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Sämtliche Werke 21

Der ewige Gatte

E. K. Rahsin translation

I. Weltschaninoff.

Der Sommer war da und Weltschaninoff war ganz gegen alle Erwartung doch in Petersburg geblieben. Aus seiner beabsichtigten Reise nach dem Süden Rußlands war nichts geworden, sein Prozeß aber zog sich immer noch hin, ohne daß man auch nur das Ende hätte absehen können. Ja, dieser Prozeß – ein Rechtsstreit in Vermögenssachen – hatte in letzter Zeit sogar eine äußerst unangenehme Wendung genommen: noch vor drei Monaten war er ihm so klar und unverwickelt erschienen, fast als brauche man da überhaupt keine Worte mehr zu verlieren – plötzlich aber begann alles, sich zu verwickeln und zum Ungünstigen zu verändern.

„Und überhaupt scheint sich jetzt alles gegen mich zu verschwören: alles nimmt eine ungünstige Wendung!“ sagte Weltschaninoff neuerdings oft zu sich selbst, wobei er geradezu eine gewisse Schadenfreude empfand.

Er hatte sich an einen geschickten, berühmten und teuren Rechtsanwalt gewandt und scheute keine Ausgaben; seine Ungeduld und sein Mißtrauen verleiteten ihn aber, sich auch persönlich mit der Angelegenheit zu befassen: er las verschiedene, ihm wichtig scheinende Schriftstücke, verfaßte sogar selbst welche, die sein Rechtsanwalt jedoch ausnahmslos in den Papierkorb warf, lief von einer Gerichtsbehörde zur anderen, stellte auf eigene Faust Nachforschungen an und hielt den natürlichen Verlauf des Rechtsstreites vermutlich weit mehr auf, als daß er ihn beschleunigte. Wenigstens beklagte sich sein Rechtsanwalt wiederholt über diese Einmischungen seinerseits und redete ihm nach Kräften zu, doch irgendeine Sommerfrische aufzusuchen. Er aber konnte sich nicht einmal dazu entschließen. Und so blieb er in Petersburg, blieb ungeachtet des Staubes, der drückenden Schwüle und der nervenreizenden hellen Nächte.

Auch seine Wohnung, die er in der Nähe des Großen Theaters vor kurzem erst bezogen hatte, wollte ihm nicht gefallen. Kurz – „alles ging schief“! – und seine Hypochondrie wuchs mit jedem Tage. – Übrigens war er schon von jeher zum Hypochonder veranlagt gewesen.

Weltschaninoff hatte ein flottes, genußreiches Leben hinter sich, war freilich auch nicht mehr jung – etwa achtunddreißig, wenn nicht gar neununddreißig – das aber war doch schon „das Alter“, wie er sich selbst gestand, oder glaubte, sich gestehen zu müssen, – in das er sich „ganz plötzlich und unerwartet“ hineinversetzt sah. Er begriff jedoch vollkommen, daß es weniger die Zahl als die Art der Jahre war, was ihn alt machte, daß das Alter sich daher, wenn man so sagen darf, mehr von innen heraus in ihm verbreitete, als daß es ihn von außen sichtbar überkam. Denn nach seinem Äußeren zu urteilen, war er immer noch ein stattlicher Mann in den besten Jahren, der es mit jedem aufnehmen konnte: er war sehr groß von Wuchs und dabei stämmig, hatte dichtes hellblondes Haar und einen langen blonden Bart, in dem sich ebenso wie auf seinem Haupte noch kein einziges graues Härchen finden ließ. Auf den ersten Blick mochte er jetzt vielleicht etwas plump und im Vergleich zu früher vielleicht auch vernachlässigt erscheinen, doch wenn man ihn genauer beobachtete, erkannte man in ihm sofort den feinen Herrn und Weltmann, der eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Sein Auftreten war auch jetzt noch sicher, ungezwungen und sogar elegant, trotz einer gewissen Behäbigkeit und Schwerfälligkeit, die er sich im Laufe der Jahre erworben hatte: Trotz alledem hatte sich Weltschaninoff noch sein ganzes unverfrorenes, wahrhaft unerschütterliches Selbstvertrauen bewahrt, dessen ganzer Größe er sich als Lebemann nicht einmal bewußt zu sein schien, obschon er kein dummer, in manchen Dingen sogar ein recht gescheiter, fast kann man sagen gebildeter und zweifellos ein in mancher Hinsicht begabter Mensch war. Sein offenes, frisches Gesicht hatte einst in jungen Jahren durch seine fast frauenhaft zarten Farben die Aufmerksamkeit der Damen auf sich gelenkt, und auch jetzt noch sagte so manch einer, wenn er ihn sah: „Welch ein kerngesunder Mensch, wahrhaftig, Milch und Blut!“

Und dennoch kannte dieser „kerngesunde Mensch“ bereits alle Qualen der Hypochondrie. Noch vor zehn Jahren hatten seine großen blauen Augen so siegesgewiß in die Welt geblickt: es waren noch so helle und gute, so lustige und sorglose Augen gewesen, daß ein jeder, der ihn sah, sich ohne weiteres zu ihm hingezogen fühlte. Jetzt aber, auf der Schwelle der vierziger Jahre, waren die Klarheit und Güte in ihnen fast ganz erloschen: um sie herum begannen sich schon leichte Runzeln einzugraben, und statt der jungen Sorglosigkeit sprach aus ihnen der Zynismus eines ermüdeten Menschen, dessen Lebenswandel, vom Standpunkt der Sittlichkeit aus betrachtet, nicht ganz einwandfrei gewesen war. Zu diesem Zynismus aber gesellte sich noch eine gewisse mißtrauische Schlauheit, sehr oft auch Spott, und dann noch ein neuer Ausdruck, den er früher nicht in ihnen gehabt hatte: es lag nämlich wie ein Schatten von Schwermut und Schmerz über ihnen – einer gleichsam zerstreuten, gewissermaßen gegenstandslosen Schwermut, die aber doch tief und echt zu sein schien. Diese Schwermut überkam ihn namentlich dann, wenn er allein blieb. Und sonderbar, dieser Mensch, der noch vor etwa zwei Jahren ein so lebenslustiger, in seiner Unterhaltung übersprudelnder Gesellschaftsmensch gewesen war und mit so köstlichem Humor seine lustigen Geschichten wiederzugeben verstanden hatte – der liebte jetzt nichts so sehr, als ganz allein zu sein. Mit Absicht gab er eine Menge seiner früheren Bekanntschaften auf, obschon er sie trotz seiner im Augenblick sehr zerrütteten Vermögensverhältnisse auch jetzt noch hätte fortsetzen und pflegen können. Doch um die Wahrheit zu sagen: hier war sein Ehrgeiz das ausschlaggebende Moment. Ein Mensch, der so argwöhnisch, eitel und ehrgeizig war wie er, mußte es allerdings als unmöglich empfinden, mit Leuten, die ihn nur in glänzenden Verhältnissen gekannt hatten, nun in minder glänzenden weiter zu verkehren. Doch auch seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz begannen sich unter dem Einfluß der Einsamkeit allmählich zu verwandeln. Nicht, daß sie sich verringert hätten – o nein, sogar im Gegenteil; aber sie entwickelten sich zu einer ganz besonderen Art von Ehrgeiz und Eitelkeit, die von ihrer früheren Art merklich abstach: er grämte sich jetzt immer öfter um ganz andere Dinge, als es die Ursachen seiner früheren kleinen menschlichen Leiden gewesen waren. Es waren das ganz entschieden „höhere“ Dinge als bisher – das heißt, wenn man sich nur so ausdrücken darf, wenn es in der Beziehung wirklich höhere und niedrigere Ursachen und Dinge gibt ... wie Weltschaninoff zu sich selbst sagte.

Ja, so weit war es mit ihm gekommen: diese sogenannten „höheren“ Ursachen, an die er früher überhaupt nicht gedacht hatte, quälten ihn jetzt regelrecht. Als „höher“ aber betrachtete er seiner Erkenntnis gemäß und vor seinem Gewissen alle diejenigen „Ursachen“, über die er sich (zu seiner eigenen Verwunderung) nicht mehr lustig zu machen vermochte – bei sich im stillen, versteht sich –, was bis dahin, wenigstens wenn er allein gewesen, noch nie vorgekommen war. Denn in Gesellschaft – o, da war es etwas ganz anderes! Er wußte ja nur zu gut, daß er auch jetzt noch – es brauchten sich nur die äußeren Umstände so zu fügen – ohne zu zögern und ungeachtet aller stillen Erkenntnisse und festen Vorsätze seines besseren Selbst, mit der größten Kaltschnauzigkeit alle diese „höheren Ursachen“ leugnen und selbst als erster über sie lachen würde – natürlich ohne dabei einzugestehen, daß es Stunden gab, in denen er anders dachte. Mit dieser Selbsterkenntnis täuschte er sich durchaus nichts vor: so war es, oder vielmehr, so wäre es unfehlbar gewesen, sogar trotz einer gewissen ganz erheblichen Portion Unabhängigkeit im Denken, die er sich neuerdings von den ihn bis dahin vorwiegend beherrschenden „niedrigeren Ursachen“ abgerungen hatte. Doch wie oft hatte er sich, wenn er sich morgens aus dem Bett erhob, seiner Gedanken und Gefühle geschämt, die er in den schlaflosen Stunden der Nacht gedacht und gefühlt! (In der ganzen letzten Zeit litt er nämlich wirklich an Schlaflosigkeit.) Hinzu kam, was ihm schon vor längerer Zeit aufgefallen: daß er in jeder Beziehung furchtbar mißtrauisch geworden war, und zwar sowohl in kleinen wie in großen Dingen. Infolgedessen nahm er sich vor, auch in Zukunft sich selbst möglichst wenig zu trauen. Indessen gab es da doch Verschiedenes, was einfach als eine Tatsache vor ihm stand, die er ganz unmöglich als solche nicht anerkennen oder leugnen konnte. So ließ es sich nicht aus der Welt schaffen, daß sich z. B. seine Gedanken und Gefühle nachts immer veränderten, wenigstens hatte er früher noch niemals solche gehabt, wie er sie jetzt hatte, und größtenteils glichen sie auch nicht im geringsten denjenigen, die er tagsüber oder wenigstens in der ersten Hälfte des Tages noch immer hatte. Das gab ihm zu denken. Ja, er sprach sogar – natürlich nur so bei Gelegenheit und im Scherz – mit einem berühmten Arzt, einem näheren Bekannten, über diesen „sonderbaren Fall“. Jener erwiderte ihm darauf, daß diese Veränderung oder vielmehr daß dieser Widerspruch der Gedanken und Gefühle in schlaflosen Nächten, oder überhaupt nachts, bei „viel denkenden und temperamentvollen“ Menschen keineswegs eine so ungewöhnliche Erscheinung sei: unter dem melancholischen Einfluß der Nacht käme es bei ihnen oft vor, daß sich ihre Überzeugungen, an denen sie ihr ganzes Leben gehangen, plötzlich änderten und daß sie ebenso plötzlich und ohne jeden triftigen Grund die schwerwiegendsten Entschlüsse faßten. Freilich habe das immer noch eine gewisse Grenze; wenn aber der Betreffende diese Widersprüche, diese Zwieheit fast schon als Pein empfinde, so müsse man sie fraglos als ein Krankheitssymptom betrachten und folglich – je früher desto besser – zur Behandlung schreiten. Das Zweckmäßigste sei in diesem Fall wohl eine radikale Veränderung der Lebensweise, eine andere Diät, wenn möglich eine Reise. Auch Abführmittel wären angebracht.

Weiter wollte Weltschaninoff nichts mehr hören, doch seine Krankheit betrachtete er jetzt als bewiesen.

„Also nichts weiter als ein Krankheitssymptom, alles dieses ‚Höhere‘, also Krankheit, nichts als Krankheit!“ sagte er mit einem gewissen Ingrimm zu sich selbst, sagte es sich sogar ziemlich oft, denn es widerstrebte ihm doch gar zu sehr, innerlich derselben Meinung zu sein.

Sehr bald übrigens begann sich auch vormittags dasselbe zu wiederholen, was er sonst nur in einzelnen Nachtstunden gekannt hatte, bloß mit dem Unterschiede, daß ihn dabei weit mehr Galle überkam, als in der Nacht, daß er anstatt der Reue nur Bosheit empfand und bitteren Spott statt der nächtlichen Rührung.

Im Grunde wurden diese Stimmungen durch nichts anderes heraufbeschworen, als durch „plötzlich und Gott weiß weshalb“ auftauchende Erinnerungen an verschiedene Erlebnisse aus längst vergangenen und auch schon längst vergessenen Jahren, die ihm aber jetzt regelmäßig in einer ganz besonderen Weise wieder ins Gedächtnis traten. Ja, diese Begleitumstände waren vielleicht gerade das Merkwürdigste an der Sache. Weltschaninoff klagte zum Beispiel schon seit längerer Zeit über die augenscheinliche Abnahme seines Gedächtnisses: so vergaß er die Gesichter seiner Bekannten, die sich dann gekränkt fühlten, wenn er sie auf der Straße nicht grüßte; Bücher, die er vor einem halben Jahr gelesen, konnte er in dieser kurzen Frist so vergessen, als hätte er sie nie in der Hand gehabt. Andererseits aber, trotz dieser doch greifbar tatsächlichen Abnahme seiner Gedächtniskräfte, die ihn nicht wenig beunruhigte, begann jetzt alles längst Vergangene, was über zehn, fünfzehn Jahre zurücklag und ebenso lange sogar ganz vergessen gewesen war, wieder aufzutauchen – alles das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein, und zwar mit einer so erstaunlichen Deutlichkeit bis in die geringsten Details, als durchlebe er es in Wirklichkeit von neuem. Ja, einige dieser Erlebnisse hatte er in der Zwischenzeit so vergessen, daß ihm allein schon das Faktum, daß er sich ihrer überhaupt wieder erinnern konnte, als unfaßbares Wunder erschien. Dabei war das noch nicht alles; doch übrigens – welcher Lebemann hätte nicht seine besonderen Erinnerungen?

In seinem Falle freilich lag das Auffällige darin, daß alle diese Erlebnisse, die in seiner Erinnerung wieder auftauchten, jetzt in einer gleichsam von irgend jemandem vorbereiteten, früher ganz undenkbaren, ganz neuen Beleuchtung erschienen, d. h. er betrachtete und beurteilte sie jetzt von einem ganz, ganz anderen Standpunkt aus. Das befremdete ihn am meisten. Warum erschien ihm jetzt so manches geradezu als Verbrechen, was er früher kaum ernst genommen hatte? Und nicht nur sein Verstand urteilte jetzt so: dem allein hätte er, der in der Einsamkeit krank, griesgrämig, düster und innerlich einsam Gewordene, nicht so ohne weiteres getraut; aber es war ja bei ihm schon aus dem bloßen Gefühl heraus zu Verwünschungen und Flüchen gekommen und fast sogar zu Tränen – wenn auch nicht gerade zu äußerlich sichtbaren, so doch immerhin zu innerlichen. Noch vor zwei Jahren aber hätte er es nicht für möglich gehalten, daß er jemals weinen würde!

