit dem Augenblick, wo ich sie kennen lernte. In diesen letzten Tagen aber habe ich nur zu deutlich gesehen, daß sie ganz entschieden Widerwillen und Verachtung für ihn empfindet, er aber übersieht sie meistens und benimmt sich gegen sie sogar unhöflich. Das habe ich ganz genau beobachtet. Polina macht ja aus ihrer Abneigung kein Geheimnis und so sind ihr auch schon einige recht bemerkenswerte Geständnisse entschlüpft ... Daraus folgt, daß er irgend etwas in der Hand haben muß, wodurch er sie einfach zwingen kann ...

VIII.

Auf der Promenade, wie man das hier nennt, d. h. in der Kastanienallee, begegnete ich meinem Engländer.

„O, o! Ich wollte soeben zu Ihnen, und Sie wohl zu mir?“ waren seine ersten Worte. „So haben Sie sich von den Ihrigen schon getrennt?“

„Sagen Sie mir erst, woher Sie das alles wissen?“ fragte ich verwundert. „Ist es denn schon allen bekannt?“

„O nein, längst nicht allen; das wäre auch ganz überflüssig. Niemand spricht davon.“

„Aber woher wissen Sie es denn?“

„Ich weiß es, das heißt, ich erfuhr es zufällig. Wohin werden Sie jetzt von hier reisen? Ich habe Sie sehr gern, deshalb kam ich zu Ihnen.“

„Sie sind ein prächtiger Mensch, Mister Astley,“ sagte ich erfreut – übrigens frappierte es mich nicht wenig, daß er schon etwas davon wußte: woher, durch wen konnte er es erfahren haben? fragte ich mich beunruhigt. „Aber wissen Sie, ich habe noch keinen Kaffee getrunken, und Sie werden wahrscheinlich schlechten getrunken haben – – gehen wir also ins Kurhaus! Dort können wir uns im Café gemütlich hinsetzen, eine Zigarette rauchen und dann erzähle ich Ihnen alles und ... Sie werden mir gleichfalls erzählen ...“

Das Café war keine hundert Schritte entfernt. Wir setzten uns, bestellten Kaffee, ich zündete mir eine russische Zigarette an – Mister Astley rauchte nicht. Er saß, sah mich an und war bereit, zu hören.

„Ich reise nirgends hin, ich bleibe hier,“ begann ich.

„Das wußte ich im voraus, ich war sogar überzeugt, daß Sie hierbleiben würden,“ bemerkte Mister Astley beifällig.

Als ich das Hotel verlassen hatte, um mich zu ihm zu begeben, war es durchaus nicht meine Absicht gewesen, ihm etwas von meiner Liebe zu Polina zu sagen; ja ich wollte sogar absichtlich mit keinem Wort ihrer Erwähnung tun. Hatte ich ihm doch in all diesen Tagen noch mit keiner Silbe von meiner Liebe etwas gesagt. Er war aber auch ein so schüchterner und verschämter Mensch, daß man unwillkürlich seine Gefühle schonen mußte. Schon beim ersten Zusammensein mit ihm in Polinas Gegenwart hatte ich bemerkt, daß sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußte, doch noch niemals hatte ich ihn von ihr sprechen gehört. Aber seltsam, – plötzlich, wie er da so vor mir saß und mich, ohne sich zu rühren, aus seinen tiefblauen Augen mit einem so bleischweren Blick ansah, da – ich weiß nicht wie es kam – empfand ich plötzlich das Verlangen, ihm alles von meiner Liebe zu erzählen, mein ganzes Liebesleid mit all seinen Empfindungen vor ihm zu enthüllen. Und ich sprach wohl über eine halbe Stunde nur von meiner Liebe, und es war ein so wundervolles Gefühl, von meiner Liebe sprechen zu können. Tat ich es doch zum ersten Male so ganz, so rückhaltlos! Als ich aber bemerkte, daß ihm einzelne Offenheiten, zu denen ich mich von meiner Leidenschaft hinreißen ließ, peinlich waren, sprach ich aus Trotz noch rückhaltloser. Nur eines bereue ich: ich habe vielleicht etwas Überflüssiges über den Franzosen gesagt.

Mister Astley saß, während er mir zuhörte, unbeweglich auf seinem Platz, sprach kein Wort, keinen Ton, und sah mir nur unverwandt in die Augen. Als ich aber auf den Franzosen zu sprechen kam, unterbrach er mich plötzlich mit der Frage, ob ich das Recht zu haben glaube, von dieser Nebensache zu reden? Und der Ton der Frage verriet, daß ihm meine Bemerkung mißfallen hatte. Mister Astley hat überhaupt eine sonderbare Art, Fragen zu stellen.

„Sie haben recht: ich fürchte, daß ich dieses Recht nicht habe,“ gab ich zu.

„Sie können doch von diesem Marquis und Miß Polina nichts Positives sagen, außer Vermutungen?“

Ich wunderte mich über diese kategorische Frage von einem so diskreten und schüchternen Menschen wie Mister Astley.

„Nein, Positives nicht,“ sagte ich, „selbstverständlich nicht.“

„Dann war es häßlich von Ihnen, nicht allein, daß Sie mir etwas davon sagten, sondern daß Sie überhaupt etwas Derartiges gedacht haben.“

„Gut, gut! Sie haben recht, ich gebe es selbst zu; aber jetzt handelt es sich nicht darum,“ unterbrach ich ihn, innerlich doch etwas verwundert. Dann erzählte ich ihm alles, was sich gestern zugetragen, angefangen von Polinas Herausforderung – ferner meine Begegnung mit dem Freiherrn, meine Entlassung und wie sehr sich der General aufgeregt hatte – und schilderte darauf ausführlich den heutigen Besuch des Franzosen. Zum Schluß zeigte ich ihm noch Polinas Brief.

„So, und nun sagen Sie mir, bitte, wie Sie die Sache auffassen,“ schloß ich. „Gerade deshalb wollte ich Sie aufsuchen, um Ihre Ansicht zu hören, und vor allem, was Sie daraus für Folgerungen ziehen. Was jedoch mich betrifft, so könnte ich dieses französische Subjekt ohne weiteres totschlagen, und vielleicht tue ich es noch.“

„Das könnte ich gleichfalls,“ sagte Mister Astley. „Was sich aber hier von Miß Polina sagen läßt, ist nur ... Sie wissen doch, daß wir Menschen uns unter Umständen, wenn die Notwendigkeit es verlangt, sogar mit uns verhaßten Leuten abgeben. Es kann sich hier um Ihnen ganz unbekannte Beziehungen handeln, die vielleicht nur von den Verhältnissen anderer abhängen. Ich glaube, daß Sie sich beruhigen können, zum Teil wenigstens. Was aber Miß Polinas gestrige Handlungsweise betrifft, so ist sie natürlich seltsam – nicht, weil sie Sie, um Sie loszuwerden, den Stockschlägen des Barons aussetzte – ich begreife nicht, warum er von seinem Stock nicht Gebrauch gemacht hat, da ihn doch im Augenblick niemand daran hätte verhindern können – sondern weil ein solcher Ausfall nicht ... nicht zu seiner so vortrefflichen Miß paßt, kurz, weil er nicht ladylike ist. Allerdings konnte sie nicht ahnen, daß Sie ihr scherzhaftes Verlangen buchstäblich ausführen würden ...“

„Wissen Sie was!“ rief ich plötzlich aus, ihn scharf beobachtend. „Es scheint mir, daß Sie alles bereits gehört haben, und wissen Sie von wem? – von Miß Polina!“

Mister Astley sah mich erstaunt an.

„Ihre Augen blitzen und ich lese in ihnen einen Verdacht,“ sagte er, seine frühere Ruhe sogleich wiedergewinnend, „Sie haben aber nicht das geringste Recht, Ihren Verdacht zu äußern. Wenigstens kann ich Ihnen ein solches Recht nicht zugestehen und deshalb lehne ich es ab, auf Ihre Frage zu antworten.“

„Nun, gut! Ist auch nicht nötig!“ rief ich seltsam aufgeregt, und ich begriff selbst nicht, wie ich auf diesen Einfall gekommen war! Und wann, wo, wie hätte auch Polina Mister Astley zu ihrem Vertrauten machen können? Übrigens – daran habe ich noch gar nicht gedacht: ich habe ja in letzter Zeit Mister Astley durchaus nicht immer im Auge behalten, Polina aber ist mir doch von Anfang an ein Rätsel gewesen – sogar ein so unlösbares, daß ich mir z. B. während der Erzählung meiner Liebesgeschichte ganz plötzlich dessen bewußt wurde, daß ich fast nichts Feststehendes und Genaues von meinem Verhältnis zu ihr, und umgekehrt, sagen konnte. Im Gegenteil, alles erschien mir so phantastisch, so seltsam, so unbegründet und sogar direkt abscheulich.

„Nun, gut, gut; ich bin etwas aus dem Konzept geraten und kann jetzt nicht erst noch weise überlegen,“ sagte ich mit einer Empfindung, als hetzte man mich. „Ich sehe aber, Sie sind ein guter Mensch. Jetzt von etwas anderem ... Ich möchte Sie nicht um einen Rat, sondern nur um Ihre Meinungsäußerung bitten.“

Ich schwieg – und dann begann ich von neuem.

„Was meinen Sie, weshalb wurde der General gestern so ängstlich, als er meine Drohung hörte? Weshalb wird aus meinem dümmsten Jungenstreich eine solche Staatsaktion gemacht? – eine solche, daß sogar Monsieur de Grillet es für nötig befunden hat, sich in die Angelegenheit hineinzumischen – was er doch nur im äußersten Fall zu tun pflegt. Ja, er hat mich sogar in meinem Zimmer aufgesucht – er! – und er hat mich sogar gebeten und angefleht – er, de Grillet, mich! Und noch eines ist bemerkenswert: er kam um neun zu mir, oder etwas nach neun, und schon hatte er einen Brief von Miß Polina in der Tasche. Wann, fragt es sich, hat sie diesen denn geschrieben? Vielleicht hat man sie deshalb sogar aus dem Schlaf geweckt! Und ganz abgesehen davon, wie deutlich dieser Brief mir beweist, daß Miß Polina einfach seine Sklavin ist – da sie doch auf seinen Wunsch sogar mich um Verzeihung bittet! – ganz abgesehen davon, sage ich, muß ich mich doch fragen, was denn diese ganze Geschichte sie persönlich angeht? Weshalb interessiert sie sich überhaupt dafür? Was fürchten sie sich denn alle plötzlich so vor einem Baron? Und was ist denn schließlich dabei, daß der General Mademoiselle Blanche de Cominges heiratet? Er sagt, daß er sich gerade jetzt ‚ganz besonders korrekt‘ benehmen müsse, – aber, weiß Gott, das heißt denn doch schon, die Korrektheit übertreiben wollen! Was meinen Sie, sagen Sie es mir, bitte! An Ihren Augen sehe ich, daß Sie besser unterrichtet sind als ich!“

Mister Astley lächelte und nickte mir zu.

