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Sämtliche Werke 18

Zweiter Teil (continued 3)

E. K. Rahsin translation

„Nein, Kinder, den schlägt man nicht so leicht, der steht seinen Mann! Den wirft man nicht um!“ meinten die einen.

„Jolkin weiß aber mehr!“ meinten die anderen, doch waren sie plötzlich ganz friedlich gesinnt. Überhaupt redeten beide Parteien mit einem Mal in sehr nachgiebigem Tone.

„Nicht daß er gerade mehr weiß, er hat nur eine glücklichere Hand. In der Viehbehandlung aber, da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren!“

„Nein, da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren!“

„Ja, das ist wahr: da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren! ...“

Endlich hatte man sich für ein neues Pferd entschieden. Es war ein junges, hübsches, kräftiges Tier von brauner Farbe mit einem lieben, lustigen Gesichtsausdruck, wenn man so sagen darf. Selbstverständlich war es in jeder Beziehung tadellos. Nachdem alles festgestellt war, begann man zu handeln: man forderte dreißig Rubel, die Sträflinge boten fünfundzwanzig. Man redete lange hin und her, man legte zu, und man ließ ab, bis ihnen das Handeln selbst lächerlich wurde.

„Wirst du denn aus deinem Beutel bezahlen?“ fragten die einen, „wozu handelst du dann?“

„Sollen wir denn noch den Vorgesetzten zu sparen helfen?“ schrien andere.

„Aber, Brüder, es ist doch immer sozusagen für uns verausgabtes Geld ...“

„Für uns! Da sieht man, Freund, daß die Dummheit nicht gesät wird, sondern von selber auf die Welt kommt ...“

Schließlich wurde das Pferd für achtundzwanzig Rubel gekauft, der Major wurde benachrichtigt und das Geld ausgezahlt. Natürlich brachte man sogleich Salz und Brot und der neue Braune hielt nach allen Ehrungen seinen Einzug in den Ostrogg. Ich glaube, es gab keinen einzigen Sträfling, der ihm bei dieser Gelegenheit nicht den Hals geklopft oder das Maul gestreichelt hätte. Noch am selben Tage wurde der Braune angeschirrt, um das Wasser herbeizuschleppen, und alles wartete und sah interessiert zu, wie der neue Braune seine Tonne ziehen würde. Unser Wasserführer Roman betrachtete sein neues Pferd mit ungemein behaglicher Zufriedenheit. Er war ein gesetzter Mann von fünfzig Jahren, schweigsam und von rechtschaffenem Charakter. Überhaupt sind alle russischen Kutscher sehr gesetzt und schweigsam, als ob es tatsächlich wahr wäre, daß der beständige Umgang mit Pferden dem Menschen eine gewisse Ruhe und sogar Vornehmheit verleihe.

Unser Roman war still, freundlich gegen jedermann, schnupfte Tabak und war schon seit undenklichen Zeiten zum „Pferdedienst“ bestimmt. Der neugekaufte Braune war bereits das dritte Pferd, und bei uns waren alle der Meinung, daß die braune Farbe gut zum Ostrogg passe, was auch von Roman bestätigt wurde. Ein scheckiges Pferd zum Beispiel hätte man unter keinen Umständen gekauft. Das Wasserführen blieb ewig Roman zugewiesen, ganz als hätte er darauf ein Recht gehabt, das kein einziger von uns ihm streitig zu machen gedachte. Als der alte Gnjedko verschied, fiel es nicht einmal dem Major ein, Roman einen Vorwurf zu machen, ihm eine Schuld daran beizumessen: das war Gottes Wille und weiter nichts, Roman aber war ein guter Kutscher. Der neue Gnjedko war bald der Liebling des ganzen Ostrogg. Die Sträflinge sind sonst ein rüdes Volk, doch zum Pferde traten sie sehr oft, um es zu streicheln und ihm den Hals zu klopfen. Zuweilen wenn Roman nach der Rückkehr vom Fluß das Tor schloß, das ihm vom Unteroffizier aufgemacht wurde, stand Gnjedko solange mit seiner Wassertonne, wartete auf ihn und sah ihn von der Seite an.

„Geh allein!“ rief ihm dann Roman bisweilen zu – und Gnjedko zog seine Tonne sofort weiter, zog sie bis zur Küche und blieb dort stehen, um die „Köchinnen“ und die Sträflinge, die in die Kasernen das Wasser zu tragen hatten – zu erwarten.

„Bravo, Gnjedko!“ rief man ihm zu, „bist ganz allein gekommen! ... Verstehst zu gehorchen!“

„Ja, es ist schon wahr, das muß man sagen: ist doch nur ein Vieh, versteht aber, was man spricht!“

„Das hast du brav gemacht, Gnjedko!“

Und Gnjedko nickt mit dem Kopf und schnauft, ganz als begreife er wirklich, was man sagt, und als freue er sich über das Lob. Dann bringt ihm unfehlbar jemand ein Stück Brot mit Salz aus der Küche: Gnjedko frißt es auf und nickt wieder mit dem Kopfe, als wolle er sagen: „Ich kenne dich, jawohl, und ich bin ein liebes Pferdchen und du bist ein guter Mensch!“

Auch ich gab gern unserem Gnjedko ein Stück Brot: es war so angenehm, seine hübsche Schnauze zu betrachten und seine weichen, warmen Lippen auf der Handfläche zu fühlen, die geschäftig die Gabe aufsammelten.

Im allgemeinen kann man sagen, daß unsere Sträflinge Tiere sehr gern hatten, und wenn es nur erlaubt gewesen wäre, so hätten sie sicherlich eine ganze Menagerie im Ostrogg gegründet, und alle Haustiere und alle Geflügelsorten eingeführt. Und was könnte wohl den rohen Charakter der Arrestanten leichter erweichen und veredeln, als ein solcher Umgang mit Tieren? Doch es war nicht gestattet, Tiere im Ostrogg zu halten: weder unsere Gefängnisordnung noch der Raum hätten es erlaubt.

Dennoch gab es während meiner ganzen Strafzeit beständig einige Tiere im Ostrogg: außer dem Braunen waren bei uns noch Hunde, Gänse, der Ziegenbock Wasjka und eine Zeitlang sogar ein Adler.

Als Ostrogghund lebte bei uns, wie ich schon gesagt habe, Scharik, ein kluges und gutes Tier, mit dem ich sehr befreundet war. Da aber Hunde im Volk immer für unreine Tiere gehalten werden, die man überhaupt nicht beachten sollte, so schenkte bei uns auch dem Scharik fast niemand irgend welche Aufmerksamkeit. Der Hund schlief auf dem Ostrogghof, lebte von den Brocken, die man ihm aus der Küche zuwarf, vermochte aber keinerlei Interesse für sich zu erwecken, obwohl er jeden einzelnen „persönlich“ kannte und für seinen Herrn hielt. Wenn die Sträflinge von der Arbeit zurückkehrten, so lief Scharik schon auf den ersten Ruf der Wache nach dem Gefreiten zum Tor, empfing freudig jeden Trupp, wedelte mit der Rute, blickte einem jeden erwartungsvoll und freundlich in die Augen, als erwarte er eine, wenn auch noch so flüchtige Liebkosung. Doch im Verlauf von mehreren Jahren hatte er noch von keinem einzigen auch nur die geringste Freundlichkeit erfahren, ausgenommen von mir. Dafür aber liebte er mich auch am meisten von allen. Ich entsinne mich nicht mehr, durch welchen Zufall später noch ein anderer Hund in unseren Ostrogg kam, Bjelka, den dritten aber, Kuljtjäpka, den hatte ich selbst einmal von der Arbeit noch als kleines Tierchen mitgebracht.

Bjelka war ein seltsames Geschöpf: es hatte ihn einmal jemand überfahren und daher war sein Rücken in der Mitte eingeknickt, so daß er beim Laufen, von weitem gesehen, wie zwei Tiere aussah; was für welche das sein mochten, das ließ sich nicht bestimmen, jedenfalls aber wie zwei sehr seltsame, weiße, die absonderlich zusammengewachsen sein mußten. Außerdem war er noch grindig und hatte eiternde Augen, die Rute war fast ganz unbehaart und beständig eingekniffen. Vom Schicksal mißhandelt, schien sich das Tier entschlossen zu haben, sich in alles zu ergeben: niemals bellte es einen an, niemals knurrte es, als hätte es keinen Laut von sich zu geben gewagt. Bjelka lebte im Gegensatz zu Scharik, der überall umherlief, fast nur hinter den Kasernen, und erblickte er einen von uns, so warf er sich, noch bevor man an ihn heran getreten war, zum Zeichen seiner Ergebenheit und friedlichen Gesinnung auf den Rücken, als wollte er damit sagen: „Mach mit mir, was du willst, ich aber, wie du siehst, denke nicht daran, mich zu verteidigen.“ Und fast jeder Sträfling, vor dem er sich auf den Rücken wälzte, schien es für seine Pflicht zu halten, ihn mit den Stiefeln zu stoßen.

„So ’ne Mißgeburt!“ sagten sie dazu. Bjelka aber wagte nicht einmal zu winseln, und nur wenn der Fußtritt gar zu schmerzhaft war, quiente er mit festem Maul, gleichsam nur innerlich. Ebenso wälzte er sich auch vor Scharik auf dem Rücken und vor jedem anderen Hunde, wenn er einmal aus dem Ostrogg hinauslief. Zuweilen sah ich, wie er sich plötzlich auf den Rücken wälzte und ruhig und ergeben in dieser Stellung verharrte; dann erblickte man im nächsten Augenblick unfehlbar einen großen Köter, der auf ihn zugerannt kam, mit langen, schlotternden Ohren, mit Gebell und Geheul. Doch Hunde lieben bei ihresgleichen Ergebenheit und friedliche Gesinnung. Der wütende Köter ist sogleich besänftigt, bleibt in einer gewissen Nachdenklichkeit vor dem auf dem Rücken liegenden Hunde stehen, bis er dann mit Interesse das ganze Tier beschnuppert. Was mochte wohl in solchen Augenblicken der zitternde unglückliche Hund denken? Wahrscheinlich: „Wenn er aber jetzt zubeißt, der Räuber?“ Der große Köter jedoch verläßt ihn nach aufmerksamer Beschnupperung, da er nichts Fesselndes an ihm entdeckt zu haben scheint. Bjelka aber dreht sich wieder um und läuft hinkend einem langen Hundezuge nach, der irgend einem kleinen Schoßhündchen folgt. Und wenn er auch genau weiß, daß ein Schoßhündchen niemals mit ihm Freundschaft schließen wird, so ist ihm doch schon das bloße Mitlaufen ein – Glück in seinem Unglück. An Ehre und Ehrgeiz hatte er offenbar seit lange aufgehört zu denken. Da ihm jede Aussicht auf Karriere genommen war, lebte er nur noch, um sein Dasein zu fristen, wessen er sich auch selbst vollkommen bewußt war. Ich versuchte einmal, ihn zu streicheln: das war für ihn so neu und unerwartet, daß er sich plötzlich platt an die Erde drückte, am ganzen Leibe erzitterte und vor Rührung laut zu heulen begann. Aus Mitleid trat ich öfter zu ihm, um ihn etwas zu liebkosen. Dafür konnte er mich bald nicht mehr anders als mit lautem Winseln begrüßen: erblickte er mich auch nur von weitem, so hub doch schon unfehlbar das weinerliche krankhafte Winseln an. Eines Tages wurde er auf dem Festungswall von anderen Hunden zerrissen.

Einen ganz anderen Charakter hatte dagegen Kuljtjäpka. Weshalb ich ihn eigentlich aus der Werkstätte als noch blinden Nestling mitgenommen hatte, vermag ich jetzt selbst nicht zu sagen. Es war mir eine angenehme Zerstreuung, ihn zu füttern, großzuziehen und aufwachsen zu sehen. Scharik nahm ihn sogleich unter seine Protektion und schlief mit ihm zusammen. Als Kuljtjäpka größer wurde, erlaubte er ihm, seine Ohren zu beißen, ihn am Fell zu zerren, und überhaupt mit ihm zu spielen, wie gewöhnlich alle größeren Hunde mit den jungen zu spielen pflegen. Sonderbar war nur, daß Kuljtjäpka so gut wie gar nicht in die Höhe wuchs, sondern nur in die Länge und Breite. Sein Fell war zottig und von einer unbestimmten hell mausgrauen Farbe; das eine Ohr wuchs nach unten, das andere nach oben. Von Charakter war er heftig und begeisterungsfähig, wie schließlich jeder junge Hund, der in der Freude, den Herrn wiederzusehen, kläfft und quient und winselt, ihm womöglich das Gesicht lecken will und auch alle seine anderen Gefühle nicht mehr zurückzuhalten vermag: „wenn du nur meine Begeisterung siehst, Anstand hat dann nichts mehr zu bedeuten!“ Rief ich: „Kuljtjäpka!“ so kam er, gleichviel wo er war, plötzlich im Galopp um irgend eine Ecke gelaufen, wie aus der Erde hervorgezaubert, und stürzte in heller Begeisterung wie ein geworfener Ball mir entgegen, und nicht selten überpurzelte er sich unterwegs. Ich hatte diese kleine Mißgeburt unsäglich lieb. Wie es schien, hatte das Schicksal nichts als Zufriedenheit und Freude für sein ferneres Leben vorgesehen. Es sollte aber anders kommen: Eines Tages schenkte ihm der Arrestant Neustrojeff, der sich mit der Anfertigung von Frauenschuhen und dem Gerben von Fellen beschäftigte, ganz besondere Aufmerksamkeit. Ihm schien plötzlich etwas an dem Hunde aufzufallen; er lockte ihn zu sich heran, befühlte sein Fell und rollte ihn hin und her auf dem Rücken, wozu der ahnungslose Kuljtjäpka vor Vergnügen mit den Vorderpfoten spielte. Am nächsten Morgen war er verschwunden. Lange suchte ich ihn, doch vergeblich. Erst nach zwei Wochen erfuhr ich, wo er geblieben war: Kuljtjäpkas Fell hatte dem Sträfling Neustrojeff gar zu sehr gefallen. Er hatte ihm dasselbe abgezogen und daraus Winterhalbstiefel angefertigt, und mit Sammet überzogen, wie sie die Frau des Auditeurs bei ihm bestellt hatte. Er zeigte sie mir, als sie fertig waren. Das Fell sah allerdings vorzüglich aus. Armer Kuljtjäpka!

