Erster Teil (continued 4)
E. K. Rahsin translation
Eines schönen Tages verbreitete sich im Ostrogg kurz nach der Rückkunft der Arrestanten von der Nachmittagsarbeit das Gerücht, daß man einen Juden gebracht habe, ihn in der Wachstube soeben rasiere, und daß er sofort erscheinen würde. Bis dahin hatte es in unserem Ostrogg noch keinen Juden gegeben. Die Arrestanten erwarteten ihn in größter Ungeduld und umringten ihn sofort, kaum daß er durch das Tor eingetreten war. Der Unteroffizier führte ihn in die Kaserne und wies ihm einen Platz auf der Pritsche an. Im Arm hielt Issai Fomitsch einen Sack, in dem er die ihm eingehändigten Arrestantenkleider und seine eigenen Habseligkeiten untergebracht hatte. Zaghaft stellte er den Sack hin, kletterte behende auf die Pritsche, setzte sich und zog geschwind die Beine unter, ohne dabei in seiner Angst zu wagen, auch nur einmal aufzublicken. Rings um ihn standen die Arrestanten, lachten und machten ihre Witze über das Häufchen Unglück und namentlich über seine hebräischen Vorzüge. Plötzlich drängte sich durch den dichten Haufen ein junger Arrestant, mit seinen ältesten, schmutzigen und zerrissenen Sommerhosen und einem Paar alter Fußlappen unterm Arm, die zum Überfluß noch Staatseigentum waren. Er setzte sich neben Issai Fomitsch auf die Pritsche und schlug ihn auf die Schulter:
„Na, alter Freund, dich hab ich ja grad schon sechs Jahre lang erwartet. Sieh mal, hier – was gibst du dafür?“
Und er hielt ihm die mitgebrachten Lumpen hin.
Issai Fomitsch, der seit dem Eintritt in den Ostrogg dermaßen verschüchtert war, daß er nicht einmal seinen Blick bis zu diesen höhnischen, verunstalteten, entsetzlichen Gesichtern der ihn wie eine Mauer umringenden furchtbaren Gesellen zu erheben und in seiner Angst noch keinen Laut von sich zu geben gewagt hatte, – fuhr beim Anblick eines Pfandes wie neubelebt auf und begann gewandt die Lumpen zu untersuchen: er hielt sie prüfend gegen das Licht und befühlte sie geschäftig von allen Seiten. Alle warteten, was er sagen würde.
„Na, einen Rubel in Silber wirst du wohl nicht geben? Und doch sind sie ja noch mindestens soviel wert!“ fuhr der Arrestant fort und blinzelte dem Issai Fomitsch zu.
„Einen Ssilberrubel kann ich nich, aber ich werd geben sieben Kopeken.“
Das waren die ersten Worte, die Issai Fomitsch im Ostrogg gesprochen hatte. Alles wälzte sich vor Lachen.
„Sieben! Na, dann gib die sieben meinetwegen her. Hast du aber heute Glück! Sieh nur zu, daß du das Pfand gut aufbewahrst, du haftest mir mit deinem Kopf dafür!“
„Und Perzent noch drei Kopeken, macht zehn Kopeken,“ fuhr das Jüdchen mit zitternder Stimme fort, indem er die Hand in die Tasche versenkte und ängstlich nach allen Seiten lugte. Groß war seine Angst, aber noch größer war die Lust, das Geschäftchen abzuwickeln.
„Wie, für das ganze Jahr drei Kopeken Prozent?“
„Nein, nicht fir ’n ganzen Jahr, fir ’n Monat wird’s sein.“
„Du bist ein Knicker, Israel. Übrigens, wie heißt du?“
„Issai Fomitz.“
„Na, Issai Fomitsch, du wirst es bei uns noch weit bringen. Leb wohl.“
Issai Fomitsch besah noch einmal das Pfand, faltete es dann sorgfältig zusammen und schob es in seinen Sack, – unter dem anhaltenden Gelächter der übrigen.
Man hatte ihn tatsächlich gewissermaßen gern und niemand tat ihm etwas zuleide, obgleich sie ihm alle schuldeten.
Friedfertig war er wie ein Huhn, und da er die allgemeine Zuneigung zu sich sehr wohl bemerkte, schöpfte er bald Mut, tat es aber mit so einfältiger Komik, daß ihm sofort alles verziehen wurde. Lutschka, der in seinem Leben viele Juden gekannt hatte, zog ihn nicht selten auf, doch tat er es ohne jede Bosheit, einfach nur so, zur Zerstreuung, ungefähr wie man mit einem Hündchen spielt, mit einem Papagei, mit abgerichteten Tieren, oder ähnlichen Dingen, was Issai Fomitsch sehr wohl merkte, weshalb er sich auch nie gekränkt fühlte, und worauf er sogar sehr schlagfertig zu entgegnen wußte.
„Ei, Jude, sieh dich vor, ich werde dich noch durchhauen!“
„Sslägst du mir einmal, so sslag ich dir zehnmal,“ versetzte Issai Fomitsch kreuzfidel.
„Du Lausbub!“
„Meinetwegen auch e Lausbub, kann nicht schaden.“
„Grindiger Jude!“
„Warum soll mir nicht sein auch grindig? Wenn auch grindig, so doch reich! Wenn man nur Kopekens hat.“
„Hast Christus verkauft!“
„Meinetwegen. Warum auch nicht.“
„Bravo, Issai Fomitsch, du hast den Mund auf dem rechten Fleck! Laßt unseren Issai Fomitsch in Ruh, er ist unser einziger!“ schreien lachend die Arrestanten.
„Ei, Jude, wirst dir noch die Peitsche verdienen, nach Sibirien kommen.“
„Fir was, da sein mir schon.“
„Wirst noch weiter fortgeschickt werden.“
„Warum nich. Is Gott der Herr auch dort ssu Haus?“
„Zu Haus ist er dort schon ...“
„Nu, is gutt. Hat man nur Gott den Herrn und Kopekens, so wird sein iberall gutt ssu leben.“
„Bravo, Issai Fomitsch, da sieht man, daß du ein wackerer Bursch bist!“ riefen ihm die anderen lachend zu – und wenn Issai Fomitsch auch sieht, daß über ihn gelacht wird, so ist er doch mutig und stolz.
Das allgemeine Lob bereitet ihm offenbar Vergnügen und hebt seine Lebensgeister dermaßen, daß er plötzlich mit seiner dünnen Falsettstimme aus der höchsten Fistel zu singen beginnt: lä lä lä lä lä! – irgend ein verrücktes und urkomisches Motiv, das einzige Lied – ohne Worte, – das er während der ganzen Dauer seiner Kátorga gesungen hat. Als er mit mir späterhin etwas näher bekannt wurde, versicherte er mir hoch und heilig, ja er schwor sogar, daß dieses Lied jenes selbe sei, das alle sechsmalhunderttausend Juden, der kleinste wie der größte, beim Durchmarsch durch das rote Meer gesungen hätten, und daß das Gesetz jedem Israeliten befehle, dieses Lied im Augenblick des Triumphes über die besiegten Feinde mit lauter Stimme zu singen.
An jedem Freitagabend kamen viele in unsere Kaserne zum Besuch, um zu sehen, wie Issai Fomitsch betete. Issai Fomitsch war dermaßen naiv eitel und ruhmsüchtig, daß diese allgemeine Neugier ihm gleichfalls Vergnügen bereitete. Mit pedantischer und übertriebener Wichtigkeit deckte er in der Ecke sein winzig kleines Tischchen, schlug sein Gebetbuch auf, zündete zwei Talglichte an und begann dann, unter dem Gemurmel von irgendwelchen geheimnisvollen Worten, sich in sein Betgewand einzuhüllen. Das war eine Art Überwurf aus buntem Wollenstoff, den er sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte. Er versah seine beiden Hände mit Handfesseln und auf dem Kopf, mitten auf der Stirn, befestigte er mittels eines Bandes ein kleines hölzernes Kästchen, so daß es aussah, als wüchse aus der Stirn Issai Fomitschs ein sonderbares Horn hervor.
Darauf begann das Beten. Er las in singendem Ton, schrie, spie, drehte sich um seine eigene Achse, machte wilde und sehr komische Gesten. Natürlich war das alles nach dem Ritus des Gebets vorgeschrieben und es wäre auch nichts Lächerliches oder Seltsames dabei gewesen: es war nur das bewußte Spiel Issai Fomitschs, der geschmeichelt uns freudig seine Vorstellung gab, und daß er auf seinen ganzen Ritus so stolz war, was so unsäglich komisch wirkte. Entweder bedeckt er plötzlich seinen Kopf mit beiden Händen und liest wie eine Maschine; das Schluchzen wird immer stärker, bis er schließlich, wie in Schmerz vergehend, aufheulend mit dem horngeschmückten Kopf auf sein Buch niederfällt. Doch mitten in der größten Verzweiflung, im stärksten Geheul – bricht er plötzlich in frohlockendes Gelächter aus und halb singend liest er weiter mit einer in übergroßer Seligkeit gleichsam vergehenden Stimme.
„Dem geht es aber nah!“ meinten dann die Arrestanten unter sich.
Einmal fragte ich Issai Fomitsch, was dieses Schluchzen und dieser plötzliche Übergang zu Glück und Seligkeit zu bedeuten hatten. Solche Fragen von mir waren ihm äußerst angenehm und er erklärte mir sofort, daß das Weinen und Heulen den Gedanken an den Verlust Jerusalems bedeute und daß ihr Gesetz ihnen vorschreibe, bei diesem Gedanken so laut als möglich zu schluchzen und sich vor die Brust zu schlagen. Im Augenblick des größten Schmerzes aber müsse er sich gleichsam unwillkürlich und ganz plötzlich – diese Plötzlichkeit sei gleichfalls durch das Gesetz vorgeschrieben, – erinnern, daß es eine Prophezeiung von der Rückkehr aller Juden nach Jerusalem gebe. Dann müsse er sofort in Freudegeschrei, Lieder und frohlockendes Gelächter ausbrechen und die Gebete mit einer Stimme, die möglichst viel Glück, und mit einem Gesicht, das möglichst viel Feierlichkeit und Edelmut ausdrückt, weiterlesen. Dieser plötzliche Übergang und das unbedingte Muß dieses Überganges gefielen Issai Fomitsch ungeheuer: er sah darin ein ganz besonders kniffliches Kunststück und teilte mir mit auffallend selbstbewußter Miene diese außerordentliche geistliche Vorschrift seines Gesetzes mit.
Einmal aber geschah es, daß der Major mit dem Offizier du jour und seiner Begleitmannschaft genau in dem Augenblick die Kaserne betrat, als Issai Fomitschs Beteifer den Gipfelpunkt erreicht hatte. Alle Arrestanten bildeten sofort Front vor ihren Pritschen und standen unbeweglich, nur Issai Fomitsch Bummstein schrie und fuchtelte wie besessen mit den Armen. Er wußte, daß das Gebet erlaubt war und nicht unterbrochen werden durfte und daß folglich er, Issai Fomitsch, nichts zu fürchten hatte, wenn er vor dem Major auch noch so toll sich gebärdete. Und außerdem war es ihm sehr angenehm, sich in seinem ganzen Glanze dem Herrn Major und zugleich auch uns zeigen zu können. Der Major trat bis auf einen Schritt an ihn heran: Issai Fomitsch drehte seine Rückseite zum Tisch und begann dem Major ins Gesicht, fuchtelnd und halb singend, seine feierliche Prophezeiung vorzulesen. Da es nun seine Pflicht war, während dieses Teiles des Gebets möglichst viel Glückseligkeit und Stolz auszudrücken, so ließ er es sich sofort angelegen sein, das Gebet tadellos zu erfüllen: er strahlte förmlich, er blinzelte, lachte und nickte dem Major verheißungsvoll zu.
Der Major war baff – dann wunderte er sich und schließlich brach er in schallendes Gelächter aus, nannte ihn einen Esel und verließ die Kaserne, begleitet von Issai Fomitschs noch größerem Geschrei.
Nach einer Stunde, als er bereits bei seinem Abendessen saß, fragte ich ihn, was er getan hätte, wenn unser Platzmajor in seiner Dummheit über sein Gebet in Wut geraten wäre.
„Was fir ’n Platzmajor?“
„Wieso – was für einer? – Habt Ihr ihn denn nicht gesehen?“
„Nein.“
„Aber er stand ja dicht vor Euch, gerade vor Euren Augen.“
Doch Issai Fomitsch beteuerte mit dem ernstesten Gesicht, er habe unseren Platzmajor tatsächlich nicht gesehen, er gerate während des Gebets in eine solche Ekstase, daß er dann nichts mehr von dem sehe oder höre, was um ihn her vorgehe.
Als stände er vor mir, so lebhaft erinnere ich mich Issai Fomitschs, wie er Sonnabends beschäftigungslos im ganzen Ostrogg umherstrich, aus allen Kräften bemüht, nichts zu tun, wie es das Gesetz für den Sabbath vorschreibt. Welche unerhörten Geschichten erzählte er mir jedesmal, wenn er aus seinem Bethaus zurückkehrte, welche überphantastischen Gerüchte aus Petersburg teilte er mir flüsternd mit, unter der dreifachen Versicherung, er habe es von „seine Leut“ gehört und jene wiederum hätten es aus der sichersten Quelle!
Doch ich rede schon allzuviel von Issai Fomitsch.
In der ganzen Stadt gab es nur zwei öffentliche Bäder. Das erste, das ein Jude unterhielt, war in einzelne Baderäume eingeteilt und jede Nummer kostete fünfzig Kopeken, – war also nur für die besseren Stände bestimmt. Das andere dagegen war nur für das einfache Volk, eine alte, schmutzige, enge „Badestube“, – und dorthin wurden auch die Arrestanten geführt.
Der Tag war kalt und sonnig, die Arrestanten freuten sich schon darüber, daß sie einmal aus der Festung herauskommen und die Stadt sehen würden. Scherze und Lachen hörten unterwegs nicht auf. Ein ganzer Zug Soldaten begleitete uns mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, zum staunenden Entzücken der ganzen Stadt. Beim Bade angelangt, wurden wir sogleich in zwei Abteilungen getrennt: die zweite mußte solange im kalten Vorzimmer der Badestube warten, bis die erste sich gewaschen hatte, anders war es infolge des engen Raumes nicht zu machen. Doch dessen ungeachtet war die Stube noch viel zu klein, so daß man sich überhaupt nicht vorstellen konnte, wie selbst die Hälfte von uns in ihr Platz finden sollte. Aber Petroff verließ mich nicht: er half mir, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, mich zu entkleiden und erbot sich sogar, mich zu waschen. Zusammen mit Petroff erbot sich auch Bakluschin, mir behilflich zu sein. Das war jener Arrestant aus der besonderen Abteilung, der bei uns der „Pionier“ genannt wurde und dessen ich schon Erwähnung getan habe als des lustigsten und sympathischsten unter ihnen allen, der er auch wirklich war. Ich war mit ihm schon ein wenig bekannt geworden.
