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Sämtliche Werke 18

Erster Teil (continued 3)

E. K. Rahsin translation

Der Major schwor dafür Rache, haßte M. und versuchte ihm zu schaden, wo er nur konnte, und wenn nicht der Kommandeur noch mit seiner Autorität dagewesen wäre, hätte der Major es richtig noch zu etwas Schlimmerem gebracht. Doch all das verwirrte A–ff nicht im geringsten, als M. von seiner Schändlichkeit erfuhr; es behagte ihm sogar, jenem zu begegnen und ihn mit höhnischem Lächeln anzusehen. Das schien ihm geradezu ein Genuß zu sein. M. wies mich mehr als einmal selbst darauf hin. Dieses verkommene Subjekt floh später mit einem anderen Arrestanten und einem Eskortesoldaten, aber von dieser Flucht werde ich später ausführlicher erzählen. Anfangs versuchte er, auch bei mir sich einzuschmeicheln, da er im Glauben war, ich wüßte nichts von seiner Vergangenheit. Ich wiederhole es, dieses Subjekt machte mir die erste Zeit im Ostrogg noch schwerer, als sie ohnehin gewesen wäre. Mich entsetzte diese furchtbare Gemeinheit und Niedrigkeit, in die ich mich mitten hineinversetzt sah, als ich wieder zu mir kam und erwachte. Ich glaubte, daß hier im Ostrogg alle so schändlich und gemein wären. Aber ich hatte mich getäuscht: ich hatte nach A–ff auf alle geschlossen.

In diesen drei arbeitslosen Tagen schlenderte ich in meiner gedrückten, qualvollen Stimmung im Ostrogg umher, lag auf der Pritsche und gab einem zuverlässigen Arrestanten, den Akim Akimytsch mir empfohlen hatte, die mir ausgelieferte Leinwand ab, um mir Hemden nähen zu lassen, – natürlich für Bezahlung, das Hemd kostete nur wenige Kopeken –, schaffte mir auf den dringenden Rat Akim Akimytschs hin eine zusammenlegbare Matratze an, die aus Filz bestand, mit Leinwand überzogen und dünn wie ein Pfannenkuchen war, und außerdem noch ein Kopfkissen, das mit Wolle ausgestopft war und mir entsetzlich hart vorkam, da ich mich an so etwas noch nicht gewöhnt hatte. Akim Akimytsch bemühte sich eifrig um die Herstellung all dieser Sachen und nähte mir noch eigenhändig eine Decke aus alten Tuchstücken, alten Beinkleidern und Jacken, die ich von den anderen Arrestanten aufgekauft hatte.

Die ausgelieferten Kleidungsstücke wurden, wenn sie ihre vorschriftsmäßige Zeit vorgehalten hatten, Eigentum des Arrestanten, der sie dann sofort verkaufte; wie abgetragen das Ding auch sein mochte – im Ostrogg hatte es immer noch einen Wert. Überhaupt kam ich anfangs aus der Verwunderung gar nicht heraus; war es doch meine erste unmittelbare Berührung mit dem Volke. Ich selbst wurde plötzlich ganz ebenso Volk, ebenso ein sibirischer Arrestant, wie sie. Ihre Angewohnheiten, Begriffe, Meinungen, Sitten – wurden gleichsam auch die meinen, wenigstens der Form, dem Gesetz nach, wenn es auch in Wirklichkeit nicht der Fall war. Ich war erstaunt und verwirrt, als hätte ich vorher noch nichts von alledem geahnt oder gehört, obgleich ich schon vieles gewußt und gehört hatte. Aber die Wirklichkeit bringt immer einen ganz anderen Eindruck hervor, als das Wissen und Hören. Wie hätte ich zum Beispiel früher denken können, daß solche Sachen, solche Lumpen auch noch als Gegenstände oder gar als kaufkräftige Ware angesehen werden könnten. – Und da nähte ich mir nun aus ihnen noch eine Schlafdecke! Auch ist es schwer, sich vorzustellen, von welcher Art der Stoff war, der dem Arrestanten für die Kleider ausgeliefert wurde. Dem Ansehen nach schien er tatsächlich dickes Militärtuch zu sein; kaum aber war er getragen, so verwandelte er sich förmlich in ein Netz und zerriß empörend leicht. Übrigens mußte man mit dem Tuchanzug nur ein Jahr auskommen, aber selbst das war schwer. Ein Zwangsarbeiter muß naturgemäß arbeiten, er muß schwere Lasten tragen; seine Kleider werden abgerieben und zerreißen bald. Mit dem Pelze dagegen mußte man drei Jahre lang auskommen und diese Pelze dienten in der Regel noch als Schlafdecken und als Unterlage, da nur wenige Matratzen besaßen. Doch die Pelze sind stark. Trotzdem aber sah man nicht selten jemand, dessen Pelz zu Ende des dritten Jahres mit gewöhnlicher Leinwand geflickt war. Nichtsdestoweniger wurden sie, wenn sie auch noch so abgetragen waren, nach Ablauf der Tragefrist für fünfzig Kopeken in Silber verkauft. Für besser erhaltene wurden sogar sechzig bis siebzig Kopeken gezahlt, das aber ist in der Kátorga viel Geld.

Das Geld selbst hatte dort, wie ich schon mehrmals erwähnt habe, eine ungeheure Bedeutung, ja sogar Macht. Man kann ohne weiteres behaupten, daß ein Sträfling, der Geld hatte – und wenn es auch noch so wenig war – zehnmal weniger litt, als einer, der gar keines besaß, obwohl auch für diesen vom Staat gesorgt wurde. Wozu braucht ein Sträfling Geld? Das war etwas, was unsere „Obrigkeit“ nicht begreifen konnte. Ich aber sage nochmals: hätten die Sträflinge keine Möglichkeit gehabt, ihr eigenes Geld zu besitzen, so wären sie entweder irrsinnig geworden, oder sie wären wie die Fliegen gestorben – ungeachtet dessen, daß für sie in allem gesorgt war – oder, schließlich, sie hätten unerhörte Verbrechen begangen, die einen aus Sehnsucht, die anderen, um irgendwie so schnell als möglich vernichtet, hingerichtet zu werden, oder einfach irgendwie „sein Schicksal zu verändern“, wie der technische Ausdruck lautete. Wenn nun der Arrestant die Kopeken, die er im Schweiße seines Angesichts erworben hat, oder zu deren Erwerb er sich das Schlaueste ersonnen, was zugleich mit Diebstahl und Schurkereien verknüpft ist, wenn er sich für dieses Geld in die größte Gefahr begeben hat, dann aber dieses sauer erworbene Geld in einem Augenblick und so unklug, mit solchem kindischen Leichtsinn verschleudert, so beweist das noch lange nicht, daß er das Geld nicht schätzte, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Geldgierig ist er bis zur Krampfhaftigkeit, bis zum vollkommenen Verlust jeglicher Vernunft, und wenn er es beim „Durchgehen“ auch tausendmal wie Hobelspäne verschleudert, so verschleudert er es doch nur für das, was er noch höher hält als das Geld.