„In der Tat, es scheint mir auch so, daß ich in diesem Falle mehr weiß als Sie,“ sagte er freundlich. „Es handelt sich hier wohl nur um Mademoiselle Blanche – sie ist der ganze Haken, wie man zu sagen pflegt. Davon bin ich überzeugt.“

„Nun und was ist’s mit ihr?“ fragte ich gespannt – und plötzlich erwachte in mir die Hoffnung, gleichzeitig etwas Neues über Polina zu erfahren.

„Ich glaube, daß es Mademoiselle Blanche im Augenblick sehr darum zu tun ist, einer Begegnung mit dem Baron und der Baronin aus dem Wege zu gehen, und um so mehr, versteht sich, einer unangenehmen Begegnung oder gar – einem offenen Skandal.“

„Nun, nun?!“ drängte ich ungeduldig.

„Mademoiselle Blanche ist nicht zum erstenmal hier. Sie hat sich bereits früher einmal in Roulettenburg aufgehalten. Und das war vor zwei Jahren, zur Saison. Ich hielt mich zu der Zeit gleichfalls hier auf. Nur hieß sie damals nicht Mademoiselle de Cominges, und ebensowenig wußte man hier etwas von einer madame veuve de Cominges. Wenigstens ist hier nie von einer solchen oder überhaupt von einer Mutter der betreffenden Dame die Rede gewesen. De Grillet ... de Grillet ... ja, den gab es damals auch noch nicht. Und ich sehe mich sogar sehr versucht, anzunehmen, daß Mademoiselle Blanche mit ihm keineswegs verwandt, und vielleicht nicht einmal seit allzu langer Zeit bekannt ist. Zum Marquis ist der Monsieur de Grillet wohl gleichfalls erst vor kurzer Zeit avanciert. Davon bin ich sogar überzeugt, und zwar auf Grund gewisser Tatsachen. Ja und ebenso wahrscheinlich ist, daß er sich auch diesen Familiennamen erst neuerdings beigelegt hat. Ich habe hier mit einem Menschen gesprochen, dem er unter einem anderen Namen vorgestellt worden ist.“

„Aber er hat doch einen wirklich soliden Bekanntenkreis!“

„O, das ist sehr leicht möglich. Warum sollte er ihn nicht haben? Selbst Mademoiselle Blanche kann sich durch einen solchen auszeichnen. Nur ist es nichtsdestoweniger Tatsache, daß Mademoiselle Blanche vor zwei Jahren auf eine Anzeige dieser selben deutschen Baronin von der hiesigen Polizei aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen, und daß sie der Aufforderung nachkam.“

„Wie das?“

„Sie war damals mit einem Italiener hier aufgetaucht – einem Fürsten mit historischem Namen, Barberini oder so ungefähr. Der Mensch trug unzählige Ringe und seine Brillanten waren sogar wirklich echt. Sie hatten eine prachtvolle Equipage. Mademoiselle Blanche spielte trente et quarante mit sehr gutem Erfolg, doch dann verließ sie das Glück und sie verlor immer mehr. An einem Abend, entsinne ich mich, verlor sie eine Riesensumme. Doch was noch weit schlimmer war: un beau matin war ihr Fürst spurlos verschwunden, auch die Pferde und die Equipage – alles war fort. Die Schuld im Hotel hatte eine ungeheure Höhe erreicht. Mademoiselle Selma – denn anstatt Barberini hieß sie nun plötzlich Mademoiselle Selma – blieb in der größten Verzweiflung zurück: sie schrie und weinte, daß man es im ganzen Hotel hören konnte, und zerriß sogar ihre Kleider. Zum Glück war in demselben Hotel ein polnischer Graf abgestiegen – alle reisenden Polen sind Grafen – und die kratzende, verzweifelte, ihre schönen Hände ringende Mademoiselle Selma machte auf ihn einen gewissen Eindruck. Sie hatten eine Unterredung und gegen Mittag beruhigte sie sich. Am Abend erschien er mit ihr im Kursaal, sie lachte wie gewöhnlich sehr laut, in ihrem Benehmen aber machte sich eine nur noch größere Ungebundenheit bemerkbar. Sie trat sogleich in die Reihe jener Damen, die, wenn sie hier an den Spieltisch treten wollen, mit der Schulter ganz ungeniert einen Spieler fortstoßen, um sich Platz zu schaffen. Das gilt ja hier für besonders schick – bei diesen Damen. Sie haben sie natürlich schon bemerkt?“

„O, ja.“

„Eigentlich nicht der Mühe wert. Zum Ärger des anständigen Publikums sind sie hier ununterbrochen vertreten, wenigstens jene, die täglich am Spieltisch Tausendfranks-Banknoten wechseln. Übrigens werden sie, sobald sie aufhören, Banknoten zu wechseln, sogleich gebeten, sich zu entfernen. Mademoiselle Selma fuhr aber weiter fort, Banknoten zu wechseln, doch hatte sie noch weniger Glück als zuvor. Im allgemeinen spielen solche Damen mit gutem Glück, sehr oft sogar; sie haben eine bewundernswerte Selbstbeherrschung. Übrigens ist meine Geschichte schon zu Ende. Eines Tages verschwand auch der Graf, ebenso wie der italienische Fürst verschwunden war. Mademoiselle Selma erschien am Abend allein im Spielsaal; diesmal hatte sich ihr niemand als Ersatz angeboten. In zwei Tagen verspielte sie ihr letztes Geld. Nachdem sie den letzten Louisdor gesetzt und verloren hatte, sah sie sich suchend um und erblickte neben sich den Freiherr von Wurmerhelm, der sie eine Zeitlang sehr aufmerksam und mit sichtlich größtem Unwillen betrachtet hatte. Doch leider gewahrte sie den Unwillen nicht und wandte sich mit ihrem bekannten Lächeln an den Freiherrn, um ihn zu bitten, zehn Louisdor für sie auf Rot zu setzen. Und die Folge davon war, daß sie noch am Abend desselben Tages auf Grund der Anzeige der Frau Baronin die Aufforderung erhielt, sich nicht mehr im Spielsaal sehen zu lassen. – Wundern Sie sich nicht darüber, daß mir alle diese kleinen und unanständigen Details bekannt sind. Mir hat sie ein entfernter Verwandter von mir erzählt, der noch an demselben Abend mit Mademoiselle Selma nach Spa reiste. Verstehen Sie jetzt: Mademoiselle Selma will Generalin werden, wahrscheinlich um in Zukunft nicht mehr Gefahr zu laufen, solche Aufforderungen von der Polizei des Kursaales zu erhalten, wie vor zwei Jahren. Sie spielt nicht mehr, doch unterläßt sie das nur deshalb, weil sie jetzt offenbar Kapital besitzt, von dem sie den hiesigen Spielern verschiedene Summen leiht, auf Prozente, versteht sich. Das ist bedeutend vorteilhafter. Ja, ich vermute sogar, daß auch der General ihr Geld schuldet und vielleicht sogar de Grillet. Vielleicht aber ist de Grillet ihr Kompagnon. Nun, jetzt werden Sie doch einsehen, daß sie bis zur Hochzeit wenigstens nicht unnützerweise die Aufmerksamkeit des Barons und der Baronin auf sich zu lenken wünscht. Kurz, in ihrer gegenwärtigen Lage käme ihr ein Skandal höchst ungelegen. Sie aber sind mit der Familie des Generals mehr oder weniger verknüpft, weshalb man auf dieselbe sicherlich zu sprechen käme, wenn Ihre Streiche Aufsehen erregen oder gar einen Skandal verursachen sollten. Nun, und Mademoiselle Blanche erscheint täglich am Arme des Generals in der Öffentlichkeit und in Miß Polinas Gesellschaft. Begreifen Sie jetzt?“

„Nein, ich begreife trotzdem nichts!“ rief ich erregt aus und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß der Garçon ganz erschrocken herzustürzte. „Sagen Sie mir, Mister Astley,“ fuhr ich in heller Wut fort, „wenn Sie diese ganze Geschichte schon früher gewußt haben und so genau wissen, was für ein Geschöpf diese Mademoiselle Blanche de Cominges ist, warum haben Sie dann nicht wenigstens mich darüber aufgeklärt oder den General selbst, und schließlich – nein, in erster Linie, ja, in erster Linie Miß Polina, die jetzt ahnungslos im Kursaal, auf der Promenade, im Park, überall mit dieser Blanche promeniert? Das ist doch unverantwortlich von Ihnen.“

„Ich habe Ihnen nichts mitgeteilt, weil Sie an der Sache doch nichts hätten ändern können,“ antwortete Mister Astley ruhig. „Und übrigens, was hätte ich denn mitteilen sollen? Der General ist doch über die Vergangenheit der Person vielleicht noch besser unterrichtet, als ich, und trotzdem spaziert er mit ihr und seiner Stieftochter. Der General ist ein bedauernswerter Mensch. Ich sah gestern, wie sie ausritten: Mademoiselle Blanche auf einem prachtvollen Pferde, ihr zur Seite Monsieur de Grillet und jener kleine russische Fürst, und hinter ihnen auf einem Schweißfuchs trabte der General. Am Morgen hatte er noch gesagt, daß seine Füße schmerzten, doch im Sattel hielt er sich tadellos. Als ich ihn aber so sah, kam es mir plötzlich in den Sinn, daß er doch schon ein verlorener Mann ist. Aber das geht mich ja im Grunde alles nichts an, ich habe nur vor kurzem die Ehre gehabt, Miß Polina kennen zu lernen ... Übrigens,“ unterbrach er sich plötzlich, „ich wiederhole nur, was ich Ihnen bereits gesagt habe, daß ich Ihnen kein Recht zu gewissen Fragen zugestehen kann, obschon ich Sie sehr gern habe ...“

