Zweiter Teil
E. K. Rahsin translation
I. Das Lazarett.
Bald nach dem Weihnachtsfest erkrankte ich und kam in unser Militärlazarett. Dasselbe lag ganz einsam draußen im Felde, eine halbe Werst von der Festung entfernt. Es war ein langgestrecktes einstöckiges Gebäude, von außen mit gelber Farbe angestrichen; wenn im Sommer die Anstricharbeit vorgenommen wurde, ging viel Ocker zum Anstrich auf. Auf dem großen Lazaretthof lagen die Wirtschaftsgebäude, die Dienstwohnungen für die Medizinalbehörde und ähnliche nützliche Baulichkeiten. In dem Hauptgebäude befanden sich aber nur die Krankensäle. Dieser Säle gab es im ganzen sehr viele, doch waren von ihnen nur zwei für die Arrestanten abgeteilt, die das ganze Jahr und namentlich im Sommer sehr voll lagen, so daß man nicht selten die Betten zusammenrücken mußte.
Diese beiden Krankensäle der Arrestantenabteilung wurden von aller Art „unglücklichem Volke“ heimgesucht. Es kamen dorthin die erkrankten Sträflinge aus dem Ostrogg, Soldaten, die unter Anklage standen, zu einer Körperstrafe Verurteilte oder bereits Bestrafte, sowie unterwegs Erkrankte, die noch weiter marschieren mußten; ferner gab es dort auch welche aus der Strafkompagnie, aus diesem sonderbaren Institut, in das die nicht ganz zuverlässigen Soldaten zur Besserung hineingesteckt werden und aus dem sie nach Verlauf von zwei oder mehr Jahren gewöhnlich als solche Taugenichtse zurückkehren, wie man sie nur selten findet.
Fühlte sich einer der Arrestanten nicht wohl, so ging er – gewöhnlich früh am Morgen – zum Unteroffizier und meldete sich krank. Er wurde sofort ins Krankenbuch eingeschrieben und mit diesem Buch unter Eskorte ins Lazarett geschickt. Dort untersuchte der Arzt alle Neueingetroffenen aus sämtlichen Militärkommandos, die in der Festung lagen, schrieb jeden, den er für tatsächlich krank befand, ins Lazarettbuch ein und schickte ihn in den Krankensaal seiner Abteilung. Auch ich wurde von dem Unteroffizier in das Buch eingetragen und um zwei Uhr nachmittags, als die anderen schon zur Arbeit abmarschiert waren, ging ich ins Lazarett. Der erkrankte Arrestant nahm in der Regel noch so viel Geld mit, wieviel er nur hatte, außerdem Brot, da er an diesem Tage im Lazarett kein Mittagessen mehr erwarten konnte, und wenn er Raucher war, noch eine möglichst kleine Pfeife, Tabak, Feuerstein und Zündbüchse. Diese letzteren Gegenstände wurden sorgfältig in den Stiefeln verborgen. Ich betrat den Lazaretthof, nicht ohne ein gewisses neugieriges Interesse für diese mir noch unbekannte Abwechselung unseres Arrestantenlebens.
Es war ein warmer, trüber, trauriger Tag – einer jener Tage, an denen Gebäude wie Krankenhäuser immer einen traurigen und griesgrämigen Eindruck machen. Ich trat zusammen mit dem Soldaten in das Empfangszimmer, in dem zwei kupferne Wannen standen und bereits zwei Kranke, unter Anklage Stehende, mit ihren Begleitssoldaten warteten. Der Feldscher trat ein, besah uns mit Faulheit verratendem Vorgesetztenhochmut und begab sich darauf mit noch größerer Faulheit zum diensttuenden Arzt. Dieser erschien sehr bald, untersuchte uns, ging sehr freundlich mit uns um, und stellte einem jeden den Krankenbericht aus. Die weitere Untersuchung, die Bestimmung der Arznei, der Kost usw. war Sache des Arztes, der die Arrestanten-Abteilung unter sich hatte. Ich hatte schon gehört, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug loben konnten. „Wie Väter!“ sagten sie mir auf meine Fragen vor meinem Abgang ins Lazarett. Wir kleideten uns um. Die Wäsche und die Kleider, in denen wir gekommen waren, wurden uns abgenommen. Wir erhielten Hospitalwäsche, lange Strümpfe, Pantoffeln, Schlafmützen und Schlafröcke aus dickem, braunem Tuch, die mit einem halb leinwand-, halb pflasterartigen Zeuge gefüttert waren. Der ganze Rock war äußerst schmutzig, doch das bemerkte ich erst, als ich schon in ihm stak. Nach dem Kleiderwechsel wurden wir in die Krankensäle der Arrestantenabteilung geführt, die ganz am Ende eines überaus langen, hohen und sauberen Korridors lagen. Die äußere Sauberkeit war überall sehr zufriedenstellend: alles, was uns auf den ersten Blick ins Auge fiel, glänzte geradezu vor Sauberkeit. Übrigens konnte es mir auch nur so scheinen nach den Kasernen im Ostrogg. Die beiden unter Anklage Stehenden kamen in die Arrestantenkrankenstube links, ich in die Stube rechts. Vor der Tür, die durch einen eisernen Bolzen zugehalten wurde, stand eine Schildwache mit geladenem Gewehr und neben ihm ein anderer Soldat, die Nebenwache, die die Schildwache im Notfall abzulösen hat. Der jüngere Unteroffizier der Lazarettwache befahl, mich in die Stube zu lassen. Ich trat in ein langes und schmales Zimmer, in dem an beiden Längswänden die Betten standen, ich glaube, zweiundzwanzig an der Zahl, und von denen nur drei oder vier nicht besetzt waren. Die Betten waren von Holz, grün angestrichen, Betten, die in Rußland allen und jedem nur zu gut bekannt sind, da sie infolge einer gewissen Vorherbestimmung nie und nimmer ohne Wanzen sind. Ich wählte mir ein Bett in der Ecke an der Wand, in der die Fenster waren.
Wie ich schon bemerkt habe, lagen hier unter den Kranken auch Sträflinge aus unserem Ostrogg. Einige von ihnen kannten mich bereits oder hatten mich wenigstens gesehen. Die Mehrzahl aber bestand aus Gefangenen, denen eine Strafe bevorstand, und aus Soldaten der Strafkompagnie. Schwerkranke oder solche, die das Bett nicht verlassen konnten, gab es nicht viel. Die anderen, nur leicht Erkrankten und die Rekonvaleszenten saßen entweder auf ihren Bettstellen oder sie gingen im Zimmer auf und ab, in dem schmalen Gang zwischen den Bettreihen, der aber noch breit genug zum Durchgehen war. Es war eine drückende, schwüle Krankenzimmerluft im Raum, geschwängert von allen nur möglichen unangenehmen Ausdünstungen der Kranken und den verschiedenen Arzneien, zumal der Ofen in der einen Ecke den ganzen Tag geheizt wurde. Auf meinem Lager war ein gestreifter Überzug, den ich abnahm. Unter dem Überzug war eine Bettdecke von Tuch mit Leinwand gefüttert und Bettwäsche von grober Leinwand und sehr zweifelhafter Sauberkeit. Neben jedem Lager stand ein kleiner Tisch, auf dem sich ein Krug und eine zinnerne Tasse befanden, die beide mit einem ziemlich kleinen Handtuch, das man auch mir ausgehändigt hatte, der Sauberkeit halber überdeckt werden mußten. Unten hatte der Tisch noch ein Brett, auf das die Teetrinker ihre Teekessel, andere wieder Holzkannen mit Kwas und noch verschiedenes Gerät stellten; doch gab es unter den Kranken nur sehr wenige, die Tee tranken. Die Pfeifen und Tabaksbeutel dagegen, die fast ein jeder bei sich hatte, selbst die Schwindsüchtigen nicht ausgenommen, wurden unter den Matratzen versteckt. Die Ärzte und die Krankenwärter durchsuchten dieselben nie nach verbotenen Sachen, und überraschten sie einmal einen mit der Pfeife, so taten sie, als bemerkten sie nichts. Aber auch die Kranken waren immer sehr vorsichtig mit dem Rauchen und gingen dann immer zum Ofen. Höchstens in der Nacht wurde auf den Betten liegend geraucht, aber nachts kam niemand in die Krankenstuben, außer dem wachhabenden Offizier der Hospitalwache, der jedoch nur einmal die Runde machte.
Ich hatte bis dahin noch nie in einem Hospital gelegen und so war mir die ganze Umgebung, die Einrichtung, die Disziplin neu. Auch fiel mir auf, daß ich die Neugier der anderen erregte. Man hatte von mir schon gehört und betrachtete mich sehr ungeniert, sogar mit einer gewissen Überlegenheit, wie in der Schule ein Neueingetretener oder im Sitzungssaal ein Bittsteller betrachtet wird.
Rechts von mir lag ein Schreiber, der uneheliche Sohn eines verabschiedeten Hauptmanns. Er war Falschmünzer gewesen und lag schon ein Jahr lang im Lazarett, ohne, wie ich glaube, überhaupt krank zu sein, doch hatte er den Ärzten versichert, er leide an den Nerven und damit das Gewünschte erreicht: die Zwangsarbeit und die körperliche Züchtigung blieben ihm erspart und nach Verlauf eines weiteren Jahres wurde er nach T–k geschickt, um dort in einem Hospital als Aufwärter untergebracht zu werden. Er war ein vierschrötiger, kräftiger Bursche von achtundzwanzig Jahren, ein großer Spitzbube und Rechtsverdreher vor dem Herrn, nichts weniger als dumm, sehr unterhaltsam und selbstbewußt, und krankhaft selbstgefällig. Er hatte sich allen Ernstes versichert, daß er der ehrlichste und wahrheitsliebendste Mensch der Welt und vollständig unschuldig sei, und in diesem Glauben verblieb er bis an sein Ende in unerschütterlicher Überzeugung. Er war der erste, der ein Gespräch mit mir anknüpfte, mich neugierig auszuforschen suchte und mich ziemlich ausführlich über die äußeren Ordnungsregeln des Hospitals aufklärte. Selbstverständlich hatte er mir schon vorher mitgeteilt, daß er der Sohn eines Hauptmanns sei. Er wollte ungeheuer gern zu den Adligen gezählt werden oder doch wenigstens zu den „Besseren“. Nachdem er verstummt war, kam einer aus der Strafkompagnie zu mir, setzte sich hin und begann zu erzählen, daß er viele von den früher verschickten Adligen gekannt habe, und er nannte sie alle mit dem Taufnamen. Er war ein bereits ergrauter Soldat, auf dessen Gesicht es förmlich geschrieben stand, daß er alles log. Er hieß Tschekunoff. Offenbar wollte er sich bei mir einschmeicheln, da er wahrscheinlich Geld bei mir vermutete. Als er darauf in der Tat bemerkte, daß ich ein Päckchen Tee und Zucker bei mir hatte, bot er mir sofort seine Dienste an: einen Teekessel zu verschaffen und den Tee aufzusetzen. Nun hatte mir aber schon M–tzkij versprochen, am nächsten Tage durch die Arrestanten, die auf den Lazaretthof arbeiteten, aus dem Ostrogg einen Teekessel zu schicken. Doch ungeachtet meiner Einwendung, besorgte Tschekunoff in kürzester Zeit alles, was nötig war. Er brachte ein gußeisernes Gefäß, sogar eine Tasse, ließ das Wasser aufkochen und goß es über die Teeblätter, – kurz, er bediente mich mit ungewöhnlichem Eifer, was ihm sogleich von einem anderen Kranken einige beißend spöttische Bemerkungen eintrug. Dieser Kranke war ein Schwindsüchtiger, der mir gegenüber an der anderen Wand lag, Ustjänzeff mit Namen, ein Soldat – er war derselbe, der in der Angst vor der bevorstehenden Körperstrafe einen Liter Branntwein mit Tabak ausgetrunken und sich durch diesen Trank sein Lungenleiden zugezogen haben sollte. Bis jetzt hatte er schweigend und schweratmend dagelegen, mich unverwandt und mit ernstem Blick beobachtet und unwillig jede Bewegung Tschekunoffs verfolgt. Sein ungeheurer, galliger Ernst verlieh seinem Unwillen etwas überaus Komisches. Endlich hielt er es nicht mehr aus:
„Sieh doch einer diesen Knecht! Da hat er jetzt glücklich einen Herrn gefunden!“ sagte er langsam mit Zwischenpausen und mit einer Stimme, die vor Erregung atemlos zu sein schien. Seine Tage waren bereits gezählt.
Tschekunoff wandte sich unwillig zu ihm.
„Wer ist hier ein Knecht?“ fragte er mit verächtlichem Blick auf ihn.
„Du natürlich!“ antwortete dieser in so überzeugtem Ton, als hätte er das volle Recht gehabt, Tschekunoff zu schimpfen, ja als wäre er einzig zu diesem Zweck angestellt.
„Ich ein Knecht?“
„Gerade du. Hört doch, Kinder, er glaubt’s nicht einmal! Wundert sich noch!“
„Was geht das dich an! Siehst doch, daß er allein ist und sich nicht selbst bedienen kann – und daß er nicht gewohnt ist, ohne Diener zu sein, das weiß man doch! Weshalb soll ich ihm da nicht gefällig sein, du borstige Schnauze!“
„Wer ist eine borstige Schnauze?“
„Du, natürlich!“
„Ich soll eine borstige Schnauze sein?“
„Selbstverständlich du.“
„Und du bist wohl eine Schönheit? Hast selber ein Gesicht wie ein Krähenei ... wenn ich eine borstige Schnauze sein soll.“
„Sei getrost, die bist du! Da hatte ihn doch Gott schon halbtot gemacht. Aber nein, da muß er wieder schwatzen! Was machst du dich denn so breit?“
„Breit! Nein, ich, wißt ihr, verbeuge mich lieber vor einem Stiefel als vor einem Bastschuh. Mein Vater hat es auch nicht getan und auch mir befohlen ... ich ... ich ...“
Er wollte noch mehr sagen, begann aber entsetzlich zu husten. Der Hustenanfall dauerte mehrere Minuten lang an. Er spie sogar Blut. Bald trat auch kalter, quälender Schweiß auf seiner schmalen Stirn hervor. Diese Hustenanfälle verhinderten ihn zu sprechen, sonst würde er ununterbrochen gesprochen haben; man sah es deutlich seinen Augen an, daß er noch gern den anderen geschimpft hätte, aber in der Kraftlosigkeit konnte er nur noch mit der Hand einmal abwinken – doch Tschekunoff hatte ihn fast schon vergessen.