Anfangs waren es übrigens mehr unangenehme, sogar peinliche Erlebnisse, die ihm seine Erinnerung wieder ins Gedächtnis rief, wie zum Beispiel gesellschaftliche Mißerfolge, Blößen, die er sich mal gegeben, kleine Kränkungen; etwa: wie ihn einmal ein „Intrigant verleumdet“ hatte, weshalb er in einem angesehenen Hause nicht mehr empfangen worden war; wie man ihn ein andermal – und das war gar nicht so lange her – öffentlich und im Ernst beleidigt und wie er damals den Beleidiger nicht gefordert; wie man ihn ein drittes Mal im Kreise der reizendsten Frauen mit einem geistvollen Epigramm abgetrumpft und wie er darauf keine Antwort gefunden hatte, während alle auf eine schlagfertige Replik warteten. Dann fielen ihm noch zwei oder drei unbezahlte Schulden ein, freilich nur geringe Summen, aber doch Ehrenschulden und überdies an Leute, mit denen er den Verkehr abgebrochen und über die er sich schon mehrfach abfällig geäußert hatte. Auch quälte ihn – jedoch nur in den bösesten Stunden – die Erinnerung an die zwei Vermögen, die er in der dümmsten Weise durchgebracht und von denen jedes nichts weniger als unbedeutend gewesen war.

Doch bald kamen auch die von ihm gefürchteten Erinnerungen an die Reihe, jene der „höheren“ Kategorien, wie er sie klassifizierte.

So sah er plötzlich und „ganz ohne jede Veranlassung“ die längst vergessene, in seinem Gedächtnis bis dahin spurlos ausgelöscht gewesene Gestalt eines alten guten Männleins vor sich, eines komischen kleinen Beamten mit silberweißem Haar, den er einmal vor langer, langer Zeit öffentlich und ungestraft beleidigt hatte, und zwar einzig deshalb, um einen guten Witz, der nachher viel belacht und weitererzählt worden war, im Augenblick anbringen zu können. Er hatte den Fall so sehr vergessen, daß er sich nicht einmal auf den Namen des Alten besinnen konnte, obschon er sich im Moment selbst der kleinsten Einzelheit der Umgebung – „und wie sich das alles zugetragen“ – mit geradezu fabelhafter Deutlichkeit entsann. Er erinnerte sich noch ganz genau, wie der Alte damals für die Ehre seiner Tochter – ein unverheiratetes, nicht mehr ganz junges Mädchen, das bei ihm lebte, und über das man in der Stadt zu munkeln begonnen – eingetreten war. Der Alte hatte seine Tochter zu verteidigen gesucht, hatte nur so gezittert vor Empörung und Aufregung, und plötzlich war er in Tränen ausgebrochen und hatte laut geschluchzt – vor der ganzen Gesellschaft, die selbst eine gewisse Peinlichkeit zu empfinden schien. Geendet aber hatte die Geschichte damit, daß man ihm zum Scherz immer wieder das Champagnerglas gefüllt, um dann nach Herzenslust über ihn lachen zu können.

Als Weltschaninoff sich nun auf einmal jener Szene erinnerte, in der der arme Alte in Tränen ausgebrochen war und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, wie es kleine Kinder tun, da war es ihm plötzlich, als habe er alles das nie auch nur einen Augenblick vergessen. Und sonderbar: damals war ihm der ganze Vorfall sehr komisch erschienen; jetzt aber war gerade das Gegenteil der Fall – namentlich jenes Verbergen des Gesichts in den Händen kam ihm fast tragisch vor. Dann fiel ihm ein, wie einmal die Frau eines Schullehrers – ein ganz entzückendes Frauchen – „nur so zum Scherz“ von ihm verleumdet worden war. Die Folgen waren ihm unbekannt geblieben, da er das Städtchen gleich darauf verlassen hatte; er wußte nur, daß die Verleumdung ihrem Manne zu Ohren gekommen sei. Jetzt aber begann er plötzlich sich diese Folgen auszumalen, und Gott weiß, bis zu welchen Schreckbildern seine Phantasie sich noch verstiegen hätte, wenn nicht plötzlich ein viel näher liegendes Erlebnis aufgetaucht wäre: die Erinnerung an ein Mädchen aus ganz einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, das ihm nicht einmal gefallen hatte, ja, dessen er sich, genau genommen, sogar geschämt, mit dem er aber, ohne selbst recht zu wissen warum und wozu, ein Kind in die Welt gesetzt. Und dann – ja, dann hatte er sie mit dem Kinde sitzen lassen und hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet (freilich nicht vorsätzlich, sondern so – aus Zeitmangel!) als er Petersburg verlassen. Später freilich hatte er dann ein ganzes Jahr lang nach diesem Mädchen geforscht, doch vergeblich: beide, sie und das Kind, waren spurlos verschwunden gewesen. Übrigens fielen ihm jetzt, wie ihm schien, hunderte solcher Geschichten ein – ja, es war ihm sogar, als ziehe eine jede dieser Erinnerungen gleich Dutzende ähnlicher nach sich. Alles das aber bewirkte, daß ihn mit der Zeit auch noch seine Eitelkeit zu quälen begann.

Wie bereits erwähnt, hatte sich seine Eitelkeit, oder, wenn man will, sein Ehrgeiz – der Unterschied ist nicht groß – zu einer ganz besonderen Abart entwickelt. Das war Tatsache. Mitunter – allerdings kam das nur selten vor – ging er in seiner Selbstvergessenheit so weit, sich nicht einmal dessen zu schämen, daß er keine eigene Equipage besaß, daß er zu Fuß die verschiedenen Gerichtsbehörden aufsuchte, daß er sich ein wenig nachlässiger kleidete; und hätte ihn einer seiner früheren Bekannten deshalb etwas erstaunt angesehen oder sich gar einfallen lassen, ihn nicht zu grüßen, so hätte seine Anmaßung ganz gewiß ausgereicht, die Kränkung zu übersehen und zwar, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – auch innerlich nicht zu zucken, also nicht bloß, um sich äußerlich darüber erhaben zu zeigen. Natürlich galt das nur von Ausnahmefällen, wie es die Augenblicke vollständiger Apathie in diesen Dingen immerhin noch waren. Doch gleichviel, wie dem auch sein mochte – jedenfalls begann sein Ehrgeiz aus seinen früheren Grenzen herauszutreten und sich auf ein psychologisches Problem, mit dem er sich jetzt fast unausgesetzt beschäftigte, zu beschränken.

„Sonderbar,“ begann er zuweilen in sarkastischer Überlegenheit sein Selbstgespräch (wenn er an sich selbst dachte, begann er stets mit Sarkasmus), „da scheint sich ja wahrhaftig jemand um die Hebung meiner Sittlichkeit zu bemühen und mir diese verdammten Erinnerungen auf den Hals zu schicken, um mir lobesame Reuetränchen abzupressen! Nun, mag er, es ist ja doch zwecklos! Das sind ja nur blinde Schüsse! Als ob ich nicht wüßte, genau wüßte, mehr noch als genau, einfach mit tödlicher Sicherheit, daß trotz aller Reuetränen und Selbstverurteilung kein Atom Selbstbeherrschung in mir steckt, sogar ungeachtet meiner albernen vierzig Jahre! Es braucht ja doch morgen nur wieder mal so eine Versuchung an mich heranzutreten – nun, sagen wir zum Beispiel, die Umstände fügen es so, daß es mir vorteilhaft erscheint, zu sagen, die junge Frau jenes Lehrers habe von mir Geschenke angenommen – und ich werde es doch unbedingt wieder sagen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, – und es wird dann alles noch gemeiner und schmutziger herauskommen, als das erstemal, denn diesmal wäre es eben das zweitemal, da ist man schon geübter. Nun, oder sagen wir, jener junge Fürst, der einzige Sohn seiner Mutter, dem ich damals vor elf Jahren das Bein abschoß, der sollte mich wieder so beleidigen – ich würde ihn doch sofort wieder fordern und ihm wieder zu einem Stelzfuß verhelfen. Nun – und da sollen das nicht blinde Schüsse sein?! Nützen tun sie jedenfalls nichts! Wozu also diese Erinnerungen, wenn ich’s nun mal nicht verstehe, mich wenigstens einigermaßen mit Anstand von mir loszumachen!“

Und wenn er auch keine junge Frau wieder verleumdete und keinem jungen Fürsten zu einem Stelzfuß verhalf, so war für ihn doch allein schon der Gedanke, daß sich alles unfehlbar wiederholen würde, wenn nur die Umstände es wieder so fügten, fast tötend ... d. h. – bisweilen! Man kann doch, in der Tat, nicht immer unter Erinnerungen leiden! Man darf sich doch wohl auch etwas erholen und zerstreuen – in den Zwischenpausen.

Das tat denn auch Weltschaninoff: er war bereit, die Zwischenpausen auszunutzen; aber je länger die Sache dauerte, um so unangenehmer wurde ihm sein Leben in Petersburg. Der Juli stand schon vor der Tür. Ihm kam wohl mitunter der Gedanke, alles liegen zu lassen, sogar den Prozeß zu vergessen, und irgendwohin fortzufahren, nur fort, ohne sich umzuschauen, und ganz plötzlich, wie zufällig, gleichviel wohin, etwa nach der Krim zum Beispiel. Doch schon nach einer Stunde hatte er nur noch ein verächtliches Lächeln und blanken Spott für diesen Einfall. Sarkastisch sagte er sich dann: „Diesen miserablen Gedanken wird auch kein Süden ein Ende machen können, wenn sie einmal angefangen haben, mich heimzusuchen, und wenn ich wenigstens nur ein halbwegs anständiger Mensch bin! Folglich aber – wozu vor ihnen fliehen? Es liegt ja auch gar kein Grund vor!“

„Und überhaupt – wozu das Weite suchen,“ fuhr er vor Trübsal zu philosophieren fort, „hier ist es so staubig, so drückend schwül, in diesen Häusern der Gerichtsbehörden, in denen ich mich herumtreibe, ist doch alles so schmutzig, in diesen kleinen Geschäftsleuten, die sich dort drängen, steckt so viel nichtige, hastende, widerliche Geschäftigkeit, ganz als wären sie Mäuse und nicht Menschen, so viel bettelhafte Kopekensorgen! – in diesem ganzen Pöbel, der jetzt noch in der Stadt geblieben ist, in all diesen Gesichtern, die vom Morgen bis zum Abend an mir vorüberstreifen, drückt sich so aufrichtig ihre ganze dumme Gemeinheit aus, die ganze Feigheit ihrer kleinen Seelen, die ganze Hühnerherzigkeit ihrer kleinen Herzen, – daß man, bei Gott, Petersburg im Sommer nur das wahre Eldorado eines Hypochonders nennen kann! Im Ernst! Alles ist unmaskiert, alles offenkundig, nichts wird verdeckt, man denkt nicht mal daran, Verbergen für notwendig zu halten – ähnlich wie es unsere Damen in der Sommerfrische tun, oder in ausländischen Bädern! – Folglich verdient ja alles allein schon wegen dieser Offenheit und naiven Einfachheit meine vollste Hochachtung! ... Ich fahre nirgends hin! Basta! Und sollte ich auch bersten, ich rühr’ mich nicht von hier! ...“

II. Der Herr mit dem Trauerflor um den Hut.

Es war am dritten Juli. Die Schwüle und Hitze wurden um die Mittagszeit schier unerträglich. Und gerade an diesem Tage hatte Weltschaninoff so viele Gänge vor wie noch nie: den ganzen Tag ging und fuhr er in der Stadt umher, hierhin und dorthin, und für den Abend stand ihm noch ein äußerst wichtiger Besuch bei einem sehr angesehenen, einflußreichen Herrn bevor, einem Staatsrat, von dem fast der Ausgang seines Prozesses abhing, und der im Sommer außerhalb der Stadt irgendwo dort am Schwarzen Flüßchen in seinem Landhause lebte. Diesen Herrn galt es jetzt ganz plötzlich zu Hause zu überrumpeln, um einmal persönlich mit ihm sprechen zu können. Kurz vor sechs trat Weltschaninoff endlich in ein recht zweifelhaftes französisches Restaurant am Newskij-Prospekt in der Nähe der Polizeibrücke, setzte sich in einer stilleren Ecke auf seinen einmal gewohnten Platz und bestellte wie immer sein Mittagessen.

Er pflegte jetzt täglich nur zu einem Rubel zu Mittag zu speisen – den Wein natürlich nicht mitgerechnet, – was er für ein Opfer hielt, das er vernünftigerweise seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen brachte. Während er aß, wunderte er sich darüber, wie man so was Geschmackloses überhaupt essen konnte, verzehrte aber nichtsdestoweniger alles bis auf das letzte Krümchen – und tat das jedesmal mit einem solchen Appetit, als habe er vorher drei Tage lang nichts genossen.

„Das ist entschieden etwas Krankhaftes,“ murmelte er vor sich hin, wenn ihn sein Appetit bisweilen doch selbst wundernahm.

Diesmal setzte er sich in der denkbar schlechtesten Laune an seinen Tisch, warf Hut und Stock auf irgendeinen Stuhl, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und versank in Nachdenken. Wenn jetzt sein Nachbar, der am nächsten Tisch ruhig speiste, irgendwie unruhig oder laut geworden wäre, oder wenn der Kellner seine Bestellung nicht sogleich verstanden hätte: er, Weltschaninoff, der sonst so höflich, so erhaben ruhig zu sein verstand, sobald es nötig war, – er wäre unfehlbar aufgebraust wie irgend so ein Grünschnabel und hätte womöglich einen Skandal hervorgerufen.

Man brachte ihm die Suppe, er nahm den Löffel – plötzlich aber, noch bevor er die Suppe angerührt hatte, fuhr er so zusammen, daß er fast vom Stuhl aufgesprungen wäre und unwillkürlich den Löffel auf den Tisch warf. Ein ganz unerwarteter Gedanke hatte ihn wie ein Blitz durchzuckt, und in derselben Sekunde hatte er – Gott weiß, wie das zuging – plötzlich die Ursache seiner Unruhe erkannt, die Ursache einer ganz besonderen, eigentümlichen Nervosität, die ihn schon seit mehreren Tagen quälte und mit den Erinnerungen nichts zu schaffen hatte, die, Gott weiß weshalb, über ihn gekommen waren und sich trotz aller Versuche nicht hatten abschütteln lassen. Und nun plötzlich war es wie Schuppen von seinen Augen gefallen und alles wurde ihm klar und er begriff den ganzen Zusammenhang.

„Das ist ja alles nur jener Hut!“ sagte er sich, und diese Erleuchtung erfüllte ihn geradezu mit Begeisterung. „Nur dieser verdammte runde Hut mit diesem abscheulichen Trauerflor, der ist an allem schuld!“

Er begann nachzudenken – und je länger er nachdachte, um so mehr verdüsterte sich sein Gesicht und um so wunderlicher erschien ihm diese ganze Begebenheit.