„Genug,“ unterbrach ich ihn, indem ich mich erhob, „jetzt ist es mir vollkommen klar, daß auch Miß Polina über Mademoiselle Blanche unterrichtet ist, daß sie sich aber von ihrem Franzosen nicht trennen kann und deshalb trotz allem mit Mademoiselle Blanche promeniert. Glauben Sie mir, sonst gäbe es in der ganzen Welt keine Macht, die sie zwingen könnte, sich mit Mademoiselle Blanche öffentlich zu zeigen und mich brieflich zu bitten, den Baron in Ruh zu lassen. Hier kann nur dieser eine Einfluß in Frage kommen, dieses eine, vor dem alles andere zurücktritt! Und doch hat sie mich selbst auf den Baron gehetzt! Zum Teufel, da soll einer draus klug werden!“

„Sie vergessen, erstens, daß diese Mademoiselle de Cominges die Braut des Generals ist, und zweitens, daß Miß Polina, die Stieftochter des Generals, einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester hat, die die leiblichen Kinder ihres Stiefvaters sind, und die dieser Wahnsinnige schon so gut wie ganz vergessen und deren Besitz er, wie mir scheint, auch schon angegriffen hat.“

„Ja – ja richtig! Das ist es! Sie haben recht! – Die Kinder verlassen, hieße, sie allein preisgeben, während bei ihnen bleiben heißt: sie beschützen, ihre Interessen verteidigen und vielleicht noch einen Rest ihres Vermögens retten! Ja! – ja, das ist es! ... Aber ... aber dennoch! ... O, jetzt begreife ich, weshalb sie sich alle so lebhaft für das Befinden der alten Großtante interessieren!“

„Für wessen Befinden?“ forschte Mister Astley.

„Nun, für jene alte Hexe dort in Moskau, die immer noch nicht sterben will.“

„Ach so! Nun ja, selbstverständlich konzentrieren sich alle Interessen auf die in Aussicht stehende Erbschaft. Sobald sich die Erwartung erfüllt, wird der General sich trauen lassen. Miß Polina wird dann gleichfalls befreit sein und de Grillet ...“

„Und de Grillet? ...“

„Und de Grillet wird das Geld zurückerhalten, das er geliehen hat. Darauf wartet er doch nur.“

„Nur? Glauben Sie, daß er wirklich nur darauf wartet?“

„Ich wüßte nicht, worauf er sonst noch warten könnte,“ sagte Mister Astley kühl abweisend.

„Aber ich weiß es, ich!“ sagte ich mit verhaltenem Haß und die Wut kochte in mir. „Er wartet gleichfalls auf die Erbschaft, denn Polina wird eine Mitgift erhalten und sobald sie das Geld in Händen hat – wird sie sich ihm sogleich an den Hals werfen. Alle Weiber sind so! Und die stolzesten von ihnen – erweisen sich als die abgeschmacktesten Sklavinnen! Polina ist nur dazu fähig, leidenschaftlich zu lieben, und zu nichts weiter! Das ist meine Meinung von ihr, oder meine Überzeugung, wenn Sie wollen. Betrachten Sie sie doch einmal etwas aufmerksamer, namentlich wenn sie allein ist, in Gedanken versunken: es ist doch – etwas Prädestiniertes, Verfluchtes an ihr! Sie ist fähig, alle Schrecken des Lebens und der Leidenschaft ... sie ... Wer ruft mich?“ unterbrach ich mich erschrocken und verwundert. „Wer rief mich? – Hörten Sie nicht? Ich hörte ganz deutlich meinen Namen rufen, auf russisch ... eine Frauenstimme ... Hören Sie! Hören Sie?“

Wir näherten uns in diesem Augenblick schon dem Hotel – das Café hatten wir schon vor einiger Zeit verlassen, nachdem der Kellner an unseren Tisch geeilt War.

„Ja, ich hörte eine Damenstimme rufen, aber ich weiß nicht, was. Es klang wie russisch ... Ah, jetzt sehe ich, dort jene Dame scheint es zu sein! Die dort im großen Korbstuhl auf der Freitreppe, die soeben von den vielen Dienern hinausgetragen wurde! Hinter ihr werden Koffer abgeladen ... der Zug muß soeben angekommen sein.“

„Aber weshalb ruft sie mich? Was will sie von mir? Da schreit sie schon wieder! Sehen Sie doch, wahrhaftig, sie winkt uns zu sich.“

„Das sehe ich, daß sie winkt ... was mag sie wollen?“ fragte Mister Astley.

„Alexei Iwanowitsch! Alexei Iwanowitsch! Ach Gott, was das doch für ein Tölpel ist!“ tönte es ganz verzweifelt von der Hoteltreppe.

Wir eilten fast im Laufschritt auf sie zu, ich nahm die paar Stufen und – meine Kniee wurden schwach vor Schreck und die Fußsohlen waren wie festgelötet am Stein.

IX.

Auf dem oberen Absatz der großen Freitreppe des Hotels, umgeben von Dienern, Zofen und dem zahlreichen Troß des Hotelpersonals, sogar einschließlich des Hotelverwalters, der es offenbar noch mit seiner Würde vereinigen zu können glaubte, einem so geräuschvoll und originell, mit eigener Bedienung und einem ganzen Heer von Koffern eintreffenden Gast bis zum Portal entgegen zu gehen, thronte auf einem bequemen Krankenstuhl – die Großtante!

Ja, das war sie, das war sie selbst, die gefürchtete, angsteinflößende, reiche fünfundsiebzigjährige Antonida Wassiljewna Tarassewitschewa, die Gutsbesitzerin und unverfälschte Moskowiterin, die Großtante, die schon im Sterben lag und doch nicht starb, die Dame, deretwegen so viele Depeschen empfangen und aufgegeben wurden und die nun plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel in höchsteigener Person bei uns erschien. Zweimal hatte ich, seit ich Hauslehrer im Hause des Generals war, bereits die Ehre gehabt, sie zu sehen, und genau so sah ich sie jetzt wieder: in strammer Haltung im Krankenstuhl sitzend, in dem sie schon seit fünf Jahren saß, da sie sich nicht mehr des Gebrauchs ihrer Füße erfreute, doch ungeachtet dessen nach wie vor mutig bis zur Verwegenheit, schlagfertig, rechthaberisch und selbstzufrieden. Nicht einmal ihre Stimme hatte an Kraft eingebüßt und auch ihre Redeweise schien sich nicht im geringsten verändert zu haben. Natürlich stand ich im ersten Augenblick wie vom Schlage gerührt vor ihr. Sie hatte mich mit ihren Luchsaugen schon auf hundert Schritte erkannt, als man sie in ihrem Stuhl die Treppe hinauftrug, hatte mich erkannt und sogleich zu sich zu rufen begonnen, und das sogar bei meinem Ruf- und Vatersnamen, die sie sich ihrer alten Gewohnheit gemäß ein für allemal gemerkt hatte.

„Und solch eine glaubte man schon beerdigen zu können, zu beerdigen und zu beerben!“ fuhr es mir durch den Sinn.

„Sie wird noch uns alle und das ganze Hotel überleben! Aber Herr des Himmels, was wird jetzt aus den Unsrigen werden, aus dem General! Sie wird doch das ganze Hotel auf den Kopf stellen!“

„Na, Väterchen, was stehst du denn so vor mir da und starrst mich an!“ fuhr die rüstige alte Dame in ihrer lauten brüsken Weise fort. „Hast du vergessen, wie man eine Verbeugung macht? Verstehst du nicht mehr, guten Tag zu sagen, oder was fehlt dir sonst? Oder bist du stolz geworden und willst nicht? Oder hast du mich etwa nicht erkannt? Potapytsch,“ wandte sie sich an ihren alten Diener, der im Frack und weißer Binde hinter ihrem Korbstuhl stand, und dessen rosige Glatze ein Kranz ehrwürdig grauer Haare umgab, „Potapytsch, hast du gehört, er erkennt mich nicht! Da haben wir’s! Also schon beerdigt! Ich sag’s ja: Depesche auf Depesche mußte abgesandt werden, da man doch nicht früh genug erfahren konnte, ob sie denn nun endlich gestorben sei oder noch immer nicht. Ich weiß ja doch alles! Nun, ich aber bin inzwischen noch ganz fix und munter, wie du siehst.“

„Aber ich bitte Sie, Antonida Wassiljewna, wie sollte ich darauf kommen, Ihnen Schlechtes zu wünschen?“ versetzte ich, mich nach dem im ersten Augenblick lähmenden Schreck besinnend, lebhaft und mit wiedergefundenem Humor. „Ich war nur zu überrascht ... Und meine Verwunderung war, denke ich, ganz erklärlich, da Sie so unerwarteterweise ...“

„Weshalb denn Verwunderung? Ich habe mich einfach ins Coupé gesetzt und bin hergereist. Mit der Eisenbahn ist das Reisen sehr schön, da gibt’s weder Püffe noch Stöße. Du gingst gerade spazieren, nicht wahr?“

„Ja, ich wollte zum Kurhaus gehen.“

„Es gefällt mir hier,“ bemerkte sie, sich wohlgefällig umschauend, „vor allen Dingen ist es warm und die Bäume sind schön. Das lieb ich! Nun, wo sind die Unsrigen? – Der General? – Zu Hause?“

„O! Versteht sich, um diese Zeit sind gewiß alle zu Hause.“

„Also auch hier haben sie ihre Stunden eingeführt und alle ihre übrigen Zeremonien? Natürlich, sie müssen doch tonangebend sein. Auch eine Equipage halten sie sich, wie ich hörte, les seigneurs russes! Haben sie ihr Geld verzettelt, dann gehen sie wieder ins Ausland. Und Praskowja[3] ist auch hier?“

„Ja, auch Polina Alexandrowna ist hier.“

„Und auch der Franzusischka? Nun, ich werde sie ja selber alle sehen. Jetzt sei mal so gut, Alexei Iwanowitsch, und zeig uns den Weg zu ihnen. Und wie geht es denn dir hier?“

„Es geht, Antonida Wassiljewna.“

„Du, Potapytsch, sag’ mal diesem Dummkopf, dem Kellner da, daß er mir ein bequemes Appartement verschafft, ein gutes und nicht hoch; und dorthin laß auch sogleich das Gepäck bringen, hörst du? Aber warum drängen sich denn alle zum Tragen? Was drängen sie sich vor? Weg da! Solche Dienerseelen! Wer ist das, dieser dein Bekannter dort?“ wandte sie sich wieder an mich.

