Der Spieler (continued 3)
E. K. Rahsin translation
„Babuschka!“
„Setz, sag ich dir, setz! Ist nicht dein Geld.“
Ich setzte zwei Friedrichsdor. Die Kugel kreiste lange im Rad, endlich begann sie an den Zacken zu springen. Die Babuschka hielt den Atem an und preßte meine Hand wie mit einem Schraubstock, und plötzlich –
„Zéro!“ rief der Croupier.
„Siehst du! siehst du!“ wandte sie sich hastig zu mir, strahlend vor Zufriedenheit. „Ich sagte dir doch! Muß mir doch Gott selbst eingegeben haben, zwei Goldstücke statt eines zu setzen! Nun, wieviel bekomme ich denn jetzt? Warum zahlen sie mir denn noch nicht aus? Potapytsch, Marfa, wo seid ihr denn alle? Wo sind die Unsrigen geblieben? Potapytsch! Potapytsch!“
„Babuschka, später!“ flüsterte ich ihr zu. „Potapytsch steht an der Tür, man läßt ihn gar nicht zum Tisch. Sehen Sie, da zahlt man Ihnen das Geld aus, nehmen Sie es!“
Man schob uns eine in blaues Papier eingeschlagene und versiegelte schwere Rolle zu, die fünfzig Friedrichsdor enthielt, und außerdem noch zwanzig Friedrichsdor, die der Croupier einzeln aufzählte. Alles das zog ich mit der Krücke näher zur Babuschka.
„Faites le jeu, messieurs! Faites le jeu, messieurs! Rien ne va plus?“ rief der Croupier, um die Spieler zum Einsatz aufzufordern und bereits im Begriff, das Rad zu drehen.
„Mein Gott! Jetzt kommen wir zu spät! Gleich wird er drehen! So setz doch, setz doch!“ trieb mich die Babuschka an, „aber so trödel doch nicht! schneller!“ Sie geriet ganz aus dem Häuschen und stieß mich immer wieder an.
„Aber auf was denn, Babuschka?“
„Auf zéro, auf zéro! Wieder auf zéro! Setz so viel als möglich! Wieviel haben wir? Siebzig Friedrichsdor? Nichts da! Setze sie alle, aber immer zu zwanzig Friedrichsdor auf einmal.“
„Babuschka, besinnen Sie sich! Zéro kommt oft zweihundertmal nicht wieder! Ich versichere Sie, so können Sie Ihr ganzes Kapital verspielen!“
„Unsinn, schwatz nicht! Setz! Ich weiß, was ich tue!“ Sie zitterte am ganzen Körper.
„Nach der Vorschrift ist es nicht erlaubt, mehr als zwölf Friedrichsdor auf einmal auf zéro zu setzen,“ sagte ich, „so – und die habe ich jetzt gesetzt.“
„Wieso nicht erlaubt? Lügst du nicht etwa? Mßjö! Mßjö!“ wandte sie sich an den Croupier, der links neben ihr saß, und im Begriff war das Rad zu drehen, und sie stieß ihn mit dem Finger an, „combien zéro? Douze? Douze?“
Ich beeilte mich, die Frage im Französischen verständlich zu erläutern.
„Oui, madame,“ bestätigte der Croupier höflich, „ganz wie auch jeder andere Einsatz nicht die Höhe von viertausend Florins überschreiten darf – der Vorschrift gemäß,“ fügte er zur Erklärung hinzu.
„Nun, nichts zu machen, dann setz nur zwölf.“
„Le jeu est fait!“ rief der Croupier.
Das Rad drehte sich und es kam Dreizehn heraus. Wir hatten verloren.
„Noch! noch! noch! Setz noch einmal auf zéro!“
Ich widersprach nicht mehr, zuckte nur mit der Achsel und setzte nochmals zwölf Friedrichsdor auf zéro.
Das Rad drehte sich sehr lange. Die Babuschka bebte am ganzen Leibe und ihr Blick folgte wie gebannt der Kugel. „Sollte sie wirklich glauben, daß jetzt zéro gewinnen wird?“ fragte ich mich, indem ich sie ganz verwundert betrachtete. In ihrem Gesicht las ich die unerschütterliche Überzeugung, daß sie gewinnen, daß der Croupier jetzt gleich, im nächsten Augenblick, zéro rufen werde.
Die Kugel sprang in ein Fach.
„Zéro!“ rief der Croupier.
„Was!“ wandte sich mit triumphierender Genugtuung die Babuschka strahlend nach mir um.
Ich bin selbst ein Spieler. Das fühlte ich in diesem Augenblick. Meine Hände und Füße zitterten, in meinem Gehirn hämmerte es. Natürlich war es nur ein seltener Zufall, daß von etwa zehn Spielen dreimal zéro gewann; doch war es schließlich nichts gar so Verwunderliches. Ich hatte es noch vor drei Tagen erlebt, daß zéro dreimal nach der Reihe herauskam, und bei der Gelegenheit bemerkte einer der Spieler, der sich eifrig alles notierte, daß während des ganzen vorigen Tages zéro nur ein einziges Mal herausgekommen sei.
Der Babuschka wurde der Gewinn, da er der größte war, ganz besonders aufmerksam und höflich ausgezahlt. Sie erhielt vierhundert und zwanzig Friedrichsdor, also viertausend Florins und zwanzig Friedrichsdor. Die zwanzig Friedrichsdor zahlte man ihr in Gold aus, die viertausend Florins in Banknoten.
Diesmal rief sie nicht mehr nach Potapytsch; sie war jetzt mit anderem beschäftigt. Und auch äußerlich zitterte sie weder noch stieß sie mich wie zuvor. Ihre Gedanken schienen vollkommen konzentriert zu sein, nichts hätte sie mehr ablenken können.
„Alexei Iwanowitsch! Er sagte, daß man nicht mehr als viertausend Florins auf einmal setzen darf? Hier, nimm, setz diese ganzen vier auf Rot.“
Ich sparte mir die vergebliche Mühe, ihr zu widersprechen. Das Rad begann sich zu drehen.
„Rouge!“ rief der Croupier.
Wieder ein Gewinn von viertausend Florins, im ganzen waren es jetzt acht.
„Vier gib mir her, die anderen vier aber setz wieder auf Rot!“ kommandierte die Babuschka.
Ich setzte wieder viertausend Florins.
„Rouge!“ rief wieder der Croupier.
„Das macht im ganzen zwölf! Gib sie mir alle her. Das Gold schütte hierher, so, in den Beutel, das Papiergeld bewahre du auf. So! Basta! Nach Haus jetzt! Schiebt den Stuhl fort!“
XI.
Der Stuhl wurde zum Ausgang am anderen Ende des Saales gerollt. Die Babuschka strahlte.
Die Unsrigen drängten sich jetzt sogleich mit Glückwünschen zu ihr und belagerten sie förmlich. So exzentrisch das Benehmen der alten Dame war – ihr Triumph am Spieltisch machte doch alles wieder gut, und so befürchtete denn auch der General nicht mehr, sich durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dieser originellen alten Dame zu kompromittieren. Mit einem familiär-heiteren und sozusagen nachsichtigen Lächeln, als gälte es, ein Kind zu beruhigen, näherte er sich ihr und gratulierte zum Gewinn. Übrigens war er sichtlich verblüfft, wie es auch alle anderen Zuschauer zu sein schienen. Wenigstens sprach man ringsum nur von ihr und alle sahen sich nach ihr um oder deuteten mit dem Blick auf sie hin. Viele gingen sogar an ihr vorüber, um sie näher zu betrachten. Mister Astley, der mit zwei Engländern, seinen Bekannten, etwas abseits stand, sprach mit diesen gleichfalls von ihr. Einige majestätische Damen musterten sie mit Verwunderung, als wäre sie etwas noch nie Dagewesenes ... De Grillet zerging nur so in lächelnden Bonmots und Komplimenten.
„Quelle victoire!“ rief er aus.
„Mais, madame, c’était du feu!“ fügte mit bezauberndem Lächeln Mademoiselle Blanche hinzu.
„Ja, seht ihr mal, da habe ich im Handumdrehen zwölftausend Florins gewonnen! Was sage ich zwölf! – und das Gold? Mit dem Golde zusammen werden es fast ganze dreizehn sein. Wieviel ist das nach unserem Gelde? So an sechstausend wird’s sein, nicht?“
Ich sagte, daß es auch siebentausend übersteige und nach dem gegenwärtigen Kurs vielleicht nicht viel an achttausend Rubel fehlten.
„Spaß! Achttausend! Und ihr sitzt hier wie die Schlafmützen und tut nichts! Potapytsch, Marfa, habt ihr gesehen?“
„Mütterchen! Achttausend Rubel! Du meine Güte, wie macht man das?“ rief Marfa aus, die ganz geknickt die Hände zusammenschlug.
„Hier, nehmt, hier habt ihr von mir fünf Goldstücke, hier!“
Potapytsch und Marfa wußten kaum, wie ihnen geschah, und küßten ihr die Hände.
„Und die Träger müssen auch jeder einen Friedrichsdor erhalten. Gib ihnen, Alexei Iwanowitsch, gib jedem ein Goldstück. – Was will der, was ist er? – ein Diener? Warum grüßt er und der andere auch? Ah, sie wollen gratulieren! Gib auch ihnen einen Friedrichsdor, jedem einen.“
„Madame la princesse ... un pauvre expatrié ... malheur continuel ... les princes russes sont si généreux ...“ murmelte unter fortgesetzten Bücklingen eine Gestalt in einem ziemlich schäbigen Überrock, bunter Weste, die Mütze in der Hand und mit einem kriechenden Lächeln unter dem Schnurrbart.
„Gib ihm auch einen Friedrichsdor ... Nein, gib ihm zwei! Nun, genug jetzt, sonst nimmt das überhaupt kein Ende. Nun, vorwärts, vorwärts! Praskowja,“ wandte sie sich an Polina Alexandrowna, „ich werde dir morgen ein Kleid kaufen und dieser meinetwegen auch, dieser Mademoiselle – wie heißt sie, Mademoiselle Blanche, nicht, so war’s doch? – Die soll auch ein Kleid bekommen. Übersetz ihr das, Praskowja!“
„Merci, madame,“ dankte Mademoiselle Blanche mit einer graziösen Verbeugung und einem spöttischen Lächeln, während sie mit de Grillet und dem General flüchtig einen Blick austauschte. Letzterer wurde nach diesem Blick sehr verlegen und atmete auf, als wir endlich in der Allee anlangten.
„Fedossja, wie sich Fedossja jetzt wundern wird!“ entsann sich die Babuschka plötzlich der Kinderfrau. „Auch ihr muß ich Zeug zu einem Kleide schenken. Du, Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, gib diesem Armen!“
Irgend ein heruntergekommenes Subjekt in zerlumpter Kleidung ging an uns vorüber und sah uns an.
„Das ist vielleicht gar kein Armer, sondern nur so ein Strolch, Babuschka.“
„Gib nur, gib! Gib ihm einen Gulden.“
Ich ging ihm nach und gab ihm einen Gulden. Er sah mich ganz verständnislos an, nahm aber doch schweigend den Gulden in Empfang. Er roch nach Branntwein.
„Und du, Alexei Iwanowitsch, hast du dein Glück noch nicht versucht?“
„Nein, noch nicht, Babuschka.“
„Und dabei blitzten deine Augen nur so – glaubst du, ich habe es nicht bemerkt?“
„Ich werde schon noch mein Glück versuchen, aber später.“
„Und setze unbedingt auf zéro! Du wirst sehen. Wieviel Geld hast du?“
„Im ganzen nur zwanzig Friedrichsdor, Babuschka.“
„Das ist nicht viel. Wenn du willst, werde ich dir fünfzig Friedrichsdor leihen. Nein, nimm gleich diese Rolle. Du aber, Väterchen, brauchst deshalb noch längst nicht zu glauben, daß du auch was erhältst! Dir geb ich nichts!“ wandte sie sich von mir zum General.
Es ging ihm, wie mir schien, durch Mark und Bein, aber er sagte nichts. De Grillet ärgerte sich.
„Que diable, c’est une terrible vieille!“ stieß er unwirsch zwischen den Zähnen hervor. Er ging neben dem General.
„Ein Armer, ein Armer, sieh, dort kommt wieder ein Armer!“ rief die Babuschka. „Alexei Iwanowitsch, gib auch diesem einen Gulden.“
Diesmal war es ein Greis mit silberweißem Haar, einem Stelzfuß, einem altmodischen Stock in der Hand und in einem dunkelblauen langen Rock. Er sah aus wie ein alter Soldat. Als ich ihm aber den Gulden geben wollte, trat er einen Schritt zurück und maß mich mit zornigem Blick.
„Was soll das, zum Teufel!“ rief er und es folgte noch eine Reihe von Kraftausdrücken.
„Nun, nun! Solch ein Dummkopf!“ rief die Babuschka, „nun, dann nicht! Vorwärts! Ich bin hungrig. Jetzt können wir sogleich zu Mittag speisen, dann lege ich mich ein wenig hin, und dann kehren wir zurück.“
„Was, Sie wollen noch weiterspielen, Babuschka!“ rief ich.
„Ja, was meinst du dazu? Soll ich denn, bloß weil ihr hier alle sauert, gleichfalls nichts tun und euch immerzu ansehn?“
„Mais, madame,“ legte sich de Grillet ins Mittel, „les chances peuvent tourner, une seulè mauvaise chance et vous perdrez tout ... surtout avec votre jeu ... c’était terrible!“
„Vous perdrez absolument,“ pflichtete ihm Mademoiselle Blanche schleunigst bei.
„Was geht denn das euch an? Nicht euer Geld werde ich verspielen, sondern meines! Aber wo ist dieser Mister Astley geblieben?“ fragte sie mich.
„Er blieb im Kursaal, Babuschka.“
„Schade; seht, das ist ein guter Mensch.“
Kaum waren wir im Hotel angelangt, da tauchte auch schon der Hotelverwalter vor uns auf, den die Babuschka sogleich zu sich heranwinkte, um sich ihres Glückes im Spiel zu rühmen. In ihrem Zimmer war das erste, was sie tat, daß sie Fedossja rufen ließ, der sie drei Friedrichsdor schenkte. Dann wünschte sie zu essen. Fedossja und Marfa schwammen in Seligkeit, während sie sie bedienten.