Was aber ist denn für den gefesselten Arrestanten noch höher als Geld?

Die Freiheit oder auch nur ein Traum, eine Vortäuschung von Freiheit.

Die sibirischen Zwangsarbeiter sind große Träumer. Doch davon werde ich später erzählen. Nur will ich, da ich soeben darauf zu sprechen gekommen bin, noch ein Beispiel anführen, ich weiß aber nicht, ob man es mir glauben wird: ich habe von den schwersten Verbrechern, die zu zwanzig Jahren verurteilt waren, gehört – sie haben es mir selbst gesagt: „Nur ein bißchen Geduld, wenn Gott will, erledige ich hier noch meine Strafzeit, und dann ...“

Die ganze Bedeutung des Wortes „Arrestant“ bezeichnet einen Menschen ohne Willen, verschwendet er aber Geld, so handelt er nach eigenem Willen. Ungeachtet aller Brandmale, Ketten und des verhaßten Palissadenzauns, der ihm Gottes Welt abschließt, und ihn wie ein Tier im Käfige gefangen hält – kann er sich doch Branntwein verschaffen, d. h. soviel wie einen strengstens verbotenen Genuß, für Geld kann er sogar Frauenzimmer besuchen, kann er zuweilen sogar – wenn auch nur sehr selten – seine nächsten Vorgesetzten bestechen, die Invaliden und selbst den Unteroffizier, die dann ein Auge halb zudrücken, wenn er gegen das Gesetz und die Disziplin verstößt und ihm in manchen Dingen durch die Finger sehen, und obendrein kann er sich sogar ihnen gegenüber in die Brust werfen – das aber tut er ganz außerordentlich gern, – kann er sich vor den Kameraden den Anschein geben und sogar sich selbst überzeugen – wenn auch nur auf kurze Zeit, – daß er weit mehr Willen und Macht besitze, als es scheine. Mit einem Wort, er kann prassen und Lärm schlagen, kann sogar einen anderen unter die Füße treten und ihm beweisen, daß er alles das wirklich kann, daß es in seiner Macht liegt, d. h., er kann sich im Besitz einer Sache glauben, an die der arme Teufel nicht einmal denken darf. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man bei den Arrestanten, selbst wenn sie nüchtern sind, eine so allgemeine Neigung zur Prahlerei findet, zu mutigem Auftreten, zu einer oft lächerlichen und naiven Erhebung der eigenen Persönlichkeit, wenn auch nur einer scheinbaren. Endlich kommt noch hinzu, daß diese ganze Prasserei nicht so ungefährlich ist, – folglich ist das Ganze immerhin eine gewisse Lebensvortäuschung, ein gewisser Schimmer von Freiheit. Und was gibt man nicht für die Freiheit! Welcher Millionär würde nicht, wenn der Strang seinen Hals schon schnürte, alle seine Millionen für einen einzigen Atemzug hingeben?

Da wundern sich zuweilen die Vorgesetzten, daß ein Arrestant, der lange Jahre so musterhaft sich aufgeführt hat, und womöglich zum Aufseher erhoben worden ist, ganz plötzlich und ohne jede Veranlassung – als wäre er rein des Teufels geworden – es plötzlich so toll treibt, wie man es von ihm nie und nimmer erwartet hätte, mitunter läßt er es sogar auf ein Kriminalverbrechen ankommen, oder er zeigt sich offenkundig unehrerbietig gegen die höchsten Vorgesetzten, oder er erschlägt oder überfällt irgend einen. Man sieht ihn an und wundert sich. Indessen ist die ganze Ursache dieses plötzlichen Ausbruchs in dem bis dahin friedlichsten Menschen, von dem man Ähnliches nie erwartet hätte – der plötzliche Durchbruch der Persönlichkeit, die instinktive Sehnsucht nach seinem eigenen Menschen, das Verlangen, diesen Menschen zu beweisen, seine erniedrigte Persönlichkeit hervorzukehren, und dieses Bedürfnis erwacht nun plötzlich mit einer Wucht in ihm, die zur Raserei, zur Tollwut, zu völliger Besinnungslosigkeit, zu einem Anfall, einem Krampf wird. So mag vielleicht ein lebendig Begrabener, wenn er unter der Erde erwacht, an seinen Sargdeckel schlagen und sich anstrengen, ihn aufzubrechen, obgleich ihm doch seine Vernunft sagen müßte, daß alle seine Anstrengungen vergeblich sind. Aber das ist es ja eben, daß es sich hier nicht um Vernunft handelt, sondern gewissermaßen um – Krämpfe. Jetzt bedenke man noch, daß jede eigenwillige Äußerung der Persönlichkeit beim Arrestanten für Verbrechen angesehen wird, in dem Falle aber ist es ihm natürlich gleichgültig, ob es ein größerer oder kleinerer Ausbruch ist. Geht er durch, dann geht er durch, wagt er einmal, dann wagt er eben – dann kommt es ihm auch auf einen Totschlag nicht an. Und die Hauptsache ist ja nur der Anfang: ist er erst einmal betrunken, dann läßt er sich nicht mehr halten. Daher ist es wohl besser, es nicht so weit kommen zu lassen. Alle hätten es besser.

Ja, aber wie läßt sich das machen?

VI. Der erste Monat, Fortsetzung

Bei meinem Eintritt in den Ostrogg besaß ich einiges Geld; bei mir aber, in der Tasche, hatte ich nur wenig, aus Furcht, es könnte mir abgenommen werden, doch auf alle Fälle waren im Einband meiner Bibel einige Rubel verborgen, d. h. einfach eingeklebt. Dieses Buch mit dem eingeklebten Gelde war mir in Tobolsk von Leuten geschenkt worden, die gleichfalls in der Verbannung litten, die bereits seit Jahrzehnten dort leben mußten und die schon längst in jedem Unglücklichen einen Bruder zu sehen gewohnt waren. Es gibt dort in Sibirien fast überall solche Menschen, die, wie es scheint, ihre Lebensaufgabe darin sehen, den „Unglücklichen“ brüderliche Pflege angedeihen zu lassen, mit ihnen zu leiden und sie wie eigene Kinder zu lieben – mit einer uneigennützigen, heiligen Liebe.