„Das ist Mister Astley,“ antwortete ich.

„Was ist das für ein Mister Astley?“

„Ein Bekannter von mir, der sich vorübergehend hier aufhält. Er ist auch dem General bekannt.“

„Ein Engländer also? Deshalb: er sieht mich an, ohne den Mund aufzutun. Übrigens habe ich Engländer sehr gern. Nun ... jetzt schleppt mich mal hinauf, direkt zu ihnen. Wo wohnen sie denn dort?“

Der Stuhl wurde aufgehoben und wir begaben uns hinauf. Unser Emporstieg war jedenfalls sehr effektvoll. Alle, die uns erblickten, blieben stehen und sahen uns mit großen Augen nach. Unser Hotel gilt für das beste, teuerste und vornehmste am Ort. Auf der Treppe und in den Korridoren begegnet man zu jeder Zeit eleganten Damen und selbstbewußten, selbstzufriedenen Engländern. Viele erkundigten sich unten beim Portier nach der fremden Dame, und der berichtete natürlich, daß es eine Ausländerin sei, une russe, une comtesse, grande dame, und daß sie dasselbe Appartement bewohnen werde, das vor einer Woche la grande-duchesse de N. inne gehabt. Doch die Hauptursache des großen Eindrucks, den sie auf alle machte, lag sicherlich in ihrer äußeren Erscheinung, die wohl in jeder Beziehung die Gewohnheit, zu herrschen und zu befehlen, verriet. Jede neue Person, der wir begegneten, betrachtete sie sogleich mit großem Interesse und erkundigte sich bei mir ganz ungeniert und laut nach allem, was ein Hotelgast unter Umständen vom anderen wissen kann. Und ebenso interessiert wurde sie von den Hotelgästen betrachtet. Obschon man sie nur sitzend sah, konnte doch ein jeder auf den ersten Blick erraten, daß man eine Dame von hohem Wuchs vor sich hatte. Sie saß sehr gerade und lehnte sich nie an die Rückenlehne des Stuhles. Ihren großen Kopf mit dem grauen Haar und den großen, scharfen Gesichtszügen hielt sie ebenso aufrecht wie ihren Körper; ihr Blick hatte geradezu etwas Herausforderndes und Hochmütiges an sich; doch sah man es ihr sogleich an, daß alles an ihr, sowohl ihr Blick wie ihre Bewegungen, vollkommen natürlich waren. Trotz der fünfundsiebzig Jahre sah ihr Gesicht noch ziemlich frisch aus und nicht einmal ihre Zähne hatten viel gelitten. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid und ein weißes Häubchen auf dem grauen Haar, wie sie alte Damen zu tragen pflegen.

„Sie interessiert mich ungeheuer!“ sagte mir leise Mister Astley, der neben mir die Treppe hinaufstieg.

„Von den Depeschen scheint sie alles zu wissen,“ überlegte ich, „de Grillet ist ihr gleichfalls bekannt, bloß Mademoiselle Blanche kennt sie noch nicht und sie dürfte auch wohl kaum etwas von ihr gehört haben.“

Ich teilte flüsternd meine Befürchtungen Mister Astley mit.

Ein Sünder ist der Mensch! Kaum hatte sich mein erster Schreck gelegt, da freute ich mich schon wie ein Schulbub über den Keulenschlag, den unsere Erscheinung dem General versetzen würde. Ich fühlte mich ganz unwiderstehlich versucht, den Schreck noch zu vergrößern, und ich schritt in gehobener Stimmung voran.

Ich ließ uns weder anmelden, noch klopfte ich an die Tür. Ich stieß die Tür einfach weit auf und die Großtante ward wie im Triumph hineingetragen. Sie waren alle, wie gerufen, im Kabinett des Generals versammelt. Es hatte gerade zwölf geschlagen und ich glaube, man projektierte einen Ausflug – die einen sollten in der Equipage fahren, die anderen reiten – und ein paar Bekannte, die sich am Ausflug beteiligen wollten, waren gleichfalls zugegen. Außer dem General, Polina, den Kindern und der Kinderfrau befanden sich im Kabinett de Grillet, Mademoiselle Blanche im Reitkleide, madame veuve de Cominges, der kleine Fürst und ein deutscher Gelehrter, den ich zum erstenmal sah.

Der Stuhl mit der Großtante wurde von den Trägern, die sie die zwei Treppen hinaufgetragen hatten, mitten im Zimmer niedergesetzt, keine drei Schritte vor dem General. Gott, nie im Leben werde ich sein Gesicht in dem Augenblick vergessen! Vor unserem Eintritt hatte er irgend etwas erzählt und de Grillet schien gerade eine Bemerkung gemacht zu haben. Ich muß hier noch anfügen, daß de Grillet und Mademoiselle Blanche sich schon seit zwei oder drei Tagen bei dem kleinen Fürsten einzuschmeicheln suchten – à la barbe du pauvre général, versteht sich. Die ganze Gesellschaft war, wenigstens äußerlich, bei bester Stimmung: heiter, gemütlich und zum Scherzen aufgelegt. Als der General die Großtante erblickte, sperrte er tonlos den Mund auf, während ihm das halbe Wort in der Kehle stecken blieb. Er starrte sie mit fast hervorquellenden Augen an, regungslos, wie durch ein Zauberwort gelähmt. Und ebenso regungslos und stumm sah ihn die alte Dame an, doch was war das für ein triumphierender, herausfordernder spöttischer Blick! Und so sahen sie sich wohl geschlagene zehn Sekunden lang an – beim tiefsten Grabesschweigen aller übrigen. De Grillet war zunächst einfach baff, doch bald drückte sich Unruhe und Besorgnis in seinem Gesicht aus. Mademoiselle Blanche zog die Augenbrauen in die Höhe, vergaß, den Mund zu schließen und musterte die Unbekannte mit gierigem Blick, während der Fürst und der Deutsche höchst verwundert dem Ganzen zusahen. Im Blick Polinas drückte sich zuerst nichts als grenzenloses Erstaunen aus und absolute Verständnislosigkeit, plötzlich aber erbleichte sie unheimlich; doch im nächsten Augenblick stieg ihr das Blut heiß ins Gesicht.

Ja, das war für sie alle eine Katastrophe!

Ich sah von der alten Dame auf die anderen und von diesen wieder zurück auf sie.

Mister Astley stand etwas abseits und hielt sich, wie gewöhnlich, ruhig und vornehm.

„Na, da bin ich selbst! Anstatt der erwarteten Depesche!“ entlud sich endlich die alte Dame und machte damit der Spannung ein Ende. „Was, darauf wart Ihr wohl nicht ganz vorbereitet?“

„Antonida Wassiljewna ... verehrteste Tante ... Aber wie in aller Welt ...“ stotterte noch ganz fassungslos der General.

Hätte das Schweigen noch einige Sekunden länger gewährt, so hätte ihn vielleicht der Schlag gerührt.

„Was, wie ich hergekommen bin? Sehr einfach: ich stieg ein und fuhr. Wozu gibt es denn jetzt eine Eisenbahn? Und ihr glaubtet alle, ich hätte mich schon gestreckt und euch die Erbschaft hinterlassen! Ich weiß ja doch, daß du von hier Depesche auf Depesche abgesandt hast. Wieviel Geld du damit fortgeworfen hast – kann mir denken! Von hier aus ist’s nicht billig. Nun, ich aber war dort nicht angewachsen. Ist das derselbe Franzose? Monsieur de Grillet, wenn ich nicht irre?“

„Oui, madame,“ bestätigte sogleich de Grillet, „et croyez, je suis si enchanté de ... votre santé ... mais c’est un miracle ... de vous voir ici! C’est vraiment une surprise charmante!“

„Ja, ja, charmante; ich kenne dich besser. Siehst du, nicht soviel glaube ich dir!“ und zur Erklärung wies sie ihm das letzte Glied ihres kleinen Fingers. „Wer ist denn das?“ fragte sie, auf Mademoiselle Blanche deutend. Die elegante Französin im Reitkleide und mit der Reitpeitsche in der Hand lenkte naturgemäß ihr Interesse auf sich. „Eine Hiesige, nicht?“

„Das ist Mademoiselle Blanche de Cominges und hier ist ihre Frau Mutter, Madame de Cominges. Sie wohnen gleichfalls in diesem Hotel,“ berichtete ich.

„Ist sie verheiratet, die Tochter?“ fragte die alte Dame ganz ungeniert.

„Nein, Mademoiselle de Cominges ist nicht verheiratet,“ antwortete ich möglichst respektvoll und absichtlich nur halblaut.

„Ist sie lustig?“

Ich tat, als verstehe ich ihre Frage nicht.

„Ist es nicht langweilig mit ihr? Versteht sie Russisch? Der de Grillet hat ja bei uns in Moskau das Wunder fertig gebracht, fünf bis zehn Brocken zu behalten!“

Ich erklärte ihr, daß Mademoiselle de Cominges niemals in Rußland gewesen sei.

„Bonjour!“ sagte sie plötzlich, sich ganz unvermittelt an Mademoiselle Blanche wendend.

„Bonjour, madame,“ erwiderte mit einer zeremoniellen, französisch eleganten révérence Mademoiselle Blanche, wobei sie sich sichtlich bemühte, unter dem Deckmantel äußerer ungewöhnlicher Bescheidenheit und Höflichkeit durch den ganzen Ausdruck ihres Gesichtes und womöglich auch ihrer Gestalt ihre grenzenlose Verwunderung über diese seltsame Frage und Behandlung zu verstehen zu geben.

„O, sie schlägt die Augen nieder, ziert sich und scheint Zeremonien zu lieben! Da sieht man sogleich, was für ein Vogel das ist! Eine Schauspielerin natürlich. – Ich bin hier unten im Hotel abgestiegen,“ wandte sie sich plötzlich an den General. „Wir werden unter einem Dach wohnen, ist dir das angenehm oder nicht?“

„O, Tantchen! Glauben Sie meiner aufrichtigen Versicherung ... meiner unbeschreiblichen Freude!“ beteuerte der General so schnell er nur seine Gedanken sammeln konnte. Er war inzwischen offenbar etwas zu sich gekommen und schien sogar einigermaßen gefaßt zu sein, und da er sich gelegentlich ganz gut auszudrücken verstand – selbstverständlich nicht ohne dabei Anspruch auf einen gewissen Eindruck zu machen – so wollte er sich wieder in einer Rede ergehen. „Wir waren alle so besorgt wegen Ihrer Krankheit ... Wir erhielten so hoffnungslose Nachrichten – die erste gar wirkte geradezu erschütternd auf uns – und da nun, plötzlich, Sie in eigener Person hier zu sehen.“

„Nun, genug, such dir zuerst einen, der dir’s glaubt!“ unterbrach ihn sogleich die Großtante.