Es gab bei uns viele Sträflinge, die sich mit der Bearbeitung von Fellen beschäftigten. Sie brachten nicht selten schöne Hunde mit, die aber schon nach wenigen Minuten wieder verschwanden. Diese Hunde wurden von ihnen entweder gestohlen oder gekauft. Einmal erblickte ich hinter der Küchenkaserne zwei Sträflinge, die sich über irgend etwas zu beraten schienen. Der eine hielt einen prächtigen, großen schwarzen Hund, von sicherlich guter und teurer Rasse, an einem Strick. Ein treuloser Diener hatte ihn heimlich unseren Schuhmachern für dreißig Kopeken in Silber verkauft. Die Sträflinge beabsichtigten, ihn zu erhängen, was ja weiter nicht schwierig war. Nachher sollte ihm das Fell abgezogen und der Kadaver in die große tiefe Ausgußgrube, die im entferntesten Winkel des Ostrogg lag und im Sommer, namentlich an heißen Tagen, entsetzlich stank, geworfen werden. Selten nur wurde die Grube gereinigt. Der arme Hund schien zu ahnen, was ihm bevorstand: forschend und unruhig blickte er von dem einen zum anderen und nur hin und wieder wagte er, mit seiner buschigen Rute ein wenig zu wedeln, ganz als wolle er uns durch dieses Zeichen seines Zutrauens zu uns gütiger für ihn stimmen. Ich entfernte mich schnell, sie aber verrichteten natürlich, was sie vorhatten.

Auch die Gänse hatten sich ganz zufällig bei uns angesiedelt. Wer sie zuerst gebracht hatte und wem sie gehörten – das weiß ich nicht, eine Zeitlang aber erfreuten sie sich großer Beliebtheit bei den Sträflingen und waren sogar in der Stadt bekannt. Sie waren im Ostrogg selbst ausgebrütet worden und in der Küche großgezogen. Als die junge Brut herangewachsen war, gewöhnte sie es sich an, zusammen mit den Sträflingen zur Arbeit auszuziehen. Kaum ertönte der Trommelwirbel, kaum begab sich der ganze Arrestantentrupp zum Tor, da kamen auch schon unsere Gänse mit großem Geschrei herbeigelaufen, mit hängenden Flügeln und vorgestrecktem Halse, und eine nach der anderen hopste über die hohe Schwelle der Pforte und begab sich unbedingt zur rechten Flanke des Trupps, wo sie sich dann gleichfalls aufstellten, in der Erwartung der allgemeinen Arbeitsverteilung. Jedesmal schlossen sie sich dem größten Trupp an und während der Arbeitszeit weideten sie dann irgendwo in der Nähe. Und kaum schickte der Trupp sich an, zur Heimkehr aufzubrechen, da kamen auch schon die Gänse in langer Reihe angewackelt. In der Stadt sprach man allgemein davon, daß die Gänse mit den Sträflingen zur Arbeit gingen.

„Seht doch, da gehen die Arrestanten mit ihren Gänsen!“ sagten zuweilen die uns unterwegs Begegnenden. „Wie habt ihr ihnen das nur beigebracht?“

„Da habt ihr etwas für eure Gänse,“ fügte ein anderer hinzu und reicht uns ein Almosen. Doch ungeachtet ihrer ganzen Anhänglichkeit, wurden sie zu einem Fleischtage nach der Fastenzeit sämtlich niedergemacht.

Unseren Ziegenbock Wasjka dagegen würde man um keinen Preis geschlachtet haben, wenn er nicht ein besonderes Pech gehabt hätte. Auch von dem Bock weiß ich nicht, wie und durch wen er in den Ostrogg gekommen war: eines Tages aber befand sich ein kleines, weißes, allerliebstes Böcklein bei uns. Diesen Wasjka gewannen im Augenblick alle lieb und bald war er unsere liebste Zerstreuung und sogar aufrichtigste Freude. Man fand natürlich sofort auch einen Grund, ihn im Ostrogg zu halten: hatte man einen Pferdestall, so gehörte doch auch ein Bock dazu. Indessen lebte er nicht im Pferdestall, sondern zuerst in der Küche und späterhin im ganzen Ostrogg. Er war ein überaus graziöses, mutwilliges und lustiges Geschöpf. Er kam sofort zu einem gelaufen, wenn man ihn rief, war immer munter und spaßig, sprang auf Bänke, Tische, und als er Hörner bekam, spielten die Arrestanten mit ihm „boxen“. Einmal, als seine Hörnchen schon sichtbar waren, fiel es dem Lesghier Babai ein, während er wie gewöhnlich abends mit anderen auf der Treppenstufe saß, mit Wasjka zu spielen. Sie boxten schon ziemlich lange – der Lesghier gleichfalls mit der Stirn, was für ihn ein angenehmer Zeitvertreib war –, als plötzlich unser Wasjka auf die oberste Treppenstufe sprang und, kaum daß Babai fortsah, sich auf seine Hinterbeinchen erhob, die Vorderhufchen an sich preßte und mit aller Kraft Babai in den Nacken stieß, so daß dieser kopfüber von der Treppe herabflog, zur unbändigen Heiterkeit aller Anwesenden und vor allem Babais selbst. Kurz, unser Wasjka wurde von allen geliebt. Als er heranwuchs, wurde an ihm nach langer, ernster Beratung eine gewisse Operation vorgenommen, die unsere „Tierärzte“ vorzüglich auszuführen verstanden. „Sonst würde er nach Bock riechen,“ sagten sie. Hierauf wurde aber Wasjka entsetzlich dick. Allerdings wurde er auch gefüttert, als wäre er zur Mast bestimmt. Mit der Zeit wurde er ein prächtiger, großer Bock mit langen Hörnern und von unbeschreiblicher Dicke. Zuweilen fiel er beim Gehen um. Bald hatte er es sich gleichfalls angewöhnt, mit den Sträflingen zur Arbeit zu gehen, zu deren und aller Begegnenden Belustigung. Alle kannten den Ostroggbock Wasjka. Oft, wenn die Sträflinge am Flußufer zu arbeiten hatten, rissen sie die geschmeidigen Äste der Wasserweide ab, suchten Laub dazu und Blumen auf dem Wall, und schmückten damit ihren Wasjka: die Hörner wurden mit den Weidenruten umflochten, mit Blumen geschmückt und der ganze Leib mit Girlanden umwunden. Kehrte dann der geschmückte Wasjka wie gewöhnlich an der Spitze des Trupps in den Ostrogg zurück, so marschierten sie ihm frohgemut nach und schienen vor jedem Vorübergehenden geradezu stolz zu sein. Ihre Liebe zu diesem Bock ging schließlich so weit, daß sie wie kleine Kinder auf die Idee kamen, Wasjkas Hörner zu vergolden! Doch sprachen sie nur davon, ohne den tollen Einfall auszuführen. Übrigens fragte ich, wie ich mich noch entsinne, bei der Gelegenheit Akim Akimytsch, unseren besten Vergolder nach Issai Fomitsch, ob es tatsächlich möglich wäre, dem Bock die Hörner zu vergolden. Er blickte zuerst aufmerksam den Bock an, überlegte ernstlich und antwortete dann, daß man es schließlich könne, „aber es wird nicht lange vorhalten, und zudem wäre es doch ganz unnütz.“ Und dabei blieb es. Wasjka aber hätte noch lange gelebt und wäre vielleicht nur an Asthma gestorben, wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte: als er eines Tages wieder an der Spitze der Sträflinge in den Ostrogg zurückkehrte, erblickte ihn plötzlich der Major, der in seinem Wagen gerade dahergefahren kam.

„Halt!“ schrie er sofort. „Wem gehört der Bock?“

Man erklärte es ihm.

„Wie! Im Ostrogg ein Bock ohne meine Erlaubnis! – Unteroffizier!“

Der Unteroffizier erschien und ihm ward befohlen, den Bock sofort zu schlachten – „sofort!“ – das Fell abzuziehen, auf dem Markt zu verkaufen, den Erlös der Arrestantenkasse zu überweisen, und das Fleisch zur Kohlsuppe zu geben. Im Ostrogg sprach man hin und her, beklagte den armen Wasjka, wagte aber doch nicht, dem Befehl zuwider zu handeln, und so wurde Wasjka am Rande unserer Ausgußgrube geschlachtet. Das ganze Fleisch kaufte ein Sträfling ab und zahlte dafür einen Rubel und fünfzig Kopeken in Silber. Für dieses Geld wurden Kalatschen gekauft, und der Sträfling, der den Wasjka erstanden hatte, verkaufte das Fleisch stückweis unter den Arrestanten zu Braten. Das Fleisch war wirklich selten schmackhaft.

Auch lebte bei uns im Ostrogg eine Zeitlang ein Karagusch, ein tatarischer Adler, von der mittelgroßen Art der Steppenadler. Jemand hatte ihn verwundet und ermattet in den Ostrogg gebracht. Die ganze Kátorga umstand ihn im Kreise: er konnte nicht fliegen, sein rechter Flügel hing zur Erde und der eine Fuß war verrenkt. Ich weiß noch, wie wütend er um sich blickte auf die neugierige Schar, wie er seinen krummen Schnabel aufsperrte, bereit, sein Leben teuer zu verkaufen. Als man sich aber an ihm sattgesehen hatte und auseinanderging, da humpelte er fort, hinkend und fast nur auf dem einen Fuß und mit dem gesunden Flügel schlagend, humpelte bis in den entferntesten Winkel des Ostrogg, wo er sich in der Zaunecke an die Pfähle drückte. Hier lebte er ungefähr drei Monate und in dieser ganzen Zeit verließ er nie seinen Platz. Anfangs kamen die Sträflinge noch ziemlich oft zu ihm, um ihn zu sehen und den Hund auf ihn zu hetzen. Scharik stürzte voll Eifer auf ihn los, wagte aber doch nicht, ihm gar zu nah zu kommen, was die Zuschauer nicht wenig belustigte. „So ein Tier!“ sagten sie kopfschüttelnd, „will sich doch nicht ergeben!“ Mit der Zeit aber wurde Scharik mutiger und dann kränkte er ihn tief: die Angst verging immer mehr und bald hatte er es sehr geschickt heraus, wenn er von den Sträflingen gehetzt wurde, den Vogel am kranken Flügel zu fassen. Der Adler verteidigte sich nach Möglichkeit mit dem Schnabel, und blickte wild und stolz wie ein verwundeter König, in der Zaunecke verschanzt, auf seine neugierigen Beobachter. Schließlich wurde er ihnen langweilig: alle vergaßen ihn, doch fand ich zu meiner Verwunderung täglich ein frisches Stück rohes Fleisch und eine Scherbe von einer zerschlagenen Schüssel mit frischem Wasser. So mußte denn doch jemand für ihn sorgen. Anfangs wollte er überhaupt nicht fressen, mehrere Tage hungerte er, bis er dann doch Vernunft annahm und zu fressen begann, aber niemals fraß er etwas aus unserer Hand, oder wenn jemand in der Nähe war. Ich habe ihn oft aus der Ferne beobachtet: glaubte er sich ganz allein und unbeobachtet, so entschloß er sich zuweilen, seine Ecke zu verlassen und humpelte dann am Zaun entlang, vielleicht zwölf Schritt weit aus seiner Ecke, worauf er wieder umkehrte und dann von neuem dieselbe Strecke zurücklegte, augenscheinlich um sich Bewegung zu machen. Erblickte er mich, so humpelte und hopste er so schnell er nur konnte in die Ecke, warf den Kopf zurück, sperrte den Schnabel halb auf und bereitete sich mit gesträubten Federn zum Kampfe vor. Er ließ sich durch nichts besänftigen, keine Freundlichkeit, kein Streicheln half: er hackte und schlug, nahm von mir keinen einzigen Bissen Rindfleisch aus der Hand, und wenn ich vor ihm stand, sah er mir nur mit seinem bösen, durchdringenden Blick aufmerksam in die Augen. Einsam und unnahbar erwartete er seinen Tod, mit niemand vertraut, mit niemand versöhnt. Da erinnerten sich die Sträflinge ganz plötzlich seiner, während sie in den letzten zwei Monaten ihn gänzlich vergessen hatten: und plötzlich empfand man Mitleid mit ihm. Man sprach davon, daß man ihn aus dem Ostrogg hinausbringen müsse.

„Mag er krepieren, aber nur nicht im Ostrogg,“ sagten sie.

„Ja, nur nicht hier, er ist ein freier Vogel, der wird sich nicht an den Ostrogg gewöhnen!“ meinten einige beipflichtend.

„Er ist doch sozusagen anders als wir,“ fügte noch einer hinzu.

„Noch was! – er ist ein Vogel und wir sind doch immerhin Menschen.“

„Der Adler, Brüder, ist der König der Wälder ...“ begann Skuratoff, doch wollte man ihm diesmal nicht zuhören.

Und nach dem Mittagessen, als die Trommel wieder zur Arbeit rief, nahm man den Adler, indem man ihm den Schnabel mit der Hand zuhielt, da er wie besessen um sich hackte, und trug ihn hinaus aus dem Ostrogg. Man kam bis zum Wall. Einige zwölf Mann, die zu diesem Trupp gehörten, wollten neugierig sehen, wohin der Adler sich entfernen würde, und seltsam – alle befanden sich in einer gewissermaßen zufriedenen Stimmung, ganz als sollten sie selbst in die Freiheit entlassen werden.

„Sieh doch einer das Hundevieh: ich tue ihm Gutes, er aber beißt mich!“ sagte der Arrestant, der den Adler hielt, während er das böse Tier fast mit Liebe betrachtete.

„Laß ihn los, Mikitka!“

„Der kann, wie man sieht, nicht hinter Schloß und Riegel leben. Dem muß man Freiheit geben, wahrhaftige freie Freiheit!“

Man warf den Adler vom Wall in die Steppe hinab. Es war im Spätherbst, an einem kalten und trüben Tage. Der Wind pfiff über die kahle Steppe und rauschte im gelben, dürren Steppengras, dessen Büschel sich knisternd bogen. Der Adler entfernte sich geradeaus, humpelnd und springend, und schlug mit dem gesunden Flügel, während der kranke nachschleifte – es war, als beeile er sich, so schnell als möglich von uns fortzukommen.

Die Blicke der Sträflinge folgten ihm neugierig, solange sein Kopf noch über dem Grase zu sehen war.

„Sieh mal an!“ sagte einer von ihnen gedankenvoll vor sich hin.

„Und sieht sich nicht einmal um!“ sagt ein anderer. „Kein einziges Mal, Brüder, hat er sich umgesehen, er läuft nur!“

„Glaubtest du denn, daß er noch zurückkommen würde, um sich zu bedanken?“ fragt ein dritter.

„Das ist so eine Sache mit der Freiheit: der hat sie jetzt gerochen.“

„Ja, das Freisein, wie man sagt.“

„Den werden wir nicht wiedersehen, Brüder ...“

„Was steht ihr da! Marsch, vorwärts!“ schrie in diesem Augenblick ein Aufseher und trieb die Plaudernden fort.

VII. Der Streik

Vor dem Beginn dieses Kapitels hält es der Herausgeber der Aufzeichnungen des verstorbenen Alexander Petrowitsch Goräntschikoff für seine Pflicht, den Lesern folgende Mitteilung zu machen.

