Der Spieler (continued 4)
E. K. Rahsin translation
Ich glaube, seit meinem Erscheinen im Saal war noch keine halbe Stunde vergangen: da wandte sich der Croupier zu mir und teilte mir mit, daß ich dreißigtausend Gulden, das Maximum, gewonnen habe, und daß, da die Bank auf einmal nicht mehr auszahle, das Roulette jetzt bis zum nächsten Morgen geschlossen werde. Ich scharrte all mein Gold zusammen, steckte es in meine Taschen, nahm die Banknoten und ging sogleich zum nächsten Roulette, das sich im anderen Saal befand. Alles drängte, stürmte mir nach. Dort wurde mir sofort Platz gemacht und ich begann wieder zu spielen, setzte das Geld ohne zu zählen, ohne zu denken. Ich begreife nicht, was mich rettete!
Zuweilen übrigens kam mir so etwas wie eine Erinnerung an Systeme und Berechnungen und ich dachte, daß ich ja doch auch berechnen müsse: dann hielt ich mich an gewisse Zahlen und erwog die Chancen, doch bald war wieder alles vergessen und ich spielte weiter – fast bewußtlos. Ich muß wohl sehr zerstreut gewesen sein: ich entsinne mich, daß die Croupiers mehrmals meine Einsätze korrigierten. Ich machte grobe Fehler. Meine Haare klebten an den Schläfen und meine Hände zitterten. Neben mir tauchten natürlich wieder die bewußten Polen auf und boten mir ihre Dienste an, doch ich bemerkte sie kaum. Das Glück verließ mich nicht. Plötzlich ringsum lautes Durcheinandersprechen und Lachen. „Bravo, bravo!“ hörte ich rufen und mehrere klatschten in die Hände.
Ich hatte auch hier dreißigtausend Gulden der Bank entrissen und das Roulette wurde auch hier bis zum nächsten Morgen geschlossen.
„Gehen Sie, gehen Sie fort!“ flüsterte mir von rechts jemand ins Ohr.
Es war ein Frankfurter Jude; er hatte die ganze Zeit neben mir gestanden und mir beim Spiel, glaube ich, hin und wieder geholfen.
„Um Gottes willen, gehen Sie fort!“ flüsterte flehentlich eine andere Stimme links von mir.
Ich sah flüchtig hin. Es war eine ganz unauffällig, doch sehr anständig gekleidete Dame von etwa dreißig Jahren mit einem krankhaft bleichen und müden Gesicht, dem man aber doch noch deutlich ansah, daß es einst wundervoll schön gewesen sein mußte. Ich stopfte gerade haufenweise Banknoten und Gold in meine Taschen. Ich nahm die letzte Goldrolle von fünfzig Friedrichsdor und – es gelang mir, sie ganz unbemerkt der bleichen Dame in die Hand zu drücken: mich überkam ein unbezwingbares Verlangen, es zu tun, und ihre dünnen Finger drückten heiß meine Hand zum Zeichen glühender Dankbarkeit. Alles das geschah in einem Augenblick.
Nachdem ich das Geld an mich genommen, ging ich zum Trente et quarante.
An diesem Tisch sitzt ausschließlich aristokratisches Publikum. Das ist kein Roulette, sondern ein Kartenspiel. Hier ist das Maximum, das ein Spieler gewinnen kann, hunderttausend Taler. Der höchste Einsatz ist aber gleichfalls viertausend Gulden. Ich kannte das Spiel noch nicht, ich wußte nur, daß man auch hier auf Rot und Schwarz setzen konnte. Daran hielt ich mich. Alles drängte sich um den Tisch, aus allen Sälen kamen sie. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich während dieser ganzen Zeit auch nur einmal an Polina gedacht habe. Ich weiß nur, daß es mir ein so unsagbares Vergnügen war, ein Genuß geradezu, die Banknoten und das Geld zusammenzuscharren, die den Geldhaufen vor mir immer größer machten, immer größer.
Wirklich, es war, als triebe mich das Schicksal selbst. Gerade diesmal aber geschah etwas, das im Spiel übrigens ziemlich oft vorkommt: das Glück heftete sich an Rot und fünfzehnmal nach der Reihe kam Rot heraus. Ich hatte noch zwei Tage vorher gehört, daß Rot plötzlich zweiundzwanzigmal nach der Reihe gewonnen habe, was alle ganz verwundert erzählten, denn daß je ein solcher Fall vorgekommen war, dessen entsann man sich überhaupt nicht. Selbstverständlich wagt nach dem zehnten Mal niemand mehr auf Rot zu setzen. Aber auch auf Schwarz, das Gegenteil von Rot, setzt dann – wenigstens von erfahrenen Spielern – kein einziger. Diese wissen nur zu gut, zu was solch ein „Eigenwille des Zufalls“ mitunter auswachsen kann. Die Neulinge aber fallen gewöhnlich ausnahmslos herein, indem sie ihre Einsätze auf das Gegenteil – auf Schwarz z. B. – verdoppeln und verdreifachen und, versteht sich, bei der Gelegenheit riesige Summen verlieren.
Ich aber begann, als ich neben mir sagen hörte, daß Rot schon siebenmal nach der Reihe gewonnen habe, aus Eigensinn gerade auf Rot zu setzen. Doch bin ich überzeugt, daß wenigstens zur Hälfte Prahlerei und Eigenliebe, der Drang, sich hervorzutun, bei meinem Entschluß mitsprach: ich wollte die Zuschauer durch meinen unsinnigen Wagemut in Erstaunen setzen und – o, seltsam war die Empfindung – ich erinnere mich ganz deutlich, daß mich plötzlich ohne bestimmten Anlaß ein unbändiges Verlangen ergriff, zu wagen, immer mehr zu wagen. Vielleicht kam das daher, daß die Nerven, die schon soviel wirbelnde Empfindungen ausgekostet hatten, nur gereizt wurden, anstatt sich zu sättigen, und daher nur nach noch größerer Erregung verlangten, nach noch aufpeitschenderen Gefühlen, immer noch stärkeren Empfindungen, um dann endlich in vollständiger Erschöpfung ausruhen zu können. Und wirklich, ich lüge nicht, wenn ich sage, daß ich, falls es nur möglich gewesen wäre, fünfzigtausend Gulden auf einmal zu setzen – ich sie gesetzt hätte. Ringsum rief man erregt, es sei Wahnsinn, noch auf Rot zu setzen, schon vierzehnmal habe es gewonnen!
„Monsieur a gagné déjà cent mille florins!“ hörte ich irgendwo eine Stimme.
Da kam ich zu mir. Wie? ich hatte schon hunderttausend Gulden gewonnen? Was mache ich mit soviel? Mehr habe ich ja gar nicht nötig! Ich raffte das ganze Geld, die Banknoten und das Gold zusammen, stopfte alles in meine Taschen, ohne es zu zählen, ohne darauf zu achten, daß ich so die Banknoten zerknitterte, und schritt fast wankend unter der Schwere des Goldes dem Ausgang des Kurhauses zu. Ringsum lachte man, während ich durch die Säle ging, über meine abstehenden Taschen. Ich glaube, das Gold wog reichlich über zwanzig Pfund. Mehrere Hände streckten sich mir entgegen; ich gab ohne zu zählen, wieviel die Hand aus der Tasche faßte. Am Ausgange hielten mich zwei Juden auf.
„Sie sind kühn! Sie sind sehr kühn!“ sagten sie, „aber fahren Sie morgen früh fort, so früh als möglich, sonst werden Sie alles wieder verspielen ...“
Ich hörte nicht auf sie. Die Allee war dunkel; es war so dunkel, daß man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Bis zum Hotel hatte ich etwa fünfhundert Schritt zu gehen. Ich habe mich nie vor Dieben oder Räubern gefürchtet, selbst als kleiner Junge nicht; ich dachte auch gar nicht an die Möglichkeit eines Überfalls, als ich hinaustrat. Übrigens entsinne ich mich nicht mehr, an was ich unterwegs dachte; ich glaube, ich hatte überhaupt keine Gedanken. Ich empfand nur so etwas wie das Auskosten eines Genusses – ein wundervolles Gefühl des Erfolges, des Sieges, der Macht – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Auch Polinas Gestalt tauchte vor mir auf. Ich wußte, daß ich zu ihr ging, daß ich sogleich bei ihr sein und ihr erzählen, ihr das Geld zeigen würde ... Aber ich entsann mich kaum noch dessen, was sie mir dort in meinem Zimmer gesagt hatte und weshalb ich in die Spielsäle gegangen war, – und alle jene Gefühle, die noch vor anderthalb Stunden in mir getobt hatten, erschienen mir nun als etwas schon längst Vergangenes, Veraltetes, Beigelegtes – dessen wir jetzt doch überhaupt nicht mehr erwähnen würden, da ja nun ein ganz neues Leben begann. Ich hatte fast schon das Ende der Allee erreicht, als mich plötzlich Angst ergriff: „Wie, wenn man mich jetzt überfällt, totschlägt und beraubt!“ Und mit jedem Schritt wuchs die Angst. Ich lief fast. Da stand plötzlich am Ende der Allee unser Hotel vor mir, mit seinen hellen Fensterreihen ... Gott sei Dank – ich war in Sicherheit!
Ich eilte die Treppen hinauf zu meinem Zimmer und stieß die Tür auf. Polina war da: sie saß auf meinem Diwan, das brennende Licht vor sich auf dem Tisch, die Arme verschränkt. Verwundert sah sie mich an – natürlich werde ich in dem Augenblick seltsam genug ausgesehen haben. Ich blieb vor ihr stehen und begann, den ganzen Haufen Geld aus meinen Taschen auf den Tisch zu werfen.
XV.
Ich weiß noch, sie sah mir ins Gesicht, aber sie rührte sich nicht, nicht einmal ihre Stellung veränderte sie.
„Ich habe zweihunderttausend Franken gewonnen!“ sagte ich, indem ich die letzte Rolle auf den Tisch warf.
Die Banknoten, Goldstücke und Goldrollen bedeckten den ganzen Tisch; ich konnte meine Augen nicht abwenden von diesem Haufen und minutenlang vergaß ich ganz Polinas Anwesenheit ... Ich legte die Banknoten in einen Haufen aufeinander, versuchte das Gold zu sortieren, doch bald ließ ich alles liegen und begann, mit schnellen Schritten im Zimmer hin und her zu gehen, den Kopf wie in Gedanken gesenkt; dann trat ich plötzlich wieder an den Tisch und versuchte von neuem das Geld zu ordnen. Plötzlich, als käme ich jetzt erst zur Besinnung, stürzte ich zur Tür und verschloß sie schnell. Zweimal drehte ich den Schlüssel um. Dann blieb ich, noch immer wie in Gedanken versunken, vor meinem kleinen Koffer stehen.
„Oder soll ich es bis morgen in den Koffer legen?“ fragte ich, halb zu Polina gewandt, – und plötzlich, jetzt erst, erinnerte ich mich ihrer wieder und sah mich erschrocken nach ihr um.
Sie saß immer noch regungslos auf demselben Platz und beobachtete mich unausgesetzt, ohne den Blick auch nur einmal von mir abzuwenden. Es lag etwas Eigentümliches in ihrem Gesichtsausdruck, etwas, das mir sehr mißfiel. Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich sage, daß Haß in ihm lag.
Ich trat schnell zu ihr.
„Polina, hier sind fünfundzwanzigtausend Gulden, das sind fünfzigtausend Franken, – sogar mehr. Nehmen Sie sie und werfen Sie sie ihm morgen ins Gesicht.“
Sie antwortete nicht.
„Wenn Sie wollen, werde ich sie ihm selbst bringen, morgen früh. Ja?“
Sie begann plötzlich zu lachen. Lange lachte sie.
Verwundert sah ich sie an und ein wehes Gefühl stieg in mir auf. Dieses Lachen erinnerte mich an ihr oft gehörtes spöttisches Lachen, in das sie jedesmal ausgebrochen war, wenn ich am leidenschaftlichsten von meiner Liebe zu ihr gesprochen hatte. Endlich hörte sie auf und wurde ernst. Mit strengem, bösem Blick, unter der Stirn hervor, betrachtete sie mich prüfend.
„Ich nehme Ihr Geld nicht,“ sagte sie mit unverhohlener Verachtung.
„Wie? Was soll das? Warum denn nicht, Polina?“
„Umsonst nehme ich kein Geld.“
„Aber ich biete es Ihnen doch als Freund an, ich bin bereit, mein Leben für Sie hinzugeben!“ ...