„Aber erlauben Sie,“ unterbrach sie schleunigst der General, der rasch seine Stimme etwas erhob und ihren Rat zu überhören suchte, „wie haben Sie sich denn überhaupt zu dieser Reise entschließen können? In Ihren Jahren, nicht wahr, und bei Ihrem Gesundheitszustand ist es doch ... wenigstens war es nicht vorauszusehen, daß Sie gewiß unser Erstaunen verstehen und verzeihen werden. Ich bin aber so erfreut ... und wir alle werden uns nach Kräften bemühen, Ihnen den Aufenthalt hier zu einem möglichst angenehmen zu machen,“ fuhr er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln fort, „und was die Zerstreuungen betrifft ...“

„Na, genug, behalt dein Geschwätz für dich; verstehst ja doch nur leeres Zeug zu reden! Ich weiß, was ich tue. Übrigens habe ich nichts gegen euch; ich trage nichts nach. ‚Wie‘, fragst du? Ja, was ist denn dabei Wunderbares? In der allereinfachsten Weise. Aber nein, ein jeder muß sich darüber noch aufregen! Guten Tag, Praskowja. Was treibst du denn hier?“

„Guten Tag, Babuschka,“[4] grüßte Polina, sich der alten Dame nähernd. „Waren Sie lange unterwegs?“

„Nun seht, die hat am gescheitesten von allen gefragt, aber sonst: ach und ach! – und weiter hört man nichts. Ja, siehst du: ich lag und lag, ließ mich kurieren, kurieren – bis ich sie alle davonjagte, die Ärzte, und statt ihrer den Kirchendiener von Sankt Nikolai rufen ließ. Der hat ein altes Weib von derselben Krankheit mit Heukompressen kuriert. Nun, und der hat auch mir geholfen: am dritten Tage hat mich sein Tee noch gründlich zum Schwitzen gebracht und dann stand ich auf. Darauf versammelten sich wieder meine Deutschen,[5] setzten die Brillen auf und berieten: ‚Wenn Sie jetzt,‘ sagten sie, ‚im Auslande eine Kur durchmachten, so würden die Blutstockungen ganz gehoben werden.‘ Ja, warum denn nicht? denke ich. Na, natürlich, da begannen die Ratten wieder zu jammern und zu stöhnen: ‚Großer Gott, eine so weite Reise können Sie doch nicht mehr unternehmen!‘ Das fehlte noch! An einem Tage war alles eingepackt und in der vorigen Woche, am Freitag, nahm ich das Mädchen, den Potapytsch und den Fjodor, den Diener – übrigens: diesen Fjodor habe ich aus Berlin wieder zurückgeschickt, denn ich sah doch, er war ja ganz überflüssig, ich hätte auch allein fahren können. Ich nehme ein Coupé für mich – Träger gibt es auf allen Stationen, für einen Rubel tragen sie dich, wohin du nur willst. Seht doch, was ihr hier für eine Wohnung habt!“ schloß sie plötzlich, sich umschauend. „Mit wessen Gelde bezahlst du denn das hier, Väterchen? Du hast doch alles verpfändet. Was du allein diesem Franzusischka da schuldest! Ich weiß doch, weiß doch alles!“

„Ich, erlauben Sie, Tantchen ...“ begann der General ganz verwirrt, „ich wundere mich, liebe Tante ... ich glaube, daß ich ohne jemandes Kontrolle auskommen kann ... Zudem übersteigen meine Ausgaben durchaus noch nicht meine Mittel, und wir leben hier ...“

„Was, bei dir übersteigen sie sie nicht? Auch ein Wort! Die Kinder hast du wohl schon ganz und gar beraubt? Schöner Vormund!“

„Nach solchen Worten ... nach dieser Bemerkung, liebe Tante ...“ begann der General, „weiß ich wirklich nicht mehr, was ich ...“

„Glaub’s schon, daß du es nicht weißt. Vom Roulette trennst du dich hier wohl überhaupt nicht? Hast wohl schon alles verspielt?“

Der General war so verblüfft, daß er unter all den auf ihn einstürmenden Gefühlen und Gedanken kaum noch nach Luft schnappen konnte.

„Vom Roulette! Ich? Bei meiner Würde als General ... Ich? Besinnen Sie sich, werte Tante, Sie sind gewiß noch etwas angegriffen ...“

„Nun, genug, schwatz nicht, ich bin sicher, daß man dich nur mit Müh und Not fortschleppen kann; dir glaube ich kein Wort. Ich werde jetzt selbst sehen, was denn das für eine Roulette hier ist, heute noch. Du, Praskowja, wirst mir erzählen, was man hier alles sehen muß, ja und auch der Alexei Iwanowitsch kann uns umherführen, und du, Potapytsch, schreibst alles auf, hörst du, wohin wir fahren müssen. So, also was muß man sich hier denn ansehen?“ wandte sie sich wieder an Polina.

„Nicht weit von hier ist eine Schloßruine, und dann der Schlangenberg ...“

„Was ist dort zu sehen?“

„Vom Gipfel des Berges hat man eine sehr schöne Aussicht.“

„Also auf einen Berg muß ich mich schleppen lassen? Wird man mich hinauftragen können oder geht das nicht?“

„O, Träger werden sich hier schon finden lassen,“ sagte ich.

In dem Augenblick näherte sich ihr Fedossja, die Kinderfrau, mit ihren beiden Schutzbefohlenen, den Kindern des Generals, damit sie die Babuschka begrüßten.

„Nun, schon gut, behaltet die Küsse für euch! Ich lieb’s nicht, kleine Kinder zu küssen. Sie sind doch alle Schmutznasen. Nun, und wie geht es dir hier, Fedossja?“

„Ach hier ist es wunderwunderschön, Mütterchen Antonida Wassiljewna!“ antwortete Fedossja. „Aber wie ist es denn Ihnen ergangen, Mütterchen? Wir haben uns hier doch schon so um Sie geängstigt!“

„Ich weiß, dir will ich’s glauben, du bist eine einfache Seele. Sind das hier alles Gäste bei euch oder wer sonst?“ wandte sie sich wieder an Polina. „Wer ist dieses ekelhafte Kerlchen da mit der Brille?“

„Fürst Nilskij, Babuschka,“ sagte Polina leise.

„Ah, ein Russe? Und ich dachte, er würde es nicht verstehen! Er hat es vielleicht gar nicht gehört! Mister Astley habe ich schon gesehen. Da ist er ja wieder!“ rief sie angenehm überrascht aus, als sie ihn erblickte. „Guten Tag!“ wandte sie sich plötzlich an ihn.

Mister Astley verbeugte sich schweigend.

„Nun, was sagen Sie mir Gutes? Sagen Sie mir irgend etwas! Übersetze es ihm, Praskowja.“

Polina übersetzte ihm den Wunsch.

„Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich Sie mit großem Vergnügen kennen lerne und es mich freut, daß Sie sich wohlbefinden,“ erwiderte Mister Astley mit größter Bereitwilligkeit, ernst und höflich.

Seine Worte wurden übersetzt und gefielen ihr augenscheinlich sehr.

„Wie doch die Engländer stets gut zu antworten wissen,“ bemerkte sie. „Ich habe die Engländer immer sehr gern gehabt. Kein Vergleich mit den Franzosen! Besuchen Sie mich,“ wandte sie sich wieder an Mister Astley. „Ich werde mich bemühen, Sie nicht zu sehr zu belästigen. Übersetze ihm das und sage ihm, daß ich hier unten wohne, hier unten – hören Sie, unten, unten,“ wiederholte sie, ihn fest dabei ansehend und mit dem Finger immer nach unten deutend.

Mister Astley war sehr erfreut über die Einladung.

Doch die Großtante betrachtete bereits Polina aufmerksam und mit zufriedenem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.

„Ich würde dich lieben, Praskowja,“ sagte sie plötzlich, „bist ein entzückendes Mädchen, besser als sie alle, aber ein Charakterchen hast du – ach! Nun was, auch ich habe einen Charakter. Dreh dich mal um: ist das alles dein eigenes Haar oder hast du da noch sonst was angesteckt?“

„Nein, Babuschka, es ist alles mein eigenes.“

„So, das ist vernünftig, ich liebe die jetzige dumme Mode nicht. Schön bist du. Ich würde mich in dich verlieben, wenn ich ein Kavalier wäre. Weshalb heiratest du nicht? Aber es ist Zeit für mich. Ich will auch einmal hinaus und mir das alles ansehen, ich habe es satt, dieses ewige Im-Waggon-Sitzen ... Nun, und du, ärgerst du dich noch?“ wandte sie sich zum General.

„O, ich bitte Sie, Tante, vergessen wir es!“ griff der General erfreut die Versöhnungsmöglichkeit auf. „Ich begreife ja vollkommen, daß man in Ihren Jahren ...“

„Cette vieille est tombée en enfance!“ flüsterte mir de Grillet zu.

„Ich will mir hier alles ansehen. Wirst du mir Alexei Iwanowitsch abtreten?“ fuhr die alte Dame, zum General gewandt, fort.

„O, so viel Sie wünschen, aber ich kann ja auch selbst ... und Polina, Monsieur de Grillet ... uns allen wird es ein Vergnügen sein, Sie zu begleiten.“

„Mais, madame, cela sera un plaisir pour nous ...“ beteuerte sogleich de Grillet mit bezaubernder Liebenswürdigkeit.