„Aber ... aber, wo ist hier denn eine Begebenheit?“ protestierte er mißtrauisch gegen die eigene Bezeichnung. „Was liegt denn hier überhaupt vor, dem auch nur entfernt die Bezeichnung, ‚Begebenheit‘ zustände?“

Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Vor etwa vierzehn Tagen (genau wußte er selbst nicht, wie lange es her war, aber es mochte immerhin annähernd stimmen) war ihm auf der Straße zum erstenmal – es war an der Ecke der Podjatscheskaja und der Meschtschanskaja gewesen, dessen entsann er sich plötzlich genau – ja, dort war ihm zum erstenmal ein Herr begegnet, der auf seinem Hut einen Trauerflor trug. Der Herr hatte wie jeder andere Herr ausgesehen, sagte sich Weltschaninoff, es war gar nichts Außergewöhnliches an ihm gewesen: er war schnell an ihm vorübergegangen, hatte ihn aber ... irgendwie – ja: irgendwie aufmerksam angesehen, so daß er unwillkürlich auch Weltschaninoffs Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, und das sogar in hohem Maße. Wenigstens war ihm das Gesicht des Fremden bekannt erschienen. „Ach, übrigens – wer kann all die tausend Physiognomien behalten, denen man im Leben begegnet ist!“ hatte er jedoch im nächsten Augenblick bei sich gedacht und seinen Weg fortgesetzt. Und nach etwa zwanzig Schritten, so schien es ihm nun, hatte er die Begegnung wieder vergessen, obschon der erste Eindruck kein geringer gewesen war. Und tatsächlich war er denn auch diesen Eindruck den ganzen Tag nicht losgeworden – freilich war es ganz unbewußt sozusagen ahnungslos geschehen, daß er ihn mit sich herumtrug, es war gewesen, wie wenn eine ganz eigentümliche, undeutliche, gegenstandslose Wut in ihm gelegen hätte, deren Ursache er selbst nicht anzugeben vermochte. Jetzt, nachdem fast schon zwei Wochen darüber vergangen waren, entsann er sich dessen ganz genau; und er erinnerte sich sogar, daß er damals nicht hatte verstehen können, woher diese Wut, diese Verbissenheit geradezu, über ihn gekommen war: er wäre wohl auf alles eher als auf den Gedanken verfallen, seine mißliche Gemütsverfassung an diesem Tage auch nur entfernt mit jener Begegnung am Morgen in Verbindung zu bringen, um wieviel weniger noch, in ihr die alleinige Ursache seiner unruhigen Stimmung zu suchen. Doch jener Unbekannte sorgte selbst dafür, daß er ihn nicht vergaß: am nächsten Tage begegnete er Weltschaninoff auf dem Newskij-Prospekt und wieder sah er ihn so eigentümlich an. Weltschaninoff spie aus, doch kaum war es geschehen, da wunderte er sich über sich selbst. Es gibt ja allerdings Physiognomien, die im Augenblick einen ganz grundlosen und zwecklosen Widerwillen erwecken, doch deshalb –

„Ja, ich muß ihm wirklich schon früher einmal begegnet sein,“ murmelte Weltschaninoff nachdenklich, als bereits eine halbe Stunde nach dieser Begegnung vergangen war. Den Rest des Tages verbrachte er aber wiederum in der unangenehmsten Stimmung, und in der Nacht hatte er sogar einen bösen Traum. Und doch kam er nicht darauf, daß die ganze Ursache dieser neuen und eigentümlichen Hypochondrie nur jener Herr mit dem Trauerflor um den Hut war, obschon er im Laufe des Abends mehr als einmal an ihn gedacht und sich vorübergehend sogar gallig darüber geärgert hatte, daß „solch ein Subjekt“ sich breit zu machen wagte; doch diesem „Subjekt“ nun gar seine ganze Unruhe zuzuschreiben – das hätte er entschieden für eine Erniedrigung gehalten, wenn er überhaupt auf den Gedanken gekommen wäre.

Zwei Tage darauf begegnete er ihm wieder, im dichtesten Gedränge an einer Landungsstelle der Newadampfer. Diesmal hätte Weltschaninoff darauf schwören mögen, daß der Herr mit dem Trauerflor um den Hut ihn erkannt und sich krampfhaft zu ihm hin gedrängt habe, doch die Menge brachte sie auseinander. Einen Moment hatte es ihm sogar geschienen, als habe sich jener „erfrecht“, ihm die Hand entgegen zu strecken, ja, vielleicht hatte er ihn sogar angerufen, sogar beim Namen gerufen! Letzteres hatte er übrigens nicht genau gehört, aber –

„Wer, zum Teufel, ist denn dieser Schuft und weshalb kommt er nicht auf mich zu, wenn er mich erkannt hat und doch offenbar etwas von mir haben will?“ dachte er ärgerlich, während er in eine Droschke stieg und in der Richtung des Ssmolnaklosters davonfuhr. Eine halbe Stunde darauf stritt er sich bereits heftig mit seinem Rechtsanwalt, doch am Abend und in der Nacht kamen wieder die Qualen seiner allerabscheulichsten und sogar ins Phantastische ausartenden Hypochondrie.

„Oder sollte etwa meine Galle nicht in Ordnung sein?“ fragte er sich argwöhnisch und betrachtete sich im Spiegel, um sein Gesicht auf etwaige Anzeichen der Gelbsucht hin zu prüfen.

Es war die dritte Begegnung gewesen. Darauf sah er ihn fünf Tage lang kein einziges Mal: der „Schuft“ schien verschwunden zu sein. Inzwischen aber, ob er wollte oder nicht, trat ihm der Mann mit dem Trauerflor doch immer wieder ins Gedächtnis und seine Gedanken beschäftigten sich unaufhörlich mit dem Unbekannten. Mit einer gewissen Verwunderung ertappte er sich selbst auf seinen Gedanken.

„Es ist ja, bei Gott, als hätte ich Sehnsucht nach ihm! – oder was ist es sonst? Hm! ... Er muß hier in Petersburg viel zu tun haben – um wen er wohl trauern mag? Augenscheinlich hat er mich erkannt, ich aber – ’s ist doch zu dumm! Ich kann mich wirklich nicht ... Und wozu nur diese Leute einen Trauerflor um den Hut tragen? Es steht ihnen nicht ... Ich glaube, wenn ich ihn genauer betrachtete, würde ich ihn erkennen ...“

Und da war es ihm, als beginne sich etwas ... so ... so wie zu regen in seinem Gedächtnis: gleichsam ein bekanntes, doch aus irgendeinem Grunde vergessenes Wort wollte aufsteigen, auf das er sich durch krampfhaft konzentriertes Denken zu besinnen suchte, wie man es so oft vergeblich tut: man kennt das im Moment entfallene Wort sehr gut und man weiß, daß man es kennt; man weiß auch, was es bedeutet, man windet sich förmlich darum herum, und doch – man kommt nicht darauf, so sehr man sich auch quält!

„Das war ... das ist schon lange her ... und das war irgendwo ... nicht hier. Da war etwas ... da war ... – ach, hol’s der Teufel, was dort war oder nicht war!“ rief er plötzlich entschieden verärgert aus, „und ist denn dieser Lump es überhaupt wert, daß man sich seinetwegen so ... abquält und erniedrigt? ...“

Und er ärgerte sich furchtbar; als er sich jedoch am Abend plötzlich erinnerte, daß er sich geärgert, und sogar furchtbar geärgert hatte, da war ihm das wieder sehr, wirklich, sehr unangenehm. Es war ihm, als habe ihn jemand in irgendeiner Beziehung gewissermaßen eingefangen. Das verwirrte ihn. Und er wunderte sich.

„So muß denn doch eine Ursache vorhanden sein, weshalb ich mich ärgere ... so ganz ohne jede Veranlassung ... bei der bloßen Erinnerung ...“ Er wollte aber seinen Gedanken nicht zu Ende denken.

Doch am nächsten Tage ärgerte er sich noch mehr, nur glaubte er diesmal, allen Grund dazu zu haben, und mit seinem Ärger durchaus im Recht zu sein, denn – „die Frechheit war unerhört!“ – jener war ihm zum vierten Male begegnet.

Wie aus dem Boden geschossen war plötzlich dieser verwünschte Hut mit dem Trauerflor vor ihm aufgetaucht. Weltschaninoff hatte gerade jenen einflußreichen Staatsrat, den er neuerdings in seiner Villa aufzusuchen, d. h. quasi zu überrumpeln gedachte, ganz zufällig auf der Straße getroffen und es war ihm sogar gelungen, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Er bemühte sich aber vergeblich, den alten Schlaukopf, dem diese Begegnung mit Weltschaninoff natürlich sehr unangenehm war, durch entsprechende Fragen auf das gewünschte Thema zu bringen, um ihn dann geschickt zu zwingen, doch irgend etwas über den Ausgang seines Prozesses verlauten zu lassen. Das verlangte ein gutes Stück Mühe, Gedankenverbindung und Politik, denn der alte Fuchs ließ sich nicht so leicht in die Enge treiben. Und da – gerade in dem Augenblicke, als Weltschaninoff eine geschickte Frage einflechten wollte – gerade da fügte es das Schicksal, daß er über die Straße sah und dort auf dem anderen Trottoir plötzlich – den Mann mit dem Trauerflor erblickte. Er stand und sah von dort aus aufmerksam zu den beiden hinüber: er mußte ihnen gefolgt sein, das war klar, und wie es schien, lächelte er sogar höhnisch.

„Zum Teufel!“ fluchte Weltschaninoff, nachdem er sich vom Staatsrat verabschiedet hatte und nun seinen ganzen Mißerfolg dem Erscheinen dieses „Frechlings“ zuschrieb. „Zum Teufel, sollte er etwa ein Spion sein, der mich nicht aus dem Auge lassen will? Daß er mich verfolgt, liegt ja auf der Hand! Sollte er etwa von irgend jemandem dazu angestellt sein ... und ... und bei Gott, das Vieh grinste noch obendrein! Ich werde ihn ... prügeln, daß ihm kein Knochen im Leibe heil bleiben soll, bei meiner Ehre! Schade nur, daß ich keinen Stock trage! ... Ich werde mir einen kaufen, ganz einfach! Das lasse ich mir nicht bieten! Wer er wohl sein mag? Das muß ich unbedingt in Erfahrung bringen!“

Drei Tage nach dieser vierten Begegnung, es war am dritten Juli, fühlte sich Weltschaninoff, als er das Restaurant betrat, in dem er zu speisen pflegte, bereits ernstlich erregt, beunruhigt und in etwas sogar aus dem Geleise gebracht. Doch das haben wir schon oben erwähnt. Nur konnte er sich jetzt nicht mehr über die Ursache dieses seines Zustandes Täuschungen hingeben, obschon sein Stolz diese letzteren der Wahrheit gern vorgezogen hätte. Wie die Dinge nun einmal lagen, wurde er ja geradezu zu der Erkenntnis gezwungen, daß seine ganze eigentümliche Stimmung, seine vierzehntägige Übellaunigkeit und Unruhe auf nichts anderes zurückzuführen waren, als auf „diesen selben Trauerflormenschen“, obschon dieses „nichtswürdige Subjekt“ einer solchen Ehre gar nicht wert war.

„Schön, sagen wir, nehmen wir an, ich bin ein Hypochonder,“ dachte Weltschaninoff, „und folglich geneigt, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, – so fragt es sich doch, ob es mir denn dadurch leichter wird, wenn ich mir sage, daß alles das vielleicht nur meine Einbildung ist? Denn, wäre in der Tat jedes ähnliche Subjekt imstande, einen Menschen vollständig aus dem Gleichgewicht zu bringen, so wäre das doch ... so wäre das doch ...“

Er fand nicht sogleich den richtigen Ausdruck.

Allerdings hatte sich der Elefant diesmal bei der fünften Begegnung, die Weltschaninoff so aus dem „Gleichgewicht“ gebracht hatte, fast ganz als Mücke gezeigt: er war wie gewöhnlich aufgetaucht und an ihm vorübergeglitten, hatte ihn aber weder angesehen, noch sonstwie zu zeigen versucht, daß er ihn erkannt habe und überhaupt kenne, wie er es früher jedesmal getan, sondern hatte im Gegenteil den Blick gesenkt und offenbar ganz unbemerkt verschwinden wollen. Da hatte sich aber Weltschaninoff brüsk nach ihm umgekehrt und laut gerufen:

„He! Sie da! Hut mit dem Trauerflor! Jetzt laufen Sie! He! Stillgestanden! Wer sind Sie?“

Die Frage, wie der ganze Anruf waren natürlich sehr dumm, doch Weltschaninoff sah das erst ein, als es schon zu spät war. Der Herr war zusammengezuckt und stehen geblieben, hatte sich halb umgedreht und gelächelt – sichtlich verwirrt – und so hatte er eine Weile gestanden, offenbar in der größten Unentschlossenheit, und dann plötzlich hatte er kehrtgemacht und war davongeeilt, ohne sich noch einmal umzusehen. Verwundert sah ihm Weltschaninoff nach.

„Aber wie? ...“ fragte er sich plötzlich, „wie, wenn in Wirklichkeit nicht er es ist, der mich verfolgt, sondern ich es bin, der ihn verfolgt, und wenn das schließlich die Sache ganz anders erklärt?“

Nachdem er gespeist und bezahlt hatte, begab er sich sogleich nach dem Landhause jenes einflußreichen Staatsrats. Er traf ihn jedoch nicht zu Hause an. Man sagte ihm, der Herr sei am Morgen ausgegangen und werde wohl kaum vor drei oder vier Uhr nachts aus der Stadt zurückkehren, da er zu einer Namenstag-Feier eingeladen sei. Das fand nun Weltschaninoff dermaßen „beleidigend“, daß er in der ersten Wut ohne weiteres beschloß, den Staatsrat dort im fremden Hause aufzusuchen, und so nannte er dem Kutscher die Adresse. Unterwegs wurde er zum Glück etwas ruhiger und sagte sich, daß er in seinem Vorhaben doch wohl zu weit gehe, und nachdem er das eingesehen, ließ er den Kutscher halten und stieg aus, um sich zu Fuß nach Hause zu begeben. Es stand ihm freilich noch ein weiter Weg bevor – bis zum Großen Theater – aber er hatte das Bedürfnis, sich Bewegung zu machen: um seine Nerven zu beruhigen, mußte er sich um jeden Preis einmal gut ausschlafen; um jedoch überhaupt einschlafen zu können, mußte er sich physisch ermüden. So langte er erst gegen elf Uhr in seiner Wohnung an und fühlte sich durch den weiten Gang auch wirklich ganz erschöpft.