Sie sah mich mit einem langen forschenden Blick an, als wolle sie mein Innerstes durchschauen.
„Sie bieten zuviel,“ sagte sie, kurz auflachend, „die Geliebte von de Grillet ist nicht fünfzigtausend Franken wert.“
„Polina, wie können Sie so sprechen!“ rief ich empört. „Bin ich denn de Grillet?“
„Ich hasse Sie! Ja ... ja! ... Ich liebe Sie nicht mehr als de Grillet!“ rief sie zitternd und ihre Augen blitzten.
Plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit den Händen und brach in hysterisches Weinen aus. Ganz erschreckt trat ich zu ihr.
Ich sagte mir, daß während meiner Abwesenheit etwas mit ihr geschehen sein müsse. Sie schien jedes seelische Gleichgewicht verloren zu haben. Wie eine Irre war sie.
„Kaufe mich! Willst du? Willst du? für fünfzigtausend Franken wie de Grillet!“ stieß sie plötzlich unter krampfhaftem Schluchzen hervor.
Ich umfing sie, küßte sie, küßte ihre Hände, ihre Füße, fiel vor ihr auf die Kniee.
Ihr Nervenanfall ging vorüber. Sie legte beide Hände auf meine Schultern und betrachtete mich aufmerksam. Ich glaube, sie wollte alle meine Gefühle von meinem Gesicht ablesen. Sie hörte mir wohl zu, aber sie schien nicht zu verstehen, was ich ihr sagte. In ihren Augen lag eine Sorge und sie starrte vor sich hin wie in Gedanken versunken. Ich fürchtete entschieden schon für ihren Verstand. Sie begann, mich leise an sich zu ziehen, ein vertrauensvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht; dann aber stieß sie mich wieder fort und wieder begann sie, mit düsterem Blick mir regungslos in die Augen zu schauen.
Plötzlich beugte sie sich zu mir und schlang die Arme um meinen Hals.
„Du liebst mich doch, liebst mich?“ fragte sie, „du wolltest doch, du wolltest ... dich doch mit dem Baron um meinetwillen schlagen! ...“
Und sie lachte auf und lachte – ganz als sei ihr plötzlich etwas Lachhaftes und doch Liebes eingefallen. Und so ging es fort, – bald weinte, bald lachte sie, oder sie tat beides zugleich. Was sollte ich anfangen? Ich war ja selbst wie im Fieber. Ich weiß noch, sie wollte mir etwas erzählen, aber ich wurde nicht klug aus ihren Worten. Es hörte sich fast wie Fieberdelirien an, die dann wieder vom ausgelassensten Lachen unterbrochen wurden. Dieses Lachen begann mich nachgerade zu ängstigen.
„Nein, nein, du bist mein Lieber, mein Lieber, du!“ schmeichelte sie dann wieder. „Du mein Treuer!“ Und wieder legte sie ihre Hände auf meine Schultern, wieder sah sie mir tief in die Augen und – „Du liebst mich ... liebst mich doch ... wirst mich lieben? ... Ja?“ fragte sie.
Ich wandte meine Augen nicht von ihr ab; noch nie hatte ich sie in einem ähnlichen Anfall von Zärtlichkeit und Liebe gesehn. Das war natürlich das Fieber ... doch als sie meinen leidenschaftlichen Blick bemerkte, lächelte sie arglistig; und plötzlich begann sie ganz unvermittelt von Mister Astley zu sprechen.
Übrigens sprach sie ununterbrochen von Mister Astley – was es gerade war, das weiß ich nicht mehr, ich wurde auch damals nicht klug aus ihren Worten. Ich glaube, sie machte sich sogar lustig über ihn. Jedenfalls aber wiederholte sie immer, daß er warte, – „weißt du es nicht? Sicherlich steht er jetzt unter unserem Fenster! Ja, ja, unter dem Fenster – geh nur, geh, sieh nach, überzeuge dich: er steht unten auf der Straße!“ Und sie stieß mich zum Fenster, doch als ich hingehen wollte, begann sie zu lachen und ich blieb bei ihr und sie schlang wieder die Arme um meinen Hals.
„Wir fahren fort? Wir fahren doch morgen fort von hier?“ kam es ihr plötzlich in den Sinn und sie wurde unruhig. „Nun ...“ und sie wurde nachdenklich, – „nun, aber was meinst du, werden wir die Großtante noch einholen? In Berlin, denke ich, werden wir sie einholen. Was meinst du, was wird sie sagen, wenn sie uns erblickt? Aber Mister Astley? ... Nein, der würde nicht vom Schlangenberg hinabspringen! Was meinst du?“ Und sie begann wieder zu lachen. „Höre – weißt du’s schon, wohin er im nächsten Sommer fahren wird? Also höre: er will an den Nordpol, zu wissenschaftlichen Zwecken, und er forderte mich auf, mitzufahren, hahaha! Er sagt, daß wir Russen ohne die Europäer nichts wüßten und zu nichts fähig seien ... Aber er ist ein guter Mensch! Weißt du, er entschuldigt den General. Er sagt, daß Blanche ... daß die Leidenschaft ... nein, ich weiß nicht mehr, wie es war, ich hab’s vergessen ... Die Armen, wie sie mir alle leid tun, auch Babuschka ... Doch höre, sag nur, wie wirst du denn de Grillet niederschießen? Glaubtest du wirklich? Wie konntest du nur glauben, ich würde es zulassen, daß du dich mit de Grillet schlägst? O du dummer Junge du! Wie konntest du nur! Aber du würdest ja auch den Baron nicht töten,“ – und sie begann wieder zu lachen. „O, wie du damals komisch warst mit dem Baron, haha! Ich beobachtete euch beide von der Bank aus, – und wie du nicht gehen wolltest, als ich dich schickte, weißt du noch! Wie ich damals gelacht habe, o! wie ich damals gelacht habe!“ Und sie lachte.
Und plötzlich umarmte sie mich wieder und küßte mich und schmiegte leidenschaftlich und zärtlich ihr Gesicht an mein Gesicht. Ich dachte nichts mehr und ich hörte nichts mehr. Ein Schwindel erfaßte mich ...
Ich glaube, es war gegen sieben Uhr morgens, als ich erwachte; die Sonne schien ins Zimmer. Polina saß neben mir und blickte sich seltsam um, als käme sie jetzt erst aus einer dunklen Bewußtlosigkeit zu sich und als versuchte sie ihre Erinnerungen zu sammeln. Sie war gleichfalls erst jetzt erwacht und sah starr auf den Tisch und das Geld. Mein Kopf war schwer und schmerzte. Ich wollte ihre Hand ergreifen: sie stieß mich zurück und sprang vom Diwan auf. Der beginnende Tag war trübe, vor Sonnenaufgang mußte es geregnet haben. Sie trat ans Fenster, öffnete es, stützte die Hände auf das Fensterbrett und bog sich dann weit hinaus; und so blieb sie eine Weile regungslos stehen, ohne sich nach mir umzuwenden oder darauf zu achten, was ich sagte. Mit Schrecken fragte ich mich: was wird jetzt werden, wie wird das enden? Plötzlich richtete sie sich wieder auf, trat vom Fenster an den Tisch und, indem sie mich mit unendlichem Haß anblickte, sagte sie mit boshaft zitternden Lippen:
„Nun, so gib mir jetzt meine fünfzigtausend Franken!“
„Polina, was soll das schon wieder?“ ... wollte ich vorwurfsvoll beginnen.
„Oder hast du dich bedacht? Hahaha! Dir tut es vielleicht schon leid?“
Die fünfundzwanzigtausend Gulden lagen abgezählt und noch unangerührt auf dem Tisch; ich nahm sie und reichte sie ihr.
„So, jetzt gehören sie doch mir? Nicht wahr? Ganz mir?“ fragte sie mich boshaft, das Geld vor sich in der Hand haltend.
„Sie haben dir von Anfang an gehört,“ sagte ich.
„Nun, dann – da hast du deine fünfzigtausend Franken!“
Sie holte aus und schleuderte sie mir ins Gesicht. Das Paket traf mich schmerzhaft mitten in der Stirn und fiel zerflatternd zu Boden. Nachdem Polina es geworfen, lief sie aus dem Zimmer.
Ich weiß natürlich, sie war in diesem Augenblick nicht zurechnungsfähig, wenn mir auch dieses zeitweilige Irresein in seinen Gründen und Anlässen nicht ganz verständlich wurde. Allerdings ist sie auch jetzt noch krank, obschon seitdem ein ganzer Monat vergangen ist. Was aber war die Ursache dieses ganzen Zustandes und namentlich dieses letzten Ausfalles? Gekränkter Stolz? Verzweiflung darüber, daß sie zu mir gekommen war? Oder hatte ich den Anschein erweckt, als wollte ich mit meinem Glück großtun und im Grunde mich ebenso wie de Grillet von ihr losmachen, indem ich ihr fünfzigtausend Franken schenkte? Aber das war doch gar nicht der Fall! ich kann es schwören! bei meinem Gewissen schwören! Ich denke schließlich, schuld daran war, wenigstens zum Teil, ihre Eitelkeit, die ihr eingeflüstert haben mochte, mir nicht zu glauben und mich zu beleidigen – wenn sie sich auch vielleicht selbst nicht ganz verstand. In dem Fall bin ich für sie wirklich nur der Vertreter von de Grillet gewesen, und meine eigene Schuld war dann nicht gar so groß. Freilich war das alles ja nur auf ihren krankhaften Zustand zurückzuführen. Ich aber hatte gewußt, daß es bei ihr Fieberphantasie war und ... ich hatte diesen Umstand doch nicht weiter berücksichtigt. Vielleicht ist es das, was sie mir jetzt nicht verzeihen kann? Ja, mag sein – jetzt! Aber damals, damals! So krank war sie doch ganz gewiß nicht, daß sie vollständig vergessen haben konnte, was sie tat, als sie mit dem Brief von de Grillet zu mir kam. Folglich, folglich – wußte sie, was sie tat.
Ich kramte schnell den ganzen Geldhaufen zusammen und versteckte alles im Bett unter der Matratze, deckte dann das Bett wieder zu, so wie es gewesen war, und trat, etwa zehn Minuten nachdem Polina hinausgelaufen war, aus meinem Zimmer. Ich war überzeugt, daß sie in ihr Zimmer gegangen, und wollte mich daher unauffällig ins Vorzimmer schleichen, um mich bei der Kinderfrau nach dem Befinden des Fräuleins zu erkundigen. Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich von der Kinderfrau, die mir auf der Treppe entgegen kam, erfuhr, daß das Fräulein überhaupt noch nicht zurückgekehrt sei und daß sie, die Kinderfrau, sich gerade zu mir habe begeben wollen, um Polina zu rufen.
„Aber sie ist ... sie ist doch vor kaum zehn Minuten erst von mir fortgelaufen, wo kann sie denn geblieben sein?“ fragte ich ganz ratlos.
Die Kinderfrau sah mich vorwurfsvoll an.
Das Hotelpersonal schien aber schon alles zu wissen. In der Portierloge und in der Kammer des Oberkellners flüsterte man sich zu, daß das Fräulein um sechs Uhr morgens aus unserem Hotel in den Regen hinausgelaufen und in der Richtung zum Hotel d’Angleterre weitergelaufen sei. Aus ihren Andeutungen und Mienen erriet ich, daß sie bereits wußten, daß Polina die Nacht in meinem Zimmer zugebracht hatte. Übrigens unterhielt man sich über die ganze Familie des Generals: man sprach davon, daß der General am Abend wie ein Irrsinniger geweint hatte und daß die Babuschka seine Mutter gewesen sei, die aus Rußland die weite Reise gemacht habe, um ihrem Sohn ausdrücklich zu verbieten, Mademoiselle de Cominges zu heiraten, und daß sie ihn nun zur Strafe für seinen Ungehorsam enterben werde. Deshalb habe sie dann ihr ganzes Geld verspielt, damit für ihn nichts mehr übrigbliebe.
„Diese Russen!“ wiederholte der Oberkellner nach jeder weiteren Neuigkeit mit mißbilligendem Kopfschütteln. Die anderen lachten. Der Hotelverwalter stellte die Rechnung aus. Von meinem Gewinn hatte man gleichfalls schon gehört: Karl, mein Zimmerdiener, war der erste, der gratulierte. Ach, hol’ sie der Teufel, was gingen sie mich an! Ich eilte ins Hotel d’Angleterre.