Ich kann es nicht unterlassen, von einer Begegnung zu erzählen, die jetzt wieder so deutlich vor mir steht, als hätte sie erst gestern stattgefunden.

In der Stadt, in der sich unser Ostrogg befand, lebte eine Witwe, Nastaßja Iwanowna. Natürlich konnte niemand von uns, solange wir im Ostrogg waren, persönlich mit ihr bekannt werden. Sie hatte es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, für die Verschickten zu sorgen, doch am meisten sorgte sie für uns. Vielleicht war in ihrer Familie ein ähnliches Unglück vorgekommen, oder es hatte ein Mensch, der ihrem Herzen besonders teuer gewesen und nahegestanden, unter demselben Schicksal zu leiden gehabt – das weiß ich nicht. Jedenfalls aber war sie glücklich, alles für uns zu tun, was sie nur konnte. Viel tun konnte sie freilich nicht, denn sie war selbst sehr arm. Wir aber, die wir im Ostrogg saßen, fühlten und wußten, daß wir dort jenseits der Palissaden einen treuen Freund hatten. Unter anderem ließ sie uns oft Nachrichten zukommen, nach denen wir uns fast krank sehnten. Als ich dann den Ostrogg verließ und in eine andere Stadt zur Ansiedlung geschickt wurde, fand ich noch Gelegenheit, zu ihr zu gehen und sie persönlich kennen zu lernen. Sie lebte bei einem ihrer nahen Verwandten. Sie war weder alt noch jung, weder hübsch noch häßlich; ja man konnte nicht einmal feststellen, ob sie klug, ob sie gebildet war? Man sah in ihr nur auf jedem Schritt und Tritt eine unendliche Güte, den unbezwingbaren Wunsch zu helfen, zu erleichtern, einem etwas Angenehmes zu tun. Alle ihre Gefühle lagen in ihrem stillen, guten Blick. Ich verbrachte zusammen mit einem meiner Ostroggkameraden einen ganzen Abend bei ihr. Sie sah uns nur an, lachte, wenn wir lachten, beeilte sich, allem zuzustimmen, was wir auch sagen mochten. Sie bewirtete uns, womit sie nur konnte: sie reichte Tee, einen kleinen Imbiß, eingemachte Früchte, und wenn sie Tausende besessen hätte – sie würde sich über das Geld nur aus dem einen Grunde gefreut haben, weil sie dann uns und unseren im Ostrogg zurückgebliebenen Kameraden noch mehr hätte helfen können. Beim Abschied brachte sie noch mir und meinem Kameraden je ein Zigarettenetui zum Andenken. Diese Etuis klebte sie eigenhändig für uns – Gott weiß, wie sie geklebt waren! Sie bestanden aus Pappe und waren mit buntem Glanzpapier überzogen, genau demselben, in das die kurzgefaßten Rechenbücher der kleinen Schulen eingebunden sind (vielleicht bestanden sie auch tatsächlich aus den Deckeln eines solchen Arithmetikbuches). An den Rändern aber waren beide Hälften des Etuis zur Verzierung mit einer schmalen Bordüre von Goldpapier eingefaßt, die sie wahrscheinlich lange in den Läden gesucht hatte.

„Sie rauchen doch Zigaretten, vielleicht können Sie dann dieses hier gebrauchen,“ sagte sie schüchtern, als wolle sie sich ihres Geschenkes wegen entschuldigen.

Es gibt Menschen, die da sagen – ich selbst habe es gehört und gelesen, – daß die größte Liebe zum Nächsten zu gleicher Zeit der größte Egoismus sei. Worin nun hier Egoismus gewesen sein sollte, werde ich nie verstehen.

Wenn ich nun auch bei meinem Eintritt in den Ostrogg durchaus nicht viel Geld besaß, so vermochte ich es doch nicht, über jene ungehalten zu sein, die schon in den ersten Stunden von mir Geld geborgt und mich natürlich betrogen hatten, und dann höchst naiv zum zweiten, dritten und sogar fünften Male zu mir kamen, um noch weiteres Geld zu borgen. Eines aber muß ich ganz offen gestehen: es ärgerte mich nicht wenig, daß alle diese Banditen mit ihrer naiven Schlauheit mich unbedingt, wie es mir schien, für einen echten rechten Einfaltspinsel, für einen dummen Jungen hielten und sich über mich lustig machten, weil ich ihnen auch zum fünften Male das Geld gab. So mußte es ihnen unbedingt scheinen, daß ich mich von ihrer Schlauheit und Gewandtheit betrügen ließ, während sie, wenn ich ihnen nichts gegeben und sie fortgejagt hätte, – davon war ich überzeugt – mich unvergleichlich mehr geachtet haben würden. Aber wie sehr ich mich auch ärgerte, abschlagen konnte ich es ihnen doch nicht. Und ich ärgerte mich, weil ich in diesen ersten Tagen ernstlich und besorgt darüber nachdachte, wie ich mich im Ostrogg verhalten, oder richtiger, auf welchen Fuß ich mich mit ihnen stellen sollte. Ich fühlte und begriff, daß diese ganze Umgebung für mich völlig neu war, daß ich völlig im Dunkel saß, in demselben aber unmöglich so lange Jahre sitzen bleiben konnte. Folglich hieß es, sich vorbereiten. Versteht sich, ich kam mit mir überein, daß man vor allen Dingen offen sein und offen handeln müsse, wie es das innere Gefühl und das Gewissen befahlen. Andererseits aber wußte ich, daß dieses nur Theorie war und vor mir jedenfalls noch die unerwartetste Praxis erscheinen würde.

Und darum quälte mich, ungeachtet all der kleinen Sorgen um meine Einrichtung in der Kaserne (von denen ich schon erzählt habe und in die mich der vorsorgliche Akim Akimytsch hineinzog) und ungeachtet dessen, daß sie mich immerhin ein wenig zerstreuten, – trotzdem quälte mich eine nagende Sehnsucht immer unerträglicher.