Mein Gefühl sagte mir, daß die Wut des Schwindsüchtigen eher auf mich gerichtet war, als auf Tschekunoff, denn wegen seines Wunsches, mir gefällig zu sein, um eine Kopeke zu verdienen, hätte sich niemand über ihn geärgert oder ihn mit Verachtung behandelt. Und zudem sah doch ein jeder, daß er es nur um des Geldes willen tat. In dieser Hinsicht ist das einfache Volk durchaus nicht so pedantisch und versteht es sehr fein, die Sache vom gesunden Standpunkt aufzufassen. Was Ustjänzeff mißfiel, das war ich, ich und mein Tee, und daß ich selbst in Fesseln als Herr auftrat, der nicht ohne Bedienung auskommen kann, obgleich ich gar nicht um Bedienung gebeten oder überhaupt welche auch nur gewünscht hatte. In der Tat, ich wollte immer alles selbst machen und besonders bemühte ich mich, mir niemals den Anschein zu geben, daß ich ein verzärtelter, anspruchsvoller „Herrensohn“ sei. Darin bestand teilweise sogar mein ganzer Ehrgeiz, was ich ruhig gestehen will, da hier einmal die Rede davon ist. Dennoch konnte ich niemals – ich weiß wirklich nicht, wie das kam – die verschiedenen Dienstgefälligen und Diener, die sich mir ungebeten aufdrängten, ablehnen, und so wurde ich zuguterletzt immer von ihnen beherrscht, anstatt daß ich sie beherrschte – so daß in Wirklichkeit sie meine Herren und ich ihr Diener war. Äußerlich aber hatte es den Anschein, als könne ich nicht ohne Bedienung auskommen, und wolle auch hier, in Ketten, den Herrn spielen. Das war mir natürlich sehr unangenehm. Ustjänzeff aber war ein schwindsüchtiger, reizbarer Mensch, die übrigen Kranken wahrten dabei durchaus den Anschein des Gleichmuts, dem sogar gewisses Gepräge von Hochmut nicht fehlte. Ich entsinne mich noch, daß sie damals alle ein besonderer Umstand beschäftigte: wie ich aus ihren Gesprächen erfuhr, sollte man noch am selben Abend einen bringen, den man gerade jetzt mit Spießruten bestrafte. Die Kranken erwarteten den Betreffenden nicht ohne eine gewisse Neugier. Übrigens sagten sie, daß die Strafe eine geringe sei: im ganzen nur fünfhundert Hiebe.
Inzwischen hielt ich ein wenig Umschau. Soviel ich erkennen konnte, waren die meisten Skorbut- und Augenkranke, – das waren die beiden vorherrschenden Krankheiten in jener Gegend. Von den anderen wirklich Kranken lagen fast alle an Influenza, Fieber, Brustleiden darnieder. Hier in unserer Abteilung war es nicht so wie in den anderen Krankenräumen, hier waren alle Krankheiten in einem Zimmer zusammen, sogar die venerischen. Ich habe „von den wirklich Kranken“ gesagt, da es unter den Kranken auch einige gab, die ohne krank zu sein gekommen waren – einfach um sich zu „erholen“. Die Ärzte ließen sie aus Mitleid gern zu, besonders wenn viele Betten leer standen. In der Strafkompagnie und im Ostrogg war die Verpflegung im Vergleich zum Lazarett so schlecht, daß viele mit Vergnügen kamen und hier lagen, trotz der abgeschlossenen Luft und der Unmöglichkeit, das Zimmer zu verlassen. Es gab sogar besondere Liebhaber des Liegens und überhaupt des Lazarettlebens, die meisten allerdings aus der Strafkompagnie.
Neugierig betrachtete ich meine neuen Kameraden und, ich weiß noch, das größte Interesse erregte in mir ein Schwindsüchtiger aus unserem Ostrogg, der bereits in den letzten Zügen lag, – im zweiten Bett neben Ustjänzeff, also mir fast gegenüber. Er hieß Michailoff und ich hatte ihn noch vor zwei Wochen im Ostrogg gesehen. Er war schon lange krank und hätte schon längst ins Lazarett gehen müssen, er aber bezwang sich mit einer geradezu eigensinnigen und doch völlig nutzlosen Energie, nahm jedenfalls alle seine Kräfte zusammen und ging erst zum Weihnachtsfest ins Lazarett, um dann nach drei Wochen an der Schwindsucht zu sterben. Mir fiel sein entsetzlich verändertes Gesicht auf, – ein Gesicht, das mir bei meinem Eintritt in den Ostrogg als eines der ersten aufgefallen war; ich weiß noch, es stach mir damals geradezu ins Auge. Neben ihm lag ein Soldat aus der Strafkompagnie, ein schon alter Mann, ein grauenvoller, ekelerregender Schmutzfink ... Aber ich kann ja schließlich nicht alle Kranken aufzählen ... Ich habe dieses Alten einzig aus dem Grunde Erwähnung getan, weil er damals einen nicht geringen Eindruck auf mich machte und mir in kürzester Zeit eine recht anschauliche Vorstellung von gewissen Eigenheiten des Arrestantenlazaretts gab. Dieser Alte hatte gerade den stärksten Schnupfen. Er nieste fortwährend, nieste eine ganze Woche hindurch, und sogar im Schlaf in förmlichen Salven fünf bis sechsmal nacheinander, wozu er jedesmal gewissenhaft sagte: „Gott, daß es auch solche Strafen gibt!“ Er saß auf seinem Bett und stopfte sich eifrig die ganze Nase mit Tabak voll, den er einer Papierdüte entnahm, um gründlicher und regelmäßiger niesen zu können. Er nieste in ein karriertes, baumwollenes Schnupftuch – das sein persönliches, schon hundertmal gewaschenes, gänzlich ausgeblichenes Eigentum war, – wobei sich seine kleine Nase eigentümlich kraus zog, in unzählige, feine Runzeln, und die Stummeln seiner schwarzgewordenen, alten Zähne mitsamt dem roten, schleimigen Zahnfleisch sichtbar wurden. Hatte er sich dann ausgeniest und ausgeschnaubt, so breitete er sofort das Tuch auseinander, besah aufmerksam die darin reichlich angesammelte Feuchtigkeit, die er dann an seinem braunen Lazarettschlafrock abwischte, so daß die ganze Feuchtigkeit am „Staatseigentum“ kleben blieb, sein eigenes Taschentuch aber nur feucht wurde. Dasselbe tat er ununterbrochen die ganze Woche, so lange wie sein Schnupfen währte. Dieses mehr als geizige Schonen des eigenen Schnupftuchs zum Nachteil des von der Regierung gelieferten Krankenschlafrocks rief in den übrigen Kranken nicht den geringsten Protest hervor, obgleich doch auch von ihnen jemand in der Folge diesen Rock erhalten konnte. Aber unser einfaches Volk ist eben sehr genügsam und bis zur Sonderbarkeit ekelfrei. Mich aber überlief ein Gruseln in jenem Augenblick, und unwillkürlich begann ich voll Angst, Abscheu und Neugier den soeben von mir angezogenen Schlafrock zu betrachten. Da erst wurde ich gewahr, daß er schon seit längerer Zeit durch seinen ziemlich starken Geruch meine Aufmerksamkeit reizte – ohne daß es mir jedoch zum Bewußtsein gekommen wäre. Er war auf mir inzwischen warm geworden und so roch er immer stärker nach Arzneien, Pflastern und, wie mir schien, einer gewissen Fäulnis, was ja schließlich ganz erklärlich erschien, da er sicherlich seit undenklichen Zeiten von den Schultern der Kranken nicht heruntergekommen war. Vielleicht war das leinwandartige Rückenfutter auch einmal gewaschen worden, genau aber ließ sich so etwas nicht feststellen. Jedenfalls war dieses Futter von allen nur denkbaren unangenehmen Säften durchtränkt, von dem Wasser, das Kompressen, spanischen Fliegen und anderen Umschlägen entfließt. Zudem kamen in diese Arrestantenabteilung des Militärlazaretts sehr oft Bestrafte, deren Rücken von Spießrutenstreichen und Stockschlägen wund waren. Sie wurden mit Kompressen behandelt und daher konnte auch der Schlafrock, der direkt auf das nasse Hemd kam, nicht trocken bleiben, und alle Feuchtigkeit, die er aufsog, trocknete allmählich in ihn hinein. So ist es wohl begreiflich, daß ich jedesmal, wenn ich in all diesen Jahren ins Lazarett kam – und ich kam ziemlich oft dorthin – mit ängstlichem Mißtrauen den Schlafrock in Empfang nahm. Doch am wenigsten gefielen mir die in diesen Schlafröcken sich mitunter vorfindenden Läuse von ganz besonderer Größe und Wohlgenährtheit. Die Arrestanten akzeptierten sie mit schadenfrohem Hochgenuß, und wenn unter dem harten, plumpen Nagel des Arrestantenfingers eines dieser gefangenen Tiere mit einem Knall sein Leben aufgab, so ließ sich sogar am Gesichtsausdruck des Henkers die ganze Größe der von ihm empfundenen Genugtuung ermessen. Ebenso wurden bei uns auch die Wanzen gehaßt, und es kam nicht selten vor, daß an einem langen, langweiligen Winterabend die ganze Mannschaft sich zu einem Vernichtungskampf gegen dieses Ungeziefer zusammentat. Mit einem Wort, äußerlich war im Zimmer alles – abgesehen von der schweren Luft – nach Möglichkeit sauber und gut – nur daß mit der Sauberkeit des Unterfutters, wie gesagt, leider kein Luxus getrieben wurde. Die Kranken hatten sich daran gewöhnt und glaubten wahrscheinlich, daß es gerade so sein müsse, und überdies waren auch keine besonderen Vorkehrungen zur Erhaltung der Sauberkeit getroffen. Doch davon später.
Kaum hatte mir Tschekunoff den Tee gebracht – zu dem er, nebenbei bemerkt, das Wasser aus dem Vorrat unserer Krankenstube genommen hatte, Wasser, das nur einmal in ganzen vierundzwanzig Stunden gebracht wurde und in der stickigen Luft bald verdarb, – als sich mit einem gewissen Geräusch die Tür öffnete und ein soeben mit Spießruten gezüchtigter Soldat unter verstärkter Eskorte hereingeführt wurde. Da sah ich zum erstenmal einen in dieser Weise Bestraften. Sie wurden im allgemeinen sehr oft gebracht oder hereingetragen, wenn es Schwerbestrafte waren, und die Ankunft eines solchen war für die Kranken stets eine große Zerstreuung. Nichtsdestoweniger wurden sie mit sehr strenger Miene und mit einem, ich möchte sagen, forzierten Ernst empfangen. Übrigens hing der Empfang bis zu einem gewissen Grade von der Größe des Vergehens und folglich auch von der Größe der Strafe ab. Ein schwer Bestrafter und seinem Ruf nach großer Verbrecher genoß auch größere Hochachtung und größere Aufmerksamkeit, als irgend so ein entflohener Soldat, wie zum Beispiel der, den man in jenem Augenblick hereinführte. Doch wurden weder in diesem noch in einem anderen Fall mitleidige Worte oder sonst welche diesbezügliche Bemerkungen geäußert. Schweigend halfen sie dem Armen und pflegten ihn, namentlich wenn er nicht ohne Hilfe auskommen konnte. Auch die Feldscher schienen schon zu wissen, daß sie den Gezüchtigten geübten und geschickten Händen übergaben.
Diese Hilfe bestand gewöhnlich in der ziemlich oft erforderlichen Erneuerung der Kompressen, einem Bettuch oder Hemde, das in kaltes Wasser getaucht, nur ein wenig ausgewrungen und auf den zerfleischten Rücken gelegt wurde, wenn der Bestrafte selbst nicht mehr imstande war, auf das Trockenwerden derselben zu achten, – und ferner im geschickten Herausziehen der Splitter aus dem Schorf der Wunden. Diese Splitter rührten von den Stöcken her, die auf dem Rücken des Betreffenden beim Schlage zerbrochen waren. Das Herausziehen derselben ist dem Kranken gewöhnlich sehr unangenehm, doch hat mich immer die ungewöhnliche Standhaftigkeit im Ertragen eines physischen Schmerzes, wie ich sie bei diesen Arrestanten sah, nicht wenig gewundert. Ich habe ihrer viele, sogar grausam Geschlagene gesehen, doch fast kein einziger von ihnen hat gestöhnt. Nur ihr Gesicht sieht dann ganz verändert aus, ist sehr bleich, die Augen brennen wie im Fieber, der Blick ist zerstreut, unruhig, die Lippen zittern, so daß der Arme sie unwillkürlich und nicht selten blutig beißt.
Der hereingeführte Soldat war ein Bursche von dreiundzwanzig Jahren, stark und muskulös gebaut, hoch und schön gewachsen, mit einem hübschen Gesicht und von gebräunter Hautfarbe. Sein Rücken war völlig wundgeschlagen und bis zum Gürtel entblößt. Um die Schultern hatte man ihm ein zusammengefaltetes nasses Bettuch gelegt, das bis zum Kreuz herabreichte und unter dem er an allen Gliedern wie im Fieber zitterte. Anderthalb Stunden ging er ununterbrochen im Zimmer umher. Ich sah ihm ins Gesicht: er schien im Augenblick nichts zu denken, er schaute nur wild und eigentümlich drein, mit unstetem Blick, dem es offenbar schwer fiel, auf einem Gegenstande aufmerksamer haften zu bleiben. Da schien es mir, daß er einmal starr auf meinen Tee geblickt hatte. Der Tee war heiß: der Dampf stieg noch aus der Tasse empor, und der arme Junge zitterte vor Kälte. Ich forderte ihn auf, zu trinken. Schweigend und kurz wandte er sich zu mir, nahm die Tasse, trank sie stehend und ohne Zucker aus, wobei er sich sehr beeilte, und sich augenscheinlich bemühte, mich nicht anzusehen. Nachdem er getrunken hatte, setzte er die Tasse schweigend wieder hin und ging, ohne zu danken oder auch nur mit dem Kopf zu nicken, wieder in den mittleren Gang zurück, um von neuem hin- und herzugehen. Es war ihm nicht um Dankbarkeit und Kopfnicken zu tun! Was aber das Verhalten der übrigen zu ihm anbetrifft, so fiel mir eines auf: sie vermieden sichtlich jedes Gespräch mit ihm. Ja, es wunderte mich sogar, daß sie nach den ersten Hilfeleistungen ihm geradezu absichtlich nicht die geringste Aufmerksamkeit mehr schenkten. Vielleicht taten sie es in dem Wunsch, ihn möglichst in Ruhe zu lassen und ihm nicht mit Ausfragen und „Teilnahme“ lästig zu werden, womit er vollkommen zufrieden zu sein schien.