Seine Wohnung, die er im März bezogen hatte, und an der er mit einer gewissen Schadenfreude alles auszusetzen fand – doch entschuldigte er sich gewöhnlich wieder damit, daß er ja nur durch „diesen verdammten Prozeß“ en passant in Petersburg steckengeblieben sei, was ihn dann etwas zu beruhigen schien – diese Wohnung war in Wirklichkeit durchaus nicht so schlecht und „geradezu schmachvoll“, wie er sich selbst ausdrückte. Der Eingang war allerdings etwas dunkel, was die Bezeichnung Weltschaninoffs, er sei „einfach schwierig“ in etwas rechtfertigte, zumal die Tür zum Treppenhaus sich unter dem Torbogen befand. Dafür aber war die Wohnung selbst, die im zweiten Stockwerk lag, sogar sehr anständig: sie bestand aus zwei großen, hohen und hellen Zimmern, die ein dunkles Vorzimmer voneinander trennte und von denen das eine nach der Straße, das andere nach dem Hofe lag. An letzteres schloß sich seitlich noch ein kleineres Zimmer an, das eigentlich als Schlafzimmer gedacht war, doch Weltschaninoff benutzte es als Aufbewahrungsraum, in dem er Bücher und Papiere kunterbunt liegen ließ. Als Schlafraum benutzte er dagegen das größte Zimmer, jenes, das an der Straßenseite des Hauses lag. Dort schlief er auf einem Diwan. Seine Möbel waren zwar nicht mehr ganz neu, aber doch nicht übel, und sogar einige kostbare Sachen waren darunter vorhanden – Reste einstiger Wohlhabenheit: kleine Kunstgegenstände in Bronze und Porzellan, große bucharische Teppiche, sogar zwei ganz gute Gemälde. Nur befand sich alles in einer gewissen Unordnung, alles stand wie nicht auf dem richtigen Platze und stellenweise war sogar Staub zu sehen, seitdem sein Dienstmädchen Pelageja zu ihren Verwandten nach Nowgorod gefahren war und ihn vorläufig allein gelassen hatte. Diese sonderbare Tatsache, daß er als unverheirateter Lebemann, der doch immer noch in erster Linie für einen Gentleman gelten wollte, nur einen einzigen dienstbaren Geist und noch dazu weiblichen Geschlechts hatte, ließ Weltschaninoff oft fast vor sich selber erröten, obschon er mit dieser Pelageja sehr zufrieden war. Im Frühling, als er die Wohnung bezogen, hatte er sie von einer bekannten Familie, die ins Ausland reiste, übernommen und sich so an sie gewöhnt, daß er sich nicht entschließen konnte, für die Zeit ihrer Abwesenheit ein anderes weibliches Wesen zu nehmen. Einen Diener zu engagieren, das lohnte sich für die kurze Zeit nicht, und außerdem hatte er Diener eigentlich nicht gern. So kam denn jeden Morgen die Schwester der Portiersfrau, Mawra, um aufzuräumen, und ihr übergab er auch jedesmal den Türschlüssel, wenn er ausging. Nur tat diese Mawra für das Geld, das er ihr zahlte, so gut wie nichts und allem Anscheine nach stahl sie sogar. Doch Weltschaninoff befand sich in einer Stimmung, in der er alles Nebensächliche gehen ließ, wie es eben ging, und zuweilen war er sogar sehr zufrieden damit, daß er jetzt ganz allein sein konnte. Doch auch das hatte seine Grenze und wenn er verbittert in sein Heim zurückkehrte, rebellierten seine Nerven empfindlich gegen diesen ganzen „Schmutz“, wie er sich ausdrückte, und mit Widerwillen betrat er dann seine Zimmer.

Diesmal langte er aber so müde in seiner Wohnung an, daß er nichts als den einen Wunsch empfand – „nur zu schlafen“. Und kaum hatte er sich so – ohne sich ganz zu entkleiden – auf sein Lager geworfen und die Augen geschlossen, da vergaß er auch schon alles und schlief ein, während ihn sonst den ganzen Monat über fast in jeder Nacht Schlaflosigkeit gequält hatte.

Er schlief etwa drei Stunden, doch war es ein schwerer, unerquickender Schlaf mit so seltsamen Träumen, wie sie sonst nur Fieber und Krankheit zusammenzudichten vermögen. Es handelte sich da um irgendein Verbrechen, das er begangen haben sollte und nun zu verheimlichen suchte, doch wurde er einstimmig von Menschen, die ununterbrochen irgendwoher ins Zimmer traten, dieses Verbrechens beschuldigt. Es hatte sich schon eine ganze Menge versammelt, aber es kamen immer noch mehr hinzu, so daß die Tür gar nicht geschlossen wurde, sondern offen stand. Doch das allgemeine Interesse konzentrierte sich schließlich auf einen sonderbaren Menschen, den er gekannt und der ihm einmal sehr nahe gestanden hatte, jedoch schon seit Jahren verstorben, jetzt aber aus irgendeinem Grunde plötzlich gleichfalls eingetreten war. Am meisten quälte Weltschaninoff, daß er nicht wußte, wer dieser Mensch war, daß er seinen Namen vergessen hatte und sich nicht auf ihn besinnen konnte; er entsann sich nur noch, ihn einst sehr gern gehabt zu haben. Und von diesem Menschen schienen alle Anwesenden voll Ungeduld das entscheidende Wort zu erwarten: die Beschuldigung oder die Freisprechung Weltschaninoffs. Doch jener saß regungslos am Tisch und schwieg und wollte nicht sprechen. Die Menge wurde immer lauter, der Lärm wuchs unaufhaltsam, man war aufgebracht, gereizt, und plötzlich wurde Weltschaninoff von rasender Wut erfaßt, er holte aus und schlug diesen Menschen, weil er nicht sprechen wollte. Das Gefühl aber, das diese Tat in ihm hervorrief, war wie eine seltsame Genugtuung, wie ein Genuß: sein Herz stand still vor Entsetzen und Schmerz über seine Tat, doch gerade in diesem Aussetzen des Herzschlages lag der Genuß. Und da packte ihn plötzlich grimmiger Haß und er schlug ihn noch einmal und schlug ihn zum drittenmal, und wie trunken vor Jähzorn und sinnloser Angst, die fast an Wahnsinn grenzte und dennoch nur eine grenzenlose Lust war, zählte er nicht mehr seine Schläge, er schlug nur und schlug. Er wollte alles, alles „jenes“ vernichten. Plötzlich aber war irgend etwas geschehen: das Geschrei der Menge schwoll laut an und alle wandten sich wie in gespannter Erwartung zur Tür, und in derselben Sekunde wurde jäh die Türglocke gezogen, gellend laut, und mit solcher Kraft, als wolle man den Glockenzug abreißen. Weltschaninoff erwachte, kam im Augenblick zu sich, sprang auf und stürzte zur Tür – er war überzeugt, daß wirklich geläutet worden sei, – denn das konnte doch kein Traum sein! „Es wäre doch gar zu unnatürlich, wenn ich diesen lauten, greifbar hörbaren Schall nur im Traum gehört haben sollte!“ sagte er sich.

Zu seiner größten Verwunderung aber erwies sich der Schall doch nur als Traum. Er öffnete die Tür, trat in den Flur hinaus, sah auch hinunter ins Treppenhaus – es war niemand zu sehen. Die Glocke hing regungslos. Er wunderte sich, fühlte sich aber doch leichter gestimmt, und kehrte ins Zimmer zurück. Während er das Licht anzündete, fiel es ihm ein, daß er die Tür wohl geschlossen, aber nicht verschlossen und verriegelt hatte. Auch früher schon hatte er nachts, wenn er nach Haus kam, oft vergessen, den Schlüssel umzudrehen, ohne der Sache irgendwelche Bedeutung beizumessen, obschon Pelageja ihm deshalb jedesmal Vorwürfe gemacht hatte. So ging er jetzt ins Vorzimmer zurück, öffnete noch einmal die Tür und sah in den Flur hinaus, dann schloß er sie wieder und schob den Riegel vor – nur um den Schlüssel umzudrehen, dazu war er doch zu faul. Die Uhr schlug halb drei; er mußte also über drei Stunden geschlafen haben.

Der Traum hatte ihn so aufgeregt, daß er sich nicht gleich wieder hinlegen wollte und im Zimmer eine halbe Stunde auf- und abzugehen beschloß – „Zeit, um eine Zigarette zu rauchen,“ sagte er sich. Er zog die vorhin abgeworfenen Kleidungsstücke wieder an, trat ans Fenster, schob den schweren Stoffvorhang zur Seite und zog das weiße Rouleau in die Höhe. Auf der Straße war es bereits hell genug, um alles deutlich unterscheiden zu können. Die hellen Petersburger Sommernächte hatten von jeher eine gewisse nervöse Reizbarkeit in ihm hervorgerufen, und in der letzten Zeit waren sie gewiß auch an seiner Schlaflosigkeit schuld gewesen, wenigstens zum Teil. Deshalb hatte er vor etwa zwei Wochen diese dicken Vorhänge gekauft, die das Zimmer vollständig verdunkelten, wenn er sie vorzog. Von draußen drang jetzt das fahle Dämmerlicht der hellen Nacht ins Zimmer, doch Weltschaninoff vergaß die brennende Kerze auf dem Tisch und ging mit einem eigentümlich schweren und kranken Gefühl auf und ab. Der Eindruck des Traumes wirkte noch nach. Er litt noch im Ernst darunter, daß er seine Hand gegen diesen Menschen hatte erheben und ihn schlagen können.

„Aber diesen Menschen gibt es ja gar nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben, das war doch nur ein Traum – was fällt mir denn ein?“

Und er zwang sich mit einer förmlichen Erbitterung – und als sei das seine einzige Sorge – nur daran zu denken, daß er entschieden einer Krankheit entgegengehe und daß er „überhaupt ein kranker Mensch“ sei.

Es fiel ihm gar zu schwer, sich einzugestehen, daß er eben älter, daß er alt und schwach werde, und nur in den schlimmsten Stunden übertrieb er wohl in Gedanken alle Altersanzeichen geflissentlich und bis zur Boshaftigkeit, nur um sich in seinem Ingrimm noch mehr zu reizen.

„Ja: das ist das Alter!“ murmelte er dann vor sich hin, während er ruhelos auf- und abging, „bin schon der richtige Klappergreis – das Gedächtnis schwindet, sehe Halluzinationen, verrückte Träume, höre Glocken läuten ... Hol’s der Teufel! Ich weiß doch aus Erfahrung, daß solche Träume immer eine Krankheit bei mir ankünden! ... Ich bin überzeugt, daß auch diese ganze Geschichte mit dem Trauerflor gleichfalls nur ein Traum ist. Ganz entschieden habe ich gestern recht gehabt: nicht er ist es, der mir nachläuft, sondern umgekehrt: ich, ich bin es, der ihm nachläuft! Ich habe mir da ’ne ganze Ballade um seine Person zusammengereimt und bin vor Angst fast unter den Tisch gekrochen. Und wie komme ich eigentlich darauf, ihn mit allen nur ausdenkbaren Schimpfwörtern zu betiteln? Er kann sogar ein äußerst anständiger Mensch sein. Sein Gesicht – das ist wahr – ist allerdings unsympathisch, obschon darin eigentlich nichts ausgesprochen Häßliches liegt. Kleidet sich wie alle anderen. Der Blick ist zwar irgendwie so ... Doch schon wieder denke ich an ihn! Schon wieder! Was zum Teufel geht mich sein Blick an! Bei Gott, es ist ja, als konnte ich überhaupt nicht mehr leben ohne diesen ... Spitzbuben!“

Es fuhren ihm verschiedene Gedanken durch den Sinn, von denen ihn aber einer höchst unangenehm berührte; es war ihm, als sei er plötzlich überzeugt, daß dieser Mensch mit dem Trauerflor irgendwo und -wann einmal mit ihm befreundet gewesen sein müsse und jetzt bei jeder Begegnung über ihn lache, weil er um irgendein großes Geheimnis seiner Vergangenheit wußte und ihn nun in einer so „erniedrigenden Situation“ sah. Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat er ganz mechanisch ans Fenster, um es zu öffnen und die Nachtluft einzuatmen und – und plötzlich, er hatte den Fenstergriff noch nicht angerührt, erschrak er so heftig, daß er zusammenfuhr: es war die jähe Empfindung, daß dort vor ihm etwas Unerhörtes, Unmögliches geschehen sei.

Im Augenblick versteckte er sich hinter dem dunklen Vorhang, um vorsichtig, ohne selbst gesehen werden zu können, auf die Straße zu spähen: und richtig: auf dem gegenüberliegenden Trottoir der menschenleeren Straße sah er plötzlich, seinem Hause gerade gegenüber, den Herrn mit dem Trauerflor stehen. Der Herr stand, das Gesicht den Fenstern seiner Wohnung zugewandt, (doch offenbar hatte er ihn nicht am Fenster bemerkt) und betrachtete neugierig und wie mit bestimmten Gedanken vorbeschäftigt, das Haus. Es machte den Eindruck, als könne er mit den Gedanken nicht zu Ende kommen, obschon er sich sichtlich gern zu etwas entschließen wollte: er hob die Hand und schien den Finger an die Stirn zu legen. Endlich hatte er sich entschlossen: er sah sich flüchtig nach beiden Seiten um und schlich dann schnell auf den Fußspitzen über die Straße, und – richtig! – er verschwand unter dem Torbogen des Hauses –: das Nebenpförtchen, das im Sommer oft nicht vor dem Morgen verschlossen wurde, kreischte leise.

„Er kommt zu mir!“ fuhr es Weltschaninoff wie ein Blitz durch den Sinn, und plötzlich eilte er schnell, doch leise und auf den Fußspitzen, ins Vorzimmer zur Tür und – hielt den Atem an, die zuckende Rechte leicht auf den vorgeschobenen Riegel gelegt, und so lauschte er in äußerster Spannung auf das Geräusch der erwarteten Schritte im Treppenhaus.

Sein Herz pochte so laut, daß er fürchtete, zu überhören, wie der Unbekannte auf den Fußspitzen die Treppen hinaufschlich. Er dachte nicht an die Bedeutung des Vorgangs, er fühlte nur alles mit einer wie verzehnfachten Schärfe. Sein Traum von vorhin schien mit der Wirklichkeit eins geworden zu sein. Weltschaninoff war von Natur mutig, doch liebte er es zuweilen, seine Furchtlosigkeit in Erwartung der Gefahr so weit zu treiben, daß sie förmlich an Prahlerei gemahnte – sogar dann, wenn niemand zugegen war; er tat’s eben, um sich selbst zu gefallen. Jetzt aber kam noch etwas anderes hinzu. Der Hypochonder und angehende Greis von vorhin hatte sich vollständig verwandelt, er war ein ganz anderer Mensch geworden. Ein nervöses, unhörbares Lachen erschütterte ihn innerlich. Hinter der geschlossenen Tür stehend, erriet er jede Bewegung des Unbekannten.