„Ein Totenhaus!“ sagte ich zu mir, wenn ich zuweilen in der Dämmerung von der kleinen Treppe unserer Kaserne auf die Arrestanten blickte, die schon von der Arbeit heimkehrten und faul über den Hof in die Küchen schlenderten und aus den Küchen wieder zurück in die Kasernen. Ich betrachtete sie, betrachtete jeden einzelnen, und bemühte mich, an ihren Gesichtern und ihren Bewegungen zu erkennen, was für Menschen sie waren und was für Charaktere sie hatten. Sie aber schlenderten vor mir mit finster gerunzelten Stirnen, oder aber in sorgloser Heiterkeit – diese beiden Erscheinungen trifft man am häufigsten, sie sind zugleich die Charakteristik der Kátorga, – sie schimpften sich gegenseitig oder sie sprachen ganz gewöhnlich miteinander, oder sie gingen einzeln umher, gleichsam in Gedanken versunken, langsam, gleichmütig, einige müde und teilnahmslos, andere wiederum – selbst hier! – mit einem Ausdruck anmaßender Überlegenheit, die Mützen auf einem Ohr, die Halbpelze nur über die Schultern geworfen, mit frechem, listigem Blick und frechem, spöttischem Lächeln.

„Das ist jetzt meine Umgebung, meine neue Welt,“ dachte ich, „in der ich, ob ich will oder nicht, leben muß ...“

Ich machte auch wiederholt den Versuch, von Akim Akimytsch etwas über sie zu erfahren, wenn ich mit ihm Tee trank, um nicht allein trinken zu müssen. Tee war in dieser ersten Zeit so gut wie meine einzige Nahrung. Akim Akimytsch sagte nie ab, wenn ich ihn aufforderte, was ich gerne tat, und stellte selbst unseren, d. h. von M. geliehenen selbstverfertigten kleinen Blechssamowar auf, der spaßig anzusehen war. Akim Akimytsch trank nie mehr als ein Glas, – er besaß sogar Gläser – trank schweigend und würdevoll, reichte es mir mit einem Dank zurück und machte sich dann sofort an meine Schlafdecke, die er, wie ich schon sagte, aus alten Zeugstücken zusammennähte. Das aber, was ich von ihm erfahren wollte, – das erfuhr ich nicht, ja er schien es nicht einmal begreifen zu können, weshalb ich mich so besonders für die Charaktere der uns umgebenden und am nächsten stehenden Sträflinge interessierte. Er hörte mir nur mit einem seltsam schlauen, verschlagenen Lächeln zu, das ich noch lebhaft vor mir sehe. Nein, wie man sieht, muß man hier selbst alles erfahren und nicht durch andere zu erfahren suchen, dachte ich bei mir.

Am Morgen des vierten Tages stellten sich die Arrestanten wieder so auf, wie damals, als ich mit ihnen zur Schmiede gegangen war: auf dem Platz vor der Wache in zwei Reihen. An der Spitze, mit dem Gesicht zu ihnen, und hinter ihnen standen die Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Der Soldat hat das Recht, auf den Gefangenen zu schießen, wenn dieser den Versuch macht, seiner Eskorte zu entfliehen; andererseits aber ist er auch verantwortlich für den Schuß, wenn er ihn nicht im äußersten Notfall abgefeuert hat; dasselbe galt auch für den Fall einer allgemeinen Empörung der Gefangenen. Aber wem wäre es wohl eingefallen, an eine offene Flucht zu denken!

Darauf kamen ein Offizier, die Unteroffiziere, Soldaten und die Arbeitsaufseher. Alle Namen wurden aufgerufen. Der Teil der Arrestanten, der in den Schneiderwerkstätten arbeitete, ging ganz zuerst ab; dieser hatte mit den Aufsehern nichts zu tun. Dort wurde hauptsächlich für den Ostrogg gearbeitet, für den die verschiedenen Kleidungsstücke herzustellen waren. Dann ging ein Teil in die anderen Werkstätten ab, und dann erst kamen die sogenannten „Schwarzarbeiter“ an die Reihe, die für die gewöhnlichen schweren Arbeiten bestimmt waren. Mit etwa zwanzig anderen marschierte auch ich ab.

Hinter der Festung lagen am Ufer des zugefrorenen Flusses zwei alte Barken, beide Staatseigentum, die wegen Untauglichkeit auseinandergenommen werden sollten, damit wenigstens das Holz nicht unnütz verfaulte. Übrigens war dieses ganze alte Material nur sehr wenig wert, vielleicht überhaupt nichts, denn Holz wurde in der Stadt spottbillig verkauft, da es Wald ringsum ungeheuer viel gab. Die Arrestanten wurden aber hingeschickt, damit sie eine Arbeit hatten, was sie natürlich selbst sehr gut begriffen. An eine solche Arbeit machten sie sich denn auch faul und ungern, während es etwas ganz anderes war, wenn sie eine zweckmäßige und interessante Arbeit bekamen, und besonders wenn sie sich eine „Aufgabe“ ausbitten konnten. Dann waren sie plötzlich alle wie begeistert und wenn sie auch selbst nichts davon hatten, so plagten sie sich doch im Schweiße ihres Angesichts und mit wahrhaft erstaunlichem Eifer, um sie so schnell und so gut als möglich zu beenden – dann war gleichsam ihr Ehrgeiz mit im Spiel. Bei einer solchen Arbeit dagegen, wie diese Barken abzubrechen, die mehr nur pro forma gemacht werden mußte, als aus Notwendigkeit, war es schwer, eine „Aufgabe“ zu erbitten, da mußte man bis zum Trommelschlage arbeiten, der um elf Uhr vormittags zur Heimkehr rief.

Es war ein warmer, nebliger Wintertag, es fehlte nicht viel, und wir hätten Tauwetter gehabt. Unsere ganze Abteilung begab sich hinter die Festung zum Ufer, leise mit den Ketten klirrend, die, obwohl sie unter den Kleidern verborgen waren, dennoch bei jedem Schritt einen feinen, hellen metallischen Klang gaben. Zwei oder drei von uns wurden ins Zeughaus nach den erforderlichen Werkzeugen geschickt. Ich ging mit den anderen weiter, während ich mich innerlich gewissermaßen belebte: ich sollte sehen und erfahren, was unsere Arbeit sein würde. Worin bestand die sibirische Zwangsarbeit? Und wie würde ich selbst zum erstenmal in meinem Leben arbeiten?