Petroff half mir also, mich zu entkleiden, denn ich hatte noch keine Übung darin und so ging es denn sehr langsam. In der Vorstube aber war es kalt, – fast ebenso kalt wie draußen. Ich muß hier bemerken, daß das An- und Auskleiden einem darin ungeübten Arrestanten sogar sehr schwer fällt. Erstens mußte man verstehen, die sogenannten Fußschoner schnell aufzuschnüren. Diese Fußschoner waren aus Leder gemacht, etwa zwanzig Zentimeter lang und wurden über der Wäsche getragen, und gerade unter dem breiten Eisenring, der den Fuß umfaßte. Ein Paar solcher Fußschoner kostete nicht weniger als sechzig Kopeken in Silber und dennoch schaffte sie sich ein jeder Arrestant an, natürlich aus eigenen Mitteln, denn ohne sie wäre es für ihn nicht möglich gewesen, zu gehen. Der eiserne Fußring der Fesseln umfaßt das Gelenk nicht so eng, daß eine Reibung vermieden werden könnte: zwischen dem Ring und dem Fuß kann man noch einen Finger durchschieben, folglich reibt der Ring beim Gehen, und so hätte der Arrestant ohne lederne Fußschoner schon nach einem Tage wundgeriebene Füße gehabt. Aber das Aufschnüren dieser Fußschoner ist noch nicht das schlimmste! Viel schwieriger ist es, zu lernen, die Wäsche unter den Fesseln gewandt abzustreifen. Das war ein regelrechtes Kunststück. Machte man sich an das Ausziehen der Unterbeinkleider, so mußte man zuerst das eine Hosenbein, sagen wir das linke, zwischen Fesselring und Fuß gänzlich durchziehen, nach unten, und dann, nachdem der Fuß daraus befreit war, das leere Hosenbein seitlich wieder zwischen Fesselring und Fuß nach oben zurückziehen; hierauf mußte man alles, was vom linken Fuß abgestreift war, durch den Fesselring am rechten Fuß nach unten durchziehen, und wenn dann auch der rechte Fuß vom Hosenbein befreit war, alles wieder durch denselben Ring nach oben zurückziehen. Dasselbe Verfahren galt auch für das Anziehen der Wäsche. Einem Neuling wäre es schwer gewesen, auf diese Kniffe auch nur zu verfallen. Der erste, der mir dieses Verfahren gezeigt hatte, war der Arrestant Koreneff in Tobolsk, ein ehemaliger Räuberhauptmann, der bereits fünf Jahre lang an der Wand angekettet gesessen hatte. Die Arrestanten hatten sich aber schon daran gewöhnt und entkleideten sich ohne die geringsten Schwierigkeiten.
Ich gab Petroff einige Kopeken für Seife und einen Lindenbast. Freilich wurde uns Seife auch unentgeltlich gegeben, aber davon erhielt jeder nur ein kleines Stück von der Dicke einer Käsescheibe, wie man sie wohl am Abend als Zugabe zum Tee ißt, und von der Größe eines Zweikopekenstückes. Die Seife wurde daselbst in der Vorstube verkauft, sowie Sbitenj[5], Kalatschen und heißes Wasser. Jeder Arrestant erhielt, nach der Abmachung mit dem Besitzer der Badestube, nur eine Schale heißes Wasser; wer sich aber etwas gründlicher reinwaschen wollte, der konnte für zwei Kopeken noch eine Schale kaufen, die ihm aus der Vorstube durch ein eigens dazu bestimmtes Fenster gereicht wurde.
Nachdem Petroff mich entkleidet hatte, führte er mich am Arme in die eigentliche Badestube, da es ihm nicht entgangen war, daß mir das Gehen mit den Ketten sehr schwer fiel.
„Ziehen Sie sie nach oben, auf die Waden,“ sagte er, mich stützend, ganz als wäre er meine Kinderfrau gewesen, „hier aber vorsichtig, hier ist die Schwelle.“
Offen gestanden, ich schämte mich ein wenig und wollte ihn überzeugen, daß ich auch allein gehen könne, aber er hätte es mir ja doch nicht geglaubt. Er behandelte mich buchstäblich wie ein kleines Kind oder mindestens wie einen unmündigen, unerfahrenen Knaben, dem ein jeder verpflichtet ist, zu helfen. Petroff war unter keinen Umständen ein „Diener“: hätte ich ihn beleidigt, so würde er sofort gewußt haben, wie er mich zu behandeln hatte. Auch hatte ich ihm durchaus nicht etwa Geld für seine Dienste versprochen, und erst recht hatte er keines von mir verlangt. Was aber veranlaßte ihn dann, mich so zu bemuttern?
Als wir die Tür zur eigentlichen Badestube aufmachten, glaubte ich, die Hölle vor mir zu sehen. Man stelle sich eine Stube von ungefähr zwölf Schritt Länge und gleicher Breite vor, in der vielleicht an hundert Menschen eingesperrt sind, oder doch mindestens achtzig, denn wir waren nur in zwei Abteilungen geschieden worden, im ganzen aber waren wir an zweihundert Mann ins Bad gezogen. Ein Dampf war in dem Raume, daß es einem dunkel vor den Augen ward, dazu Qualm, Schmutz und eine Enge, die keinen Fuß breit Platz zeigte, wo man hätte hintreten können. Ich erschrak und wollte zurück, doch Petroff ermutigte mich und zog mich schnell hinein. Ich weiß selbst nicht wie, aber jedenfalls mit den größten Schwierigkeiten gelangten wir endlich zu den Bänken, nachdem wir über unzählige Köpfe der auf dem Boden Sitzenden hinübergetreten waren, immer wieder mit der Bitte, sich ein wenig zu beugen, damit wir mit unseren Ketten bequemer hinüberkönnten. Auf den Bänken waren alle Plätze besetzt. Petroff erklärte mir, daß ich einen Platz kaufen müsse und trat für mich sofort in Unterhandlung mit einem, der sich am Fenster niedergelassen hatte. Der Sträfling überließ mir für eine Kopeke seinen Platz, erhielt von Petroff das Geld, – das dieser vorsorglich mitgenommen hatte und die ganze Zeit in der Hand hielt – und tauchte ohne weiteres unter die Bank, gerade unter meinen Platz, wo es dunkel und schmutzig war und eine glatte Feuchtigkeit fast einen halben Finger dick auf dem Boden lag. Doch selbst diese Plätze unter den Bänken waren alle besetzt, auch dort wimmelte es von nackten Körpern und Gliedern. Auf dem ganzen Fußboden gab es auch nicht eine Hand breit freien Platz, überall saßen gekrümmt und sich reibend die Arrestanten und begossen sich mit dem Wasser aus ihren Waschschalen. Andere standen aufrecht zwischen ihnen und wuschen sich stehend, während das schmutzige Wasser auf die halbrasierten Köpfe der am Boden Sitzenden herabfloß. Auf der Schwitzbank und auf allen Stufen, die zu ihr emporführten, saßen gekrümmt und gedrängt, fast einer auf dem anderen, sich waschende Gestalten. Genau genommen wuschen sie sich nicht allzu sehr. Die einfachen Leute waschen sich nur ein wenig mit Seife und heißem Wasser, sie lassen aber gehörig Dampf geben und schwitzen, was sie nur schwitzen können, um sich dann mit kaltem Wasser zu übergießen, – das ist ihr ganzes Bad. Wohl mit fünfzig Badequästen wurde oben auf der Schwitzbank gedroschen: alle quästeten sich bis zur Bewußtlosigkeit. Dampf wurde allaugenblicklich von neuem gegeben. Das war nicht mehr Hitze, sondern Glut. Und alles schrie dazu, gröhlte und schnatterte beim Klirren von hundert Ketten, die auf dem Boden herumgeschleift wurden ... Viele, die sich irgend wohin durchdrängen wollten, verwickelten sich in fremden Ketten oder zogen mit ihren eigenen Ketten die Köpfe der unter ihnen Sitzenden mit, stolperten, fielen, schimpften oder schleiften die anderen nach. Von allen Seiten floß schmutziges Wasser herab. Alle waren wie halbtrunken und dabei ungewöhnlich erregt: sie kreischten und schrieen, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Das Fenster, durch welches man aus dem Vorraum das Wasser hereinreichte, wurde von einem drängendem schimpfenden, sich raufenden und stoßenden Haufen belagert. Das erhaltene heiße Wasser wurde über den Köpfen der anderen früher verspritzt, bevor es an seinem Bestimmungsort ankam. Hin und wieder erschien auf eine Sekunde in der offenen Tür oder im Fenster neben einem Bajonett das schnauzbärtige Gesicht eines Unteroffiziers oder eines Soldaten, um nach der Ordnung zu sehen. Die halbrasierten Köpfe und die von der Hitze geröteten Körper erschienen mir noch entsetzlicher als sonst. Auf den gequollenen Rücken zeichneten sich jetzt deutlich die Narben der früher einmal erhaltenen Spießruten oder Stockhiebe ab, so daß alle diese dunkelrot gestreiften Rücken aufs neue wundgepeitscht aussahen. Grauenvoll waren diese Narben! Mich überlief es kalt, als ich sie sah. Wieder wird Wasser auf die glühenden Steine im heißen Ofen geworfen und wieder steigt aus der oberen Ofentür eine heiße, undurchdringliche Dampfwolke empor und erfüllt den ganzen Raum – alles schnattert und schreit. Allmählich sieht man dann wieder in der grauweißen Dampfwolke die zerhauenen Rücken, die halbrasierten Schädel, die gekrümmten Beine und Arme, und zur Vollendung des ganzen singt oben auf der höchsten Schwitzbank Issai Fomitsch aus voller Kehle. Er läßt sich bis zur Bewußtlosigkeit dämpfen, doch ist ihm, wie es scheint, keine einzige Glut heiß genug: für eine Kopeke dingt er einen Bader unter den Arrestanten, doch selbst dieser hält es schließlich nicht mehr aus: er wirft den Quast hin und läuft fort, um sich mit kaltem Wasser zu begießen. Aber Issai Fomitsch dingt einen zweiten, einen dritten Bader, – er hat beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und diesmal nicht an die Ausgaben zu denken, und überlebt noch einen vierten und fünften Bader, die es alle nicht aushalten und fortstürzen.
„Tut nichts, ein Dampfbad ist gesund, bravo, Issai Fomitsch!“ schreien ihm von weitem die Arrestanten zu. Issai Fomitsch fühlt, daß er in diesem Augenblick alle überragt, – er triumphiert und singt mit schriller, irrsinniger Stimme seine Arie: lä lä lä lä lä, die alle anderen Stimmen übertönt. Mir kam unwillkürlich der Gedanke, daß, wenn wir einmal alle zusammen irgendwo in einer Hölle sein sollten, sie dieser Badestube auffallend ähnlich sein müsse. Ich konnte es nicht unterlassen, meinen Gedanken Petroff mitzuteilen: er blickte sich nur einmal um, sagte aber nichts.
Ich wollte ihm gleichfalls einen Platz neben mir kaufen, er aber setzte sich schnell zu meinen Füßen nieder und behauptete, er habe es sehr bequem. Bakluschin kaufte und brachte uns das Wasser, sobald wir wieder welches brauchten. Petroff erklärte ohne weiteres, daß er mich vom Hacken bis zum Nacken reinwaschen würde, „so daß Sie dann ganz sauber sein werden,“ und beredete mich eifrig zu einem „Dampfbad“, was ich aber doch nicht zu versuchen wagte. Petroff seifte mich sorgfältig ein.
„Und jetzt werde ich Ihnen noch Ihre Füßchen waschen,“ erklärte er zu guterletzt. Ich wollte protestieren und sagen, meine Füße könne ich selbst waschen, aber ich sah ein, daß es besser war, ihm nicht zu widersprechen und ihm seinen Willen zu lassen. In dem Diminutiv „Füßchen“ lag übrigens nicht der leiseste Schimmer von einem Schmeichelnwollen oder von knechtischer Ergebenheit. Petroff konnte wahrscheinlich meine Füße deswegen nicht „Füße“ nennen, weil die anderen, wirklichen Menschen Füße hatten, ich aber eben nur erst Füßchen.
Nachdem er mich dann „ganz sauber“ gewaschen hatte, führte er mich unter denselben Zeremonien, d. h. indem er mich stützte und warnte und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriff – ganz als wäre ich aus Porzellan gewesen – wieder in die Vorstube zurück, und half mir wieder in die Wäsche, und erst hierauf, als er mit mir fertig geworden war, ging er eilig zurück ins Bad, um nun selbst noch zu schwitzen.
Als wir wieder im Ostrogg waren, bot ich ihm ein Glas Tee an. Er wies es nicht zurück, trank es gern und dankte mir. Da kam es mir in den Sinn, meinen Beutel aufzutun und ihm einen Viertelliter Branntwein zu spendieren. Branntwein fand sich, wie immer, in der Kaserne. Petroff war sehr zufrieden, stürzte ihn hinab, krächzte einmal, und ging, nachdem er mir gesagt, ich hätte ihn wieder neubelebt, eilig in die Küche, als könne man dort ohne ihn ganz unmöglich über irgend etwas ins reine kommen. An seiner Stelle kam darauf mein anderer Freund, Bakluschin, der „Pionier“, zu mir, den ich schon im Bade zu einem Glas Tee aufgefordert hatte.
Ich kenne keinen Charakter, der liebenswürdiger gewesen wäre, als derjenige Bakluschins. Gewiß stritt er sogar sehr oft, gab den anderen nichts nach und litt es nicht, daß man sich in seine Angelegenheiten einmischte, – kurz, er verstand es, seinen Mann zu stehen. Aber sein Streiten dauerte nie lange, nie trug er etwas nach oder hegte er Groll, und ich glaube, alle hatten ihn gern. Wohin er auch gehen mochte, überall war er gern gesehen und man freute sich über ihn. Sogar in der Stadt war er als der lustigste Mensch der Welt, der nie seinen Humor verlor, bekannt. Er war ein hochgewachsener Bursche von ungefähr dreißig Jahren, mit einem lebhaften und gutmütigen, recht hübschen Gesicht, auf dem noch eine Warze saß. Dieses Gesicht konnte er zuweilen so urkomisch verziehen, und mit ihm konnte er jeden beliebigen so nachahmen, daß die ganze Umgebung unmöglich ernst zu bleiben vermochte: man mußte lachen, ob man wollte oder nicht. Er gehörte gleichfalls zu den Spaßmachern, doch machte er unseren mürrischen Feinden des Frohsinns keine Konzession, so daß diese ihn niemals einen „leeren und unnützen“ Menschen schalten. Er war voll Feuer und Leben. Bereits in den ersten Tagen machte er sich mit mir bekannt und erzählte mir, daß er vormals Bediensteter gewesen sei, darauf als Pionier gedient habe und sogar von einigen höheren Offizieren bemerkt und gern gesehen worden sei, worauf er noch in der Erinnerung sehr stolz war. Mich begann er ohne weiteres über Petersburg auszufragen. Er hatte sogar Bücher gelesen.