„Ah! Da kommt er! ... Jetzt ist er angelangt ... hält Umschau ... horcht hinunter ... atmet kaum, schleicht ... ah! Da hat er die Klinke gefaßt, drückt, versucht! Er hat wohl darauf gerechnet, daß meine Tür offen sein wird! Dann muß er also schon erfahren haben, daß ich bisweilen vergesse, zuzuschließen! Wieder drückt er die Klinke, zieht ... was er wohl denken mag? – daß der Riegel von selbst zurückschnellen wird? Er kann sich nicht trennen! Es tut ihm gewiß leid, umsonst gekommen zu sein!“

Und in der Tat, es mußte dort hinter der Tür wirklich alles so geschehen sein, wie er es sich vorstellte: jemand stand dort und versuchte leise und vorsichtig die Tür zu öffnen, und tat es – „versteht sich, nicht ohne besondere Absicht“, wie sich Weltschaninoff sagte: und im Nu hatte er seinen Entschluß gefaßt, wie er das Rätsel lösen wollte. Mit einer gewissen Begeisterung geradezu wartete er auf den richtigen Augenblick, stellte er sich zurecht und machte sich bereit: er wollte plötzlich den Riegel zurückziehen und die Tür aufstoßen und Auge in Auge dem „Schreckgespenst“ gegenüberstehen. – „Wenn ich bitten darf, was tun Sie denn hier, Verehrtester?“

Und so geschah es auch: als er den richtigen Moment abgepaßt hatte, zog er den Riegel zur Seite, riß die Tür auf und – prallte fast zusammen mit dem Herrn, der auf dem Hut einen Trauerflor trug.

III. Pawel Pawlowitsch Trussozkij.

Der Fremde schien sprachlos zu sein. Beide standen sie sich auf der Schwelle dicht gegenüber und sahen einander unbeweglich an. So vergingen mehrere Sekunden und plötzlich – erkannte Weltschaninoff seinen Gast!

Gleichzeitig schien auch der Gast zu erraten, daß Weltschaninoff ihn erkannt hatte: das verriet sein aufblitzender Blick. Und im Augenblick taute sein ganzes Gesicht auf und lächelte das freundlichste Lächeln ...

„Ich habe wohl das Vergnügen, mit Alexei Iwanowitsch zu sprechen?“ fragte er fast singend mit einer süßlichen und zur ganzen Situation so unpassenden Stimme, daß sie direkt komisch wirkte.

„Ja sind Sie denn wirklich Pawel Pawlowitsch Trussozkij?“ fragte endlich Weltschaninoff noch ganz verdutzt.

„Wir waren vor etwa neun Jahren in T. miteinander bekannt, und – wenn Sie mir gestatten, Sie daran zu erinnern – waren sogar befreundet.“

„Ja ... nun ja ... schön, aber – jetzt ist es drei Uhr nachts und Sie haben ganze zehn Minuten lang meinen Türverschluß untersucht, um sich zu vergewissern, ob man bei mir nicht ohne weiteres eintreten kann ...“

„Drei Uhr!“ rief der Gast erstaunt, zog seine Uhr hervor und betrachtete sie ganz bekümmert, „ja richtig: drei Uhr! Entschuldigen Sie, Alexei Iwanowitsch, ich hätte mir das vorher sagen sollen – wie konnte ich nur! Doch – ich werde in den nächsten Tagen vorsprechen und dann alles erklären, jetzt aber ...“

„Oh, nein! Wenn Sie was erklären wollen, dann gefälligst gleich!“ fiel ihm Weltschaninoff scharf ins Wort. „Wenn ich bitten darf, dorthin ins Zimmer – treten Sie ein ... Sie werden doch, wie ich annehme, sowieso die Absicht gehabt haben, einzutreten, da Sie wohl nicht nur zu dem Zweck in der Nacht hergekommen sind, um Schlösser zu untersuchen ...“

Er war doch etwas aufgeregt und zugleich auch wie verdutzt. Dabei fühlte er, daß er seine Gedanken nicht sammeln konnte. Er begann sogar, sich zu schämen: also weder ein Geheimnis, noch eine Gefahr – nichts von dem steckte hinter seiner ganzen Gespensterseherei! Nichts blieb von ihr übrig als nur die dumme Gestalt irgendeines Pawel Pawlowitsch. Aber – im Grunde glaubte er doch nicht so ganz, daß wirklich nichts weiter dahinterstecke, es war doch wie eine dunkle, beklemmende Ahnung in ihm.

Er ließ seinen Gast Platz nehmen und setzte sich selbst in ungeduldiger Erwartung ihm gegenüber auf seinen Schlafdiwan, einen Schritt vom Lehnsessel des anderen entfernt, stützte die Handflächen auf die Knie und wartete gereizt auf das, was jener nun vorbringen würde. Er betrachtete ihn neugierig und die Erinnerungen an die Zeit ihrer einstigen Bekanntschaft vervollständigten sich. Doch seltsamerweise blieb jener immer noch stumm, ja er schien nicht einmal zu wissen, daß es einfach seine „Pflicht“ war, zu sprechen; er sah sogar im Gegenteil mit einem sichtlich erwartungsvollen Blick Weltschaninoff an, als müsse dieser beginnen. Vielleicht war er auch nur etwas scheu geworden und empfand zunächst bloß eine gewisse Unsicherheit, wie etwa eine in die Falle geratene Maus. Doch Weltschaninoff wurde wütend:

„Na, was denn nun?“ fuhr er ihn an. „Sie sind doch, denke ich, kein Spuk und kein Traum! Oder haben Sie sich herbemüht, nur um hier eine Leiche vorzustellen? Sie sind mir Ihre Erklärung schuldig, mein Bester!“

Der Gast bewegte sich ein wenig, lächelte und begann vorsichtig:

„Soviel ich sehe, scheint es Sie – vor allen Dingen – zu frappieren, daß ich zu so später Stunde gekommen bin, und – unter so besonderen Umständen ... So daß es mich – zumal wenn ich mich des Früheren erinnere und wie wir auseinandergingen – jetzt sogar selbst wundert ... Doch übrigens, ich hatte ja auch gar nicht die Absicht, Sie aufzusuchen, und wenn es nun schon so gekommen ist, so war das nur ein Zufall ...“

„Was, Teufel, Zufall! Ich habe Sie doch aus dem Fenster gesehen, wie Sie auf den Fußspitzen über die Straße geschlichen sind!“

„Ach, Sie haben es gesehen! Nun, dann wissen Sie jetzt schließlich besser als ich selbst über alles Bescheid! Doch ich reize Sie wohl nur ... Also kurz – da ist ja nicht viel zu sagen: ich halte mich schon seit etwa drei Wochen hier auf, in eigenen Angelegenheiten ... Ich bin ja doch Pawel Pawlowitsch Trussozkij, Sie haben mich ja selbst erkannt. Was mich hier festhält, ist, daß ich mich um meine Versetzung in ein anderes Gouvernement, in einen anderen Dienst und auf einen bedeutend höheren Posten bemühe ... Doch übrigens, das ist es auch nicht! ... Die Hauptsache, wenn Sie wollen, ist, daß ich mich hier nun schon die dritte Woche herumtreibe und die Erledigung meiner Angelegenheit – d. h. also meine Versetzung – wie mir scheint, selbst absichtlich in die Länge ziehe. Und wirklich, wenn mein Gesuch genehmigt werden sollte, so werde ich womöglich am selben Tage noch vergessen, daß ich versetzt bin und Ihr Petersburg nicht verlassen – in meiner gegenwärtigen Stimmung! Ich treibe mich hier herum, als hätte ich mein Ziel verloren, und es ist fast, als freute ich mich sogar darüber, daß ich es verloren habe – in meiner gegenwärtigen Stimmung, wie gesagt ...“

„Was ist denn das für eine gegenwärtige Stimmung?“ fragte Weltschaninoff unwirsch.

Der Gast schlug die Augen zu ihm auf, erhob den Hut und wies mit ernster Würde auf den Trauerflor.

„Ja, sehen Sie, in dieser Stimmung!“

Weltschaninoff sah mit stumpfem Blick auf den Flor, sah seinem Gast ins Gesicht, sah wieder auf den Flor. Plötzlich schoß ihm das Blut auf einen Augenblick jäh ins Gesicht und eine entsetzliche Aufregung überkam ihn.

„Doch nicht Natalja Wassiljewna?“

„Ja. Natalja Wassiljewna. In diesem März ... An der Schwindsucht. Und fast ganz plötzlich, kaum zwei oder drei Monate war sie krank. Und ich bin jetzt – wie Sie sehen!“

Damit breitete der Gast in tiefer Ergriffenheit die Arme aus – in der Linken seinen Hut mit dem Trauerflor – neigte seinen kahlen Kopf tief auf die Brust, und verblieb in dieser Stellung wohl reichlich zehn Sekunden.

Diese Geste und die ganze Pose wirkten auf Weltschaninoff wie eine ernüchternde Erfrischung; ein spöttisches und sogar kränkend verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund – doch nur einen Augenblick: die Nachricht vom Tode dieser Dame (mit der er vor vielen Jahren bekannt gewesen war, und die er schon seit so vielen Jahren völlig vergessen hatte) machte auf ihn seltsamerweise einen nahezu erschütternden Eindruck.

„Ist es möglich!“ murmelte er die ersten besten Worte, die ihm gerade einfielen, „aber weshalb haben Sie mich dann nicht gleich aufgesucht und es mir mitgeteilt?“

„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, ich sehe und schätze sie, ungeachtet ...“

„Ungeachtet?“

„Ich wollte nur sagen, ungeachtet des langen Zeitraums, der zwischen unserer früheren Bekanntschaft und unserem jetzigen Wiedersehen liegt, haben Sie mir doch sogleich Teilnahme bezeugt und mich noch dazu so aufrichtig Ihres Beileids versichert, daß ich, versteht sich, Dankbarkeit empfinde. Nur das war es, was ich ausdrücken wollte. Nicht, daß ich an meinen Freunden zweifelte oder vielmehr an der Aufrichtigkeit ihres Mitgefühls! Ich kann auch hier, und sogar in jedem Augenblick, mir aufrichtig zugetane Freunde aufsuchen – zum Beispiel, nur um einen Namen zu nennen, etwa Stepan Michailowitsch Bagontoff. Aber unsere Bekanntschaft, Alexei Iwanowitsch – oder sagen wir Freundschaft, zumal ich mit Erkenntlichkeit an sie zurückdenke – liegt ja schon ganze neun Jahre zurück, Sie haben uns doch nachher nicht mehr besucht, und Briefe sind weder von Ihnen noch von uns geschrieben worden ...“

Der Gast sprach so fließend, als hätte er Noten vor sich gehabt, nach denen er unbekümmert singen konnte, doch blickte er die ganze Zeit zu Boden, was natürlich nicht ausschloß, daß er jede Bewegung Weltschaninoffs verfolgte. Dieser hatte sich inzwischen zu ruhigerer Überlegung Zeit genommen.

Indes hörte er seinem Gast mit einer äußerst seltsamen Empfindung zu, die sich in ihrer Art immer deutlicher fühlbar machte, und je aufmerksamer er ihn betrachtete, um so seltsamer war der Eindruck: und plötzlich, als jener innehielt, überfielen ihn mit einemmal die buntesten, verrücktesten Gedanken.

„Aber weshalb habe ich Sie denn nicht gleich erkannt!“ rief er lebhaft aus. „Wir haben uns doch ganze fünf Mal, glaube ich, auf der Straße gesehen!“

„Ja; auch ich entsinne mich dessen; Sie sind mir öfters begegnet – zweimal, oder vielleicht auch sogar dreimal ...“

„Das heißt – Sie sind es, der mir begegnet ist, nicht aber ich Ihnen!“

Weltschaninoff stand auf und plötzlich brach er ganz unvermittelt in lautes Gelächter aus. Pawel Pawlowitsch schloß vorsichtshalber sogleich den Mund, sah ihn aufmerksam an, fuhr aber dann schon im nächsten Moment ruhig fort, als sei nichts geschehen:

„Daß Sie mich nicht erkannt haben, ist weiter nicht verwunderlich, denn erstens ist es lange her, daß wir uns gesehen haben, und zweitens habe ich nachher die Pocken gehabt, von denen natürlich einige Narben im Gesicht geblieben sind.“

„Die Pocken? Bei Gott, er hat tatsächlich die Pocken gehabt! Aber wie hat denn das Sie so ...“

„Heimgesucht? wollen Sie sagen! Ach, es pflegt eben so manches vorzukommen, Alexei Iwanowitsch.“

„Nur ist das immerhin furchtbar komisch! Nun, fahren Sie fort, fahren Sie fort, bester Freund!“

„Obschon Sie auch mir begegnet sind ...“

„Pardon! Weshalb sagten Sie soeben ‚heimgesucht‘? Ich wollte mich ganz anders ausdrücken! – Doch fahren Sie fort!“

Aus irgendeinem Grunde wurde er immer aufgeräumter, geradezu heiter. Der erschütternde Eindruck wurde von ganz anderen Empfindungen verdrängt.

Mit schnellen Schritten ging er im Zimmer auf und ab.

„Und obschon Sie auch mir begegnet sind und ich sogar schon auf der Reise nach Petersburg die Absicht hatte, Sie unbedingt hier aufzusuchen, so bin ich doch jetzt, wie gesagt, in einer solchen Stimmung ... und auch geistig so zerschlagen, eben seit dem März ...“

„Ach ja! seit dem März, richtig ... Erlauben Sie, Sie rauchen doch?“

„Ich – Sie wissen, Natalja Wassiljewna ...“

„Nun ja, nun ja! – aber seit dem März?“

„Ein Zigarettchen vielleicht.“

„Hier, bitte; zünden Sie an und – fahren Sie fort! ... Fahren Sie nur fort, Sie haben mich kolossal ...“

Er zündete sich gerade selbst eine Zigarette an und setzte sich dann schnell wieder auf seinen Diwan. Doch Pawel Pawlowitsch machte eine kleine Pause.

„Weshalb sind denn auch Sie, wie ich sehe, so aufgeregt – sind Sie vielleicht nicht ganz gesund?“

„Eh, zum Teufel mit meiner Gesundheit!“ ärgerte sich Weltschaninoff. „Erzählen Sie weiter!“

Doch je deutlicher die Aufregung des Hausherrn zutage trat, um so ruhiger, selbstzufriedener und sicherer wurde der Gast.