Ich erinnere mich noch des ganzen Tages bis in die kleinsten Einzelheiten.

Unterwegs begegnete uns ein bärtiger Kleinbürger: er blieb stehen und schob die Hand in die Tasche. Aus unserem Trupp löste sich sogleich ein Arrestant, trat ihm entgegen, nahm die Mütze ab, empfing ein Almosen, – fünf Kopeken, und kehrte schnell wieder zurück. Diese fünf Kopeken wurden noch am selben Morgen in Kalatschen verzehrt, die für alle in gleiche Stücke geteilt wurden.

In diesem ganzen Trupp waren einige wie gewöhnlich düster und schweigsam, andere teilnahmslos und trüge, und wieder gab es einige, die eigentlich nur aus Gewohnheit schwatzten. Einer von ihnen war ganz besonders guter Laune, er sang und hätte unterwegs beinahe getanzt, jedenfalls hopste er hin und her, wozu seine Ketten lauter klirrten. Das war jener selbe mittelgroße, etwas dicke Arrestant, der am ersten Morgen nach meiner Ankunft mit dem Hochgewachsenen beim Wassereimer gestritten hatte, weil jener von sich ohne Bedenken zu behaupten gewagt hatte, er sei ein Reiher. Dieser kleine lustige Bursche hieß Skuratoff. Jetzt stimmte er plötzlich ein loses Lied an, von dem ich nur noch einen Refrain behalten habe:

„Ohne mich ward ich vermählt Mit der schönen Müllerin!“

Es fehlte nur noch eine Balalaika dazu.

Seine ungewöhnlich heitere Gemütsverfassung erweckte selbstverständlich in einigen anderen ernsten Unwillen, ja sie faßten seine Heiterkeit fast als persönliche Beleidigung auf.

„Da brüllt er nun!“ brummte unwirsch einer, den die Sache übrigens nichts anging.

„Tas war ein Walfslied, tu aber hast’s umketreht, Grützkopf!“ bemerkte einer der Mürrischen mit starkem kleinrussischen Akzent.

„Gut, ich bin meinetwegen auch ein Grützkopf, ihr aber habt euch dort in Poltawa alle mit euren Mehlklümpchen ‚umkepracht‘ und seid Mehlwürmer geworden,“ foppte Skuratoff nicht maulfaul.

„Tu lügst! Was hast tu selbst gefressen? Hast mit deinen Beinen Kohl gelöffelt.“

„Und hier scheint ihn der Teufel mit Kanonenkugeln zu stopfen,“ bemerkte ein anderer.

„Ja, es ist wahr, Bruderherz, ich bin ein verzärtelter Mensch,“ antwortete Skuratoff mit einem leichten Seufzer, ganz als bereue er die nicht zu verändernde Tatsache, doch sprach er es mehr zu allen gewandt, als zu einem einzigen. „Von Kindesbeinen an bin ich mit schwarzen Pflaumen und weißen Semmeln aufgereckt worden“ (d. h. aufgezogen. Skuratoff verdrehte die Worte absichtlich). „Meine leiblichen Brüder haben auch jetzt noch in Moskau ihre Handlung, sie handeln nämlich in der Durchgangsstraße mit Wind, sind die reichsten Kaufleute.“

„Und womit hast du gehandelt?“

„Hm, auch ich bin aus verschiedenen Eigenschaften hervorgegangen. Und damals, Freundchen, bekam ich die ersten Zweihundert ...“

„Rubel doch nicht??“ fiel hastig ein Neugieriger ein, der sich sogleich zu beleben schien, als er von so großem Gelde hörte.

„Nein, lieber Mensch, nicht Rubel, sondern Hiebe. Luka, heda! Hör mal, Luka!“

„Luka bin ich für manchen schon, für dich aber bin ich Luka Kusmitsch ...“ brummte unwillig ein kleiner Mann mit einem spitzen Näschen, der gleichfalls aus Kleinrußland stammte.

„Nun, dann Luka Kusmitsch, hol dich der Teufel, mag’s denn meinetwegen so sein.“

„Für manchen Luka Kusmitsch, für dich aber Onkelchen.“

„Ach, zum Teufel mit dir samt dem Onkelchen, so lohnt sich’s ja gar nicht, zu reden! Wollte aber ein hübsches Geschichtchen erzählen ... Nun und so kam’s denn, daß ich nicht lange in Moskau auflebte; man gab mir dort noch aufs Geleit fünfzehn Hiebe und dann – adjes Madrid! Und jetzt bin ich hier ...“

„Aber für was kriegtest du denn die fünfzehn?“ fragte einer, der aufmerksam zuhörte.

„Für was! Geh nicht in die Quarantäne, trink nicht direkt vom Spund, spiel nicht den Spaßvogel, – so daß ich, Freundchen, keine Zeit hatte, in der richtigen Weise in Moskau reich zu werden. Das aber wollte ich gewaltig, gewaltig, ganz gewaltig, sag ich dir, nämlich reich werden. Das wollte ich aber so, daß ich es dir selbst nicht zu sagen weiß, wie.“

Man lachte. Skuratoff war offenbar einer der freiwilligen Spaßmacher, oder richtiger, Narren, die es sich gleichsam zur Aufgabe gemacht hatten, ihre düsteren Genossen zu erheitern, und dafür, versteht sich, nichts als Schimpf und Spott ernteten. Er gehörte zu einem besonderen und sogar auffallenden Typus, auf den ich vielleicht noch einmal zu sprechen kommen werde.

„Dich kann man ja auch jetzt statt des Pöbels schlagen,“ bemerkte Luka Kusmitsch. „Sieh mal einer, seine Kleider sind ja allein schon an hundert Rubel wert.“

Skuratoff hatte den ältesten oder vielmehr abgetragensten Schafspelz, an dem auf allen Seiten Flicken hingen. Aufmerksam, doch ziemlich gleichmütig besah er sich von oben bis unten.