Es war noch früh am Morgen. Mister Astley empfing niemanden; als er jedoch hörte, daß ich es sei, der ihn sprechen wollte, trat er aus seinem Zimmer in den Korridor und blieb vor mir stehen, sah mich mit seinem bleiernen Blick an und erwartete ruhig, was ich sagen würde. Ich fragte ihn nach Polina.
„Sie ist krank,“ sagte er, ohne mit einer Wimper zu zucken oder den Blick von mir abzuwenden.
„So ist sie jetzt wirklich bei Ihnen?“
„O, ja, sie ist bei mir.“
„Ja, wie? ... haben Sie denn die Absicht, sie bei sich zu behalten?“
„O, ja, die habe ich.“
„Mister Astley, das wird einen Skandal geben, das geht doch nicht! Und ganz abgesehen davon – sie ist doch krank! – Sie haben das vielleicht noch nicht bemerkt?“ ...
„O, ja, ich habe es sehr wohl bemerkt und es Ihnen soeben bereits selbst gesagt. Wäre sie nicht krank, so hätte sie doch ganz sicherlich nicht die Nacht bei Ihnen verbracht.“
„So wissen Sie auch das schon?“
„Ich weiß es. Sie wollte schon gestern zu mir kommen und ich hätte sie dann zu meiner Verwandten gebracht, da sie aber krank war, verirrte sie sich und ging zu Ihnen.“
„Denken Sie doch! Nun, ich gratuliere Ihnen, Mister Astley. Apropos, Sie bringen mich auf einen Gedanken: standen Sie nicht die ganze Nacht unter dem Fenster? Miß Polina wollte in der Nacht immer wieder, daß ich das Fenster öffne und hinaussähe, ob Sie nicht unter dem Fenster ständen. Dabei lachte sie unaufhörlich.“
„Wirklich? Nein, ich stand nicht unter dem Fenster; ich wartete nur im Korridor und ging um das Hotel herum.“
„Aber man muß doch etwas für ihre Gesundheit tun, Mister Astley.“
„O, ja, ich habe schon einen Arzt rufen lassen, und wenn sie stirbt, werden Sie mir Rechenschaft geben.“
Ich sah ihn fragend an.
„Ich bitte Sie, Mister Astley, was wollen Sie?“
„Ist es wahr, daß Sie gestern zweihunderttausend Taler gewonnen haben?“
„Im ganzen nur hunderttausend Gulden, ja.“
„Nun, sehen Sie! Dann fahren Sie also heute nach Paris!“
„Wozu das?“
„Alle Russen reisen, wenn sie Geld haben, nach Paris,“ erklärte Mister Astley mit einer Stimme und in einem Ton, als lese er es irgendwo gedruckt.
„Was soll ich jetzt im Sommer in Paris machen? Ich liebe sie, Mister Astley! Sie wissen es doch.“
„Wirklich? Ich bin überzeugt, daß das nicht der Fall ist. Überdies werden Sie, wenn Sie hier bleiben, unfehlbar alles wieder verspielen und dann hätten Sie nichts, womit Sie nach Paris fahren könnten. Nun, adieu, ich bin fest überzeugt, daß Sie heute nach Paris reisen werden.“
„Nun, gut, adieu, nur werde ich bestimmt nicht nach Paris reisen. Bedenken Sie doch nur, Mister Astley, was jetzt aus der ganzen Familie werden soll! Der General ist in einem Zustande, der ... und jetzt noch dieses mit Miß Polina – die ganze Stadt wird doch darüber sprechen!“
„Ja, die ganze Stadt. Der General übrigens, der scheint jetzt nicht daran zu denken, er hat anderes im Sinn. Miß Polina aber hat das volle Recht, zu leben, wo es ihr gefällt. Und was diese Familie sonst noch betrifft, so kann man sagen, daß sie als solche aufgehört hat, zu existieren.“
Ich ging und lachte innerlich über die verrückte Annahme dieses Engländers, daß ich jetzt im Sommer nach Paris reisen würde. „Aber er scheint Lust zu haben, mich im Duell niederzuschießen,“ dachte ich, „wenn Polina stirbt, – eine nette Bescherung!“ Ich schwöre es: Polina tat mir wirklich leid, aber seltsam – von dem Augenblick an, als ich an den Spieltisch getreten war und das Geld nur so zusammengescharrt hatte, war meine Liebe gewissermaßen zurückgetreten. Das sage ich allerdings jetzt: damals jedoch war ich mir alles dessen durchaus nicht so klar bewußt. Oder sollte ich wirklich ein Spieler sein, sollte ich wirklich ... so seltsam Polina geliebt haben? Nein, ich liebe sie auch heute noch, Gott weiß es! Damals aber, als ich Mister Astley verließ und in unser Hotel zurückkehrte, litt ich aufrichtig und machte mir die bittersten Vorwürfe. Doch ... doch da kam etwas ganz Unvorhergesehenes dazwischen, etwas, das eine ganze lange dumme Geschichte zur Folge hatte.
Ich stieg die Treppen hinauf und bog in den Korridor ein, um mich zum General zu begeben, als sich plötzlich eine Tür öffnete und jemand mich bei meinem Namen rief. Es war madame veuve de Cominges, die mich bat, zu Mademoiselle Blanche zu kommen. Ich trat ein.
Sie bewohnten nur zwei Zimmer. Ich hörte die Stimme und das Lachen der Mademoiselle Blanche aus ihrem Schlafzimmer. Sie schien noch im Bett zu sein.
„A, c’est lui! Viens donc! Ist es wahr, que tu as gagné une montagne d’or et d’argent? J’aimerais mieux l’or.“
„Ja,“ sagte ich lachend.
„Wieviel?“
„Hunderttausend Gulden.“
„Bibi, comme tu es bête. Aber so komm doch her, ich höre ja nichts. Nous ferons bombance, n’est-ce pas?“
Ich trat in ihr Schlafzimmer. Sie lag unter einer rosa Atlasdecke, die aber ihre bräunlichen, runden wundervollen Schultern nicht bedeckte – Schultern, wie man sie allenfalls im Traum sieht, und deren Schönheit noch erhöht wurde durch die blendendweiße, spitzenbesetzte Batistwäsche, die wundervoll den bräunlichen Farbenton ihrer Haut zur Geltung brachte.
„Mon fils, as-tu du coeur?“ rief sie lachend, als sie mich erblickte. Gewöhnlich lachte sie ansteckend lustig und mitunter sogar herzlich.
„Tout autre ...“ wollte ich beginnen, Corneille zu paraphrasieren, doch sie unterbrach mich.
„Siehst du, vois-tu,“ plapperte sie drauf los, „zuerst such mir meine Strümpfe auf und hilf mir beim Ankleiden; und dann – si tu n’es pas trop bête, je te prends à Paris. Du weißt doch, ich reise sogleich ab.“
„Sogleich?“
„In einer halben Stunde.“
In der Tat, es war alles schon eingepackt. Alle ihre Koffer und Kartons standen bereit und das Frühstück hatte sie schon eingenommen.
„Eh bien, willst du, tu verras Paris? Dis donc qu’est-ce que c’est qu’un outchitel? Tu étais bien bête quand tu étais outchitel. Wo sind denn meine Strümpfe? Nun, zieh sie mir an, da!“
Und sie streckte wirklich ein entzückendes braunes kleines Füßchen unter der Decke hervor, eines, das gar nicht durch enges Schuhwerk entstellt war, wie es sonst alle diese Füße sind, die in den Stöckelschuhen so klein aussehen. Ich machte mich lachend daran, den seidenen Strumpf überzuziehen. Mademoiselle Blanche saß währenddessen auf dem Bett und plauderte ganz harmlos weiter:
„Eh bien, que feras-tu, si je te prends avec moi? Erstens – je veux cinquante mille francs. Die gibst du mir in Frankfurt. Et nous allons à Paris; dort leben wir dann zusammen et je te ferai voir des étoiles en plein jour. Du sollst dort solche Damen kennen lernen, wie du sie bisher noch nie gesehen hast. Höre ...“
„Wart mal: also ich soll dir fünfzigtausend Franken geben – aber wofür und was bleibt mir dann übrig?“
„Les cent cinquante mille francs, die du wohl vergessen hast, und außerdem willige ich doch ein, in deiner Wohnung zu wohnen, sagen wir, einen, zwei Monate – que sais-je! Die Hundertfünfzigtausend werden wir natürlich verleben in diesen zwei Monaten. Siehst du, je suis bonne enfant und sage es dir im voraus, mais tu verras des étoiles.“
„Was, alles in zwei Monaten!“
„Wie! Das wundert dich? Ah, vil esclave! Weißt du auch, daß ein einziger Monat eines solchen Lebens mehr wert ist als dein ganzes Dasein! Ein Monat – et après le déluge! Mais tu ne peux comprendre, va! Geh, marsch, du bist es überhaupt nicht wert! ... Ah, que fais-tu?“
Ich zog ihr gerade den anderen Strumpf an, konnte mich aber nicht bezwingen und küßte das Füßchen. Sie riß es weg und wollte mir mit der Fußspitze ins Gesicht schlagen. Ich solle mich zum Teufel scheren, rief sie, doch schon im nächsten Augenblick tat es ihr leid und sie rief mir nach:
„Eh bien, mon outchitel, je t’attends, si tu veux; in einer Viertelstunde fahre ich!“
Als ich in meinem Zimmer anlangte, war ich schon wie von einem Schwindel erfaßt. Nun ja, es war doch nicht meine Schuld, daß Mademoiselle Polina mir ein ganzes Geldpaket ins Gesicht geworfen und noch tags zuvor den Mister Astley mir vorgezogen hatte! Ein paar Banknoten lagen noch auf dem Fußboden. Ich hob sie auf. Da ging die Tür auf und der Hotelverwalter, der mich bis dahin kaum zu beachten geruht hatte, erschien in höchst eigener Person in meinem Zimmer, und zwar: um sich zu erkundigen, ob ich nicht vielleicht in eines der Appartements der unteren Stockwerke übersiedeln wolle, zumal im Augenblick eines der besten frei geworden sei, in dem soeben noch Graf W. gewohnt hatte.
Ich stand, dachte.
„Meine Rechnung!“ rief ich, „ich reise sogleich – in zehn Minuten!“
Bei mir dachte ich:
„Egal, dann reise ich eben nach Paris! – wenn’s das Schicksal mal so will!“
Nach einer Viertelstunde saßen wir tatsächlich alle drei im Eisenbahnkupee: ich, Mademoiselle Blanche und madame veuve de Cominges. Mademoiselle Blanche saß mir vis-à-vis, sah mich an und lachte Tränen. Madame veuve de Cominges lachte gleichfalls. Ich kann nicht behaupten, daß ich fröhlich war. Mein Leben brach auseinander, doch seit der letzten Nacht hatte ich mich daran gewohnt, va banque zu spielen. Vielleicht ist es wirklich wahr, daß ich dem Gelde nicht gewachsen war und es mir nur so den Kopf verdrehte, daß mir schwindelig wurde. Peut-être, je ne demandais pas mieux. Es schien mir, daß sich nur die Dekorationen für kurze Zeit veränderten – nur für kurze Zeit. „Nach einem Monat aber werde ich wieder hier sein, und dann ... und dann werden wir uns noch einmal messen, Mister Astley!“ dachte ich.
Wie ich mich jetzt entsinne, war mir damals doch unsagbar weh zumut, obschon ich mit der Blanche ordentlich um die Wette lachte.
„Aber weshalb lachst du denn? Wie dumm du bist! Oh mon Dieu, wie dumm du bist!“ rief Blanche, die für einen Augenblick das Lachen vergaß und mich im Ernst zu schelten begann. „Nun ja, nun ja, ja, wir werden deine zweihunderttausend Franken verleben, mais tu seras heureux comme un petit roi. Ich werde dir eigenhändig die Krawatte binden, wenn du willst, und ich werde dich mit Hortense bekannt machen. Wenn wir aber alles verlebt haben, kommst du wieder her und sprengst noch einmal die Bank. Was haben die Juden gesagt? Die Hauptsache ist: Mut – und den hast du! Oh, du wirst mir nicht nur dieses eine Mal Geld nach Paris bringen! Quant à moi je veux cinquante mille francs de rente et alors ...“
„Aber der General?“ unterbrach ich sie.