Als er zu mir zum Tee kam, erheiterte er sofort die ganze Kaserne, indem er nachmachte, wie der Leutnant Sch. unseren Platzmajor am Morgen „abgeblitzt“ hatte. Hierauf setzte er sich zu mir und teilte mir höchst zufrieden mit, daß die Theatervorstellung diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach zustande kommen würde. Im Ostrogg wurde nämlich an den Festtagen Theater gespielt. Die Schauspieler wurden gewählt und allmählich auch die Dekorationen angeschafft. Aus der Stadt hatten einige versprochen, Kleider, sogar Frauenkleider für die Mimen zu verschaffen; ja man hoffte sogar, durch einen Burschen eine Offiziersuniform mit Achselschnüren zu erhalten. Wenn es nur dem Platzmajor nicht wieder einfiel, das Schauspiel zu verbieten, wie er es im vorhergehenden Jahre getan hatte! Doch damals war er gerade zum Weihnachtsfest sehr schlechter Laune gewesen: hatte im Kartenspiel verloren und außerdem hatte man sich auch im Ostrogg nicht zum besten aufgeführt – und so hatte er denn einfach verboten. Diesmal aber würde er wohl nicht die Freude verderben!? Mit einem Wort, Bakluschin befand sich in sehr angeregter Stimmung. Man sah ihm sofort an, daß er einer der Hauptbeteiligten war, und ich gab ihm mein Wort, unbedingt der Vorstellung beiwohnen zu wollen. Die kindliche Freude Bakluschins am Zustandekommen der Aufführung hatte sofort mein Herz gewonnen. Ein Wort gab das andere und wir gerieten in ein Gespräch. Unter anderem erzählte er mir auch, daß er nicht die ganze Zeit in Petersburg gedient hatte: daß er sich dort etwas habe zuschulden kommen lassen und nach R. als Unteroffizier in ein Garnisonbataillon versetzt worden sei.
„Und erst von dort wurde ich hierher geschickt,“ bemerkte er zum Schluß.
„Aber weshalb denn das?“ fragte ich.
„Weshalb? Was glauben Sie wohl, Alexander Petrowitsch, weshalb? – Einfach weil ich mich verliebt hatte!“
„Nun, deshalb wird man doch noch nicht nach Sibirien verschickt,“ entgegnete ich lachend.
„Das ist ja wahr,“ meinte Bakluschin, „aber ich hatte bei der Gelegenheit einen dort ansässigen Deutschen mit der Pistole erschossen. Aber, sagen Sie doch selbst, lohnt es sich denn, einen wegen eines Deutschen in die Kátorga zu schicken!“
„Wie ging denn das zu? Erzählen Sie doch, es interessiert mich.“
„Das war eine sehr spaßige Geschichte, Alexander Petrowitsch.“
„Um so besser. Erzählen Sie nur.“
„Soll ich wirklich? Na, dann hören Sie zu ...“
Ich vernahm eine, wenn auch nicht spaßige, so doch recht eigenartige Geschichte eines Mordes ...
„Die Sache war nämlich die ...“ hub Bakluschin an. – „Als man mich nach R. versetzt hatte, war ja alles ganz wunderschön, sehe – es ist eine schöne Stadt, groß, nur viel Deutsche waren da. Nun, ich, versteht sich, war noch ein junger Mensch, bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, gehe, die Mütze schief auf einem Ohr, zum Zeitvertreib, wie man sagt, in der Stadt spazieren. Nun, kommt einem so ein deutsches Mädchen entgegen, versteht sich, Blicke hin, Blicke her ... Da gefiel mir eine ganz besonders, Luisa hieß sie. Beide waren sie Wäscherinnen, für die feinste Wäsche, die man sich nur denken kann, sie und ihre Tante. Die Tante war schon alt, so eine richtige Harke, lebten aber dabei ganz gut. Anfangs pendelte ich nur vor den Fenstern auf und ab, dann aber schloß ich eine richtige Freundschaft mit ihr. Luisa sprach gut russisch, nur schnarrte sie ein wenig, – so ein, nun ja, herziges Ding war sie, wie ich noch keine gesehen. Nun, versteht sich, anfangs redete ich so und so, sie aber sagte mir sofort: ‚Nein, Ssascha, das sollst du nicht, denn ich will meine ganze Unschuld bewahren, um dir ein würdiges Weib zu sein,‘ und schmeichelt nur so, und lacht so hell ... Ja, so ein sauberes Geschöpfchen war sie, ich habe nie wieder so eine gesehen. Selbst beredete ich mich, sie zu heiraten. Nun, wie sollte ich denn nicht heiraten, bedenken Sie doch nur! Und so bereitete ich mich denn auch schon vor, mit meinem Heiratsgesuch zum Oberstleutnant zu gehen ... Plötzlich, was sehe ich – Luisa kommt nicht zum Stelldichein, zum zweitenmal wieder nicht, zum dritten wieder nicht ... Ich schreibe einen Brief: keine Antwort. Was soll denn das bedeuten, denke ich! Sollte sie mich betrügen wollen, so würde sie geantwortet haben und wäre auch zum Stelldichein gekommen, – mit einem Wort, sie hätte sich verstellt. Sie aber verstand nicht, zu lügen, sie hatte kurz und einfach abgebrochen. Dahinter steckt die Tante, denke ich. Zur Tante durfte ich nicht gehen; wenn sie es auch wußte, so sahen wir uns doch nur heimlich. Ich gehe wie ein Halbwahnsinniger umher – schließlich schreibe ich ihr den letzten Brief: ‚kommst du nicht, so gehe ich zur Tante.‘ Sie erschrak, kam. Weinte, sagte, ein Deutscher, Schulz, ihr entfernter Verwandter, ein Uhrmacher, ein reicher und schon bejahrter Mann, habe den Wunsch ausgesprochen, sie zu heiraten, – um mich, sagte sie, glücklich zu machen und selbst im Alter nicht ohne Frau zu bleiben; und er liebt mich auch, sagt sie, und hat schon lange die Absicht gehabt, mich zu heiraten, hat aber vorläufig noch geschwiegen und sich vorbereitet. – ‚Nun sieh, Ssascha,‘ sagt sie, ‚er ist reich und das ist doch mein Glück; willst du mir nun mein Glück nicht gönnen?‘ Ich sehe sie an: sie weint, umarmt mich ... Was, denke ich, es ist ja wahr, was sie sagt! Was hat es denn für einen Sinn, mich, einen Soldaten, zu heiraten, selbst wenn ich auch Unteroffizier bin? – ‚Nun dann, Luisa,‘ sage ich, ‚leb wohl, Gott behüt dich, warum sollte ich dein Glück zerstören? Aber wie ist er, – ist er hübsch?‘ – ‚Nein,‘ sagt sie, ‚er ist schon alt und hat eine so lange Nase ...‘ und sie lacht sogar. Ich ging. Nun was, denke ich, es ist mir nicht bestimmt. Am nächsten Morgen begab ich mich zu seinem Uhrgeschäft, sie hatte mir die Straße genannt. Ich sehe durch das Fenster hinein: da sitzt ein Deutscher, tiftelt an einer Uhr, hat reichlich seine fünfundvierzig auf dem Buckel, die Nase lang, die Augen stehen hervor, dabei sitzt er im alten Gehrock und im Stehkragen, in solch einem Vatermörder mit langen Enden, macht so eine wichtige Miene. Ich spie nur aus. Wollte ihm schon seine ganze Fensterscheibe einschlagen ... Doch wozu, denke ich, ist es verloren, so ist es verloren. In der Dämmerung kehrte ich in die Kaserne zurück, legte mich auf mein Lager hin und da, – glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, Alexander Petrowitsch – ich weinte wie ein Kind ...
„Nun, es vergeht ein Tag, noch ein Tag und noch einer. Luisa sah ich nicht mehr. Inzwischen aber erfuhr ich durch eine Gevatterin – ein altes Weib, gleichfalls Wäscherin, zu der Luisa zuweilen ging –, durch die nun erfuhr ich, daß der Deutsche um unsere Liebe wisse und aus diesem Grunde sich auch entschlossen habe, schneller anzusprechen. Sonst hätte er noch ganze zwei Jahre gewartet. Luisa aber soll er, so sagt sie, den Schwur abgenommen haben, daß sie mich nicht mehr kennen werde, und daß er sie beide, die Tante und Luisa, vorläufig noch arg unter dem Daumen halte und daß er sich vielleicht noch anders bedenken würde, also noch immer nicht ganz entschlossen sei. Zum Schluß erzählte sie mir noch, daß er sie beide zu übermorgen, zum Sonntag vormittag, zum Kaffee eingeladen habe und daß außer ihnen noch ein Verwandter zu ihm kommen würde, ein alter Mann, der früher Kaufmann gewesen, jetzt aber bettelarm sei und irgendwo in einem Kellerlager als Aufseher sein Brot verdiene. Als ich erfuhr, daß sie am Sonntag vielleicht alles beschließen würden, da packte mich die Wut, so daß ich mich kaum noch beherrschen konnte. Und an diesem ganzen Tage und auch am folgenden Tage war alles, was ich tat, daß ich beständig an diese eine Möglichkeit dachte. Ich glaube, ich hätte diesen Deutschen aufgefressen, wenn er mir nur zwischen die Zähne gekommen wäre.
„Noch am Sonntag morgen wußte ich nichts und hatte mir auch nichts vorgenommen, als aber der Frühgottesdienst beendet war und wir wieder in der Kaserne saßen, – da sprang ich plötzlich auf, ergriff meinen Mantel und begab mich zum Deutschen. Ich hoffte, sie alle bei ihm anzutreffen. Aber warum ich ging und was ich dort sagen wollte – das wußte ich selbst nicht. Doch steckte ich für alle Fälle eine Pistole in die Tasche. Es war ein altes Ding mit einem altmodischen Schloß; schon als Knabe hatte ich aus ihr geschossen. Eigentlich konnte man aus ihr überhaupt nicht mehr schießen. Aber ich lud sie trotzdem mit einer Kugel und denke noch so im stillen: wollen sie mich vor die Tür setzen oder kommen sie mir grob, so werde ich die Pistole hervorziehen und ihnen allen einen Schrecken einjagen. Ich komme also hin. In der Werkstatt ist niemand zu sehen, alle sitzen im hinteren Zimmer. Außer ihnen ist keine Seele im ganzen Hause. Von Dienstboten hatte er nur eine Deutsche, die ihm auch das Essen kochte. Ich gehe durch den Laden, sehe, die Tür ins andere Zimmer ist verschlossen, so eine alte Tür mit einer Fallklinke. Mein Herz klopft, ich warte, lausche: sie sprechen deutsch. Wie ich da einmal mit dem Fuß an die Tür schlug, sprang sie sofort auf. Was sehe ich: der Tisch ist gedeckt. Auf dem Tisch steht eine große Kaffeemaschine und der Kaffee kocht auf Spiritus. Daneben Zwieback; auf einem anderen Untersetzer eine Karaffe mit Branntwein, Hering und Wurst und dann noch eine Flasche mit irgend welchem Wein. Luisa und die Tante saßen, beide aufgeputzt, auf dem Sofa. Ihnen gegenüber auf einem Stuhl der Deutsche, der Bräutigam, im Gehrock und Vatermörder, dessen Enden wie die Hörner vorstehen. An der einen Seite des Tisches sitzt noch ein Deutscher, ein alter, dicker, schon ergrauter, und schweigt. Wie ich eintrat, war Luisa plötzlich erblaßt. Die Tante sprang auf, sank aber wieder zurück, und der Deutsche verfinsterte sich. So böse sah er aus, stand auf und trat mir entgegen.
‚Was wünschen Sie?‘ fragt er.
Ich war schon im Begriff, mich verwirren zu lassen, aber da geriet ich wieder in Wut.
‚Was ich wünsche!‘ sage ich. ‚Empfange deinen Gast, bewirte ihn mit Branntwein. Ich bin zu dir zu Gast gekommen.‘
Der Deutsche überlegte einen Augenblick.
‚Setzen Sie sich,‘ sagte er.
Ich setzte mich.
‚Gib doch,‘ sage ich, ‚Branntwein her.‘
‚Da ist Branntwein,‘ sagt er, ‚trinken Sie, wenn Sie wollen.‘
‚Gib mir guten Branntwein,‘ sage ich. Die Wut, wie man sagt, ergriff mich schon gar zu heiß.
‚Das ist guter Branntwein.‘
Es kränkte mich, daß er mich so niedrig stellte. Am meisten aber, daß Luisa alles sah. Ich trank also und darauf sagte ich:
‚Warum bist du denn so grob zu mir, Deutscher! Du solltest dich mit mir anfreunden. Ich bin in aller Freundschaft zu dir gekommen.‘
‚Ich kann nicht Ihr Freund sein,‘ sagt er, ‚Sie sind ein einfacher Soldat.‘
Nun, da geriet ich aber in Wut.
‚Du Erbsenscheuche,‘ sage ich, ‚du Wurstmacher! Weißt du auch, daß ich alles mit dir machen kann, was ich will? Wenn du willst, schieße ich dich einfach mausetot!‘
Ich zog meine Pistole hervor, stand auf und hielt ihm die Mündung direkt vor den Kopf. Jene saßen mehr tot als lebendig, wagten keinen Laut zu sagen. Der Alte, der ehemalige Kaufmann, zittert wie ein Espenblatt, schweigt, ist kreideweiß.
Der Deutsche erschrak zuerst, besann sich aber bald.
‚Ich fürchte Sie nicht,‘ sagt er, ‚und bitte Sie, als anständigen Menschen, Ihren Scherz sofort zu unterlassen, aber ich fürchte Sie nicht.‘
‚Oho,‘ sage ich, ‚du lügst, du fürchtest dich! Seht doch! Er wagt ja nicht einmal, den Kopf fortzukehren, sitzt wie angewurzelt!‘
‚Nein,‘ sagt er, ‚Sie dürfen so etwas auf keine Weise ...‘
‚So–o, warum darf ich es denn nicht?‘
‚Ganz einfach,‘ sagt er, ‚weil Ihnen so etwas strengstens verboten ist und Sie streng bestraft werden würden.‘
Der Teufel sollte klug werden aus diesem deutschen Dummkopf! Hätte er mich damals nicht selbst aufgereizt, so würde er heute noch leben. Nur der Streit war an allem schuld.
‚Also, ich darf es nicht,‘ sage ich, ‚deiner Meinung nach?‘
‚Nein!‘
‚Nicht?‘
‚Nein, das dürfen Sie in keinem Fall mit mir ...‘
‚Da hast du’s, alte Wurst!‘ und wie ich abdrücke, da fällt er auch schon vom Stuhl. Jene schrieen natürlich auf.
Ich steckte meine Pistole in die Tasche und eilte hinaus, als ich aber am Tor unserer Festung anlangte, zog ich meine Pistole wieder hervor und warf sie in die Nesseln am Grabenrand.