Inzwischen war es dunkel geworden und man zündete die Nachtlampen an. Einige Kranken besaßen auch ihre eigenen Lichte und Leuchter, doch waren es nur sehr wenige. Endlich, nach dem Abendbesuch des Arztes, kam der Unteroffizier und zählte die Kranken, worauf ein Nachtzuber hereingebracht und unsere Arrestantenabteilung zugeschlossen wurde. Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß dieser Zuber die ganze Nacht im Zimmer bleiben sollte, während der dazu bestimmte Ort nur zwei Schritt von der Tür direkt am Korridor lag. Aber es war nun einmal so eingeführt. Am Tage durfte der Sträfling zu diesem Zweck das Zimmer verlassen, aber nur auf eine Minute; in der Nacht jedoch wurde es ihm unter keinen Umständen gestattet. Für die Arrestantenabteilung gab es eben eine besondere Vorschrift und ein Kranker aus dieser Abteilung mußte selbst in der Krankheit seine Strafe tragen. Von wem diese Anordnung zum erstenmal getroffen worden war – das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß sie sinnlos war und daß in keiner einzigen anderen die ganze Nutzlosigkeit jeglichen Formalismus greifbarer hervortrat, als gerade in dieser Vorschrift. Selbstverständlich rührte sie nicht von den Ärzten her. Ich sage nochmals, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug loben konnten, sie ihre Väter nannten und die größte Hochachtung für sie empfanden. Ein jeder sah sich freundlich von ihnen behandelt, hörte ein gutes Wort, was der Sträfling, der von allen verstoßen war, um so mehr zu schätzen wußte, als er die Unverfälschtheit, die von Herzen kommende Aufrichtigkeit dieses guten Wortes und dieser Freundlichkeit erkannte. Sie hätte ja schließlich nicht zu sein brauchen, es war den Ärzten durchaus nicht vorgeschrieben, freundlich zu sein und niemand kümmerte sich darum, ob sie gut oder schlecht mit den kranken Sträflingen umgingen; folglich waren sie nur aus wahrer Menschenliebe gut. Natürlich wußten die Ärzte, daß jeder Kranke, gleichviel wer er ist, Sträfling oder Potentat, der Sonne und Herzlichkeit bedarf. Die Kranken aus den anderen Sälen, namentlich die Rekonvaleszenten, durften frei auf den Korridoren umhergehen, sich mehr Bewegung machen, frischere Luft atmen, da die Luft in den Krankenräumen abgeschlossen und von den verschiedensten ungesunden Ausdünstungen erfüllt war. Es ist mir selbst jetzt noch furchtbar und ekelhaft, auch nur daran zu denken, in welchem Maße diese ohnehin schon schlechte Luft in unserem Krankenraum verpestet wurde, wenn dieser Zuber die ganze Nacht bei der warmen Temperatur im Zimmer stand – und noch dazu bei gewissen Krankheiten, bei denen ein Beiseitetreten unvermeidlich ist. Wenn ich vorhin sagte, daß der Arrestant auch während der Krankheit seine Strafe trug, so habe ich damit natürlich nicht gemeint, und ich will es auch durchaus nicht so hinstellen, als hätte man diese Anordnung einzig zur Strafe erdacht. Das wäre meinerseits eine überaus sinnlose Verleumdung. Kranke braucht man nicht mehr zu bestrafen, und daher ist es wohl anzunehmen, daß eine unerbittliche Notwendigkeit die Vorgesetzten einmal gezwungen hatte, diese Maßregel zu ergreifen, die in ihren Folgen so überaus verderblich war. Aber welch eine Notwendigkeit mochte es gewesen sein? Das ist nun das Ärgerliche, daß man die Notwendigkeit dieser, und außer ihr noch einer Menge anderer Maßregeln auf keine Weise erklären kann, ja sie sind sogar dermaßen unverständlich, daß man – von Erklärungen schon ganz zu schweigen – nicht einmal eine Veranlassung erraten, sich überhaupt nichts denken kann. Wie soll man eine so zwecklose, unnötige Grausamkeit erklären? Etwa damit, daß der Arrestant ins Lazarett kommen, sich absichtlich krank stellen, die Ärzte betrügen, in der Nacht – glauben Sie das? – an den gewissen Ort gehen und, unter dem Schutz der Dunkelheit, entfliehen könnte? Ich glaube, man kann kaum verlangen, daß man die ganze Ungereimtheit dieser Annahme im Ernst nachweist. Wohin soll er denn entfliehen? Wie entfliehen? Wohin entfliehen? Am Tage werden sie nur einzeln herausgelassen, dieselbe Vorschrift könnte auch für die Nacht gelten. Vor der Tür steht eine Schildwache mit geladenem Gewehr. Der Abort ist von der Schildwache buchstäblich nur zwei Schritte entfernt und außerdem wird der Kranke noch von der Nebenwache hingeführt und während der ganzen Zeit nicht aus dem Auge gelassen. Daselbst ist nur ein einziges kleines Fenster, Sommer und Winter mit Doppelfenstern und mit einem eisernen Gitter versehen. Draußen unter dem Fenster des Aborts und der ganzen Fensterreihe der Arrestantenabteilung des Lazaretts geht wieder eine Schildwache die ganze Nacht auf und ab. Um durch dieses Fenster zu entfliehen, muß man beide Glasscheiben zerschlagen und das eiserne Gitter entfernen. Welche Wache wird so etwas ruhig geschehen lassen? Oder nehmen wir an, er erschlägt vorher die Nebenwache, und zwar so, daß der Soldat keinen Laut mehr von sich geben kann und niemand etwas merkt. Aber selbst wenn wir diese Unmöglichkeit als möglich zulassen, so muß er doch immer noch die Fensterrahmen und das Gitter herausbrechen. Und nicht zu vergessen, daß dicht neben der Schildwache die Krankenwärter schlafen und kaum zehn Schritt weiter steht vor der Tür des anderen Arrestantensaales eine zweite Schildwache mit geladenem Gewehr und bei ihm wiederum ein Soldat als Nebenwache, und etwas weiter schlafen wiederum Krankenwärter. Und wohin kann man im Winter nur in Strümpfen und Pantoffeln, im Schlafrock und in der Nachtmütze entfliehen? Wenn aber so wenig Gefahr einer Flucht vorhanden ist – d. h. genau genommen überhaupt keine –, wozu dann eine so unnütze Qual der Kranken vielleicht in den letzten Tagen und Stunden ihres Lebens, der Kranken, die der frischen Luft noch mehr bedürfen als Gesunde? Wozu, wozu? Das habe ich nie begreifen können.
Doch da ich nun einmal diese Frage gestellt habe und auf die unnützen Qualen zu sprechen gekommen bin, so kann ich nicht umhin, noch auf etwas anderes hinzuweisen, das gleichfalls jahrelang als Problem vor mir gestanden hat. Ich kann es nicht unterlassen, auch dieses zur Sprache zu bringen, bevor ich in meiner Erzählung fortfahre. Ich meine die Fesseln, von denen keine noch so schwere Krankheit den Arrestanten erlöst.
Ich habe Schwindsüchtige gesehen, die vor meinen Augen in den Ketten starben und sich die ganze letzte Zeit vor dem Tode in ihnen quälen mußten. Man schien sich aber dermaßen daran gewöhnt zu haben, daß alle es als etwas Unabänderliches ansahen. Es ist sogar kaum anzunehmen, daß jemand darüber auch nur nachgedacht hat, da selbst die Ärzte nicht ein einziges Mal darauf gekommen waren, die vorgesetzte Behörde um die Erlaubnis zur Abschmiedung eines Kranken, sagen wir eines Schwindsüchtigen, zu bitten. Die Ketten sind ja an sich nicht weiß Gott wie schwer, sie wiegen ungefähr acht bis zwölf Pfund, und zehn Pfund zu tragen, macht einem gesunden Menschen nichts aus. Nun habe ich aber gehört, daß die Füße, wenn man lange Zeit Fesseln trägt, abzehren sollen. Ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist, aber es hat doch einige Wahrscheinlichkeit für sich. Jedes Gewicht, mag es auch noch so gering sein – in diesem Fall etwa zehn Pfund –, das für immer an den Fuß befestigt ist, vergrößert das Gewicht des Gliedes in unnatürlicher Weise und kann daher auf die Dauer sehr wohl einen schlechten Einfluß haben ... Doch nehmen wir an, daß es einem Gesunden nichts ausmacht, so handelt es sich doch hier um Kranke, und nicht etwa um vorübergehend Erkrankte, sondern um Schwindsüchtige, bei denen die Arme und Beine ohnehin schon so abgezehrt sind, daß ihnen jeder Strohhalm schwer wird. Wahrlich, hätte die Medizinalbehörde auch nur für die Schwindsüchtigen diese Erleichterung erwirkt, so wäre auch das schon eine große Wohltat gewesen. Man wird vielleicht einwenden, der Arrestant sei ein Verbrecher, ein Bösewicht, und habe Wohltaten nicht verdient. Aber sind wir denn wirklich befugt, die Strafe eines Menschen noch zu verschärfen, den Gottes Finger schon berührt hat? Und es ist ja auch schwer zu glauben, daß solches um der Strafe willen geschah. Der Schwindsüchtige darf ja auch nach dem Gesetz nicht körperlich bestraft werden. Folglich kann man hierin wieder nur eine geheimnisvolle Maßregel auf Grund der weisen, einzig seligmachenden Vorsicht sehen. Doch auf Grund welcher Befürchtungen diese Vorsicht notwendig sein soll – das ist und bleibt unverständlich. Wer wird denn, in der Tat, befürchten, daß ein Schwindsüchtiger entfliehen könnte? Welch ein Schwindsüchtiger wird denn die Dummheit begehen, wenn er bereits Todeskandidat ist, noch einen Fluchtversuch zu machen, er, der sich kaum schleppen kann, und noch dazu mit der Aussicht, sogleich erschossen zu werden oder draußen in Nacht und Nebel, bei Hunger und Kälte wie ein Hund zu verrecken, während er im Lazarett alles hat, was er noch braucht? Und daß einer Schwindsucht vortäuschen, die Ärzte betrügen könnte, um vom Lazarett aus zu entfliehen – ist ausgeschlossen. Schwindsucht ist keine Krankheit, die sich vortäuschen läßt, dem Schwindsüchtigen sieht man seine Krankheit schon auf den ersten Blick an. Und dann noch eines: werden denn dem Menschen wirklich nur zu dem einen Zweck die Fesseln angeschmiedet, damit er nicht entfliehen könne oder auch nur, um ihm die Flucht zu erschweren? Durchaus nicht. Die Fesseln sind nichts als Entehrung, physische wie sittliche Belastung, Schmach und Schande. Als das wenigstens wird dieses Kennzeichen des Sträflings allgemein aufgefaßt. Die Flucht aber können sie nie verhindern: selbst der dümmste, ungeschickteste Arrestant wird es verstehen, ohne besondere Mühe das Eisen zu durchfeilen oder die Niete mit einem Stein zu zerschlagen. Nein, die Fußfesseln sind entschieden kein Hindernis. Wenn dem aber nun einmal so ist, wenn sie dem verurteilten Zwangsarbeiter nur zur Strafe angeschmiedet werden, so frage ich nochmals: soll man denn wirklich auch einen Sterbenden noch bestrafen?
Während ich dieses schreibe, steht wieder deutlich das Bild eines Sterbenden vor mir, eines Schwindsüchtigen, jenes selben Michailoff, der mir fast gegenüberlag, nicht weit von Ustjänzeff, und der, soviel mir erinnerlich ist, am vierten Tage nach meiner Übersiedelung ins Lazarett starb. Vielleicht habe ich auch nur aus diesem Grunde soviel von den Schwindsüchtigen gesprochen, weil dieses Bild unwillkürlich alle Eindrücke und Gedanken in meiner Erinnerung wieder wachrief, die ich damals anläßlich seines Todes hatte. Den Michailoff selbst kannte ich nur wenig. Er war noch sehr jung, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt, hoch gewachsen, schlank und von auffallend edlem Äußerem. Er lebte in der besonderen Abteilung und war bis zur Wunderlichkeit schweigsam, geradezu lautlos und gewissermaßen „ruhig traurig“, wie die Arrestanten sagten. Wie sie nach seinem Tode erzählten, sei er im Ostrogg förmlich „eingetrocknet“. Sie bewahrten ihn in gutem Angedenken. Ich erinnere mich noch, daß er wundervolle Augen hatte ... – ich weiß nicht, warum ich mich gerade dieser Augen so deutlich entsinne ...
Er starb um drei Uhr nachmittags, an einem kalten, klaren Tage. Ich weiß noch, durch die grünlichen, von Eisblumen glitzernden Fensterscheiben fiel das Wintersonnenlicht in schrägen, breiten Strahlenbündeln ins Zimmer. Ein ganzer Strom von Licht ergoß sich über den Unglücklichen. Er war bewußtlos, atmete schwer, und es dauerte mehrere Stunden, bis er endlich erlöst war. Schon am Morgen hatte man seinen Augen angesehen, daß er die anderen nicht mehr erkannte: sie traten an sein Bett und wollten ihm etwas Erleichterung schaffen, denn man sah es deutlich, wie sehr er sich quälte: er atmete schwer, tief, röchelnd; hoch hob sich seine Brust, als könne er nicht genug Luft einziehen. Er hatte bereits die Bettdecke von sich geworfen, die ganze Kleidung, und nun begann er, sein Hemd sich vom Leibe zu reißen: selbst dieses war ihm zu schwer. Man half ihm und zog ihm auch das Hemd aus. Es war entsetzlich, diesen langen, langen, nackten Körper zu sehen, mit den bis auf den Knochen abgezehrten Beinen und Armen, dem eingefallenen Leib und dem gehobenen Brustkorb mit den deutlich wie bei einem Skelett sich abzeichnenden Rippen. Auf seinem ganzen langen Körper lag nur ein kleines Holzkreuz und ein Amulett, und dann noch die Fesseln, durch deren Eisenring er jetzt den abgemagerten Fuß, wie es schien, hätte durchziehen können. Eine halbe Stunde vor seinem Tode verstummten alle oder sie sprachen fast nur flüsternd. Wer gehen mußte, trat leise, kaum hörbar auf. Es wurde nur wenig gesprochen, hin und wieder blickte man auf den Sterbenden, der immer lauter röchelte. Endlich tastete er mit unsicherer, irrender Hand nach seinem Kreuz, das er am Halse trug, und begann es gleichfalls fortzuzerren, als wäre ihm auch dieses zu schwer geworden, als hätte es ihn bedrückt, beunruhigt. Da nahm man ihm auch das Kreuz ab. Nach zehn Minuten verschied er. Man klopfte an die Tür und meldete es der Schildwache. Der Krankenwärter trat ein, sah mit stumpfen Blicken auf den Toten und begab sich zum Feldscher. Dieser erschien ziemlich bald; es war ein junger guter Mensch, der sich nur etwas mehr als nötig mit seinem Äußeren beschäftigte, einem Äußeren, das übrigens ganz glücklich war. Mit schnellen, lauten Schritten ging er durch den stillgewordenen Raum zum Toten, erfaßte mit ganz besonders freundlicher Miene, die er sich gleichsam speziell für diesen Fall ausgedacht hatte, das Handgelenk, um den Puls zu fühlen, befühlte ihn auch noch hier und da, winkte mit der Hand und ging wieder hinaus. Hierauf wurde die Wache benachrichtigt: es war ein schwerer Verbrecher aus der besonderen Abteilung gewesen, folglich mußte auch sein Tod mit besonderen Zeremonien vermerkt werden. Während nun die Wache erwartet wurde, äußerte einer der Sträflinge mit leiser Stimme den Gedanken, daß es wohl gut wäre, dem Toten die Augen zuzudrücken. Ein anderer hörte ihm aufmerksam zu, trat dann zum Leichnam und drückte ihm die Augen zu. Bei der Gelegenheit bemerkte er auch das kleine Holzkreuz auf dem Kissen, nahm es, besah es und legte es dem Toten wieder um den Hals; als es geschehen war, bekreuzte er sich.
Inzwischen erstarrte das Gesicht des Entschlafenen; ein Sonnenstrahl spielte auf ihm. Der Mund war halbgeöffnet: zwei Reihen weißer, junger Zähne glänzten unter den dünnen, am Zahnfleisch klebenden Lippen.
Endlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Seitengewehr und im Helm, ihm folgten zwei Wärter. Er näherte sich mit immer langsamer werdendem Schritt, mit verwundertem Blick auf die stummen, ernst und streng ihn ansehenden Sträflinge ringsum. Als er bis auf einen Schritt vor dem Toten angekommen, blieb er plötzlich wie erstarrt stehen: der völlig entblößte, bis auf Haut und Knochen abgemagerte Leichnam, an dem noch die eisernen Fesseln angeschmiedet waren, schien ihn zu erschrecken. Doch schon im nächsten Augenblick löste er die Schuppenkette seines Helmes, nahm den Helm ab, was durchaus nicht notwendig war, und bekreuzte sich langsam und mit tiefer Verneigung. Es war ein strenges Feldwebelgesicht mit einem schon grau untermischten Schnauzbart. Ich weiß noch, im selben Augenblick stand nicht weit von ihm Tschekunoff, ein gleichfalls schon ergrauter Mann. Die ganze Zeit hatte er schweigend und aufmerksam in das Gesicht des Unteroffiziers geblickt, ohne auch nur einmal den Blick abzuwenden, um mit einer ganz eigentümlichen Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Da trafen sich ihre Blicke und bei Tschekunoff erzitterte plötzlich aus einem unbekannten Grunde die Unterlippe: er verzog sie so eigentümlich, öffnete den Mund und sagte, halb ohne zu wollen und mit dem Kopf auf den Toten weisend, hastig und nicht laut zu ihm: „Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ und ging fort.
Ich weiß noch, diese Worte durchbohrten mich wie ein Messerstich ... Warum nur hatte er sie gesagt und wie war er überhaupt darauf gekommen? Da schickte man sich an, den Leichnam hinauszutragen: man hob ihn mit dem ganzen Lager auf, das Stroh knisterte, und inmitten der allgemeinen Stille fielen plötzlich die Ketten mit lautem Geklirr zu Boden. Sie wurden aufgehoben ... Bald war die Leiche hinausgeschafft. Plötzlich begannen alle laut zu sprechen. Man hörte nur noch, wie der Unteroffizier im Korridor jemand nach dem Schmied schickte. Der Tote mußte ausgeschmiedet werden ... Doch ich bin vom Thema abgekommen ...
II. Das Lazarett, Fortsetzung
Der Besuch der Ärzte fand täglich am Morgen statt. Ungefähr um elf Uhr erschienen sie alle zusammen, ihnen voran schritt der Oberarzt, und anderthalb Stunden vor ihnen kam unser Abteilungsarzt. Damals war es ein junger Mediziner, der seine Sache verstand, freundlich und sympathisch im Umgang und bei den Arrestanten sehr beliebt war, doch entdeckten sie auch an ihm einen Fehler: „Er ist doch schon gar zu gut,“ sagten sie. Er war allerdings ein sehr guter Mensch, wenig gesprächig, schien sogar verlegen zu sein, wenn er bei uns war, errötete beinahe, wenn man ihn um etwas bat, änderte die Rationen womöglich schon nach der ersten Bitte und war vielleicht sogar bereit, auch die Medizin nach dem Wunsch des Kranken zu bestimmen. Übrigens war er wirklich ein prächtiger Junge. Man wird mir zugeben, daß in Rußland viele Ärzte die Liebe und Achtung des einfachen Volkes genießen – es ist Tatsache. Ich weiß, meine Worte werden zunächst paradox erscheinen, besonders wenn man das allgemeine Mißtrauen des russischen Volkes zu den Medizinern und den ausländischen Arzneien in Betracht zieht. Und es ist ja wahr, der einfache Mann, der sich mit einer Krankheit, und nicht selten einer schweren Krankheit, womöglich jahrelang plagt, wird sich eher von einem alten Kräuterweibe behandeln lassen, oder sich mit Hausmitteln – die durchaus nicht zu verachten sind – zu heilen versuchen, als daß er zum Arzt geht oder ins Hospital, um dort zu liegen. Doch gibt es hierfür einen Grund, der sogar sehr wichtig ist, jedoch nichts mit der Medizin zu tun hat: das ist, wie ich bereits angedeutet habe, das Mißtrauen des Volkes zu allem, was den Stempel des Administrativen, Formellen trägt. Hinzu kommt, daß das Volk durch verschiedene grauenvolle Geschichten, die meist frei erfunden sind, mitunter aber zum Teil auch auf Wahrheit beruhen, ein großes Vorurteil gegen die Hospitäler gefaßt hat und die Ärzte fürchtet. Doch am meisten schrecken es die deutschen Einrichtungen, die fremden Menschen ringsum während der ganzen Krankheit, die strengen Vorschriften inbetreff des Essens, Erzählungen von Beispielen schonungsloser Roheit der Feldscher und auch Ärzte, vom Aufschneiden der Leichen und Ausnehmen des Eingeweides, und ähnliches mehr. Und dann denkt das Volk, da die Ärzte doch den oberen Gesellschaftsklassen angehören: wie sollen wir uns denn von den vornehmen Herren bedienen und kurieren lassen? Aber schon nach etwas näherer Bekanntschaft mit den Ärzten verschwinden – Ausnahmen natürlich zugegeben – alle diese Befürchtungen sehr schnell, was meiner Meinung nach unseren Ärzten, namentlich den jüngeren, nur zur Ehre gereicht. Die Mehrzahl von ihnen versteht es, sich die Achtung und sogar die Liebe des Volkes zu erwerben. Wenigstens behaupte ich es nach dem, was ich selbst oft genug und an verschiedenen Orten gesehen und erfahren habe. Und ebenso habe ich keine Veranlassung, vorauszusetzen, daß es an anderen Orten gar so oft anders sei. Gewiß gibt es in manchen Winkeln Ärzte, die ihr Hospital nur als Kapitalanlage betrachten und die Kranken wie die Medizin so gut wie gänzlich vergessen. Gewiß gibt es auch heute noch solche Ärzte; ich aber rede von der Mehrzahl oder richtiger, von der Richtung und dem Geist, der sich heute in der Medizin kundtut und entwickelt. Jene anderen, jene Verräter der Sache, sind Wölfe in der Schafherde, was sie auch zu ihrer Rechtfertigung vorbringen werden, wie zum Beispiel die Ausrede von dem „Milieu“, das sie verschlungen habe, – sie werden doch immer im Unrecht bleiben, besonders wenn sie inzwischen auch die Nächstenliebe verloren haben. Nächstenliebe, Freundlichkeit, brüderliches Mitleid mit dem Leidenden ist für diesen oft viel notwendiger, als alle Arzneien. Es wäre wirklich Zeit, endlich aufzuhören, die Schuld apathisch auf das „Milieu“ abzuwälzen, mit der Begründung, daß es uns erstickt habe. Es ist allerdings wahr, daß es vieles erstickt, alles aber kann es uns doch niemals nehmen. Und wie oft hat ein geriebener und sachverständiger Schurke nicht nur seine Schwächen, sondern selbst seine größten Gemeinheiten mit dem Einfluß des „Milieu“ äußerst gewandt zu verdecken oder sogar zu rechtfertigen gewußt, besonders wenn er schön zu reden und schön zu schreiben verstand. ... Übrigens bin ich wieder vom Thema abgewichen.
Ich wollte nur sagen, daß das einfache Volk sich mehr zur medizinischen Administration mißtrauisch verhält, als zu den Ärzten selbst. Hat es sie einmal näher kennen gelernt und gesehen, wie sie in Wirklichkeit sind, so verliert es schnell viele seiner Vorurteile. Die übliche Einrichtung unserer Heilanstalten entspricht bis jetzt noch in vielen Dingen nicht dem Volksgeist, steht mit ihren Vorschriften den Angewohnheiten des einfachen Menschen feindlich gegenüber und kann daher auch nicht sein volles Vertrauen und seine volle Achtung erwerben. Wenigstens will es mir so scheinen, nach dem, was ich selbst gesehen habe und nach den verschiedenen empfangenen Eindrücken.
Unser Abteilungsarzt blieb gewöhnlich bei jedem Kranken stehen, untersuchte ihn ernst und äußerst gewissenhaft, richtete verschiedene Fragen an ihn, verschrieb die Medizin, bestimmte das Essen, die Portion. Zuweilen bemerkte er sehr gut, daß dem angeblich „Kranken“ überhaupt nichts fehlte, da aber der betreffende Arrestant gekommen war, um sich von der schweren Arbeit zu erholen oder einige Zeit in einem weichen Bett zu liegen, anstatt auf nackten Pritschenbrettern, oder immerhin in einem warmen Zimmer und nicht im feuchten Haftlokal der Hauptwache, wo in engem Raum die bleichen, elenden Untersuchungsgefangenen – die fast immer bleich und elend sind (ein Zeichen, daß ihre Verpflegung schlecht und ihr Seelenzustand bedrückter ist, als der der bereits Verurteilten) – in dichten Haufen zusammengepfercht gehalten werden, so schrieb er auf seinen Krankenzettel irgend ein febris catarrhalis und ließ ihn nicht selten eine ganze Woche liegen. Über febris catarrhalis lachten wir alle. Man wußte ja schon, daß es die in beiderseitigem Einverständnis zwischen dem Arzt und dem Kranken gewählte Formel für Faulfieber oder für eine vorgetäuschte Krankheit war, oder „vorrätiges Bauchgrimmen“, wie die Arrestanten febris catarrhalis frei nach ihrer Auffassung übersetzten. Natürlich kam es auch vor, daß der Kranke die Güte des Arztes ausnutzte und so lange liegen blieb, bis er mit Gewalt fortgeschickt werden mußte. Dann hätte man unsern jungen Arzt sehen sollen: er schien ganz zaghaft zu werden, schien sich förmlich zu schämen, dem „Kranken“ zu sagen, daß er gesund sei und sich bald ausschreiben lassen müsse, obgleich er doch als Arzt das volle Recht hatte, ihn ohne alle Redewendungen und Versuche einfach zu verabschieden, indem er auf sein Krankenzeugnis nur „geheilt“ zu schreiben brauchte. Er deutete ihm zuerst nur an, dann versuchte er ihn zu überreden oder gar zu bitten: „hm, so und so, was meinst du, wird es nicht bald Zeit sein? Du bist ja doch schon gesund, hier ist es jetzt sehr eng“ usw., usw., bis dem Sträfling schließlich doch das Gewissen schlug und er selbst um seine Entlassung bat. Der Oberarzt dagegen war, wenn auch ein nicht minder menschenfreundlicher und ehrenhafter alter Herr – die Kranken liebten ihn gleichfalls sehr – in dieser Beziehung unvergleichlich strenger und entschlossener, ja er konnte sogar unerbittlich streng sein, und gerade deswegen wurde er bei uns ganz besonders geachtet. Er erschien bald nach dem Abteilungsarzt, begleitet von allen anderen Ärzten des Hospitals, untersuchte gleichfalls jeden einzeln, namentlich die Schwerkranken, wußte ihnen stets etwas Gutes, Ermunterndes zu sagen, häufig sogar ein herzliches Wort, und überhaupt machte er einen guten Eindruck. Die Patienten mit „vorrätigem Bauchgrimmen“ wies er nie zurück, nur wenn der Bursche gar nicht wieder fortgehen wollte, so ließ er ihn ohne viel zu fragen „ausschreiben“. „Nun, wie steht’s, mein Junge, hast genug gelegen und dich ausgeruht, geh mal jetzt, ein Mensch muß Ehre im Leibe haben.“ Diese nicht freiwillig Gehenden waren in der Regel die Faulen, die sich in der Arbeitszeit, also im Sommer, gern um die Arbeit drückten, oder die eines Vergehens Schuldigen, die einer Bestrafung entgegensahen. Ich entsinne mich noch, wie man gegen einen von ihnen zu einem ganz besonders strengen, ja sogar grausamen Mittel griff, um ihn zum Fortgehen zu bewegen. Er war mit einer Augenkrankheit gekommen: seine Augen waren rot und er klagte über starken, stechenden Schmerz in ihnen. Man behandelte ihn mit spanischen Fliegen, Blutegeln, mit Einspritzungen einer besonderen Flüssigkeit in die Augen und noch verschiedenen anderen Mitteln, doch die Krankheit wurde nicht gehoben, die Augen waren und blieben entzündet. Allmählich aber errieten die Ärzte, daß die Krankheit nicht echt war: die Entzündung war nicht gerade sehr stark, wurde weder schlimmer noch besser, – sie blieb immer im selben Stadium. Das war verdächtig. Die Sträflinge wußten schon lange, daß der Betreffende die Ärzte betrog, obwohl er es ihnen nicht verraten hatte. Er war ein noch junger Bursche, sogar hübsch zu nennen, machte aber auf uns alle einen recht unangenehmen Eindruck: er war verschlossen, mißtrauisch, mürrisch, sprach mit keinem ein Wort, blickte unter der Stirn hervor, zog sich von allen zurück, ganz als hätte er einen jeden schlimmer Absichten verdächtigt. Ich weiß noch, einige befürchteten ernstlich, daß er irgend etwas Schlimmes anstiften könnte. Er war Soldat aus der Strafkompagnie, hatte viel gestohlen, war ertappt und zu tausend Stockschlägen und zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Ich habe schon gesagt, daß die Verurteilten sich bisweilen zu den schlimmsten Ausfällen entschließen, nur um den Augenblick der Strafe hinauszuschieben: sie werfen sich mit dem Messer auf einen Offizier oder einen ihrer Schicksalsgenossen, sie kommen von neuem in Untersuchungshaft, ein neues Verfahren wird gegen sie eingeleitet und die erste Strafe vorläufig noch hinausgeschoben, nicht selten auf ganze zwei Monate – das aber ist alles, was sie wollen. Der Betreffende denkt nicht daran, daß man ihn nach zwei Monaten zweimal, dreimal so streng bestrafen wird: wenn nur der grauenvolle Augenblick nicht gleich kam, wenn man ihn nur noch auf ein paar Tage hinausschieben konnte, mag dann kommen, was kommt! – so mutlos sind zuweilen diese Unglücklichen. Einige flüsterten sogar unter sich, daß man sich in acht nehmen müsse, er könne einen in der Nacht noch erstechen. Übrigens wurde nur so gesprochen, wirkliche Vorkehrungen traf niemand, selbst die nicht, deren Bett dem seinen zunächst stand. Man hatte schon bemerkt, daß er in der Nacht seine Augen mit einem Stückchen Kalk von dem Stück Stubenwand und noch irgend etwas anderem rieb, damit sie am nächsten Morgen wieder rot wären. Endlich drohte ihm der Oberarzt ein schmerzhaftes Verfahren an: das Haarseil. Bei hartnäckiger Augenkrankheit, die lange andauert und durch alle anderen medizinischen Mittel nicht gehoben werden kann, entschließen sich die Ärzte, um dem Kranken die Sehkraft zu erhalten, zu einem starken und qualvollen Mittel zu greifen: sie ziehen ihm einen – Leinwandstreifen durch die Haut, als wäre er ein Pferd. Unserer nun konnte sich selbst jetzt noch nicht entschließen, gesund zu werden. Ich weiß nicht, was in diesem Menschen größer war: Eigensinn oder Feigheit. Zwar war das „Haarseil“ nicht Stockschläge, doch viel stand es ihnen in der Qual nicht nach. Dem Kranken wurde hinten am Halse soviel Haut, wieviel man mit der Hand nur fassen konnte, zusammengenommen; durch diese Haut wurde ein Messer durchgestochen, wodurch eine breite und lange Wunde über den ganzen Nacken entstand, und durch diese Wunde wurde dann ein Leinwandstreifen etwa von der Breite eines Fingers durchgezogen. Nun wurde dieser Leinwandstreifen täglich hin und her gezogen und folglich die Wunde immer von neuem wieder aufgerissen, damit sie beständig eitere. Der arme Teufel ertrug auch diese Marter unter den größten Qualen eigensinnig noch mehrere Tage, bis er sich dann doch endlich entschloß, die Sache aufzugeben. Seine Augen wurden an einem Tage vollkommen gesund, und nachdem auch sein Hals geheilt war, ging er auf die Hauptwache, um die tausend Stockschläge zu erhalten.