„Ja, ja, plaisir. Lächerlich bist du, Väterchen. – Geld werde ich dir übrigens nicht geben,“ sagte sie, sich nochmals zum General wendend. „So, und jetzt nach unten in meine Zimmer: ich muß sie mir doch ansehen, und dann machen wir uns auf zu den Sehenswürdigkeiten. Nun, vorwärts!“

Der Fahrstuhl wurde hinausgeschoben, gefolgt von fast allen Anwesenden, und dann die Treppen hinabgetragen. Der General stand, ging und bewegte sich, wie von einem betäubenden Schlage getroffen. De Grillet schien zu überlegen. Mademoiselle Blanche wollte zuerst im Zimmer bleiben, besann sich dann aber eines Besseren und folgte den anderen. Ihr schloß sich sogleich auch der Fürst an, und so blieben im Kabinett des Generals nur der Deutsche und madame veuve de Cominges zurück.

X.

In den Hotels der fashionablen Kurorte – doch glaube ich, im ganzen übrigen Europa nicht minder – richten sich die Hotelverwalter und Oberkellner bei der Anweisung der Räume für einen neueingetroffenen Gast nicht so sehr nach dessen Wünschen als nach ihrer eigenen, persönlichen Einschätzung des Betreffenden, und wie man zugeben muß, täuschen sie sich selten. Was nun aber die Babuschka betraf, da hatten sie doch ein wenig zu hoch gegriffen: vier prächtig ausgestattete Räume, ein Badezimmer, ein Zimmer für den Diener und eines für die Zofe. Dieses Appartement hatte vor einer Woche tatsächlich eine grande-duchesse bewohnt, was natürlich als erstes der neuen Einwohnerin mitgeteilt und weshalb der Preis entsprechend heraufgeschraubt wurde.

Die Großtante wurde mit ihrem Stuhl durch alle Zimmer gefahren und sie musterte sie streng und aufmerksam. Der Hotelverwalter, ein schon bejahrter Mann mit einer Glatze, begleitete sie ehrerbietig bei dieser ersten Besichtigung.

Ich weiß nicht, für wen man sie hielt, jedenfalls aber benahm man sich, als sei sie der vornehmste und reichste Hotelgast. Ins Fremdenbuch ward sogleich eingetragen: Madame la générale princesse de Tarassevitscheva, obschon sie keine Fürstin war. Offenbar hatte der ganze Aufwand ihrer Reise, die eigene Dienerschaft, das besondere Coupé im Waggon, die Unmenge ihrer Gepäckstücke, Koffer und sogar Kisten, die mit ihr eingetroffen waren, die Grundlage zu diesem Prestige gelegt; und der Fahrstuhl mit den Trägern zur Überwindung der Treppen, der schroffe Ton und die Stimme der alten Dame, ihre exzentrischen Fragen, die sie wie mit der größten Selbstverständlichkeit stellte, und noch dazu mit einer Miene, die widerspruchsloseste Beantwortung heischte, kurz, die ganze Erscheinung und Haltung der Babuschka, so wie sie nun einmal war – aufrecht, stramm, schroff und gebieterisch – gab natürlich noch den Rest und steigerte die allgemeine Ehrerbietung zu wahrer Andacht vor ihr.

Bei der Besichtigung der Zimmer befahl sie zuweilen plötzlich, anzuhalten, wies auf irgend einen Gegenstand der Einrichtung und wandte sich mit nicht vorherzusehenden Fragen an den ehrerbietig lächelnden Hotelverwalter, dem es aber in ihrer Nähe nachgerade etwas unheimlich zu werden schien. Sie fragte ihn auf französisch, und da sie diese Sprache ziemlich mangelhaft beherrschte, mußte ich ihre Fragen gewöhnlich noch übersetzen. Doch die Antworten des Hotelverwalters mißfielen ihr größtenteils oder erschienen ihr wenigstens nicht befriedigend. Aber sie frug auch immer so wenig gegenständlich, oder so – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll –, so daß es wohl, weiß Gott, jedem nicht ganz leicht gewesen wäre, befriedigend zu antworten. Plötzlich z. B. läßt sie vor einem Gemälde halten – einer ziemlich schwachen Kopie irgend eines bekannten Originals, das eines der vielen mythologischen Wesen darstellen soll.

„Wessen Porträt ist das?“

Der Hotelverwalter erlaubt sich, ehrerbietigst zu meinen, daß es wahrscheinlich eine Gräfin sei.

„Wie, weißt du denn das nicht? Lebst hier und weißt es nicht. Wozu ist er überhaupt hier? Warum schielt er?“

Auf all diese Fragen wußte der gute Mann nichts Positives zu antworten, ja sie schienen ihn sogar sichtlich zu verwirren.

„Ist das ein Tölpel!“ äußerte sie sich dann auf russisch.

Der Stuhl wurde weitergeschoben. Dieselbe Geschichte wiederholte sich vor einer kleinen sächsischen Porzellanstatuette, die sie lange betrachtete und dann aus unbekannten Gründen fortzubringen befahl. Darauf wandte sie sich plötzlich an den Repräsentanten des Hotels mit der Frage, wieviel die Teppiche im Schlafzimmer gekostet hätten und wo sie gewebt würden. Der Arme versprach, sich sogleich danach zu erkundigen.

„Das sind mir mal Esel!“ brummte sie und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Bett zu.

„Was für ein pompöser Baldachin! Schlagt ihn zurück.“

Man tat es.

„Noch, noch weiter, ganz fort! Nehmt die Kissen fort, die Decken, alles, das Federbett, hebt die Matratzen auf.“

Alles wurde umgedreht und aufmerksam von ihr betrachtet.

„Gut, daß sie keine Wanzen haben. Nehmt die ganze Bettwäsche fort! Deckt meine Wäsche auf und meine Kissen. Das ist aber doch alles viel zu luxuriös für mich Alte, eine solche Wohnung! Allein ist es langweilig. Alexei Iwanowitsch, du kommst öfter zu mir, wenn du mit dem Unterricht der Kinder fertig bist.“

„Ich bin seit gestern nicht mehr Hauslehrer der Kinder des Generals,“ versetzte ich, „ich lebe hier im Hotel ganz für mich.“

„Warum denn das?“

„Vor einigen Tagen traf hier ein angesehener deutscher Baron mit seiner Gemahlin aus Berlin ein. Gestern auf der Promenade redete ich ihn deutsch an, wobei ich mich befleißigte, von der Berliner Redeweise nicht gar zu abweichend zu sprechen.“

„Nun und?“

„Der Baron hielt das für eine Frechheit und beklagte sich beim General, und der General hat mich daraufhin noch gestern verabschiedet.“

„Ja, was hast du denn, hast du ihn denn beleidigt oder gar gescholten? Na, und wenn auch, was wäre denn dabei gewesen! Große Herrlichkeit!“

„O, nein. Im Gegenteil, der Baron machte Miene, mich mit seinem Stock zu schlagen.“

„Und du Lappen hast es erlaubt, daß man sich so etwas deinem Hauslehrer gegenüber herausnimmt?“ wandte sie sich brüsk an den General, „und hast ihn obendrein noch entlassen! Schlafmützen seid ihr alle, alle ohne Ausnahme!“

„Beunruhigen Sie sich nicht, verehrte Tante,“ erwiderte der General mit einem gewissen hochmütig-familiären Klang, „ich kann auch ohne Beistand meine Angelegenheiten ordnen. Überdies hat Ihnen Alexei Iwanowitsch den Sachverhalt nicht ganz richtig wiedergegeben.“

„Und du hast es Dir auch ruhig gefallen lassen?“ wandte sie sich wieder an mich.

„Ich wollte den Baron fordern,“ antwortete ich möglichst ruhig und gleichmütig, „doch der General widersetzte sich dem.“

„So, weshalb hast du dich denn widersetzt?“ wandte sie sich an den General. „Du aber, Väterchen, geh mal jetzt; komm, wenn man dich rufen wird,“ wandte sie sich sogleich an den Hotelverwalter. „Wozu stehst du hier mit offenem Munde, das ist ganz überflüssig. Nicht ausstehen kann ich diese Nürnberger Fratze!“ Jener verbeugte sich ehrerbietigst und verließ uns, ohne das Kompliment der Babuschka verstanden zu haben.

„Aber ich bitte Sie, Tantchen, sind denn Duelle heutzutage überhaupt noch möglich?“ fragte mit einem halb spöttischen Lächeln der General.

„Ja warum denn nicht? Männer sind nun mal Hähne: also soll man sie lassen. Schlafmützen seid ihr hier alle, wie ich sehe, keiner versteht von euch, für sein Vaterland einzustehn! Nun, vorwärts! Potapytsch, sorge dafür, daß stets zwei Träger zur Stelle sind, sprich mit ihnen und mach mit ihnen fest ab. Mehr als zwei sind nicht nötig. Zu tragen brauchen sie mich nur auf den Treppen, auf ebener Erde aber, auf der Straße nur zu schieben, und so sag du es ihnen auch. Ja, und zahle Ihnen noch voraus, dann werden sie höflicher sein. Du aber wirst immer bei mir sein, Potapytsch, und du, Alexei Iwanowitsch, zeig mir mal diesen Baron auf der Straße: ich möchte ihn mir doch wenigstens ansehen, was für ein Von-Baron er denn eigentlich ist. Nun, wo ist denn hier dieses Roulette?“

Ich erklärte ihr, daß das Roulette sich in den Sälen des Kurhauses befinde. Dann folgten noch weitere Fragen: Wieviel sind es? Spielen dort viele Menschen? Wird den ganzen Tag gespielt? Wie spielt man denn dieses Spiel? – Mir blieb zum Schluß nichts anderes übrig, als zu sagen, daß es wohl am besten wäre, sich das Spiel einmal mit eigenen Augen anzusehen, da es schwierig sei zu erklären.

„Nun, dann vorwärts, bringt mich hin! Und du, Alexei Iwanowitsch, geh voran und zeige uns den Weg.“

„Wie, Tantchen, wollen Sie sich denn nicht einmal von der Reise erholen?“ fragte der General ganz besorgt. Er schien unruhig zu werden und auch die anderen tauschten untereinander besorgte Blicke aus. Offenbar waren sie durch diese Überraschung etwas unangenehm berührt; vielleicht aber genierten sie sich auch, die Großtante so ohne weiteres in den Kursaal zu begleiten, wo sie durch ihr originelles Wesen ganz gewiß Aufsehen erregen würde, was in der Öffentlichkeit sehr unangenehm wäre. Indessen erboten sich doch alle, sie zu begleiten.