Im ersten Kapitel der „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ ist unter anderem auch von einem Vatermörder, einem der vier russischen Adligen, die Rede. Der Verfasser stellt ihn als Beispiel dafür hin, mit welchem Gleichmut die Sträflinge zuweilen von ihren Mordtaten erzählen konnten. Es heißt dort ferner, daß dieser Vatermörder seine Schuld nicht gestanden habe, daß aber nach den Erzählungen einiger Sträflinge aus seiner Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten, die Tatsachen dermaßen überzeugend gewesen waren, daß man unmöglich an seiner Täterschaft habe zweifeln können. Dieselben Leute hatten dem Verfasser der „Aufzeichnungen“ erzählt, daß der Mörder ein zügelloses Leben geführt, Schulden gemacht und seinen Vater nur um der Erbschaft willen ermordet habe. Übrigens erzählte die ganze Stadt, in der er früher gelebt hatte, die Geschichte seines Verbrechens durchaus übereinstimmend, wovon der Verfasser aus zuverlässiger Quelle unterrichtet ist. In jenem Kapitel der Aufzeichnungen ist noch gesagt, daß der Mörder im Ostrogg sich beständig in der besten und heitersten Gemütsstimmung befunden habe: daß er ein unvernünftiger, leichtsinniger, verdrehter, aber durchaus kein dummer Mensch gewesen sei, und daß der Verfasser niemals eine besondere Grausamkeit an ihm habe wahrnehmen können. Zum Schluß jedoch sind noch die Worte hinzugefügt: „Zuerst glaubte ich es nämlich nicht, daß er ihn ermordet habe.“

Nun hat der Herausgeber dieser „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ vor kurzem die Nachricht aus Sibirien erhalten, daß der junge Sträfling tatsächlich unschuldig gewesen sei und zehn Jahre umsonst in der Kátorga verbracht habe; seine Schuldlosigkeit soll vom Gericht offiziell anerkannt worden sein, da man die wahren Schuldigen entdeckt habe und sie ein volles Geständnis abgelegt hätten. Jedenfalls ist der Unglückliche aus dem Ostrogg bereits entlassen. Der Herausgeber vermag an der Richtigkeit dieser Nachricht nicht zu zweifeln ...

Es dürfte wohl weiter nichts hinzuzufügen sein. Was könnte man auch über die ganze Tiefe der Tragik dieses unter so grauenvoller Anklage vernichteten jungen Lebens sagen ... Es liegt ja alles auf der Hand und spricht laut genug für sich selbst.

Auch glauben wir, daß, wenn eine solche Tatsache möglich gewesen ist, diese Möglichkeit allein schon einen neuen und deutlich hervortretenden Pinselstrich zur Vollendung und Charakteristik des Bildes vom Totenhause darstellt.

Fahren wir jetzt fort.

Wie ich schon gesagt habe, lebte ich mich endlich ein im Ostrogg. Aber dieses „endlich“ vollzog sich doch nur mühsam und qualvoll, und gar zu langsam. Genau genommen brauchte ich fast ein ganzes Jahr dazu, und das war die schwerste Zeit meines Lebens. Deswegen hat sie sich mir auch so deutlich eingeprägt. Ich glaube sogar, daß ich mich jeder Stunde dieses Jahres in der richtigen Reihenfolge erinnern kann. Auch viele andere Sträflinge konnten sich an dieses Leben nicht gewöhnen. Ich weiß noch, wie oft ich mich in der ersten Zeit fragte: „Wie mag es in ihnen wohl aussehen? Sollten sie wirklich ruhig sein?“ Und diese Fragen beschäftigten mich fortwährend. Ich begriff, daß sie alle sich hier nicht zu Hause fühlten, sondern wie etwa auf einem Posthof, wie in einem Biwak, oder auf einer Etappe. Selbst die zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilten, selbst die fühlten sich hier wie auf der Durchreise und sehnten sich fort, und sicherlich träumte ein jeder von ihnen von etwas für ihn fast Unmöglichem. Diese beständige Unruhe, die sich, wenn auch stumm, so doch sichtbar äußerte, diese seltsame Heftigkeit und Ungeduld, die manchmal ganz unwillkürlich geäußerten Hoffnungen, die mitunter so unbegründet waren, daß sie fast einem Produkt der Fieberphantasie glichen, und – was am auffälligsten war – nicht selten bei den anscheinend praktischsten Charakteren zutage traten, – alles das verlieh diesem Ort ein so ungewöhnliches Aussehen, ein so seltsames Gepräge, daß vielleicht gerade dieser Zug seine charakteristischste Eigenheit darstellte. Man fühlte es eben schon auf den ersten Blick, daß es außerhalb des Ostrogg etwas Ähnliches nicht gab. Hier waren alle Phantasten, und das fiel einem sofort auf: Phantasten bis zur Krankhaftigkeit – das fühlte man und gerade diese Verschwärmtheit gab dem Ostrogg ein düsteres, mürrisches Aussehen, so ein ungesundes Aussehen. Die übergroße Mehrzahl war schweigsam, bösartig bis zu einem fast auf alles sich erstreckenden Haß, und liebte es nicht, ihre Hoffnungen zur Schau zu tragen. Einfachheit und Offenherzigkeit wurden verachtet. Je aussichtsloser die Hoffnungen waren, und je mehr der betreffende selbst diese Aussichtslosigkeit fühlte, um so hartnäckiger und verschämter verbarg er sie in seinem Innersten, sich lossagen aber von ihnen und auf sie verzichten, das vermochte er doch nicht. Wer weiß, vielleicht schämte sich innerlich so mancher seiner Träume. Im russischen Charakter liegt soviel Positivität und Nüchternheit des Blicks, soviel innerer Spott, in erster Linie über sich selbst ... Vielleicht nun war gerade diese beständige, verborgene Unzufriedenheit mit sich selbst die Ursache der gereizten Unduldsamkeit dieser Menschen in ihrer täglichen Berührung miteinander, dieser Unversöhnlichkeit und dieser Spottlust in ihrem Verkehr untereinander. Und wenn zum Beispiel einer von den Naiveren und Unbeherrschteren aus ihrer eigenen Mitte einmal etwas laut aussprach, was sie heimlich alle dachten, wenn er seine Hoffnungen und Gedanken ausmalte, so wurde er sofort grob zurechtgewiesen und verspottet. Mich däucht aber, daß die heftigsten Verfolger in solchen Fällen stets diejenigen waren, die in ihren eigenen Träumen und Hoffnungen vielleicht noch viel weiter gingen. Auf die Naiven und Offenherzigen sah man bei uns allgemein wie auf die flachsten Dummköpfe herab und behandelte sie geringschätzig. Ein jeder war dermaßen mürrisch, eigenliebig und ehrgeizig, daß er einen gutmütigen Menschen, der keinen Ehrgeiz besaß, einfach verachtete.

Außer diesen naiven und etwas einfältigen Schwätzern teilten sich die anderen, d. h. die Schweigsamen, in Gute und Böse oder in Finstere und Heitere. Der Finsteren und Bösen gab es natürlich unvergleichlich mehr, und wenn sich unter ihnen auch einige befanden, die von Natur Schwätzer waren, so waren sie dann ausnahmslos ruhelose Klatschbasen und gehässige Neider. Sie hatten sich in alle fremden Angelegenheiten zu mischen, von ihren eigenen Geheimnissen dagegen verrieten sie den anderen nichts. Das war eben nicht Mode, nicht „angenommen“. Die Guten – nur eine kleine Schar – waren still, hegten stumm ihre Hoffnungen und waren natürlich weit mehr als die Finsteren zum Glauben an die Erfüllung ihrer Wünsche geneigt. Übrigens fällt es mir soeben ein, daß es im Ostrogg noch eine Abteilung von völlig Verzweifelten gab. Zu denen gehörte auch der Alte aus dem Dorf Starodubowo, doch gab es solcher im ganzen nur sehr wenige. Äußerlich war der Alte anscheinend ruhig – ich habe schon von ihm gesprochen –, doch glaube ich, nach einigen Anzeichen, daß sein Seelenzustand furchtbar war. Aber er hatte schließlich doch seine Rettung gefunden: das war das Gebet und der Glaube an sein Märtyrertum. Der andere alte Sträfling, von dem ich gleichfalls schon gesprochen habe, der über dem Bibellesen wahnsinnig geworden war und sich mit einem Ziegelstein auf den Major gestürzt hatte, gehörte wahrscheinlich gleichfalls zu den Verzweifelten, zu denen, die die letzte Hoffnung verlassen hatte – und da man ganz ohne Hoffnung nicht leben kann, so hatte er sich als Rettung ein freiwilliges, fast künstliches Märtyrertum erdacht. Nach seiner Erklärung habe er sich ohne jeglichen Groll oder Haß auf den Major gestürzt, einzig in dem Wunsch, Qualen zu erdulden. Wer kann es wissen, welch ein psychologischer Vorgang sich in seiner Seele vollzogen hatte! Ohne ein bestimmtes Ziel, ohne nach diesem Ziel ständig zu streben, lebt kein einziger „lebendiger“ Mensch. Verliert der Mensch Ziel und Hoffnung, so verwandelt er sich nicht selten vor lauter Langeweile in ein Ungeheuer ... Bei uns war das Ziel aller aber: die Freiheit und die Entlassung aus der Kátorga.

Da bemühe ich mich nun, die ganze Einwohnerschaft unseres Ostrogg in verschiedene Klassen einzuteilen, doch ist denn das überhaupt möglich? Die Wirklichkeit ist so unendlich verschiedenartig, im Vergleich mit allen, selbst den raffiniertesten Ergebnissen des abstrakten Denkens, und duldet keine verallgemeinernden und scharf begrenzenden Unterschiede. Die Wirklichkeit strebt zur Auflösung in Einern. Auch bei uns war das Leben ein besonderes, gleichviel welch eines, aber es war doch eines für sich, und nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein besonderes Leben.

In der ersten Zeit meines Ostrogglebens war es mir ganz unmöglich, und ich hätte es auch gar nicht verstanden, die ganze innere Tiefe dieses Lebens zu erfassen, und so quälten mich alle seine äußeren Erscheinungen mit unsäglicher Last. Zuweilen begann ich, diese Menschen, die doch nicht weniger litten, als ich, förmlich zu hassen. Ich beneidete sie sogar, und zwar beneidete ich sie deshalb, weil sie doch immerhin unter ihresgleichen waren, sich gegenseitig verstanden, und in ihrer Sträflingsgenossenschaft lebten, obwohl im Grunde diese Genossenschaft unter Stock und Spießrute, dieses gewaltsame Zusammenleben mich nicht mehr als alle anderen anekelte. Genau genommen sah ein jeder vom anderen fort, irgendwohin zur Seite. Ich sage nochmals, daß dieser Neid, der mich in trüben Augenblicken erfaßte, seinen guten Grund hatte. Man sagt allerdings, daß der Adlige, der Gebildete, es in unseren Gefängnissen ebenso schwer habe, wie jeder einfache Bauer, nur ist das leider durchaus nicht der Fall. Ich habe diese Behauptung oder Annahme oft genug gehört und in letzter Zeit sogar gelesen. Der Grundgedanke ist ja schließlich richtig und human: alle sind Menschen. Nur ist diese Auffassung gar zu theoretisch. Hier sind viele praktischen Bedingungen aus dem Auge gelassen, deren Bedeutung man nur in der Wirklichkeit ermessen kann. Ich sage es nicht deshalb, weil der Adlige und Gebildete, wie man annimmt, empfindlicher, zartfühlender und entwickelter ist. Die Seele und ihre Empfindsamkeit läßt sich nicht in Klassen einteilen oder auf ein gleichmäßiges Niveau bringen. Selbst die sogenannte Bildung ist in diesem Fall kein Maßstab. Ich bin als erster zu bezeugen bereit, daß ich in der allerungebildetsten und niedergedrücktesten Umgebung, gerade unter diesen Leidenden, Züge von zartester seelischer Entwicklung wahrgenommen habe. Im Ostrogg kannte man einen Menschen bisweilen jahrelang und glaubte von ihm, er sei ein Tier und kein Mensch, und man verachtete ihn. Und plötzlich kommt dann ein zufälliger Augenblick, in dem sein Inneres in ungewolltem Ausbruch sich aufdeckt – und dann sieht man in ihm einen solchen Reichtum, soviel Gefühl und Herz, ein so scharfes Verständnis und ein so persönliches Leiden, daß man erst jetzt sehend zu werden meint, nachdem man im ersten Augenblick seinen eigenen Ohren und Augen nicht getraut hat. Und andererseits, wie oft findet man das Umgekehrte: da sieht man Bildung mit unendlich niedriger Gesinnung vereint, mit einem Zynismus, daß es einem übel wird, und wie nahe dieser Mensch einem auch stehen mag, man findet dafür doch keine Entschuldigung, doch keine Rechtfertigung im Herzen.