„Der General, du weißt doch, geht jeden Tag um diese Zeit aus, um die Blumen für mich zu besorgen. Heute sollte er mir, habe ich ihm gestern gesagt, ganz besonders seltene Blumen bringen. Der Arme! Wenn er zurückkehrt, wird er erfahren, daß der Vogel schon aus dem Bauer geflogen ist. Er wird uns nachreisen, du wirst sehen. Hahaha! Ich werde sehr froh darüber sein. In Paris wird er mir zustatten kommen. Hier wird Mister Astley für ihn bezahlen ...“
Und so kam es denn, daß ich damals wirklich nach Paris fuhr.
XVI.
Was soll ich von Paris sagen? Alles das war natürlich halb Fiebertraum, halb Blödsinn. Drei Wochen und ein paar Tage verlebte ich in Paris, und in dieser Zeit waren meine hunderttausend Franken restlos verausgabt. Ich rede nur von dem einen Hunderttausend; das andere Hunderttausend habe ich in barem Gelde Blanche gegeben: fünfzigtausend Franken in Frankfurt, und drei Tage später in Paris einen Wechsel wieder auf fünfzigtausend Franken, für dessen Tilgung sie aber nach einer Woche das bare Geld von mir verlangte, – „et les cent mille francs, qui nous restent,“ sagte sie mir bei der Gelegenheit, „tu les mangeras avec moi, mon outchitel.“ Sie nannte mich nie anders als „mon outchitel“.
Es ist schwer, sich etwas Geizigeres, Berechnenderes und Knauserigeres vorzustellen als es diese Geschöpfe von der Art der Mademoiselle Blanche sind. Natürlich nur, was ihr eigenes Geld betrifft! Mit meinem Gelde dagegen pflegte sie ganz anders umzugehen. Die hunderttausend Franken z. B., die mir geblieben waren, knüpfte sie mir nach und nach gleichfalls ab, und zwar mit der Begründung, daß sie sie unbedingt nötig habe, um sich in Paris erst einmal einzurichten. Später erklärte sie mir: „Aber jetzt habe ich auch ein für allemal hier Fuß gefaßt, jetzt wird mich niemand mehr so leicht aus meiner Position drängen, – wenigstens habe ich meine Vorkehrungen getroffen.“
Übrigens habe ich diese Hunderttausend kaum zu Gesicht bekommen, denn das Geld bewahrte sie auf, und in meinem Portemonnaie, das sie täglich untersuchte, sammelte sich nie mehr an als – hundert Franken, gewöhnlich aber nicht einmal soviel.
„Wozu brauchst du Geld?“ fragte sie zuweilen mit der naivsten Miene, und ich widersprach ihr nicht. Dafür aber richtete sie ihre Wohnung sehr, ich sage sehr vorteilhaft ein, und als sie mich dann durch alle Zimmer ihres neuen Heims führte, konnte sie mit einer gewissen nicht unerheblichen Selbstzufriedenheit sagen: „Sieh, was man, wenn man zu rechnen versteht und Geschmack hat, mit den lumpigsten Mitteln machen kann!“ Diese Lumpigkeit kostete aber nichtsdestoweniger rund fünfzigtausend Franken. Für die anderen fünfzigtausend Franken schaffte sie sich eine Equipage und Pferde an, außerdem gaben wir zwei Bälle oder vielmehr Soireen, zu denen auch Hortense und Lisette und Cléopatre eingeladen wurden – Damen, die in vielen, in sehr vielen Beziehungen bemerkenswert waren und aussahen. An diesen Abenden war ich gezwungen, die höchst dumme Rolle eines Hausherrn zu spielen, reich gewordene, doch stumpfsinnig gebliebene Geschäftsleute zu empfangen und zu unterhalten, desgleichen in ihrer Unwissenheit und zugleich Schamlosigkeit unerträgliche unbedeutende Leutnants und verschiedene kleine Autoren und Zeitungsmenschen, die in Fracks nach neuester Mode und mit hellgelben Glacéhandschuhen erschienen und sich mit einer Eigenliebe und Aufgeblasenheit brüsteten, wie es in dem Maße sogar bei uns in Petersburg undenkbar wäre – das aber will viel sagen. Sie ließen es sich sogar einfallen, über mich zu lachen, doch ich zog mich bald in eines der hinteren Zimmer zurück und trank Champagner. Alles das war mir im höchsten Grade widerlich.
„C’est un outchitel,“ erzählte derweilen Blanche ihren Gästen, „il a gagné deux cent mille francs, die er ohne mich nicht auszugeben verstände. Nachher wird er wieder outchitel, – weiß nicht jemand von Ihnen eine Stelle für ihn? Man muß etwas für ihn tun.“
Ich nahm allmählich immer öfter meine Zuflucht zum Champagner. Ich war dabei beständig traurig gestimmt ... und dann – dann war es auch so furchtbar langweilig! Ich lebte in einem echt bourgeoisen, echt krämerhaften Milieu, in dem jeder Sou berechnet und gewogen wurde. In den ersten zwei Wochen liebte mich Blanche durchaus nicht, sogar im Gegenteil, und das merkte ich natürlich sehr gut. Zwar legte sie sehr viel Gewicht darauf, daß ich stets elegant gekleidet war, ja sie bestand sogar darauf, mir täglich selbst die Krawatte zu binden, aber im Grunde verachtete sie mich doch aufrichtig. Nur war mir das alles furchtbar gleichgültig. Gelangweilt und schwermütig, wie ich war, gewöhnte ich mir an, mich ins Château des Fleurs zu begeben, wo ich mir jeden Abend einen Rausch antrank und mich in den Künsten und Kenntnissen des Cancans unterrichten ließ (der dort übrigens miserabel getanzt wird), so daß ich mir zum Schluß sogar eine gewisse Berühmtheit erwarb. Endlich aber lernte mich Blanche doch besser verstehen. Es hatte sich in ihr vom ersten Tage an die Vorstellung festgesetzt, daß ich während der ganzen Zeit unseres Zusammenlebens nichts anders tun würde, als ihr mit Bleistift und Notizbuch in der Hand auf Schritt und Tritt zu folgen, um nur ja alles zu notieren und zu summieren, was sie ausgegeben und was sie gestohlen, was sie ausgeben werde und voraussichtlich noch stehlen werde. Und selbstverständlich war sie überzeugt, daß es zwischen uns wegen jedes Zehnfrankenstückes zu einer Schlacht kommen werde. Und so hatte sie schon im voraus auf jeden meiner erwarteten Angriffe eine Antwort bereit. Als aber dann alle diese Angriffe meinerseits ausblieben, begann sie von selbst, ohne jede Veranlassung, ihre Erklärungen und Rechtfertigungen vorzutragen. Zuweilen machte sie sich sogar mit einem wahren Übereifer daran, plötzlich aber, wenn es ihr dann auffiel, daß ich mit dem größten Gleichmut schwieg – gewöhnlich faulenzte ich auf der Chaiselongue herum und sah ruhig zur Decke hinauf – da begann sie sich doch zu wundern. Anfangs dachte sie, ich sei einfach nur bodenlos dumm – „un outchitel“ und nichts weiter – und sie verstummte dann plötzlich, wahrscheinlich mit dem Gedanken: „Er ist ja doch dumm, wozu ihn also darauf bringen, wenn er nicht selbst darauf verfällt.“ Doch vergingen dann keine zehn Minuten und sie begann von neuem mit ihrer Verteidigung – namentlich in der letzten Zeit, als ihre Ausgaben immer verschwenderischer wurden, als sie z. B. ein Paar Pferde für sechzehntausend Franken gekauft hatte.
„Nun, also du, Bibi, ärgerst dich nicht,“ kam sie wieder darauf zurück.
„N–n–ein! Laß – mich – in – Ruh!“ sagte ich müde und gelangweilt und schob sie mit der Hand von mir fort – doch das war für sie so interessant, daß sie sich sogleich neben mich setzte.
„Siehst du, wenn ich mich entschlossen habe, soviel für sie zu zahlen, so tat ich es doch nur, weil es ein Gelegenheitskauf war. Man kann sie für zwanzigtausend Franken wieder verkaufen.“
„Ja, ja, ich glaub’s ja schon. Die Pferde sind tadellos und du hast jetzt ein wundervolles Gespann. Gut so. Wird dir zustatten kommen. Aber jetzt genug davon.“
„So ärgerst du dich wirklich nicht?“
„Worüber? Es ist doch sehr klug von dir, daß du dich mit einigen notwendigen Sachen versorgst. Alles das wird dir später sehr nützlich sein. Ich sehe doch ein, daß du dir zuerst eine gute Grundlage verschaffen mußt: anders wirst du’s nicht zur Millionärin bringen. Hier sind unsere hunderttausend Franken nur der Anfang, nur ein Tropfen im Meer.“
Blanche, die alles eher als eine solche Antwort erwartet hatte – an Stelle der Vorwürfe und womöglich Szenen! – fiel aus den Wolken.
„So bist du ... Also so bist du! Mais tu as l’esprit pour comprendre! Sais-tu, mon garçon, du bist zwar ein outchitel, aber du hättest als Prinz geboren werden müssen! So tut es dir nicht leid, daß das Geld bei uns so schnell – geht?“
„Ach nun, mag’s doch, wenn’s doch nur schneller ginge!“
„Mais ... sais-tu ... mais dis donc, bist du denn reich? Mais sais-tu, du verachtest mir das Geld schon gar zu sehr! Qu’est-ce que tu feras après, dis donc?“
„Après fahre ich nach Homburg und gewinne wieder hunderttausend Gulden.“
„Oui, oui, c’est ça, c’est magnifique! Und ich weiß, du wirst unbedingt gewinnen und das Geld herbringen. Dis donc, – du bringst es wahrhaftig fertig, daß ich dich wirklich zu lieben beginne! Eh bien, dafür, daß du so bist, werde ich dich jetzt die ganze Zeit lieben und werde dir kein einziges Mal untreu sein. Denn sieh, wenn ich dich bis jetzt auch nicht geliebt habe, parce que je croyais, que tu n’es qu’un outchitel (quelque chose comme un laquais, n’est-ce pas?) so bin ich dir doch immer treu gewesen, denn – je suis bonne fille.“
„Na, und das soll ich glauben? Und jener Albert, jener Leutnant mit dem schwarzglänzenden Haar – habe ich dich denn nicht mit ihm gesehen?“
„Oh, oh, mais tu es ...“
„Na, lüge nur nicht, schon gut; oder glaubst du, daß ich mich darüber ärgere? Das ist mir doch furchtbar egal. Il faut que jeunesse se passe. Du kannst ihn doch nicht vor die Tür setzen, wenn er ältere Rechte hat und du ihn liebst. Nur Geld brauchst du ihm deshalb nicht zu geben, hörst du?“
„So bist du auch darüber nicht böse? Mais tu es un vrai philosophe, sais-tu? Un vrai philosophe!“ rief sie ganz begeistert. „Eh bien, je t’aimerai, je t’aimerai – tu verras, tu seras content!“
Und wirklich, von dem Tage an bezeugte sie eine gewisse Anhänglichkeit, ja sogar eine gewisse Freundschaft entwickelte sich zwischen uns, und so vergingen die letzten zehn Tage. Die verhießenen „Sterne“ habe ich zwar nicht gesehen, aber in gewissen anderen Beziehungen hielt sie tatsächlich ihr Versprechen. Außerdem machte sie mich mit Hortense bekannt, einer in ihrer Art allerdings sehr bemerkenswerten Dame, die in unserem Kreise „Thérèse philosophe“ genannt wurde ...
Übrigens, es lohnt nicht, sich darüber zu verbreiten. Alles das ließe sich als Vorwurf zu einer anderen Erzählung mit einem anderen Kolorit, wie ich es hier nicht hineinbringen will, verwenden. Kurz, die Sache war die, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als diesen einen: daß alles möglichst schnell zu Ende sei. Doch leider reichten meine hunderttausend Franken, wie gesagt, fast für einen ganzen Monat aus, worüber ich selbst aufrichtig erstaunt war. Von diesem Gelde kaufte sich Blanche für mindestens achtzigtausend Franken „das Notwendigste“, verlebt aber haben wir ganz gewiß nicht mehr als zwanzigtausend Franken. Blanche, die zum Schluß sogar aufrichtig gegen mich war – wenigstens in gewissen Dingen belog sie mich nicht mehr – machte mich noch vor der Trennung darauf aufmerksam, ganz gerührt durch ihre eigene Güte, daß mir wenigstens nicht die Schulden zur Last fallen würden, welche sie früher zu machen gezwungen gewesen sei.