„Dafür ist der Kopf teuer, Freundchen, der Kopf!“ antwortete er. „Das tröstete mich auch damals, als ich Moskau verließ, nämlich daß mein Kopf mit mir ging. Leb wohl, Moskau, ich danke dir für das Bad, für den freien Geist, prächtig hat man mich dort mit Streifen versehen! Aber auf meinen Pelz, Freundchen, hast du keine Ursach zu sehen ...“

„Ich soll wohl nur nach deinem Kopf blicken?“

„Auch der Kopf gehört ihm ja gar nicht mehr,“ mischte sich wieder Luka ein, „der ist nur noch eine milde Gabe, die man ihm unterwegs um Christi willen geschenkt hat, als er mit seinem Trupp durchzog.“

„Du, Skuratoff, du hast doch sicher auch ein Handwerk gelernt?“

„Was Handwerk! Führer war er ... hat bei ihnen Kieselsteine geschleppt,“ meinte einer der Mürrischen, „das ist sein ganzes Handwerk!“

„Ich habe einmal vorversucht, Stiebel zusammenzunähen,“ sagte Skuratoff, als hätte er die spitze Bemerkung des anderen ganz überhört. „Aber es blieb beim ersten Paar.“

„Na was, wurde es dir auch abgekauft?“

„Ja, es kam so einer, der weder Gott gefürchtet noch Vater und Mutter geachtet hatte: da bestrafte ihn der Herr, – er kaufte das Paar.“

Alle um Skuratoff brachen in schallendes Gelächter aus: der Ton, in dem er es sagte, war gar zu spaßig.

„Und dann habe ich noch einmal gearbeitet, das war aber schon hier,“ fuhr Skuratoff mit merkwürdiger Kaltblütigkeit fort, „für den Leutnant Stepan Fedorowitsch Pomorzeff ein Paar Stiefel vorgeschuht.“

„Und war er zufrieden?“

„Nein, Freundchen, das war er gerade nicht. Hat mich für tausend Jahre ausgeschimpft und mich noch von hinten getreten. Hatte sich gar zu gewaltig geärgert. – Ach, gelogen hat mein Leben, das hat es, das verfluchte!

Da kehrte schon nach kleiner Weile Ak–kulinas Mann nach Haus ...,“

sang er plötzlich wieder schmetternd und begann von neuem einen Tanzschritt im Viervierteltakt.

„Sieh einer, solch ’n blödsinniger Mensch!“ knurrte der neben mir gehende Kleinrusse, der ihn mit boshafter Verachtung von der Seite ansah.

„Ein unnützer Mensch!“ bemerkte ein anderer in einem so ernsten Ton, daß jeder Widerspruch ausgeschlossen war.

Mir war es unbegreiflich, aus welchem Grunde sie sich über diesen Skuratoff ärgerten, und überhaupt warum alle heiteren Charaktere, wie ich schon in den ersten Tagen bemerkt hatte, gewissermaßen verachtet wurden. Den Ärger des Kleinrussen und der anderen schrieb ich persönlicher Abneigung zu, doch das war nicht der Grund. Sie haßten und verachteten ihn, weil er keine Ausdauer hatte, keine äußerlich zur Schau getragene persönliche Würde besaß, mit der der ganze Ostrogg bis zur Pedanterie geladen war, – mit einem Wort, weil er, nach ihrem Ausdruck, ein „nutzloser“ Mensch war. Indessen wurden nicht alle Spaßvögel so behandelt wie Skuratoff und seinesgleichen. Es kam dabei nur darauf an, wie ein jeder mit sich umspringen ließ: ein gutmütiger Mensch wurde, auch ohne Spaßvogel zu sein, von den anderen erniedrigt. Das wunderte mich anfangs nicht wenig. Es gab aber auch andere Spaßvögel, die niemandem etwas schuldig blieben: solche wurden unwillkürlich geachtet. Einer von dieser Sorte befand sich auch unter uns, ein Haariger, wie man ihn nannte, der aber im Grunde genommen ein heiterer und sehr netter Mensch war, obwohl ich ihn von dieser Seite erst viel später kennen lernen sollte, ein hübschgewachsener Bursche mit einer großen Warze auf der Wange und einem äußerst komischen Gesichtsausdruck, sonst aber nett und aufgeweckt! Er wurde auch der Pionier genannt, weil er früher einmal als Pionier gedient hatte; im Ostrogg jedoch war er in der besonderen Abteilung. Auch von ihm werde ich noch zu berichten haben.

Übrigens waren nicht alle „Ernsten“ so streng, wie der über jede Heiterkeit unwillige Kleinrusse. Es gab in der Kátorga gewisse Leute, die es auf den Vorrang in jeder Beziehung abgesehen hatten: sie wollten in allem die ersten sein, im Wissen, in der Findigkeit, im Charakter, in der Klugheit ... Viele von ihnen waren auch tatsächlich klug, hatten Charakter und erreichten, was sie erstrebten: Vorrang und sittlichen Einfluß auf ihre Umgebung. Unter sich waren diese Klugen nicht selten die größten Feinde und ein jeder von ihnen wurde von den anderen beneidet und gehaßt. Zu den übrigen Sträflingen verhielten sie sich würdig und herablassend, ließen sich nie in einen nutzlosen Streit ein, mit den Vorgesetzten standen sie sich gut, bei der Arbeit waren sie gewissermaßen die Anordner, doch keiner von ihnen hätte zum Beispiel wegen eines Liedes so viel Aufhebens gemacht. Mit solchen Kleinigkeiten befaßten sie sich nicht, so etwas hätte sie erniedrigt. Gegen mich waren diese Leute während der ganzen Zeit meines Ostrogglebens auffallend höflich, nur waren sie nicht sehr gesprächig – gewissermaßen als verbiete es ihnen ihre persönliche Würde, zu sprechen. Auch von ihnen werde ich noch ausführlicher erzählen müssen.

Wir kamen ans Ufer des Irtysch. Unten, auf dem Fluß, lag im Eise die alte Barke, die wir abbrechen sollten. Jenseits des Flusses lag wie in bläulichem Licht die Steppe: sie sah unheimlich und öde aus. Ich erwartete, daß alle sich sofort an die Arbeit machen würden, aber daran schien niemand zu denken. Einige setzten sich am Ufer auf verstreut liegende Balken und fast alle zogen aus dem Stiefelschaft einen Tabaksbeutel hervor, der einheimischen, d. h. sibirischen Tabak enthielt, den man auf dem Markt in Blättern zu drei Kopeken das Pfund kaufen konnte, sowie kurze Pfeifenrohre und kleine selbstgeschnitzte Holzpfeifen. Die Pfeifen wurden angeraucht, während die Soldaten die Kette um uns bildeten und sich mit dem gelangweiltsten Gesichtsausdruck uns zu bewachen anschickten.