Ich ging in die Kaserne, legte mich auf mein Lager hin und denke: jetzt wird man sofort kommen und dich verhaften. Eine Stunde vergeht, noch eine – man kommt nicht. Und so, kurz vor der Dämmerung, da überkam mich eine solche Seelenangst; ich ging wieder hinaus; ich wollte unbedingt Luisa sehen. Ich ging wieder an dem Uhrgeschäft vorüber: viel Volks, Polizei. Ich zur Gevatterin: ‚Ruf Luisa her!‘ Ich wartete kaum einen Augenblick, da sehe ich: Luisa kommt schon herausgelaufen; sie fällt mir um den Hals und weint: ‚Ich allein bin an allem schuld,‘ sagt sie, ‚weil ich darauf gehört habe, was die Tante sagte.‘ Und sie erzählte mir, daß die Tante sofort nach Hause zurückgekehrt und vor Angst erkrankt sei, sie würde nichts verraten: selbst fürchte sie sich, etwas zu sagen und auch ihr, Luisa, habe sie verboten, irgend etwas über den Täter verlauten zu lassen: sie fürchte sich – möge man dort machen, was man will. ‚Niemand hat uns vorhin gesehen,‘ sagte Luisa. Er hätte auch seine Dienstmagd fortgeschickt, da er Angst vor ihr habe. Die würde ihm die Augen ausgekratzt haben, wenn sie erfahren hätte, daß er heiraten wolle. Von den Gesellen sei auch niemand im Hause gewesen, er habe sie alle zu entfernen gewußt. Den Kaffee habe er selbst zubereitet und eigenhändig den Tisch gedeckt. Der Verwandte aber habe schon sein ganzes Leben lang geschwiegen, und als die Sache geschehen war, habe er seine Mütze genommen und sei als erster aus der Wohnung gegangen. Und in Zukunft würde er sicherlich ebenso schweigen, sagte Luisa. So war es auch. Zwei Wochen lang kam niemand, um mich zu verhaften, und es ruhte nicht der geringste Verdacht auf mir. In diesen zwei Wochen aber, glauben Sie mir oder glauben Sie nicht, Alexander Petrowitsch, – in diesen zwei Wochen habe ich mein ganzes Glück durchlebt. Jeden Tag war ich mit Luisa zusammen und wie, wie hat sie mich geliebt! Weinte, sagte: ‚Ich werde mit dir gehen, wohin man dich auch verschicken sollte, alles werde ich für dich verlassen!‘ Ich glaubte zu vergehen, so hatte sie mich gerührt. Nun, und nach zwei Wochen kamen sie dann und nahmen mich. Der Alte und die Tante waren überein gekommen und hatten mich angezeigt.“
„Aber wie,“ unterbrach ich Bakluschin, „dafür hätte man Sie doch nur zu zehn Jahren verurteilen können, höchstens zu zwölf, und zu unserer Abteilung, Sie aber sind doch in der besonderen. Wie ist das möglich gewesen?“
„Ja, sehen Sie,“ sagte Bakluschin, „es kam noch eine andere Sache hinzu. Als man mich vor die Kriminalkommission brachte, da fing der Hauptmann an, mich vor dem ganzen Gericht mit schändlichen Worten zu schimpfen. Da hielt ich es nicht aus: ‚Was schimpfst du,‘ sagte ich, ‚siehst du denn nicht, Elender, daß du vor einem Spiegel sitzt?‘ Nun, hierauf nahm die Sache einen anderen Gang, ich kam vor ein anderes Gericht und wurde für alles zusammen verurteilt: viertausend und dann hierher in die besondere Abteilung. Als man mich aber zur Bestrafung führte, führte man auch den Hauptmann ab: mich durch die grüne Gasse, ihn aber aller Titel beraubt in den Kaukasus als einfachen Soldaten ... Auf Wiedersehen, Alexander Petrowitsch. Kommen Sie aber auch bestimmt zu unserer Aufführung.“
X. Das Weihnachtsfest
Endlich kam das Fest heran. Schon am Weihnachtstage wurde kaum mehr gearbeitet. Nur in die Schneiderstuben und in die Werkstätten wurde ein Teil der Sträflinge geschickt, die übrigen gingen wohl auch angeblich zur Arbeit, doch kamen sie alle, einzeln oder in kleinen Trupps, sehr bald wieder zurück, und nach dem Mittagessen verließ niemand mehr den Ostrogg. Auch am Morgen war man mehr in eigenen Angelegenheiten ausgezogen, als zur Zwangsarbeit: die einen um Branntwein durchzuschmuggeln und neuen zu bestellen, andere um ihre Freunde und Freundinnen zu besuchen oder das Ausstehende für früher gelieferte Arbeiten zum Feste einzutreiben; Bakluschin und die übrigen in der Ausführung mitwirkenden Schauspieler, um einige Bekannte, vornehmlich aus der Zunft der Offiziersburschen, aufzusuchen und die nötigen Kostüme zu erlangen. Einige gingen wiederum nur deshalb mit besorgter und beschäftigter Miene umher, weil auch die anderen geschäftig und in Anspruch genommen waren. Und wieder andere, die, zum Beispiel, von niemand Geld zu erwarten hatten, sahen dabei doch aus, als würden auch sie unfehlbar welches erhalten. Mit einem Wort, alles erwartete für den nächsten Tag irgend eine Veränderung, irgend etwas Ungewöhnliches. Am Abend brachten die Invaliden, die von den Arrestanten auf den Markt geschickt worden waren, eine Menge Eßbares in den Ostrogg: Rindfleisch, Spanferkel, sogar Gänse. Viele Arrestanten, selbst die genügsamsten und geizigsten, die das ganze runde Jahr hindurch jede Kopeke sparten, hielten es für ihre Pflicht, ihren Beutel aufzutun und in angemessener Weise den ersten Fleischtag nach ihrer langen Fastenzeit zu feiern. Der fünfundzwanzigste Dezember war auch für den Arrestanten ein echter rechter Feiertag, den ihm niemand nehmen konnte, da er ihm durch das Gesetz formell zuerkannt wurde. An diesem Tage durfte der Arrestant nicht zur Arbeit geschickt werden, und solcher Tage gab es im Jahr nur drei.
Und schließlich, wer weiß, wieviel Erinnerungen in den Seelen dieser Ausgestoßenen beim Herannahen dieses Tages wieder erwachten! Dem Gedächtnis des einfachen Volkes prägen sich die hohen Festtage viel schärfer ein, als demjenigen der reichen Leute. Es sind die Tage der Erholung, die Tage, an denen die ganze Familie versammelt ist. Im Ostrogg nun mußten sie sich unwillkürlich mit Qual und Sehnsucht ihrer erinnern. Die Achtung vor dem großen Festtage schien in ihnen ein gewisses Pflichtgefühl zu erwecken: nur sehr wenige waren müßig, alle waren ernst und scheinbar sehr beschäftigt, obgleich viele überhaupt nichts zu tun hatten. Doch sowohl die Müßigen als die Geschäftigen waren bemüht, eine gewisse Würde zu bewahren ... Das Lachen schien förmlich verboten zu sein. Überhaupt grenzte die Stimmung geradezu an kleinliche und reizbare Unduldsamkeit, und wer diese allgemeine Stimmung störte, wenn es auch ganz unbeabsichtigt geschah, der wurde barsch zur Ruhe verwiesen und man ärgerte sich über ihn, als hätte er den Feiertag selbst nicht geachtet. Diese Stimmung der Arrestanten war wirklich auffallend und rührend. Außer der angeborenen Hochachtung vor dem großen Tage, empfand der Ausgestoßene unbewußt, daß er durch diese Hochhaltung des Festes gewissermaßen mit der ganzen Welt dort draußen in Berührung kam, daß er folglich nicht ein gänzlich Ausgestoßener, Verlorener war, ein abgeschnittenes und fortgeworfenes Stück Leben; er sagte sich, daß auch im Ostrogg dasselbe gilt, was draußen bei den Menschen gefeiert wird. So fühlten sie alle; das sah und verstand man sofort.
Akim Akimytsch traf gleichfalls seine Vorbereitungen zum Fest. Für ihn gab es weder Familienerinnerungen, denn er war als Waisenkind bei fremden Leuten aufgewachsen und schon mit fünfzehn Jahren in schweren Dienst getreten, – noch hatte es in seinem Leben besondere Freuden gegeben, denn sein ganzes Leben hatte er regelmäßig, einförmig und in der beständigen Furcht verbracht, vielleicht doch irgendwie aus Versehen über die ihm auferlegten Verpflichtungen auch nur um Haaresbreite hinauszugehen. Er war auch nicht besonders religiös, da seine Sittsamkeit, wie es schien, alle übrigen menschlichen Gaben und Eigenheiten in ihm verschlungen hatte, alle Leidenschaften und Wünsche, sowohl die guten wie die schlechten. Infolge dessen schickte er sich an, den feierlichen Tag ohne alle Sorgen und Aufregungen zu verbringen, ohne sich von traurigen und völlig nutzlosen Erinnerungen verwirren zu lassen, sondern in ruhiger, methodischer Sittsamkeit, von der er genau soviel besaß, wieviel zur Erfüllung der Pflichten und des ein für allemal vorgeschriebenen Ritus gerade erforderlich ist. Und überhaupt war Nachdenken nicht gerade seine Liebhaberei. Die Bedeutung eines Faktums schien ihn niemals etwas anzugehen, dafür aber erfüllte er die ihm einmal vorgeschriebenen Gesetze mit heiliger Gewissenhaftigkeit. Hätte man ihm am nächsten Tage befohlen, etwas dem direkt Entgegengesetztes zu tun, was er Tags zuvor getan, – er hätte auch dieses mit ganz derselben Gehorsamkeit und Sorgfalt verrichtet, wie das andere. Einmal, nur ein einziges Mal im Leben hatte er versucht, nach seinem Verstande zu handeln und – kam dafür in die Kátorga. Die Lehre war für ihn nicht umsonst gewesen. Und wenn es ihm auch vom Schicksal nicht bestimmt war, jemals zu begreifen, worin sein Vergehen „eigentlich und im Grunde“ bestanden hatte, so zog er doch aus seinem Erlebnis die heilsame Folgerung, die er fortan zum Grundsatz erhob: niemals und unter keinen Umständen selbst zu denken, da das Denken nun einmal „nicht seine Verstandessache war“, wie die Arrestanten unter sich sagten. Blind dem Brauch ergeben, sah er sogar auf sein Spanferkel, das er – da er natürlich auch zu kochen verstand – eigenhändig mit Brei zubereitete, mit einer gewissen Hochachtung, ganz als wäre es nicht ein gewöhnliches Spanferkel gewesen, das man zu jeder Zeit kaufen und braten kann, sondern ein ganz besonderes, festtägliches. Vielleicht war er von Kindheit an gewöhnt, an diesem Tage ein gebratenes Spanferkel auf dem Tisch zu sehen, und so folgerte er, daß ein Spanferkel zum Feiertage unerläßlich sei. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß er, falls er an diesem Tage keinen Ferkelbraten gegessen hätte, sein ganzes Leben lang von Gewissensbissen wegen der unerfüllten Pflicht gemartert worden wäre. Bis zum Feiertage ging er in seiner alten Jacke und in alten Beinkleidern, die zwar tadellos gemacht, gestopft und geflickt waren, doch trotzdem recht abgetragen aussahen. Jetzt zeigte es sich, daß er den neuen Anzug, den er schon vor vier Monaten erhalten hatte, sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte, ohne ihn ein einziges Mal hervorzuholen, und sich mit schmunzelndem Gedanken vorbereitete, seine Kleider erst am Festtage zu wechseln. So tat er denn auch. Am Abend vorher holte er sie hervor, breitete sie aus, besah sie, glättete sie mit der Hand, zupfte hie und da ein Fädchen ab, beblies sie, und nachdem er das alles getan, zog er sie zur Probe an. Die Hose wie die Jacke saßen tadellos; alles war gut genäht, ließ sich bis oben zuknöpfen und der Kragen stützte wie ein Karton das Kinn; in der Taille zeigte sich noch obendrein so etwas, wie ein militärischer Schnitt. Akim Akimytsch lächelte vor Wonne und drehte sich nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein vor seinem kleinen Spiegel, den er in einer freien Stunde mit einer Bordüre von Goldpapier beklebt hatte. Nur ein einziges kleines Häkchen oben am Kragen der Jacke schien nicht ganz richtig zu sitzen. Nachdem Akim Akimytsch das eingesehen hatte, beschloß er, den Haken umzunähen: und kaum gedacht, war’s auch schon getan. Dann machte er noch einmal eine Anprobe und siehe, es war alles gut. Hierauf faltete er den ganzen Anzug kunstgerecht zusammen und bettete ihn für die Nacht vollbefriedigt wieder in seinen kleinen Kleiderkasten. Am nächsten Morgen sollte er nagelneu angezogen werden. Sein Haar war vorschriftsmäßig und vor kurzem erst rasiert: doch das Ergebnis einer längeren Untersuchung vor dem Spiegel war, daß sein Kopf ihm doch noch nicht so ganz glatt erschien, denn es waren bereits kaum sichtbare Spitzen neuer Sprößlinge zu sehen. Er begab sich daher unverzüglich zum „Major“, um sich tadellos rasieren zu lassen, obgleich es morgen niemand einfallen würde, seinen Kopf unter die Lupe zu nehmen, – einzig zur Beruhigung seines Gewissens, um in Anbetracht des hohen Festtages alle seine Pflichten erfüllt zu haben. Seine Andacht vor jedem Knopf, jeder Hakenöse, jedem Knopfloch hatte schon in der Kindheit einen Einfluß auf seinen Charakter gehabt und war seinem Verstande als unumstrittene Pflicht, seinem Herzen als letzte Schönheit erschienen, die ein anständiger Mensch nur erreichen kann. Als er endlich alles Persönliche erledigt hatte, ordnete er als Kasernenältester an, Heu hereinzubringen, und überwachte gewissenhaft, wie es auf dem Fußboden der Kaserne ausgebreitet wurde. Dasselbe geschah auch in den übrigen Kasernen. Ich weiß nicht, warum, aber zu Weihnachten wurde bei uns immer Heu auf den Fußboden gestreut. Nachdem nun Akim Akimytsch alle seine Pflichten erfüllt hatte, betete er zu Gott, legte sich auf die Pritsche hin und schlief im Augenblick den Schlaf eines unschuldigen Kindleins, um dann am nächsten Morgen möglichst früh aufzustehen. Das taten übrigens auch alle anderen. In allen Kasernen ging man viel früher zur Ruh, als es sonst üblich war. Die Abendarbeit war ganz vergessen und von Spielhöllen konnte überhaupt nicht die Rede sein. Alles erwartete den nächsten Morgen.
Endlich brach er an. Schon früh, noch vor Sonnenaufgang, wurde die Reveille getrommelt, wurde die Kaserne aufgeschlossen und der wachhabende Unteroffizier, der zum Nachzählen der Arrestanten eintrat, beglückwünschte uns zum Feste. Man wünschte ihm gleichfalls alles Gute und sagte es höflich und freundlich. Nach einem kurzen Gebet ging Akim Akimytsch, und gingen noch viele andere, die ihre Gänse und Spanferkel in der Küche hatten, eilig hinaus, um nachzusehen, was mit ihnen inzwischen geschehen war, wie sie gebraten wurden, wie es mit diesem, jenem und sonst noch etwas stand, u. a. m. Durch die kleinen, von Schnee und Eis blinden Fensterscheiben unserer Kaserne konnte man in der Dunkelheit erkennen, daß in beiden Küchen, in allen sechs Öfen, helles Feuer lohte, das schon vor Tagesanbruch angemacht worden war. Über den Hof gingen bereits die Arrestanten hin und her, alle in ihren Halbpelzen, die teils ganz angezogen, teils nur über die Schultern geworfen waren: ein jeder strebte zur Küche. Einige aber, übrigens nur sehr wenige, hatten schon die Branntweinhändler aufgesucht. Das waren die Ungeduldigsten, die niemals warten konnten. Im allgemeinen aber führten sich alle sehr anständig auf, ruhig und ganz ungewöhnlich würdig. Von den sonst üblichen Schimpfereien und Streitigkeiten war nichts zu hören und zu sehen. Alle begriffen und fühlten, daß es ein großer Tag, ein hohes Fest war. Es gab auch manche, die in die anderen Kasernen gingen, um diesen oder jenen von ihren näheren Bekannten zum Fest zu beglückwünschen. Es zeigte sich bei allen so etwas wie Freundschaft. Hier muß ich bemerken, daß man unter den Arrestanten sonst fast überhaupt nichts von Freundschaft sah – ich rede nicht von allgemeiner Kameradschaft, die war sogar in hohem Maße vorhanden, sondern von Freundschaft zwischen zwei einzelnen. So etwas gab es so gut wie überhaupt nicht. Alle waren im Verkehr miteinander trocken und hart, abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, und das war ein formell anerkannter, einmal eingeführter und angenommener Ton.