Ich will nicht einmal auf den Unterschied der Lebensbedürfnisse eingehen, auf die Lebensweise überhaupt, die Nahrung u. s. w., einen Unterschied, der für den Menschen aus der oberen Gesellschaftsschicht natürlich größer und folglich schwerer zu verwinden ist, als für den einfachen Landbauer oder Leibeigenen, der nicht selten in der Freiheit gehungert hat, im Ostrogg dagegen sich täglich sattessen kann. Ich will zugeben, daß einem Menschen mit nur etwas stärkerem Willen alles das nichts ausmacht im Vergleich mit anderen Unannehmlichkeiten, obschon das Abgewöhnen der Lebensangewohnheiten durchaus keine so nebensächliche Kleinigkeit und längst nicht das Leichteste ist. Es gibt aber Dinge, vor denen alle diese äußeren Unannehmlichkeiten völlig in den Hintergrund treten und man weder den Schmutz ringsum, weder die Enge, noch die einförmige, unsaubere Kost beachtet. Selbst der größte Feinschmecker, das verzärteltste Muttersöhnchen wird, wenn er im Schweiße seines Angesichts gearbeitet hat, wie noch nie zuvor in der Freiheit, auch Schwarzbrot und seinen Kohl mit Schaben essen. An so etwas kann man sich noch gewöhnen, wie es ja auch im humoristischen Arrestantenliede von dem einmal reich gewesenen Herrn heißt, der in den Ostrogg geraten war:

„Gibt man mir auch nur Kraut mit heißem Wasser, So fresse ich doch alles auf mit Haut und Haar.“

Nein, wichtiger als alles andere ist, daß von den einfachen Leuten jeder Neuangekommene bereits nach den ersten zwei Stunden dasselbe wird, was alle anderen sind: ein mit allen Gleichberechtigter in der Ostrogggenossenschaft, der sich hier wie jeder andere „bei sich zu Hause“ fühlt. Er wird von allen verstanden und versteht selbst alle, er ist mit allen bekannt und alle halten ihn für den Ihrigen, der zu ihnen gehört. Ganz anders ist es dagegen mit dem Adligen, dem Gebildeten. Wie gerecht, gut und klug er auch sein mag, er wird dennoch jahrelang von allen anderen gehaßt und verachtet werden. Man versteht ihn nicht, und vor allen Dingen – man glaubt ihm nicht. Er ist weder Freund noch Kamerad, und wenn er es auch schließlich – nach Jahren – erreicht, daß man ihn nicht mehr beleidigt, so ist er ihnen doch nie ein Kamerad und wird ewig qualvoll seine Einsamkeit und Fremdheit empfinden. Diese Ausscheidung als Fremder geschieht von seiten der Arrestanten zuweilen ohne jedes böse Gefühl, völlig unbewußt. Du bist eben nicht einer von uns – und das ist alles. Es gibt nichts Schlimmeres, als nicht in der eigenen Gesellschaftsklasse leben zu können. Der Bauer oder der Tagelöhner, der von Taganrog nach der Hafenstadt Petropawlowsk geschickt wird, findet dort sogleich einen ebensolchen russischen Bauern oder Arbeiter, mit dem er sich schon nach zwei Stunden vorzüglich versteht, und in kürzester Zeit haben sie sich friedlich in derselben Strohhütte eingelebt. Nicht so der Vornehme. Ihn trennt die größte Kluft vom einfachen Volk, und das zeigt sich erst dann in seinem ganzen Umfange, sobald der Vornehme plötzlich selbst infolge äußerer Umstände seine früheren Vorrechte verliert und gleichfalls „einfaches Volk“ wird. Mag man auch sonst täglich mit dem Volk in Berührung gekommen sein, vierzig Jahre lang womöglich, – gleichviel ob im Dienst, amtlich, oder ganz einfach freundschaftlich, als Wohltäter, oder in gewissem Sinne Vater des Volkes – das Wesen dieses Unterschiedes wird man so nicht kennen lernen: es wird immer nur eine optische Täuschung sein und weiter nichts.

Ich weiß es sehr gut, daß alle, aber auch alle, die diese meine Behauptung lesen, sagen werden, ich übertreibe. Ich aber bin überzeugt, daß ich die Wahrheit sage, denn nicht aus Büchern und nicht spekulativ habe ich mich davon überzeugt, sondern in der Wirklichkeit, und ich habe mehr als genug Zeit gehabt, meine Beobachtungen auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Vielleicht wird manch einer in der Folge erfahren, wie richtig sie sind.

Die Ereignisse bestätigen außerdem noch meine Beobachtungen schon vom ersten Schritt an, was mich nicht wenig erregte und nachträglich krankhaft auf mich einwirkte. In dieser ersten Zeit schlenderte ich ganz allein auf dem Hof umher. Ich befand mich damals in einem solchen Zustande, daß ich nicht fähig war, selbst jene unter den übrigen wahrzunehmen, die mich in der Folge sogar lieb gewannen, wenn sie sich auch nie mit mir auf die gleiche Stufe stellten. Gewiß fand auch ich Kameraden unter den übrigen Adligen, aber diese Kameradschaft vermochte doch nicht, mich von dem quälenden Druck zu befreien.

Ich will hier einen von jenen Fällen angeben, die mir meine Fremdheit und die Eigentümlichkeit meiner Stellung im Ostrogg am deutlichsten zeigten.

Einst – es war im ersten Sommer, schon im August – in der ersten Nachmittagsstunde eines klaren, heißen Tages, als wir wie gewöhnlich vor der Nachmittagsarbeit ein wenig ruhten, erhob sich plötzlich die ganze Kátorga wie ein Mann und stellte sich auf dem Ostrogghof auf. Ich war bis dahin völlig ahnungslos gewesen. In dieser ganzen Zeit hatte ich mich dermaßen in mich selbst vertieft, daß ich kaum noch bemerkte, was um mich her vorging. Im Ostrogg indes hatte es schon seit drei Tagen dumpf gegärt. Vielleicht aber hatte diese Gärung schon viel früher begonnen, wie ich es mir später überlegte, als mir unwillkürlich wieder einiges aus den Gesprächen der Sträflinge einfiel, das ich nur mit halbem Ohr gehört und weiter nicht beachtet hatte. Desgleichen erinnerte ich mich, daß die Sträflinge in der letzten Zeit besonders mürrisch, finster und erbost gewesen waren. Ich schrieb es anfangs der schweren Arbeit, den langweiligen, endlosen Sommertagen, den unwillkürlichen Gedanken an Wälder und „Freiheit“ zu, und den kurzen Nächten, in denen man sich kaum ausschlafen konnte. Vielleicht hatte jetzt alles das zu einem Ausbruch geführt, doch der einzige Grund desselben, den die Sträflinge angaben, war – die Kost. Schon seit mehreren Tagen hatte man sich laut über das Essen beklagt, man war ungehalten gewesen, namentlich wenn man zum Mittag- und zum Abendessen in der Küche zusammenkam. Man war unzufrieden mit den Köchinnen, versuchte es sogar mit einer Veränderung des Küchenpersonals: man wählte einen neuen Koch, doch wurde dieser sogleich wieder „gewirbelt“ und der alte zurückgerufen. Kurz, alle Geister befanden sich in einer gewissen Unruhe.

„Die Arbeit ist zum Knochenbrechen und dabei werden wir nur mit Fell und Fett gefüttert,“ brummt jemand in der Küche.

„Wenn dir das nicht behagt, so bestell doch Kuchen für dich,“ bemerkt ein anderer, dem Kuchen das schönste zu sein scheint.

„Ach was, Kohl mit Schweinespeck liebe ich sehr, Brüder,“ meint ein dritter, „denn ... was ich sagen wollte – es schmeckt mir.“

„Aber wenn du dein Lebtag nichts als Schweinespeck zwischen die Zähne kriegst, wird es dir dann auch noch schmecken?“

„Es ist jetzt doch Fleischzeit,“ sagt ein vierter, „wir dort in der Ziegelei müssen uns quälen und plagen, nachher aber will man doch was essen! Was aber ist denn dieses Zeugs für ein Fraß!“

„Ist das überhaupt genießbar, frage ich euch! Hab ich nicht recht?“

„Ja, das Futter ist schlecht.“

„Und der Achtäugige stopft sich dabei natürlich die Taschen.“

„Das ist nicht deine Sache.“

„So–o? Mein Bauch ist doch wohl meine Sache, denke ich! ... Seht, wenn wir uns allesamt zusammentäten und unsere Forderung vorbrächten, dann wäre die Sache im Nu erledigt.“

„Forderung?“

„Jawohl!“

„Dann bist du wohl für solche Forderungen noch wenig gedroschen worden.“

„Es ist schon wahr,“ fügt brummig ein anderer hinzu, der bis dahin geschwiegen hat, „aber sag du uns mal zuerst, was du denn bei der Gelegenheit eigentlich sagen willst?“

„Ich werde schon sagen! Wenn alle mithalten würden, dann würde ich schon mit allen zusammen sagen! Einfach Hunger und nichts weiter! Bei uns hat der eine seine eigene Kost, ein anderer aber hat nichts als Staatsverpflegung.“

„Seht doch diesen Neidhammel! Dir scheint ja fremdes Gut merklich in die Augen zu stechen!“

„Laß dich nicht nach Fremdem gelüsten, steh früher auf und verschaffe dir Eigenes.“

„Verschaffe! Wo soll man sich denn was verschaffen, wo nichts zu verschaffen ist!“

„Nein, wirklich, Brüder, wozu sitzen wir hier? Sie haben uns doch lange genug geschunden, werden uns noch das Fell ganz und gar abziehen. Warum sollen wir nicht einmal auftreten?“

„Warum? Für dich muß man alles immer noch durchkauen, bevor man es dir in den Mund stopft, selbst durchzukauen scheinst du nicht zu können! Weil wir in der Kátorga sind – hast du nun kapiert?“

„Und der Achtäugige hat den Nutzen davon. Hat sich noch ein Paar Graue gekauft.“

„Und den Wein, den spart er auch gerade!“

„Vor kurzem hat er sich mit dem Veterinär beim Kartenspiel geprügelt. Haben die ganze Nacht gespielt. Fedjka erzählte.“

„Daher schmeckt auch der Kohl nicht mehr.“

„Ach, ihr Schafsköpfe! ... Daraus wird grade was!“

„Wir müssen eben alle Mann vortreten, sehen wir doch zu, was er dann zu seiner Rechtfertigung sagen wird. Wir müssen alle nur darauf bestehen!“

„Rechtfertigung! Noch was! Er wird dir nur dein Gebiß in die Gurgel schlagen und damit ist es für ihn erledigt.“

„Und dann kommt man doch vors Gericht ...“

Mit einem Wort, alle waren erregt. Wir hatten in der letzten Zeit allerdings sehr schlechtes Essen erhalten, und nun kam noch all das andere hinzu. Die Hauptveranlassung war aber entschieden die allgemeine wehmütige Stimmung und die beständige geheime Qual. Die Zwangsarbeiter sind schon ihrer Natur gemäß streitsüchtig und empörerisch, doch kommt es sehr selten vor, daß sie sich gemeinsam in größerer Anzahl oder gar alle Mann erheben. Der Grund ist ihre beständige Meinungsverschiedenheit. Das fühlt auch ein jeder von ihnen – und daher kam es, daß es bei uns in der Kátorga mehr Streit als Taten gab. Diesmal aber sollte die allgemeine Aufregung nicht im Sande verlaufen.

Es begann damit, daß man sich in Gruppen versammelte, in den Kasernen stritt, schimpfte, das ganze Sündenregister unseres Majors vortrug, und nichts vergaß, was ihn noch verhaßter machen könnte. Einige waren ganz besonders wütend. Bei allen ähnlichen Gelegenheiten treten stets Hetzer und Rädelsführer auf, die an sich, nicht nur im Ostrogg allein, sondern überall ein und dieselben sind. Sie sind ein ganz besonderer Typ, ein hitziger Menschenschlag, den es nach unbedingter Gerechtigkeit verlangt und der in der naivsten und ehrlichsten Weise von der bedingungslosen, unbeschränkten und vor allem sofortigen Erfüllung derselben überzeugt ist. Sie sind nicht dümmer als andere, es gibt sogar sehr Kluge unter ihnen, nur sind sie zu feurig, um schlau und berechnend zu sein. Gewiß gibt es auch bei derartigen Aufständen mitunter Führer, die die Masse geschickt zu lenken und die Sache zu gewinnen verstehen, doch bilden diese bereits einen anderen Typ. Der Volksführer, das ist der geborene Führer des Volkes – ein Typus, der bei uns ziemlich selten ist. Diese dagegen, von denen ich hier rede, diese Schürer und Rädelsführer der kleinen Aufstände, die verspielen fast stets ihre Sache und bevölkern dafür später die Gefängnisse. Sie verspielen durch ihre Hitzigkeit, doch haben sie gerade durch diese Hitzigkeit ihren Einfluß auf die Masse. Und schließlich – man folgt ihnen gern. Ihr Feuer und ihr ehrlicher Unwille wirken auf alle, und zu guterletzt schließen sich ihnen auch die Unentschlossensten an. Ihr blinder Glaube an das Gelingen verführt selbst die eingefleischtesten Skeptiker, obgleich dieser Glaube zuweilen so unbegründet, so kindisch naiv ist, daß man sich nur darüber wundern kann, wie die Menschen ihnen haben folgen können. Die Hauptsache ist aber, daß sie als Erste vorangehen, und ohne Furcht zu verspüren ... Sie stürmen wie die Stiere mit gesenkten Hörnern darauf los, oft sogar ohne Kenntnis der Sache, ohne Vorsicht, vor allem ohne jenen praktischen Jesuitismus, mittels dessen nicht selten der niedrigste und schmutzigste Mensch die Sache durchführt, das Ziel erreicht und trocken aus dem Wasser kommt. Sie jedoch stürzen geradeaus drauflos und brechen sich unfehlbar die Hörner. Im gewöhnlichen Leben sind sie gallige, launige, reizbare und unduldsame Leute. Am häufigsten sind es entsetzlich beschränkte Menschen, was übrigens zum Teil ihre Kraft ausmacht. Das ärgerlichste an ihnen ist jedoch, daß sie, anstatt geradeaus auf das Ziel loszusteuern, oft auf Nebenwege rennen, und anstatt die Hauptsache im Auge zu behalten, sich von Nebensachen ablenken lassen. Das ist es, woran sie scheitern. Aber sie sind der Masse verständlich und darin liegt ihre Kraft ... Übrigens muß ich noch kurz erklären, was ein solcher „Streik“ eigentlich ist.

In unserem Ostrogg gab es mehrere, die wegen eines solchen „Streiks“ verschickt worden waren. Sie nun ereiferten sich auch jetzt am meisten von allen. Namentlich einer von ihnen, ein gewisser Martynoff, der früher Husar gewesen war, ein hitziger, unruhiger und mißtrauischer Mensch, sonst aber sehr ehrlich und sehr wahrheitsliebend. Der andere war Wassilij Antonoff, ein gewissermaßen kaltblütig sich erregender Mensch mit dreistem Blick und hochmütigem, sarkastischem Lächeln, auffallend entwickelt und gleichfalls ehrlich und wahrheitsliebend. Doch, ich kann sie ja nicht alle aufzählen. Es gab ihrer eine ganze Menge. Petroff war überall, blieb bei jeder kleinen Gruppe stehen, hörte gespannt zu, sprach selbst wenig, war aber sichtlich erregt und als erster zur Stelle, als man sich auf dem Hof aufzustellen begann.

Unser Ostroggunteroffizier, der bei uns den Dienst eines Feldwebels hatte, erschien sofort und war nicht wenig erschrocken. Als die Leute sich alle in Reih und Glied aufgestellt hatten, baten sie ihn höflich, den Major zu benachrichtigen, daß die Kátorga ihn bezüglich einiger Punkte persönlich zu sprechen und um etwas zu bitten wünsche. Gleich nach dem älteren Unteroffizier erschienen auch alle Invaliden, die sich den Sträflingen gegenüber, auf der anderen Seite des Hofes, aufstellten. Der Auftrag, der dem Unteroffizier zuteil wurde, war allerdings unerhört, und entsetzte diesen geradezu. Doch die Meldung verweigern, das durfte er nicht. Erstens konnte, wenn die „ganze Kátorga“ sich erhoben hatte, weiß der Teufel was noch alles daraus entstehen. Alle unsere Vorgesetzten waren bezüglich der Kátorga vom ersten bis zum letzten auffallend ängstlich. Und zweitens, selbst, wenn sich alle sofort wieder besonnen hätten und bis auf den letzten auseinandergegangen wären, selbst dann hätte der Unteroffizier von dem Geschehenen den Vorgesetzten benachrichtigen müssen. Bleich und fast zitternd begab er sich sofort eilig zum Major, ohne auch nur einen Versuch gemacht zu haben, die Sträflinge vorher auszufragen oder sie zu ermahnen. Er sah vielleicht auch ein, daß man mit ihm jetzt überhaupt nicht geredet hätte.