„Wer nur darauf gekommen sein mag, diese Barke abbrechen zu lassen?“ fragte einer halblaut so vor sich hin, ohne sich an jemanden zu wenden. „Der muß wohl Späne brauchen.“

„Wer uns nicht fürchtet, der ist darauf gekommen,“ bemerkte ein anderer.

„Wo mag dort dieses Bauernpack hinwollen?“ fragte nach kurzem Schweigen wieder der erste, der die Antwort auf seine vorhergehende Frage selbstverständlich nicht beachtet hatte, und wies auf eine ganze Reihe Bauern, die in der Ferne im Gänsemarsch durch den Schnee stampfte.

Die Sträflinge wandten sich auch nach jener Seite und begannen aus Langeweile über die Bauern zu spotten. Einer der Bauern, der letzte, ging ganz absonderlich komisch, die Arme schlenkerten weit ab vom Körper, und auf dem Kopf, der fast zur Seite hing, saß eine hohe Bauernmütze von der Form eines abgestumpften Kegels. Seine ganze Gestalt hob sich deutlich vom weißen Schnee ab.

„Sieh mal an, Gevatter Petrowitsch, wie du dich aber eingemummt hast!“ sagte einer, der die Bauern mit dem Ausdruck Gevatter verspotten wollte. Es war sogar sehr auffallend, daß die Arrestanten im allgemeinen von oben herab auf den Bauern sahen, während doch die Hälfte von ihnen gleichfalls aus dem Bauernstande war.

„Seht doch den letzten, Kinder, der geht ja, als wenn er Rettich pflanzte.“

„Das ist ein harter Schädel, der hat sicherlich viel Geld,“ meinte ein anderer.

Alle lachten, doch selbst in ihrem Lachen lag eine gewisse Faulheit.

Da kam eine Kalatschenverkäuferin, ein munteres und rüstiges Weiblein, zu uns. Von ihr wurden für die geschenkten fünf Kopeken Kalatschen gekauft und sogleich gewissenhaft verteilt; ein jeder erhielt sein Stück.

Der junge Bursche, der im Ostrogg mit den Kalatschen handelte, kaufte von ihr an zwanzig Stück, begann aber dann eifrig zu streiten, um drei, statt der üblichen zwei Kalatschen auf den Kauf zu erhalten, aber die Händlerin gab nicht nach.

„Nun, aber das andere – gibst du nicht?“

„Was denn noch?“

„Na das, was die Mäuse nicht fressen.“

„Ach, daß du selbst gefressen wirst!“ kreischte das Weiblein und ging lachend fort.

Endlich erschien auch der Arbeitsaufseher, ein Unteroffizier, mit einem Stock.

„Heda, ihr, was sitzt ihr! An die Arbeit!“

„Was, Iwan Matwejitsch, gebt uns doch eine Aufgabe,“ sagte einer der „ersten“, indem er sich langsam erhob.

„Warum habt ihr denn neulich nicht gefragt? Schleppt die Barke auseinander, da habt ihr eine Aufgabe.“

Man erhob sich langsam und ging zum Fluß hinunter, – kaum die Füße vom Fleck bewegend.

Es fanden sich auch alsbald „Anordner“, wenigstens waren sie es den großen Worten nach. Es zeigte sich, daß man die Barke nicht so blindlings zerhauen durfte, sondern nach Möglichkeit die Balken und namentlich die Kniehölzer heil herausnehmen mußte. Diese Kniehölzer waren aber ihrer ganzen Länge nach mittels Holznägeln an den Boden der Barke befestigt und diese Holznägel galt es jetzt herauszunehmen, – eine langweilige und mühsame Arbeit.

„Da müssen wir nun ganz zuerst diesen Balken hier abkriegen. Faßt mal an, Kinderchen!“ sagte einer, der weder „Anordner“ noch sonst ein „erster“ war, sondern ein gewöhnlicher „Schwarzarbeiter“, ein stilles, ruhiges Männlein, das bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte. Er beugte sich nieder, erfaßte einen dicken Balken und wartete auf Hilfe. Es fiel aber keinem einzigen ein, ihm zu helfen.

„Ja, den wirst du gerade loskriegen! Da kannst du auch noch deinen Urgroßvater, der wohl ein Bär gewesen ist, herbeiholen, so wirst du ihn auch noch nicht loskriegen!“ brummte jemand durch die Zähne.

„Ja wie denn, wie soll man denn anfangen? Ich weiß nicht ...“ sagte der andere etwas ratlos und richtete sich wieder auf.

„Du wirst doch nicht die ganze Arbeit allein machen ... was stopfst du dich dann vor?“

„Der versteht nicht einmal Hühner zu füttern, hier aber will er der erste sein ... So’n Zwerg!“

„Ich ... ich wollte nur,“ stotterte der Arme, – „nichts, ich meinte nur so ...“

„Zum Teufel, soll ich euch, Kerls, in Futterale stecken lassen? oder für den Winter vielleicht einsalzen?“ schrie wieder der Arbeitsaufseher, der verwundert die zwanzigköpfige Arbeiterschar betrachtete, die die Arbeit nicht anzufassen verstand. „Anfangen! Schneller!“

„Schneller als schnell kann man nichts machen, Iwan Matwejitsch.“

„Du machst ja sowieso nichts! He, Ssaweljeff! Petrowitsch! was stehst du da und glotzt, als wolltest du deine Augen ausspeien! ... Anfangen, sage ich!“

„Was kann denn ich da machen, ganz allein? ...“

„Gebt uns doch lieber eine Aufgabe, Iwan Matwejitsch.“

„Ich habe gesagt – es gibt keine! Reiß die Barke ab, und um Punkt elf geht’s zurück. An die Arbeit! Angefangen!“

Träge, unwillig, ungeschickt machte man sich endlich an das Abreißen. Es war fast unangenehm, diese Schar gesunder, stämmiger Arbeiter zu sehen, die, wie es schien, absolut nicht wußten, wie sie die Arbeit anfassen sollten. Kaum hatten sie sich daran gemacht, das erste, kleinste Knieholz herauszunehmen – da zeigte es sich, daß das Holz zerbrach, „ganz von selbst“, wie es dem Arbeitsaufseher zur eigenen Rechtfertigung gemeldet wurde. Folglich konnte man so nicht ans Werk gehen, man mußte es eben anders versuchen. Es folgte eine lange Beratung, wie es richtig wäre und was zu tun sei. Selbstverständlich kam es bald zum Wortwechsel, darauf folgte Geschimpf und die Sache drohte, noch weiterzugehen ... Der Aufseher schrie sie wieder an und fuchtelte mit seinem Stock; aber auch das zweite Knieholz brach. Es stellte sich nun heraus, daß zu wenig Äxte da waren und daß man noch irgend ein besonderes Werkzeug bedurfte. Sogleich wurden zwei jüngere Burschen mit einer Eskorte in die Festung zurückgeschickt, um die nötigen Gerätschaften zu bringen, die anderen aber setzten sich inzwischen seelenruhig auf der Barke hin, zogen ihre Pfeifen hervor und rauchten schon wieder.