Ich trat gleichfalls aus der Kaserne hinaus, es begann kaum, kaum zu tagen, die Sterne flimmerten noch am Himmel, ein kalter, feiner Dampf erhob sich langsam von der Erde und verschwand. Aus den Küchenschornsteinen wälzte sich der Rauch in dicken Säulen. Einige mir begegnende Arrestanten beglückwünschten mich aus eigenem Antriebe freundlich zum Fest. Ich dankte ihnen und antwortete ebenso. Mit manchen von ihnen hatte ich in diesem ganzen Monat noch kein Wort gesprochen.
Wenige Schritt vor der Küche holte mich plötzlich ein Arrestant aus der Militärkaserne ein, der seinen Halbpelz sich nur über die Schultern geworfen hatte. Schon von weitem hatte er mich erblickt und über den halben Hof angerufen: „Alexander Petrowitsch! Alexander Petrowitsch!“ und er eilte mir nach zur Küche hin. Ich blieb stehen und erwartete ihn. Es war ein junger Bursche mit rundem Gesicht, mit stillem Ausdruck in den Augen, sehr wenig gesprächig: mit mir hatte er noch kein Wort gewechselt und meiner Person bis dahin überhaupt noch keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wußte nicht einmal, wie er hieß. Er kam ganz atemlos herangelaufen, blieb direkt vor mir stehen und starrte mich mit eigentümlich stumpfem, gleichzeitig aber auch seligem Lächeln an.
„Was wünscht Ihr von mir?“ fragte ich ihn nicht ganz ohne Verwunderung, als ich sah, daß er nur lächelte, stand und mich groß ansah, ein Gespräch aber nicht begann.
„Ja, wie denn, es ist doch Feiertag ...“ murmelte er verdutzt, und da er selbst gewahr wurde, daß er sonst nichts zu sagen hatte, verließ er mich und trat eiligst in die Küche. Ich will hier gleich bemerken, daß wir auch nachher nie miteinander ein Wort gewechselt haben, so lange wie ich im Ostrogg blieb.
In der Küche ging es lebhaft zu: ein ganzer Haufe drängte, stieß und quetschte sich vor den glühend heißen Backöfen. Ein jeder wollte sein Eigentum bewachen und dessen Kochprozeß beobachten. Die „Köchinnen“ schickten sich bereits an, die Herstellung der Staatskost in Angriff zu nehmen, da das Essen an diesem Tage früher angesagt war. Übrigens begann noch niemand zu essen, obgleich nicht wenige große Lust dazu verspürten, doch wahrten sie heldenmütig den Anstand. Man erwartete den Geistlichen und erst nachher sollte das Fleischessen nach der Fastenzeit beginnen.
Inzwischen begannen – noch war es kaum Tag geworden – von der Wache her die Rufe zu erschallen: „Köche her!“ – die sich im Laufe von mindestens zwei Stunden fast in jeder Minute wiederholten. Der Gefreite rief die Köche, damit sie die Spenden, die von allen Enden der Stadt dargebracht wurden, entgegennahmen. Sie bestanden in ungeheuren Mengen von Kalatschen, Broten, Käsekuchen, Pfannkuchen, süßen Broten, – kurz, in allen Sorten des Festtagsgebäcks. Ich glaube, es gab da wohl keine einzige Hausfrau in den Kaufmanns- und Bürgerkreisen, die nicht etwas aus ihrer Küche geschickt hätte, um den „Unglücklichen“ zum Feste eine Freude zu machen. Es gab viel reiche Spenden, schönes Gebäck von Butterteig, vom feinsten Mehl und in großen Mengen geschickt; es gab aber auch sehr arme Gaben – irgend ein Kalatsch zu zwei Kopeken und zwei gewöhnliche, kaum sichtbar mit Sahne bestrichene Pfannkuchen: das war eine Gabe des Armen an den Armen, vom wenigen, das er selbst besaß. Alles wurde mit gleicher Dankbarkeit entgegengenommen: nicht der geringste Unterschied wurde zwischen den Gaben und den Gebern gemacht. Die in Empfang nehmenden Arrestanten nahmen ihre Mützen ab, verbeugten sich, dankten, beglückwünschten zum Fest, und trugen dann das Geschenk in die Küche. Als sich nach einiger Zeit ganze Berge von solchen Broten angehäuft hatten, wurden die Ältesten jeder Kaserne gerufen und sie teilten dann das ganze in gleiche Teile. Es gab weder Streit noch Schelten: alles wurde ehrlich und gewissenhaft geteilt. Was unserer Kaserne zufiel, wurde dann bei uns verteilt. Akim Akimytsch und noch ein anderer Arrestant besorgten das: sie zerschnitten das Gebäck eigenhändig und reichten eigenhändig einem jeden, was ihm zukam. Nicht der geringste Einspruch wurde laut, nicht der geringste Neid machte sich bemerkbar: alle waren mit dem zufrieden, was sie erhielten; es war nicht einmal ein Schimmer von einem Verdacht zu bemerken, daß die Gaben unterschlagen oder ungerecht verteilt werden könnten.
Nachdem Akim Akimytsch seine Arbeit in der Küche beendet hatte, kleidete er sich mit allem Anstand und aller Feierlichkeit an, vergaß kein einziges noch so kleines Häkchen, und nachdem er damit fertig war, schritt er unverzüglich zum Gebet. Er betete ziemlich lange. Außer ihm beteten noch viele andere, doch waren es meistens bejahrtere Männer. Die jungen dachten kaum daran, höchstens daß einer sich beim Aufstehen flüchtig bekreuzigte. Nach dem Gebet trat Akim Akimytsch auf mich zu und beglückwünschte mich nicht ohne Feierlichkeit zum Fest. Ich lud ihn sogleich zu meinem Tee ein und er darauf mich zu seinem Ferkelbraten. Kurz darauf kam Petroff, um mir gleichfalls Glück zu wünschen. Wie mir schien, hatte er bereits ein wenig getrunken und obschon er sehr eilig gekommen war, so hatte er doch nicht viel zu sagen, sondern stand nur kurze Zeit gewissermaßen erwartungsvoll vor mir und eilte dann bald wieder in die Küche.
Inzwischen war in der Militärkaserne alles Nötige zum Empfang des Geistlichen vorbereitet worden. Diese Kaserne war nicht so eingerichtet, wie die anderen: in ihr zogen sich die Pritschen an den Wänden hin und nicht in der Mitte des Zimmers, so daß sie im ganzen Ostrogg der einzige Raum war, in dem man, falls nötig, die Arrestanten versammeln konnte. Wahrscheinlich war sie sogar gerade zu diesem Zweck so gebaut worden. In die Mitte der Kaserne hatte man einen kleinen Tisch hingestellt, mit einem reinen Handtuch bedeckt, ein Heiligenbild aufgestellt und das Lämpchen davor angezündet. Endlich kam auch der Geistliche mit einem Kreuz und dem Weihwasser. Nachdem er vor dem Heiligenbilde gebetet und gesungen hatte, stellte er sich vor die versammelten Arrestanten hin, die dann in aufrichtiger Andacht einzeln zu ihm traten und das Kreuz küßten. Hierauf ging der Geistliche in alle Kasernen und besprengte sie mit Weihwasser. In der Küche segnete und lobte er auch unser Ostroggbrot, das wegen seiner Schmackhaftigkeit in der ganzen Stadt bekannt war, und die Arrestanten beschlossen sofort, ihm zwei frische, soeben aus dem Ofen gekommene Brote zu schicken, die ohne weiteres einem Invaliden eingehändigt wurden, damit er sie in die Wohnung des Geistlichen trug. Das Kreuz wurde mit derselben Ehrfurcht begleitet, wie es zuerst empfangen worden war, und gleich darauf kamen der Platzmajor und der Kommandeur angefahren. Letzterer wurde bei uns sehr geachtet und sogar geliebt. Er durchschritt in Begleitung des Platzmajors sämtliche Kasernen und beglückwünschte uns alle zum Feste. Hierauf begab er sich auch in die Küche, wo er die Festtagskohlsuppe kostete, die diesmal vorzüglich zubereitet war: es war für jeden Sträfling ungefähr ein Pfund Rindfleisch mitgekocht worden. Außerdem gab es noch Grützbrei, zu dem man nach Herzenslust Butter hinzutun durfte. Der Platzmajor begleitete den Kommandeur zum Wagen und dann befahl er, daß mit dem Essen begonnen werde. Die Arrestanten bemühten sich, ihm nicht unter die Augen zu kommen. Man haßte bei uns seinen bösen Blick hinter den Brillengläsern hervor, mit dem er auch jetzt noch nach links und rechts ausschaute, ob er nicht irgendwo Unordnung entdecken, irgendwo einen Sündenbock finden könne.
Dann kam das Essen. Akim Akimytsch hatte sein Spanferkel vorzüglich zubereitet. Doch eines vermag ich nicht zu erklären, wie das kam: kaum war der Platzmajor fortgefahren, als sich schon sehr viel angeheitertes Volk zeigte, während noch vor kaum fünf Minuten alle nüchtern gewesen waren. Man sah überall bereits sich rötende und strahlende Gesichter, und bald waren auch Balalaiken zur Stelle. Der kleine Pole folgte schon mit seiner Geige irgend einem „Feiernden“, der ihn für den ganzen Tag gemietet hatte, und spielte und fiedelte ihm lustige Tänze vor. Die Unterhaltung wurde lauter, wurde trunken und geräuschvoll. Doch das Essen verlief noch ohne große Störungen. Alle waren satt. Viele von den Älteren und Soliden begaben sich sofort nach dem Mahl in ihre Kasernen und machten ein Schläfchen, was auch Akim Akimytsch tat, da er wahrscheinlich der Meinung war, daß man an einem Feiertage nach dem Mittag unbedingt schlafen müsse. Der altgläubige Greis aus Starodubowo kroch, nachdem er eine Zeitlang gestumpft hatte, auf den Ofen, schlug sein Buch auf und betete, so gut wie ohne jede Unterbrechung bis tief in die Nacht hinein. Es war ihm schwer, diese „Schmachhaftigkeit“, wie er sagte, mit anzusehen. Die Tscherkessen hatten sich auf die kleine Treppenstufe vor der Tür hingesetzt und blickten neugierig und doch mit einem gewissen Ekel auf das betrunkene Volk. Zufällig begegnete mir Nurra: „Jamán, jamán!“[6] sagte er kopfschüttelnd und mit ehrlichem Unwillen, „ach, jamán! Allah wird bös sein!“ Issai Fomitsch zündete eigensinnig und hochmütig seine Kerze an und machte sich an eine Arbeit, augenscheinlich in der Absicht, zu zeigen, daß er diesen Feiertag überhaupt nicht achte. Hier und da in den Ecken gab’s schon Spielhöllen. Die Invaliden fürchtete man nicht und für den Unteroffizier, der sich übrigens selbst bemühte, nichts zu bemerken, wurden Wächter aufgestellt. Der wachhabende Offizier steckte im Verlauf des Tages dreimal seine Nase in den Ostrogg, doch die Spielhöllen, und die Betrunkenen verschwanden noch eh man’s gedacht mit wundernehmender Geschwindigkeit, und auch er schien sich entschlossen zu haben, kleine Unordnungen diesmal nicht zu beachten. Zu diesen kleinen Unordnungen gehörten auch die Angeheiterten. Allmählich aber wurde man freier, berauschter, und es begannen Hader und Streit. Doch die Nüchternen waren in der Überzahl, so daß es immer noch welche gab, die die anderen bewachen konnten. Dafür aber tranken die „Feiernden“ diesmal ohne jedes Maß. Gasin triumphierte. Vor seinem Platz auf der Pritsche spazierte er hin und her, und war mit sich und mit der Welt zufrieden. Seinen Branntweinvorrat, der von ihm sonst draußen hinter den Kasernen irgendwo im Schnee verborgen gehalten wurde, hatte er dreist unter die Pritsche geschoben. Er lächelte verschlagen, wenn ein Käufer zu ihm kam. Selbst war er vollkommen nüchtern und trank keinen Tropfen. Er beabsichtigte, erst nach den Feiertagen zu schlemmen, wenn er den übrigen bereits alles aus der Tasche geholt hatte. In den Kasernen ertönten Lieder, doch die Trunkenheit wurde bei einzelnen mit der Zeit zu einer Betäubung, wie von Kohlendunst, und von den Liedern war es nicht weit bis zu den Tränen. Mehrere gingen mit selbstgefertigten Balalaiken, den Halbpelz über die Schultern geworfen, in fideler Stimmung umher und strichen gewandt und sicher mit den Fingerspitzen über die Saiten. In der „besonderen Abteilung“ hatte sich sogar ein Chor gebildet aus acht Mann, die prächtig zur Begleitung von Balalaiken und Gitarren sangen. Rein volkliche Lieder wurden wenig gesungen. Ich entsinne mich nur noch des einen munter vorgetragenen Liedes:
Als ich jung war, ging ich abends Wohl zu manchem heitren Fest ...
Und hier hörte ich auch eine neue Variante dieses Liedes, die ich früher noch nicht gekannt hatte. Zum Schluß des Liedes wurden noch einige Strophen hinzugefügt, die die Tätigkeit der jungen Frau schilderten. Gewöhnlich aber wurden bei uns die sogenannten Arrestantenlieder gesungen, die ja wohl alle bekannt sind. Nur eines von ihnen, ein humoristisches, war mir neu. Es beschrieb in heiterem Ton, wie ein Mensch früher als Herr in der Freiheit vergnügt gelebt hatte, jetzt aber im Ostrogg die Ketten schleppen mußte. Es hieß, früher habe er Champagner getrunken und Süßes gegessen, jetzt aber müsse er mit schlechter Kohlsuppe zufrieden sein,
„Und gibt man auch nur Kraut in heißem Wasser, Ich fresse alles auf mit Haut und Haar.“
Sehr beliebt war auch der bekannte Gassenhauer:
„Einstmals lebt’ ich, ein Knabe, flott und fröhlich, Und sogar ein Kapital war mein. Doch das Kapital, mein Knabe, ging zum Teufel Und ich kam in den Ostrogg hinein.“
Nur wurde bei uns nicht „Kapital“ gesagt, sondern „Kapetal“.