Völlig ahnungslos war auch ich hinausgegangen und hatte mich gleichfalls in Reih und Glied gestellt. Alle Einzelheiten der Sache erfuhr ich erst später. In jenem Augenblick aber glaubte ich, daß es sich um nichts anderes als um eine Zählung handelte. Da ich aber keine Wachen sah, wunderte ich mich und blickte um mich. Alle Gesichter waren erregt und alle sahen gereizt aus. Einige waren sogar bleich, alle waren besorgt und schweigsam in der Erwartung dessen, was und wie man mit dem Major reden würde. Auch bemerkte ich, daß viele mich sehr verwundert ansahen, doch wandten sie sich schweigend wieder von mir ab. Es schien sie ersichtlich zu befremden, daß ich mich mit ihnen zusammen aufgestellt hatte. Offenbar glaubten sie nicht, daß ich gleichfalls, zusammen mit ihnen, „Streik machen“ wolle. Bald aber wandten sich alle fast gleichzeitig wieder nach mir um und blickten mich fragend an.

„Wozu bist du denn hier?“ fragte mich plötzlich grob und laut Wassilij Antonoff, der etwas weiter von mir stand und mich sonst immer höflich mit „Sie“ angeredet hatte.

Ich sah ihn verständnislos an, immer noch bemüht zu begreifen, was das alles zu bedeuten hatte; doch begann ich schon zu erraten, daß etwas Besonderes vor sich ging.

„Ja, was hast du denn hier zu stehen? Pack dich in die Kaserne,“ sagte ein junger Bursch der Militärabteilung, mit dem ich bis dahin noch nie gesprochen hatte, ein sonst stiller und guter Junge. „Das hier ist nicht deine Sache.“

„Aber es stellen sich doch alle auf,“ entgegnete ich, „ich glaubte, daß man eine Zählung vornehmen wolle.“

„Also der ist auch herausgekrochen!“ rief jemand.

„Ei seh, na seh!“ ein anderer.

„Fliegenknacker!“ sagte ein dritter mit unbeschreiblicher Verachtung. Diese neue Bezeichnung für uns Adlige rief allgemeines Lachen hervor.

„Den geht doch die Küche nichts an,“ meinte jemand.

„Die sind überall im Paradies. Hier ist Kátorga, sie aber stopfen sich mit Weißbrot und kaufen noch ihre Spanferkel dazu. Du futterst doch eigene Kost, was hast du hier zu suchen?“

„Es ist dies hier kein Platz für Sie in diesem Augenblick,“ sagte plötzlich Kulikoff, freundlich auf mich zutretend; er erfaßte meinen Arm und führte mich aus den Reihen.

Er selbst war bleich, seine dunklen Augen blitzten und er biß sich die Unterlippe. Augenscheinlich erwartete er nicht gerade kaltblütig den Major. Ich beobachtete Kulikoff gern in solchen Augenblicken, d. h. in allen Fällen, wo er sich zeigen mußte. Er war dabei entsetzlich eitel, aber er brachte doch immer etwas zustande. Ich glaube, selbst zu seiner Hinrichtung wäre er mit einem gewissen Chik, mit Eleganz gegangen. Jetzt, als mich alle mit „du“ anredeten und schimpften, verdoppelte er offenbar absichtlich seine Höflichkeit mir gegenüber, und gleichzeitig waren seine Worte von einer ganz besonderen Färbung, etwa überlegen-bestimmt; jedenfalls duldeten sie keinen Widerspruch.

„Wir sind hier in einer eigenen Angelegenheit, Alexander Petrowitsch, Sie aber sind hier diesmal überflüssig. Gehen Sie jetzt fort und warten Sie ab ... Sehen Sie, dort in der Küche sind die Ihrigen, gehen Sie dorthin.“

Durch das offene Fenster erblickte ich in der Küche tatsächlich unsere Polen. Aber außer ihnen schienen dort noch andere zu sein. Nicht wenig verwundert begab ich mich zur Küche. Lachen, Schimpfworte und Schnalzen – das im Ostrogg statt des Auspfeifens üblich war – tönte mir nach.

„Das paßt ihm nicht, glaub’s schon!“ ... „Seht mal, da geht er hin!“ ... „Putz Katz!“ ...

So hatte man sich bis dahin noch nie zu mir verhalten und daher war es mir in diesem Augenblick sehr schwer zumut. Im Flur vor der Küche traf ich T. Er war ein junger Adliger, ohne große Bildung, doch ein fester und großzügiger Charakter, – derselbe, der B. unterwegs auf dem Rücken getragen hatte und ihm rührend zugetan war. Er war der einzige von uns Adligen, mit dem die Sträflinge eine Ausnahme machten: sie hatten ihn aufrichtig gern, ja sie liebten ihn sogar. Er war kühn, männlich und stark, und das äußerte sich in jeder seiner Bewegungen.

„Was tun Sie, Goräntschikoff,“ rief er mir zu, „kommen Sie doch her!“

„Aber was ist denn dort los?“

„Sie wollen ihre Ansprüche geltend machen, sehen Sie denn das nicht? Natürlich werden sie damit nichts erreichen: wer wird denn Arrestanten Glauben schenken? Man wird die Anstifter suchen und wenn wir unter ihnen sind, selbstverständlich uns die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Vergessen Sie nicht, wofür wir hierher gekommen sind. Die anderen würde man nur gelinde prügeln, wir aber kämen sofort vor Gericht. Der Major haßt uns und es würde ihn freuen, wenn er uns etwas anhaben könnte. Damit würde er die eigene Schuld auf uns abwälzen.“

„Und von den übrigen würde doch keiner für uns einstehen,“ sagte M–tzkij, als wir in die Küche eintraten.

„Ja, denen würden wir nicht leid tun!“ meinte auch T.

In der Küche waren außer den Adligen noch viele andere Sträflinge, im ganzen vielleicht dreißig an der Zahl. Sie alle wollten von dem Vorhaben der übrigen nichts wissen, oder wenigstens nichts damit zu tun haben – die einen aus Feigheit, die anderen, weil sie von der völligen Nutzlosigkeit jedes Ansprucherhebens fest überzeugt waren. Unter ihnen bemerkte ich auch Akim Akimytsch, den gebotenen Feind aller ähnlichen Demonstrationen, die dem regelmäßigen Gang des Dienstes und wohl auch der Sittsamkeit störend entgegentraten. Schweigend und seelenruhig wartete er den Ausgang der Sache ab, regte sich nicht im mindesten auf, sondern war im Gegenteil vollkommen überzeugt von dem unfehlbaren Triumph der Ordnung und des obrigkeitlichen Willens. Auch Issai Fomitsch war hier; er stand in völliger Verständnislosigkeit da, ließ die Nase hängen und hörte gierig und ängstlich unserem Gespräch zu. Ihm war ersichtlich äußerst bänglich zumut. Und auch die übrigen polnischen Sträflinge hatten sich zu ihren Adligen gesellt. Ferner sah ich daselbst einige ängstliche Russen, jene, die stets schweigsam waren und gewissermaßen verprügelt aussahen. Sie wagten nicht, es mit den anderen zu halten, und warteten traurig ab, womit es enden würde. Endlich waren dort noch einige von den finsteren und schroffen Charakteren, die sonst keine schüchternen Menschen waren. Sie hielten aus Eigensinn nicht mit, und natürlich auch infolge ihrer Überzeugung, daß der ganze Streik nur ein Unsinn sei und nichts als Schlechtes zur Folge haben könne. Doch wollte es mir trotzdem scheinen, daß sie sich hier nicht ganz behaglich fühlten und nicht gerade sehr selbstbewußt dreinschauten. Zwar wußten sie, daß sie bezüglich des Streiks im Recht waren, was auch die Folge bestätigte, aber sie empfanden sich doch gleichsam als Abtrünnige, als Verräter der Genossen, als hätten sie diese dem Platzmajor ausgeliefert. Unter ihnen befand sich auch Jolkin, jener selbe sibirische Bauer, der als Falschmünzer in die Kátorga gekommen war und Kulikoff die ganze Veterinärpraxis abspenstig gemacht hatte. Der Alte aus Starodubowo war gleichfalls hier und von den Köchinnen waren alle in der Küche geblieben, – wahrscheinlich in der Erwägung, daß auch sie einen Teil der Verwaltung ausmachten und es ihnen folglich nicht zustand, gegen die „Eigenen“ aufzutreten.

„Aber wie,“ begann ich etwas unsicher, mich an M–tzkij wendend, „außer diesen hier sind doch alle gegangen.“

„Was geht das uns an?“ brummte B. unwirsch.

„Wir würden hundertmal mehr riskieren als sie, wenn wir gingen, und wozu schließlich? Je hais ces brigands. Und können Sie denn auch nur einen Augenblick glauben, daß eine Demonstration zustande kommen wird? Ich habe keine Lust, auf solchen Blödsinn hereinzufallen.“

„Es wird ja doch nichts draus werden!“ meinte verächtlich ein starrköpfiger und verbitterter Alter. Almasoff, der neben ihm stand, pflichtete ihm sofort bei:

„Man wird einem jeden nur so an fünfhundert aufzählen und das wird alles sein.“

„Der Major ist gekommen!“ rief plötzlich jemand und alle drängten zum Fenster.

Der Major stürzte in den Ostrogg, wütend, aufgebracht, purpurrot im Gesicht, die Brille auf der Nase. Schweigend, aber durchaus entschlossen trat er vor die Front. In solchen Fällen war er stets mutig und verlor nicht die Geistesgegenwart. Übrigens war er dann aber auch stets halbbetrunken. Selbst seine schmierige Offiziersmütze mit dem orangegelben Streifen und die schmutzigen silbernen Epauletten hatten in diesem Augenblick etwas Unheilverkündendes. Ihm folgte der Schreiber Djätloff, eine im Ostrogg sehr wichtige Persönlichkeit, denn eigentlich bestimmte er allein alles, und außerdem hatte er sogar auf den Major großen Einfluß, – ein schlauer Bursch, der immer nach seinem eigenen Kopf handelte, doch sonst kein schlechter Mensch war. Die Sträflinge waren mit ihm zufrieden. Nach ihm kam der Unteroffizier, über dessen Haupt sich allem Anscheine nach bereits ein Hagelwetter ergossen hatte und der ein noch zehnmal größeres erwartete, und nach diesem drei oder vier Wachen, nicht mehr.

Die Sträflinge, die ohne Kopfbedeckung dastanden – wenn ich nicht irre, seit dem Augenblick, in dem sie nach dem Major geschickt hatten – richteten sich jetzt alle gerader auf und ordneten sich: ein jeder trat von einem Fuß auf den anderen, und dann schien alles auf dem Platz zu erstarren, in der Erwartung des ersten Wortes oder ersten Schreies des Vorgesetzten.

Der ließ nicht lange auf sich warten: schon nach dem zweiten Wort gröhlte der Major aus voller Kehle, ja er schien diesmal förmlich zu kreischen, denn er war gar zu wütend. Durch das Fenster sahen wir nur, wie er vor der Front hin- und herraste, auf einzelne losstürzte, ausfragte, schrie. Übrigens konnten wir bei der großen Entfernung weder seine Fragen noch die Antworten der Sträflinge vernehmen. Nur die einzelnen Schreie drangen bis zu uns hin:

„Verschwörer! ... Spießruten! ... Aufwiegler! ... Du bist der Aufwiegler, du, gerade du!“ – Damit stürzte er plötzlich auf einen von ihnen los.

Eine Antwort hörten wir nicht. Nach einer Minute sahen wir, wie ein Sträfling vortrat und sich zur Hauptwache entfernte. Nach Verlauf einer weiteren Minute sahen wir einen zweiten ihm folgen, darauf einen dritten.

„Alle vors Gericht! Ich werde euch! Wer ist dort in der Küche?“ schrie er plötzlich gellend, als er uns im Fenster erblickte. „Alle her! Jagt sie alle her!“

Der Schreiber Djätloff kam in die Küche, wo ihm erklärt wurde, daß man hier keine Ansprüche mache. Er kehrte sofort zurück und meldete es dem Major.

„Ah, also die machen keine!“ sagte er um zwei Töne tiefer und sichtlich erfreut. „Gleichviel, alle her!“

Wir gingen hinaus. Ich fühlte, daß wir uns im Grunde alle schämten, so herauszutreten. Und wir gingen auch alle mit gesenkten Köpfen.

„Ah, Prokoffjeff! Jolkin gleichfalls, und auch du, Almasoff ... Stellt euch, stellt euch alle hierher, so, in eine Gruppe,“ sagte der Major geschäftig, aber mit auffallend milder, weicher Stimme und mit freundlichem Blick auf uns. „Ah, und auch du, M–tzkij, bist also hier ... Alle aufschreiben. Djätloff! Sofort alle Namen aufschreiben, die Zufriedenen separat und die Unzufriedenen separat, alle bis auf den letzten, und das Protokoll sofort mir zuzuschicken! – Ich werde euch alle ... vors Gericht bringen! Ich werde euch! – ihr Spitzbuben! ...“

Die Drohung mit dem Protokoll verfehlte ihre Wirkung nicht.

„Wir sind ja zufrieden!“ rief plötzlich eine Stimme aus der Gruppe der Unzufriedenen, doch klang sie nicht sehr entschlossen.

„Ah, also zufrieden! Wer ist zufrieden? Wer zufrieden ist, der trete vor.“

„Sind zufrieden, alle sind zufrieden!“ hörte man mehrere Stimmen.

„So–o! Also zufrieden! Dann hat euch jemand aufgehetzt? Dann gibt es hier also Aufwiegler, Empörer? Um so schlimmer für sie! ...“

„Gott, was ist denn das!“ hörte man da plötzlich eine Stimme aus der Menge.

„Wie, was, wer hat da geschrien?“ brüllte sofort der Major los, und er stürzte fort in die Richtung, woher dieser Ausruf gekommen war. „Das warst du, Rastorgujeff! Hast du soeben geschrien? Nach der Wache!“

Rastorgujeff, ein etwas pausbackiger, großer, junger Bursch, trat vor und begab sich langsam zum Tor. Er war es nicht gewesen, der geschrien hatte, da aber der Major ihn beschuldigte, widersprach er nicht und ging.

„Nur das Wohlleben macht euch unzufrieden!“ schrie ihm der Major noch nach. „Du dicke Fratze, hast in drei Tagen nicht ... Ich werde euch schon! Die Zufriedenen sollen alle vortreten!“

„Wir sind ja doch zufrieden, Euer Gnaden,“ hörte man finster einige zehn Stimmen sagen; die übrigen schwiegen hartnäckig.