„Ach, Mütterchen,“ schnatterte Marfa, „das war wohl! ... Wie ich da so stand, sagte ich zu Potapytsch, was will denn unser Mütterchen dort machen? Auf dem Tisch aber liegt Geld und Gold und Silber – Himmel ... wie viel! In meinem ganzen Leben habe ich nicht soviel Geld gesehen, und ringsum sind alles nur Herrschaften, lauter Herrschaften! Und woher kommen sie nur, frage ich den Potapytsch, alle die vielen feinen Leute? Und ich denke noch so bei mir: mag ihr nur immer die heilige Mutter Gottes beistehen! Und da betete ich für Sie, Mütterchen, mein Herz aber wurde ganz schwach und ganz flau wurde mir zumute. Steh ihr nur immer bei, Gottchen, denke ich so bei mir, und da hat Ihnen denn auch Gott dies große Glück geschenkt! Ach du mein Himmelchen, wenn ich denke! Ich zittere eben noch, Mütterchen, sehen Sie nur, wie ich zittere! ...“
„Alexei Iwanowitsch, nach dem Essen – so um vier – mach dich bereit, dann gehen wir wieder. Jetzt aber kannst du vorläufig gehn, wohin du willst. Vergiß nur nicht, mir einen Arzt herzuschicken, man muß doch auch Brunnen trinken. Sieh nur zu, daß du es nicht vergißt!“ rief sie mir noch nach.
Ich verließ sie wie betäubt. Obschon ich nicht denken wollte, beschäftigten sich meine Gedanken doch unausgesetzt mit der Vorstellung, was jetzt aus den Unsrigen werden würde. Ich sah es ja deutlich, daß sie alle, namentlich aber der General, noch gar nicht so recht zu sich gekommen waren, nicht einmal vom ersten Schreck hatten sie sich erholt! Die Tatsache des Erscheinens der Großmutter anstatt des stündlich erwarteten Eintreffens der Todesnachricht – die doch gleichbedeutend gewesen wäre mit der Anzeige der Erbschaft – hatte alle ihre Pläne, Hoffnungen und Berechnungen so über den Haufen geworfen, daß sie sich, wie unter dem Bann völliger Gedankenlähmung, zu den weiteren Heldentaten der Babuschka am Spieltisch fast ganz apathisch verhielten. Indessen war aber diese zweite Tatsache, daß die Babuschka zu spielen begonnen, doch fast noch schlimmer als die erste, denn wenn sie auch zweimal gesagt hatte, daß sie dem General kein Geld geben werde, so konnte man doch nichts Näheres wissen, und brauchte deshalb noch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Gab doch auch de Grillet die Hoffnung noch nicht auf, und Mademoiselle Blanche, die an der Sache wohl nicht minder interessiert war – das fehlte noch: Titel einer Generalin und die ganze große Erbschaft! – Mademoiselle Blanche tat’s erst recht nicht, wandte vielmehr alle Mittel der Koketterie an, um die Babuschka sich wenigstens geneigt zu machen ... sehr im Gegenteil zu Polina, der der Hochmutsteufel im Nacken saß und die sich wohl nie zu Einschmeichlungsversuchen herablassen würde. Aber jetzt, jetzt, nachdem die Babuschka mit so viel Glück gespielt, jetzt, nachdem sich ihr Charakter so typisch und scharf vor ihnen enthüllt hatte – mein Gott, die und tombée en enfance! – jetzt, ja, jetzt war allerdings alles verloren. Freute sie sich doch wie ein Kind über ihren Gewinn, folglich aber würde sie – das ist nun einmal so – alles verspielen. „Mein Gott,“ dachte ich, und – verzeih mir, Grundgütiger! – mit herzlich schadenfrohem Lachen dachte ich’s, „mit welch einer Zentnerschwere muß doch jeder Friedrichsdor, den die Alte vorhin aufs Spiel setzte, dem General aufs Herz gefallen sein, wie muß de Grillet geflucht und Mademoiselle Blanche, die äußerlich lächelnde, innerlich gerast haben, als sie zusehen mußte, wie der Löffel so an ihrem Munde vorübergeführt wurde!“
Und dann noch etwas Bedeutsames: selbst in der Freude über den Gewinn, als die Babuschka jedem Strolch und Bettler Goldstücke schenkte, selbst dann noch hatte sie den General angefahren mit ihrem „Dir aber gebe ich doch nichts!“ Das sagte ungefähr: „Ich will nicht, habe es mir so vorgenommen und so bleibt es, Punktum!“ Fatal! Höchst fatal!
Ich stieg gerade die breite Treppe hinauf, um mich in mein Zimmer zu begeben, als mir alle diese Gedanken durch den Kopf gingen. Ich muß sagen, daß mich diese ganze Komödie, die sich hier vor meinen Augen abspielte, mehr denn je interessierte oder vielmehr erst jetzt wirklich zu interessieren begann. Freilich habe ich auch früher schon die dicksten Fäden, die die Schauspieler dieser Komödie untereinander verbinden, zum Teil erraten können, aber hinter die Kulissen habe ich doch noch nicht gesehen – und so sind mir auch die Geheimnisse des Spiels bisher unbekannt geblieben. Polina hat mir ja nie ihr ganzes Vertrauen geschenkt. Mitunter, ja, hat sie mir allerdings ihr Herz halbwegs verraten, aber im nächsten Augenblick zog sie dann das Gesagte doch wieder ins Scherzhafte oder sie verwirrte alles dermaßen, daß nichts mehr glaubhaft klang. O, sie verbarg mir vieles! Jedenfalls aber fühlte ich in diesem Augenblick, daß das Ende dieser ganzen unhaltbaren Situation mit ihrer nervösen Spannung, die von der allgemeinen Geheimnistuerei noch erhöht wurde, herannahte. Noch ein Schlag, und alles wird aufgedeckt und beendet sein! Um mein eigenes Schicksal, das doch im Grunde mit dem der anderen mehr oder weniger zusammenhing, machte ich mir so gut wie gar keine Sorgen. Und auch jetzt noch, wirklich, ich vermag mir meine Stimmung kaum selbst zu erklären: ich habe kaum zwanzig Friedrichsdor in der Tasche, befinde mich weit von der Heimat und ganz allein in einem fremden Lande, ohne Stelle und ohne Mittel zur Existenz, ohne Hoffnung und ohne Zukunftspläne und – mache mir überhaupt keine Sorgen deshalb! Wären die qualvollen Gedanken an Polina nicht, so würde ich mich ganz meinem Interesse für die Komik der bevorstehenden Lösung hingeben und würde lachen, aus vollem Halse schallend lachen! Aber der Gedanke an Polina verwirrt mich. Ihr Schicksal entscheidet sich jetzt. Doch, offen gestanden, nicht ihr Schicksal beunruhigt mich. Ich will nur in ihr Geheimnis eindringen. Ich wünschte, sie käme zu mir und sagte: „Ich liebe dich doch,“ wenn das aber nicht geschah, wenn diese Verrücktheit undenkbar war, dann ... nun, was sollte ich dann wünschen? Weiß ich denn, was ich wünschen soll? Ich bin doch wie haltlos, wie verloren, habe jeden Stützpunkt eingebüßt: nur bei ihr möchte ich sein, in dem Licht, das von ihr ausgeht und sie wie eine Aureole umgibt, nur bei ihr sein, immer, ewig, mein ganzes Leben lang! Das ist alles, was ich weiß! Und könnte ich denn überhaupt von ihr fortgehen?
Im dritten Stock mußte ich durch den Korridor gehen, an dem ihre Zimmer liegen. Da war es mir plötzlich, als habe mich im Augenblick etwas gestoßen. Ich sah mich um und erblickte etwa zwanzig oder mehr Schritte von mir entfernt Polina, die gerade aus der Tür ihres Zimmers trat. Es schien mir, als habe sie hinter der Tür auf mich gewartet, denn sie winkte mich sogleich zu sich.
„Polina Alexandrowna ...“
„Leise!“ flüsterte sie.
„Stellen Sie sich vor,“ flüsterte ich, „es war mir soeben, als habe mich jemand berührt, und wie ich mich umblickte – sah ich Sie! Es scheint ja von Ihnen geradezu Elektrizität auszugehen!“
„Nehmen Sie diesen Brief,“ sagte Polina, die besorgt und unmutig aussah und meine Bemerkung wohl ganz überhört hatte, „und übergeben Sie ihn Mister Astley persönlich. Gehen Sie jetzt gleich, so schnell als möglich, ich bitte Sie. Eine Antwort ist nicht nötig. Er wird selbst ...“
Sie stockte.
„An Mister Astley?“ fragte ich verwundert.
Doch Polina war schon hinter der Tür verschwunden.
„Aha, also sie korrespondieren bereits!“
Natürlich beeilte ich mich sogleich, Mister Astley aufzusuchen. Ich ging zuerst in sein Hotel, wo ich ihn nicht antraf, ging dann ins Kurhaus, wo ich ihn in allen Sälen suchte, doch ohne ihn zu finden. Ärgerlich, fast sogar wütend, wollte ich mich in unser Hotel zurückbegeben – da traf ich ihn endlich unterwegs: er ritt in Gesellschaft mehrerer englischen Herren und Damen. Ich winkte ihn zu mir heran und übergab ihm den Brief. Wir hatten kaum Zeit, einen Blick auszutauschen. Ich vermute aber, daß Mister Astley absichtlich seinem Pferde die Sporen gab, um schneller fortzukommen.
Quälte mich Eifersucht? Ich weiß es selbst nicht; ich weiß nur, daß ich in der niedergedrücktesten Stimmung war und mich nicht einmal vergewissern wollte, worüber sie korrespondierten. Also ihr Vertrauensmann! „Freund hin, Freund her,“ dachte ich, „aber wann hat er denn Gelegenheit gehabt, es zu werden? Und die Hauptsache: ist hier nicht doch Liebe im Spiel? ... Natürlich nicht!“ flüsterte mir meine Vernunft zu. Aber Vernunft pflegt ja in solchen Fällen kaum maßgebend zu sein. Also mußte ich mir auch hierüber noch Aufklärung verschaffen. Die Geschichte verkomplizierte sich in unangenehmer Weise.
Kaum hatte ich das Hotel wieder betreten, als mir sogleich der Portier aus seiner Loge und nach ihm auch der Hotelverwalter entgegentraten und mir mitteilten, daß der General mich zu sprechen wünsche und schon dreimal habe fragen lassen, wo ich sei. Er lasse mich bitten, mich unverzüglich zu ihm zu begeben. Das verdarb mir endgültig meine Stimmung, die ohnehin nichts weniger als freundlich war.
Im Kabinett des Generals traf ich außer ihm selbst noch Monsieur de Grillet und Mademoiselle Blanche an – ohne madame veuve de Cominges. Entschieden ist diese nichts als ein Dekorationsmöbel, das nur zu Paradezwecken dient! Wird die Sache einmal ernst, so agiert Mademoiselle Blanche allein. Und es ist auch kaum anzunehmen, daß jener von ihrer sogenannten Tochter jemals ein Einblick in die Karten gestattet worden ist.
Sie mußten übrigens alle drei über sehr wichtige Dinge verhandelt haben – sogar die Tür hatten sie abgeschlossen, was sonst noch nie geschehen war. Als ich mich der Tür näherte, hörte ich laute Stimmen erregt durcheinander sprechen: de Grillets ölige Sprechweise mit all ihren frechen und boshaften Nuancen, die im Zorn fast kreischende Stimme der Mademoiselle Blanche, die sich sogar in Schimpfwörtern zu ergehen schien, und dazwischen die kleinlaute und schuldbewußte Stimme des Generals, der sich offenbar gegen die Vorwürfe der anderen zu verteidigen und zu rechtfertigen suchte. Bei meinem Erscheinen verstummten sie alle ganz plötzlich und nahmen sich zusammen. De Grillet strich sich mit der Hand mehrfach übers Haar und machte aus seinem wütenden Gesicht ein lächelndes – verzog es zu jenem widerlichen, offiziell-höflichen, französischen Lächeln, das mir so maßlos verhaßt ist. Der General, der im ersten Augenblick noch ganz schuldbewußt und halb vernichtet aussah, räusperte sich und warf sich wieder in Positur. Aber er tat es doch etwas mechanisch, fast wie geistesabwesend. Nur Mademoiselle Blanche veränderte kaum ihre zornige Miene und begnügte sich damit, zu verstummen. Sie sah mich wie in ungeduldiger Erwartung an. Ich muß hier bemerken, daß sie sich bis dahin ganz unglaublich nachlässig gegen mich benommen hatte, sogar meine Verbeugungen pflegte sie kaum mit einem Kopfnicken zu quittieren, – sie übersah mich einfach.
„Alexei Iwanowitsch,“ begann der General in milde-vorwurfsvollem Tone, „gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, wie sonderbar, wie im höchsten Grade sonderbar ... äh, hm! ... mit einem Wort, Ihr Verhalten gegen mich und meine Familie ... Kurz, ich muß Ihnen gestehen, daß ich es mehr als sonderbar empfinde ...“
„Eh! ce n’est pas ça,“ unterbrach ihn ärgerlich und mit einem verächtlichen Seitenblick de Grillet. Der war hier offenbar schon Herr und Meister! „Mon cher monsieur, notre cher général se trompe,“ und so weiter, und so weiter in französischen Phrasen. Der Sinn war der, daß der General sich im Ton vergriffen habe, er wolle mir nur sagen – „das heißt, Sie nur warnen, oder richtiger, Sie aufrichtig bitten, ihn nicht zugrunde zu richten ... nun ja, eben wie gesagt, nicht zugrunde zu richten! Ich drücke mich mit Absicht so aus ...“
„Aber inwiefern tue ich denn das?“ unterbrach ich ihn.
„Aber ich bitte Sie, Sie haben es übernommen, der ... manager – oder wie soll ich es sonst nennen? – dieser Alten, de cette pauvre terrible vieille zu sein ...“ De Grillet geriet selbst etwas aus dem Konzept. „Aber sie wird doch so alles verspielen, alles, bis aufs Letzte! Sie haben doch selbst gesehen, Sie waren doch Augenzeuge, wie sie spielte! Wenn sie erst einmal zu verlieren beginnt, wird sie den Spieltisch überhaupt nicht mehr verlassen, ich versichere Sie! Aus Eigensinn wird sie nicht fortgehen, aus Wut, und sie wird spielen und spielen – und da man hin und wieder auch gewinnt, so ... so ...“
„So richten Sie damit die ganze Familie zugrunde!“ half ihm der General. „Ich und meine Familie – wir sind ihre Erben, nähere Verwandte hat sie nicht. Und ich will Ihnen ganz aufrichtig sagen: meine Verhältnisse sind eben derart ... mit einem Wort, sie sind durchaus nicht so, wie ich wünschte, daß sie wären. Sie wissen es ja selbst ... Zum Teil, wenigstens. Wenn sie nun hier eine bedeutende Summe verspielt oder gar ihr ganzes Vermögen – Gott behüte uns davor! – was soll dann aus ... meinen Kindern werden!“ – Er sah sich nach de Grillet um – „und ... und aus mir!“ – sein Blick suchte Mademoiselle Blanche, die sich mit Verachtung von ihm abwandte. „Alexei Iwanowitsch, retten Sie uns, retten Sie uns! ...“
„Aber ich bitte Sie, General, inwiefern könnte ich hier ... Was habe ich hier überhaupt zu sagen?“
„Weigern Sie sich, weigern Sie sich, helfen Sie ihr nicht, verlassen Sie sie!“
„Dann wird sich ein anderer finden ...“
„Ce n’est pas ça, ce n’est pas ça!“ unterbrach uns wieder de Grillet, – „que diable! Nein, verlassen Sie sie nicht, aber versuchen Sie, oui, versuchen Sie wenigstens, sie zu bereden, sie abzulenken, sie zurückzuhalten ... Enfin ... lassen Sie sie wenigstens nicht gar zu viel verspielen, lenken Sie sie irgendwie vom Spiel ab!“
„Vielleicht geben Sie mir auch einen Rat, wie ich das machen könnte? Aber wie wäre es, Monsieur de Grillet, wenn Sie es selbst versuchen wollten?“ fragte ich möglichst harmlos.