„Ja was soll ich denn da noch weiter erzählen?“ begann er. „Stellen Sie sich doch selbst vor, Alexei Iwanowitsch – einen Menschen, der erstens ganz zerschlagen ist, und nicht nur etwa so bloß relativ, sondern einfach radikal; einen Menschen, der nach zwanzigjähriger Ehe seine Lebensweise von Grund aus ändert und sich hier auf den staubigen Straßen ziellos herumtreibt, wie in der Steppe verirrt, und fast in völliger Selbstvergessenheit, und dem diese Selbstvergessenheit sogar eine gewisse Befriedigung gewährt: Da ist es doch wohl nur natürlich, daß ich bisweilen, wenn mir ein Bekannter oder sogar ein aufrichtiger Freund begegnet, ihm absichtlich aus dem Wege gehe, um nicht mit ihm sprechen zu müssen, im Augenblick wenigstens nicht – d. h. in einem solchen Augenblick der Selbstvergessenheit. Aber dann kommen wieder Stunden, in denen alles lebendig wird und da kommt dann plötzlich eine solche Sehnsucht nach irgend jemandem, der jenes unwiderruflich Vergangene wenigstens miterlebt hat, und das Herz beginnt dabei so zu pochen, daß man nicht nur am Tage, sondern sogar mitten in der Nacht wagt, einen Freund aufzusuchen, nur um sich ihm in die Arme zu werfen, und müßte man ihn auch um vier Uhr – müßte man ihn auch um vier Uhr nachts einzig zu diesem Zweck aus dem Schlaf wecken. So habe ich mich auch jetzt nur in der Stunde geirrt, nicht in der Freundschaft, denn in diesem Augenblick fühle ich mich vollauf belohnt. Was aber die Zeit betrifft, so war ich wirklich der Meinung, es sei erst zwölf, zumal ich in entsprechender Stimmung war. Man trinkt eben seinen eigenen Kummer und es ist, als betrinke man sich an ihm. Aber es ist vielleicht nicht einmal der Kummer, sondern vielmehr die ganze Neuheit der Verfassung, die mich mürbe macht ...“

„Was für Ausdrücke Sie haben!“ bemerkte Weltschaninoff, der plötzlich wieder auffallend ernst geworden war, in eigentümlichem Tone – es klang fast düster.

„Tja, auch die Ausdrücke werden seltsam ...“

„Aber Sie ... Sie scherzen doch nicht?“

„Ob ich scherze!“ rief Pawel Pawlowitsch in wehmütiger Verwunderung, „und das in einem Augenblick, in dem ich mitteile ...“

„Ach, schweigen Sie davon, ich bitte Sie!“

Weltschaninoff stand auf und begann wieder im Zimmer auf und ab zu schreiten.

So vergingen etwa fünf Minuten. Der Gast schien sich gleichfalls erheben zu wollen, doch Weltschaninoff rief sofort: „Bleiben Sie, bleiben Sie, bleiben Sie nur sitzen!“ und so setzte er sich wieder hin.

„Aber wie Sie sich verändert haben!“ begann Weltschaninoff wieder, indem er plötzlich vor ihm stehen blieb, ganz als habe ihn diese Entdeckung geradezu frappiert. „Unglaublich verändert! Ganz fabelhaft! Als wären es zwei ganz verschiedene Menschen!“

„Kein Wunder schließlich: neun Jahre!“

„Nein, nein, nein, nicht die Jahre sind es! Äußerlich haben Sie sich gar nicht so verändert, Sie haben sich in anderer Beziehung verändert!“

„Gleichfalls vielleicht die neun Jahre.“

„Oder seit dem März!“

„He–he!“ lächelte Pawel Pawlowitsch arglistig, „Sie scheinen da einen spaßigen Gedanken zu haben ... Doch wenn ich fragen darf: worin besteht denn eigentlich diese Veränderung?“

„Ja, was ... Früher war’s ein so solider und anständiger Pawel Pawlowitsch, ein so artiger Pawel Pawlowitsch, jetzt aber scheint’s ein ganzer – Vaurien Pawel Pawlowitsch zu sein!“

Er war so gereizt, daß er – wie es übrigens auch die korrektesten Leute in dieser Stimmung bisweilen tun – bereits Überflüssiges zu sagen begann.

„Vaurien! Finden Sie? Und nicht mehr so ‚artig‘ wie früher? Nicht mehr ein so ‚artiger‘ Pawel Pawlowitsch?“ grinste mit wahrer Wonne der sonderbare Gast.

„Zum Teufel mit der Artigkeit! Statt dessen sind Sie jetzt vielleicht klug geworden!“

„Ich bin grob, aber diese Kanaille ist einfach frech! Und ... was mag er nur wollen, was kann er im Auge haben?“ fragte sich Weltschaninoff unruhig.

„Ach, mein teuerster, mein bester Alexei Iwanowitsch!“ regte sich der Gast mit einemmal furchtbar auf, indem er auf seinem Platz hin- und herrückte, „was geht denn das schließlich uns an? – lassen wir es sein, wie es ist! Wir sind doch jetzt nicht in der Öffentlichkeit, nicht in einer glänzenden, vornehmen Gesellschaft! Wir sind die innigsten und ältesten Freunde, sind hier sozusagen in vollster Aufrichtigkeit zusammengekommen und gedenken beide jenes teuren Bundes, in dem die Verstorbene das teuerste, das unersetzlichste Bindeglied war!“

Und scheinbar erschüttert von auf ihn einstürmenden Gefühlen, neigte er sein Haupt auf die Brust und bedeckte das Gesicht mit dem Hut. Weltschaninoff beobachtete ihn unruhig und fühlte sich angewidert durch sein Gebaren.

„Wie aber, wenn er einfach nur ein Narr ist?“ ging es ihm durch den Sinn, „n–n–nein, n–nein, doch wohl nicht! Er scheint nicht mal betrunken zu sein – übrigens, vielleicht doch: sein Gesicht ist rot. Aber wenn auch – das ist ja schließlich egal. Womit er sich nun wohl wieder heranschlängelt! Was will die Kanaille, wozu wärmt er das wieder auf?“

„Wissen Sie noch, wissen Sie noch,“ rief da Pawel Pawlowitsch, der allmählich den Hut hatte sinken lassen und sich nun von den Erinnerungen scheinbar immer mehr begeistern ließ, „entsinnen Sie sich noch unserer gemeinsamen Ausflüge, unserer Abendgesellschaften und Kränzchen, und wie wir bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch tanzten und Gesellschaftsspiele spielten? Und unsere Leseabende zu dreien? Und unsere erste Bekanntschaft, als Sie eines Vormittags bei mir eintraten, um gewisse Erkundigungen in Ihrer Angelegenheit einzuziehen. Sie ärgerten sich noch und zeterten, und plötzlich trat Natalja Wassiljewna ein und nach zehn Minuten schon wurden Sie zu unserem innigsten Hausfreunde, und das blieben Sie dann ein ganzes Jahr – alles genau so wie in der ‚Provinzlerin‘ von Turgenjeff ...“

Weltschaninoff schritt langsam auf und ab, blickte zu Boden, hörte beunruhigt und angewidert zu, und vernahm doch mit Spannung jedes Wort, das er da hörte.

„Wie kommen Sie auf die ‚Provinzlerin‘,“ unterbrach er ihn etwas konfus, „früher haben Sie nie von ihr gesprochen ... und nie in so rührseligem Tone und in einem ... Ihnen so fremden Stil. Weshalb das jetzt?“

„Ich habe früher allerdings mehr geschwiegen, das heißt, ich war schweigsamer,“ fiel ihm Pawel Pawlowitsch eilig ins Wort. „Wie Sie wissen, hörte ich lieber zu, wenn die Verstorbene sprach. Sie erinnern sich doch wohl noch, wie geistreich sie sich zu unterhalten verstand ... Was aber die ‚Provinzlerin‘ betrifft, und namentlich den Stupendjeff, so haben Sie auch hierin recht, denn erst nachher – nach Ihrer Abreise – haben wir, die teure Entschlafene und ich, in manchen stillen Stunden, in denen wir Ihrer gedachten, unsere erste Begegnung mit einer Szene dieses Theaterstücks verglichen, – es besteht nämlich in der Tat eine auffallende Ähnlichkeit. Von dem Stupendjeff aber wollte ich nur sagen ...“

„Zum Teufel, was ist das für ein ‚Stupendjeff‘, hol’s der Henker!“ rief Weltschaninoff nervös und stampfte sogar mit dem Fuß auf, so sehr brachte ihn der Name Stupendjeff, der so etwas wie eine blasse Erinnerung und eine ferne Ahnung in ihm heraufbeschwor, aus dem Gleichgewicht.

„Wie, Stupendjeff? Das ist eine Rolle, eine Theaterrolle, die Rolle des Gatten in der ‚Provinzlerin‘. Der heißt nämlich im Stück ‚Stupendjeff‘, wie gesagt,“ sang sogleich mit honigsüßer Stimme Pawel Pawlowitsch. „Doch das gehört bereits zu einem anderen Zyklus teurer und herrlicher Erinnerungen, Erinnerungen aus der Zeit nach Ihrer Abreise, als uns Stepan Michailowitsch Bagontoff mit seiner Freundschaft beglückte, ganz so wie Sie, nur blieb er uns volle fünf Jahre treu.“

„Bagontoff? Wie, was? Was für ein Bagontoff?“ Weltschaninoff war jäh vor ihm stehen geblieben.

„Bagontoff, Stepan Michailowitsch, der uns gerade ein Jahr nach Ihnen mit seiner Freundschaft beschenkte und ... überhaupt ganz so wie Sie ...“

„Ach, mein Gott, natürlich, das wußte ich ja!“ rief Weltschaninoff aus, sich plötzlich besinnend. „Bagontoff! Richtig, er war doch Beamter dort ...“

„Jawohl, jawohl! Beim Gouverneur! Er kam aus Petersburg – er war der eleganteste junge Mann – aus den besten Kreisen!“ versicherte in ausgesprochener Begeisterung Pawel Pawlowitsch.

„Ja, ja, ja! Daß ich nicht gleich drauf verfiel! Und auch er war ja ...“

„Und auch er, auch er!“ bestätigte sofort mit derselben Begeisterung Pawel Pawlowitsch, der das unvorsichtig entschlüpfte Wort eiligst aufgriff, „und auch er! Und mit ihm, sehen Sie, spielten wir dann einmal ‚Die Provinzlerin‘ – es war eine Liebhaberaufführung bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch – und Stepan Michailowitsch Bagontoff spielte den Grafen, ich den Gatten, und die Verstorbene die Provinzlerin ... Nur wurde mir die Rolle des Gatten wieder abgenommen – die Verstorbene bestand darauf – so daß ich den Gatten zur Aufführung denn doch nicht gespielt habe – weil ich angeblich nicht das Zeug dazu hatte ...“

„Ja was zum Teufel haben Sie mit Stupendjeff zu tun! Sie sind vor allem Pawel Pawlowitsch Trussozkij, nicht aber Stupendjeff!“ rief Weltschaninoff fast bebend vor Gereiztheit, alle Rücksichten bereits außer acht lassend. „Aber erlauben Sie, dieser Bagontoff ist doch hier, hier in Petersburg, ich habe ihn selbst gesehen, noch in diesem Frühling habe ich ihn gesehn! Weshalb sind Sie denn nicht auch zu ihm gegangen?“

„Aber ich bin doch gegangen, ich bin doch gegangen! Jeden Tag gehe ich zu ihm, jetzt schon die dritte Woche. Er empfängt aber nicht! Ist krank, kann nicht! Und denken Sie sich, wie ich aus der sichersten Quelle erfahren habe, ist er auch wirklich und sogar höchst gefährlich krank! Und das von einem zu hören, mit dem man sechs Jahre lang befreundet gewesen ist! Ach, Alexei Iwanowitsch, ich sage Ihnen, in einer solchen Stimmung will man oft nichts weiter, als einfach in die Erde versinken, im Ernst! – Im nächsten Augenblick aber, so scheint es einem, würde man am liebsten einen Menschen so nehmen und umarmen wollen, gerade so einen von diesen früheren ... ich möchte sagen, den Augenzeugen und Teilnehmern, und zwar einzig zu dem Zweck, um sich auszuweinen, das heißt, wirklich nur zu dem Zweck, um einmal recht weinen zu können!“

„Nun, jetzt aber – ist es doch genug für heute, nicht wahr?“ unterbrach ihn Weltschaninoff schroff.

„Vollkommen, vollkommen genug!“ versicherte, sogleich sich erhebend, Pawel Pawlowitsch. „Vier Uhr bereits – o, und ich habe Sie in so egoistischer Weise aufgehalten ...“

„Hören Sie, ich werde selbst zu Ihnen kommen, unbedingt, und dann hoffentlich ... Sagen Sie mir mal ganz ehrlich und aufrichtig: sind Sie heute nicht betrunken?“

„Betrunken? Nicht im geringsten ...“

„Haben Sie nichts getrunken, bevor Sie kamen, oder noch früher?“

„Wissen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie haben doch ausgesprochene Krankheitserscheinungen!“

„Ich werde Sie morgen unbedingt aufsuchen, am Vormittag, noch vor ein Uhr ...“

„Ich habe schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie offenbar hohes Fieber haben müssen,“ unterbrach ihn Pawel Pawlowitsch, der sichtlich und mit Hochgenuß bei diesem Thema blieb. „Ich schäme mich wirklich aufrichtig, daß ich durch meinen ungeschickten Besuch ... doch ich gehe, ich gehe schon! Sie aber müssen sich unbedingt gleich hinlegen – versuchen Sie mal, gleich einzuschlafen!“

„Aber weshalb haben Sie mir denn nicht gesagt, wo Sie wohnen?“ rief ihm Weltschaninoff plötzlich nach – es war ihm das gerade noch rechtzeitig eingefallen.

„Wie, habe ich es nicht gesagt? Im Gasthof neben der Kirche.“

„Neben welch einer Kirche?“

„Ja aber hier gleich doch, bei der nächsten Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, in der Querstraße – im Moment ist mir leider der Straßenname entfallen und auch die Hausnummer habe ich vergessen, nur, wie gesagt, gleich bei der Kirche ...“

„Gut, ich werde Sie schon zu finden wissen!“

„Bitte sehr, Sie sollen mir willkommen sein.“

Er war bereits auf der Treppe.

Da rief ihn Weltschaninoff nochmals an: „Sie! – Sie werden doch nicht ausreißen?“

„Das heißt, wie denn das ‚losziehen‘?“ Pawel Pawlowitsch drehte sich auf der dritten Stufe um und lächelte mit erstaunten Glotzaugen.

Statt zu antworten schlug Weltschaninoff krachend die Tür zu, verschloß sie sorgfältig und schob den Riegel vor. Ins Zimmer zurückgekehrt, spie er aus, als habe er sich mit etwas Schmutzigem abgegeben.

Etwa fünf Minuten stand er unbeweglich mitten im Zimmer, dann warf er sich, so wie er war, ohne ein Kleidungsstück abzulegen, auf seinen Schlafdiwan und schlief im Augenblick ein. Das vergessene Licht auf dem Tisch brannte ruhig herunter, bis es von selbst erlosch.

IV. Die Frau, der Gatte und der Liebhaber.

Weltschaninoff schlief sehr fest und erwachte erst gegen halb zehn; er richtete sich sogleich auf, blieb aber auf dem Bett sitzen – seine Gedanken fingen an, sich mit dem Tode „jener Frau“ zu beschäftigen.

Der erschütternde Eindruck, den die plötzliche Nachricht von diesem Todesfall im ersten Augenblick auf ihn gemacht, hatte in ihm eine gewisse Gedankenverwirrung und sogar einen unbestimmten Schmerz zurückgelassen. Diese Verwirrung und dieser Schmerz waren anfangs durch Pawel Pawlowitschs Gegenwart von einem anderen seltsamen Gedanken in den Hintergrund gedrängt und gleichsam betäubt worden; jetzt aber, nach dem Erwachen, sah er plötzlich alles, was damals vor neun Jahren gewesen war, von neuem mit erstaunlicher Klarheit vor sich.