Natürlich ist der Augenblick vor der Bestrafung schwer, dermaßen schwer, daß ich vielleicht unrecht tue, wenn ich diese Angst vor ihr Kleinmut und Feigheit nenne. Muß sie denn nicht tatsächlich furchtbar sein, wenn man eine doppelte, dreifache Bestrafung heraufbeschwört, nur um diesen Augenblick um ein weniges hinauszuschieben! Aber es gibt auch andere – von denen ich übrigens auch schon gesprochen habe, – die sich mit noch nicht ganz geheiltem Rücken bereits ausschreiben lassen, nur um schneller auch den Rest der Strafe zu empfangen und so bald als möglich das Haftlokal verlassen zu können, denn das Leben auf der Hauptwache ist natürlich unvergleichlich langweiliger als jede Zwangsarbeit. Doch außer dem Unterschied in den Temperamenten spielte in der Entschlossenheit oder Unentschlossenheit die Gewohnheit an Schläge und Strafen eine große Rolle. Ein oft Geschlagener festigt sich gleichsam geistig wie körperlich und sieht schließlich ziemlich skeptisch auf die Strafen, beinahe wie auf eine nur kleine Unannehmlichkeit, die er kaum noch fürchtet! Im allgemeinen gesprochen, ist das durchaus wahr. So erzählte mir einer der Sträflinge aus der besonderen Abteilung, es war ein getaufter Kalmück, Alexander – oder Alexandra, wie er bei uns genannt wurde, ein eigenartiges, durchtriebenes, furchtbares Männlein, das gleichzeitig überaus gutherzig war – wie er viertausend Schläge erhalten hatte, erzählte es lachend und scherzend, schwor aber gleich darauf, daß er, wenn er nicht von Kindheit auf, schon vom zartesten Alter an, nur unter der Knute ausgewachsen wäre, von der sein Rücken während seines ganzen Lebens in der Horde buchstäblich nie ohne Schorfstreifen gewesen sei, diese viertausend Hiebe in keinem Fall überlebt hätte. Während er es mir erzählte, schien er seine Erziehung unter der Knute geradezu zu segnen.
„Ich wurde für alles geprügelt, Alexander Petrowitsch,“ sagte er einmal zu mir, als er am Abend, noch bevor das Nachtlicht angezündet wurde, auf meinem Bettrand saß. „Für alles und jedes, für was es auch sein mochte, runde fünfzehn Jahre, schon seit jenem ersten Tage, dessen ich mich nach meiner Geburt erinnern kann, und jeden Tag ein paarmal. Nur wer grad keine Lust dazu hatte, der schlug mich nicht. So kam’s, daß ich mich zum Schluß ganz und gar daran gewöhnt hatte.“
Wie er unter die Soldaten gekommen war, weiß ich nicht. Vielleicht hat er es mir auch erzählt, dann habe ich es aber vergessen. Er war ein echter Landstreicher und Nomade. Ich erinnere mich nur noch einer Erzählung, wie ihn entsetzliche Angst erfaßt hatte, als er wegen der Ermordung seines Vorgesetzten zu viertausend Hieben verurteilt worden war.
„Ich wußte,“ erzählte er, „daß man mich hart bestrafen und mich, kann sein, überhaupt nicht mit dem Leben davonkommen lassen würde, wenn ich auch von Jugend auf an Hiebe gewöhnt war, aber viertausend Hiebe, das ist doch, hn, – Spaß! Und dazu waren noch alle Vorgesetzten wütend auf mich! Ich wußte, wußte ganz genau, daß ich nicht durchkommen würde, daß man mich nicht lebendig wieder losließ. Ich versuchte es zuerst mit der Taufe, dachte, was kann man wissen, vielleicht vergibt man mir, und obschon mir die Meinigen genug sagten, daß deswegen nichts davon geschehen werde, nichts von verzeihen, so dachte ich doch bei mir: ich will’s doch versuchen, schaden kann’s ja nicht und ihnen wird es doch um einen Getauften etwas mehr leid tun. Und ich wurde auch wirklich getauft und bei der heiligen Taufe erhielt ich den Namen Alexander. Nun, aber die Viertausend blieben immer Viertausend. Wenn man mir auch nur einen einzigen Hieb abgelassen hätte! Ich fühlte mich wirklich gekränkt. Da denke ich so bei mir: also so, na wartet, ich werde euch jetzt alle samt und sonders betrügen! Und was glaubt Ihr, Alexander Petrowitsch, ich habe sie doch wirklich betrogen! Ich verstand es mehr als fein, mich so zu stellen, als wäre ich tot, das heißt, nicht ganz fertig, aber immer so, daß nur noch ein Zipfelchen von der Seele im Körper drin ist und auch dieses noch jeden Augenblick hinausgehen kann. Man führte mich; erstes Tausend: brennt wie Feuer, ich schreie; zweites Tausend, – nun, denke ich, jetzt ist mein Ende gekommen, die Füße trugen nicht mehr, Verstand zum Teufel. Ich schnell entschlossen – plumps, falle hin, auf die Erde, mache tote Augen, mein Gesicht wird blau, Atem stockt, Schaum vor dem Munde. Der Arzt kommt: ‚Wird sogleich,‘ sagt er, ‚sterben.‘ Man trug mich ins Hospital, ich aber wurde im Handumdrehen wieder lebendig. So wurde ich dann noch zweimal hinausgeführt, aber erbittert waren sie auf mich, das waren sie, ich aber betrog sie noch ganze zwei Mal. Als ich das zweitemal vorkam, nahm ich nur ein Tausend hin, das dritte an der Zahl, – starb. Als aber das vierte an die Reihe kam, da ging mir jeder Hieb wie ’n Messer übers Herz, da zählte jeder Hieb für drei, so schmerzhaft schlugen sie! Sie waren aber auch wütend auf mich! Dieses verfluchte letzte Tausend – das es der! ... – war all die anderen drei wert, und wenn ich nicht kurz vor Schluß gestorben wäre – nur zweihundert blieben noch – so hätten sie mich wahrhaftig mausetot geprügelt, nun, ich aber gab mich nicht dazu her: ich pfiff ihnen was und starb wieder. Wieder glaubten sie, und wie sollten sie denn nicht: der Arzt glaubte doch! Aber bei den letzten zweihundert, da rissen sie, was sie nur reißen konnten, aus voller Wut, so daß ein andermal selbst zweitausend leichter sind, aber tot kriegten sie mich doch nicht, da konnten sie sich die Nase abwischen! Und warum hatten sie mich nicht totgekriegt? Weil ich eben von Kindesbeinen an unter der Knute aufgewachsen war. Darum lebe ich auch heute noch. Ja, ich sag wohl, was man mich geschlagen hat in meinem Leben, was man mich geschlagen hat!“ fügte er zum Schluß der Erzählung hinzu, wie in ernstes Nachdenken versunken, als bemühe er sich, ungefähr zu berechnen, wieviel Mal und wie stark man ihn wohl geschlagen haben mochte. „Ach was,“ sagte er dann nach kurzem Schweigen, „wo soll das einer auszählen, soviel Zahlen gibt es ja überhaupt nicht!“
Er sah mich an und lachte, aber so gutmütig, daß auch ich nicht ernst bleiben konnte und ihm als Antwort zulächelte.
„Aber wißt Ihr auch, Alexander Petrowitsch, daß ich, wenn mir nachts manchmal träumt, dann nichts anderes sehe, als daß ich geprügelt werde. Andere Träume habe ich überhaupt nicht.“
Er schrie allerdings nicht selten in der Nacht aus voller Kehle, sodaß ihn die anderen Sträflinge mit Püffen zur Besinnung brachten: „Na, Teufel, was schreist du denn!“ Er war ein gesunder Bursch, nicht groß von Wuchs, ein unruhiger Geist, von Charakter äußerst heiter, fünfundvierzig Jahre alt, stand mit allen auf gutem Fuß, und wenn er auch eine große Vorliebe für das Stehlen hatte und von den anderen sehr oft dafür verprügelt wurde, so war das schließlich nichts Ungewöhnliches, denn wer stahl bei uns nicht und wer wurde nicht dafür verprügelt?
Hier muß ich noch eines hinzufügen: ich habe mich oft gewundert über die ungewöhnliche Gutmütigkeit und Arglosigkeit, mit der alle diese Gezüchtigten von der Züchtigung und von denen, die sie gezüchtigt hatten, erzählten. Häufig habe ich nicht einmal eine Spur von Groll oder Haß in einer solchen Erzählung entdecken können, bei der mir nicht selten das Herz stehen blieb oder laut und stark klopfte. Sie aber erzählten ganz gleichmütig und lachten wie Kinder. Nur M–tzkij war eine Ausnahme, er war nicht adlig und man hatte ihn zu fünfhundert verurteilt. Ich erfuhr es von anderen und fragte ihn einmal, ob es wahr sei, und wie er es ausgehalten habe. Er antwortete mir merkwürdig kurz – wie unter einem inneren Schmerz – und bemühte sich, mich nicht anzusehen, sein Gesicht aber wurde auffallend rot. Erst nach einer halben Minute sah er mich wieder an und in seinen Augen glühte Haß, seine Lippen zitterten vor Unwillen. Da fühlte ich, daß er niemals diese Stunde aus seiner Vergangenheit würde vergessen können. Von den übrigen jedoch sahen alle – ich bürge allerdings nicht dafür, daß es keine Ausnahmen gab, – sahen alle ganz anders auf die Sache. Es kann doch nicht sein, dachte ich zuweilen, daß sie sich für schuldig und ihre Strafe für durchaus verdient halten, besonders noch wenn sie sich nicht gegen die ihrigen, sondern gegen ihre Feinde, die Vorgesetzten, vergangen haben? Die Mehrzahl von ihnen klagte sich niemals an. Ich habe schon gesagt, daß ich Gewissensbisse nie gesehen, selbst dann nicht, wenn das Verbrechen an einem aus ihrer eigenen Gesellschaftsklasse begangen war, von den Verbrechen an den Vorgesetzten ganz zu schweigen. Ja es schien mir, daß in diesem Falle die vollendete Tatsache mit einem ganz besonderen, sozusagen praktischen Blick betrachtet wurde: man dachte an die Macht des Schicksals, an das Unabänderliche des Geschehenen, – tat es aber nicht etwa aus Berechnung, sondern gleichsam unbewußt, wie in einem einmal angenommenen alten Glauben. Wenn aber der Arrestant geneigt ist, sich in seinen Vergehen gegen die Vorgesetzten für durchaus gerechtfertigt zu halten, ja, diese Frage für ihn überhaupt nicht existiert, so erkennt er praktisch doch vollkommen an, daß die Vorgesetzten mit einem ganz anderen Blick auf sein Verbrechen sehen, und ihn folglich bestrafen mußten. Hier war es ein richtiger Kampf. Der Verbrecher weiß und zweifelt nicht daran, daß das Urteil seiner Umgebung, seiner Gesellschaftsklasse ihn freispricht, dasselbe einfache Volk, unter dem er aufgewachsen ist, das ihn niemals – und das weiß er ebenso gut – niemals endgültig verurteilen wird, meistenteils ihn aber vollkommen freispricht, wenn nur das Verbrechen nicht an den eigenen, an seinen Brüdern, an den ihm Verwandtesten des Volkes begangen ist. Sein Gewissen ist ruhig, hierin ist er stark, und niemals wird er sich sittlich verwirren lassen, das aber ist die Hauptsache. Er fühlt gewissermaßen, daß er etwas hat, worauf er sich stützen kann, und darum haßt er nicht, sondern faßt das mit ihm Geschehene als ein Ergebnis der unvermeidlichen Tatsache auf, die nicht durch ihn eingeführt ist und auch nicht durch ihn beendet werden kann, und noch lange, lange fortdauern wird in dem nun einmal bestehenden passiven, doch hartnäckigen Kampfe. Welch ein Soldat wird im Kriege den Feind, den einzelnen Soldaten des Feindes persönlich hassen? Und doch kann jener nach ihm schießen, ihn niederschlagen, ihn erstechen ...
Übrigens waren nicht alle Erzählungen so kaltblütig und gleichmütig. Von dem Leutnant Sherebätnikoff zum Beispiel erzählte man sogar mit einem gewissen Unwillen, der aber übrigens bei vielen nicht sehr groß war.
Diesen Leutnant Sherebätnikoff lernte ich schon in den ersten Tagen, die ich im Lazarett verbrachte, kennen – natürlich nicht persönlich, sondern nur aus den Erzählungen der Sträflinge. Später sah ich ihn einmal auch in Wirklichkeit, als er gerade auf der Wache war. Er war ein Mann von nahezu dreißig Jahren, groß, dick, beinahe fett, mit roten, dicken Wangen, mit weißen Zähnen, und einem Lachen, wie Gogol es zuweilen schildert. Seinem Gesicht sah man es sofort an, daß er der unbedachtsamste Mensch der Welt war. Seine Liebe zum Bestrafen und Peitschenlassen, wenn er einmal zum Exekutor bestimmt wurde, grenzte förmlich an Leidenschaft. Ich muß vorausschicken, daß ich diesen Leutnant schon damals für ein Ungeheuer unter seinesgleichen hielt, und ungefähr ebenso sahen auch die anderen Sträflinge auf ihn. Es gab auch außer ihm Exekutoren, in alten Zeiten, versteht sich, – d. h., in jenen jüngst vergangenen Zeiten, die „kaum vorüber und doch kaum glaublich sind,“ wie Gribojedoff sagt – Exekutoren, die ihre Pflicht in dieser Sache peinlich genau und mit Eifer zu erfüllen pflegten. Gewöhnlich aber ging die Bestrafung von Seiten des dazu abkommandierten Leutnants ganz naiv und ohne jede besondere Begeisterung vor sich. Sherebätnikoff dagegen war in dieser Beziehung von der Art eines raffinierten Gastronomen. Er liebte, liebte leidenschaftlich die Kunst des Bestrafens, und liebte sie nur um der Kunst willen. Er fand einen Genuß darin und gleich einem in Genüssen gar zu verwöhnten, blasierten Patrizier des römischen Imperiums erfand er noch verschiedene Verfeinerungen, sogar die widernatürlichsten, um seine in Fett erstickende Seele noch ein wenig angenehm zu kitzeln und zu erregen.