Da bemerkte ich einen schnellen fragenden Blick, den Mademoiselle Blanche de Grillet zuwarf. In seinem Gesicht ging eine seltsame Veränderung vor sich, fast als wolle er einmal aufrichtig sein.
„Das ist es ja, daß sie mich jetzt nicht ...“ Er schnippte ärgerlich mit den Fingern. „Wenn ... später vielleicht ...“
De Grillet sah plötzlich mit einem bedeutsamen Blick zu Mademoiselle Blanche hinüber.
„Oh, mon cher monsieur Alexis, soyez si bon!“ bat mich plötzlich Mademoiselle Blanche, auf mich zutretend – daß sie sich dazu herabließ! – „soyez si bon!“ und sie ergriff sogar meine beiden Hände und drückte sie herzlich. Teufel! Dieses diabolische Gesicht konnte sich in einer einzigen Sekunde verändern! In diesem Augenblick hatte sie ein so flehendes, so liebes, kindlich lächelndes und schelmisches Kindergesicht! Und zum Schluß zwinkerte sie mir plötzlich noch spitzbübisch zu – ganz heimlich, so daß die anderen es nicht sahen. Sie wollte mich wohl in einer einzigen Minute umgarnen! Sie verstand es gut, nur – war es doch scheußlich gemein.
Sogleich eilte auch der General herbei.
„Alexei Iwanowitsch, verzeihen Sie, daß ich vorhin so ... etwas unwirsch begann, es war ja aber gar nicht so gemeint! Ich bitte Sie, ich bitte Sie inständig, ich flehe Sie an! – Sie allein, nur Sie allein können uns retten! Ich und Mademoiselle de Cominges bitten Sie von ganzem Herzen – Sie begreifen doch, Sie verstehen doch?“ flehte er, mit dem Blick vielsagend auf Mademoiselle Blanche weisend. Kläglich war es!
Da wurde plötzlich dreimal respektvoll leise an die Tür gepocht; wir machten auf – es war ein Hoteldiener – einige Schritte hinter ihm stand Potapytsch. Die Babuschka hatte sie gesandt. Sie sollten mich aufsuchen und sogleich zu ihr führen.
„Belieben sich zu ärgern,“ meldete Potapytsch zur Erklärung.
„Aber es ist doch erst halb vier.“
„Ja, aber die Gnädige konnten nicht einmal einschlafen, warfen sich von einer Seite auf die andere, dann standen sie plötzlich auf, verlangten in den Stuhl gehoben zu werden und daß man Sie rufe. Jetzt sind sie schon unten auf der Treppe ...“
„Quelle mégère!“ verwünschte sie de Grillet.
In der Tat fand ich die Babuschka bereits unten auf der Treppe – ärgerlich vor Ungeduld, weil sie auf mich warten mußte. Sie hatte es nicht ausgehalten bis vier.
„Nun, hebt jetzt, vorwärts“ kommandierte sie und wir begaben uns wieder zum Spiel.
XII.
Die Stimmung der Babuschka war nicht gerade sonnig; sie war reizbar und ungeduldig. Das Roulette hatte ihr gründlich den Kopf verdreht. Alles andere war ihr jetzt gleichgültig, und überhaupt schien sie sehr zerstreut zu sein, oder richtiger, nur mit einem Gedanken beschäftigt. Unterwegs z. B. stellte sie keine einzige Frage von der Art, wie am Vormittage. Als ein höchst auffallendes Viergespann an uns vorübertrabte, hob sie wohl einmal die Hand und fragte: „Wer waren die?“ schien dann aber meine Antwort ganz zu überhören und sich wieder nur mit ihren eigenen Gedanken zu beschäftigen. Ihre Nachdenklichkeit aber unterbrach sie nur von Zeit zu Zeit durch hastige Bewegungen und Ausfälle. Als ich ihr kurz vor dem Kurhaus den Baron und die Baronin Wurmerhelm zeigte, die ich in ziemlicher Entfernung von uns erblickte, sah sie nur zerstreut hin, sagte gleichmütig „Ah?“ und wandte sich plötzlich nach Potapytsch und Marfa um, die hinter ihr gingen, und fuhr sie schroff an:
„Nun, weshalb kommt ihr denn mitgelaufen? Nicht jedesmal werd’ ich euch mitnehmen! Geht nach Haus! Du genügst mir vollkommen,“ wandte sie sich an mich, als jene schleunigst dienerten und froh zurückkehrten.
Im Spielsaal wurde die Babuschka bereits erwartet. Im Augenblick war derselbe Platz neben dem Croupier freigemacht. Ich glaube, daß diese Croupiers, die stets so ruhig scheinen, als ginge es sie nichts an, ob die Bank gewinnt oder verliert, im Grunde doch nichts weniger als gleichgültig dem Spiel gegenüber sind, gewiß auch einige Instruktionen in betreff der Anlockung der Spieler erhalten und sich für den Gewinn der Bank interessieren müssen – wofür ihnen wahrscheinlich Gratifikationen zuteil werden. Wenigstens schien es mir, daß sie die Babuschka bereits als ihr Opfer betrachteten. Und das, was sie und die Unsrigen erwarteten, geschah natürlich, und zwar folgendermaßen:
Die Babuschka wandte sich, wie vorauszusehen war, sogleich ihrem lieben zéro zu und befahl mir, zwölf Friedrichsdor zu setzen. Ich setzte einmal, noch einmal, und dann noch einmal – zéro kam nicht.
„Setze, setze“ drängte sie, vor Ungeduld mich stoßend. Ich gehorchte.
„Wieviel Mal haben wir schon gesetzt?“ fragte sie endlich, knirschend vor Ungeduld.
„Schon zwölfmal, Babuschka. Hundertundvierundvierzig Friedrichsdor haben wir verloren. Ich sage Ihnen, bis zum Abend können Sie ja ...“
„Schweig!“ unterbrach sie mich kurz. „Setz auf zéro und zugleich auf Rot tausend Gulden. Wart, hier ist das Geld, nimm.“
Rot gewann, doch den Einsatz auf zéro verloren wir wieder. Viertausend Gulden wurden uns ausgezahlt.
„Siehst du, siehst du!“ flüsterte die Babuschka mir zu, „fast alles, was wir verloren haben, ist damit zurückgewonnen! Setz wieder auf zéro, noch zehnmal wollen wir auf zéro setzen, dann basta.“
Doch nach dem fünften Verlust hatte sie es satt.
„Ach, hol’ es der Kuckuck, dieses scheusälige zéro! Da, setze alle viertausend Gulden auf Rot!“ befahl sie.
„Babuschka! Das wird etwas zu viel sein; bedenken Sie doch, wenn nun Rot nicht gewinnt,“ versuchte ich sie zu bereden, aber die Babuschka hätte mich fast geprügelt. Tatsächlich stieß sie mich immer so unsanft, daß es gar nicht so ungeheuerlich klingt, von Schlägen zu reden. Es war nichts zu machen, ich setzte die vorher gewonnenen viertausend Gulden auf Rot. Das Rad drehte sich. Die Babuschka saß ruhig und stolz aufgerichtet da und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Croupier sogleich Rouge rufen werde.
„Zéro!“ rief der Croupier.
Zuerst begriff sie gar nicht, was das bedeutete, als sie aber sah, daß der Croupier ihre viertausend Gulden und alles übrige Geld, das auf dem Tische lag, einzog, und als sie dann erst allmählich sich dessen bewußt wurde, daß dieses zéro, auf das wir fast zweihundert Friedrichsdor gesetzt und verloren hatten, nun so plötzlich herausgekommen war, gerade jetzt, nachdem sie es zum Kuckuck gewünscht und zum erstenmal nicht darauf gesetzt hatte, – da ächzte sie nur einmal auf und schlug die Hände zusammen, daß es im ganzen Saal zu hören war. Ringsum begann man zu lachen.
„Gott im Himmel! Und gerade jetzt, gerade jetzt mußte es herauskommen!“ Ganz verzweifelt war sie! „Solch ein Scheusal, solch ein nichtsnutziges Scheusal! Das ist deine Schuld! Daran bist du ganz allein schuld!“ wandte sie sich zornbebend wieder mit einem Stoß an mich. „Du, du hast mich dazu beredet!“
„Babuschka, ich habe ganz sachlich meine Meinung gesagt – ich kann nicht alle Chancen voraussehen!“
„Ich werde dir! ... Chancen!“ flüsterte sie zornig. „Mach, daß du fortkommst, marsch!“
„Adieu, Babuschka.“ Ich wandte mich zum Gehen.
„Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, so bleib doch hier! Wohin? Nun, was fehlt dir, was fehlt dir? Ärgerst dich! Dummkopf! Nun, bleib noch hier, nun, ärgere dich nicht, ich bin selbst ein Dummkopf! Nun, sag, nun – was jetzt?“
„Nein, Babuschka, raten werde ich Ihnen nicht mehr, Sie werden mich doch wieder beschuldigen. Spielen Sie nach eigenem Gutdünken. Bestimmen Sie, ich werde setzen.“
„Nun nun! Nun, setze noch viertausend Gulden auf Rot! Hier ist die Brieftasche, nimm!“ Sie zog sie aus ihrer Tasche hervor und reichte sie mir. „Nun, mach aber schnell, hier sind zwölftausend Gulden in barem Gelde.“
„Babuschka,“ stotterte ich, „solche Einsätze ...“
„Ich will nicht leben, wenn ich es nicht wiedergewinne! ... Setze!“
Wir setzten und verloren.
„Noch, setz noch, setz alle acht!“
„Das geht nicht, der größte Einsatz ist viertausend! ...“
„Nun, dann setz viertausend!“
Diesmal gewannen wir. Die Babuschka lebte auf.
„Siehst du, siehst du!“ sagte sie und stieß mich wieder an, „setze wieder vier!“
Ich setzte – wir verloren. Dann verloren wir noch einmal und dann noch einmal.
„Babuschka, alle zwölftausend sind gegangen,“ meldete ich.
„Das sehe ich, daß sie gegangen sind,“ sagte sie, gewissermaßen wie in starrer Raserei, wenn man sich so ausdrücken darf, „das sehe ich, Väterchen, das sehe ich,“ murmelte sie, starr vor sich hinsehend und in Gedanken versunken, – „nein! und koste es mein Leben, setze noch viertausend Gulden!“
„Aber ich habe ja kein Geld mehr, Babuschka. Hier in der Brieftasche sind wohl noch fünfprozentige Wertpapiere und dann noch andere, aber bares Geld ist nicht mehr.“
„Aber im Portemonnaie?“
„Nur Kleingeld ist hier noch.“
„Gibt es hier in der Nähe eine Bank, wo man die Papiere verkaufen könnte? Man hat mir gesagt, daß hier alle unsere russischen Papiere angenommen werden,“ sagte sie entschlossen.
„O, gewiß! Aber was Sie dabei verlieren, das ... würde selbst einen Juden entsetzen!“
„Unsinn! Ich gewinne es wieder! Vorwärts! Ruf diese Tölpel her!“
Damit meinte sie die Träger.
Ich schob ihren Fahrstuhl vom Tisch fort, winkte die Träger herbei und wir verließen den Saal und das Kurhaus.
„Schneller, schneller, schneller!“ kommandierte die Babuschka.
„Geh du voran, Alexei Iwanowitsch, und zeige uns den Weg, aber den kürzesten, hörst du! ... ist es weit?“
„Keine zwei Schritte, Babuschka.“
Doch wie wir vom Square in die Allee einbiegen wollten, erblickten wir plötzlich unsere ganze Gesellschaft vor uns: den General, de Grillet und Mademoiselle Blanche mit ihrer Mutter. Polina Alexandrowna war nicht unter ihnen, ebensowenig Mister Astley.
„Nun? Nicht stehen bleiben!“ rief die Babuschka, „nun, was wollt ihr? Keine Zeit, keine Zeit, hier mit euch mich abzugeben!“
Ich trat hinter ihren Stuhl und gab de Grillet einen Wink; er verstand ihn sogleich und näherte sich mir schnell, doch unauffällig.
„Den ganzen Gewinn vom Vormittage und außerdem noch zwölftausend Gulden verspielt. Gehen jetzt, um Fünfprozentige flüssig zu machen,“ flüsterte ich ihm zu.
De Grillet stampfte mit dem Fuß auf und beeilte sich, den General davon in Kenntnis zu setzen. Wir gingen weiter.
„Halten Sie sie zurück, halten Sie sie zurück!“ flehte mich der General im Flüsterton an. Er sah ganz verzweifelt aus.
„Bitte, versuchen Sie, sie zurückzuhalten,“ antwortete ich ebenso leise.
„Tantchen!“ begann der General, neben ihren Stuhl tretend, „Tantchen ... wir werden sogleich ... sogleich ...“ – seine Stimme wurde unsicher und ängstlich – „Pferde mieten und Wagen und ins Grüne fahren ... Wundervolle Aussicht! ... von der Terrasse namentlich ... Wir kamen, um Sie aufzufordern, sich uns anzuschließen.“
„Ach, geh mir mit deinen Terrassen!“ trieb ihn die Babuschka mit einer ärgerlichen Handbewegung und in gereiztem Tone fort.
„Es ist dort ein Dorf in der Nähe ... wir werden dort Tee trinken ...“ fuhr der General mit dem Mut der Verzweiflung fort.
„Nous boirons du lait ... sur l’herbe fraîche,“ fügte de Grillet hämisch hinzu.
Du lait, de l’herbe fraîche – das ist der Inbegriff alles dessen, was der Pariser Bourgeois an idyllischen Idealen besitzt. Es ist aber auch alles, was er unter „la nature et la vérité“ versteht!
„Ach, geh du nur mit deiner Milch! Trink sie selber, wenn du willst, ich bekomme davon Leibweh. Was wollt ihr eigentlich von mir?!“ fuhr sie sie gereizt an, „ich sage doch, ich habe keine Zeit!“
„Wir sind schon da, Babuschka, hier ist es.“
Wir waren vor dem Hause angelangt, in dem sich ein Bankkontor befand. Ich ging hinein, während die Babuschka vor dem Portal blieb. De Grillet, der General und Mademoiselle Blanche standen etwas weiter zurück und wußten nicht, was sie tun sollten. Die Babuschka sah sich einmal zornig nach ihnen um – da gingen sie die Allee zum Kurhaus zurück.