Der Major hatte nur darauf gewartet. Auch er schien die Sache bald erledigen zu wollen, und zwar diesmal möglichst einträchtig.

„Ah, jetzt sind plötzlich alle zufrieden!“ sagte er, sich beeilend. „Das sah ich ja voraus ... das wußte ich! Es stecken natürlich Aufwiegler dahinter! Ja, es gibt unter ihnen offenbar Hetzer!“ fuhr er, sich an Djätloff wendend, fort. „Das muß man genauer untersuchen. Jetzt aber ... jetzt ist es Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sofort zum Abmarsch trommeln!“

Er wohnte selbst dem Abmarsch der Arrestanten bei, die schweigend und traurig zur Arbeit aufbrachen, schließlich noch zufrieden damit, daß sie wenigstens ihm aus den Augen kamen.

Gleich darauf begab sich der Major auf die Hauptwache und „erledigte“ die Anstifter, war aber nicht allzustreng. Er beeilte sich ersichtlich dabei. Einer von ihnen hatte schon um Verzeihung gebeten, erzählten später die anderen, und da habe er sofort verziehen. Jedenfalls merkte man es ihm an, daß er nicht ganz so sorglos war und sich vielleicht sogar seine Schuld eingestand. Eine derartige Demonstration ist immerhin eine kitzlige Sache, und wenn man auch dieses Ungehaltensein der Sträflinge kaum eine Demonstration nennen konnte, so war es doch nichtsdestoweniger ungemütlich, unangenehm. Am peinlichsten war dabei, daß sich alle zusammen erhoben hatten. Jetzt hieß es, die Sache so schnell als möglich vertuschen, was es auch koste. Die „Aufwiegler“ wurden bald wieder entlassen. Am nächsten Tage war das Essen besser, doch leider nicht auf lange Zeit. Der Major kam öfter in den Ostrogg und fand immer häufiger Unordnung. Unser Unteroffizier ging mit besorgter Miene und gänzlich aus dem Konzept gebracht umher, als könne er sich vor Verwunderung immer noch nicht fassen. Was nun die Arrestanten anbetrifft, so konnten sie sich noch lange nicht beruhigen, nur regten sie sich nicht mehr in derselben Weise auf, sondern schienen gleichsam stumm erregt zu sein, gewissermaßen verblüfft und befremdet. Einige ließen sogar die Köpfe hängen. Andere brummten, wenn sie auch sonst nicht viel über den ganzen Vorfall sprachen. Manche wiederum verspotteten sich selbst, taten es in seltsam gereiztem Ton, ganz als wollten sie sich selbst für ihren „Streik“ strafen.

„Da hast du’s jetzt, Freundchen, beiß jetzt zu!“ sagt einer.

„Deine Scherze mußt du mit Arbeit bezahlen!“ sagt ein anderer.

„Unsereinem wirst du doch nicht ohne Stock was erklären, das weiß man doch. Dankt Gott, daß er nicht alle durchgeprügelt hat.“

„Nächstens denk mehr und schwatz weniger, das wird besser sein!“ knurrt jemand bissig den anderen an.

„Was stellst du denn für Lehren hier auf, willst wohl unser Schulmeister sein?“

„Warum soll ich nicht lehren?“

„Wer bist du denn überhaupt?“

„Ich bin vorläufig noch ein Mensch, aber wer bist du denn, wenn man fragen darf?“

„Ein Hundeknochen bist du, aber kein Mensch!“

„Na, na, genug geschimpft! Was gackert ihr da wieder!“ schreit man den Streitenden von allen Seiten zu ...

Am Abend desselben Tages, an dem die Demonstration stattgefunden hatte, traf ich nach der Rückkehr von der Arbeit Petroff hinter den Kasernen. Er suchte mich bereits. Als er mir entgegentrat, murmelte er etwas, das wie ein unbestimmter Ausruf klang, verstummte aber zerstreut und ging mechanisch neben mir her. Mir lag der ganze Vorfall noch schmerzlich auf der Seele, und da schien es mir plötzlich, daß Petroff mir einiges erklären könnte.

„Sagen Sie, Petroff, ärgern sich denn die Ihrigen nicht über uns?“ fragte ich ihn.

„Wer?“ fragte er.

„Die Sträflinge über uns ... uns Adlige?“

„Weswegen sollten sie sich über euch ärgern?“

„Nun, weil wir doch nicht mithielten, als sie die Demonstration veranstalteten?“

„Ja, aber warum hätten Sie denn mithalten sollen?“ fragte er, als bemühe er sich, mich zu verstehen. „Sie haben doch eigenes Essen.“

„Ach Gott! Es gibt ja doch auch unter den anderen welche, die eigene Kost essen, und doch waren sie mitgegangen. Nun, und so hätten auch wir gehen sollen ... aus Kameradschaft.“

„Ja ... aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ fragte er verwundert.

Ich blickte ihn schnell an: er verstand mich tatsächlich nicht, er begriff nicht, was ich meinte. Dafür aber verstand ich ihn in diesem Augenblick vollkommen. Zum erstenmal wurde mir jetzt ein Gedanke klar, der sich schon lange dunkel in mir geregt und mich verfolgt hatte, ich begriff mit einem Mal, was ich bis dahin nur unklar geahnt. Ich begriff, daß man mich niemals als Kamerad anerkennen würde, und wenn ich auch doppelt und dreifach sibirischer Sträfling wäre, und wenn ich mich auch in der besonderen Abteilung befunden hätte, zu ewiger Zwangsarbeit verurteilt. Ich entsinne mich noch lebhaft, welch einen Ausdruck Petroffs Gesicht in diesem Augenblick hatte. In seiner Frage: „Aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ lag soviel unverfälschte Naivität, ein so offenherziges Nichtverstehenkönnen! Ich fragte mich: liegt in diesen Worten nicht Ironie, Bitterkeit, Spott? Doch nein, es war nichts davon in ihnen: du bist uns einfach kein Kamerad, und das ist alles. Geh du deines Weges, wir gehen unseres Weges; du hast deine Interessen und wir unsere.

Und in der Tat, so war es auch. Ich glaubte zuerst, daß man uns jetzt völlig totmachen würde, daß wir von nun an überhaupt kein Leben mehr im Ostrogg haben würden. Doch nichts von alledem geschah: nicht den geringsten Vorwurf, nicht die leiseste Andeutung eines Tadels hörten wir und es verstärkte sich ihre Feindschaft gegen uns nicht im mindesten. Bei Gelegenheit wurden wir nur wie gewöhnlich verspottet, so wie wir auch früher verspottet worden waren, nicht mehr und nicht weniger. Übrigens waren sie ebensowenig auch über die anderen ungehalten, die sich an der Demonstration gleichfalls nicht beteiligt und sich in die Küche zurückgezogen hatten, sowie auch über die nicht, die zuerst gesagt hatten, daß sie mit allem zufrieden seien. Man verlor darüber nicht einmal ein Wort. Namentlich letzteres konnte ich nicht begreifen.

VIII. Die Kameraden

Mich zog es natürlich mehr zu Meinesgleichen, d. h. zu den übrigen „Adligen“, besonders in der ersten Zeit. Doch von den drei ehemaligen russischen Adligen, die im Ostrogg lebten – Akim Akimytsch, dem Spion A–ff und jenem, den man für einen Vatermörder hielt – war Akim Akimytsch der einzige, den ich näher kannte und mit dem ich mich zuweilen unterhielt. Um die Wahrheit zu sagen, muß ich gestehen, daß ich mich an diesen sozusagen nur in der Verzweiflung wandte, in Stunden der größten Langeweile, und wenn ich außer ihm niemanden sah, an den ich mich hätte wenden können. Im vorhergehenden Kapitel machte ich zwar den Versuch, die ganze Ostroggbevölkerung zu klassifizieren, jetzt aber, da ich auf Akim Akimytsch zu sprechen gekommen bin, jetzt fällt es mir ein, daß man zu den bereits genannten noch eine Klasse hinzufügen muß. Allerdings hatte sie nur einen einzigen Vertreter. Das war die Klasse der – vollkommen gleichgültigen Sträflinge. Vollkommen Gleichgültige, d. h. solche, denen es ganz gleich war, ob sie in der Freiheit oder in der Kátorga lebten, konnte es bei uns natürlich überhaupt nicht geben – Akim Akimytsch aber stellte, glaube ich, eine Ausnahme dar. Er hatte sich im Ostrogg so eingerichtet, als hätte er beabsichtigt, bis an sein Lebensende dort zu wohnen: alles, was er besaß, angefangen von der Matratze, den Kopfkissen, ferner alle seine Küchengeräte, kurz, sein ganzer Besitz, – alles war so ordentlich, so tadellos aufgebaut, war so fest und dauerhaft, und schien für eine lange Zeit berechnet. Von Biwakmäßigem, nur Zeitweiligem war an ihm keine Spur zu bemerken. Ihm stand noch eine ganze Reihe von Jahren im Ostrogg bevor, doch ist es nicht anzunehmen, daß er jemals an seine Entlassung aus der Kátorga auch nur gedacht hätte. Indes – wenn er sich auch mit der Wirklichkeit ausgesöhnt hatte, so hatte er es doch nicht auf Wunsch seines Herzens getan, sondern allenfalls aus Subordination, – was bei ihm allerdings ein und dasselbe war.

Er war ein guter Mensch und half mir auch zuweilen mit Rat und Tat, namentlich in der ersten Zeit, mitunter aber – es tut mir herzlich leid, daß es so war –, mitunter aber erweckte er in mir eine so beispiellose Langeweile, die meine Stimmung noch um ein Erhebliches verschlechterte. Hatte ich doch sowieso nur aus Langeweile ein Gespräch mit ihm angeknüpft! Zuweilen lechzte man geradezu nach einem lebendigen Wort, gleichviel ob es nun bitterböse, gereizt, freundlich oder wütend war: wir hätten uns dann doch wenigstens gemeinschaftlich über unser Schicksal geärgert! Er aber schweigt, klebt seine Laternen, oder erzählt, wie in dem und dem Jahre die Parade verlaufen war, wer sein Divisionskommandeur gewesen, wie er geheißen, nennt ihn zweimal mit Namen, Taufnamen, Vaternamen und Familiennamen, und ob er mit der Truppenschau zufrieden gewesen war oder nicht, erzählt wie die Schützensignale eine gewisse Veränderung erfahren hatten ... und ähnliches in Mengen. Und alles das wird mit einer so gleichmäßigen, so würdevollen Stimme vorgetragen, ganz wie Wasser aus der Regenröhre tropft. Nie habe ich bemerkt, daß er sich auch begeistert hätte, selbst dann kaum, wenn er mir erzählte, daß er für die Teilnahme an irgend einer militärischen Operation im Kaukasus des Ordens der „heiligen Anna“ gewürdigt worden war. Nur seine Stimme nahm bei dieser Mitteilung etwas ganz ungemein Wichtiges und Solides an; er senkte sie ein wenig, was sie geradezu geheimnisvoll machte, namentlich wenn er „der heiligen Anna“ aussprach, und etwa drei Minuten darauf wurde er ganz besonders stumm und würdevoll ... In diesem ersten Jahr hatte ich oft Augenblicke – sie kamen immer ganz plötzlich –, in denen ich diesen Akim Akimytsch förmlich zu hassen begann, ohne im Grunde zu wissen weshalb, und in denen ich mein Schicksal dafür verfluchte, daß es mich gerade mit ihm Kopf an Kopf auf der Arrestantenpritsche plaziert hatte. Gewöhnlich machte ich mir bereits nach Verlauf einer Stunde Vorwürfe deswegen ... Aber das war nur im ersten Jahr – späterhin söhnte ich mich im Herzen vollkommen mit ihm aus und schämte mich meiner anfänglichen Dummheiten. Äußerlich haben wir beide stets in Frieden gelebt.

Außer diesen drei Russen waren zu meiner Zeit noch einige polnische Adlige in unserem Ostrogg. Mit einigen von ihnen verkehrte ich recht freundschaftlich und sogar sehr gern; aber leider war mir ein Verkehr nicht mit allen möglich. Die Besseren von ihnen waren – ich weiß nicht, was! Allenfalls könnte man sie krank nennen und im höchsten Grade reserviert und unduldsam. Mit zweien von ihnen sprach ich späterhin überhaupt nicht mehr. Gebildet waren nur drei: B., M. und der alte Sh., der früher irgendwo Professor der Mathematik gewesen war, – ein guter, freundlicher Mensch, ein großer Sonderling, doch trotz der Bildung ein äußerst beschränkter Geist. Ganz anders waren M. und B. Mit M. stand ich mich stets sehr gut. Niemals stritten wir uns, ich achtete ihn, aber ihn zu lieben, mich ihm anzuschließen – das hätte ich nie vermocht. Er war ein unendlich mißtrauischer und verbitterter Mensch, der sich jedoch erstaunlich zu beherrschen wußte. Diese gar zu große Selbstbeherrschung nun war es gerade, was mir nicht gefiel: man fühlte unwillkürlich, daß er niemals und vor keinem einzigen Menschen seine Seele ganz aufdecken würde. Vielleicht irrte ich mich auch. Sonst war er eine starke und durchaus edle Natur. Diese außergewöhnliche, sogar ein wenig jesuitische Gewandtheit und Vorsicht im Umgang mit Menschen verriet natürlich seinen heimlichen, großen Skeptizismus. Und dennoch litt diese Seele gerade unter ihrer Zweiheit: dem Skeptizismus und dem tiefen, unerschütterlichen Glauben an einige seiner Überzeugungen und Hoffnungen. Doch ungeachtet seiner großen Lebenskunst verharrte er die ganze Zeit in unversöhnlicher Feindschaft mit B. und mit dessen Freunde T. B. war ein kranker Mensch, jedenfalls zur Schwindsucht geneigt, reizbar und nervös, doch im Grunde selten gut und sogar großzügig. Seine Reizbarkeit stieg zuweilen bis zur größten Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit. Ich ertrug seinen Charakter zuletzt nicht mehr und brach meinen Verkehr mit ihm ab, hörte aber nie auf, ihn zu lieben, während ich M., mit dem ich mich nie stritt, nie zu lieben vermochte. Als ich B. die Freundschaft gekündigt hatte, mußte ich auch auf seinen Freund T. verzichten. (Ich habe von ihm schon im vorhergehenden Kapitel gesprochen, – er war derselbe, der mich am Tage der Demonstration in die Küche zurückrief.) Das tat mir nun sehr leid. Dieser T. war freilich ein ungebildeter Mensch, doch dafür unglaublich gut, mutig, ehrlich – mit einem Wort, ein prächtiger junger Mann. Der Grund für unser Zerwürfnis lag einfach darin, daß er seinen Freund B. dermaßen liebte und hochschätzte, daß er alle, die mit B. die Freundschaft brachen, sogleich für seine eigenen Feinde hielt. Auch mit M. brach er später B.s wegen. Übrigens waren sie alle psychisch krank, verbittert, reizbar, mißtrauisch. Aber das ist ja auch begreiflich – sie hatten es dort sehr schwer, viel schwerer als wir Russen. Sie waren weit entfernt von ihrer Heimat und einige von ihnen waren zu langer Zeit verurteilt, zu zehn, zu zwanzig Jahren. Doch der Hauptgrund ihres Unglücks war, daß sie unendlich voreingenommen auf ihre ganze Umgebung blickten, in den übrigen Sträflingen nichts als tierische Roheit sahen und in ihnen keinen einzigen guten Zug, nichts Menschliches wahrnehmen konnten und nicht einmal wollten – auf diesen unglücklichen Gesichtspunkt waren sie durch die Macht der Verhältnisse verwiesen worden. Da ist es denn auch begreiflich, daß die Qual sie zu ersticken drohte. Zu den Tscherkessen, den Tataren und Issai Fomitsch waren sie sehr freundlich und liebenswürdig, alle anderen aber wurden mit Ekel von ihnen gemieden. Nur der eine Greis aus Starodubowo hatte ihre Achtung erworben. Bemerkenswert ist dabei, daß kein einziger der russischen Sträflinge während dieser ganzen Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, sich über ihre Nation, ihren Glauben oder ihre Denkweise absprechend geäußert hätte, wie es in unserem einfachen Volk zuweilen bezüglich der Ausländer, namentlich der Deutschen, vorkommt, allerdings nur äußerst selten. Übrigens macht man sich auch über die Deutschen bisweilen nur etwas lustig: der deutsche biedere Bürger hat für den einfachen Russen etwas überaus Komisches. Mit den polnischen Adligen gingen dagegen die Sträflinge viel besser um, als mit uns russischen Adligen. Jene aber schienen das nie bemerken und zugeben zu wollen.