Man führt einen Verurteilten zur Bestrafung, Sherebätnikoff ist zur Leitung der Exekution kommandiert. Allein schon der Anblick der langen Reihe Soldaten mit den dicken Stöcken begeistert ihn. Zufrieden schreitet er die Front ab und schärft den Leuten nachdrücklich ein, daß ein jeder gut und gewissenhaft seine Pflicht erfüllen soll, sonst ... Die Soldaten wissen schon, was dieses „sonst“ bedeutet. Da wird der Verbrecher herangeführt, und hat er ihn bisher noch nicht kennen gelernt und noch nichts näheres über ihn gehört, so konnte Sherebätnikoff mit ihm zum Beispiel folgendes Stückchen spielen. – Doch ist selbstverständlich dieses, das ich hier anführe, nur eines von hunderten, denn der Leutnant war unerschöpflich in solchen Erfindungen.
Jeder Verurteilte wird in dem Augenblick, wenn man seinen Oberkörper entblößt und seine Hände an die Gewehrkolben gebunden hat, um an ihnen von den Unteroffizieren durch die ganze „grüne Gasse“ gezogen zu werden, – in dem Augenblick wird jeder Arrestant, der Sitte getreu, mit weinerlicher, kläglicher Stimme den Leiter der Exekution zu bitten anfangen, ihn nicht gar so hart bestrafen zu lassen, wenigstens nicht mit übermäßiger Strenge.
„Euer Gnaden,“ fleht der Unglückliche, „erbarmt Euch, seid wie unser himmlischer Vater, tut, daß ewig für Euer Wohlergehen gebetet werde, bringt mich nicht um, erbarmt Euch!“
Sherebätnikoff hat nur darauf gewartet: er hält sogleich den Vorgang auf und beginnt – gleichfalls mit gerührter Stimme – folgendes Gespräch:
„Aber, mein Freund,“ sagt er, „was soll ich denn mit dir anfangen! Nicht ich bestrafe dich, sondern das Gesetz!“
„Euer Gnaden, alles ist in Euren Händen, wolltet Ihr Euch nur erbarmen!“
„Glaubst du denn, daß du mir nicht leid tust? Du glaubst wohl, daß es mir Vergnügen macht, zu sehen, wie man dich schlägt? Ich bin doch auch ein Mensch! Bin ich ein Mensch oder nicht, deiner Meinung nach?“
„Ach, Euer Gnaden, wir wissen doch, – Ihr seid unsere Väter und wir Eure Kinder. Handelt an mir wie ein leiblicher Vater!“ bittet der Arrestant, der schon zu hoffen anfängt.
„Aber, mein Freund, bedenke doch selbst, du hast doch einen Verstand, kannst doch selbst urteilen: ich weiß es doch selbst, daß ich aus Menschlichkeit auch auf dich Sünder nachsichtig und barmherzig blicken soll ...“
„Ach, Euer Gnaden sagt die reinste Wahrheit!“
„Ja, barmherzig blicken soll, wie sündig du auch bist. Aber hier handelt es sich doch nicht um mich, sondern um das Gesetz! Denk doch nur nach! Ich diene doch Gott und dem Vaterlande! Ich nehme doch eine schwere Sünde auf mich, wenn ich das Gesetz abschwäche, bedenke doch nur das!“
„Euer Gnaden!“
„Nun, aber was! Mag es denn so sein, für dich! Ich weiß, daß ich sündige, aber mag es denn sein ... Ich werde diesmal noch Gnade vor Recht walten lassen, werde dich nur leicht bestrafen. Aber wie, wenn ich dir damit nur schade? Lasse ich dich jetzt nur leicht bestrafen, so hoffst du, daß es das nächste Mal ebenso sein werde und wirst wieder ein Verbrechen begehen, – was dann? Ruht doch auf mir, auf meiner Seele die ...“
„Euer Gnaden! Freund und Feind sollen es wissen! Wie vor dem Richterstuhle des himmlischen Schöpfers ...“
„Nun, schon gut, schon gut! Aber wirst du mir schwören, daß du dich hinfort gut aufführen willst?“
„Daß mich der Herr zermalme, daß ich in jener Welt ...“
„Schwöre nicht, das ist Sünde. Ich werde auch deinem Wort glauben, – versprichst du es mir?“
„Euer Gnaden!!!“
„Nun, dann höre mich: ich habe nur wegen deiner Waisentränen Mitleid mit dir ... Du bist doch Waise?“
„Waise, Euer Gnaden, einsam wie ein Daumen, weder Vater noch Mutter ...“
„Nun, also dann um deiner Waisentränen willen, – aber sieh dich vor, es ist zum letztenmal ... Führt ihn,“ fügt er mit einer so milden Stimme hinzu, daß der Arrestant kaum weiß, mit welchen Gebeten er Gott für einen so barmherzigen Menschen danken soll.
Man führt ihn hin, der Trommelwirbel ertönt, die ersten Stöcke heben sich.
„Zieht ihn!“ schreit plötzlich aus vollem Halse Sherebätnikoff. „Schlagt zu, schlagt zu! Prügelt ihn! Noch mehr, noch mehr! Stärker der Waise, stärker dem Spitzbuben! Tränkt es ihm ein, kräftig, schlagt zu!“
Und die Soldaten schlagen zu aus aller Kraft, Funken sprühen aus den Augen des Armen, er sperrt den Mund auf und schreit. Sherebätnikoff aber läuft die Front entlang und lacht, lacht, hält sich die Seiten vor Lachen, kann sich nicht gerade halten, kann sich nicht aufrichten vor Lachen, so daß der Herzensjunge einem zum Schluß geradezu leid tut. Und er freut sich und es amüsiert ihn, und nur von Zeit zu Zeit unterbricht er sein helles, gesundes Lachen und dann hört man wieder:
„Schlagt zu, schlagt zu! Gebt’s dem Spitzbuben, gebt’s der Waise! ...“
Oder er ersann ein anderes amüsantes Verfahren: man bringt den Verurteilten, der legt sich wieder auf das Bitten. Sherebätnikoff verstellt sich diesmal nicht, er spielt den Aufrichtigen.
„Hör mal, mein Lieber,“ sagt er, „ich werde dich wie es sich gehört bestrafen, denn das hast du verdient. Aber eines kann ich für dich in Gottes Namen noch tun: ich werde dich nicht an die Gewehrkolben anbinden lassen. Du wirst allein gehen, aber nach einer neuen Art. Lauf selbst so schnell du kannst durch die ganze Gasse! Wenn auch jeder Stock dich deswegen nicht minder trifft, so wird die Sache doch kürzer sein, was meinst du? Willst du es versuchen?“
Der Sträfling hört ihn verwundert an, mißtrauisch, denkt aber nach:
„Was kann man wissen,“ meint er bei sich selbst, „vielleicht werde ich dabei tatsächlich besser abschneiden: ich laufe was ich laufen kann, und die Sache ist fünfmal schneller abgetan, und vielleicht wird nicht einmal jeder Stock treffen.“
„Gut, Euer Gnaden, ich bin einverstanden.“
„Nun, ich gleichfalls. Los! Gebt acht, aufgepaßt!“ schreit er den Soldaten zu, da er schon weiß, daß kein einziger Stock den schuldigen Rücken verfehlen wird, denn auch der fehlschlagende Soldat weiß nur zu gut, was ihm bevorsteht.
Der Sträfling läuft so schnell er kann, durch die „grüne Gasse“, kommt aber natürlich kaum bis zum fünfzehnten: die Stöcke fallen wie Blitze, wie ein Trommelwirbel, von beiden Seiten gleichzeitig auf ihn nieder, und der Arme stürzt wie gemäht, wie von einer Kugel getroffen zu Boden.
„Nein, Euer Gnaden, lieber schon nach dem Gesetz,“ sagte er, langsam von der Erde sich erhebend, bleich und erschrocken.
Sherebätnikoff aber, der den Verlauf der Sache schon im Voraus gewußt hat, schüttelt sich vor Lachen. Doch ich kann ja nicht alle seine Erfindungen wiedergeben und alles, was man sonst noch über ihn bei uns erzählte ...
In etwas anderem Ton und Geist sprach man bei uns über einen Leutnant Ssmekaloff, der vor unserem Platzmajor gewissermaßen den Posten eines Kommandeurs unseres Ostrogg bekleidet hatte. Erzählte man auch von Sherebätnikoff bisweilen ziemlich gleichmütig, ohne besonderen Groll, so freute man sich doch nicht über seine Heldentaten und lobte ihn nicht, sondern verabscheute ihn offenbar. Ja, man schien ihn sogar mit einem eigentümlichen Stolz zu verachten. Doch des Leutnants Ssmekaloff erinnerte man sich bei uns mit Vergnügen. Er war nämlich durchaus nicht ein besonderer Liebhaber der Prügelstrafe gewesen, und rein Sherebätnikoffsches Empfinden hatte er überhaupt nicht besessen. Anderseits aber war auch er gar nicht abgeneigt, auch einmal prügeln zu lassen. Doch das war ja gerade das Auffallende, daß man sich selbst seiner Prügelstrafen lächelnd und fast liebevoll erinnerte, – dermaßen hatte er das Herz der Leute gewonnen! Und wodurch nur? Durch welche Taten hatte er eine solche Popularität erworben? Es ist wahr, unser Ostroggvolk wie überhaupt das ganze russische Volk, ist fähig, selbst Qualen für ein freundliches Wort zu vergessen. Ich spreche davon, wie von einer Tatsache, ohne sie diesmal von dieser und jener Seite zu untersuchen. Es war nicht schwer, diesen Ausgestoßenen zu gefallen und unter ihnen populär zu werden. Der Leutnant Ssmekaloff aber hatte sich eine ganz besondere Popularität erworben, so daß man sich sogar seiner Strafen fast mit Rührung erinnerte. „Einen Vater brauchten wir nicht mehr,“ sagten die Sträflinge und seufzten ordentlich, in Gedanken ihren früheren zeitweiligen Vorgesetzten, Ssmekaloff, mit dem gegenwärtigen Platzmajor vergleichend. „Eine Seele war der Mann!“
Er war eigentlich ein einfacher Mensch, in seiner Art vielleicht sogar gut. Aber es kommt ja nicht selten vor, daß man nicht nur einen durchschnittlich guten, sondern sogar äußerst guten Menschen zum Vorgesetzten hat, und doch lieben ihn alle nicht, ja, manch einer wird noch verspottet. Ssmekaloff verstand es aber, sich so zu geben, daß ein jeder ihn für einen von den Seinen hielt – „oh, der ist unser!“ – das aber ist mehr ein Talent, richtiger vielleicht, eine angeborene Eigenschaft, über die selbst der Besitzer derselben nicht einmal nachzudenken pflegt. Wie seltsam es auch klingen mag, aber es gibt unter solchen sehr oft nichts weniger als gute Menschen, und dennoch erfreuen sie sich sogar großer Beliebtheit. Sie sind nicht launisch, nicht hochmütig, zeigen dem untergebenen Volke keine Verachtung – und das ist, wie es mir scheint, der ganze Grund, warum man sie liebt. Da sieht man nichts vom verzärtelten Herrensöhnchen, da spürt man nichts von Herrenhochmut, wohl aber ist in ihnen ein ganz besonderer Hauch von Volklichkeit, der ihnen angeboren zu sein scheint, – Gott! – und wie fein versteht das Volk diesen Hauch wahrzunehmen! Was gibt das Volk dafür nicht hin! Selbst den gutmütigsten Menschen ist es bereit, sogar gegen den strengsten einzutauschen, wenn diesem nur etwas von seinem eigenen hanfleinenen Geruch anhaftet. Und wenn dieser Mensch nun noch tatsächlich gutmütig ist, und wär’s auch nur in seiner Weise? Dann ist er ja völlig unschätzbar, dann wird er bis in den Himmel erhoben.
Der Leutnant Ssmekaloff konnte, wie ich schon gesagt habe, mitunter auch sehr schmerzhaft bestrafen, aber er verstand es irgendwie so zu machen, daß man gegen ihn nicht nur keinen Groll hegte, sondern noch zu meiner Zeit, als schon alles längst vergessen war, sich vergnügt und mit Wohlgefallen seiner „Stückchen“ bei der Exekution erinnerte. Übrigens waren diese Stückchen nicht sehr verschiedenartig: die künstlerisch schöpferische Phantasie des Leutnants langte nicht zu großer Mannigfaltigkeit. Das heißt, wenn man die Wahrheit sagen soll; so hatte er nur ein einziges Stückchen in Bereitschaft, mit dem er sich ein ganzes Jahr lang amüsierte, vielleicht aber war es ihm gerade deswegen um so lieber, weil es sein einziges war. Es lag viel Naivität in ihm.
Man bringt zum Beispiel den schuldigen Arrestanten. Ssmekaloff erscheint in eigener Person, mit einem Lächeln, einem Scherzwort, tritt sogleich an den Arrestanten heran, fragt ihn dies und das, etwas Nebensächliches, vielleicht über seine persönlichen, häuslichen oder Ostroggangelegenheiten, fragt es aber durchaus nicht in irgend einer bestimmten Absicht, und auch nicht um der Phrasen willen, sondern ganz einfach, – eben weil er tatsächlich das wissen will, wonach er fragt. Man bringt die Ruten und für Ssmekaloff einen Stuhl. Er setzt sich, raucht seine Pfeife an, so eine lange, lange Pfeife. Der Verurteilte hält den Augenblick für günstig und fängt zu bitten an ...
„Nein, nein, mein Freund, streck dich mal hin, da ist nichts zu wollen ...“ sagt Ssmekaloff.
Der Arrestant seufzt und legt sich hin.
„Nun, mein Bester, kannst du nicht das Vaterunser auswendig hersagen?“
„Wie denn nicht, Euer Gnaden, ich bin doch auch getauft, habe schon als Kind Gebete gelernt.“
„Nun, dann sag es mal her.“
Der Sträfling weiß bereits ganz genau, was er herzusagen hat, er weiß auch schon im Voraus, was die Folge davon sein wird, da derselbe Scherz sich mindestens schon dreißigmal mit anderen wiederholt hat. Auch Ssmekaloff weiß, daß es dem Sträfling nichts neues ist; ja, er weiß sogar, daß selbst die Soldaten, die mit erhobenen Ruten vor dem liegenden Opfer stehen, den Scherz schon lange kennen, und dennoch wiederholt er ihn – dermaßen hat er ihm ein für allemal gefallen, vielleicht gerade aus dem Grunde, weil er ihn selbst erdacht hat, wahrscheinlich sogar aus literarischem Ehrgeiz.
Der Sträfling beginnt also mit dem Gebet und kommt schließlich auch zu den Worten: „Dein Wille geschehe ...“
„Halt!“ schreit sofort belebt der Leutnant, und zu den Soldaten mit den erhobenen Ruten gewandt, fügt er hinzu: „Haut ihn, aber wehe!“ worauf er in helles Lachen ausbricht.
Die ringsum stehenden Soldaten lächeln gleichfalls; auch der Schlagende lächelt und viel fehlt nicht, so lächelte auch der Geschlagene, ungeachtet dessen, daß die Rute schon durch die Luft pfeift, um im nächsten Augenblick wie ein Rasiermesser über den schuldigen Rücken zu schneiden. Und Ssmekaloff freut sich, – freut sich namentlich darüber, daß er es selbst und so gut – sogar im Reim! – ausgedacht hat.