„Wovon soll ich mich erholen? Ich bin nicht müde; habe ohnehin ganze fünf Tage gesessen. Später aber wollen wir sehen, was für Heilquellen es hier gibt und wo sie sind. Und dann ... wie hieß das nun gleich wieder, Praskowja, – der Schlangenberg, nicht?“

„Ja, Babuschka, der Schlangenberg.“

„Nun, dann meinetwegen der Schlangenberg. Was aber gibt es hier sonst noch zu sehen?“

„Es gibt hier Verschiedenes, Babuschka,“ sagte Polina etwas ratlos.

„Nun, scheinst ja selbst nichts zu wissen. Marfa, du kommst auch mit,“ sagte sie zu ihrem Kammermädchen.

„Aber warum denn auch die noch, Tantchen?“ warf der General ein, wohl um das Gefolge möglichst zu verringern. „Und übrigens wird man sie kaum das Kurhaus betreten lassen, ja selbst bei Potapytsch bin ich dessen nicht ganz sicher.“

„Na, solch ein Unsinn! Bloß weil sie meine Dienerin ist, soll ich sie hier allein sitzen lassen? Sie ist doch auch ein lebendiger Mensch. Fast eine ganze Woche waren wir unterwegs – sie will doch auch etwas sehen. Mit wem soll sie denn gehen, wenn nicht mit mir? Allein würde sie ja nicht mal wagen, ihre Nase aus der Tür zu stecken.“

„Aber ...“

„Oder schämst du dich etwa, mit mir und ihr zu gehen? So bleib doch zu Haus, niemand bittet dich. Seht doch mal an, was das für ein General ist! Ich bin selbst eine Generalin. Und überhaupt, wozu soll mir denn solch ein ganzer Schweif folgen? Ich werde mir auch ohne euch mit Alexei Iwanowitsch alles ansehen können ...“

Doch de Grillet bestand mit größtem Eifer darauf, daß alle sie begleiteten, und erging sich in den liebenswürdigsten Phrasen bezüglich des Vergnügens, sie begleiten zu dürfen, usw., usw. So brachen wir auf.

„Elle est tombée en enfance,“ flüsterte de Grillet dem General zu, „seule – elle fera des bêtises ...“ weiter konnte ich das Geflüster nicht verstehen, doch genügte mir das, um zu erraten, daß er gewisse Absichten haben mußte und daß er vielleicht sogar neue Hoffnung schöpfte.

Bis zum Kurhaus hatten wir von unserem Hotel aus kaum tausend Schritte zu gehen. Unser Weg führte uns durch die Kastanienallee bis zum Square vor dem Kurhaus. Der General beruhigte sich unterwegs ein wenig, denn wenn unsere Völkerwanderung auch etwas auffallend war, so machten wir doch zweifellos einen guten Eindruck. Und übrigens war es ja gar nicht erstaunlich, daß eine kranke Person, die im Stuhl gefahren werden mußte, hier zur Kur erschienen war, in gutem Vertrauen auf die Wirkung der Heilquellen. Der General hegte denn auch einzig wegen der Spielsäle seine Befürchtungen, denn: daß ein kranker Mensch zu einer Heilquelle reiste, war sehr natürlich, viel weniger natürlich war es aber, wenn dieser Kranke – in diesem Fall noch dazu eine alte Dame – die Spielsäle besuchte. Polina und Mademoiselle Blanche gingen jede zu einer Seite des Fahrstuhls. Mademoiselle Blanche lachte, war fröhlich, doch in bescheidenen Grenzen, und widmete sich sogar sehr liebenswürdig der alten Dame, so daß diese sich schließlich lobend über sie äußerte. Polina auf der anderen Seite war wiederum verpflichtet, alle Augenblicke die unzähligen plötzlichen Fragen der Babuschka zu beantworten, Fragen von der Art wie: „Wer war das, der soeben vorüberging? Ist die Stadt groß? Wie groß ist der Park? Was sind das für Bäume? Was sind das dort für Berge? Fliegen hier auch Adler? Was ist das da für ein eigentümliches Dach?“

Mister Astley ging neben mir und flüsterte mir unbemerkt zu, daß er für diesen Tag noch vieles erwarte.

Potapytsch und Marfa gingen hinter dem Fahrstuhl: Potapytsch in seinem Frack mit weißer Krawatte, doch auf dem Kopf eine Mütze mit einem Schirm, und Marfa – ein vierzigjähriges, rotwangiges Mädchen, deren Haar jedoch schon zu ergrauen begann – in einem Kattunkleide und in knarrenden, bockledernen Schuhen. Auf dem Kopf trug sie eine weiße Haube. Die Babuschka wandte sich sehr oft nach den beiden um und machte sie auf dieses und jenes aufmerksam, oder fragte sie, wie ihnen dieses und jenes gefalle.

De Grillet unterhielt sich mit dem General. Vielleicht sprach er ihm Mut zu. Jedenfalls aber schien er ihm Ratschläge zu erteilen. Leider hatte die Erbtante das entscheidende Wort bereits ausgesprochen: „Geld werde ich dir übrigens nicht geben.“ Möglich jedoch, daß de Grillet die Androhung nicht ganz so ernst nahm. Dafür aber kannte der General den Charakter der alten Dame zu gut, um sich über die Bedeutung der Worte tröstende Illusionen zu machen. Es fiel mir auf, daß de Grillet und Mademoiselle Blanche fortfuhren, heimlich Blicke auszutauschen.

Den Fürsten und den deutschen Wissenschaftler erblickte ich weit hinter uns am Ende der Allee. Sie waren wohl absichtlich zurückgeblieben, und schlugen eine andere Richtung ein.

Wie ein Triumphzug erschienen wir im Kurhaus. Der Portier und die Diener legten hier gegen uns dieselbe an Ehrfurcht grenzende Höflichkeit an den Tag, wie das Dienstpersonal des Hotels, sahen uns aber doch mit größtem Interesse nach.

Die Babuschka wollte zuerst alle Säle sehen; einiges lobte sie, anderes ließ sie ganz gleichgültig; nach allem aber fragte sie. Endlich langten wir bei den Spielsälen an. Der Diener, der dort als Schildwache an der geschlossenen Tür steht, war bei unserem Anblick zuerst ganz verblüfft, faßte sich aber im Augenblick und riß beide Türflügel sperrangelweit auf.

Wie sollten wir da nicht Aufsehen erregen! Dazu war noch unser Mittelpunkt eine alte Dame, die sich trotz Krankheit und Lähmung in die Spielsäle fahren ließ – wie sollte da ihr Erscheinen nicht Eindruck auf das Spielerpublikum machen?

An den Tischen, an denen Roulette gespielt wurde, und ebenso am anderen Ende des Saales, wo man trente et quarante spielte, drängten sich etwa hundertundfünfzig bis zweihundert Menschen, die die Tische in drei- und vierfachen Reihen umlagerten. Jene, die sich glücklich bis an einen Tisch hatten durchdrängen können, wußten ihren schwereroberten Platz mit größter Zähigkeit zu behaupten und gaben ihn gewöhnlich nicht früher auf, als bis sie alles verspielt hatten; denn, nur so als Zuschauer am Tisch zu stehen, ohne zu spielen, das ließ man natürlich nicht zu. Obschon rings um jeden Tisch Stühle stehen, setzen sich doch nur sehr wenige Spieler, namentlich wenn sich viele an den Tisch drängen, da stehend eine größere Anzahl Platz hat, denn wer unmittelbar am Tische steht, kann am bequemsten sein Geld anbringen. Die zweite und dritte Reihe drängen sich auf die erste, und man beobachtet und wartet, bis sich Gelegenheit bietet, sich weiterzudrängen und dann gleichfalls zu setzen. Doch nicht alle sind so geduldig und gewöhnlich machen sie ihre Einsätze über die Schultern der vor ihnen Stehenden – oder sie zwängen ihre Hand zwischen den anderen durch – und sogar aus der dritten Reihe bringen manche das Kunststück fertig, über zwei Reihen hinweg ihr Geld zu setzen. Infolgedessen vergehen keine zehn Minuten, ohne daß an einem Tische Streit entsteht. Die Polizei der Spielsäle ist übrigens nicht schlecht. Das Gedränge läßt sich selbstverständlich nicht vermeiden, ganz abgesehen davon, daß es für die Bank vorteilhafter ist: je mehr Menschen an einem Tisch spielen, um so mehr verdient die Bank. Die acht Croupiers, die an einem Tisch sitzen, verfolgen natürlich aufmerksam die Einsätze der Spieler, und da sie jedem das gewonnene Geld auszahlen, sind sie in der Regel diejenigen, die die bei der Gelegenheit entstandenen Streitigkeiten schlichten. Im äußersten Fall wird aber die Polizei herbeigerufen und die Sache damit schnell erledigt.

Die Polizeibeamten tragen hier unauffällige Zivilkleidung und halten sich wie Privatleute, gleich allen den unzähligen Promenierenden und Zuschauenden, in den Sälen auf, so daß niemand sie als Angestellte der Bank erkennen kann. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die kleinen Diebe im Auge zu behalten. Solcher gibt es an den Roulettetischen sehr viele, da ihnen die Ausübung ihres Gewerbes so leicht gemacht wird. In der Tat, an jedem anderen Ort muß man, wenn man stehlen will, in fremde Taschen greifen oder Schlösser sprengen, – das aber zieht im Fall eines Mißlingens unangenehme Folgen nach sich. Beim Roulette jedoch braucht man nur an den Tisch zu treten, ein paar Francs zu setzen und plötzlich ganz offen und nur mit größter Unverfrorenheit einen fremden Gewinn vom Tisch zu nehmen, und in die Tasche zu stecken, und, wenn dann ein Streit entsteht, ganz entrüstet zu behaupten, daß es der eigene Einsatz gewesen sei. Wenn der Spitzbube es geschickt und unauffällig zu machen versteht und die übrigen Spieler in ihren Zeugenaussagen nicht ganz sicher sind, so bleibt der Dieb sehr oft im Besitz des fremden Geldes – d. h. wenn die Summe nicht gar so groß war. – Die großen Einsätze werden in der Regel von den Croupiers oder den übrigen Spielern und Zuschauern mehr beachtet. Ist aber die Summe nicht so groß, so verzichtet ihr wirklicher Besitzer sehr oft auf eine Fortsetzung des Streites, da ihm ein Skandal zu unangenehm ist, und er verläßt den Tisch. Gelingt es aber, den Dieb zu überführen, so wird er unter großem Trubel von den Polizeibeamten hinausgeschafft.