Jene Frau, die verstorbene Natalja Wassiljewna, die Gattin dieses Trussozkij, hatte er einst leidenschaftlich geliebt; er war damals ihr Liebhaber gewesen, als er sich in einer Vermögensangelegenheit (gleichfalls ein Prozeß wegen einer Erbschaft) ein ganzes Jahr in T. aufgehalten, obschon die Sache keineswegs seine persönliche Anwesenheit erforderte. Die wirkliche Ursache seines so langen Verweilens in dieser Stadt war eben nichts anderes als jenes Verhältnis gewesen.

Diese Liebe hatte ihn förmlich zum Sklaven Natalja Wassiljewnas gemacht, und er wäre ganz zweifellos zu jeder Torheit, sogar zu fraglosen Dummheiten bereit gewesen, wenn eine Laune dieser Frau eine solche verlangt hätte. Etwas Ähnliches hatte er weder vorher noch nachher erlebt. Als gegen Ende des Jahres die Trennung aus gewissen Gründen notwendig wurde, da wurde auch Weltschaninoffs Verzweiflung – obwohl er nur auf kurze Zeit von ihr scheiden sollte – so groß, daß er Natalja Wassiljewna im Ernst den Vorschlag machte, sie zu entführen, sie ihrem Manne einfach zu rauben, und ins Ausland zu ziehen, um dort ungestört bis an ihr Lebensende sich gegenseitig treu bleiben zu können. Nur der beißende Spott und die unbeugsame Hartnäckigkeit Natalja Wassiljewnas – die übrigens diesem Projekt anfangs durchaus Beifall gezollt hatte, wenn auch wahrscheinlich nur aus Langeweile und zur Belustigung – hatten ihn zu guter Letzt doch noch von dem Plane abbringen und dazu bewegen können, allein die Stadt zu verlassen.

Und was geschah? Noch waren keine zwei Monate nach seiner Abreise vergangen, als er sich schon die Frage vorlegte, die für ihn ewig unbeantwortet bleiben sollte: ob er denn diese Frau auch wirklich geliebt hatte oder ob alles nur ein „Sinnenrausch“ gewesen war? Die Frage brauchte man dabei durchaus nicht leichtsinnigem Vergessen oder einer beginnenden neuen Liebe zuschreiben! Im Gegenteil: in diesen zwei Monaten war er eigentlich gar nicht er selbst gewesen, und wenn er auch in Petersburg sogleich wieder mit offenen Armen in seinem Bekanntenkreise aufgenommen worden und mit Hunderten von Frauen zusammengekommen war, so hatte er sich doch in keine verliebt, kaum eine von ihnen wirklich bemerkt. Übrigens wußte er selbst ganz genau, daß er nur nach T. zurückzukehren gebraucht hätte, um dem knechtenden Zauber dieser Frau trotz aller zweifelnden Fragen sofort von neuem zu unterliegen. Sogar nach fünf Jahren noch war er derselben Meinung; ein Unterschied bestand nur darin, daß er es sich dann bereits mit dem größten Unmut selbst eingestand und an „dieses Frauenzimmer“ nur noch mit Haß zurückdachte. Er schämte sich jenes Jahres in T., er glaubte nicht einmal begreifen zu können, wie eine so „alberne“ Leidenschaft für ihn, Weltschaninoff, überhaupt möglich gewesen war! Alle Erinnerungen an diese Leidenschaft waren für ihn zu einer „wahren Schmach“ geworden, und beim Gedanken an sie errötete er heiß und quälte sich mit Vorwürfen. Freilich, im Verlauf noch einiger weiterer Jahre beruhigte er sich einigermaßen: er gab sich Mühe, alles Vergangene zu vergessen, und es gelang ihm das auch zum Teil. Und nun nach neun Jahren sollte auf einmal die ganze Vergangenheit wieder auferstehen! Die Nachricht vom Tode Natalja Wassiljewnas hatte alles, was bereits tot und vergessen geglaubt war, wieder von neuem belebt!

Während er so auf seinem Lager saß und die Erinnerungen sich nach eigener Willkür durch seine Gedanken drängten, fühlte und erkannte er bewußt nur das eine: daß ihn ihr Tod, trotz des ersten erschütternden Eindrucks, den diese Nachricht auf ihn gemacht, im Grunde doch ganz ruhig, fast gleichgültig ließ.

„Sollte es mir wirklich nicht einmal leid um sie sein?“ fragte er sich.

Er empfand jetzt weder Haß noch Liebe für sie, und so konnte er vorurteilsloser und gerechter über sie urteilen. Seiner Meinung nach – und dieser Meinung glaubte er nach neunjähriger Trennung „schon von jeher“ gewesen zu sein – gehörte Natalja Wassiljewna zu den allergewöhnlichsten „Provinzdamen“ der „guten“ kleinstädtischen Gesellschaft. Nur wurde er dann doch wieder bedenklich und fragte sich: „Hol’s der Teufel, vielleicht war sie auch wirklich nichts anderes, und nur meine Phantasie hat aus ihr weiß Gott was geschaffen?!“ Eigentlich hatte er ja immer schon vermutet, daß jene Meinung vielleicht doch auf einem kleinen Irrtum beruhte, und diese Empfindung glaubte er auch jetzt zu haben. Überdies widersprachen dem auch die ihm bekannten Tatsachen. Bagontoff zum Beispiel! Dieser Bagontoff war nämlich gleichfalls ihr Liebhaber gewesen, und zwar ganze fünf Jahre lang, und hatte sich offenbar ebenso „im Zauberbann“ befunden wie Weltschaninoff. Bagontoff war Petersburger, gehörte zur besten Gesellschaft, und da er „einer der leersten Tröpfe“ war – das war das Urteil Weltschaninoffs über ihn – so hätte er folglich nur in Petersburg Karriere machen können. Er aber hatte Petersburg geopfert, d. h. auf seinen größten Vorteil verzichtet, und ganze fünf Jahre in T. gesessen, also fünf Jahre einfach verloren, und das einzig um dieser Frau willen! Wer wußte es: vielleicht war auch er nur deshalb nach Petersburg zurückgekehrt, weil sie auch ihn „wie einen alten abgetragenen Pantoffel fortgeworfen“ hatte. So mußte denn doch etwas Besonderes in ihr gesteckt haben – zum mindesten die Gabe, Männer anzuziehen, zu unterjochen und zu beherrschen!

Zwar hatte sie, sollte man meinen, eigentlich nicht einmal die Mittel, um einen Mann zu fesseln oder auch nur anzuziehen: „Sie war ja nicht einmal hübsch, vielleicht sogar eher häßlich!“ Zudem war sie, als Weltschaninoff sie kennen gelernt hatte, bereits achtundzwanzig Jahre alt gewesen. Ihr Gesicht konnte sich bisweilen allerdings angenehm und eigentümlich beleben, aber ihre Augen entbehrten selbst dann eines sympathischen Ausdrucks: es lag immer eine ganz überflüssige Härte in ihrem Blick. Sie war sehr mager. Mit ihrer geistigen Bildung aber war es ziemlich schwach bestellt, nur Verstand besaß sie ganz fraglos, und sogar einen sehr scharfen, durchdringenden, wenn auch leider einen ganz einseitig entwickelten Verstand. Ihre Manieren waren die einer „Provinzdame“, die zur besten Gesellschaft ihrer Stadt gehört. In der Tat besaß sie viel Takt. Sie hatte auch guten Geschmack, doch äußerte sich dieser fast nur in ihrem Verständnis, sich zu kleiden. Von ihren Charaktereigenschaften fielen namentlich ihre Entschlossenheit und ihre Herrschsucht auf – eine halbe Versöhnung mit ihr war ganz unmöglich: „entweder alles oder nichts“ – auf Kompromisse hätte sie sich nie eingelassen. In schwierigen Angelegenheiten bewies sie geradezu erstaunliche Festigkeit und Hartnäckigkeit. Sie konnte auch großmütig sein, war aber dann gleichzeitig fast immer maßlos ungerecht. Ein Streit mit dieser Dame war einfach hoffnungslos: in solchen Fällen hatten Beweise à la zwei mal zwei ist vier nicht die geringste Bedeutung für sie. Niemals hätte sie sich ihr Unrecht eingestanden oder sich in irgendeiner Beziehung für schuldig erklärt. Ihre fortwährenden unzähligen Treubrüche beunruhigten ihr Gewissen nicht im geringsten. Sie glaubte, ähnlich wie die Gottesmutter unserer Geißlersekte, mit der Weltschaninoff sie in Gedanken verglich, daß alles, was sie tat, das einzig Richtige sei und genau so geschehen müsse. Ihrem Liebhaber war sie treu, jedoch nur so lange bis – sie seiner überdrüssig wurde. Sie liebte es, ihn zu quälen, doch liebte sie es ebenso, ihn zu belohnen. Sie war leidenschaftlich, grausam und sinnlich. Sie haßte die Ausschweifung, verurteilte sie mit unglaublicher Strenge und – war selbst ausschweifend. Doch nichts in der Welt hätte sie davon wirklich zu überzeugen vermocht, daß sie ausschweifend war.

„Ihre Naivität sich selbst gegenüber, ihre Unwissenheit in diesen Beziehungen ist sicher echt,“ hatte Weltschaninoff schon damals in T. von ihr gedacht (während er, nebenbei bemerkt, an ihrer Ausschweifung nur allzu schuldig war). „Sie ist eine von jenen Frauen,“ sagte er sich, „die gleichsam nur dazu geboren werden, um untreue Frauen zu sein. Niemals werden sie sich als Mädchen verführen lassen: ihrem Naturgesetz gemäß müssen sie vorher unbedingt geheiratet haben. Ihr Gatte ist dann ihr erster Liebhaber, aber bedingungslos erst nach der Trauung. Und kein Mädchen findet so leicht und schnell einen Mann wie gerade dieser Typ. Daß es zum ersten Liebhaber kommt – daran ist in der Regel der Gatte selbst schuld. Und alles, was diese Frauen dann vollführen, geschieht in der aufrichtigen Überzeugung, daß sie nicht das geringste Unrecht begehen, daß sie ein solches weder ihrem Gatten noch sonst jemandem zufügen: sie halten sich für durchaus anständig und ehrenwert und natürlich für vollkommen unschuldig.“

Weltschaninoff war überzeugt, daß es tatsächlich einen solchen Frauentyp gebe, war aber auch nicht minder überzeugt, daß es demselben entsprechende Männer gab, deren einzige Bestimmung nur darin bestand, das richtige Gegenstück zu diesen Frauen zu sein. Das Wesen dieser Männer bestand seiner Ansicht nach darin, daß sie ihr Leben lang nichts als Gatte, Gatte und immer nur Gatte waren, nur Gatten, ewige Gatten, und nichts weiter.

„Ein solcher Mensch wird geboren und wächst heran, um dann zu heiraten, und, sobald er geheiratet hat, zu einem Ergänzungsstück seiner Frau zu werden – auch dann, wenn er sogar einen eigenen und sehr ausgesprochenen Charakter besitzt. Die Haupteigenschaft dieses Gatten, oder ihr sicherstes Merkmal, wie man will, ist – die bewußte Kopfzier. Den Hörnern entgehen: das könnte er ebensowenig, wie der Mond seine Phasen verändern könnte; doch er selbst wird nicht nur nichts davon wissen, sondern das Wissen ist einfach, wie nach einem Naturgesetz, für ihn von vornherein ausgeschlossen.“ Von der Existenz dieser beiden Typen war Weltschaninoff fest überzeugt, und der vollendete Repräsentant des einen derselben war für ihn – Pawel Pawlowitsch Trussozkij. Freilich nicht dieser Pawel Pawlowitsch, der um drei Uhr nachts hier bei ihm gesessen hatte, denn das war ein ganz anderer, als der, mit dem er in T. bekannt gewesen war. Weltschaninoff fand, daß er sich ganz unglaublich verändert hatte, doch war das schließlich nur natürlich, ja anders hätte es wohl überhaupt nicht sein können: Herr Trussozkij konnte das, was er gewesen war, nur bei Lebzeiten seiner Frau sein, jetzt aber war er gewissermaßen nur ein Teil eines Ganzen, dem man plötzlich eine völlig ungewohnte, ihm gar nicht zustehende Freiheit gegeben hatte, weshalb er denn so als „Bruchstück“ ganz eigentümlich und absonderlich wirkte, fast wie etwas noch nie Dagewesenes.

Was aber jenen früheren Pawel Pawlowitsch betraf, den Weltschaninoff in T. gekannt hatte, so entsann er sich seiner noch sehr gut:

„Natürlich war er in T. nichts als der Gatte seiner Frau!“ Wenn er außerdem zum Beispiel noch Beamter war, so war er es doch nur deshalb, weil auch der Dienst sozusagen zu seinen Gattenpflichten gehörte: er arbeitete nur für seine Frau und ihre gesellschaftliche Stellung in T., und wenn er auch von sich aus ein äußerst eifriger Beamter sein mochte, so konnte das an der Sache doch nichts ändern. Er war damals fünfunddreißig Jahre alt und besaß ein gewisses Kapital, sogar ein ziemlich bedeutendes. Im Dienst zeichnete er sich nicht gerade durch besondere Fähigkeiten aus, dafür aber auch nicht durch besondere Unfähigkeit. Er verkehrte mit allen, die zur Gesellschaft gehörten, und stand sich selbst mit den Angesehensten im Gouvernement ganz vortrefflich. Natalja Wassiljewna wurde in T. durchaus geachtet; sie schätzte das übrigens nicht sonderlich, da sie es als Selbstverständlichkeit betrachtete. Bei den Empfängen im eigenen Hause wußte sie tadellos zu repräsentieren, und Pawel Pawlowitsch war von ihr so gut geschult, daß er sogar die höchsten Potentaten des Gouvernements taktvoll und doch ungezwungen zu empfangen verstand. Vielleicht – so schien es Weltschaninoff – besaß er sogar Verstand, doch da Natalja Wassiljewna es nicht gern sah, daß ihr Mann viel sprach, so ließ sich der Umfang seines Verstandes eben nicht genau feststellen. Vielleicht hatte er auch eine ganze Menge guter Eigenschaften, und schlechte vielleicht in derselben Anzahl. Aber den guten Eigenschaften war gleichsam ein Futteral übergezogen und die schlechten schienen fast gänzlich und schon im Keime erstickt zu sein. Weltschaninoff entsann sich z. B., daß Herr Trussozkij mitunter eine gewisse Neigung bekundet hatte, sich über den lieben Nächsten lustig zu machen, doch das wurde ihm streng verboten. Auch schien er ganz gern zu erzählen, aber auch das wurde überwacht: nur kürzere unbedeutendere Geschichtchen durfte er zum besten geben. Ja, er war sogar nicht abgeneigt, im Freundeskreise ein Gläschen über den Durst zu trinken: doch diese Neigung wurde entschieden ausgerottet. Das Bemerkenswerteste bei alledem war aber, daß niemand von ihm hätte sagen können, er sei ein Pantoffelheld. Natalja Wassiljewna schien im Gegenteil ganz die gehorsame Frau ihres Mannes zu sein, und offenbar war das sogar ihre eigene Meinung. Vielleicht war Pawel Pawlowitsch sinnlos in seine Frau verliebt; doch feststellen konnte das niemand, und wahrscheinlich war das gleichfalls auf eine Maßregel Natalja Wassiljewnas zurückzuführen. Mehr als einmal hatte sich Weltschaninoff während seines Aufenthalts in T. gefragt, ob dieser Mann nicht doch einen Verdacht gegen ihn geschöpft habe und seine Beziehungen zu ihr ahne. Mehr als einmal hatte er auch Natalja Wassiljewna sehr ernst danach gefragt, doch immer nur die eine mit einem gewissen Ärger gegebene Antwort erhalten, daß ihr Mann nichts wisse und niemals etwas erfahren könne, und daß es ihn auch „nichts angehe“, denn das sei „gar nicht seine Sache“. Übrigens noch ein charakteristischer Zug: über Pawel Pawlowitsch machte sie sich nie lustig und überhaupt fand sie nichts Lächerliches an ihm, fand ihn weder schlecht noch häßlich, ja sie wäre sogar mit aller Entschiedenheit für ihn eingetreten, wenn jemand gewagt hätte, es ihm gegenüber an der nötigen Achtung fehlen zu lassen. Da sie keine Kinder hatte, so mußte sie naturgemäß immer mehr zum Gesellschaftsmenschen werden. Doch ihr eigenes Heim trat für sie deshalb durchaus nicht in den Hintergrund. Die gesellschaftlichen Vergnügungen beherrschten sie nie ausschließlich: sie beschäftigte sich vielmehr auch sehr gern in der Wirtschaft und mit mancherlei kleinen Handarbeiten.