Mir wurde eine so unheimliche Berechnung vorgelegt, daß ich mich nicht entschließen konnte, darauf einzugehen, und ich kehrte zur Babuschka zurück, um sie zu fragen, was ich tun sollte.
„Ach, diese Räuber!“ rief sie, die Hände zusammenschlagend. „Nun, gleichviel! Wechsle!“ rief sie entschlossen. „Wart, ruf zuerst den Bankier her!“
„Vielleicht einen von den Angestellten, Babuschka?“
„Nun, meinetwegen, gleichviel! Ach, diese Räuber!“
Der Betreffende, an den ich mich wandte, folgte meiner Bitte, nachdem ich ihm gesagt, daß es eine alte Gräfin sei, die ihn zu sich bitten lasse, da sie selbst nicht gehen könne. Die Babuschka überhäufte ihn lange, laut und zornig mit Vorwürfen wegen seiner Betrügerei und versuchte mit ihm zu handeln, und alles das in einem freien Gemisch von Russisch, Französisch und Deutsch, weshalb ich der Verständlichkeit nachhelfen mußte. Der Mensch aber sah nur todernst bald sie, bald mich an und schüttelte schweigend den Kopf. Die Babuschka betrachtete er dabei mit einem so unverhohlenen Interesse, daß es direkt unhöflich war. Endlich begann er zu lächeln.
„Ach nun, pack dich! Krepier meinetwegen an meinem Gelde!“ unterbrach sich da die Babuschka zornig. „Wechsle bei ihm, Alexei Iwanowitsch, wir haben keine Zeit, sonst könnten wir zu einem anderen gehn!“
„Dieser sagt, daß die anderen noch weniger geben würden,“ bemerkte ich.
Genau entsinne ich mich nicht mehr seiner Berechnung, jedenfalls aber war sie fürchterlich. Etwa zwölftausend Florins in Gold und Banknoten gab er mir; ich nahm die Rechnung und das Geld und brachte sie der Babuschka.
„Nun, nun, schon gut, schon gut! Wozu da noch zählen!“ wehrte sie mit der Hand ab. „Schneller, schneller, schneller!“
„Nie mehr werde ich auf dieses verwünschte zéro setzen und auf Rot ebensowenig!“ murmelte sie, als wir uns dem Kurhaus näherten.
Diesmal bemühte ich mich aus allen Kräften, sie zu möglichst kleinen Einsätzen zu bewegen, mit der Versicherung, daß sie, sobald die Chancen stabiler würden, immer noch zeitig genug große Einsätze machen könne. Sie hatte aber nicht die Geduld dazu: Anfangs willigte sie ein, doch während des Spiels war es ganz unmöglich, sie noch zurückzuhalten, denn kaum begannen ihre kleinen Einsätze zu gewinnen, etwa zehn oder zwanzig Friedrichsdor, so stieß sie mich gleich ärgerlich an und machte mir Vorwürfe.
„Nun sieh! nun sieh! nun, da haben wir doch gewonnen! Hätten wir viertausend gesetzt, anstatt zehn, so hätten wir viertausend gewonnen, aber so, was ist denn das? Daran bist du schuld, nur du!“
Was blieb mir da anderes übrig als zu schweigen und zu nichts mehr zu raten, wie sehr mich ihre Spielweise auch ärgerte.
Plötzlich näherte sich ihr de Grillet. Sie waren alle vier im Saal. Mademoiselle Blanche stand mit ihrer Mutter etwas abseits und kokettierte mit dem kleinen Fürsten. Der General war ersichtlich in Ungnade: Mademoiselle Blanche schien ihn nicht einmal eines Blickes würdigen zu wollen, obschon er sich alle erdenkliche Mühe gab, sich wieder bei ihr einzuschmeicheln. Der Arme! Er wurde bald bleich, bald rot, und hatte Augen und Ohren nur noch für sie, so daß er dem Spiel der Babuschka ganz zu folgen vergaß. Endlich verließen Blanche und das Fürstchen den Saal, und der General eilte ihnen natürlich nach.
„Madame, Madame,“ flüsterte derweilen de Grillet mit honigsüßer Stimme der Babuschka fast ins Ohr: „Madame, so geht das nicht ... nein, nein, geht nicht! ...“ radebrechte er auf russisch, „nein!“
„Ja, wie denn?“ wandte sich die Babuschka nach ihm um. „Nun, so sag’ mir, wie – wenn du es besser weißt!“
Da begann de Grillet geschwind auf französisch irgend etwas sehr Kompliziertes zu erklären, sprach als gewandter Causeur unendlich viel, ohne damit etwas zu sagen, meinte zwar zwischendurch, daß man auf eine günstigere Chance warten müsse, zählte dann noch verschiedene Zahlen auf ... die Babuschka wurde aber um keinen Deut klüger. Er wandte sich auch immer wieder an mich, damit ich seine Worte übersetze, doch kam dabei nicht viel heraus, und so erklärte er denn weiter, mit dem Finger des Nachdruckes halber fortwährend auf den Tischrand drückend. Zum Schluß zog er noch einen Bleistift hervor und begann ihr auf einem Stück Papier Unbegreifliches vorzurechnen. Der Babuschka riß aber endlich doch die Geduld.
„Ach, packe dich, marsch! Mir gellen schon die Ohren von deinem Blödsinn! ‚Madame, Madame,‘ und weiter hört man nichts, geh mir vom Halse!“
„Mais, madame,“ und de Grillet erging sich in neuen Versicherungen – im Ton nur eine Note höher – und fuhr mit doppeltem Eifer in seinen Erklärungen fort. Weiß Gott, der Verlust mußte ihm doch sehr nahe gegangen sein.
„Nun, setze einmal so wie er sagt,“ befahl mir plötzlich die Babuschka, „wollen wir sehen, vielleicht kommt es auch wirklich so heraus.“
De Grillet wollte sie nur von den großen Einsätzen abbringen, deshalb empfahl er das System der kleinen Einsätze, und zwar auf die Zahlen, als bedeutend aussichtsvoller. Nach seiner Anweisung setzte ich je einen Friedrichsdor auf die ersten zwölf, je fünf Friedrichsdor auf die Zahlengruppen von zwölf bis achtzehn und von achtzehn bis vierundzwanzig im ganzen sechzehn Friedrichsdors.
Das Rad drehte sich.
„Zéro!“ rief der Croupier.
Wir hatten alles verloren.
„Solch ein Schafskopf!“ rief die Babuschka, sich heftig an de Grillet wendend. „Solch ein nichtsnutziger Franzusischka, der du bist! Und kommst mir noch mit deinen Ratschlägen, du Taugenichts! Geh! Mach, daß du fortkommst! Selbst hat er keine Ahnung von der Sache, erteilt aber Ratschläge! Noch besser!“
Tief gekränkt zuckte de Grillet nur mit den Achseln, blickte mit Verachtung auf die Babuschka herab und ging. Ich glaube, er schämte sich, daß er sich überhaupt mit ihr abgegeben hatte.
Nach einer Stunde war – trotz aller Mühen und Versuche – alles verspielt.
„Nach Haus!“ rief die Babuschka.
Bis zur Allee sprach sie kein Wort. Erst am Ende der Allee, kurz bevor wir das Hotel erreichten, brach es aus ihr heraus:
„Du Närrin! Du Erznärrin! Du alte, alte Närrin!“ sagte sie zu sich selbst.
Kaum in ihren Räumen angelangt, gab sie sogleich ihre Befehle:
„Tee!“ wünschte sie zuerst, „und sogleich einpacken! Wir fahren!“
„Wohin werden Mütterchen denn zu fahren belieben?“ wagte Marfa zu fragen.
„Was geht das dich an? Kümmere dich um deine Arbeit! Potapytsch, packe alles ein, mach das ganze Gepäck fertig. Wir fahren zurück nach Moskau. Ich habe fünfzehntausend Rubel verspielt!“
„Fünfzehntausend, Mütterchen! Großer Gott!“ rief Potapytsch, und wie überwältigt schlug er die Hände zusammen, da er wohl annahm, daß Staunen und Bedauern jetzt erwünscht seien.
„Nun, nun! – Dummkopf! Was hast du zu heulen? Schweig! Pack die Sachen ein! Die Rechnung! Schnell!“
„Der nächste Zug geht um neun Uhr dreißig, Babuschka,“ bemerkte ich, um sie zu beruhigen.
„Und wieviel ist es jetzt?“
„Erst halb acht.“
„Wie dumm! Nun, gleichviel! Du, Alexei Iwanowitsch, Geld habe ich keinen Kopeken bei mir. Hier hast du zwei Wertpapiere, lauf dorthin zu dem Kerl und laß dir dafür Geld geben. Sonst habe ich nichts, womit ich fahren könnte.“
Ich ging. Als ich nach einer halben Stunde zurückkehrte, traf ich alle die Unsrigen bei der Babuschka an. Die Nachricht, daß die Babuschka nach Moskau zurückfahre, hatte sie, glaube ich, noch mehr erschreckt, als ihr Verlust im Spiel. Freilich konnte man jetzt sicher sein, daß sie nicht ihr ganzes Vermögen verspielen werde, dafür aber – was sollte jetzt aus dem General werden? Wer wird nun de Grillet die Schulden bezahlen? Und Mademoiselle Blanche wird natürlich nicht so lange warten, bis die Alte stirbt, sondern aller Voraussicht nach mit dem Fürstchen oder irgendeinem anderen losziehen. Sie standen alle vor der Babuschka, trösteten und beredeten sie. Polina war wieder nicht erschienen. Die Babuschka, die ihnen wohl schon eine Zeitlang zugehört hatte, schrie sie wütend an:
„Ach, geht mir vom Halse, ihr Teufel, was geht das euch an? Was kriecht dieser Ziegenbart ewig zu mir!“ schrie sie de Grillet an, „und du Kibitzin, was willst du denn von mir haben?“ wandte sie sich wütend an Mademoiselle Blanche.
„Diantre!“ murmelte Mademoiselle Blanche mit einem haßfunkelnden Blick auf die Alte. Doch plötzlich lachte sie auf und ging zur Tür.
„Elle vivra cent ans!“ rief sie, noch bevor sie das Zimmer verließ, über die Schulter dem General zu.
„Ah! so wartest du auf meinen Tod?“ wandte sich die Babuschka zornbebend an den General, „hinaus! Jage sie alle hinaus, Alexei Iwanowitsch! Nicht euer Geld habe ich verzettelt. – Meines! Was geht das euch an!“
Der General machte nur eine kurze Schulterbewegung, verbeugte sich und ging. De Grillet folgte ihm.
„Ruf Praskowja her!“ befahl sie der Marfa.
Nach kaum fünf Minuten kehrte diese mit Polina zurück. Die ganze Zeit hatte Polina mit den Kindern in ihrem Zimmer zugebracht und hatte es, glaube ich, mit Absicht getan. Ihr Gesicht war ernst und traurig und sie schien besorgt zu sein.
„Praskowja,“ begann die Babuschka, „ist es wahr, was ich vor kurzem erfahren habe, daß dieser Dummkopf, dein Stiefvater, diese dumme Wetterfahne, diese Französin – eine Schauspielerin oder was? oder vielleicht noch Schlimmeres – daß er diese heiraten will? Sag mir ganz offen, ist es wahr?“
„Genau weiß ich es nicht, Babuschka,“ sagte Polina, „aber nach den Worten der Mademoiselle Blanche, die aus ihren Plänen kein Geheimnis macht, schließe ich ...“
„Genug!“ unterbrach sie die Babuschka kategorisch, „ich verstehe alles! Ich habe ihn von jeher für den dümmsten und leichtsinnigsten Menschen gehalten und auch nichts anderes von ihm erwartet. Er glaubt, Gott weiß was zu sein, weil er General ist! – große Herrlichkeit, dabei erst beim Abschied erhalten, als er als Oberst abging! Ich weiß alles, mein Mütterchen, ich weiß, daß ihr Depesche auf Depesche nach Moskau gesandt habt, immer mit der Frage, ob denn die Alte sich noch immer nicht gestreckt habe. Die Erbschaft ließ zu lange auf sich warten! Ohne Geld aber wird ihn dieses gemeine Weib – de Cominges oder wie heißt sie da? – wird sie ihn nicht mal als Diener zu sich nehmen! Man sagt, sie soll selbst eine Menge Geld haben, das sie anderen leiht, wofür sie dann Prozente nimmt. Schön erworbenes Geld, das sieht man. Dir, Praskowja, mache ich deshalb keine Vorwürfe, nicht du hast die Depeschen gesandt; und auch was gewesen ist, daran wollen wir nicht denken. Ich weiß, daß du einen gefährlichen Charakter hast, wie eine Wespe! Stichst du, so schwillt es an; aber es tut mir leid um dich, denn deine Mutter, die verstorbene Katerina, habe ich lieb gehabt. Nun, willst du? Laß sie alle hier und komm mit mir nach Moskau. Du hast ja doch sonst niemanden und nichts, wo du dich lassen könntest; und es ist auch unpassend für dich, hier mit diesen zusammen zu sein. Wart!“ hielt die Babuschka Polina auf, da diese schon antworten wollte, „ich habe dir noch nicht alles gesagt. Von dir werde ich nichts verlangen. Mein Haus in Moskau – nun, du weißt ja, wie es ist – ein Palais. Nimm meinetwegen eine ganze Etage für dich ein und komm wochenlang nicht zu mir nach unten, wenn mein Charakter dir nicht zusagt! Nun, willst du oder willst du nicht?“
„Erlauben Sie zuerst eine Frage, Babuschka: wollen Sie wirklich jetzt gleich zurückreisen?“
„Du glaubst wohl, ich scherze, mein Kind? Ich habe es gesagt und ich fahre. Fünfzehntausend Rubel hat mir hier euer dreifach verwünschtes Roulette heute abgenommen. Vor fünf Jahren habe ich einmal versprochen, eine hölzerne Kirche in der Nähe von Moskau in eine steinerne umzubauen, statt dessen habe ich nun hier das Geld vergeudet. Jetzt, mein Kind, jetzt fahre ich zurück, um die Kirche umzubauen.“
„Aber die Brunnenkur, Babuschka? Sie kamen doch her, um Brunnen zu trinken?“
„Geh du mir mit deinem Brunnen! Reiz’ du mich nicht, Praskowja, das sag ich dir! Oder tust du’s etwa mit Willen? Sag jetzt – kommst du oder kommst du nicht?“
„Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, Babuschka, für das Angebot,“ sagte Polina mit tiefem Gefühl. „Und Sie haben auch meine Lage sehr richtig erraten. Ich weiß Ihr Anerbieten vollkommen zu würdigen und ich versichere Sie, daß ich zu Ihnen kommen werde, vielleicht sogar schon sehr bald; jetzt aber habe ich Gründe ... sehr wichtige Gründe ... deshalb kann ich mich jetzt, in diesem Augenblick, noch nicht dazu entschließen. Wenn Sie wenigstens noch zwei Wochen hierblieben ...“
„Das heißt also, du willst nicht?“
„Nein, das nicht, aber ich kann nicht. Außerdem kann ich nicht meinen Bruder und meine Schwester hier allein zurücklassen, da ... weil ... da es vielleicht wirklich geschehen kann, daß ... daß sie ganz vergessen und verlassen zurückbleiben, deshalb ... wenn Sie mich mit den Kleinen aufnehmen wollten, Babuschka, so werde ich natürlich zu Ihnen kommen, und glauben Sie mir, ich werde alles tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen!“ fügte sie mit Wärme hinzu, „aber ohne die Kleinen kann ich nicht, Babuschka.“
„Nun, heul’ nur nicht!“ – Polina dachte nicht daran, zu weinen, und überhaupt habe ich sie niemals Tränen vergießen gesehen. „Auch für die Kleinen wird sich Platz finden in meinem großen Stall. Übrigens wird’s für sie bald Zeit, daß man sie in die Schule steckt. Nun, also dann kommst du jetzt nicht mit! Nur – sieh dich vor, Praskowja! Ich meinte es gut mit dir, aber ich weiß ja doch, weshalb du nicht kommst. Alles weiß ich, Praskowja. Glaube mir, dieser Franzusischka wird dich zu nichts Gutem führen!“
Polina wurde feuerrot. Ich zuckte zusammen: Alle wissen etwas! Nur ich weiß nichts!