Auch wurden oft melancholische und ernste Lieder gesungen. Eines war ein echtes Kátorgalied, das wohl gleichfalls bekannt sein dürfte:
„Steigt die Morgenröte erst empor, Hört man schon den Trommelwirbel rufen ...“
usw. Ferner das bekannte:
„Wer aber weiß dort in der großen Welt, Wie wir hinter unsren Wänden hausen ...“
Ein anderes Lied war noch melancholischer und hatte eine wundervolle Melodie. Wahrscheinlich war das Lied von einem Arrestanten gedichtet. Ich entsinne mich nur noch einiger Strophen aus demselben:
„Nie mehr sieht mein Auge jenes Land, Das mir Heimat war. Schuldlos muß ich Qualen leiden Wohl an tausend Jahr. Auf dem Dach der Uhu schreit zur Nacht, Weithin tönt es durch den Wald. Sehnsucht will das Herz mir brechen ... Nie mehr sieht mein Auge jenes Land.“
Dieses Lied wurde oft bei uns gesungen, aber nicht im Chor. Es ging bisweilen einer zur Feierabendzeit zufällig hinaus in die Dämmerung, setzte sich auf die kleine Treppenstufe vor der Kasernentür, stützte gedankenverloren die Wange in die Hand und sang es zuerst nur leise, dann immer lauter mit hoher Stimme. Man hörte zu und das Herz fing an zu schlagen. Wir hatten gute Stimmen im Ostrogg.
Inzwischen begann es zu dunkeln. Trauer, Sehnsucht und dumpfe Gefühle blickten schwer durch die Trunkenheit und das Gejohle hindurch. Manch einer, der noch vor einer Stunde gelacht hatte, weinte bereits in irgend einer Ecke, maßlos betrunken. Andere hatten schon mehr als einmal zu raufen begonnen. Wieder andere wankten, bleich und kaum auf den Füßen sich haltend, durch die Kasernen und stifteten Streit. Manche, die der Rausch nicht händelsüchtig machte, suchten vergeblich Freunde, denen sie ihr Herz hätten ausschütten können, um bei der Gelegenheit auch ihr trunkenes Leid auszuweinen. Dieses ganze arme Volk hatte fröhlich und heiter den großen Festtag verbringen wollen – und nun, mein Gott! – wie schwer und traurig war dieser Tag fast für einen jeden. Ein jeder verbrachte ihn mit einem Gefühl, als hätte er in einer großen Hoffnung eine große Enttäuschung erfahren. Petroff kam im ganzen zweimal zu mir. Er hatte nur sehr wenig getrunken und war fast ganz nüchtern. Aber er erwartete noch bis zum letzten Augenblick irgend etwas, das seiner Meinung nach unbedingt geschehen mußte, etwas Ungewöhnliches, Festtägliches, Belustigendes. Wenn er es auch nicht aussprach, so sah man es doch deutlich seinen Augen an. Er strich unermüdlich umher, aus einer Kaserne in die andere. Doch es geschah nichts Besonderes und er fand nichts, als betrunkene Gestalten, sinnlos trunkenes Gerede, Geschimpf und im Rausch gerötete Gesichter. Ssirotkin schlenderte gleichfalls umher, sah in seinem neuen roten Hemd, reingewaschen und glatt gekämmt, allerliebst aus, ging durch alle Kasernen und schien gleichfalls, still und naiv, irgend etwas zu erwarten.
Mit der Zeit wurde es unerträglich und ekelhaft in den Kasernen. Natürlich gab es auch viel Spaßiges, aber diese armen Menschen taten mir – ich weiß nicht warum – doch alle leid, und es war mir unter ihnen schwer und traurig zumute. Dort streiten sich zwei über das Problem, wer den anderen bewirten soll. Man sieht es ihnen an, daß sie schon lange streiten und sich auch schon mehrmals deswegen entzweit haben. Der eine besonders scheint den anderen schon von früher her auf dem Kerbholz zu haben. Er klagt ihn an und bemüht sich, mit merklich steifer Zunge zu beweisen, daß jener unrecht an ihm gehandelt habe: es war irgend einmal ein Halbpelz verkauft und irgend einmal irgend welches Geld unterschlagen worden, und alles in allem war es im letzten Jahr in der Butterwoche geschehen. Außerdem hatte es noch etwas zwischen ihnen gegeben ... Kurz, es war ihm Unrecht getan worden. Der Ankläger ist ein großer, stämmiger Bursche, nicht dumm, kein Raufbold, doch wenn er betrunken ist, hat er das Verlangen, Freundschaft zu schließen und dem Freunde sein Leid zu klagen. Wohl schilt er den anderen, gleichzeitig aber sieht man es ihm doch an, daß er es nur aus dem Wunsche heraus tut, nachher noch festere Freundschaft mit dem Feinde zu schließen.
Der andere ist untersetzt und mittelgroß mit einem runden Gesicht, schlau und hinterlistig. Er hat vielleicht mehr als sein Freund getrunken, hat aber nur einen leichten Rausch. Er ist ein Mann von Charakter und gilt für reich, doch scheint es ihm aus unbekanntem Grunde diesmal vorteilhaft, seinen mitteilsamen Freund nicht zu reizen, und er führt ihn zum Branntweinhändler. Der Freund behauptet, daß jener ihn freihalten müsse, – „wenn du nur ein ehrlicher Mensch bist.“
Der Branntweinverkäufer holt mit einer gewissen Hochachtung vor dem Käufer und einem Schimmer von Verachtung für dessen mitteilsamen Freund – da dieser nicht für sein eigenes Geld trinkt, sondern freigehalten wird – seinen Branntweinschlauch hervor und schenkt ein.
„Nein, Stepka, das bist du mir schuldig,“ sagt der mitteilsame Freund, „denn sieh, das bist du mir schuldig!“
„Schwatz nicht so viel dummes Zeug! Ich werd mir deinethalben auch keine Hühneraugen an die Zunge reden!“ ist Stepkas Antwort.
„Nein, Stepka, das lügst du,“ behauptet der erste und empfängt die Branntweintasse, „denn du bist mir Geld schuldig, Gewissen hast du nicht und deine Augen gehören ja gar nicht dir, die hast du einfach gestohlen! Ein Gauner bist du, Stepka, damit du’s weißt, ein echter Gauner, das sage ich dir rund!“
„Was plärrst du, sieh, daß du den Branntwein nicht verschülperst! Tut man dir die Ehre an, dir Branntwein zu kaufen, so trink!“ schreit der „Schenkwirt“ den mitteilsamen Freund an, „oder soll ich bis morgen auf meine Tasse warten?“
„Ich ... ich trink’ doch schon, was schreist du! Prost Fest, Stepan Dorofejitsch!“ wandte er sich plötzlich, die Tasse in der Hand, höflich und mit leichter Verbeugung zu Stepka, den er noch vor einer halben Minute einen Gauner genannt hatte. „Bleib gesund auf hundert Jahr, – was du schon verlebt hast, zählt nicht mit!“ Er trank, räusperte sich und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. „Früher, Freunde, konnte ich viel Branntwein saufen, o–ohne was zu merken,“ fuhr er mit ernster Wichtigkeit fort, diesmal gleichsam an alle sich wendend, „jetzt aber ist die Zeit für mich schon vorüber. Ich danke, Stepan Dorofejitsch!“
„Keine Veranlassung.“
„Und so werde ich dir, Stepka, immer dasselbe sagen und außerdem noch, daß du vor mir als großer Gauner dastehst, das sage ich dir noch außerdem ...“
„Ich aber werde dir, besoffene Fratze, noch etwas anderes sagen,“ unterbricht ihn Stepka, den die Geduld verläßt. „Höre und behalte jedes meiner Worte: da hast du die halbe Welt, wir teilen sie uns mitten durch, dir die eine Hälfte, mir die andere. Und jetzt mach, daß du mir nicht mehr unter die Augen kommst! Hab dich satt!“
„Du gibst mir also das Geld nicht zurück?“
„Was für ein Geld willst du noch haben, du besoffene Unke?“
„Wart, in jener Welt wirst du von selber kommen, um es mir abzugeben – werd aber dann nicht nehmen! Unser Geld ist schwer verdient, an ihm sind Schweiß und Schwielen. Wirst dort noch um meinen Fünfer vor Schulden umkommen, in jener Welt, meine ich.“
„Hol dich der Teufel, fahr ab zu ihr!“
„Wohin treibst du mich, ich bin doch kein Pferd.“
„Mach, daß du fortkommst! Pack dich!“
„Gauner!“
„Zuchthäusler!“
Und das Schimpfen hub von neuem an, diesmal noch stärker als vor der spendierten Tasse Branntwein.
Dort sitzen auf der Pritsche ganz abgesondert zwei Freunde: der eine groß, stark, fleischig, dick, so ein echter Fleischer mit rotem Gesicht: er ist den Tränen nahe, denn er ist sehr gerührt. Der andere ein schwächliches, hageres, mageres Kerlchen mit einer langen, spitzen Nase, an der beständig ein Tropfen hängt und manchmal auch niederfällt, mit kleinen Schweinsaugen, die zu Boden blicken. Das ist ein aufgeklärter und gebildeter Mensch, der einmal Schreiber gewesen ist und seinen Freund ein wenig von obenherab behandelt, was diesem im geheimen sehr unangenehm ist. Sie haben den ganzen Tag zusammen getrunken.
„Er hat sich unterstanden!“ schreit der fleischige Freund und schüttelt kräftig den Schreiber, den er mit der linken Tatze um die Schultern gefaßt hat, sodaß dessen Kopf lose hin und her pendelt. „Er hat sich unterstanden“ bedeutet „Er hat mich geschlagen“. Der fleischige Freund, der selbst ehemaliger Unteroffizier ist, beneidet im Geheimen mächtig seinen hageren Freund um dessen Bildung, und so geben sie sich beide große Mühe, nur in gewähltem Stil zu einander zu reden.
„Ich aber sage dir, daß du im Unrecht bist,“ beginnt dogmatisch der Schreiber, der hartnäckig seine Augen nicht zum anderen erhebt und wichtig fortfährt, den Boden zu fixieren.
„Er hat sich unterstanden! – hörst du, was ich sage!“ unterbricht ihn der Dicke und schüttelt seinen lieben Freund noch heftiger. „Du allein bist mir jetzt noch in der ganzen Welt geblieben – hörst du, was ich sage! Darum sage ich dir das eine: er hat sich unterstanden! ...“
„Und ich sage dir wiederum: eine so saure Rechtfertigung, teurer Freund, macht deinem Gehirn nur Schande,“ entgegnet mit dünnem und geschütteltem Stimmchen der Schreiber, „also gib lieber zu, teurer Freund, daß diese ganze Trunkenheit nur eine Folge deiner Unbeständigkeit ist.“
Der Oberkörper des teuren Freundes wankt etwas zurück, stumpf blickt er mit seinen betrunkenen Augen auf das zufriedene Schreiberlein, und plötzlich, ganz unerwartet, knallt er ihm aus aller Kraft mit seiner riesigen Tatze eine schallende Ohrfeige auf die kleine Backe. Und damit hat ihre Freundschaft für diesen Tag aufgehört. Der liebe Freund fliegt besinnungslos unter die Pritschen ...
Da tritt in unsere Kaserne einer meiner Bekannten aus der besonderen Abteilung ein – ein unendlich gutmütiger und lustiger Bursch, nicht gerade dumm, unverletzend spottlustig und von Ansehen ungemein gewöhnlich. Es ist derselbe, der am ersten Tage nach meiner Ankunft in der Küche den „reichen Mann“ gesucht und schließlich von mir ein Glas Tee angenommen hatte. Er ist vierzig Jahre alt, hat eine ungewöhnlich dicke Unterlippe und eine fleischige Nase, die mit Hitzbläschen und Finnen übersät ist. Er hat eine Balalaika, auf der er nachlässig mit den Fingern hin und wieder ein paar Töne spielt. Ihm folgt, als wäre er am Schlepptau, ein kleiner Arrestant mit einem großen Kopf, den ich bis dahin nur flüchtig gekannt hatte. Ihm wurde übrigens auch von niemand besondere Beachtung geschenkt. Er war etwas absonderlich, mißtrauisch, ewig schweigsam und sehr ernst. Er arbeitete in der Schneiderstube und war sichtlich bemüht, als Sonderling zu leben und niemandem näherzutreten. Jetzt aber, in der Trunkenheit, hatte er sich wie ein Schatten an Warlamoff geheftet. Er folgte ihm in unglaublicher Erregung, fuchtelte mit den Armen, schlug mit der Faust an die Wand, auf die Pritsche, und es fehlte nicht viel, so hätte er geweint. Warlamoff schenkte ihm, wie es wohl scheinen konnte, nicht die geringste Beachtung, als wäre er überhaupt nicht dagewesen. Bemerkenswert ist ferner, daß diese zwei früher so gut wie nie miteinander in Berührung gekommen waren. Sie hatten weder in der Beschäftigung noch im Charakter etwas Gemeinsames. Sie gehörten sogar verschiedenen Abteilungen an und wohnten in verschiedenen Kasernen. Der Kleine mit dem großen Kopf hieß Bulkin.
Als Warlamoff mich erblickte, lächelte er übers ganze Gesicht. Ich saß auf meinem Pritschenplatz am Ofen. Er blieb nicht weit von der Tür stehen, schien etwas zu überlegen, wankte dann und kam mit ungleichmäßigen Schritten auf mich zu, um sich breitbeinig und eigenartig keck mit seinem schweren Körper vor mir aufzupflanzen. Nach einem leichten Schlag über die Saiten begann er ein Rezitativ, zu dem er kaum merklich mit der Stiefelspitze den Takt schlug:
„Blondlockig, rotwangig, Singt wie die Nachtigall Meine Herzliebste: Ist in dem prachtvoll Bestickten Atlaskleid Die Allerschönste.“
Dieses Lied machte auf Bulkin, wie es schien, einen solchen Eindruck, daß er außer sich geriet: er fuchtelte mit den Armen und schrie uns allen zu:
„Alles lügt er, Brüder, alles lügt er! Nicht ein Wort kann er in Wahrheit sagen, alles lügt er!“
„Dem alten Alexander Petrowitsch!“ grüßte Warlamoff, mit verschmitztem Lächeln, mir in die Augen blickend, und womöglich geneigt, mich abzuküssen. Er hatte einen guten Rausch. Der Ausdruck „dem Alten“ – d. h. „dem Alten so und so mein Gruß“ – wird in ganz Sibirien von dem einfachen Volke gebraucht, selbst einem Zwanzigjährigen gegenüber. Das Wort „der Alte“ hat etwas Ehrwürdiges, Ehrfürchtiges, sogar Schmeichelhaftes.
„Nun, Warlamoff, wie geht’s?“
„Immer von einem Tage zum andern. Aber wer sich über den Feiertag freut, der ist seit dem Morgen berauscht. Ihr müßt mich schon entschuldigen!“ Warlamoff sprach ein wenig gedehnt.