„Ich habe dich keine Rechnungen und Wechsel unterzeichnen lassen,“ sagte sie, „denn du tatest mir leid; eine andere aber hätte das bestimmt getan und dich ins Schuldgefängnis gebracht. Siehst du, siehst du jetzt, wie ich dich geliebt habe und wie gut ich bin! Und bedenk doch nur, was mich allein diese verwünschte Hochzeit kosten wird!“
Es wurde nämlich wirklich eine Hochzeit gefeiert, gegen Ende des Monats, und es ist anzunehmen, daß sie die letzten Reste meiner Hunderttausend verschlang. Und damit war dann alles erledigt, d. h. es war das Ende unseres Monats und ich erhielt meinen Abschied. Mit der Hochzeit aber verhielt es sich folgendermaßen: Eine Woche nach unserer Ankunft in Paris traf auch der General dort ein. Er kam gleich zu Blanche und blieb von seinem ersten Besuch an so gut wie ganz bei uns, obwohl er da irgendwo auch eine Wohnung hatte. Blanche empfing ihn hocherfreut, lief ihm mit Jubel und Gelächter entgegen und umarmte ihn sogar. Und es kam bald so weit, daß sie ihn kaum noch fort ließ und er sie überallhin begleiten mußte: auf die Boulevards und auf den Spazierfahrten, ins Theater und zu Bekannten. Dazu ließ sich der General noch sehr gut verwenden: er zeichnete sich immerhin durch eine ganz imposante Erscheinung aus, war groß von Wuchs, hinzu kamen gute Manieren, ein etwas gefärbter Backenbart, ein riesiger Schnurrbart, wie ihn die Mode verlangte – er war ehemaliger Kürassier – und ein noch ganz sympathisches Gesicht, wenn auch die Züge schon ein wenig zu verschwimmen begannen. Kurz, sein Auftreten war tadellos und sein Frack war es nicht minder. Und in Paris trug er nun auch seine Orden. Mit einem solchen Herrn aber auf den Boulevards zu promenieren, war nicht nur „möglich“, sondern sogar empfehlenswert. Natürlich war der gute und jetzt mehr denn je auf den Kopf gefallene General sehr zufrieden mit dieser Verwendung seiner Person, – hatte er doch gar nicht auf so viel Freundlichkeit ihrerseits zu hoffen gewagt, als er uns nach Paris gefolgt war! Er zitterte ja förmlich vor Angst, als er erschien, denn er fürchtete zunächst, Blanche werde ihn anschreien und hinauswerfen lassen. Da kann man sich denken, wie selig ihn dieser unerwartete Empfang machen mußte. Er war die ganze Zeit, während der ich mit ihm zusammen war, geradezu und wörtlich genommen: sinnlos glücklich. Ich hatte ihn bis dahin noch nie in einem solchen Zustande gesehen, und in diesem Rausch befand er sich auch dann noch, als ich sie drei Wochen später verließ.
Erst hier habe ich genauer erfahren, wie damals unsere plötzliche Abreise aus Roulettenburg auf ihn gewirkt hatte: er war bewußtlos zusammengebrochen – vielleicht ist es sogar eine Art Schlaganfall gewesen – und dann hatte er sich eine Woche lang wie ein Irrsinniger benommen. Die Ärzte sollen ihn nach bestem Wissen behandelt haben, doch plötzlich hatte er sich auf und davon gemacht – um in Paris aufzutauchen. Selbstverständlich war dann der Empfang, den Blanche ihm unerwarteterweise bereitete, das beste Heilmittel für ihn; dennoch verrieten sich noch lange die Folgen der überstandenen Krankheit, trotz seiner frohen, ja sogar begeisterten Stimmung. Denken oder auch nur ein etwas ernstes Gespräch führen, konnte er überhaupt nicht mehr. Wenn andere zu ihm sprachen, begnügte er sich damit, nach jedem Satz „Hm!“ zu sagen und tiefernst mit dem Kopf zu nicken. Das nahm sich dabei gar nicht so übel aus. Sehr oft aber hörte ich ihn lachen, doch klang es wie das nervöse Gelächter eines Kranken: oft wiederum saß er stundenlang wie in Gedanken versunken, mit düsterem Gesicht, die buschigen Brauen zusammengezogen, und rührte sich nicht. Vieles war ganz aus seinem Gedächtnis entschwunden; gewöhnlich war er unglaublich zerstreut und überdies hatte er sich angewöhnt, mit sich selbst zu sprechen. Nur Blanche vermochte ihn aufzuheitern und zu beleben. Übrigens bedeuteten diese Anfälle von düsterer Gedankenversunkenheit und stumpfem Vorsichhinbrüten – er saß dann ganz zurückgezogen in einem Winkel – nichts anderes, als daß er Blanche lange nicht gesehen hatte, z. B. wenn sie ausgefahren war, ohne ihn mitzunehmen oder ohne sich herzlich von ihm verabschiedet zu haben. Er hätte aber gewiß selbst nicht zu sagen gewußt, was ihm dann fehlte, und ich glaube, er wußte es ebensowenig, daß er traurig und düster war. Nachdem er dann ein bis zwei Stunden so gesessen (ich habe es zweimal beobachtet, als Blanche für den ganzen Tag ausgefahren war, wahrscheinlich zu ihrem Albert), zuckte er plötzlich zusammen, schaute sich nach allen Seiten um, als suche er jemanden; doch da er niemanden sah und natürlich nicht wußte, was er eigentlich haben oder fragen wollte, versank er wieder in sein dumpfes Brüten – bis dann endlich Blanche erschien, heiter, ausgelassen lustig, in schöner Toilette und mit ihrem hellen Lachen. Sie eilte dann lachend auf ihn zu, schüttelte ihn und küßte ihn womöglich – mit letzterem beglückte sie ihn übrigens nur selten. Einmal brach er vor lauter Seligkeit sogar in Tränen aus, als sie nach längerer Abwesenheit heimkehrte und ihn wieder so begrüßte. Ich wunderte mich im stillen nicht wenig.
Gleich nachdem der General bei uns aufgetaucht war, schwang sich Blanche zu seiner Verteidigerin vor mir auf. Und sie redete, wie ein raffinierter Advokat es nicht besser verstanden hätte. Zuerst hielt sie mir vor, daß sie ihm um meinetwillen untreu geworden sei, sie, die doch schon so gut wie seine Braut gewesen, die ihm sogar ihr Wort gegeben! Und er habe doch um ihretwillen seine Familie verlassen, ich aber, nicht zu vergessen, ich habe doch einst bei ihm „gedient“; das dürfe ich nicht so ohne weiteres unberücksichtigt lassen, und ... und – ob ich mich denn gar nicht schäme! ... Ich schwieg unentwegt und sie redete hochtrabender denn je weiter. Endlich brach ich in schallendes Gelächter aus, und damit war die Sache erledigt, d. h. zuerst dachte sie, ich sei ein unverbesserlicher Esel, dann aber blieb sie bei der Meinung, daß ich ein sehr guter und vernünftiger Mensch sei. Mit einem Wort, ich hatte das Glück, die unschätzbare Geneigtheit dieser ehrenwerten Demoiselle zu verdienen. Übrigens war Blanche wirklich ein herzensgutes Mädchen – allerdings, versteht sich, nur in ihrer Art. Ich hatte sie eben anfangs nicht richtig zu schätzen gewußt!
„Du bist ein kluger und guter Mensch,“ sagte sie mir zum Schluß, „und ... und ... schade nur, daß du so ein Dummkopf bist! Nichts, nichts wirst du dir ersparen, zu nichts wirst du es bringen!“ Ich sei eben ein „vrai russe, un kalmouk!“
Als solchen schickte sie mich mit dem General spazieren, genau wie einen Diener mit einem Windspiel. Doch das war mir natürlich gleich und so ging ich denn mit ihm ins Theater, in die Restaurants, und sogar der „Bal Mabille“ hat uns gesehn. Für diese Zerstreuungen gab Blanche selber das nötige Geld, obschon der General auch welches besaß und mit besonderer Vorliebe seine Brieftasche hervorzog, wenn andere zugegen waren. Einmal mußte ich fast Gewalt anwenden, um ihn zu verhindern, im Palais Royal eine Brosche für siebenhundert Franken zu kaufen, die er Blanche schenken wollte. Was war für sie eine Brosche zu siebenhundert Franken? Und übrigens besaß ja der General selbst nicht mehr als etwa tausend Franken. Leider habe ich nicht erfahren können, von wem er sie hatte. Ich nehme an – von Mister Astley, da dieser ja auch im Hotel für ihn bezahlt hatte! Was aber mein Verhalten zum General und dessen Verhalten zu mir betrifft, so glaube ich, daß er von meinen wirklichen Beziehungen zu Blanche keine Ahnung hatte. Er hatte wohl gehört, daß ich ein Vermögen gewonnen, doch schien er trotzdem anzunehmen, daß ich bei Blanche die Stellung – nun, etwa die eines Privatsekretärs oder vielleicht sogar eines Dieners einnahm. Wenigstens sprach er mit mir nur in herablassendem Tone, ganz wie ehedem, als ich noch Hauslehrer seiner Kinder war, und zuweilen hielt er mir sogar eine Standrede. Ich weiß noch, einmal erheiterte er uns, Blanche und mich, beim Frühstück so köstlich, daß wir Tränen lachten. Er war eigentlich kein empfindlicher Mensch, plötzlich aber fühlte er sich durch mich gekränkt – warum? wodurch? – ja das weiß ich heute noch nicht. Selbstverständlich wußte er es damals ebensowenig! Kurz, er brach einen Streit vom Zaun – der eigentlich kein Streit war, denn ich widersprach ihm ja nicht – und redete ohne Ende: à bâtons rompus, schrie, daß ich ein Bengel sei, daß er mich lehren werde ... daß er mir den Standpunkt klarmachen werde ... und so weiter, und so weiter. Doch konnten wir leider nichts davon begreifen. Blanche lachte Tonleitern. Endlich gelang es uns, ihn einigermaßen zu beruhigen: und dann wurde er wieder spazieren geführt. Doch oft bemerkte ich, daß er traurig wurde, daß ihm, wie es schien, irgend etwas oder irgend jemand leid tat, daß ihm trotz der Anwesenheit Blanches irgend jemand fehlte. In solchen Augenblicken begann er mit mir zu sprechen, doch niemals konnte ich aus seinen Worten klug werden: er sprach von seinem Dienst, von seiner verstorbenen Frau, von seinem Gut und seinem früheren Hausstand. Verfiel er dann plötzlich auf irgendein besonderes Wort, so freute er sich darüber so, daß er es hundertmal am Tage wiederholte, obgleich es weder seine Gefühle, noch seine Gedanken irgendwie ausdrückte. Ich versuchte, ihn an seine Kinder zu erinnern, damit er auf sie zu sprechen käme, doch er sagte nur hastig: „Ja, ja! die Kinder, die Kinder, Sie haben recht, die Kinder!“ – und ging dann schnell, doch offenbar ganz ohne Absicht, wieder auf ein anderes Thema über. Nur einmal wurde er wirklich weich – wir gingen gerade ins Theater: „Diese armen, unglücklichen Kinder!“ sagte er plötzlich, „ja ... ja ... mein Herr, unglückliche Kinder sind es!“ Und dann wiederholte er an diesem Abend noch etlichemal: „diese unglücklichen Kinder! ... diese unglücklichen Kinder!“
Als ich aber einmal auf Polina zu sprechen kam, rief er fast jähzornig: „Dieses undankbare Frauenzimmer!“ und er schien aufrichtig empört zu sein. „Boshaft ist sie und undankbar! Sie hat die ganze Familie beschimpft! Wenn es hier Gesetze gäbe, würde ich ihr schon zeigen, was es heißt! ... Jawohl, mein Herr, jawohl!“
Doch von de Grillet konnte er nicht einmal den Namen hören: dann wurde er schon wild: „Er hat mich zugrunde gerichtet, er hat mich bestohlen! er hat mich erwürgt! Ganze zwei Jahre lang war er mein Albdruck! Ganze Monate habe ich ihn Nacht für Nacht im Traume gesehn! Das, das, das ... O, erinnern Sie mich nie mehr an diesen Menschen!“
Ich merkte natürlich bald, daß Blanche und er schon so ziemlich einig waren, schwieg aber nach meiner Gewohnheit. Eine Woche vor unserer Trennung erklärte mir dann Blanche den ganzen Sachverhalt.