Pawel Pawlowitsch hatte ihn an ihre Leseabende erinnert. Ja, sie hatten viele Abende so zu dreien verbracht: Weltschaninoff und Pawel Pawlowitsch hatten abwechselnd vorgelesen – zu Weltschaninoffs Verwunderung hatte sich jener sogar als vorzüglicher Vorleser entpuppt – und Natalja Wassiljewna hatte dann gewöhnlich ihre Stickerei zur Hand genommen und ruhig gleichmütig zugehört. Man las Romane von Dickens oder irgend etwas aus russischen Zeitschriften, mitunter aber auch „etwas Ernstes“. Natalja Wassiljewna hatte für Weltschaninoffs Bildung und Belesenheit die größte Hochachtung, doch verlor sie darüber nie ein Wort, behandelte es eben wie eine Tatsache, über die weiter kein Wort zu verlieren nötig war. Im allgemeinen verhielt sie sich zu Büchern und zu jeder Gelehrsamkeit äußerst gleichmütig, wie zu etwas ganz Nebensächlichem, das ja immerhin und unter anderem auch nützlich sein mochte. Pawel Pawlowitsch dagegen konnte sich bisweilen für beides förmlich begeistern.

Weltschaninoffs Verhältnis zu dieser Frau brach ganz plötzlich ab, und zwar gerade in dem Augenblicke, als seine Leidenschaft zum größten Rausch geworden war und fast an Wahnsinn grenzte. Er wurde ganz einfach an die Luft gesetzt, ohne aber selbst auch nur zu ahnen, daß man ihn wie einen „alten abgetragenen Pantoffel“ fortwarf. Etwa anderthalb Monate vor seiner Abreise war ein blutjunger Artillerie-Offizier in T. eingetroffen, der gerade erst die Kadettenschule verlassen hatte, und bald war auch er bei Trussozkij ständiger Gast. Die Leseabende wurden zu vieren statt zu dreien fortgesetzt. Natalja Wassiljewna empfing den jungen Leutnant mit Wohlwollen, behandelte ihn aber noch ganz als Knaben. So schöpfte Weltschaninoff nicht den geringsten Verdacht, selbst dann nicht, als Natalja Wassiljewna ihm plötzlich erklärte, daß sie sich trennen müßten. Unter den hundert Gründen, die sie zum Beweise der Notwendigkeit seiner sofortigen Abreise anführte, war der Hauptgrund der, daß sie, wie sie ihm mitteilte, in anderen Umständen zu sein glaube: deshalb müsse er unbedingt und unverzüglich die Stadt auf mindestens drei bis vier Monate verlassen, damit in ihrem Manne später nicht irgendwelche Zweifel auftauchen könnten, falls einmal „doch irgendeine Verleumdung“ ihm zu Ohren kommen sollte. Das Argument war nun freilich ziemlich an den Haaren herbeigezogen und Weltschaninoff wollte anfangs natürlich nichts von einer Trennung hören; als ihm das aber nichts half, flehte er sie an, mit ihm nach Paris oder Amerika zu fliehen, bis er dann zu guter Letzt doch ganz allein nach Petersburg fuhr, allerdings „nur auf zwei Monate, höchstens auf drei!“ Nur unter dieser Bedingung war er zur Abreise zu bewegen gewesen – anderenfalls hätte er sie für keinen Preis verlassen – wenn sie auch tausend Gründe angeführt hätte! Es waren aber kaum zwei Monate vergangen, da erhielt er von Natalja Wassiljewna einen Brief mit der Bitte, nie mehr zurückzukehren, da sie bereits einen anderen liebe. Über ihren Zustand schrieb sie, daß sie sich in ihrer Annahme getäuscht habe. Diese Mitteilung war für ihn überflüssig, denn nun entsann er sich des jungen Leutnants und damit hatte er die Erklärung für alles gefunden. Die Sache war nun wirklich zu Ende. Nach mehreren Jahren hatte er dann einmal zufällig gehört, daß dieser Bagontoff sich ganze fünf Jahre in T. aufgehalten habe. Diese erstaunlich lange Dauer der Liebschaft Natalja Wassiljewnas mit dem jungen Offizier erklärte er sich unter anderen auch damit, daß sie inzwischen stark gealtert und infolgedessen anhänglicher geworden sein müsse.

Wohl eine ganze Stunde lang saß Weltschaninoff so auf seinem Bett. Endlich besann er sich und klingelte. Mawra brachte ihm den Kaffee. Er trank ihn schnell aus, kleidete sich an und begab sich gegen elf Uhr nach der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, um den Gasthof, der in ihrer nächsten Nähe liegen sollte, aufzusuchen. Was nun diesen Gasthof betraf, so hatte er sich über ihn schon besondere Gedanken gemacht, – natürlich erst jetzt, am Morgen. Übrigens war es ihm etwas peinlich, daß er Pawel Pawlowitsch in dieser Weise behandelt hatte. Das mußte er nun wohl wieder gut machen!

Die ganze eigentümliche Episode an der Tür erklärte er sich mit dem offenbar nicht nüchternen Zustande Pawel Pawlowitschs und – nun, es ließen sich wohl auch noch andere Gründe finden ... Aber genau genommen war er sich selbst nicht ganz klar darüber, weshalb er jetzt zu ihm ging und damit neue Beziehungen zu dem ehemaligen Gatten anknüpfte, nachdem doch alles so natürlich und ganz von selbst ein Ende gefunden hatte. Es zog ihn aber irgend etwas hin. Es war da irgendein Eindruck, den er während dieses nächtlichen Besuchs empfangen und den er nun nicht loswerden konnte, vielleicht ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein ... infolge dieses Eindrucks also zog es ihn hin.

V. Lisa.

Pawel Pawlowitsch dachte nicht daran, „auszureißen“. Gott weiß, wie Weltschaninoff darauf gekommen war, ihm diese Frage noch nachzurufen – vermutlich war er selbst nicht bei voller Besinnung gewesen.

In der Nähe der Kirche erkundigte er sich in einem kleinen Laden nach dem Gasthof, und man wies ihn ein paar Schritte weiter um die Ecke in eine kleine Querstraße. Im Gasthof erfuhr er, daß Herr Trussozkij zwar anfangs hier abgestiegen sei, doch jetzt im Seitenflügel desselben Hauses bei Marja Ssyssojewna in deren möblierten Zimmern wohne. Während er noch auf der schmalen, nassen, sehr unsauberen Steintreppe zum zweiten Stockwerk, in dem sich die möblierten Zimmer befinden sollten, hinaufstieg, hörte er plötzlich eine Kinderstimme weinen. Es mußte, nach der Stimme zu urteilen, ein Kind im Alter zwischen sechs und zehn Jahren sein. Das Weinen hatte etwas Krampfhaftes: als könne das Kind sich nicht bezwingen und gar kein Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schluchzen – und dann wieder verzweifeltes Weinen. Gleichzeitig hörte man einen erwachsenen Menschen mit zorniger, doch gedämpfter Stimme, die infolgedessen mehr wie ein halblautes Keuchen klang, auf das Kind einreden und ängstlich schelten: es solle endlich still sein, damit man das Weinen nicht mehr höre – doch verursachte der Erwachsene schließlich noch mehr Lärm, als das Kind. Er behandelte es erbarmungslos und hatte im Jähzorn offenbar jede Geduld verloren, während das Kind den Betreffenden anzuflehen schien. Weltschaninoff trat in einen kleinen Korridor, zu dessen beiden Seiten sich je zwei Türen befanden. In dem Augenblick öffnete sich eine derselben und ein dickes großes Frauenzimmer in morgendlich unordentlicher Kleidung erschien. Er fragte sie nach Pawel Pawlowitsch und sie wies mit dem Finger auf die Tür, hinter der man das Kind weinen hörte. Das feiste, rote Gesicht der etwa vierzigjährigen Frau verriet einen gewissen Unwillen.

„Da hat er nun wieder sein Vergnügen dran!“ brummte sie halblaut, indem sie an Weltschaninoff vorüberging und sich zur Treppe wandte.

Weltschaninoff wollte zuerst anklopfen, bedachte sich aber und öffnete ohne weiteres die Tür. In einem mittelgroßen Zimmer, das mit zahlreichen, doch billigen Möbeln ausgestattet war, stand halb angekleidet, ohne Rock und Weste, Pawel Pawlowitsch mit rotem zornigen Gesicht und bemühte sich, ein etwa achtjähriges Mädchen in einem einfachen schwarzen Kleidchen durch Schelten, Drohen und – so schien es Weltschaninoff – mit Schlägen und Püffen zur Ruhe zu bringen. Die Kleine aber war ganz fassungslos und streckte flehend ihre Ärmchen nach Pawel Pawlowitsch aus, als wolle sie ihn umfassen, um ihn anzuflehen und irgend etwas von ihm zu erbitten. Doch im Augenblick veränderte sich alles: kaum hatte die Kleine den Fremden erblickt, da schrie sie vor Schreck auf und lief fort, – in ein kleines Nebenzimmer hinein. Pawel Pawlowitsch aber, der im ersten Augenblick ganz verdutzt den Gast anstarrte, besann sich sogleich und im Nu war sein Gesicht zum süßesten Lächeln aufgetaut – genau wie in dem Augenblick, als Weltschaninoff plötzlich die Tür zum Treppenflur vor ihm aufgerissen hatte.

„Alexei Iwanowitsch,“ rief er entschieden verwundert. „Nie und nimmer hätte ich’s erwartet! ... Aber bitte hierher, hierher! Hier, sehen Sie, auf dieses Sofa, oder auf diesen Lehnstuhl! Ich aber ...“

Und er griff nach seinem Rock – die Weste vergaß er – und zog ihn eilig an.

„Bitte, genieren Sie sich nicht, bleiben Sie wie Sie sind.“

Weltschaninoff setzte sich auf einen Stuhl.

„Nein, das müssen Sie mir schon erlauben! So, jetzt bin ich doch etwas anständiger. Aber wohin haben Sie sich denn gesetzt, warum dorthin? in den Winkel? Nehmen Sie doch hier Platz, hier näher zum Tisch ... Nun, nein, das hätte ich nicht erwartet, wirklich nicht erwartet!“

Er setzte sich gleichfalls, doch auf einen einfachen Rohrstuhl, und nur auf den Rand desselben, rückte aber den Stuhl so, daß er seinem Gast gegenüber saß.

„Weshalb haben Sie mich denn nicht erwartet? Ich sagte Ihnen doch gestern, daß ich um diese Zeit kommen würde.“

„Ich dachte, Sie würden eben nicht kommen. Und als ich mir noch heute morgen alles wieder vergegenwärtigte, da gab ich ganz und gar die Hoffnung auf, Sie wiederzusehen, sogar überhaupt jemals wiederzusehen.“

Weltschaninoff sah sich flüchtig im Zimmer um. Alles war in Unordnung: das Bett noch nicht aufgemacht, hier und da Kleidungsstücke, auf dem Tisch zwei leere Kaffeetassen, Brotkrümchen und eine halbausgetrunkene Champagnerflasche, ohne Pfropfen, mit einem Glase daneben. Sein Blick streifte auch das kleine Nebenzimmer, doch dort war alles still: das kleine Mädchen schien sich vor dem Fremden versteckt zu haben.

„Trinken Sie denn schon jetzt?“ fragte er mit einem Hinweis auf die Champagnerflasche.

„O, nur ein Rest ...“ meinte Pawel Pawlowitsch etwas betreten.

„Nun, das muß ich sagen, Sie haben sich ja gründlich verändert!“

„Schlechte Angewohnheit und ... wie gesagt, erst jetzt. Wirklich, erst seit jener Zeit, ich lüge nicht! Ich kann mich nicht enthalten. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Alexei Iwanowitsch, noch bin ich nicht betrunken und werde nicht solchen Unsinn schwatzen, wie gestern bei Ihnen, aber es ist wirklich wahr, was ich Ihnen sage: erst seit der Zeit! Und hätte mir jemand noch vor einem halben Jahr gesagt, daß ich plötzlich so aus dem Gleichgewicht kommen würde, wie jetzt, hätte mir jemand mich so im Spiegel gezeigt – ich hätt’s nicht geglaubt!“

„Dann waren Sie also auch gestern betrunken?“

„Ich war’s,“ gestand Pawel Pawlowitsch leise, indem er reumütig und etwas verwirrt die Augen niederschlug. „Und sehen Sie: noch nicht gerade betrunken, aber schon etwas, nun, vorgerückt ... Ich erkläre das deshalb so ausdrücklich, weil besagte Vorgerücktheit bei mir nämlich das Schlimmere ist: der Nebel ist dann schon so’n bißchen da, aber die Gedanken und Gefühle arbeiten noch, bloß mit einem solchen kleinen Hang zur Grausamkeit und zu Unüberlegtheiten, und auch alles Leid empfinde ich dann heftiger. Aus Kummer trinke ich wohl überhaupt nur. Und gerade in dieser Stimmung bin ich dann zu allerhand Streichen aufgelegt, wirklich ganz dummen geradezu, und dann beleidige ich sogar meine besten Freunde. Ich muß Ihnen wohl gestern sehr sonderbar erschienen sein?“

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