Alles das sah sich die Babuschka aus der Ferne mit gespanntem Interesse an. Es gefiel ihr sehr, daß die Diebe abgeführt wurden. Trente et quarante fand bei ihr kein besonderes Interesse; besser gefiel ihr das Roulette und am besten die weiße kleine Kugel, und daß sie sich drehte. Endlich wünschte sie jedoch, das Spiel sich aus der Nähe genauer anzusehen.

Ich weiß selbst nicht, wie es zuging, aber den angestellten und den freipraktizierenden Dienern – letztere sind vornehmlich Polen, die ihr Geld verspielt haben und nun glücklichen Spielern oder Ausländern ihre Dienste aufdrängen – gelang es jedenfalls im Augenblick, trotz des Gedränges, neben dem Hauptcroupier, der an der Mitte des Tisches sitzt, Platz zu schaffen, und ehe ich mich dessen versah, wurde auch schon ihr Stuhl dorthin geschoben. Sogleich drängten sich viele Zuschauer, die sich der Kuriosität halber in den Spielsälen aufhielten, ohne selbst zu spielen – meist Engländer mit ihren Familien – von allen Seiten an den Tisch heran, um die alte Dame zu betrachten. Unzählige Lorgnons richteten sich auf sie. Die Croupiers schöpften Hoffnung: eine so absonderliche Spielerin verhieß ja wirklich etwas Außergewöhnliches. Freilich, eine fünfundsiebzigjährige Dame, die trotz halber Lähmung noch zu spielen wünschte – das war allerdings nichts Alltägliches. Ich drängte mich gleichfalls an den Tisch und blieb neben ihrem Stuhl stehen. Potapytsch und Marfa waren ganz von uns fortgedrängt worden und standen irgendwo wie verlassen unter den vielen Menschen. Der General, Polina, de Grillet und Mademoiselle Blanche hielten sich gleichfalls unter den Zuschauern auf, doch absichtlich weiter von uns entfernt.

Die Babuschka begann zuerst, die Spieler zu betrachten. Und natürlich folgten dann wieder ihre plötzlichen Fragen, die sie mir schnell und halblaut zuflüsterte. „Wer ist dieser dort? Und wer ist jene?“ Am meisten gefiel ihr ein ganz junger Mensch, der am Ende des Tisches saß und sehr hoch spielte: er setzte zu Tausenden und hatte, wie man ringsum flüsterte, schon gegen vierzigtausend Francs gewonnen, die in einem ganzen Haufen von Gold und Banknoten vor ihm lagen. Er war bleich; seine Augen glänzten fieberhaft und seine Hände zitterten. Er setzte bereits ohne jede Berechnung, setzte, soviel die Hand griff, und immer noch gewann er und gewann er und scharrte das Geld zusammen. Die Diener behandelten ihn wie ihren Augapfel, waren unermüdlich in ihren Dienstleistungen, schleppten ihm sogar einen Sessel herbei und hielten ihm die anderen vom Leibe, damit er es bequemer habe – alles das, versteht sich, in Erwartung gemünzter Dankbarkeit. Es geben ihnen nämlich die meisten Spieler, wenn sie größere Summen gewonnen haben, beim Fortgehen in der Freude über den Gewinn reichen Lohn für diese kleinen Dienstleistungen, gewöhnlich so viel, wieviel die Hand aus der Tasche zieht. Deshalb hatte sich auch neben diesem ununterbrochen, doch untertänigst etwas zuflüsterte jungen Menschen schon einer von den bewußten Polen eingefunden, der sich nun nach Kräften mühte und ihm – wahrscheinlich riet er ihm, wie er spielen solle – selbstverständlich gleichfalls in Erwartung eines Almosens! Doch der Spieler sah ihn kaum, und setzte planlos, achtlos, wirr – und gewann immer noch. Ich glaube, er war sich seiner Handlungen kaum noch bewußt.

Die Babuschka betrachtete ihn eine Weile regungslos. Plötzlich stieß sie mich ganz erregt an und flüsterte mir schnell zu:

„Sag ihm, sag ihm, daß er fortgehen soll, daß er sein Geld nehmen und fortgehen soll, schnell, schnell, sag’s ihm doch! Er wird es verlieren, er wird sofort alles verlieren, so geh doch! – Wo ist Potapytsch? Schick Potapytsch zu ihm! Schnell! Aber so sag’s ihm, so sag’s ihm doch!“ Und sie stieß mich immer heftiger, damit ich ging. „Wo ist Potapytsch? Sortez! Sortez!“ begann sie selbst dem jungen Menschen zuzurufen. Ich beugte mich schnell zu ihr und flüsterte ihr scharf zu, daß man hier nicht so schreien dürfe, daß es nicht einmal erlaubt sei, etwas lauter als im Flüsterton zu sprechen, da fremdes Gespräch die Spieler in ihren Berechnungen störe, und daß man uns andernfalls sogleich hinausweisen würde.

„Ach, wie ärgerlich! Der Mensch ist verloren! Aber er will es ja selbst ... ich mag ihn nicht mehr ansehen, er bringt mich aus der Haut. Solch ein Tölpel!“ Und sie wandte sich geärgert von ihm fort und begann die Spieler an der anderen Hälfte des Tisches zu betrachten.

Dort an der linken Seite des Tisches fiel unter den Spielern namentlich eine junge Dame auf, neben der ein Zwerg stand. Wer dieser Zwerg war, das weiß ich nicht – vielleicht war es ein Verwandter von ihr, vielleicht nahm sie ihn nur so mit, um Aufsehen zu erregen. Diese Dame war mir auch früher schon aufgefallen. Sie erschien täglich um die Mittagszeit in den Spielsälen, gewöhnlich um ein Uhr, und um zwei Uhr ging sie wieder fort – nur eine Stunde spielte sie. Man kannte sie schon und verschaffte ihr sogleich einen Stuhl. Sie nahm dann aus ihrer Tasche etwas Geld, einige Tausendfrancs-Scheine und begann ruhig, kaltblütig, berechnend zu setzen, notierte sich mit ihrem Bleistift die Zahlen, die herauskamen, und bemühte sich, das System zu erraten, nach dem im gegebenen Augenblick die Chancen wechselten. Sie setzte ziemlich bedeutende Summen und gewann täglich ein-, zwei-, höchstens dreitausend Francs – nicht mehr, und sobald sie gewonnen hatte, ging sie fort. Der Babuschka fiel sie sogleich auf und sie betrachtete sie lange.

„Nun, diese dort wird sicherlich nicht verlieren! Nein, diese ganz gewiß nicht! Die ist die Richtige! – Weißt du nicht, wer sie ist?“

„Eine Französin wahrscheinlich, eine von jenen,“ flüsterte ich.

„Ah! Das sieht man! Man erkennt den Vogel schon am Flug; ja, die hat scharfe Krallen. So, und jetzt erkläre mir, was jede Drehung zu bedeuten hat und wie man setzen muß.“

Ich versuchte, so gut es ging, mich möglichst kurz zu fassen und ihr ungefähr die verschiedenen Kombinationen des Spiels, rouge et noir, pair et impair, manque et passe und die verschiedenen Bedeutungen der Zahlen zu erklären. Sie folgte sehr aufmerksam meiner Erläuterung, prägte sich die Hauptsachen ein, fragte zuweilen nochmals und schien alles gut zu behalten. Übrigens hatten wir die Beispiele vor Augen, was das Begreifen und Behalten wesentlich erleichterte. Die Babuschka war jedenfalls sehr zufrieden mit meiner Erklärung.

„Aber was bedeutet zéro? Dieser Croupier hier, der Krauskopf, rief soeben zéro! Und weshalb zieht er alles ein, sieh doch, alles was auf dem Tisch ist? Und den ganzen Haufen behält er für sich! Was hat denn das zu bedeuten?“

„Ja, zéro, Babuschka, ist der Gewinn der Bank. Wenn die Kugel auf zéro fällt, so gehören alle Einsätze der Bank, die dann niemandem etwas auszahlt.“

„So, das ist mir mal nett! Und ich erhalte gar nichts?“

„O, doch, Babuschka, aber nur, wenn Sie vorher auch auf zéro gesetzt haben, dann aber das fünfunddreißigfache Ihres Einsatzes.“

„Was, fünfunddreißigmal mehr? Und kommt das oft heraus? Warum setzen sie dann nicht auf zéro, die Dummköpfe?“

„Weil sechsunddreißig Chancen dagegen sind.“

„Unsinn! Potapytsch, Potapytsch! Wart, auch ich habe Geld bei mir, – hier!“ Sie zog aus ihrer Tasche einen zum Platzen vollen Geldbeutel hervor und entnahm ihm einen Friedrichsdor. „Da, setz ihn gleich auf zéro!“

„Aber zéro hat doch eben erst gewonnen,“ bemerkte ich, „jetzt wird es so bald nicht wieder gewinnen. Sie würden viel verlieren, wenn Sie jetzt schon anfangen wollten, auf zéro zu setzen. Warten Sie noch ein wenig.“

„Unsinn, tu, was ich dir sage!“

„Wie Sie wünschen, nur wird zéro vielleicht nicht vor dem Abend gewinnen und Sie können Tausende verlieren. Das ist schon vorgekommen.“

„Ach, Unsinn, sprich nicht! Wer den Wolf fürchtet, der gehe nicht in den Wald. Was? Verloren? Setz noch einmal!“

Auch der zweite Friedrichsdor wurde verspielt. Wir setzten den dritten. Die Babuschka konnte kaum ruhig bleiben und ihre Augen folgten wie gebannt der springenden Kugel. Und wir verloren auch den dritten. Die Babuschka war außer sich, sie saß wie auf Kohlen und klopfte sogar mit der Faust auf den Tisch, als der Croupier „trente six“ rief, anstatt des erwarteten zéro.

„Ach, das ist doch! ...“ ärgerte sie sich, „wird denn nicht endlich einmal diese elende Null herauskommen! Ich will nicht leben, wenn ich das nicht zurückgewinne! Ich bleibe hier bis zum zéro! Das macht ja doch alles dieser verwünschte Croupierbengel, der Krauskopf, dieser Elende! Der macht es absichtlich! Alexei Iwanowitsch, setze zwei Goldstücke auf zéro! Du setzt ja immer so wenig, daß man doch nichts bekäme, wenn es mal trifft!“

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

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