„Il a de la chance,“ damit begann sie, denn das war die Hauptsache. „La babouchka ist jetzt wirklich krank und wird bestimmt bald sterben. Mister Astley hat schon depeschiert. Nun, und er ist doch immerhin ihr Erbe. Aber selbst dann, wenn er nichts von ihr erben sollte, so schadet das ja weiter auch nichts. Denn, erstens hat er doch seine Pension, und zweitens wird er dort in dem Hinterzimmer leben und sehr glücklich sein. Und ich bin dann madame la générale und gehöre zur besten Gesellschaft.“ Daran dachte sie mit besonderer Vorliebe. „Und späterhin werde ich eben russische Gutsbesitzerin, j’aurai un château, des moujiks, et puis j’aurai toujours mon million.“
„Nun, aber wenn er eifersüchtig wird und verlangt ... Gott weiß was, – verstehst du?“
„Oh nein, non, non, non! Wie darf er es wagen! Ich habe Maßregeln getroffen, beruhige dich. Ich habe ihn einige Wechsel mit Alberts Namen unterzeichnen lassen. Sollte je etwas – dann wird er sofort bestraft! Aber er wird ja nichts wagen!“
„Nun, so heirate ihn ...“
Die Hochzeit wurde ohne besonderen Pomp still und ganz „unter uns“ gefeiert. Eingeladen waren nur Albert und noch ein paar Bekannte. Hortense, Cléopatre und die übrigen von dieser Kategorie wurden von nun an unerbittlich von uns ferngehalten. Der Bräutigam war sehr eingenommen von seiner neuen Würde. Blanche band ihm eigenhändig die Krawatte, und in seinem Frack und der weißen Weste sah er très comme il faut aus.
„Il est pourtant très comme il faut,“ erklärte mir Blanche, als sie aus seinem Zimmer trat, ganz als habe die Tatsache, daß er très comme il faut sei, sie selbst verblüfft. Ich interessierte mich so wenig für all diese Einzelheiten und da ich eben nur als tödlich gelangweilter Zuschauer an den Ereignissen teilnahm, so habe ich wohl sehr vieles von dem, was geschah, vergessen oder überhaupt nicht bemerkt. Ich weiß nur noch, daß Blanche plötzlich nicht mehr de Cominges hieß, ebensowenig wie ihre Mutter nicht madame veuve de Cominges, sondern – du Placet. Weshalb sie sich aber bis dahin de Cominges genannt hatten, das weiß ich nicht. Der General war aber auch mit dieser Veränderung zufrieden, und du Placet schien ihm sogar noch mehr zu gefallen, als de Cominges. Am Morgen des Hochzeitstages ging er, bereits zur Trauung angekleidet, im Salon auf und ab und murmelte mit ungewöhnlich ernster und wichtiger Miene vor sich hin: „Mademoiselle Blanche du Placet! ... Blanche du Placet ... du Placet! Fräulein Blanche du Placet! ...“ und in seinem Gesicht drückte sich eine nicht unerhebliche Zufriedenheit aus. In der Kirche, beim Maire und zu Hause beim Diner sah er nicht nur froh und zufrieden aus, sondern war sogar ersichtlich stolz. Es war, als sei in das Brautpaar etwas Besonderes gefahren. Auch Blanche blickte ungeheuer würdevoll drein.
„Ich muß mich jetzt ganz anders halten,“ sagte sie mir sehr ernst. „Mais vois-tu, an dieses eine verwünschte Hindernis habe ich noch gar nicht gedacht: stelle dir vor, ich kann noch immer nicht meinen neuen Familiennamen behalten: Sa–go–rjanskij, Sago–sjanskij, madame la générale de Sago–Sago–, ces diables de noms russes! Enfin madame la générale à quatorze consonnses! Comme c’est agréable, n’est-ce pas?“
Endlich aber kam dann der Augenblick der Trennung, und Blanche, diese dumme Blanche brach beim Abschied sogar in Tränen aus.
„Tu étais bon enfant,“ sagte sie schluchzend. „Je te croyais bête et tu en avais l’air, aber das paßt zu dir.“ Doch nachdem sie mir schon endgültig „zum letzten Mal“ die Hand gedrückt hatte, rief sie plötzlich: „Attends!“ lief schnell in ihr Boudoir und kehrte nach einer Minute wieder zurück – in der Hand zwei Tausendfranknoten, die sie mir aufdrängte. Ich traute meinen Augen nicht! Nein, alles eher, aber das hätte ich niemals von ihr erwartet!
„Nimm nur, du wirst es brauchen können! Du bist vielleicht ein sehr kluger outchitel, aber du bist doch ein furchtbar dummer Mensch. Mehr als Zweitausend gebe ich dir auf keinen Fall, denn du wirst das Geld doch sowieso verspielen. Nun, leb wohl! Nous serons toujours bons amis, wenn du aber wieder gewinnst, so komme unbedingt zu mir, et tu seras heureux!“
Ich hatte selbst noch an fünfhundert Franken, außerdem eine goldene Uhr von tausend Franken Wert, moderne Hemdknöpfe mit Brillanten und dergl., so daß ich hier noch ziemlich lange sorgenfrei werde leben können. Ich habe mich absichtlich in diesem kleinen Städtchen und nicht in einer großen Stadt niedergelassen, um mich gewissermaßen erst einmal zu sammeln. Und dann – ich erwarte Mister Astley. Ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß er sich auf der Durchreise vierundzwanzig Stunden hier aufhalten wird – in Geschäften. Von ihm werde ich dann alles hören ... und dann – dann sofort nach Homburg! Nach Roulettenburg werde ich nicht fahren, wenigstens nicht in diesem Jahre! Im nächsten – vielleicht! In der Tat, man sagt ja, es sei ein schlechtes Omen, wenn man zweimal an ein und demselben Tisch sein Glück versucht. In Homburg aber, da wird ja noch ganz anders gespielt.
XVII.
Ein Jahr und acht Monate sind nun schon vergangen, seit ich diese Aufzeichnungen nicht mehr angerührt habe. Erst heute kam mir nach langer Zeit der Gedanke, die Blätter wieder hervorzusuchen und das Geschriebene durchzulesen, um darüber Sorgen und Sehnsucht vielleicht zu vergessen.
Ich blieb dabei stehen, daß ich nach Homburg fahren wollte. Gott! Mit wie leichtem Herzen, im Vergleich zu jetzt, schrieb ich damals jene letzten Zeilen! Das heißt, nicht buchstäblich mit leichtem Herzen, aber doch – mit welch einem Selbstvertrauen, mit wie unerschütterlichen Hoffnungen! Zweifelte ich etwa auch nur im geringsten an mir selbst? – Und nun? Noch sind keine zwei Jahre seitdem vergangen und ich bin, meiner eigenen Überzeugung nach, schlimmer als ein Bettler! Was ist ein Bettler! Ich pfeife auf Armut! Ich aber habe mich einfach zugrunde gerichtet! Verkommen bin ich. Übrigens – es gibt nichts, womit ich mich überhaupt noch vergleichen könnte ... Aber wozu sich jetzt Moral predigen! Nichts kann dümmer sein, als Moral in solchen Zeiten! O, ihr selbstzufriedenen Leute! – mit welch stolzer Selbstgerechtigkeit sind diese Schwätzer jederzeit bereit, einem ihre Sentenzen zu predigen! Wenn sie wüßten, in welchem Maße ich den ganzen Ekel meines gegenwärtigen Zustandes begreife, so würde ihnen ihre Zunge, denke ich, nicht mehr gehorchen, wollten sie mich noch belehren. Was könnten sie mir wohl Neues sagen, das ich nicht selbst wüßte? Aber kommt es denn darauf an? Nein, sondern darauf, daß – eine Drehung des Rades alles ändern kann, und daß dann diese selben Moralprediger, die ersten sein werden, die (davon bin ich überzeugt) mit freundschaftlichen Scherzen zu mir kommen, um zu gratulieren. Und niemand wird sich dann so von mir abwenden, wie es jetzt alle tun. Ach, zum Teufel mit ihnen, was gehen sie mich an! Aber was bin ich jetzt? Zéro. Und was kann ich morgen sein? Morgen kann ich von den Toten auferstehen und von neuem zu leben beginnen! Ich kann den Menschen in mir wieder emporrichten, solange er noch nicht ertrunken ist in Verkommenheit.
Ich fuhr damals wirklich nach Homburg, aber ... dann war ich auch wieder in Roulettenburg, war auch in Spa, war sogar in Baden, wohin ich als Kammerdiener eines Herrn Hinze reiste, eines ekelhaften Menschen, der hier mein Brotherr war. Jawohl: ich bin sogar bis zum Diener herabgesunken – ganze fünf Monate war ich es! Das war nach dem Gefängnis. (Ich habe doch auch im Gefängnis gesessen, in Roulettenburg, wegen einer Schuld, die ich dort nicht bezahlen konnte. Ein Unbekannter hat mich losgekauft, – wer? Mister Astley? Polina? Ich weiß es nicht, aber die Schuld ist bezahlt worden, im ganzen zweihundert Taler: und so wurde ich aus dem Gefängnis entlassen.) Wo sollte ich bleiben? Ich kam also zu diesem Hinze. Er ist ein junger, leichtsinniger Mensch, der eine besondere Vorliebe fürs Faulenzen hat und ungern Briefe schreibt, ich aber beherrsche drei Sprachen in Wort und Schrift. Anfangs war ich sein Sekretär, denn als solcher hatte ich die Stelle angenommen, und erhielt dreißig Gulden monatlich. Doch bald erlaubten es ihm seine Mittel nicht mehr, soviel zu zahlen, und er verringerte mein Gehalt. Ich aber hatte nichts und blieb bei ihm. So machte es sich schließlich ganz von selbst, daß ich zu guter Letzt sein Diener wurde. Ich hungerte und trank keinen Tropfen, solange ich bei ihm war, dafür aber ersparte ich mir innerhalb dieser fünf Monate siebzig Gulden. Und eines Abends, es war in Baden, erklärte ich ihm, daß ich meine Stelle aufgäbe: und noch an demselben Abend suchte ich die Spielsäle auf. O, wie mein Herz schlug! Nein, nicht um das Geld war es mir zu tun! Damals wollte ich nur, daß morgen alle diese Hinzes, alle diese Oberkellner, alle diese reichen Damen der vornehmen Gesellschaft Badens – daß sie alle von mir sprechen, daß sie von meinem Glück erzählen, daß sie sich über mich wundern, mich loben und beneiden und alle sich vor der Macht meines neuen Reichtums beugen sollten. Das waren natürlich nur kindische Träume und kindischer Ehrgeiz, aber ... wer weiß: vielleicht hätte ich Polina getroffen, und dann hätte ich mit ihr gesprochen und sie hätte gesehen, daß ich über dem Schicksal stehe, daß mir alle Schicksalsschläge nichts anhaben können ... O, nicht am Gelde liegt mir! Bin ich doch überzeugt, daß ich es wieder irgendeiner Blanche hinwerfen und wieder in Paris drei Wochen lang mit eigenen Pferden zu sechzehntausend Franken fahren würde! Ich weiß ja doch ganz genau, daß ich nicht geizig bin; ich glaube sogar, ich bin ein Verschwender, – aber dennoch: mit welchem Zittern, mit welchem atemraubenden Herzklopfen horche ich auf den Ruf des Croupiers: trente et un, rouge, impair et passe, oder: quatre, noir, pair et manque! Mit welcher Gier starre ich auf den grünen Tisch, auf dem Louisdors, Friedrichsdors und Taler umherliegen, auf die kleinen Säulen von Goldmünzen, wenn sie durch die Krücke des Croupiers umfallen und sich in einen wie Glut brennend glänzenden Haufen zerstreuen, oder auf die langen, über einen halben Meter langen Silberrollen, die rings um das Rad liegen. Noch bevor ich den Spielsaal betreten, noch zwei Säle von ihm entfernt – sobald ich nur das Klingen und Klirren des Geldes, der zusammengescharrten Geldberge höre – ist es mir, als erfaßten mich Krämpfe.