Ich sprach von T. Er hatte, als sie aus ihrem früheren Verbannungsort in unseren Ostrogg marschiert waren, den schwächlichen, bald völlig erschöpften B. fast die ganze Zeit getragen. Zuerst waren sie nach U. verbannt gewesen, wo sie es, nach ihren Worten, gut gehabt hatten, d. h. viel besser als in unserem Ostrogg. Da hatten sie aber mit anderen Verbannten, die in einer anderen Stadt lebten, eine Korrespondenz angeknüpft – eine ganz unschuldige –, worauf die Vorgesetzten es für nötig befunden hatten, sie unter die scharfen Augen der höheren Vorgesetzten in unsere Festung zu schicken. Ihr dritter Kamerad war Sh. Bis zu ihrer Ankunft war M. allein im Ostrogg gewesen. Der wird nicht wenig in seinem ersten Gefängnisjahr gelitten haben.

Dieser Sh. war derselbe ewig betende Greis, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Alle unsere politischen Verbrecher waren junge Leute, einige sogar sehr jung; nur Sh. allein hatte die fünfzig bereits überschritten. Er war ein durchaus ehrlicher, aber doch etwas eigentümlicher Mensch. B. und T. mochten ihn äußerst wenig, ja sie sprachen nicht einmal mit ihm, was sie damit begründeten, daß er eigensinnig und albern sei. Ich weiß nicht, inwieweit sie in diesem Fall recht hatten. In einem Ostrogg, wo soviel Menschen gegen ihren Willen zusammengepfercht leben müssen, kann man sich, wie ich glaube, leichter entzweien und sich gegenseitig hassen, als in der Freiheit. Es kommt hier gar zu vieles noch hinzu. Freilich war Sh. in der Tat ein ziemlich stumpfer und vielleicht sogar unangenehmer Mensch. Alle seine anderen Kameraden waren gleichfalls nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen. Ich stritt mich zwar nie mit ihm, doch trat ich ihm auch nie näher. Sein Fach, die Mathematik, schien er allerdings zu kennen. Ich erinnere mich noch, wie er sich in seiner halbrussischen Sprache vergeblich bemühte, ein ganz besonderes, von ihm selbst erfundenes astronomisches System zu erklären. Die anderen Polen hatten mir aber schon gesagt, daß er es auch einmal veröffentlicht habe, von der wissenschaftlichen Welt jedoch nur ausgelacht worden sei. Eigentlich glaube ich, daß er geistig nicht ganz normal war. Er konnte tagelang ununterbrochen knieend beten, wodurch er sich unter den Sträflingen allgemeine Achtung erworben hatte, die man ihm noch bis an sein Ende zollte. Er starb an einer schweren Krankheit in unserem Lazarett – vor meinen Augen. Die Achtung der Sträflinge hatte er übrigens sogleich nach seiner Ankunft im Ostrogg erworben.

Auf dem Marsch von U. bis in unsere Festung hatte man die Sträflinge nicht rasiert, sie waren mit struppigen Bärten angekommen, so daß unser Platzmajor, als man sie ihm so vorgeführt hatte, ob solcher Mißachtung der Subordination in rasende Wut geraten war.

„Was sind das für Sträflinge?“ soll der Major sofort losgebrüllt haben, „das sind ja Landstreicher, Räuber!“

Sh., der damals noch schlecht Russisch verstand und geglaubt hatte, daß man sie frage, was sie sind, Landstreicher oder Räuber, hatte darauf geantwortet:

„Wir sind keine Landstreicher, wir sind politische Verbrecher.“

„Wa–a–as! Du wirst noch grob! Wirst noch grob?“ brüllte der Major. „Auf die Hauptwache! Hundert Rutenhiebe, sofort, unverzüglich!!“

Der Greis wurde gezüchtigt. Er streckte sich widerspruchslos hin, biß die Zähne in den Arm und ertrug die Strafe ohne einen Schrei oder ein Gestöhn, ohne sich zu rühren. B. und T. hatten inzwischen den Ostrogg betreten, wo M., der sie beim Tor erwartet hatte, ihnen sogleich um den Hals gefallen war, obschon er sie bis dahin noch niemals gesehen. Erregt durch den Empfang auf der Wache, hatten sie ihm von Sh. erzählt. Ich entsinne mich noch, wie M. mir diesen Augenblick schilderte:

„Ich war außer mir,“ sagte er, „ich wußte nicht, was mit mir geschah, ich zitterte wie im Fieber, während ich Sh. vor dem Tor erwartete. Er mußte von der Wache, wo er bestraft wurde, direkt in den Ostrogg kommen. Da öffnete sich plötzlich das Tor: Sh. trat ein und ging, bleich, mit blutleeren, bebenden Lippen, ohne den Blick zu erheben, durch die versammelte Schar der ihn erwartenden Sträflinge, die bereits erfahren hatten, daß ein Adliger gezüchtigt wurde, – er ging geradeaus in die Kaserne, ging zu seinem Pritschenplatz, kniete, ohne ein Wort zu sagen, nieder und begann zu beten. Die Sträflinge waren verwundert und sogar gerührt ... Als ich diesen Greis sah,“ fuhr M. fort, „der in der Heimat Weib und Kind zurückgelassen hatte, als ich diesen Greis im Silberhaar, schmachvoll gezüchtigt, im Gebet auf den Knien sah, – da hielt ich es nicht aus, ich stürzte hinter die Kaserne und war zwei Stunden lang wie bewußtlos, ich war wie wahnsinnig ... Die Sträflinge achten ihn seit der Zeit sogar sehr und gehen stets ehrerbietig mit ihm um. Besonders gefiel ihnen, daß er während der Züchtigung nicht geschrien hatte.“

Hier muß ich aber, um die Wahrheit nicht in ein schiefes Licht zu rücken, eine Bemerkung machen: nach diesem einen Fall darf man sich über die Behandlung der verschickten Adligen, gleichviel ob sie Russen oder Polen oder sonst wer sind, von seiten der sibirischen Vorgesetzten keine Vorstellung machen. Dieses Beispiel zeigt nur, daß man bisweilen auch auf einen schändlichen Menschen stoßen kann, und wenn nun zufällig dieser Mensch an einem Ostrogg Kommandeur ist, so wird das Leben des Verbannten, falls dieser ihm aus irgend einem Grunde nicht gewogen ist, allerdings ein entsetzliches sein. Andererseits aber läßt es sich auch nicht leugnen, daß in Sibirien die höchsten Vorgesetzten, von denen der Ton und die ganze Stimmung aller übrigen Kommandeure abhängt, bezüglich der verbannten Adligen sehr feinfühlig sind, und daß diese gewöhnlich viel nachsichtiger behandelt werden, als die anderen Sträflinge. Die Gründe hierfür sind leicht erklärlich: diese höheren Vorgesetzten sind erstens selbst Adlige, zweitens ist es schon früher oft vorgekommen, daß ein Adliger sich nicht gutwillig unter die Ruten gestreckt und sich auf die Exekutoren gestürzt hat. Und drittens – und dieses scheint der Hauptgrund zu sein – kam schon vor langer Zeit, vor etwa fünfunddreißig Jahren, eine große Anzahl Adliger nach Sibirien, und diese Verbannten hatten sich in den dreißig Jahren so zu verhalten gewußt, daß sie die Sympathie ganz Sibiriens erwarben, und daher blickte denn auch die Obrigkeit zu meiner Zeit gleichsam aus alter Gewohnheit ganz unwillkürlich mit anderen Augen auf die adligen Verbannten, als auf die Sträflinge aus den unteren Volksschichten. Nach ihrem Beispiel hatten sich auch die niedrigeren Kommandeure mit denselben Augen zu sehen gewöhnt, da sie eben Auffassung und Ton stets von oben annahmen, ihm gewissermaßen gehorchten und sich ihm unterordneten. Freilich gab es auch unter den Kommandeuren welche, die im Geheimen die höheren Verhaltungsmaßregeln bekrittelten und äußerst zufrieden gewesen wären, wenn man ihnen erlaubt hätte, nach eigenem Gutdünken zu handeln, was man denn doch nicht so ganz tat. Ich habe allen Grund, dieses anzunehmen, und zwar glaube ich es aus folgendem zu ersehen.

Die zweite Klasse der Kátorga, in der auch ich mich befand und die aus den Festungsgefangenen unter militärischem Kommando gebildet wurde, war unvergleichlich schwerer, als die beiden anderen Klassen, die dritte (die Fabrikklasse) und die erste (die Bergwerkklasse). Nicht nur für die Adligen war sie schwerer, sondern auch für alle anderen Arrestanten: eben aus dem Grunde, weil das Oberkommando und die ganze Ordnung dieser Klasse – ausschließlich militärisch und daher den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland sehr ähnlich war. Das militärische Oberkommando ist viel strenger, alles ist enger begrenzt, man ist beständig in Ketten, beständig unter Eskorte, beständig unter Schloß und Riegel. In den zwei anderen Klassen dagegen ist das alles nicht so streng. Wenigstens erzählten das unsere Sträflinge, von denen mehrere die Dinge aus eigener Erfahrung kannten. Sie wären stets mit Freuden in die erste Klasse eingetreten, die sonst für die schwerste gehalten wird, und sogar sehr oft gaben sie diesem Wunsch Ausdruck. Von den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland aber sprachen alle, die in ihnen gewesen waren, mit wahrem Entsetzen und versicherten uns, daß es in ganz Rußland keine schwerere Strafe gebe, als in diese Arrestanten-Strafkompagnien, wie sie in einigen unserer Festungen bestehen, zu kommen, und daß unser Leben in Sibirien im Vergleich mit jenem dort geradezu ein Paradies sei. Daher glaube ich mit Recht annehmen zu dürfen, daß man (wenn man bereits in unserem Ostrogg – trotz des militärischen Oberkommandos, unter den Augen des Generalgouverneurs und schließlich angesichts solcher, zuweilen vorkommender Fälle, daß einige unbeteiligte, doch immerhin offiziöse Personen aus Neid oder aus Diensteifer heimlich an Ort und Stelle zu denunzieren bereit waren – die Verbrecher besseren Standes nachsichtiger behandelt, als die gewöhnlichen) in der ersten und dritten Arrestantenklasse die Adligen noch viel milder behandelt wird und daß ich nach unserem Ostrogg auch sehr wohl über das ganze übrige Sibirien urteilen kann. Alle Gerüchte und Erzählungen, die ich über die Sträflinge der zwei anderen Klassen gehört habe, bestätigen meine Annahme. In der Tat gingen die Vorgesetzten mit uns Adligen aufmerksamer und vorsichtiger um. Erleichterungen in der Arbeit oder Vorzüge in der Verpflegung kamen natürlich nie vor: wir hatten dieselben Arbeiten, dieselben Fesseln, dieselben Ketten, – mit einem Wort, äußerlich war alles genau so wie bei den übrigen. Und es war ja auch nicht gut möglich, Erleichterungen zu verschaffen. In dieser Stadt gab es damals – in jener kaum vergangenen alten Zeit – soviel Denunziationen, soviel Intrigen, soviel einander Gruben grabende Freunde, daß es nur zu begreiflich war, wenn das Oberkommando Angaben fürchtete. Welch eine Beschuldigung wäre aber damals furchtbarer gewesen, als daß man mit den Sträflingen adliger Herkunft Nachsicht übe! So kam es denn, daß jeder Vorgesetzte solche Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir ebenso gehalten wurden, wie alle anderen, – nur die Körperstrafe bildete eine Ausnahme. Man hätte uns ohne Weiteres züchtigen können, wenn wir es verdient hätten. Das verlangte die Pflicht und die allgemeine Gleichheit der Sträflinge. Aber nichtsdestoweniger hätte man uns doch nicht so mir nichts dir nichts durchgeprügelt. Den anderen dagegen wurde eine solche Behandlung zuweilen zuteil, namentlich von seiten einiger geringeren Vorgesetzten, die mit Vorliebe aus eigener Macht Anordnungen trafen und gern sich als Bevollmächtigte wichtig taten. Wir wußten, daß unser Festungskommandant, als er den Vorfall mit dem bejahrten Sh. erfahren, sich ernstlich über den Major geärgert hatte. Man erzählte bei uns, er habe ihm anempfohlen, sich mit seinen Händen etwas mehr in acht zu nehmen. Ferner wußte man bei uns auch, daß selbst der Generalgouverneur (der sonst ziemliches Zutrauen zum Major besaß und ihm vielleicht sogar wohlgeneigt war, da er in ihm einen guten Befehlsvollstrecker und nicht unbegabten Menschen sah), nachdem ihm nun dieses eigenmächtige Verfahren zu Ohren gekommen war, gleichfalls einen Verweis erteilt hatte. Der Major schrieb sich die Lehre hinter die Ohren. Wie gern er auch zum Beispiel M. etwas angetan hätte, den er auf Grund der Verleumdungen A–ffs haßte, – so konnte er ihn doch auf keine Weise züchtigen lassen, obschon er krampfhaft einen Vorwand suchte. Von der Bestrafung Sh.s erfuhr bald die ganze Stadt, und die öffentliche Meinung wandte sich scharf gegen den Major. Viele hatten ihn zur Rede gestellt und ihm sehr unangenehme Vorwürfe gemacht. Ich entsinne mich jetzt auch wieder meiner ersten Begegnung mit dem Platzmajor. Uns, d. h. mich und noch einen anderen Adligen, der mit mir marschierte, hatte man bereits in Tobolsk vor diesem unangenehmen Menschen gewarnt. Die damals dort angesiedelten Adligen, die schon seit fünfundzwanzig Jahren in der Verbannung lebten, uns mit großer Herzlichkeit empfingen, und mit denen wir während der ganzen Zeit, die wir dort auf dem Transporthof verbrachten, in Beziehung standen, warnten uns dringlich vor unserem zukünftigen Vorgesetzten und versprachen alles zu tun, was sie nur könnten, um uns vor seinen Verfolgungen zu sichern. Und in der Tat, die drei Töchter des Generalgouverneurs, die aus Rußland hingekommen und damals beim Vater zum Besuch waren, hatten von ihnen Briefe erhalten und, wie ich glaube, zu unseren Gunsten mit dem Vater gesprochen. Aber was konnte schließlich der Generalgouverneur tun? Er hat dem Major vielleicht nur gesagt, er möge etwas rücksichtsvoller mit uns umgehen. – Ungefähr um drei Uhr nachmittags kamen wir beide in der Stadt an und die Eskorte führte uns sofort zu unserem Major. Während wir im Vorzimmer auf ihn warteten, wurde nach dem Unteroffizier in den Ostrogg geschickt. Kaum war dieser erschienen, als auch der Platzmajor heraustrat. Sein rotes, finniges und böses Gesicht machte auf uns einen äußerst unangenehmen Eindruck, – ganz als wäre eine wütende Spinne auf eine arme Fliege losgestürzt, die sich in ihrem Netz gefangen hat.