Und Ssmekaloff verläßt den Schauplatz der Exekution vollauf zufrieden mit sich selbst, und sogar der Bestrafte kehrt nach der Züchtigung fast ebenso zufrieden mit sich wie mit Ssmekaloff zur Wache zurück, und siehe da – schon nach einer halben Stunde gibt er im Ostrogg, ganz wie er es auch jetzt noch tut, zum einunddreißigstenmal zum besten, wie das schon dreißigmal vorher wiederholte Stückchen auch mit ihm wiederholt worden war.
„Ja, eine Seele war der Mensch! Und ein seltener Spaßvogel!“
Mitunter war die Begeisterung für den „besten aller Leutnants“ etwas unverständlich.
„Ja, ging man so an seiner Wohnung vorüber,“ erzählte zuweilen einer, und sein ganzes Gesicht lächelte in der Erinnerung, „ging ganz ruhig, er aber saß schon bei sich zu Hause am Fenster, saß im Hausrock, trank Tee, rauchte sein Pfeifchen. Nun, man grüßte natürlich, nahm die Mütze ab. –
‚Wohin gehst du denn, Akssenoff?‘
‚Zur Arbeit, Michail Wassiljitsch, zuerst geht es nach der Werkstätte, wir sind dort vonnöten.‘
Da lachte er so vor sich hin ... Ja, wie gesagt, eine Seele war der Mensch! Eine Seele! – da ist kein Wort zu reden!“
Und pessimistisch meint einer von den Zuhörern:
„Heutzutage kann man solche mit der Laterne suchen.“
III. Das Lazarett, Fortsetzung
Ich bin erst jetzt auf die Bestrafungen wie auch auf verschiedene Vollstrecker dieser angenehmen Urteile nach dem einmal anerkannten Gesetz zu sprechen gekommen, da ich erst nach meiner Übersiedelung ins Lazarett einen anschaulichen Begriff von diesen Dingen erhielt. Bis dahin hatte ich nur aus den Erzählungen der anderen eine Vorstellung hiervon erhalten.[7]
In die beiden Krankensäle unserer Abteilung kamen alle mit Spießruten Gezüchtigten aus den verschiedenen Bataillonen, Arrestantenkompagnien und übrigen Militärkommandos, die in unserer Stadt und ihrer ganzen Umgebung lagen. In dieser ersten Zeit, als ich noch alles, was um mich herum geschah, wißbegierig verfolgte, machten alle diese Gezüchtigten und zur Züchtigung Verurteilten einen mächtigen Eindruck auf mich, was ja schließlich ganz natürlich war. Ich war erregt, verwirrt, erschreckt. Ich weiß noch, daß ich damals mit einemmal anfing, ungeduldig alle Einzelheiten dieser mir neuen Tatsachen zu erforschen, ich hörte aufmerksam den Erzählungen der anderen zu, fragte sie nach verschiedenen Dingen, und wollte mir unbedingte Klarheit verschaffen. Unter anderem wollte ich um jeden Preis alle Abstufungen der Verurteilungen und Strafen, alle Abarten der Vollstreckung des Urteils und die Auffassung der Sträflinge selbst kennen lernen; ich bemühte mich, mir den psychologischen Zustand des zur Züchtigung Geführten vorzustellen. Ich habe schon gesagt, daß vor der Bestrafung selten jemand kaltblütig ist, selbst diejenigen nicht ausgenommen, die bereits wiederholt und sogar sehr streng gezüchtigt worden sind. Da überfällt den Verurteilten gewöhnlich eine, ich möchte sagen – stechende, aber rein physische Angst, die ihn unwillkürlich erfaßt und sich nicht abschütteln läßt, und die alles Sittliche im Menschen erdrückt. Ich habe auch später noch, in all den Jahren meines Ostrogglebens, unwillkürlich die vor der Bestrafung Stehenden beobachtet, vor allen anderen aber diejenigen im Lazarett, die nach dem Empfang der ersten Hälfte der ihnen zugedachten Anzahl Hiebe und sobald ihr Rücken zugeheilt war, das Lazarett wieder verließen, um am nächsten Tage die zweite Hälfte in Empfang zu nehmen. Diese Teilung der Strafe in zwei Hälften geschieht stets nach dem Ausspruch des Arztes, der bei jeder Exekution anwesend sein muß. Ist die Zahl der Schläge sehr hoch, und glaubt man, daß der Verurteilte sie nicht mit einemmal empfangen kann, so wird sie in zwei oder drei Teile geteilt, je nachdem was der Arzt während der Bestrafung sagt, ob der Betreffende noch mehr erhalten kann, oder ob eine Fortsetzung mit Lebensgefahr für ihn verknüpft ist. Gewöhnlich werden fünfhundert, tausend, ja sogar tausendfünfhundert Hiebe auf einmal gegeben, ist er aber zu zwei-, zu dreitausend verurteilt, so wird die Strafe in zwei oder drei „Serien“ geteilt.
Es fiel mir auf, daß alle, deren Rücken nach der ersten Serie schon zugeheilt war und die nun das Lazarett verließen, um sich der übrigen Strafe zu unterziehen, am Tage des Ausschreibens und auch schon vorher begreiflicherweise düster, mürrisch und auffallend wortkarg waren. Man sah ihnen eine gewisse geistige Stumpfheit an, eine unnatürliche Zerstreutheit: sie sprachen kaum ein Wort und schwiegen die ganze Zeit. Merkwürdig ist, daß auch die anderen Sträflinge fast nie mit ihnen sprechen und mit keinem Wort dessen Erwähnung tun, was ihnen bevorsteht. Kein überflüssiges Wort, kein Trost; ja man ist sogar offenbar bemüht, sie möglichst wenig zu beachten, was den Armen natürlich am angenehmsten ist. Es gibt ja auch Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Orloff, von dem ich auch schon gesprochen habe. Nach der ersten Hälfte der Strafe war er nur über eines verdrießlich, nämlich daß sein Rücken nicht zuheilen wollte und er nicht schnell genug das Lazarett verlassen konnte, um sich dann sofort der zweiten Hälfte der Strafe zu unterziehen und dann mit dem nächsten Transport nach Nertschinsk zu wandern – und unterwegs zu entfliehen. Doch diesen Ausnahmemenschen belebte sein Vorhaben und weiß Gott, was er sonst noch im Sinn hatte. Er war eine leidenschaftliche, zähe Natur, war jetzt sehr zufrieden mit sich und der Welt und in sehr angeregter Stimmung, was er jedoch zu verbergen suchte. Doch hier lag die Sache noch etwas anders: er hatte vor der ersten Hälfte geglaubt, man wolle nicht, daß er mit dem Leben davonkomme und daß er sterben müsse. Ihm waren verschiedene Gerüchte schon während seiner Untersuchungshaft zu Ohren gekommen, und so hatte er sich bereits auf seinen Tod gefaßt gemacht. Doch nachdem er nun die erste Hälfte überlebt hatte, war er sogleich wieder oben auf. Er war halbtot ins Lazarett getragen worden; ich hatte noch niemals solche Wunden gesehen. Er aber kam mit Freude im Herzen, mit der Hoffnung, am Leben zu bleiben. Jetzt glaubte er, daß die Gerüchte offenbar unwahr gewesen und man ihm, wenn man ihn diesmal am Leben gelassen hatte, folglich auch bei der zweiten Hälfte nicht totschlagen würde. Und so begann er denn nach der langen Untersuchungshaft schon von der Überführung in den Osten, von der Flucht und Freiheit, von Wäldern und Feldern zu träumen ... Aber schon am zweiten Tage nach der Entlassung aus dem Lazarett starb er in demselben Krankensaal, auf demselben Lager: die zweite Hälfte der Strafe war zu viel für ihn gewesen. Übrigens habe ich davon schon gesprochen.
Indessen ertrugen diese Sträflinge, die vor ihrer Bestrafung so schwere Nächte und Tage durchgemacht hatten, die Bestrafung selbst durchaus mannhaft, sogar die Kleinmütigsten nicht ausgenommen. Selten habe ich sie stöhnen gehört, nicht einmal in der ersten Nacht, nicht einmal die ungewöhnlich hart Bestraften. Überhaupt versteht das Volk Schmerz zu ertragen. In Betreff des Schmerzes habe ich mich ausführlich erkundigt. Ich wollte ganz genau wissen, wie groß der Schmerz denn eigentlich war, womit man ihn vergleichen könnte. Aus welchem Grunde ich darnach fragte, vermag ich selbst nicht zu sagen, ich weiß nur, daß es von mir nicht aus müßiger Neugier geschah; ich war aufgeregt, ich war erschüttert. Aber wen ich auch fragte, niemand konnte mir eine befriedigende Antwort geben. Es brennt, wie Feuer brennt es – das war alles, was ich erfahren konnte und zwar war dieses die einzig gleichlautende Antwort aller. „Es brennt“ – und mehr vermochte niemand zu sagen. Als ich in dieser ersten Zeit mit M–tzkij näher bekannt wurde, fragte ich auch ihn.
„Es schmerzt,“ sagte er. „... Sehr. Und das Gefühl – es brennt ... wie Feuer. Als ob der Rücken im stärksten Feuer gebrannt werde.“
Kurz, alle hatten dafür nur die eine Bezeichnung. Übrigens machte ich gerade damals – ich entsinne mich dessen noch recht genau – eine Beobachtung, für deren Richtigkeit ich jedoch nicht stehe, die aber von den übereinstimmenden Aussagen der Sträflinge selbst stark unterstützt wird. Es ist das die Ansicht, daß die Rutenstreiche, wenn sie in großer Anzahl gegeben werden, die schwerste Strafe von allen bei uns üblichen Strafen sind. Man sollte meinen, daß diese Behauptung auf den ersten Blick unsinnig erscheinen muß. Einstweilen ist es aber Tatsache, daß man mit fünfhundert, ja sogar mit vierhundert Rutenstreichen einen Menschen totschlagen kann, mit über fünfhundert ganz sicher. Tausend Streiche würde selbst der stärkste Mann nicht aushalten, während er fünfhundert Stockschläge ohne jede Lebensgefahr erträgt. Tausend Stockschläge kann sogar ein nur mittelstarker Mann ohne Lebensgefahr ertragen. Selbst mit zweitausend Stockschlägen kann man noch keinen Menschen von mittlerer Starke und gesunder Konstitution totschlagen. Alle Sträflinge stimmten darin überein, daß Rutenhiebe schlimmer seien als Stockschläge. „Die Ruten reißen mehr,“ sagten sie, „es ist ein viel größerer Schmerz.“ Natürlich sind Ruten schmerzhafter als Stöcke. Sie reizen mehr, sie wirken stärker auf die Nerven, sie erschüttern sie unmäßig, weit mehr als man ertragen kann. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, aber in der erst kürzlich vergangenen „alten Zeit“ gab es bei uns gewisse Gentlemen, bei denen die Möglichkeit, einen Leibeigenen peitschen zu können, Gefühle hervorrief, die an den Marquis de Sade und die Marquise de Brinvilliers erinnern. Ich glaube, in diesen Gefühlen ist etwas, das jenen Gentlemen das Herz ersterben machte, das schmerzhaft und doch süß war. Es gibt Menschen, die wie Tiger blutdürstig sind. Wer einmal diese Macht, die unbegrenzte Herrschaft über einen menschlichen Körper, über das Fleisch und den Geist eines Menschen, wie man selbst einer ist, der geschaffen wie wir und nach der Lehre Christi ein Bruder von uns ist, – wer einmal die Macht und die Freiheit hat, ein anderes Wesen, das gleichfalls ein Ebenbild Gottes ist, bis zur tiefsten Erniedrigung zu erniedrigen, – der wird gleichsam unwillkürlich machtlos in seinen eigenen Gefühlen. Tyrannei ist nichts als Angewohnheit; sie ist mit Entwicklungsfähigkeit begabt und schließlich artet sie zur Krankheit aus. Ich bin der Meinung, daß selbst der beste Mensch aus Gewohnheit bis zum Tierischen verrohen und abstumpfen kann. Blut und Macht berauschen, sie machen den Menschen trunken: Roheit und Lüsternheit entwickeln sich, dem Gefühl wie auch dem Verstande wird sogar das Anormalste zugänglich und schließlich ein Genuß. Der Mensch und Bürger erstirbt im Tyrannen auf ewig, und eine Rückkehr zur Menschenwürde, zur Reue, – zur Wiedergeburt ist für ihn fast ausgeschlossen. Zudem wirkt das Beispiel, die Möglichkeit eines solchen Eigenwillens auf die ganze Gesellschaft ansteckend: eine solche Macht ist verführerisch. Eine Gesellschaft, die sich zu derartigen Erscheinungen gleichgültig verhält, ist bereits selbst in ihrer Grundlage vergiftet. Kurz, das Recht zur Körperstrafe, das dem einen über den anderen verliehen ist, ist eine der Pestbeulen der Gesellschaft, ist eines der stärksten Mittel zur Vernichtung jedes Keimes, jedes Versuches zu einer höheren Menschlichkeit, und die breiteste Grundlage zur unfehlbaren, unaufhaltsamen Auflösung der menschlichen Gesellschaft.
Der gewöhnliche Henker wird von der Gesellschaft allgemein verabscheut, der Henker als Gentleman aber nicht. Erst vor kurzem hat sich die entgegengesetzte Meinung kundgetan, nur ist sie vorläufig noch in Büchern abstrakt zum Ausdruck gekommen. Und selbst diejenigen, die sie aussprechen, haben das Bedürfnis nach Eigenmacht noch nicht ganz in sich zu ersticken vermocht. Sogar jeder Fabrikbesitzer, jeder Unternehmer muß zweifellos ein gewisses erregendes Behagen bei dem Gedanken empfinden, daß sein Arbeiter zuweilen vollkommen nur von ihm allein abhängt, nicht selten sogar mit seiner ganzen Familie. Das ist Tatsache. Ja, eine Generation kann sich, wie man sieht, nicht so schnell von dem losreißen, was sie ererbt hat; nicht so leicht kann der Mensch davon ablassen, was ihm ins Blut übergegangen ist, was er mit der Muttermilch eingesogen hat. So schnelle Wandlungen gibt es nicht im Völkerleben. Die Schuld und die Erbsünde bloß zu erkennen ist noch wenig, sehr wenig: man muß sich gänzlich von ihr entwöhnen. Das aber geht nicht so schnell.