„Und immer, immer muß er wieder lügen!“ schrie Bulkin und hämmerte geradezu verzweifelt mit der Hand auf die Pritschen. Warlamoff aber schien sich geschworen zu haben, dem anderen nicht die geringste Beachtung zu schenken, und darin lag eine unbeschreibliche Komik, denn Bulkin hatte sich dem Warlamoff seit dem Morgen ohne jede Veranlassung angehängt, – vielleicht, weil Warlamoff „alles lügt“, wie es ihm plötzlich aus irgend einem Grunde schien. Er folgte ihm wie ein Schatten, fiel über jedes seiner Worte her, rang die Hände, hämmerte sie an den Wänden und Pritschen fast blutig und litt, litt aufrichtig unter der Überzeugung, daß Warlamoff „alles lügt“! Hätte er Haare auf dem Kopf gehabt, ich glaube, er hätte sie sich ausgerauft vor lauter Verzweiflung. Es war, als hätte er es auf sich genommen, für jedes Wort Warlamoffs zu verantworten, als lägen alle Mängel Warlamoffs auf seinem Gewissen. Und zu alledem kam noch, daß jener ihn nicht einmal ansah! Das war entschieden zu viel.
„Alles lügt er, alles lügt er, alles lügt er! Kein einziges Wort ist wahr, alles lügt er!“ schrie Bulkin.
„Was geht denn dich das an?“ fragten lachend die anderen.
„Ich werde Euch, Alexander Petrowitsch, gehorsamst vermelden, daß ich von mir aus einmal sehr hübsch war und die Mädels mich sehr geliebt haben ...“ begann plötzlich Warlamoff, ohne jede Veranlassung zu diesem Bekenntnis.
„Er lügt! Lügt schon wieder!“ schreit Bulkin in heller Verzweiflung.
Alles lacht.
„Ich aber mache mich rar. Habe ein rotes Hemd und weite Pluderhosen; liege lang ausgestreckt wie so ’n Graf Butylkin, das heißt, voll wie ein Schwede, mit einem Wort – was will man mehr!“
„Er lügt!“ bestätigte Bulkin überzeugt.
„Dazumal aber besaß ich noch ein zweistöckiges Haus von meinem Vater, ein steinernes. Na ja, in zwei Jahren war ich mit zwei Stockwerken fertig, es blieb mir nur noch das Hoftor, die Pfosten abgerechnet. Was, Geld! Geld ist wie – Tauben: es kommt angeflogen und fliegt wieder weg! Wisch noch den Mund ab, wenn du willst.“
„Er lügt!“ bestätigte Bulkin noch beharrlicher.
„Und so schickte ich denn neulich meinen Anverwandten von hier aus einen Tränenbrief: was kann man wissen, vielleicht schicken sie mir etwas. Sie sagten zwar immer, ich sei gegen meine Eltern gewesen, unehrerbietig, sozusagen. Jetzt werden es schon sieben Jahre her sein, als ich schickte.“
„Wie, und noch keine Antwort erhalten?“ fragte ich lachend.
„Na ja, selbstverständlich keine!“ antwortete er und lachte dann selbst mit, näherte aber seine Nase immer mehr meinem Gesicht. „Aber dafür habe ich hier, Alexander Petrowitsch, eine Geliebte ...“
„Ihr? Eine Geliebte?“
„Onufrijeff sagte mir noch vorhin, mag die Meine auch pockennarbig sein, so hat sie doch viel Kleider, deine aber ist wohl hübsch, dafür aber bettelarm, geht wie eine Maus im Sack.“
„Ist denn das wahr?“
„Wahrhaftig bettelarm!“ beteuerte er und brach in lautloses Lachen aus. Die anderen lachten gleichfalls. Alle wußten, daß er tatsächlich mit einer ganz Armen angebändelt und ihr in einem halben Jahre nur zehn Kopeken gegeben hatte.
„Nun und was weiter?“ fragte ich mit dem Wunsch, ihn loszuwerden.
Er schwieg, blickte mich gerührt an und sagte schließlich geradezu zärtlich:
„Würdet Ihr mich denn nicht im Hinblick auf diese Tatsache mit einem Viertelliter Branntwein beglücken? Ich habe doch, glaubt mir, Alexander Petrowitsch, heut den ganzen Tag nur Tee und immer wieder Tee gesoffen,“ fügte er melancholisch hinzu, indem er das Geld empfing, „und davon bin ich jetzt so voll, daß ich gar nicht mehr atmen kann, und im Magen schaukelt’s, wie in einer Flasche ...“
Während er nun das Geld nahm, erreichte die sittliche Entrüstung Bulkins ihre letzte Grenze. Er gestikulierte wie ein Verzweifelter und war dem Weinen beängstigend nahe.
„Kinder Gottes!“ schrie er wie wahnsinnig, sich an alle wendend, „seht ihn an! Alles lügt er! Was er auch sagt, alles, alles, alles, aber auch alles lügt er!“
„Aber was geht denn dich das an?“ rufen ihm die Arrestanten von allen Seiten zu, erstaunt über seinen Eifer. „Dummer Kerl!“
„Ich lasse nich lügen!“ schreit Bulkin mit blitzenden Augen und schlägt aus aller Kraft mit der Faust auf die Pritschen, – „ich will nicht, daß er lügt!“
Alles lacht. Warlamoff nimmt das Geld, dankt, verbeugt sich vor mir und verläßt darauf die Kaserne, selbstverständlich um zu einem Branntweinverkäufer zu gehen. Und da erst scheint er Bulkin zu bemerken.
„Na, gehen wir!“ sagt er zu ihm, auf der Schwelle stehen bleibend, ganz als hätte er jenen wirklich zu irgend etwas nötig. „So’n Stockknopf!“ fügt er hinzu, während er mit verächtlicher Miene den betrübten Bulkin zuerst über die Schwelle treten läßt und von neuem anfängt, auf der Balalaika zu spielen.
Doch wozu soll ich noch weiter dieses Treiben schildern! Endlich ist dieser bedrückende Tag zu Ende. Schwer schlafen sie alle auf den Pritschen ein. Im Traum sprechen und phantasieren sie noch mehr als sonst. Hier und da sitzen noch ein paar Kartenspieler. Der langersehnte Tag ist vorüber. Morgen beginnt wieder das alte Leben, wieder die alte Arbeit.
XI. Die Theateraufführung
Am dritten Tage des Weihnachtsfestes kam endlich auch die erwartete Aufführung auf unserem Theater zustande. Der Vorbereitungen hatte es wahrscheinlich eine Unmenge gegeben, doch die Schauspieler hatten alles auf sich genommen, so daß wir übrigen nicht einmal wußten, wie die Sache stand, was getan wurde, ja nicht einmal genau, was denn eigentlich aufgeführt werden würde. Die Spieler hatten sich in all den drei Tagen beim Hinausgehen zur Arbeit redlich bemüht, möglichst viel Kleider zu verschaffen. Wenn Bakluschin mir begegnete, so schnippte er nur mit den Fingern vor lauter Vergnügen. Wie es schien, war auch der Platzmajor bei guter Laune. Übrigens konnten wir auf keine Weise in Erfahrung bringen, ob er etwas von dem Theater wußte, und falls er wußte, ob er es dann formell erlaubt oder sich nur entschlossen hatte, zu schweigen – gleichsam über den tollen Einfall der Zwangsarbeiter mit der Hand abwinkend, als wollte er sagen: tut was ihr wollt! – bloß mit dem Nachsatz, daß keine Unordnung geschehen dürfe. Doch wie gesagt, darüber wußten wir nichts Genaues. Ich aber glaube, daß er um das Theater sehr wohl wußte, denn wie hätte er es nicht wissen sollen? Nur wollte er sich nicht einmischen, da er wohl einsah, daß ein Verbot schlimmer sein würde: die Sträflinge würden sich rächen, trinken, raufen, so daß es weit besser war, sie beschäftigten sich mit irgend etwas. Übrigens setze ich diese Auffassung der Sache bei dem Platzmajor nur deshalb voraus, weil sie die natürlichste, richtigste und vernünftigste ist. Ja, man kann sogar sagen: hätten die Arrestanten sich in den Festtagen kein Theater oder irgend eine Zerstreuung ausgedacht, so wäre es die Pflicht der Vorgesetzten gewesen, etwas derartiges für sie zu ersinnen. Da aber unser Platzmajor sich durch eine in allen Dingen vollkommen umgekehrte Denkweise von der übrigen Menschheit unterschied, so ist es sehr unklug von mir, daß ich eine so große Verantwortung auf mich lade: so ohne jede Handhabe anzunehmen, daß er um das Theater wußte. Ein Mensch wie unser Major mußte unbedingt jemand unterdrücken, irgend etwas fortnehmen, irgendwen eines Rechtes berauben, mit einem Wort – irgendwo den Frieden stören. In dieser Beziehung war er in der ganzen Stadt bekannt. Was ging es ihn an, daß es gerade infolge seiner Unterdrückungen zu Ungezogenheiten im Ostrogg kam! Für Ungezogenheiten sind die Bestrafungen da, denken Leute wie unser Major, und bei solchen Spitzbuben von Arrestanten ist Strenge und buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes alles, was nötig ist!
Diese beschränkten Vollstrecker des Gesetzes begreifen tatsächlich nicht, und sind auch überhaupt nicht fähig, zu begreifen, daß allein die buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes ohne Sinn, ohne Verständnis seines Geistes, der geradeste Weg zu Unordnung und Empörung ist und auch noch niemals zu anderem geführt hat.
„Es steht im Gesetz, was will man noch mehr?“ denken und sagen sie, und sind aufrichtig erstaunt darüber, daß man von ihnen noch als Zugabe zu den Gesetzen gesunden Verstand und einen nüchternen Kopf verlangt. Letzteres erscheint vielen von ihnen als völlig überflüssiger und empörender Luxus, als Unterdrückung ihrer Persönlichkeit und als Intoleranz.
Doch wie dem auch war, jedenfalls erhob der älteste Unteroffizier keinen Einspruch, und das war schließlich alles, was die Arrestanten brauchten. Ich behaupte dreist, daß das Theater und die Dankbarkeit für die Erlaubnis desselben der einzige Grund waren, warum während der Festtage keine einzige ernste Unordnung im Ostrogg vorkam, kein einziger böser Streit, kein einziger Diebstahl. Ich war selbst Zeuge, wie Streitende oder Betrunkene von den anderen auseinander gebracht und ernüchtert wurden, einzig mit der Drohung, daß sonst das Theater verboten werden würde. Der Unteroffizier nahm den Arrestanten das Wort ab, daß alles der Ordnung gemäß sein werde und sie sich in dieser Zeit tadellos aufführen würden. Freudig wurde es versprochen und gewissenhaft das Wort gehalten. Auch schmeichelte es ihnen sehr, daß man ihrem Worte glaubte. Übrigens kostete ja die Erlaubnis zur Theateraufführung den Vorgesetzten keinerlei Opfer. Die ganze Bühne wurde in kaum fünfzehn Minuten aufgebaut und nach der Vorstellung wieder beseitigt, so daß weder ein besonderer Raum abgegrenzt, noch ein Teil einer Kaserne beständig in Anspruch genommen war; die Aufführung dauerte nur anderthalb Stunden. Und selbst wenn plötzlich von oben der Befehl gekommen wäre, die Aufführung abzubrechen, – so wäre alles im Augenblick beseitigt gewesen. Die Kostüme wurden in den verschließbaren Kästen der Arrestanten aufbewahrt. Doch bevor ich mit der Schilderung des Theaters beginne, will ich noch einiges über das Programm der Aufführung sagen.
Einen richtigen, geschriebenen Theaterzettel gab es nicht. Erst zur zweiten oder dritten Aufführung erschien ein einziger, den Bakluschin für die Herren Offiziere und die hohen Gäste, die unser Theater mit ihrem Besuch beehrten, eigenhändig geschrieben hatte. Diese hohen Gäste waren folgende: gewöhnlich der wachhabende Offizier, und einmal erschien sogar der Offizier du jour, der die wachhabenden kontrollierte, und einmal auch ein Verwaltungsbeamter. Für diese Herren nun war der schöne Theaterzettel geschrieben worden. Man setzte voraus, daß der Ruhm des Theaters weit über die Festung hinaus, sogar in der ganzen Stadt seine Verbreitung finden würde, umsomehr, als es dort kein Theater gab. Es hieß nur, daß Liebhaber sich zu einer einzigen Aufführung zusammengetan hätten, aber das war auch alles.
Die Arrestanten freuten sich wie Kinder über den geringsten Erfolg, und waren sehr stolz auf ihn.
„Wer kann denn wissen,“ dachten und sagten sie, „vielleicht wird es auch die höchste Obrigkeit erfahren, herkommen und sehen, was wir eigentlich sind! Das ist keine gewöhnliche Soldatenvorstellung mit Vogelscheuchen, schwimmenden Kähnen, gehenden Bären und Ziegen! Hier sind es immer Schauspieler, richtige Schauspieler, die herrschaftliche Komödie spielen! Ein solches Theater gibt es ja in der ganzen Stadt nicht! Bei dem General Abrossimoff soll einmal, sagt man, eine Theateraufführung gewesen sein, und es soll dort noch einmal gespielt werden. Nun, in den Kostümen werden sie uns vielleicht schlagen, aber im Gespräch da sind wir ihnen weit über! Es wird noch bis zum Gouverneur dringen und – wer weiß – womit spaßt der Teufel nicht? – vielleicht bekommt er selber Lust, zuzusehen? In der Stadt gibt es kein Theater ...“
Kurz, die Phantasie der Arrestanten kannte während der Festtage, und besonders nach dem ersten Erfolge, keine Grenzen, ja sie verstieg sich sogar bis zu Belohnungen und zur Verminderung der Strafzeit, wenn die Sträflinge auch im selben Augenblick gutmütig über sich selbst lachten. Mit einem Wort, sie waren wie Kinder, wie die richtigen Kinder, obgleich einige dieser Kinder schon vierzig Jahre zählten. Doch ungeachtet dessen, daß es keine Theaterzettel gab, kannte ich bereits, wenigstens in den Hauptzügen, die ganze Zusammenstellung der Aufführung.
Das erste Stück hieß: „Filatka und Miroschka, die Nebenbuhler“. Bakluschin hatte mir schon vor einer Woche stolz mitgeteilt, daß der Filatka, dessen Rolle er selbst übernommen hatte, so gespielt werden würde, wie man es nicht einmal im Sankt Petersburger kaiserlichen Theater besser sehen könne. Er ging von einer Kaserne zur anderen, rühmte sich unbarmherzig und unverschämt, gleichzeitig aber auch vollkommen gutmütig, bis er plötzlich etwas „thieatralisches“ zum Besten gab, d. h. ein paar Sätze aus der eigenen Rolle, und alle lachten – gleichviel ob es zum Lachen war oder nicht, was er gesagt hatte. Doch muß ich bemerken, daß die Sträflinge sich auch hierin zu beherrschen und ihre Würde zu wahren wußten: die Erzählungen Bakluschins und seine Schilderungen der bevorstehenden Aufführung entzückten nur die Jüngsten, die sogenannten Grünschnäbel, die noch keine Selbstbeherrschung kannten, oder nur die bedeutendsten Persönlichkeiten, deren Autorität bereits so unerschütterlich war, daß sie weiter nichts zu fürchten brauchten, wenn sie ihren Gefühlen, gleichviel welchen, und wären es auch die naivsten – d. h. nach Ostroggbegriffen die unanständigsten – freien Ausdruck gewährten. Die übrigen aber hörten den Schwätzereien schweigend zu. Freilich verboten sie dem Schwätzer weder das Wort noch tadelten sie ihn, aber sie bemühten sich aus allen Kräften, sich möglichst gleichgültig und teilweise sogar hochmütig diesen Berichten gegenüber zu verhalten. Erst am letzten Tage wurde das Interesse allgemein: „Wie wird es denn sein? Was machen die Unsrigen? Was sagt der Major? Wird es auch ebenso gelingen, wie vor zwei Jahren?“ usw. Bakluschin versicherte mir, daß die Rollen vorzüglich verteilt seien, ein jeder sei „wie geboren“ zu der seinen. Ferner, daß sie sogar einen Vorhang hätten und daß die Braut Filatkas von Ssirotkin dargestellt werden würde – „und wie der in Weiberkleidern aussieht! – na, Sie werden ja mit eigenen Augen sehen!“ meinte er stolz und schnalzte vor Vergnügen. Die wohltätige Gutsbesitzerin sollte in einem Falbelkleide und einer Pelerine und einem Sonnenschirm erscheinen, und der wohltätige Gutsbesitzer in einem Offiziersrock mit Achselschnüren und einem Rohrstock.