„Nun, nun, ärgere dich nicht. Ich werde nichts breittreten. Nur nimm dich in acht, Praskowja, damit nichts Schlimmes geschieht, verstanden? Du bist ein kluges Mädchen, du tätest mir leid. Nun, genug, es wäre besser gewesen, ich hätte euch alle nicht wiedergesehen! Geh, leb wohl!“
„Ich werde Sie noch begleiten, Babuschka,“ sagte Polina.
„Ist nicht nötig; geh nur und störe nicht; hab euch sowieso schon alle satt!“
Polina küßte der Babuschka die Hand, doch diese zog die Hand fort und küßte sie auf die Wange.
Als Polina an mir vorüberging, warf sie nur einen schnellen Blick auf mich und sah sogleich wieder fort.
„Nun, auch du leb wohl, Alexei Iwanowitsch, es bleibt mir nur noch eine Stunde bis zur Abfahrt. Und ich werde dich wohl schon weidlich ermüdet haben, denke ich. Hier, nimm diese fünfzig Goldstücke.“
„Besten Dank, Babuschka, aber es ist mir peinlich ...“
„Nun, nun!“ rief sie, aber so energisch und drohend, daß ich nicht abzulehnen wagte und das Geld annahm.
„Wenn du in Moskau ohne Stelle herumläufst – komm zu mir: werde dich irgendwohin empfehlen. Aber jetzt scher dich!“
Ich ging in mein Zimmer und legte mich auf das Bett. Ich glaube, ich lag so eine halbe Stunde, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter den Kopf geschoben. Die Katastrophe hatte ja eigentlich schon begonnen, da gab es genug zu denken. Ich beschloß, am nächsten Tage einmal energisch mit Polina zu reden. Ah! Der Franzusischka! Also ist es doch wahr! Aber schließlich – was konnte es denn sein? Polina und de Grillet! Herrgott, was für eine Zusammenstellung!
Nein, das war doch alles viel zu unwahrscheinlich! Ich sprang plötzlich aus dem Bett, bebend vor Zorn, um sogleich Mister Astley aufzusuchen und ihn um jeden Preis zum Sprechen zu bringen. Natürlich weiß er auch hiervon mehr als ich. Mister Astley? Weiß der Teufel, der ist auch noch ein Rätsel für mich!
Plötzlich wurde an meine Tür geklopft. Ich sah nach – Potapytsch war’s.
„Väterchen Alexei Iwanowitsch, die Gnädige lassen Sie zu sich bitten.“
„Was ist denn los? Fährt sie schon fort? Der Zug geht ja erst nach zwanzig Minuten.“
„Nein, Väterchen, aber sie beunruhigen sich, zittern nur so vor Ungeduld. ‚Schnell, schnell!‘ sagten sie nur – das heißt, sollte man Sie rufen. Um Christi willen, kommen Sie!“
Ich eilte sogleich hinunter zu ihr. Die Babuschka wurde in ihrem Stuhle gerade auf den Korridor hinausgeschoben. Sie hatte ihre Brieftasche in der Hand.
„Alexei Iwanowitsch, geh voran! Wir gehen! ...“
„Wohin, Babuschka?“
„Ich will nicht leben, wenn ich’s nicht wiedergewinne! Nun, marsch, und frage nicht! Dort wird doch bis Mitternacht gespielt?“
Ich war starr. Doch im Augenblick hatte ich meinen Entschluß gefaßt.
„Tun Sie, was Sie wollen, Antonida Wassiljewna, ich aber gehe nicht mit.“
„Weshalb nicht? Was soll denn das heißen? Du bist wohl nicht recht bei Troste?“
„Tun Sie, was Sie wollen, ich aber würde mir nachher Vorwürfe machen. Ich will nicht! – ich will weder Zeuge noch Mitschuldiger sein; verlangen Sie es nicht von mir, Antonida Wassiljewna! Hier gebe ich Ihnen Ihre fünfzig Friedrichsdor zurück. Verzeihen Sie, aber ich kann nicht anders!“ Und ich legte die Goldrolle auf einen kleinen Wandtisch im Korridor, neben dem ihr Stuhl angelangt war, verbeugte mich und ging.
„Solch ein Unsinn!“ hörte ich die Babuschka mir nachrufen. „Nun, dann nicht, bleib wo du bist, ich werde auch ohne dich den Weg finden! Potapytsch, du kommst mit! Nun, vorwärts, schnell!“
Mister Astley konnte ich nicht finden und kehrte bald ins Hotel zurück. Erst spät in der Nacht, gegen ein Uhr ungefähr, erfuhr ich von Potapytsch, wie dieser Tag für die Babuschka geendet hatte.
Sie hatte alles verloren, das ganze Bargeld, das ich vorher für sie eingewechselt, nach unserem Geld noch zehntausend Rubel. Derselbe Polack, dem sie am vormittag zwei Friedrichsdor geschenkt, hatte sich so geschickt ihr aufzudrängen gewußt, daß er bald ihr ganzes Spiel dirigierte. Anfangs hatte sie Potapytsch die Einsätze für sie machen lassen, doch nach einer Reihe von Verlusten hatte sie ihn fortgejagt: da war dann schnell der Polack an ihre Seite geschlüpft. Zum Unglück verstand er ein wenig Russisch, so daß sie sich in einem Gemisch von drei Sprachen ungefähr verständigen konnten. Die Babuschka hatte ihn unbarmherzig geschimpft. Und obschon dieser ihr ununterbrochen auf Polnisch versichert habe, daß er sich unter ihre „stopki panjski“, unter ihre herrschaftlichen Füße breite – „war sie doch so gegen ihn, daß Gott erbarm!“ erzählte Potapytsch. „Mit Ihnen, Alexei Iwanowitsch, ging sie doch ganz wie mit einem Herrn um,“ meinte er naiv, „jener aber – ich hab’s doch mit meinen eigenen Augen gesehen, Gott straf mich! – jener hat ihr Geld unter ihren Augen vom Tisch gestohlen. Zweimal hat sie ihn sogar selbst geklappt, wie er wieder stehlen wollte, und gescholten hat sie ihn, Väterchen, gescholten ganz ohne Barmherzigkeit, sogar an den Haaren hat sie ihn einmal gezupft, aber gründlich – bei Gott, ich lüge nicht – so daß ringsum sogar gelacht wurde. Alles hat sie verloren, Väterchen, alles was sie nur bei sich hatte an Geld. Wir brachten sie dann zurück, hierher, unser Mütterchen, – nur ein Schlückchen Wasser wollte sie trinken, bekreuzte sich und gleich ins Bett! War sie nur so müde, oder was? Jedenfalls schlief sie sofort ein. Schick ihr nur gute Träume, Allbarmherziger! Ach, ich sag wohl, dieses Ausland!“ schloß Potapytsch mit dem Kopfnicken eigener Erfahrung, „ich habe es im voraus gesagt, daß dabei nichts Gutes herauskommen wird! Ja, wenn wir nur wieder in unserem Moskau wären! Und was haben wir nicht alles zu Hause? – Gott nein, ist doch alles in Hülle und Fülle da! Haben einen Garten und Blumen, wie sie hier gar nicht zu sehen sind, und die Äppelchen werden jetzt rot, und schöne Luft dazu und Platz überall genug, – aber nein: es mußte ins Ausland gefahren werden! Ochhoho!“
XIII.
Nun ist fast schon ein ganzer Monat vergangen, seitdem ich diese meine Aufzeichnungen, die ich unter dem Einfluß zwar wirrer, doch starker Eindrücke begonnen, nicht mehr angerührt habe. Die Katastrophe, deren Herannahen ich damals vorausfühlte, trat wirklich ein, nur geschah es noch hundertmal plötzlicher und überraschender als ich erwartet hatte. Es war alles so seltsam und widerwärtig und sogar tragisch, wenigstens was mich betraf. Einzelne Erlebnisse möchte ich fast Wunder nennen; jedenfalls fasse ich sie noch jetzt als solche auf – obschon man sie andererseits, namentlich wenn man den Wirbelsturm von Gefühlen und Wünschen, der mich damals erfaßt hatte, in Betracht zieht, höchstens als nicht gerade ganz alltägliche Erlebnisse bezeichnen kann. Doch am meisten wundere ich mich über mein eigenes Verhalten zu all diesen Geschehnissen. Bis jetzt noch verstehe ich mich nicht! Und alles das ist wie ein Traum vergangen – sogar meine Leidenschaft ist vergangen – und sie war doch groß und stark und aufrichtig, aber ... wo ist sie denn jetzt geblieben? Wirklich: mitunter ist es mir, als wolle ein bestimmter Gedanke in meinem Gehirn aufzucken, bis er dann ganz plötzlich vor mir dasteht – dieser eine Gedanke: „War ich damals nicht wahnsinnig geworden? und habe ich nicht während der ganzen Zeit irgendwo in einer Irrenanstalt gesessen und sitze ich nicht vielleicht auch jetzt noch in ihr? so daß mir alles das nur geschienen hat und auch jetzt noch nur scheint?! ...“
Ich habe die Blätter zusammengesucht und das Geschriebene durchgelesen. (Wer weiß, vielleicht nur – um mich zu überzeugen, ob ich es nicht doch in einem Irrenhause geschrieben habe.) Ich bin jetzt ganz allein. Es ist Herbst, die Blätter werden gelb. Ich sitze in diesem wehmütigen Städtchen – oh, wie wehmütig doch die deutschen Kleinstädte sind! – und anstatt mir den bevorstehenden Schritt zu überlegen, befinde ich mich ganz und gar in der Erinnerung und unter der Einwirkung der jüngst durchlebten Gefühle, tauche unter in Erinnerungen und lasse mich wieder von jenem Sturm erfassen, der mich damals in seinen Wirbel gerissen und mich nun hier wieder an Land geworfen hat. Es scheint mir zuweilen, daß ich mich noch immer in diesem Wirbel drehe oder daß im Augenblick, ja, im Augenblick wieder dieser Sturm heranrasen kann, um mich vorüberjagend mit seinem Flügel mitzureißen, fort von jedem Weg und Steg und Maßgefühl, und daß ich mich, wer weiß wie, gleich wieder im Wirbel drehen werde, drehen und drehen und drehen ...
Übrigens wird dieser Zustand vielleicht aufhören, wenn ich mir von allem, was ich in diesem Monat erlebt habe, möglichst genau Rechenschaft gebe. Es zieht mich wieder zur Feder, und die Abende sind auch so lang und ich habe nichts zu tun. Sonderbar, um mich wenigstens mit irgend etwas zu beschäftigen, nehme ich hier aus der jämmerlichen Leihbibliothek Romane von Paul de Kock zum Lesen – und noch dazu in deutscher Übersetzung! – Romane, die ich nicht ausstehen kann, aber ich lese sie und wundere mich über mich selbst: es ist, als fürchtete ich, durch die Lektüre eines ernsten Buches oder durch sonst eine ernste Beschäftigung den Zauberbann der letzten Vergangenheit zu brechen. Ganz als wären mir dieser scheußliche Traum und alle Eindrücke, die er in mir hinterlassen hat, so teuer, daß ich mich sogar fürchte, mit irgend etwas Neuem an ihm zu rühren, fürchte, daß er dann wie Rauch vergehen könnte! Ist mir denn das alles wirklich so teuer? oder was ist es sonst?! Ja, natürlich ist es mir teuer; vielleicht werde ich noch nach vierzig Jahren ebenso an ihn zurückdenken ...
Also ich beginne wieder zu schreiben. Jetzt kann ich mich ja bedeutend kürzer fassen:
Zunächst, um mit der Babuschka abzuschließen: am nächsten Tage verspielte sie alles. Das war vorauszusehen, denn wenn Leute ihres Schlages einmal auf diesen Weg geraten, dann ist es, als glitten sie auf einem Schlitten einen Schneeberg hinab, unaufhaltsam immer schneller und schneller. Sie spielte den ganzen Tag, vom Morgen bis acht Uhr abends. Ich war nicht zugegen, habe mir aber nachher alles erzählen lassen.
Potapytsch war die ganze Zeit bei ihr.