Ich kam auf den Henker zu sprechen. Die Eigenschaften eines Henkers finden sich – allerdings nur im Keim – fast in jedem Menschen unserer Zeit, doch entwickeln sich diese tierischen Eigenschaften nicht in allen gleich stark. Wenn sie in einem Menschen alle seine anderen Eigenschaften mit ihrer Entwicklung ersticken, so wird derselbe natürlich zu einem Ungeheuer. Es gibt zwei Arten von Henkern: die einen sind freiwillige, die anderen unfreiwillige, verpflichtete. Der freiwillige Henker steht selbstverständlich in jeder Beziehung noch tiefer als der unfreiwillige, den jedoch das Volk bis zum Entsetzen verabscheut, bis zum Ekel, bis zur sinnlosen, beinahe schon mystischen Angst. Woher kommt nun diese abergläubische Angst vor dem einen Henker und dieser Gleichmut, dieses Gutheißen, möchte man fast sagen, dem anderen gegenüber? Es gibt wirklich sonderbare Beispiele hierfür: ich habe Menschen gekannt, die gut und ehrenhaft und geachtet waren, und dabei konnten sie es nicht ruhig ertragen, wenn der Gezüchtigte unter den Rutenstreichen nicht schrie, nicht um Vergebung, um Erbarmen flehte: er mußte unbedingt schreien und betteln, so war es einmal angenommen, so mußte es sein. Das galt für notwendig und „anständig“, und als das Opfer einmal nicht schreien wollte, da hielt sich der Befehlshaber, den ich persönlich kannte und der sonst zu den, nun ja, zu den guten Menschen gerechnet werden konnte, fast für persönlich beleidigt. Er hatte anfangs beabsichtigt, nur leicht zu bestrafen, als er aber das übliche „Euer Gnaden, unser Vater, erbarmt Euch, laßt mich ewig Gott für Euch bitten,“ und ähnliches nicht vernahm, da geriet er förmlich in Wut und ließ noch fünfzig überflüssige Streiche hinzugeben, nur um ihn doch noch zum Schreien und Bitten zu bringen – was ihm dann auch glücklich gelang. „Das darf man nicht zulassen, es ist eine Frechheit von ihm,“ antwortete er mir durchaus ernst. Was nun den anderen Henker anbetrifft, den unfreiwilligen, verpflichteten, so weiß man ja, wer er ist: ein zur Zwangsarbeit verurteilter Verbrecher, der zum Henkerdienst begnadigt worden ist, und der, nachdem er zuerst bei einem anderen Henker das Handwerk erlernt hat, auf Lebenszeit in einem Ostrogg untergebracht wird. Dort hat er, abgesondert von den anderen, sein eigenes Zimmer, sogar seine eigene Wirtschaft, befindet sich jedoch stets unter Aufsicht. Ein lebender Mensch ist natürlich keine Maschine: freilich schlägt der Henker, nur weil er dazu verpflichtet ist, aber zuweilen gerät er doch in Eifer; doch wenn er auch nicht ohne eigenes Vergnügen schlägt, so hat er doch nicht den geringsten persönlichen Haß gegen sein Opfer. Die Sicherheit des Schlages, die Kenntnis seiner Kunst, der Wunsch, sich vor seinen Genossen und dem Volke zu zeigen, spornt seinen Ehrgeiz an. Es ist ihm nur um die Kunst zu tun. Außerdem weiß er, daß er ein von allen Ausgestoßener ist, daß ihn eine abergläubische Angst überall empfängt und begleitet, und wer kann es wissen, ob dieses Bewußtsein keinen Einfluß auf ihn hat, seinen Eifer, seine tierischen Neigungen nicht anfacht. Sogar jedes Kind weiß, daß Vater und Mutter sich von ihm lossagen. Eigentümlich, soviel ich Henker zu sehen Gelegenheit gehabt habe, waren sie ausnahmslos entwickelte Leute, verständig und klug, und es steckte ungewöhnliche Eigenliebe, sogar offenbar Stolz in ihnen. Möglich, daß dieser Stolz sich in ihnen als Gegengewicht zur allgemeinen Verachtung herausbildet, im Bewußtsein des Entsetzens, das sie ihrem Opfer einflößen, und aus dem Gefühl der Herrschaft über ihn, – ich weiß es nicht. Vielleicht trug auch das ganze schauspielhafte Drum und Dran, mit dem er vor dem Volke erscheint, zur Entwicklung eines gewissen Hochmuts bei. Ich hatte eine Zeitlang Gelegenheit, oft und aus der nächsten Nähe einem Henker zu begegnen und ihn zu beobachten. Er war mittelgroß, muskulös, dabei aber hager, vierzig Jahre alt, mit einem recht sympathischen, klugen Gesicht und lockigem Haar. Er war stets ungewöhnlich vornehm, ruhig; äußerlich hielt er sich wie ein Gentleman, antwortete immer kurz, verständig und sogar freundlich, aber doch etwas hochmütig freundlich, als wäre er wirklich stolz gewesen. Die wachhabenden Offiziere redeten ihn nicht selten an und – mein Wort! – sie taten es mit einer gewissen Achtung seiner Person. Er aber merkte dies sehr wohl, und verdoppelte im Gespräch mit Vorgesetzten absichtlich seine Höflichkeit, Trockenheit und die eigene Würde. Je freundlicher der Vorgesetzte mit ihm sprach, um so zurückhaltender wurde er, und wenn er auch nie die feinste Höflichkeit vergaß, so bin ich doch überzeugt, daß er sich selbst viel vornehmer fühlte, als der mit ihm sprechende Vorgesetzte. Das stand förmlich auf seinem Gesicht geschrieben. Es kam vor, daß er zuweilen an sehr heißen Sommertagen mit einem sehr langen, dünnen Stock – natürlich unter Eskorte – ausgeschickt wurde, um die herrenlosen Hunde in der Stadt zu töten. In unserem Städtchen gab es ungeheuer viel Hunde, die absolut niemand gehörten, und sie vermehrten sich erschreckend schnell. Im Sommer, namentlich in der Ferienzeit, waren sie gefährlich, und so wurde denn auf Befehl der Obrigkeit der Henker zu ihrer Vernichtung ausgesandt. Doch selbst diese erniedrigende Tätigkeit vermochte ihn dem Anschein nach nicht im geringsten zu erniedrigen. Man hätte sehen müssen, mit welch einer Würde er durch die Straßen schritt, in Begleitung des ermüdeten Soldaten, und allein schon durch sein Erscheinen die ihn erblickenden Frauen und Kinder erschreckte, und wie ruhig, ja sogar hochmütig er auf alle ihm Begegnenden herabsah. Übrigens haben die Henker ein bequemes Leben. Sie haben Geld, essen gut, können sogar Wein trinken. Das Geld erhalten sie in Gestalt von „Sporteln“, die die Verurteilten ihnen zahlen. Jeder bürgerliche Verbrecher, dem eine Bestrafung bevorsteht, wird dem Henker unbedingt etwas schenken, und wenn es auch das letzte ist, was er hat. Von den Reicheren aber verlangen sie Geld und bestimmen selbst die Höhe der Summe, entsprechend ihren mutmaßlichen Mitteln, sogar bis zu dreißig Rubeln, zuweilen aber noch höher. Mit sehr Reichen handeln sie lange. Natürlich kann der Henker nicht allzu milde bestrafen, da er dafür mit dem eigenen Rücken haftet. Doch verspricht er für eine bestimmte Entschädigung, nicht gar zu schmerzhaft zu schlagen. Fast ausnahmslos geht man auf seinen Vorschlag ein, denn tut man es nicht, so bestraft er allerdings barbarisch, was ja ganz in seiner Macht liegt. Mitunter fordert er auch von einem Unbemittelten eine hohe Summe; dann kommen die Verwandten und versuchen mit ihm zu handeln, machen ihm viele Bücklinge, doch wehe, wenn sie seinen Forderungen nicht nachkommen. In solchen Fällen hilft ihm viel die abergläubische Angst, die er den Leuten einflößt. Es ist kaum auszudenken, was von den Henkern alles erzählt wird! Übrigens versicherten die Sträflinge, daß der Henker mit einem einzigen Schlage einen Menschen totschlagen könne. Wann aber war das erprobt worden? Doch schließlich, warum nicht? Man sprach davon gar zu überzeugt und der Henker selbst bürgte mir dafür, daß er es tatsächlich könne. Auch wurde erzählt, daß er weit ausholen und aus aller Kraft über den Rücken des Schuldigen schlagen könne, und daß trotzdem nicht die kleinste Wunde entstehe, nicht einmal ein roter Streifen, und der Geschlagene nicht den geringsten Schmerz verspüre. Aber von all diesen Tricks sind ja viele nur zu bekannt. Doch selbst wenn der Henker eine Bestechung nimmt und milde zu strafen verspricht, so gehört der erste Schlag trotz allem ihm, den gibt er stets aus voller Kraft, den schenkt er für kein Geld. Es ist dies bei ihnen gewissermaßen schon so Sitte. Die folgenden Hiebe mildert er, namentlich, wenn man ihm vorher gezahlt hat. Der erste Streich aber, gleichviel ob man ihm gezahlt hat oder nicht, – der gehört ihm. Ich weiß wirklich nicht, warum es bei ihnen so angenommen ist. Vielleicht um das Opfer sogleich an die anderen Schläge zu gewöhnen, in der Erwägung, daß nach einem sehr schweren Schlage die leichteren nicht mehr so qualvoll erscheinen, oder auch nur, um dem Opfer zu imponieren, dem Jungen Angst einzuflößen, ihn zu erschrecken, damit er begreife, mit wem er es zu tun hat, oder einfach – um sich und seine Macht zu zeigen. Jedenfalls befindet sich der Henker vor der Exekution in angeregter Stimmung, er ist sich seiner Kraft und Macht bewußt, er fühlt sich als Herrscher, er ist gleichsam Schauspieler: die ganze Volksmenge bewundert ihn, allen flößt er Entsetzen ein, und selbstverständlich ruft er seinem Opfer nicht ohne Genugtuung zu: „Halt dich fest, es brennt!“ – die üblichen erschreckenden Worte bei dieser Gelegenheit. Es ist schwer, sich vorzustellen, bis zu welchem Grade die menschliche Natur sich entstellen läßt.
In der ersten Zeit meines Aufenthaltes im Lazarett hörte ich stets wißbegierig diesen Erzählungen der Arrestanten zu. Das Liegen war uns allen entsetzlich langweilig. Jeder Tag dem anderen so ähnlich! Am Morgen zerstreute uns noch der Besuch der Ärzte und dann bald nach ihnen das Essen. Ja, das Essen bildete in dieser Monotonie begreiflicherweise sogar eine bedeutende Zerstreuung. Die Portionen waren sehr verschieden, je nach der Krankheit der einzelnen. Die einen erhielten nur Suppe mit Graupen, andere nur Brei, wieder andere nur Griesmehlbrei, für den es sehr viele Liebhaber gab. Die Sträflinge waren vom langen Liegen verweichlicht und liebten Leckerbissen. Die Rekonvaleszenten und auch die erst halbwegs Gesunden erhielten ein Stück gekochtes Rindfleisch, einen „Ochsen“, wie man bei uns sagte. Das beste Essen erhielten die Skorbutkranken: Rindfleisch mit Zwiebeln oder mit Meerrettich und ähnliches mehr, zuweilen sogar ein Glas Branntwein. Auch das Brot wurde je nach der Krankheit gegeben, aus Roggenmehl oder Weizenmehl oder aus beidem gemischt, und gut durchgebacken. Diese Bestimmung der Größe und Art der Portionen erheiterte die Sträflinge nur. Manche Kranken mochten nämlich nichts essen, und aßen auch nichts. Dafür aber aßen diejenigen, die Appetit verspürten, was sie nur wollten. Viele tauschten ihre Portionen unter einander, so daß Portionen, die nur für den einen Kranken bestimmt waren, von einem anderen verzehrt wurden. Viele, die Diät halten mußten, kauften Rindfleisch oder die ganze Portion eines Skorbutkranken, tranken Kwas oder Branntwein, den sie Skorbutkranken abkauften, für die er bestimmt war. Einige verzehrten sogar zwei Portionen. Diese Portionen wurden für Geld gekauft und wieder verkauft. Das Rindfleisch stand sogar ziemlich hoch im Preise: es kostete nichts weniger als fünf Kopeken in bar. War in unserem Raum keines zu haben, so schickte man den Wärter in den anderen Sträflingssaal, und gab es dort auch keines, dann in die Soldatensäle, in die „freien“, wie man bei uns sagte. Doch fand sich stets ein Verkäufer. Die Armut war natürlich allgemein, dafür aber schickten die wenigen, die Geld besaßen, bis hin auf den Markt nach Kalatschen, sogar nach Naschwerk und ähnlichen Dingen. Unsere Wärter erfüllten alle diese Aufträge ohne jede Entschädigung.
Nach dem Mittagessen begann die langweiligste Zeit: alles was getan wurde, geschah buchstäblich nur aus Langeweile: der eine schlief, der andere schwatzte, der dritte stritt, der vierte erzählte irgend etwas, doch so, daß ihn alle hören konnten. Kamen keine neuen Kranken, so war es noch langweiliger. Dagegen brachte die Ankunft eines Neuen stets einen gewissen Eindruck hervor, namentlich wenn ihn niemand kannte. Er wurde eingehend betrachtet, und man mühte sich, herauszubekommen, wer er war und wie, woher, und für welches Vergehen verschickt. Am meisten interessierte man sich für die auf dem Transport befindlichen: sie wußten immer etwas zu erzählen, übrigens niemals von ihren persönlichen Angelegenheiten; und wenn einer nicht unaufgefordert davon sprach, so fiel es auch keinem ein, ihn danach zu fragen. Man erkundigte sich nur, woher der Trupp kam, mit wem er marschiert war, wohin es ging, wie die Wege sind, usw. Einige, die die neue Erzählung hörten, erinnerten sich dann auch des einen oder anderen, das sie selbst auf dem Marsch gesehen oder erlebt hatten. Die mit Spießruten Bestraften erschienen gleichfalls um diese Zeit – gegen Abend. Sie machten gewöhnlich einen ziemlich starken Eindruck auf uns alle, wie ich das ja schon erwähnt habe. Aber die kamen doch nicht jeden Tag, und so war es an den Tagen, wenn niemand kam, ganz entsetzlich langweilig: alle schienen gleichsam schlaff zu werden, alle schienen der Gesichter der übrigen unendlich überdrüssig zu sein, und bald kam es zu Zank und Streit. Man freute sich bei uns sogar über die Wahnsinnigen, die zur Untersuchung zu uns gebracht wurden. Hin und wieder stellte sich auch wohl ein Sträfling, um der Bestrafung zu entgehen, irrsinnig; einige von ihnen wurden bald überführt, oder richtiger, sie entschlossen sich selbst, ihre Politik zu ändern, so daß der Sträfling, nachdem er zwei oder drei Tage lang den Verrückten gespielt hatte, ganz plötzlich, mir nichts dir nichts, wieder vernünftig wurde, verstummte und dann mit finsterer Miene um seine Entlassung bat. Weder die Ärzte noch die anderen Sträflinge tadelten oder beschämten ihn, oder erinnerten ihn an seine verdrehten Possen: schweigend wurde er entlassen, schweigend begleitet, und nach zwei oder drei Tagen kam er bestraft zurück. Doch solche Fälle waren im allgemeinen recht selten. Aber die tatsächlich Verrückten – die waren eine wahrhaftige Heimsuchung Gottes für das ganze Lazarett. Einige von ihnen, die lachend und schreiend, tanzend und singend hereintraten, wurden von den Sträflingen fast mit Entzücken empfangen: „Das ist doch mal eine Unterhaltung!“ meinten sie, beim Anblick eines solchen Grimassenschneiders. Mir aber war es unsäglich schwer, diese Unglücklichen zu sehen. Ich habe es nie vermocht, beim Anblick eines Irrsinnigen gleichmütig zu bleiben.