O, auch jener Abend, an dem ich meine siebzig Gulden zum Spieltisch trug, war merkwürdig. Ich begann mit zehn Gulden und setzte sie wieder auf passe. Ich habe nun einmal Vertrauen zu passe. Ich verlor. Es blieben mir noch sechzig Gulden in Silber; ich dachte nach und entschied mich für zéro. Ich setzte immer zu fünf Gulden auf einmal. Das dritte Mal setzte ich – da kam zéro. Ich starb fast vor Freude, als mir hundertundfünfundsiebzig Gulden zugeschoben wurden. So froh war ich nicht gewesen, als ich damals hunderttausend Gulden gewonnen hatte. Ich setzte sofort hundert Gulden auf rouge – und gewann; alle zweihundert auf rouge – und gewann; alle vierhundert auf noir – und gewann; alle achthundert auf manque – und gewann! Alles in allem hatte ich jetzt tausendundsiebenhundert Gulden und das – in weniger als fünf Minuten! Ja, in solchen Augenblicken vergißt man alle früheren Mißerfolge! Hatte ich sie doch gewonnen, indem ich mehr als mein Leben aufs Spiel gesetzt. Ich hatte es gewagt, und ich gehörte wieder zu den Menschen!
Ich nahm ein Zimmer im Hotel, schloß mich ein und saß bis drei Uhr nachts und zählte mein Geld. Als ich am Morgen erwachte, war ich nicht mehr Lakai. Ich beschloß, sogleich nach Homburg zu fahren: dort war ich nicht Diener gewesen und hatte nicht im Gefängnis gesessen. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt des Zuges ging ich noch einmal in den Spielsaal, um noch zwei Einsätze zu machen, nicht mehr, und ich verlor tausendfünfhundert Gulden. Ich fuhr aber trotzdem nach Homburg und nun bin ich schon einen Monat hier.
Ich lebe natürlich in beständiger Aufregung, spiele nur sehr vorsichtig, wage nur die kleinsten Einsätze und warte auf irgend etwas, das ich selbst nicht zu nennen vermöchte, berechne und rechne, stehe ganze Tage lang am Spieltisch und beobachte das Spiel, sogar im Traume sehe ich nur noch das Spiel, – aber bei alledem scheint es mir, daß ich doch schon gleichsam verknöchert, daß ich wie in einem Moor versunken bin, aus dem ich mich nicht mehr herausreißen kann. Ich schließe das aus dem Eindruck, den meine Begegnung mit Mister Astley auf mich gemacht hat. Ich hatte ihn seit jenem Morgen im Hotel d’Angleterre nicht wiedergesehen und traf ihn hier plötzlich ganz zufällig. Ich ging gerade in den Parkanlagen spazieren und rechnete und dachte daran, daß ich jetzt fast ganz ohne Geld sei, nur fünf Gulden besaß ich noch. Aber im Hotel, wo ich ein kleines, billiges Zimmer genommen, hatte ich vor drei Tagen alles bezahlt. Ich konnte also noch einmal spielen, nur einmal, sagte ich mir: gewinne ich, so kann ich das Spiel fortsetzen, verliere ich – so muß ich wieder Diener werden, falls ich nicht im Augenblick hier Russen finde, die gerade einen Lehrer brauchen. Mit diesen Gedanken beschäftigt, machte ich meinen täglichen Spaziergang durch den Park. Sehr oft ging ich weiter durch den Wald, bis ins nächste Fürstentum, und kehrte dann erst nach mehreren Stunden müde und hungrig nach Homburg zurück. Kaum aber war ich diesmal aus den Anlagen in den Park getreten, als ich plötzlich auf einer Bank Mister Astley erblickte. Er hatte mich zuerst bemerkt und mich angerufen. Ich setzte mich neben ihn. Doch da mir eine gewisse Kühle an ihm auffiel, mäßigte ich sogleich meine Freude. Sonst hätte ich mich fürchterlich über das Wiedersehen gefreut.
„Also Sie sind hier!“ sagte er. „Ich dachte es mir, daß ich Ihnen hier begegnen würde. – Bemühen Sie sich nicht, mir von Ihren Erlebnissen zu erzählen, ich weiß alles; Ihr ganzes Leben in diesen anderthalb Jahren, mehr als anderthalb Jahren, ist mir bekannt.“
„Bah! Also so viel ist Ihnen daran gelegen, Ihre alten Freunde im Auge zu behalten!“ versetzte ich. „Das macht Ihnen ja alle Ehre, daß Sie sie nicht vergessen ... Apropos! Sie bringen mich auf einen Gedanken: sind nicht Sie es gewesen, der mich aus dem Roulettenburger Gefängnis, in dem ich wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saß, befreit hat? Ein Unbekannter hat die Schuld für mich bezahlt.“
„Nein, o nein, ich nicht, aber ich habe es gewußt, daß Sie wegen einer Schuld von zweihundert Gulden im Gefängnis saßen.“
„Und so wissen Sie doch auch, wer es getan hat?“
„O nein, ich kann nicht sagen, daß ich’s wüßte.“
„Sonderbar. Von den hiesigen Russen kennt mich keiner, und übrigens würden diese Russen hier wohl kaum einen Landsmann loskaufen; bei uns dort in Rußland, ja, dort kaufen Rechtgläubige wohl Rechtgläubige los. Und da dachte ich denn, daß es vielleicht irgendein englischer Sonderling aus Sonderbarkeit getan habe.“
Mister Astley hörte mit einiger Verwunderung zu. Ich glaube, er hatte erwartet, daß ich ganz niedergeschlagen und bekümmert sein würde.
„Nun, es freut mich, daß Sie sich Ihre alte geistige Unabhängigkeit und sogar noch Munterkeit bewahrt haben, wie ich sehe,“ sagte er mit ziemlich mißvergnügter Miene.
„Das heißt, innerlich knirschen Sie vor Ärger darüber, daß ich nicht niedergeschlagen und bekümmert bin,“ sagte ich lachend.
Er begriff nicht sogleich, als er mich aber dann verstand, lächelte er.
„Ihre Bemerkungen gefallen mir. Ich erkenne in ihnen meinen alten begeisterten und gleichzeitig doch zynischen Freund von früher. Nur die Russen können soviel Gegensätze in sich vereinigen. In der Tat, der Mensch liebt es, seinen Nächsten, auch wenn er sein bester Freund ist, vor sich erniedrigt zu sehen: auf der Erniedrigung des anderen beruht zum größten Teil die Freundschaft. Das ist nun einmal eine alte, allen erfahrenen Leuten längst bekannte Wahrheit. Doch in diesem Fall, ich versichere Sie, bin ich aufrichtig froh, daß Sie den Mut nicht sinken lassen. Sagen Sie, Sie haben wohl nicht die Absicht, das Spiel aufzugeben?“
„O, der Teufel hole es! Sofort gebe ich es auf, wenn ich nur erst ...“
„Wenn ich nur erst das Verlorene wiedergewonnen habe? Das dachte ich mir – es ist nicht nötig, daß Sie weiterreden – ich weiß schon. Sie haben es ganz unbedacht gesagt, folglich waren Sie aufrichtig. Sagen Sie, außer mit dem Spiel beschäftigen Sie sich sonst mit nichts?“
„Nein, mit nichts.“
Er begann, mich nach allem möglichen auszufragen, das in der letzten Zeit in der Welt geschehen war.
Ich wußte von nichts, ich hatte ja kaum eine Zeitung zur Hand genommen, kaum mehr ein Buch aufgeschlagen.
„Sie sind abgestumpft,“ bemerkte er zum Schluß, „Sie haben nicht nur dem Leben, Ihren eigenen Interessen und denen der ganzen Menschheit den Rücken gewandt, Ihren Pflichten als Bürger und Mensch und außerdem auch Ihren Freunden – und Sie hatten doch wirklich Freunde –, Sie haben sich nicht nur von jedem Lebensziel und -zweck losgesagt – außer dem einen: im Spiel zu gewinnen –, Sie haben auch Ihre Erinnerungen als überflüssigen Ballast über Bord geworfen. Ich denke daran, wie Sie einmal in einer heißen und großen Stunde Ihres Lebens vor mir standen – aber ich bin überzeugt, daß Sie alle Ihre besten Empfindungen und Absichten von damals vergessen haben, und Ihre jetzigen Gedanken und Wünsche nicht hinausreichen über pair, impair, rouge, noir – und so weiter ... davon bin ich überzeugt!“
„Genug, Mister Astley, bitte, erinnern Sie mich nicht daran!“ rief ich ärgerlich, fast erbittert. „Ich habe nichts vergessen – ich habe nur jetzt zeitweilig alles das aus meinem Denken und Sinnen ausgeschlossen, ja, auch die Erinnerungen, Sie haben recht, – aber nur vorläufig, bis ich meine pekuniäre Lage radikal gebessert habe; dann aber ... dann werden Sie sehen, daß ich von den Toten auferstehe!“
„In zehn Jahren werden Sie noch hier sein,“ erwiderte Mister Astley darauf. „Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, daß ich Sie an diese meine Worte noch nach zehn Jahren, wenn ich lebe, hier auf dieser Bank erinnern werde.“
„Nun gut,“ schnitt ich ungeduldig ab, „doch um Ihnen zu beweisen, daß ich das Vergangene doch nicht ganz so vergessen habe, wie Sie annehmen, erlauben Sie die Frage: wo ist jetzt Miß Polina? Wenn nicht Sie mich aus dem Gefängnis befreit haben, so hat es bestimmt Miß Polina getan. Seit jenem letzten Tage damals in Roulettenburg habe ich nichts von ihr gehört.“
„Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß sie Sie losgekauft hat. Sie ist jetzt in der Schweiz, aber Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragten,“ sagte er kurz und sichtlich verstimmt.
„Das bedeutet wohl, daß auch Ihr Herz schon gar zu sehr durch sie verwundet ist!“ sagte ich unwillkürlich lachend.