Die Polen, die die Leitung des Spieles der Babuschka an sich zu reißen wußten, wechselten an diesem Tage mehrmals. Sie begann damit, daß sie den einen Polen, den sie am Abend vorher an den Haaren gezogen hatte, fortjagte und einen anderen zum Ratgeber erkor. Doch dieser erwies sich als fast noch schlimmer. Und nachdem sie auch ihn fortgejagt und wieder den ersten zu Hilfe genommen, der wohlweislich nicht fortgegangen, sondern hinter ihrem Stuhl geblieben und jeden Augenblick mit seinen Ratschlägen dazwischengefahren war, geriet sie zwischen zwei Feuer. Der zweite wollte ebensowenig wie der erste das Feld räumen und so blieb denn der eine rechts, der andere links neben ihr. Die ganze Zeit stritten und schimpften sie sich wegen der Einsätze, nannten sich gegenseitig „Laidak“[6] und zeichneten sich durch andere und ähnliche polnische Liebenswürdigkeiten aus, vertrugen sich dann wieder stillschweigend und setzten das Geld ohne jede Berechnung und Überlegung, wie es ihnen gerade einfiel. Stritten sie, so setzte der eine auf manque, der andere auf passe; es setzte der eine auf Rot, wenn der andere auf Schwarz gesetzt hatte. Es endete damit, daß sie die Babuschka zu guter Letzt ganz zur Verzweiflung brachten und diese sich, fast dem Weinen nahe, an den Croupier mit der Bitte wandte, sie von den beiden zu befreien. Sie wurden auch wirklich sogleich abgeschoben, obschon sie schrien und protestierten und plötzlich beide zu beweisen suchten, daß die Babuschka ihnen Geld schulde und sie sie beide betrogen und schändlich und gemein an ihnen gehandelt habe. Der unglückliche Potapytsch erzählte mir das noch am selben Abend unter Tränen und beteuerte dabei, daß sie in Wirklichkeit alle ihre Taschen mit Geld vollgestopft, daß er es selbst gesehen, wie sie jeden Augenblick gestohlen und das Geld hätten verschwinden lassen. Auch sollen sie sich verschiedener Kniffe bedient haben, um offiziell größere Summen stehlen zu können. Zum Beispiel: einer von ihnen bittet die Babuschka um fünf Friedrichsdor für seine erwiesenen Dienste und setzt das Geld gleich neben die Einsätze der Babuschka. Die Babuschka gewinnt und er verliert sein Geld, er aber beteuert, daß sein Einsatz gewonnen habe und der verlorene ihr Einsatz gewesen sei. Als man sie dann vom Tisch entfernt hatte, war Potapytsch vorgetreten und hatte gemeldet, daß ihre Taschen voll Gold seien. Die Babuschka hatte sich dann sogleich an den Croupier gewandt, und wirklich, wie sehr die Polen auch schrien – genau wie zwei eingefangene Hähne – es wurden ihre Taschen von den Polizeibeamten ohne weiteres entleert und das Geld der Babuschka zurückerstattet. Solange diese noch nicht alles verspielt hatte, waren nämlich die Croupiers wie alle übrigen Angestellten der Gesellschaft außerordentlich zuvorkommend gegen sie, als sei jeder ihrer Wünsche ihnen ein Befehl. In kürzester Zeit sprach schon die ganze Stadt von ihr. Geringe und Vornehme, Reiche und minder Reiche begaben sich in die Spielsäle, um die „vieille comtesse russe“ zu sehen, die, wie es hieß, bereits „mehrere Millionen“ verspielt hatte.
Leider hatte die Babuschka nur sehr, sehr wenig damit gewonnen, daß sie glücklich von den beiden Polätschkis befreit worden war. An ihrer Stelle erschien sogleich ein dritter Pole, der aber, im Gegensatz zu den anderen, fehlerlos russisch sprach und anständig gekleidet war – immerhin aber noch etwas Lakaienhaftes an sich hatte – und sich außerdem durch einen mächtigen Schnurrbart und durch „Gónor“ auszeichnete.[7] Er versicherte gleichfalls, daß er ihre „stopki panjski“ küsse oder sich unter ihre „stopki panjski“ breite, doch verhielt er sich zur ganzen Umgebung anmaßend hochmütig und benahm sich wie ein Despot, – kurz, er verstand es, sich von vornherein nicht als Diener, sondern als Gebieter der Babuschka aufzuspielen. Alle Augenblicke, fast nach jedem Einsatz, wandte er sich an die Babuschka und schwur mit den fürchterlichsten Schwüren, daß er selbst ein „gonorowyj Pan“ sei und keine Kopeke von ihr nehmen werde. Und er wiederholte diese Schwüre so oft, daß die Babuschka sich bald ganz eingeschüchtert fühlte. Da aber dieser Pan anfangs wirklich mit gutem Erfolge spielte und die Babuschka gewann, so war schließlich sie es, die nicht mehr von ihm lassen konnte. Nach einer Stunde aber erschienen die beiden hinausgeführten Polätschkis wieder hinter dem Stuhl der Babuschka und boten wieder ihre Dienste an, gleichviel wozu – auch zu Laufburschendiensten waren sie bereit. Potapytsch schwor bei seinem Seelenheil, daß der „gonorowyj Pan“ ihnen zugezwinkert und sogar etwas in die Hand gedrückt habe. Da aber die Babuschka seit dem Morgen nichts genossen hatte, kam nun der eine von den beiden wirklich ganz gelegen mit seinem Angebot: er wurde ins Restaurant des Kurhauses geschickt – der Speisesaal lag nebenan – und brachte von dort geschwind eine Tasse Bouillon und später noch eine Tasse Tee. Übrigens liefen sie immer beide. Gegen Abend jedoch standen hinter ihrem Stuhl ganze sechs Polätschkis, von denen man früher nichts gesehen und gehört hatte. Als aber die Babuschka nahezu ihr letztes Geld zu verspielen begann, da hörten sie alle auf, ihre Wünsche zu beachten, ja sie bemerkten sie überhaupt nicht mehr, drängten sich mit größter Rücksichtslosigkeit gegen sie an den Tisch, griffen, ohne zu fragen, nach ihrem Gelde, setzten es nach eigener Willkür, stritten und schrien und behandelten den Pan mit dem „Gónor“ wie ihren Duzbruder, der er auch zu sein schien, und der Pan mit dem „Gónor“ vergaß gleichfalls die Existenz der Babuschka. Und selbst dann noch, als die Babuschka gegen acht Uhr abends, nachdem sie alles verspielt hatte, ins Hotel zurückkehrte, selbst dann noch konnten drei oder vier von ihnen sich nicht entschließen, sie zu verlassen und liefen zu beiden Seiten ihres Stuhles unter lautem Geschrei einher und beteuerten in verwirrend schneller Sprechweise, daß die Babuschka sie irgendwie betrogen habe und ihnen irgend etwas zurückerstatten müsse, – d. h. Geld, natürlich. So kamen sie bis ins Hotel, wo man sie endlich mit Nachdruck abwies.
Nach Potapytschs Berechnung muß die Babuschka an diesem einen Tage an neunzigtausend Rubel verspielt haben, außer dem tags zuvor verlorenen Gelde. Alle ihre Wertpapiere, alle Aktien, die sie mitgenommen, hatte sie eines nach dem anderen und eine nach der anderen hingegeben. Ich wunderte mich, daß sie es ausgehalten hatte, ganze sieben oder acht Stunden ununterbrochen am Tisch zu sitzen, doch Potapytsch erzählte, daß sie dreimal wirklich stark zu gewinnen begonnen habe und da hatte die Hoffnung sie dann wieder von neuem gestärkt. Übrigens, nur Spieler können es verstehen, wie ein Mensch Tag und Nacht auf einem Platz sitzen und für nichts anderes Augen und Ohren haben kann als für das Spiel.
Doch während die Babuschka dort spielte, spielten sich bei uns im Hotel gleichfalls wichtige Dinge ab. Gleich am Morgen, noch vor elf Uhr, als die Babuschka das Hotel noch nicht verlassen hatte, entschlossen sich der General und de Grillet zu einem letzten Schritt, von dem sie die Entscheidung und ihr eigenes Heil erwarteten. Nachdem sie erfahren hatten, daß die Babuschka vorläufig nicht mehr daran denke, zurückzureisen, vielmehr wieder die Spielsäle aufzusuchen beschlossen habe, begaben sie sich zu ihr, um einmal ernstlich mit ihr zu reden und sogar – aufrichtig. Der General, der beim Gedanken an alle zu erwartenden furchtbaren Folgen nur so zitterte, verdarb aber das Ganze: zuerst flehte und bat er eine halbe Stunde lang, und gestand sogar alles ganz offen ein, d. h. alle seine Schulden und selbst seine Leidenschaft zu Mademoiselle Blanche – er verlor offenbar den Kopf – plötzlich aber schlug er einen drohenden Ton an, schrie sie sogar an und stampfte mit dem Fuß auf, sagte ihr, daß sie die ganze Familie kompromittiere, daß die ganze Stadt von ihrem skandalösen Benehmen rede, und schließlich ... schließlich – „Sie verunglimpfen den russischen Namen überhaupt, meine Gnädigste, Sie sind eine Schande für Ihr Vaterland!“ schrie der General – und er fügte noch hinzu, es gäbe doch überall eine Polizei! Kurz, die Szene endete damit, daß die Babuschka ihn mit dem Stock hinausjagte – mit einem wirklichen Stock, den sie stets bei sich hatte.
Der General und de Grillet berieten sich den ganzen Vormittag über, und zwar namentlich über diesen einen Punkt: ob es nicht doch anginge, die Polizei zum Einschreiten zu veranlassen? Es wäre doch so einfach: diese alte, kindisch gewordene Dame, die sonst alle Achtung verdiente, lief ja einfach Gefahr, ihr letztes Geld zu verspielen und dann zu verhungern! Kurz, ließe es sich da nicht machen, daß man sie unter Kuratel stellte oder ... oder gleichviel unter was? ... Doch de Grillet zuckte bloß mit den Achseln und seine Augen lachten spöttisch über den General, der im Zimmer hin und her lief und kaum noch wußte, was er sprach. Endlich hatte de Grillet es satt, und verschwand. Am Abend erfuhren wir, daß er das Hotel verlassen habe und abgereist sei, nachdem er kurz zuvor unter vier Augen und bei verschlossenen Türen eine entscheidende Unterredung mit Mademoiselle Blanche gehabt. Was nun diese betrifft, so hatte sie schon am Morgen ihren Plan ausgearbeitet: der General war für sie erledigt und sogar so erledigt, daß sie ihn nicht einmal mehr bei sich empfing. Und als der General darauf ins Kurhaus eilte, wohin sie sich begeben hatte, und sie dort am Arm des kleinen Fürsten antraf, da mußte er es erleben, daß weder sie noch madame veuve de Cominges ihn erkannten und auch das Fürstchen ihn nicht grüßte. Der letztere wurde den ganzen Tag von Mademoiselle Blanche bearbeitet, in der Erwartung, daß er sich endlich entscheidend aussprechen würde, doch leider wartete ihrer eine große Enttäuschung: gegen Abend stellte es sich nämlich heraus, daß der Fürst nicht nur selbst nichts besaß, sondern noch von ihr sich Geld gegen einen Wechsel verschaffen wollte, um dann gleichfalls Roulette spielen zu können. Da gab denn Blanche ganz empört auch ihm den Laufpaß und schloß sich in ihr Zimmer ein.
Am Morgen desselben Tages ging ich zu Mister Astley, oder richtiger, ich suchte ihn den ganzen Vormittag, ohne ihn finden zu können. Erst gegen fünf Uhr erblickte ich ihn plötzlich, wie er vom Bahnhof kam und die Richtung zum Hotel d’Angleterre einschlug. Er hatte offenbar wenig Zeit und schien sehr besorgt zu sein. Er streckte mir wie gewöhnlich mit einem „Ah!“ die Hand entgegen, blieb aber weder stehen noch verlangsamte er auch nur den Schritt. Ich schloß mich ihm an; aber er antwortete mir so, daß ich nicht recht ins Sprechen kommen und ihn auch nicht nach dem fragen konnte, was ich eigentlich fragen wollte. Überdies schämte ich mich – ich weiß nicht, warum – von Polina zu sprechen, er aber erkundigte sich mit keinem Wort nach ihr. Ich erzählte ihm von der Babuschka und er hörte mir aufmerksam und ernst zu, sagte aber nichts, sondern zuckte nur mit den Achseln.
„Sie wird alles verspielen,“ bemerkte ich.
„O ja,“ meinte er. „Bevor ich fortfuhr, sah ich, wie sie sich wieder in die Spielsäle begab, deshalb war mir Ihre Mitteilung nichts Neues. Wenn ich Zeit finde, werde ich hingehen, um sie mir anzusehen. So etwas ist interessant.“
„Wohin waren Sie gefahren?“ fragte ich, ganz verwundert darüber, daß ich es nicht sogleich gefragt hatte.
„Ich war in Frankfurt.“
„In Geschäften?“
„Ja, in Geschäften.“
Was sollte ich nun weiter fragen? Ich ging übrigens immer noch neben ihm her, doch plötzlich wandte er sich zum Hotel „Des quatre saisons“, an dem wir vorübergingen, nickte mir zum Abschied mit dem Kopfe zu und verschwand im Portal. Ich kehrte in unser Hotel zurück und kam allmählich zur Einsicht, daß ich, selbst wenn ich geschlagene zwei Stunden mit ihm gesprochen hätte, doch nichts würde erfahren haben, denn ... ich hatte ihn doch überhaupt nichts zu fragen! Ja, natürlich nicht! Es wäre mir ganz unmöglich gewesen, meine Frage zu formulieren.
Diesen ganzen Tag hielt sich Polina abwechselnd im Park und im Hotel auf, wo sie in ihrem Zimmer saß, natürlich immer zusammen mit den Kindern und der Kinderfrau. Dem General ging sie schon seit langer Zeit aus dem Wege, wie sie es überhaupt vermied, mit ihm zu sprechen – wenigstens von ernsten Dingen. Das war mir schon früher aufgefallen. Als ich aber an die Situation dachte, in der sich der General an diesem Tage befand, nahm ich an, daß es zwischen ihnen doch wohl zu einer Auseinandersetzung gekommen war, vielleicht sogar zu einer sehr ernsten und folgenschweren. Doch als ich nach meinem Gespräch mit Mister Astley kurz vor dem Hotel Polina mit den Kindern begegnete, sprach ihr Gesichtsausdruck von gleichmütigster Ruhe, als gingen sie alle Familienstürme nicht das geringste an. Auf meinen Gruß nickte sie nur ganz gleichgültig. Wütend suchte ich mein Zimmer auf.
Zum Teil war ich natürlich selbst schuld daran. Seit der Geschichte mit Wurmerhelm hatte ich es geflissentlich vermieden, mich ihr zu nähern oder mit ihr zu sprechen, wenn auch viel Verstellung dabei war. Nach und nach aber verbohrte ich mich so in meine falschen Gefühle, daß sie schließlich echt wurden, und Polinas Verhalten mich wirklich empörte. Selbst wenn sie mich nicht ein bißchen liebte, hätte sie doch, denke ich, meine Gefühle nicht so mit Füßen treten und meine Geständnisse mit solch einer Geringschätzung aufnehmen dürfen. Sie wußte, daß ich sie wirklich liebte: hatte sie doch selbst zugelassen und erlaubt, daß ich von meiner Liebe zu ihr sprach! Freilich, das hatte alles, genau genommen, seine Vorgeschichte. Viel früher schon, vor ganzen zwei Monaten etwa, hatte ich bereits bemerkt, daß sie mich zu ihrem Freunde und Vertrauten zu machen gedachte und zum Teil auch schon versuchte, ihre Absicht zu verwirklichen. Dennoch wollte es nicht gelingen, und statt daß wir vertrauter miteinander wurden, entwickelten sich allmählich unsere Beziehungen zu diesem blödsinnigen Verhältnis. So kam es, daß ich schließlich von meiner Liebe zu sprechen begann. Aber wenn ihr meine Liebe widerwärtig war, weshalb verbot sie mir dann nicht, von ihr zu sprechen?