„Wie heißt du?“ fragte er meinen Kameraden. Er sprach schnell, schroff, wie gehackt und wollte augenscheinlich auf uns Eindruck machen.

Mein Freund nannte seinen Namen.

„Und du?“ fuhr er fort, zu mir gewandt. Seine Brillengläser glänzten.

Ich antwortete.

„Unteroffizier! Sofort in den Ostrogg führen, in der Wache nach Zivil rasieren, unverzüglich, den halben Kopf. Morgen andere Fesseln anschmieden. Was sind das für Mäntel? Woher habt ihr die erhalten?“ fragte er plötzlich, jetzt erst unsere grauen Kapots mit dem gelben Kreise auf dem Rücken bemerkend, die man uns in Tobolsk gegeben hatte und in denen wir vor seinen erlauchten Augen erschienen waren. – „Das ist eine neue Art! Das ist sicher eine neu eingeführte Form ... die vorläufig noch projektiert wird ... aus Petersburg ...“ sprach er halb vor sich hin, indem er zuerst mich, dann meinen Freund hin- und herdrehte. „Haben sie sonst nichts mitgebracht?“ fragte er plötzlich den Gendarmen, der mit uns gekommen war.

„Nur eigene Kleider, Euer Gnaden,“ meldete der Gendarm, der sich im Nu stramm aufgerichtet hatte, fast zusammenzuckend vor Schreck. Alle kannten den Major, oder hatten von ihm gehört, allen flößte er Furcht ein.

„Alles ihnen abnehmen. Nur die Wäsche können sie behalten, aber auch nur die weiße; bunte, falls sie welche haben, konfiszieren. Alles übrige in der Auktion verkaufen. Das Geld in die Kasse. Der Arrestant hat kein Eigentum,“ fügte er mit strengem Blick auf uns hinzu. „Nehmt euch in acht, daß ihr euch gut führt! Daß mir nichts von euch zu Ohren kommt! Sonst – kör–per–liche Züch–tigung! Für das geringste Vergehen – Hie–be! ...“

Dieser Empfang machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich an jenem ganzen Abend fast krank war. Allerdings kam auch das noch hinzu, was ich im Ostrogg sah. Aber von meinem Eintritt habe ich ja schon gesprochen.

Ich sagte vorhin, daß man uns Adligen vor den anderen Sträflingen nicht die geringste Vergünstigung oder Arbeitserleichterung gewährte oder zu gewähren wagte. Einmal aber versuchte man es dennoch: B. und ich wurden ganze drei Monate täglich als Schreiber in die Verwaltungskanzlei geschickt. Doch das geschah heimlich und war von der Militärverwaltung veranlaßt worden. Das heißt, es wußten darum freilich auch noch andere, die es gerade wissen mußten, doch taten sie, als waren sie völlig ahnungslos. Das geschah noch unter dem Kommandeur G–ff.

Dieser Oberstleutnant G–ff kam uns wie vom Himmel geschickt, blieb aber nur kurze Zeit bei uns – ein halbes Jahr, wenn ich mich nicht irre, oder noch weniger – dann kehrte er nach Rußland zurück. Er machte auf alle Sträflinge einen mächtigen Eindruck: man liebte ihn nicht nur, man vergötterte ihn förmlich. Wie er es fertigbrachte, vermag ich nicht zu sagen, aber er eroberte alle Herzen in einem Augenblick. „Ein Vater ist er uns, ein leiblicher Vater! Jetzt brauchen wir keinen anderen Vater mehr!“ sagten die Sträflinge von ihm, solange er die Militärabteilung befehligte. Ich glaube, er war ein großer Damenfreund und echter Lebemann; als Erscheinung nicht groß von Wuchs, mit dreistem, selbstbewußtem Blick. Gleichzeitig jedoch war er sehr freundlich gegen die Sträflinge, fast sogar liebevoll, und er hatte sie auch wirklich wie ein Vater gern. Weshalb er sie so liebte, weiß ich nicht, jedenfalls aber konnte er keinen Sträfling sehen oder an sich vorübergehen lassen, ohne ihm ein freundliches, ermunterndes Wort zu sagen, ohne mit ihm zu scherzen; und, was die Hauptsache war, es war dabei nicht die leiseste Spur von Vorgesetztenfreundlichkeit zu sehen, oder auch nur etwas, das ihre Ungleichheit angedeutet hätte. Er war wie der beste Freund. Doch trotz dieses instinktiven Demokratismus in ihm, hat sich kein einziger Sträfling jemals vor ihm etwas zu schulden kommen lassen, sei es durch Unehrerbietigkeit oder gar Familiarität. Im Gegenteil. Wenn der Sträfling ihm begegnete, verklärte sich nur sein ganzes Gesicht, und, die Mütze in der Hand, wartete er lächelnd, bis jener sich ihm näherte. Und wenn er nun gar mit ihm sprach – so war das ja weit mehr, als wenn ein anderer ihn reich beschenkt hätte! Es gibt zuweilen so volkstümliche Leute. Er schaute wie ein kühner Bursche drein und hatte etwas Aufrichtiges und Mutiges in seinem Gang. „Unser Adler!“ nannten ihn bisweilen die Sträflinge.

Große Arbeitserleichterungen konnte er ihnen zwar nicht gewähren: er hatte nur die allgemeinen Arbeiten zu bestimmen, die sowohl unter ihm wie unter all seinen Vorgängern und Nachfolgern immer ein und dieselben blieben, und nach der einmal gegebenen Vorschrift ausgeführt werden mußten. Nur wenn er mitunter einen Trupp bei der Arbeit antraf und sah, daß die Arbeit bereits beendet war, so schickte er sie früher als vor dem Trommelzeichen nach Hause. Vor allem gefiel sein Zutrauen zu den Leuten, das Fehlen kleinlicher Pedanterie und namentlich einiger kränkender Behandlungsformen, wie sie an manchen Vorgesetzten so unangenehm waren. Hätte er tausend Rubel verloren, und hätte ein Sträfling sie gefunden, – so würde er sie ihm unfehlbar wiedergebracht haben, und wenn er auch der größte Dieb von allen gewesen wäre. Ja, ich bin überzeugt, daß er es getan hatte. Nun kann man sich denken, wie sehr es die Sträflinge erregte, als sie eines Tages erfuhren, daß ihr „Adler-Kommandeur“ sich mit unserem verhaßten Platzmajor tödlich entzweit hatte. Das war noch im ersten Monat nach seiner Ankunft bei uns. Unser Major hatte einmal mit ihm im selben Regiment gestanden. Jetzt hatten sie nach langer Trennung als alte Freunde ihr Wiedersehen gefeiert und gehörig gezecht. Plötzlich aber waren sie aneinander geraten. Es war zu einem Streit gekommen und G–ff wurde sein Todfeind. Es hieß sogar, daß sie bei der Gelegenheit handgemein geworden wären, was bei dem Major weiter nicht erstaunlich war, da er in der Betrunkenheit sehr oft tätlich wurde. Als die Sträflinge dieses erfuhren, kannte ihre Freude keine Grenzen.

„Wie könnte wohl der Achtäugige mit einem solchen Mann in Frieden leben! Jener ist ein Adler, unser Major aber ist ...“ es folgte gewöhnlich ein Wort, das für die Wiedergabe nicht ganz geeignet ist. Geradezu fieberhaft interessierte man sich für den Ausgang der Prügelei, und ich glaube, wenn das Gerücht von dem stattgefundenen Kampfe sich als unwahr erwiesen hätte – was es vielleicht auch war –, so hätte dies den Sträflingen großen Verdruß bereitet.

„Nein, sicherlich hat der Kommandeur ihn verhauen, – er ist kleiner und gewandter, jener aber soll sich, wie man hört, aus Angst vor ihm unter das Bett verkrochen haben.“

Bald aber fuhr G–koff fort und der Ostrogg versank wieder in Trübsinn. Doch waren unsere Offiziere alle sehr sympathisch. Solange ich im Ostrogg war, erhielten wir drei- oder viermal neue Kommandeure der Militärabteilung, – „aber solch einen, wie unser Oberstleutnant G–koff war, werden wir nie wiedersehen; – der war ein Adler, ein Adler und Verteidiger!“ sagten die Sträflinge.

Dieser G–koff hatte uns Adlige sichtlich gern, und auf ihn war es auch zurückzuführen, daß man B. und mir in der Kanzlei Arbeit verschaffte. Nach seiner Abreise arbeiteten wir dort regelmäßig weiter; die Offiziere verhielten sich alle sehr sympathisch zu uns, namentlich einer von ihnen. Wir gingen täglich hin, schrieben Aktenstücke ab, unsere Handschrift verbesserte sich sogar, als plötzlich von oben der Befehl kam, uns sofort wieder zu unserer früheren Zwangsarbeit zu verwenden: es hatte jemand bereits Gelegenheit gehabt, zu denunzieren! Übrigens waren wir ganz froh darüber: diese Kanzleiarbeit war uns beiden mittlerweile entsetzlich langweilig geworden! Hierauf gingen wir etwa zwei ganze Jahre fast stets zusammen zu derselben Arbeit, größtenteils in die Werkstätte. Bei der Arbeit schwatzten wir gewöhnlich; wir sprachen von unseren Hoffnungen, Überzeugungen ... B. war ein prächtiger Mensch, nur waren seine Ansichten mitunter recht wunderlich und eigenartig. Es kommt oft vor, daß bei einer gewissen Art Menschen, sogar sehr klugen Menschen, vollkommen paradoxe Begriffe sich entwickeln, von denen sie nicht abzubringen sind. Für diese Begriffe aber hat der Mensch soviel im Leben gelitten, er hat sie so teuer erkauft, daß es ihm gar zu schmerzlich, wenn nicht fast unmöglich wäre, sich von ihnen loszureißen. B. hörte wie unter Schmerzen jeden meiner Widersprüche an und antwortete mir beißend scharf. Vielleicht war er auch mehr im Recht, als ich – ich weiß es nicht. Zum Schluß aber gingen wir auseinander, was mir sehr leid tat und sehr naheging: wir hatten schon soviel miteinander geteilt.

M. wurde mit den Jahren immer finsterer und verschlossener. Der Schmerz verzehrte ihn. Früher, in der ersten Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, war er viel mitteilsamer, seine Seele trat doch immerhin öfter und mehr hervor. Damals, als ich kam, lebte er schon das dritte Jahr im Ostrogg. Anfangs interessierte er sich für vieles von dem, was während dieser Jahre in der Welt geschehen war, und von dem er keine Ahnung hatte. Er fragte mich aus, hörte gespannt zu, regte sich auf. Mit der Zeit aber fing er an, sich gleichsam zu konzentrieren, sich in sein Innerstes zurückzuziehen. Die Kohlen bedeckten sich von selbst mit Asche, seine Verbitterung wuchs.

„Je hais ces brigands!“ sagte er oft zu mir mit haßerfülltem Blick auf die Sträflinge, die ich bereits näher kennen gelernt hatte, und alles was ich zu deren Gunsten vorbrachte, war vollkommen in den Wind gesprochen. Er begriff überhaupt nicht, was ich sprach, mitunter aber gab er mir auch zerstreut recht, doch schon am nächsten Tage sagte er dann wieder: „Je hais ces brigands.“

Mit ihm sprach ich ziemlich oft französisch, was jedoch einen der Arbeitsaufseher, den Pionier Dranischnikoff, aus unbekanntem Gedankengang veranlaßte, uns Grützköpfe und Spitzbuben zu nennen. Nur in einem Fall belebte sich M.: wenn er von seiner Mutter sprach.

„Sie ist alt ... sie ist krank,“ sagte er, „sie liebte mich mehr als alles auf der Welt, ich aber weiß hier nicht einmal, ob sie lebt oder tot ist. Wird es doch schon genug für sie gewesen sein, als sie erfahren mußte, daß ich Spießruten gelaufen bin ...“ M. war nicht adlig und so hatte man ihn vor seinem Abgang in die Verbannung körperlich bestraft. Wenn er sich dieser Bestrafung erinnerte, biß er die Zähne zusammen und blickte angestrengt zur Seite. In der letzten Zeit suchte er immer häufiger die Einsamkeit. An einem Vormittag kurz vor zwölf wurde er plötzlich zum Kommandanten unserer Festung befohlen. Dieser trat ihm mit einem heiteren Lächeln entgegen.

„Nun, M., was hat dir denn heute Nacht geträumt?“ fragte er ihn.

„Ich erschrak,“ erzählte M. später im Ostrogg, „es war mir, als hätte man mein Herz durchbohrt.“

„Daß ich einen Brief von meiner Mutter erhielt,“ antwortete er.

„Das ist noch zu wenig!“ entgegnete der Kommandant. „Du bist frei! Deine Mutter hat für dich gebeten ... ihre Bitte ist erhört worden. Hier ist ihr Brief, und hier ist auch der Entlassungsbefehl. Du wirst den Ostrogg sofort verlassen.“

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