Darauf folgte das zweite Stück, und zwar ein dramatisches: „Kedrill der Vielfraß“. Dieser Titel erweckte sogleich mein Interesse, aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich konnte doch nichts Genaues über das Stück erfahren. Man wußte nur, daß es nicht aus einem Buche stamme, sondern aus einer Abschrift, und erhalten hatte man es von einem ehemaligen Unteroffizier aus der Vorstadt, der vielleicht selbst einmal an einer Soldatenaufführung dieses Stückes teilgenommen hatte. Bei uns in Rußland haben sich in entlegenen Städten und Gouvernements tatsächlich noch alte Theaterstücke erhalten, die, wie es scheint, keinem einzigen Literaten bekannt und vielleicht kein einziges Mal gedruckt worden sind, die ganz von selbst aufgetaucht zu sein scheinen, Dichtungen, die den Grundstock eines jeden „Volkstheaters“ darstellen. Es wäre wohl sehr, sehr zu wünschen, daß jemand von unseren Forschern und Sammlern sich mit etwas gründlicheren Nachforschungen abgeben würde, als sie bis jetzt unserem Volkstheater gewidmet worden sind. Denn ein Volkstheater haben wir sowohl früher gehabt, wie wir es auch jetzt noch haben, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß es durchaus nicht so unbedeutend ist. Ich kann es nicht glauben, daß alles, was ich in unserem Ostroggtheater gesehen habe, von unseren Arrestanten „frei aus der Luft“ ersonnen gewesen sei. Hier handelte es sich vielmehr um ein altes Erbe aus der Überlieferung, um einmal angenommene Bräuche und Begriffe, wie sie sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Suchen und nachforschen müßte man bei Soldaten, Fabrikarbeitern, in Fabrikstädten und auch in manchen entlegenen Städtchen bei den Bürgern. Auch auf Gütern, unter dem Gesinde der großen Gutsbesitzer haben sie sich erhalten und sind durch diese bis in die Gouvernementsstädte gedrungen. Ich glaube sogar, daß viele alte Dichtungen sich nur dank der Abschriften der Gutsdienerschaft vermehrt und erhalten haben. Hatten doch früher in alten Zeiten die reichen Gutsherren und die Moskauer Großen eigene Theater auf ihren Gütern, während die Schauspieler ihre Leibeigenen waren. Diese Theater nun sind die Grundlage unserer Volksdramatik, wofür wir unzweifelhafte Anzeichen haben. Was nun den „Vielfraß Kedrill“ anbelangt, so konnte ich vorläufig nichts erfahren, ausgenommen das eine, daß auf der Szene böse Geister erscheinen und den Vielfraß Kedrill in die Hölle schleppen würden. Was aber der Name Kedrill bedeutete und schließlich warum Kedrill und nicht Kyrill – das vermochte mir niemand zu sagen, und ebensowenig, ob es ein echt russisches Stück war, oder einem ausländischen entlehnt. Und zum Schluß, hieß es, werde eine „Pantomime mit Musik“ aufgeführt werden. Das war natürlich alles sehr interessant.
Der Schauspieler gab es etwa fünfzehn, – ein flottes und geschicktes Volk. Sie saßen keinen Augenblick still, veranstalteten Proben hinter den Kasernen, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, versteckten sich und taten überaus geheimnisvoll. Kurz, sie wollten uns alle mit etwas Ungewöhnlichem und Ungeahntem überraschen.
An den Arbeitstagen wurde der Ostrogg früh geschlossen, sobald es dunkelte. Während des Weihnachtsfestes aber wurde eine Ausnahme gemacht: man schloß nicht vor dem Zapfenstreich, was eine Vergünstigung für die Theateraufführungen war. Während der ganzen Festwoche wurde täglich vor dem Abend aus dem Ostrogg eine „Gesandtschaft“ zum wachhabenden Offizier abgesandt, mit der Bitte, die Aufführung zu erlauben und den Ostrogg etwas später zu schließen, mit dem Nachsatz, daß auch gestern gespielt und der Ostrogg später geschlossen worden sei, Unordnungen aber nicht vorgekommen wären. Der Wachhabende denkt nun wohl folgendes: „Unordnung hat es gestern allerdings nicht gegeben und wenn sie selbst versprechen, daß auch heute keine vorkommen wird, so werden sie selbst auf sich acht haben, das aber ist das Sicherste, was man sich denken kann. Hinzu kommt jetzt, daß sie, falls ich das Spiel verbiete, womöglich – wer kann denn sicher sein bei dieser Räuberbande! – mit Absicht irgend etwas losschießen und noch die Wache hineinziehen. Schließlich kommt noch hinzu, daß auf Wache sein äußerst langweilig ist, dort aber Theater gespielt werden soll, und zwar nicht von gewöhnlichen Soldaten, sondern von Arrestanten – diese aber sind eine ‚interessante Bande‘ und es wäre doch nicht übel, selbst mal zuzusehen.“ Dazu aber hat der wachhabende Offizier immer das Recht, und so erlaubt er die Aufführung. Sollte nun aber ein böser Geist den Offizier du jour ihm auf den Hals schicken und dieser fragen: „Wo ist der wachhabende Offizier?“ so ist ein „Gehorsamst zu melden: sind zur Revision in den Ostrogg gegangen,“ die klare Antwort und volle Rechtfertigung zugleich.
So kam es denn, daß während der ganzen Festwoche von Seiten des Wachhabenden jeden Abend die Aufführung erlaubt und der Ostrogg nicht vor dem Zapfenstreich geschlossen wurde. Die Arrestanten wußten schon aus alter Erfahrung, daß sie von den Wachhabenden nichts zu befürchten hatten und machten sich deswegen keine Sorgen.
Am Tage der ersten Aufführung kam Petroff zu mir, um mich abzuholen, wie er sagte, und wir begaben uns ins „Theater“. Aus unserer Kaserne gingen alle außer dem Altgläubigen und den Polen. Die Polen entschlossen sich erst kurz vor der letzten Aufführung, am vierten Januar, das Theater zu besuchen, und auch das erst nach langen Versicherungen, daß es dort sowohl gut wie lustig und ungefährlich sei. Der Hochmut der Polen reizte die Arrestanten nicht wenig, doch als sie endlich am vierten Januar erschienen, wurden sie sehr höflich empfangen und man ließ sie sogar nach vorn zu den besseren Plätzen. Was nun die Tscherkessen und im besonderen Issai Fomitsch anbetrifft, so war unser Theater für sie ein wahrer Hochgenuß. Issai Fomitsch gab jedesmal drei Kopeken, doch das letzte Mal legte er ganze zehn Kopeken auf den Teller, während sein Gesicht in dem Augenblick die Seligkeit selbst war. Die Schauspieler hatten beschlossen, von den Anwesenden soviel zu sammeln, wieviel ein jeder geben wollte, in erster Linie, um die Unkosten bestreiten zu können und in zweiter zur eigenen „Stärkung“.
Petroff versicherte mir, daß man mich auf einen der ersten Plätze durchlassen würde, wie gepfropft voll auch der ganze Raum und wie schwer auch das Durchdringen sein sollte, und zwar würde man es aus dem Grunde tun, weil ich, der ich reicher war als die anderen, wahrscheinlich auch mehr geben würde, und außerdem verstände ich auch mehr als sie von solchen Sachen. Petroff hatte recht: es geschah, was er gesagt hatte. Doch vorher muß ich noch den „Saal“ und die „Bühne“ beschreiben.
Unsere Militärkaserne, in der die Aufführung stattfand, war ungefähr fünfzehn Schritt lang. Vom Hof trat man zuerst auf die Treppe, von der Treppe in den Flur und aus dem Flur in die Kaserne. Dieser längliche Raum war, wie ich schon erwähnte, anders eingerichtet, als die übrigen Kasernen: die Pritschen waren direkt an den Wänden angebracht, so daß die Mitte des Raumes frei blieb. Die Hälfte dieser Kaserne, die dem Eingang und dem Flur zunächst lag, war den Zuschauern überlassen; die andere Hälfte, die mit der zweiten Kaserne in Verbindung stand, war von der Bühne eingenommen. Mein erstes Staunen erregte vor allen anderen Dingen – der Vorhang. Er zog sich, etwa zehn Schritt lang, quer durch die ganze Kaserne hin. Ja, dieser Vorhang war so wundervoll, daß man wirklich Ursache hatte, erstaunt zu sein. Ganz abgesehen davon, daß er mit richtiger Ölfarbe gemalt war, sah man auf ihm noch so etwas wie Bäume, Lauben, Teiche und Sterne dargestellt. Er bestand aus alten und neueren Leinwandstücken, soviel wie ein jeder gegeben und gestiftet hatte, aus alten Fußlappen und Hemden der Arrestanten, die irgendwie zu einem großen Ganzen zusammengenäht waren, und außerdem bestand noch ein Teil desselben, zu dem das Zeug nicht mehr gereicht hatte, einfach aus Papier, das gleichfalls, blatt- und bogenweise, in allen nur möglichen Kanzleien und Schreiberstuben, erbettelt worden war. Unsere Maler aber, unter denen sich auch A–ff, unser Brüloff 2, auszeichnete, hatten das Meisterwerk der Bemalung übernommen. Die Wirkung war erstaunlich. Eine solche Pracht freute selbst unsere düstersten und pedantischsten Misanthropen, die aber sonderbarerweise, als es nun zur Aufführung kam, sich ausnahmslos als dieselben kleinen Kinder zeigten, wie die Jüngsten und Ungeduldigsten. Alle waren ungemein zufrieden mit dem ersten Eindruck, sogar ungeheuer, sogar bis zum Eigendünkel zufrieden. Die Beleuchtung bestand aus Talglichten, die in Stücke geschnitten waren. Vor dem Vorhang standen zwei Bänke aus der Küche und vor diesen Bänken noch drei oder vier Stühle, die man in der Stube des Unteroffiziers gefunden hatte. Die Stühle waren für den Fall hingestellt, daß die höchsten Gäste erschienen, wie zum Beispiel der Wachhabende, einer der Verwaltungsbeamten, und vielleicht noch andere desselben Ranges. Die Bänke aber waren für die Unteroffiziere bestimmt, für die Schreiber der Verwaltungsstube, die Aufseher und die übrigen Beamten, die wohl noch zu den Vorgesetzten gehörten, doch nicht etwa von Offiziersrang waren – für den Fall, daß auch sie zufällig in den Ostrogg kämen. Und so war es auch: zu keiner Aufführung fehlte es uns an fremden Besuchern, an einem Abend kamen mehr, am anderen weniger, doch zur letzten Aufführung war tatsächlich kein einziger Platz auf den Bänken unbesetzt. Hinter den Bänken endlich kamen die Arrestanten, alle stehend und aus Achtung vor den Gästen ohne Kopfbedeckung, in Joppen oder Halbpelzen, trotz der drückenden, schwülen Luft in der Kaserne. Natürlich war dieser Raum für die ganze Masse der Arrestanten gar zu eng bemessen, denn obschon der eine buchstäblich auf dem anderen saß, namentlich in den letzten Reihen, waren auch noch alle Pritschen besetzt, alle Kulissen, und schließlich fanden sich noch Liebhaber, die beständig hinter die Bühne gingen, in den anstoßenden Kasernenraum, und von dort aus, also hinter den Kulissen hervor, zusahen. Die Enge in der vorderen Hälfte der Kaserne war unbeschreiblich, ähnlich wie ich sie vorher nur einmal in der Badestube erlebt hatte. Die Tür zum Flur stand weit offen; im Flur, wo eine Kälte von 20 Grad herrschte, drängten sich gleichfalls Kopf an und über Kopf die Zuschauer. Wir beide, Petroff und ich, wurden aber sofort durchgelassen, fast bis dicht an die Bänke, wo man natürlich viel besser sehen und hören konnte, als in den hinteren Reihen. In mir sah man gewissermaßen einen Kenner und Kritikfähigen, der schon ganz andere Aufführungen gesehen hatte. Sie wußten, daß Bakluschin mich mehr als einmal um Rat gefragt hatte und sich stets ehrerbietig zu mir verhielt, folglich gebührte mir jetzt Ehre und ein guter Platz. Die Arrestanten waren gewiß ein ruhmsüchtiges und im höchsten Grade eingebildetes Volk, – aber das war doch nur äußerlich. Sie konnten wohl über mich lachen, wenn ich ihnen bei der Arbeit nur schlecht zu helfen vermochte, Almasoff konnte auf uns Adlige mit Verachtung herabblicken, weil wir nicht Alabaster zu brennen verstanden, doch zu all ihren Spötteleien und ihrer ganzen Verachtung gesellte sich doch noch etwas anderes: wir waren einmal Adlige gewesen, wir hatten einmal zu der Klasse ihrer früheren Herren gehört, die ihnen vielleicht Unrecht getan und an die sie nicht mit guten Gefühlen zurückdenken konnten. Hier aber, im Theater, machten sie mir freiwillig Platz. Sie erkannten es an, daß ich davon mehr verstand, als sie, daß ich mehr gesehen und besser zu urteilen vermochte. Selbst diejenigen, die mir am wenigsten gewogen waren – das wußte ich sehr wohl, – hätten jetzt gern von mir ein Lob ihres Theaters gehört und gaben mir ohne jede Selbsterniedrigung den guten Platz. So urteile ich jetzt darüber in der Erinnerung an meinen damaligen Eindruck. Und es schien mir auch an jenem ersten Theaterabend – dessen entsinne ich mich genau –, daß in ihrem richtigen Urteil über sich nicht etwa eine Selbsterniedrigung, sondern nur das Gefühl der eigenen Würde lag. Der größte und schärfste Charakterzug unseres Volkes ist das Gefühl für die Gerechtigkeit und das unbedingte Verlangen nach derselben. Das Großsprechen und Großtun und um jeden Preis immer auf dem ersten Platz sein wollen, gleichviel, ob er es wert ist oder nicht – das wird man in unserem Volk nie finden. Man braucht nur die äußere, oft nur angenommene Schale zu entfernen und den Kern sich etwas aufmerksamer anzusehen, etwas näher und vorurteilsloser, und man wird in dem Volke Dinge entdecken, von denen man sich auch nicht einmal hat träumen lassen. Ja, unsere Gelehrten können unser Volk nur noch sehr weniges lehren. Und ich sage sogar mit voller Überzeugung – im Gegenteil: sie müssen selbst noch von ihm lernen.