Nein, sie erlaubte es mir; zuweilen hatte sie mich sogar selbst dazu veranlaßt ... natürlich nur zum Spott. Ich weiß es, ich habe es genau bemerkt: es war ihr angenehm, mir, nachdem sie mich widerspruchslos angehört und bis zum Schmerz gereizt hatte, plötzlich mit irgendeinem Ausfall, durch den sie mir ihre unermeßliche Verachtung und Gleichgültigkeit zu verstehen gab, einen Schlag zu versetzen, der mich einfach betäubte. Und sie wußte doch, daß ich nicht ohne sie leben konnte. Zwei Tage waren erst seit der Geschichte mit dem Baron vergangen und schon konnte ich unsere „Trennung“, die ja eigentlich noch gar keine war, nicht mehr ertragen. Als ich ihr dort in der Allee mit den Kindern begegnete, begann mein Herz so zu klopfen, daß ich erbleichte. „Aber wie lange wird sie es denn ohne mich aushalten!“ fragte ich mich. „Sie braucht mich, sie hat mich nötig – und ... und das doch nicht nur, um ihren Spott mit mir treiben zu können?“
Daß sie ein Geheimnis hatte – das war mir klar! Ihr Gespräch mit der Babuschka hatte mir einen schmerzhaften Stich ins Herz versetzt. Hatte ich sie doch tausendmal geradezu herausgefordert, aufrichtig gegen mich zu sein, und sie wußte auch, daß ich tatsächlich bereit war, meinen Kopf für sie einzusetzen. Aber sie machte sich immer mit fast geflissentlich hervorgekehrter Verachtung von mir los oder verlangte anstatt des Opfers, das ich ihr selbst mit meinem Leben anbot, irgendeine Dummheit wie damals die mit dem Baron! Und da sollte ich nicht – knirschen? Besteht denn die ganze Welt für sie nur in diesem Franzosen? Aber Mister Astley? Nein, hier wurde die Geschichte doch entschieden unbegreiflich, indessen aber – Gott, wie ich mich quälte!
In meinem Zimmer angelangt griff ich, zitternd vor Wut, zur Feder und schrieb ihr folgendes:
„Polina Alexandrowna, ich sehe doch, daß die Entscheidung, die natürlich auch Sie angehen wird, nahe bevorsteht. Zum letztenmal wiederhole ich die Frage: haben Sie meinen Kopf nötig oder nicht? Wenn ich Ihnen auch nur zu irgend etwas dienen kann – verfügen Sie über mich.
Vorläufig bleibe ich in meinem Zimmer, wenigstens den größten Teil des Tages, und werde nicht ausgehen. Falls nötig – schreiben Sie mir oder lassen Sie mich rufen.“
Ich gab den Brief dem Hoteldiener mit der Weisung, ihn ihr persönlich einzuhändigen. Eine Antwort erwartete ich nicht. Doch nach kaum drei Minuten kam der Diener zurück und sagte, das Fräulein lasse grüßen.
Gegen sieben Uhr wurde ich zum General gerufen.
Er war in seinem Kabinett, und zum Ausgehen angekleidet. Hut und Stock lagen auf dem Diwan. Als ich eintrat, stand er breitbeinig mitten im Zimmer, den Kopf gesenkt, und sprach halblaut zu sich selbst. Kaum aber hatte er mich erblickt, da stürzte er mir fast mit einem Schrei entgegen, so daß ich unwillkürlich vor ihm zurückwich und schon flüchten wollte; doch er ergriff meine beiden Hände und zog mich zum Diwan, auf den er sich selbst niederließ, während er mich in einen Sessel drückte, und ohne meine Hände loszulassen sogleich begann: mit bebenden Lippen und flehender Stimme, Tränen in den Augen:
„Alexei Iwanowitsch, retten Sie mich, retten Sie mich, erbarmen Sie sich!“
Es dauerte lange, bis ich begriff, was er von mir wollte. Er sagte immer nur: „Erbarmen Sie sich, erbarmen Sie sich!“
Endlich glaubte ich zu erraten, daß er mich um so etwas wie einen Rat bitten wollte; doch konnte er ebensogut in der Aufregung und im Kummer, verlassen wie er war, nur das Bedürfnis nach einem Menschen gehabt haben, und so hatte er mich vielleicht rufen lassen, nur um zu sprechen, zu sprechen, zu sprechen ...
Jedenfalls war er vor Aufregung ganz konfus und völlig bereit, sich vor mir womöglich auf die Kniee zu werfen, um mich – kaum glaublich aber wahr – um mich anzuflehen, sogleich zu Mademoiselle Blanche zu gehen und sie zu bewegen, zu bereden oder sonstwie zu veranlassen, ihn doch nicht zu verlassen, sondern – zu heiraten.
„Aber ich bitte Sie, General,“ rief ich ganz verdutzt, „Mademoiselle Blanche hat mich ja bisher vielleicht noch nicht einmal bemerkt! – was könnte ich da wohl ausrichten?“
Doch vergeblich war alles Widersprechen: er begriff überhaupt nicht, was ich sagte. Zwischendurch kam er auch auf die Babuschka zu sprechen, sprach aber wie ein Unzurechnungsfähiger und hing immer noch an dem Gedanken, sie durch die Polizei irgendwie unschädlich zu machen.
„Bei uns, bei uns,“ begann er plötzlich in einem Zornesausbruch, „mit einem Wort, bei uns in einem guteingerichteten Staat, in dem es auch wirklich eine Obrigkeit gibt, würde man solche alten Weiber ohne weiteres unter Kuratel stellen! Ja, fraglos, mein Herr, fraglos, sag ich Ihnen!“ fuhr er fort, plötzlich in einen vorwurfsvollen Ton verfallend, und er sprang auf, um im Zimmer hin und her zu gehen. „Das wußten Sie wohl noch nicht, mein Herr,“ wandte er sich an einen mir unsichtbaren Herrn in der Ecke des Zimmers, als stände dort wirklich jemand, der es noch nicht wußte, „ich sage es Ihnen, damit Sie es nun ein für allemal wissen ... ja ... bei uns wird mit alten Weibern dieses Schlages nicht viel Federlesens gemacht, krumm biegt man sie, krumm, sage ich Ihnen, einfach krumm ... Ja! ... O, hol’s doch der Teufel!“
Und er warf sich wieder auf den Diwan und nach einer Weile fuhr er fort – fast schluchzend – und erzählte mir, daß Mademoiselle Blanche ihn nur deshalb nicht heiraten wolle, weil anstatt der Depesche die Babuschka angekommen war und weil es jetzt doch klar sei, daß er nichts mehr erben werde. Er schien zu denken, daß ich noch nichts davon wisse. Ich begann von de Grillet zu sprechen, er aber winkte nur mit der Hand ab, als wolle er nichts von ihm hören:
„Der ist schon fort!“ sagte er. „Alles, was ich habe, habe ich ihm verpfändet, mir bleibt nichts! Jenes Geld, das Sie uns brachten ... jenes Geld – ich weiß nicht, wieviel davon noch da ist ... siebenhundert Franken oder so ungefähr – das ist alles, aber was weiter sein wird, das weiß ich nicht, das weiß ich nicht! ...“
„Aber womit werden Sie denn die Rechnung hier im Hotel bezahlen?“ fragte ich erschrocken, „und ... und was werden Sie dann anfangen?“
Er saß wie in Gedanken versunken und stierte vor sich hin, schien aber meine Frage ganz überhört und auch mich vergessen zu haben. Ich begann von Polina Alexandrowna und den Kindern zu sprechen, doch er sagte nur schnell: „Ja, ja!“ und fing wieder an, vom Fürsten zu reden und davon, daß Blanche jetzt mit diesem fortfahren werde und „dann ... und dann – was soll ich dann tun, Alexei Iwanowitsch?“ wandte er sich plötzlich wieder an mich. „Ich beschwöre Sie! Was soll ich tun, – sagen Sie, das ist doch blanke Undankbarkeit! Das ist doch eine so unfaßbare Undankbarkeit von ihr?“
Tränen stürzten ihm aus den Augen und er weinte wie ein Kind.
Es war nichts mehr zu machen mit ihm; aber ihn ganz allein zu lassen, war fast gefährlich: er konnte sich schließlich, weiß Gott, was antun. Übrigens machte ich mich doch irgendwie von ihm los, sagte aber der Kinderfrau, daß sie von Zeit zu Zeit nach ihm sehen solle und auch mit dem Hoteldiener, einem sehr verständigen Burschen, sprach ich unter vier Augen: er versprach gleichfalls, Ohren und Augen offen zu halten.
Ich war kaum in meinem Zimmer angelangt, als Potapytsch bei mir erschien und meldete, daß die Babuschka mich zu sich bitten lasse. Es war gegen acht Uhr und sie war gerade erst aus dem Kurhaus zurückgekehrt, nachdem sie dort alles verloren hatte.
Ich begab mich natürlich sogleich zu ihr: sie saß ganz erschöpft und sichtlich krank in ihrem Stuhl. Marfa reichte ihr Tee und suchte sie zu bereden, doch etwas zu trinken. Schließlich trank sie denn auch. Ihre Stimme und ihre ganze Redeweise hatten sich auffallend verändert.
„Guten Abend, Väterchen Alexei Iwanowitsch,“ sagte sie, langsam und würdevoll den Kopf neigend, „verzeihe, daß ich dich noch einmal beunruhigt habe, nimm du es einem alten Menschen nicht übel. Ich habe alles dort gelassen, mein Lieber, an hunderttausend Rubel. Recht hattest du, als du gestern nicht mitkamst. Jetzt bin ich ohne Geld, keinen Kopeken habe ich mehr bei mir. Bleiben will ich hier nicht eine Stunde länger als nötig; um halb zehn fahre ich. Ich habe zu diesem deinem Engländer geschickt, Astley, oder wie er da heißt, und will ihn um dreitausend Franken bitten, nur auf eine Woche. Du sprichst vielleicht mit ihm, damit er da nicht etwas denkt und sie mir abschlägt. Ich bin noch reich genug, Väterchen. Ich habe drei Güter und zwei Häuser. Und auch Geld wird sich noch finden, nicht alles hatte ich mitgenommen. Ich sage das deshalb, damit er da nicht irgendwie bedenklich wird. Ah, da ist er ja! Man sieht sogleich den guten Menschen.“
Mister Astley war auf ihre Bitte hin unverzüglich gekommen. Ohne sich einen Augenblick zu bedenken oder ein Wort zu verlieren, zählte er sogleich dreitausend Franken auf den Tisch und nahm den Wechsel in Empfang, den die Babuschka unterschrieb. Nachdem die Angelegenheit erledigt war, verabschiedete er sich und ging.
„Und jetzt geh auch du, Alexei Iwanowitsch. Es bleibt mir noch über eine Stunde bis zur Abfahrt – da will ich mich etwas hinlegen, meine Knochen tun mir weh. Sei mir alten Närrin nicht böse. Jetzt werde ich jungen Leuten nicht mehr ihren Leichtsinn vorwerfen. Und auch jenen Unglücklichen, euren General da, werde ich jetzt nicht mehr beschuldigen. Geld werde ich ihm freilich nicht geben, so wie er es will, denn – ich kann mir nicht helfen – er ist doch gar zu dumm. Nur bin auch ich alte Närrin nicht klüger als er. Ja, wie man sieht, sucht Gott einen auch in alten Jahren heim und bestraft die Stolzen. Nun, leb wohl. Marfuscha, hebe mich!“
Ich wollte sie aber doch noch zur Bahn begleiten. Außerdem war ich zu unruhig, um in meinem Zimmer zu sitzen: ich erwartete irgend etwas, das sogleich, unbedingt geschehen müsse. Das Warten aber hielt ich auch nicht aus, und so ging ich denn im Korridor auf und ab, ging sogar hinaus auf die Straße und ging die Allee hinauf und wieder zurück. Im Hotel hatte ich gehört, daß de Grillet abgereist sei.
„Mein Brief an sie ist doch deutlich,“ dachte ich, „sie sieht doch, daß ich entschlossen bin! Und die Katastrophe – die ist natürlich schon da. Jetzt, nachdem de Grillet sie auch noch verlassen hat! ... Nun gut, wenn sie mich auch als Freund verschmäht, so wird sie mich als Diener vielleicht doch noch nötig haben und nicht zurückweisen. Und wenn sie mich auch nur als Laufburschen gebraucht – gleichviel, ich weiß doch, daß ich ihr immerhin irgendwie zustatten kommen werde!“
Um neun Uhr dreißig war ich auf dem Bahnhof und half der Babuschka beim Einsteigen. Sie fuhr wieder mit ihren Dienstboten in einem besonderen Kupee.
„Hab Dank, Väterchen, für deine uneigennützige Teilnahme,“ sagte sie mir zum Abschied, „und sage Praskowja, daß sie nicht vergessen soll, was ich ihr gestern sagte, – ich werde sie erwarten.“
Ich kehrte ins Hotel zurück. Im Korridor kam mir die Kinderfrau entgegen – und ich erkundigte mich bei ihr nach dem General. „Ach, Väterchen, der hat sich was!“ meinte sie mit einem wehmütigen Lächeln. Trotzdem wollte ich doch auf einen Augenblick zu ihm gehen, aber – an der halb offenen Tür zu seinem Kabinett blieb ich geradezu erschrocken stehen: ich hörte Mademoiselle Blanche und den General förmlich um die Wette lachen und auch madame veuve de Cominges sah ich lächelnd auf dem Diwan sitzen. Der General war augenscheinlich vor Freude über ihren Besuch ganz sinnlos, schwatzte alles mögliche ungereimte Zeug zusammen und brach immer wieder in langes, nervöses Gelächter aus, wobei sein Gesicht sich in unzählige kleine Runzeln legte und seine Augen irgendwohin verschwanden. Später erzählte mir Blanche, daß es ihr, nachdem sie den Fürsten fortgejagt und von der Verzweiflung des Generals gehört hatte, ganz plötzlich in den Sinn gekommen sei, zu diesem zu gehen und ihn ein wenig zu trösten. Der arme General aber ahnte natürlich nicht, daß sein Schicksal bereits entschieden war, und Blanche ihre Sachen schon eingepackt hatte, um am nächsten Morgen mit dem Frühzuge nach Paris zu reisen.
Ich stand noch eine Weile auf der Schwelle, zog es aber vor, nicht einzutreten und entfernte mich unbemerkt. Als ich oben angelangt war und die Tür zu meinem Zimmer öffnete, sah ich im Halbdunkel plötzlich eine Gestalt, die am Fenster auf einem Stuhl saß. Sie erhob sich nicht, als ich eintrat. Sie rührte sich nicht. Ich trat, kurz entschlossen, schnell auf sie zu, sah sie ganz nah vor mir und – mein Atem stockte: es war Polina!
XIV.
Ich stieß einen Schrei aus.
„Was? Was ist?“ fragte sie seltsam. Sie war bleich und sah mich düster an.