„Miß Polina verdient die größte Hochachtung und ist der beste Mensch, aber ich sage Ihnen nochmals, daß Sie mir einen großen Gefallen erweisen würden, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragen wollten. Sie haben sie überhaupt nicht gekannt und ich empfinde es als Beleidigung, wenn Sie ihren Namen aussprechen.“
„Ah! Also so stehen wir! Übrigens täuschen Sie sich. Und wovon sollte ich denn mit Ihnen sprechen, sagen Sie doch selbst, wenn nicht – davon? Andere gemeinsame Erinnerungen haben wir ja gar nicht. Doch beunruhigen Sie sich nicht, ich frage ja nicht nach Geheimnissen oder Gefühlen ... ich interessiere mich sozusagen nur für die äußere Lage der Miß Polina, nur für die Verhältnisse, in denen sie jetzt lebt. Das aber läßt sich ja in zwei Worten sagen.“
„Nun gut, aber unter der Bedingung, daß die Sache damit abgetan ist. Miß Polina war lange krank; sie ist auch jetzt noch krank; eine Zeitlang lebte sie bei meiner Mutter und Schwester in Schottland. Vor einem halben Jahr starb ihre Großtante – Sie erinnern sich doch noch jener alten Dame? Nun, die ist jetzt tot, hat aber testamentarisch siebentausend Pfund Sterling Miß Polina vermacht. Augenblicklich reist sie mit der Familie meiner verheirateten Schwester in der Schweiz. Ihr kleiner Bruder und die kleine Schwester sind in London und lernen dort. Für sie ist gleichfalls durch das Testament der Großtante gesorgt. Der General, ihr Stiefvater, ist vor einem Monat in Paris am Schlage gestorben. Mademoiselle Blanche hat ihn gut behandelt, dafür aber alles, was er von der Tante geerbt hat, auf ihren Namen schreiben lassen ... Das ist, glaube ich, alles.“
„Und de Grillet? Reist er nicht gleichfalls in der Schweiz?“
„Nein, de Grillet reist nicht in der Schweiz, ich weiß nicht, wo er sich aufhält. Ich möchte Sie aber ein für allemal ersuchen, ähnliche Bemerkungen und Andeutungen, die Ihnen jedenfalls nicht Ehre machen, fernerhin zu unterlassen, anderenfalls werden Sie es mit mir zu tun haben.“
„Was! Ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen?“
„Ja, ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen.“
„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Mister Astley. Aber erlauben Sie ... einstweilen – hierbei ist doch nichts Beleidigendes, ich mache ihr doch keinen Vorwurf oder ... sonst was. Außerdem ist, im allgemeinen gesprochen, die – nun: Zusammenstellung eines Franzosen und eines russischen jungen Mädchens etwas so Haarsträubendes, daß Sie und ich das Problem weder lösen noch überhaupt begreifen können.“
„Wenn Sie de Grillet nicht in einem Atemzuge mit dem anderen Namen nennen wollten oder überhaupt in Verbindung bringen, so würde ich ganz gern erfahren wollen, weshalb Sie so verallgemeinernd von dem Problem der ‚Zusammenstellung‘ eines ‚Franzosen mit einem russischen jungen Mädchen‘ reden. Wie kommen Sie überhaupt darauf?“
„Sehen Sie, da hat es nun auch Ihr Interesse geweckt. Aber: das ist ein langes Thema, Mister Astley. Und es sind auch einige Vorkenntnisse vonnöten. Übrigens ist es ein sehr bedeutsames Problem, wie lächerlich das auch auf den ersten Blick scheinen mag. Ein Franzose, Mister Astley, ist die vollendete hübsche Form. Sie als Engländer brauchen sich damit nicht einverstanden zu erklären, Sie sind wahrscheinlich anderer Meinung. Und ich als Russe bin gleichfalls nicht damit einverstanden, wenn auch nur – nun, sagen wir meinetwegen, aus Neid. Unsere jungen Damen aber sind anderer Meinung. Wir beide können Racine unnatürlich finden, phrasenhaft, geziert und parfümiert, und lesen werden Sie ihn zu Ihrem Vergnügen ganz gewiß nicht. Ich finde ihn einfach lächerlich; aber er ist äußerlich von guter Form, Mister Astley, und ein Meister der poetischen Ausdrucksweise, gleichviel ob wir das anerkennen wollen – oder nicht. Die nationale Form des Franzosen, d. h. des Parisers, hat sich schon zu einer Zeit, als wir noch Bären waren, zu einer ausgesprochen eleganten Form entwickelt. Die Revolution stellte den Bourgeois neben den Edelmann. Und heutzutage kann der lumpigste Franzusischka Manieren, eine Ausdrucksweise und sogar Gedanken von durchaus eleganter Form haben, ohne dabei an dieser Form weder durch seine Erfindungsgabe, noch mit seiner Seele, seinem Herzen, seinem Geist irgendwie beteiligt zu sein: er hat eben alles das einfach geerbt. An sich kann er leerer als leer und gemeiner als gemein sein. Nun und jetzt, Mister Astley, sage ich Ihnen, daß es in der ganzen Welt kein Wesen gibt, das vertrauensvoller, aufrichtiger und von Herzen zutraulicher wäre, als die klugen, jungen russischen Mädchen, selbst wenn sie auch noch so verbildet sind. Freilich gar zu verbildet dürfen sie nicht sein. Daher kann so ein de Grillet, wenn er in einer schönen Rolle, d. h. also maskiert, unter ihnen erscheint, mit größter Leichtigkeit das Herz eines russischen Mädchens erobern; er hat die elegante Form, Mister Astley, und das betreffende Mädchen hält diese Form, diese äußere Maske, für das wahre Gesicht des inneren Menschen, für die natürliche Form seines Charakters und seines Herzens, und nicht bloß für ein Gewand, das ihm durch Erbschaft zugefallen ist.
Leider muß ich Ihnen sagen – Sie werden wohl kaum sehr erbaut davon sein –, daß die Engländer größtenteils eckig und steif sind, die Russinnen aber haben ein recht feines Empfinden für Schönheit und lassen sich durch sie am leichtesten ködern. Denn, um die innere Schönheit eines Menschen und die Originalität seiner Persönlichkeit erkennen zu können, dazu gehört unvergleichlich mehr Selbständigkeit und Sicherheit in der Beurteilung eines Menschen, als ihn unsere Frauen besitzen und erst recht unsere jungen Mädchen, und vor allen Dingen, versteht sich: weit mehr Erfahrung. Miß Polina aber – verzeihen Sie, was ausgesprochen ist, läßt sich nicht mehr unausgesprochen machen – muß sich sehr, sehr lange bedenken, bis sie sich entschließen kann, Sie dem Gauner de Grillet vorzuziehen. Sie wird Sie schätzen lernen, sie wird Ihr Freund werden, wird Ihnen ihr ganzes Herz öffnen, aber dennoch wird in diesem Herzen der verhaßte Lump, der kleinliche, gemeine und habgierige Wucherer de Grillet herrschen. Dabei bleibt es. Ihr Eigensinn und ihre Eigenliebe halten daran fest: denn dieser de Grillet ist ihr nun einmal in der Aureole eines eleganten Marquis, eines enttäuschten und wie es hieß, verarmten Menschenfreundes erschienen, der ihrer Familie und dem leichtsinnigen General aus der Not geholfen hat. Die ganze Komödie, die er gespielt hat, ist ja jetzt für sie kein Geheimnis mehr, aber das hat nichts zu sagen, trotzdem: bitte, geben Sie ihr den früheren de Grillet, – das ist alles, was sie haben will! Und je mehr sie den jetzigen de Grillet haßt, um so mehr sehnt sie sich nach dem früheren, obschon der frühere nur in ihrer Phantasie existiert hat. Sie sind Zuckersieder, Mister Astley?“
„Ich bin Mitinhaber der bekannten Zuckerfabrik Lowell und Kompagnie.“
„Nun, sehen Sie wohl! Hier ein Zuckersieder – dort ein Apoll! Das geht eben nicht, es harmoniert nicht, es läßt sich nicht vereinigen. Ich aber bin nicht einmal Zuckersieder, sondern einfach nur ein kleiner Spieler, bin sogar ein Diener gewesen, was Miß Polina sicherlich bereits wissen wird, denn wie ich sehe, scheint sie eine gute Geheimpolizei zu haben ...“
„Sie sind verbittert, deshalb reden Sie diesen ganzen Unsinn,“ sagte Mister Astley kaltblütig, nach kurzem Nachdenken. „Außerdem entbehren Ihre Worte der Originalität.“
„Einverstanden! Aber gerade darin liegt ja das Entsetzliche, mein verehrter Freund, daß alle diese meine Beschuldigungen, so veraltet, so billig und phrasenhaft sie sein mögen, dennoch die Wahrheit selbst sind! Immerhin haben wir beide nichts erreichen können!“
„Das ist nichts weiter als ganz abscheulicher Unsinn ... denn ... denn ... so hören Sie!“ rief plötzlich Mister Astley mit aufblitzenden Augen, und seiner Stimme hörte man die innere Erregung an, „ich will es Ihnen sagen, Sie undankbarer und unwürdiger, gesunkener und unglücklicher Mensch: ich bin in ihrem Auftrage nach Homburg gekommen, nur um Sie zu sehen und aufrichtig und herzlich mit Ihnen zu sprechen, und ihr dann alles mitzuteilen, alles – Ihre Gefühle, Gedanken, Hoffnungen und ... Erinnerungen!“
„Nicht möglich! Das ist nicht möglich!“ rief ich, und plötzlich stürzten mir Tränen aus den Augen.
Ich konnte sie nicht zurückhalten, und das geschah, glaube ich, zum erstenmal in meinem Leben.
„Ja, Sie unglücklicher Mensch, sie liebte Sie – das kann ich Ihnen jetzt mitteilen, weil Sie ja doch schon ein verlorener Mensch sind. Ja, ich glaube sogar, selbst wenn ich Ihnen sage, daß sie Sie auch jetzt noch liebt – Sie werden trotzdem hier bleiben! Ja, Sie haben sich zugrunde gerichtet. Sie hatten einige Fähigkeiten, einen lebhaften Charakter und Sie waren kein schlechter Mensch. Sie könnten sogar Ihrem Vaterlande etwas sein – und Rußland hat doch einen solchen Mangel an Menschen – Sie aber werden hier bleiben. Ihr Leben ist zu Ende. Ich schreibe Ihnen keine Schuld zu. Meiner Ansicht nach sind alle Russen so – oder sind geneigt, so zu sein. Ist es nicht das Roulette, dann ist es etwas anderes, Ähnliches. Die Ausnahmen sind gar zu selten. Sie sind nicht der Erste, der nicht weiß, was Arbeit ist – natürlich rede ich nicht vom Volk. Das Roulette wird vorzugsweise von Russen gespielt. Bis jetzt waren Sie noch ehrlich und haben es vorgezogen, Diener zu werden, als zu stehlen ... Aber mir graut vor dem Gedanken, was in Zukunft geschehen wird. Doch genug, reden wir nicht davon! Leben Sie wohl. Sie haben Geld nötig? Hier haben Sie von mir zehn Louisdor, mehr gebe ich Ihnen nicht, denn Sie werden sie ja doch verspielen. Nehmen Sie und leben Sie wohl! So nehmen Sie doch!“
„Nein, Mister Astley, nach allem, was Sie soeben gesagt haben ...“
„Nehmen Sie!“ rief er impulsiv, „ich bin überzeugt, daß Sie noch ein anständiger Mensch sind und ich gebe es Ihnen als Freund. Könnte ich überzeugt sein, daß Sie sofort das Spiel aufgeben und Homburg verlassen würden, um in Ihr Vaterland zurückzukehren – ich wäre ohne weiteres bereit, Ihnen tausend Pfund Sterling für den Anfang eines neuen Lebens zu geben. Statt dessen gebe ich Ihnen nur zehn Louisdor, denn für Sie sind sie im Augenblick dasselbe wie tausend Pfund: sie werden ja doch alles verspielen! So, und jetzt nehmen Sie das Geld und leben Sie wohl.“
„Ich werde es annehmen, aber nur, wenn Sie mir erlauben, Sie zum Abschied zu umarmen.“
„O, das mit Vergnügen!“
Wir umarmten uns herzlich und Mister Astley verließ mich.
Nein, er hat nicht recht! Wenn ich mich vorschnell und dumm über Polina und de Grillet geäußert habe, so hat er das Gleiche in seiner Beurteilung der Russen getan. Von mir will ich nicht reden. Übrigens ... übrigens ist das ja vorläufig gar nicht, was – das sind ja nur Worte, Worte und Worte, während doch gerade Taten nottun! Die Hauptsache ist hier jetzt die Schweiz! Morgen noch – o, wenn ich doch morgen schon abreisen könnte! Ich muß ein neuer Mensch werden, ich muß auferstehen. Ich muß ihnen beweisen ... Polina soll wissen, daß ich noch Mensch sein kann. Ich brauche ja nur ... Jetzt ist es übrigens schon zu spät, – aber morgen ... O, ich habe ein gutes Vorgefühl, es kann nicht anders sein! Ich habe jetzt außer meinen fünf Gulden noch zehn Louisdor, und habe doch schon mit viel weniger, habe mit nur fünfzehn Gulden zu spielen begonnen! Wenn man vorsichtig beginnt ... – o, bin ich denn wirklich, wirklich ein so kleines Kind! Begreife ich denn wirklich nicht, daß ich ein verlorener Mensch bin? Aber – was hindert mich denn, aufzuerstehen? Ja! Man braucht nur einmal im Leben Berechnung und Ausdauer zu beweisen, einmal nicht die Geduld zu verlieren – und das ist alles! Ich muß nur einmal charakterfest sein und in einer Stunde kann sich mein ganzes Schicksal umdrehen! Die Hauptsache ist, wie gesagt – Charakter! Wenn ich daran denke, was ich vor sieben Monaten in Roulettenburg in der Beziehung erlebt habe! – es war gerade vor meinem großen Verlust. O, das ist das beste Beispiel dafür, was mitunter Entschlossenheit bedeuten kann. Ich hatte alles verloren, alles ... Wie ich aus dem Kurhaus hinaustrete – fühle ich plötzlich, daß in meiner Westentasche noch ein Gulden sich regt. „Ah, da habe ich ja noch was, wofür ich zu Mittag speisen kann!“ dachte ich bei mir, doch – keine hundert Schritte weiter hatte ich mich anders bedacht und kehrte zurück. Ich setzte den Gulden auf manque (damals war gerade manque an der Reihe) und wirklich, es liegt etwas Eigentümliches in unserem Gefühl und Bewußtsein, wenn man ganz allein in der Fremde, fern von der Heimat, fern von Freunden und Bekannten, ohne zu wissen, was man essen und wo man schlafen wird, den letzten, den allerletzten Gulden aufs Spiel setzt! Ich gewann, und nach zwanzig Minuten verließ ich das Kurhaus mit hundertsiebzig Gulden in der Tasche. Tatsache! Da sieht man, was mitunter der letzte Gulden bedeuten kann! Wie, wenn ich damals den Mut verloren hätte, wenn ich nicht gewagt hätte, den Entschluß zu fassen? ...
Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!