„Ja ... Wie? Sie! Sie? Und Sie sind hier bei mir!“
„Wenn ich komme, dann komme ich ganz. Das ist meine Gewohnheit. Sie werden es sogleich erfahren; machen Sie Licht.“
Ich zündete eine Kerze an. Sie stand auf, trat an den Tisch und legte einen offenen Brief vor mich hin.
„Lesen Sie,“ befahl sie.
„Das, – das hat de Grillet geschrieben! Es ist seine Handschrift!“ rief ich aus und griff nach dem Brief. Meine Hände zitterten und die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Die französischen Redewendungen habe ich vergessen, aber der Sinn war folgender:
„Mademoiselle!“ schrieb de Grillet, „leider sehe ich mich durch ungünstige Umstände zu einer sofortigen Abreise gezwungen. Sie werden natürlich selbst bemerkt haben, daß ich absichtlich eine endgültige Aussprache mit Ihnen zu vermeiden gesucht, bevor sich nicht alles weitere entschieden hatte. Die Ankunft de la vieille dame, Ihrer Verwandten, und deren sinnlose Handlungsweise haben aber meinen Bedenken ein Ende gemacht. Meine eigenen zerrütteten Verhältnisse verbieten es mir ganz entschieden, mich noch fernerhin so süßen Hoffnungen hinzugeben, wie ich es eine Zeitlang getan. Ich bedauere das Gewesene, hoffe aber, daß Sie in meinem Verhalten nichts finden werden, das eines gentilhomme et honnête homme unwürdig wäre. Da ich fast mein ganzes Geld Ihrem Stiefvater geliehen und somit verloren habe, sehe ich mich gezwungen, das noch zu retten, was mir geblieben ist: ich habe meinen Freunden in Petersburg bereits depeschiert, daß sie zum Verkauf der mir verpfändeten Besitztümer schreiten sollen. Da ich aber weiß, daß Ihr leichtsinniger Stiefvater auch Ihr Geld verschwendet hat, so habe ich mich entschlossen, fünfzigtausend Franken von seiner Schuld zu streichen und ihm einen Teil des verpfändeten Eigentums in Höhe dieser Summe zu retournieren. Somit ist Ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben, alles zurückzuerhalten, was für Sie sonst verloren wäre, indem Sie von ihm die Herausgabe des Geldes auf gerichtlichem Wege verlangen. Ich hoffe, Mademoiselle, daß meine Handlungsweise unter den gegenwärtigen Verhältnissen für Sie von großem Vorteil sein wird. Desgleichen hoffe ich, daß ich damit auch in Ihren Augen die Pflicht eines Ehren- und Edelmannes vollkommen erfüllt habe. Seien Sie versichert, daß die Erinnerung an Sie ewig in meinem Herzen leben wird.“
„Nun was, hier ist doch nichts mißzuverstehen!“ sagte ich, mich an Polina wendend, „oder sollten Sie wirklich etwas anderes von ihm erwartet haben?“ fragte ich geärgert.
„Ich habe nichts erwartet,“ erwiderte sie, scheinbar ganz ruhig, aber ihre Stimme klang, als zucke in ihr etwas, „ich hatte schon längst meinen Entschluß gefaßt. Ich hatte seine Gedanken erraten ... ich wußte, was er dachte. Er dachte, ich werde verlangen ... ich werde darauf bestehen ... daß ...“ Sie stockte, biß sich auf die Lippe und sprach es nicht aus. „Ich habe mit Absicht meine Verachtung für ihn verdoppelt,“ begann sie wieder, „und es ihm bei jeder Gelegenheit gezeigt, wie sehr ich ihn verachte – ich wollte sehen, was er wohl tun werde. Wenn wir die Nachricht von ihrem Tode und der Erbschaft erhalten hätten – so hätte ich ihm ins Gesicht geworfen, was ihm dieser Idiot, mein Stiefvater, schuldet, und hätte ihn fortgejagt! Er war mir schon lange, schon lange verhaßt! O, wie anders war er früher, wie ganz anders, tausendmal anders – jetzt aber, jetzt! ... O, mit welch einer Wonne würde ich ihm diese Fünfzigtausend in sein gemeines Gesicht schleudern und ... ihn anspeien! ... und ...“
„Aber das Papier – diese von ihm retournierte Schuldverschreibung auf Fünfzigtausend – die hat doch der General? So nehmen Sie sie und geben Sie ihm den Wisch zurück.“
„O, nicht das, nicht das ist es! ...“
„Ja, richtig, Sie haben recht, das ist es nicht! Und überhaupt – lassen wir den General aus dem Spiel! Aber die Babuschka?“ rief ich plötzlich.
Polina blickte mich wie zerstreut und ungeduldig an.
„Wozu die Babuschka?“ fragte sie ärgerlich, „ich kann nicht zu ihr gehen ... Und ich will auch niemand um Verzeihung bitten,“ fügte sie gereizt hinzu.
„Ja, aber was dann tun!“ rief ich. „Doch wie, wie ist es möglich, daß Sie einen de Grillet haben lieben können! O, dieses Subjekt, dieses verächtliche Subjekt! Wollen Sie, ich schieße ihn im Duell nieder! Wo ist er jetzt?“
„Er ist in Frankfurt. Er wird dort drei Tage bleiben.“
„Ein Wort von Ihnen und ich fahre hin, morgen mit dem ersten Zug!“ rief ich in einer seltsamen, geradezu dummen Anwandlung von Enthusiasmus.
Sie lachte mich aus.
„Nun und? – er würde ja womöglich noch sagen: geben Sie mir zuerst die Fünfzigtausend zurück. Und weshalb sollte er sich denn schlagen? ... Blödsinn!“
„Aber wo, wo soll man denn diese Fünfzigtausend hernehmen!“ fragte ich knirschend vor Wut – als hätte ich sie vom Fußboden aufraffen wollen! „Hören Sie: Mister Astley?“ wandte ich mich zu ihr mit einer plötzlich aufdämmernden seltsamen Idee.
Ihre Augen blitzten auf.
„Wie, willst du es denn selbst, daß ich von dir zu diesem Engländer gehe!“ sagte sie mit bitterem Lächeln und ihre Augen sahen mich durchdringend an. Es war das erste Mal, daß sie „Du“ zu mir sagte.
Ich glaube, sie wurde im Augenblick wie von einem Schwindel erfaßt: plötzlich sank sie auf den Diwan, als trügen die Füße sie nicht mehr.
Wie ein Blitz durchzuckte es mich. Ich stand und traute meinen Augen, meinen Ohren nicht! Wie, also mich liebte sie! Zu mir war sie gekommen, zu mir und nicht zu Mister Astley! Sie, ein junges Mädchen, kam ganz allein zu mir in mein Zimmer, und das noch dazu in einem Hotel – sie kompromittierte sich öffentlich – und ich, ich stand vor ihr und begriff noch immer nicht!
Ein wilder Gedanke durchzuckte mich.
„Polina! Gib mir nur eine Stunde Zeit! Warte hier nur eine Stunde auf mich, ich ... ich werde sogleich wieder hier sein! Das ... es ist notwendig! Du wirst sehen! Bleib hier, bleib hier!“
Und ich lief aus dem Zimmer ohne auf ihren erstaunt fragenden Blick zu achten, – sie rief mir noch etwas nach, aber ich kehrte mich nicht einmal um.
Ja, bisweilen kann sich der tollste Einfall, der anscheinend unsinnigste Gedanke so in uns festsetzen, daß man ihn zum Schluß selbst für ausführbar hält ... Mehr noch als das: wenn sich dieser Einfall oder diese Idee mit einem starken, leidenschaftlichen Wunsch vereint, so kann man mitunter fast zum Fatalisten werden und das Gewünschte für etwas geradezu Vorherbestimmtes halten, für etwas, das unbedingt geschehen muß und überhaupt nicht ungeschehen bleiben kann! Vielleicht ist hierbei noch etwas anderes mit im Spiel, irgendeine Kombination von Vorgefühlen, irgendeine außergewöhnliche Willensanspannung, eine Selbstvergiftung durch die eigene Phantasie oder sonst etwas – ich weiß es nicht. Mit mir aber geschah an jenem Abend – den ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde – etwas, das ich ein Wunder nennen möchte. Die Tatsache ist zwar mathematisch und logisch ganz plausibel, aber nichtsdestoweniger – für mich bleibt sie auch jetzt noch ein Wunder. Aber warum nur, frage ich noch, warum hatte sich damals, und schon seit langer Zeit, diese Überzeugung in mir so tief und unerschütterlich festgesetzt? Keinen Augenblick habe ich daran als an eine Möglichkeit unter anderen gedacht – also an eine, die ebensogut auch nicht eintreten könne –, sondern immer nur als an ein fest bevorstehendes Geschehnis, dessen Ausbleiben völlig ein Ding der Unmöglichkeit sei!
Es war ein Viertel auf elf. Ich betrat den Kursaal in einer ganz bestimmten und unerschütterlichen Hoffnung, und doch gleichzeitig in einer Aufregung, wie ich sie bis dahin noch nie empfunden hatte. Die Spielsäle waren noch ziemlich besetzt, wenn auch, wie das zu dieser Zeit immer der Fall war, um die Hälfte weniger als am Tage.
Um diese Zeit bleiben nämlich an den Spieltischen nur die wirklichen, die echten Spieler zurück, diejenigen, für die in den Bädern überhaupt nur die Spielsäle existieren, die alles andere kaum bemerken, die nur des Spieles wegen kommen, sich nur für das Spiel während der ganzen Saison interessieren, und die denn auch tatsächlich vom Morgen bis zum Abend zu spielen pflegen und gewiß bereit sein würden, auch noch die ganze Nacht zu spielen, wenn das nur möglich wäre. Wenigstens gehen sie immer unwillig fort, wenn um zwölf Uhr das Roulette geschlossen wird. Und wenn der Hauptcroupier vor dem Schluß ausruft: „Les trois derniers coups, messieurs!“ so setzen sie auf diese drei letzten Spiele gewöhnlich alles, was sie noch bei sich haben – und gewöhnlich verspielen sie gerade dann das meiste.
Ich trat an denselben Tisch, an dem die Babuschka gespielt hatte. Das Gedränge war nicht groß, so daß ich mir bald einen Platz am Tisch verschaffen konnte. Ich spielte stehend. Gerade vor mir auf dem grünen Tuch las ich das Wort „passe“.
Unter „passe“ versteht man die Zahlen von neunzehn bis sechsunddreißig. Die erste Zahlenreihe von eins bis achtzehn heißt „manque“. Aber was ging das mich an! Ich berechnete nicht, ich dachte nicht an Chancen, ich wußte nicht einmal, welche Zahl oder welche Farbe vorher herausgekommen war und erkundigte mich nicht einmal danach, bevor ich zu spielen begann – wie es doch jeder nur etwas erfahrenere Spieler getan hätte. Ich zog alle meine zwanzig Friedrichsdor hervor und warf sie auf passe.
„Vingt-deux!“ rief der Croupier.
Ich hatte gewonnen – und wieder setzte ich alles: den Einsatz und den Gewinn.
„Trente et un,“ rief der Croupier.
Wieder gewonnen. Im ganzen hatte ich schon achtzig Friedrichsdor. Ich schob alle achtzig auf die zwölf mittleren Zahlen (dreifacher Gewinn, doch kamen auf eine Chance zu gewinnen, zwei Chancen zu verlieren). Das Rad drehte sich und es kam vierundzwanzig. Man schob mir drei Goldrollen à fünfzig Friedrichsdor und zehn Goldstücke zu; im ganzen besaß ich nun zusammen mit den früheren zweihundert Friedrichsdor.
Ich war wie im Fieber. Da schob ich diesen ganzen Geldhaufen auf Rot, – und plötzlich kam ich zur Besinnung! Und nur ein einziges Mal an diesem ganzen Abend, während der ganzen Zeit, in der ich spielte, überlief es mich kalt und ließ die Angst meine Hände und Füße erzittern. Entsetzen war das Gefühl der blitzartigen Erkenntnis: was es für mich bedeutete, jetzt zu verlieren! Mein Einsatz war doch mein ganzes Leben!
„Rouge!“ rief der Croupier, – und – mein Herz schlug wieder! Feurige Ameisen liefen mir über den Körper. Man zahlte mir meinen Gewinn in Banknoten aus: im ganzen hatte ich schon viertausend Gulden und achtzig Friedrichsdor! Noch konnte ich der Berechnung folgen.
Dann, entsinne ich mich, setzte ich zweitausend Gulden wieder auf die zwölf mittleren Zahlen und verlor; ich setzte achtzig Friedrichsdor und verlor wieder. Da packte mich die Wut: ich raffte die letzten zweitausend Gulden zusammen und setzte sie auf die ersten zwölf – so, wie es gerade kam, ganz ohne Berechnung! Übrigens, es gab doch einen Augenblick der Erwartung, dessen Eindruck demjenigen vielleicht nicht unähnlich gewesen sein mag, den Mademoiselle Blanchard empfunden, als sie über Paris mit dem Luftballon zur Erde stürzte.
„Quatre!“ rief der Croupier.
Mit dem Einsatz zusammen hatte ich nun wieder sechstausend Gulden. Jetzt war ich schon siegesgewiß, jetzt fürchtete ich nichts mehr, nichts, und ich warf viertausend Gulden auf Schwarz. Im Augenblick setzten etwa zehn Spieler mir nach ihre Einsätze gleichfalls auf Schwarz. Die Croupiers tauschten untereinander Blicke aus und besprachen sich. Ringsum Geflüster, Bewegung, Erwartung.
Es kam Schwarz. Was dann weiter folgte – alles dessen entsinne ich mich nicht mehr, weder der Höhe meiner Einsätze noch der Reihenfolge der Gewinne. Ich weiß nur noch, so, wie man sich etwa eines Traumes erinnert, daß ich – ich glaube wenigstens – bereits an sechzehntausend Gulden gewonnen hatte, als ich plötzlich durch drei Verluste zwölftausend von ihnen verlor; dann schob ich die letzten viertausend auf passe – doch empfand ich dabei so gut wie nichts: ich wartete nur, und zwar ganz mechanisch, ganz ohne Gedanken – und ich gewann wieder. Darauf gewann ich noch viermal nach der Reihe. Ich weiß nur, daß ich das Geld zu Tausenden zusammenscharrte; doch entsinne ich mich noch, daß am häufigsten die zwölf mittleren Nummern gewannen, denen ich deshalb aus Prinzip treu blieb. Sie gewannen fast ganz regelmäßig drei- bis viermal, dann zweimal nicht und dann wieder drei- oder viermal nach der Reihe. Es kommt mitunter wirklich zu einer ganz erstaunlichen Regelmäßigkeit in der Wiederkehr der Gewinne, – und das ist es gerade, was die eingefleischten Spieler, die mit dem Bleistift in der Hand die Chancen berechnen, vor den Kopf stößt. Und – o Gott! – welch eine Ironie des Schicksals man an Spieltischen oft beobachten kann!