Der Beamte spie schließlich aus.

„Weiß Gott, von euch kann man wahrlich keine Arbeit erwarten! Ich hab’s ja immer gesagt: Pack bleibt Pack!“ schimpfte er wütend, winkte mit der Hand ab – zum Zeichen unserer Untauglichkeit – und kehrte, den Stock in der Luft schwingend, in die Festung zurück.

Nach einer Stunde erschien der Aufseher. Ruhig hörte er die Ausführungen der Arrestanten an und erklärte darauf ohne zu zögern, daß er als Aufgabe gäbe, vier Kniehölzer herauszunehmen, aber nicht so, daß sie brächen, sondern heil, und dann noch einen bedeutenden Teil der Barke abzubrechen; wenn das aber geschehen wäre, könnten sie alle nach Hause gehen. Die Aufgabe war groß, aber – Himmel! – wie sie sich jetzt an die Arbeit machten! Wo war jetzt noch Faulheit oder Unwissenheit zu sehen! Die Äxte hämmerten, die Holznägel wurden herausgedreht. Die anderen schoben wiederum dicke Stangen unter die Kniehölzer, zwanzig Hände stemmten sich auf die Stangen und meisterhaft gewandt wurden die Kniehölzer herausgebrochen, die jetzt zu meiner Verwunderung sämtlich heil blieben und unversehrt. Die Arbeit kochte geradezu. Alle waren plötzlich auffallend klüger geworden. Weder gab es überflüssige Worte, noch einen Streit, ein jeder wußte, was er zu sagen, zu tun, wo er zu helfen und was er zu raten hatte.

Genau eine halbe Stunde vor dem Trommelzeichen war die vorgeschriebene Arbeit beendet und die Arrestanten kehrten müde, doch vollkommen zufrieden in den Ostrogg zurück, obgleich sie doch nur eine halbe Stunde gewonnen hatten. In Bezug auf mich aber war mir etwas Eigentümliches aufgefallen: wo und wie immer ich ihnen bei der Arbeit auch helfen wollte, überall war ich nicht am Platz, überall störte ich, überall wurde ich beinahe mit Geschimpf fortgeschickt.

Selbst der letzte von ihnen, der schlechteste Arbeiter, der vor den anderen nicht mucken durfte, selbst der glaubte sich im Rechte, mich anschreien zu dürfen, wenn ich mich neben ihn stellte, unter dem Vorwand, ich hindere ihn bei der Arbeit.

Das sagte mir einer der Gewandten ganz offen und grob ins Gesicht:

„Wohin stopfen Sie sich wieder vor, gehn Sie zum Teufel! Wo man nicht gebraucht wird, dorthin soll man auch nicht seine Nase stecken.“

„Der ist der richtige!“ bemerkte sofort ein anderer.

„Nimm lieber eine Blechbüchse,“ sagte ein dritter, „und ‚sammle Geld zum Kirchenbau und der Branntweinschenken Niederhau‘, hier aber hast du nichts zu suchen.“

So hätte ich also abseits stehen und zusehen müssen, während die anderen arbeiteten. Zuzusehen aber schämt man sich unwillkürlich. Als ich aber tatsächlich fortging und mich an das andere Ende der Barke stellte, da war es ihnen wieder nicht recht:

„Schöne Arbeiter schickt man uns her!“ hieß es sofort. „Was fängt man mit solchen Leutchen an!“

„Nichts fängt man mit ihnen an!“

Das wurde natürlich absichtlich gesagt, denn man mußte doch die Gelegenheit benutzen, über einen ehemaligen Adligen herziehen zu können – und man freute sich über die Gelegenheit.

Jetzt wird man auch begreifen, warum meine erste Frage nach dem Eintritt in den Ostrogg, wie ich schon erwähnte, gerade diese war: wie ich mich hier verhalten, wie ich mich zu diesen Menschen stellen sollte. Ich fühlte es schon im voraus, daß ich noch oft solche Zusammenstöße mit ihnen haben würde, wie an diesem ersten Arbeitstage. Doch ungeachtet aller Zusammenstöße, entschloß ich mich, meinen Verhaltungsplan nicht zu ändern, den ich mir inzwischen im großen ganzen schon ausgedacht hatte; ich wußte, daß er richtig war. Ich hatte eingesehen, daß man sich nach Möglichkeit natürlich und frei bewegen mußte, ohne sich besonders um eine Annäherung zu bemühen. Andererseits aber mußte man sie auch nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie von sich aus eine Annäherung wünschten. Ich beschloß, ihre Drohungen und ihren Haß nicht zu fürchten und nach Möglichkeit mir den Anschein zu geben, als bemerke ich so etwas überhaupt nicht. Ferner, in gewissen Dingen sie sich immer fernzuhalten und niemals einige ihrer Angewohnheiten und Sitten zu billigen oder gegen sie auch nur nachsichtig zu sein; mit einem Wort – nicht mich ihnen aufzudrängen und nicht ihre intime Freundschaft zu suchen. Ich erriet schon auf den ersten Blick, daß sie mich anfangs dafür verachten würden, mußte ich doch gerade ihrer Meinung nach, wie ich es auch später aus unzweifelhaften Anzeichen ersah, in erster Linie meine adlige Herkunft wahren und hochhalten, nämlich: den Verzärtelten spielen, sie verabscheuen, wichtig tun, bei jedem Schritt zusammenklappen und die Hände pflegen. Das war ihre Vorstellung von einem Adligen. Sie hätten mich deswegen natürlich verspottet, innerlich aber doch dafür geachtet. Nein, eine solche Rolle sagte mir nicht zu. In diesem Sinne, wie sie den Adel auffaßten, bin ich nie ein Adliger gewesen. Dafür aber gab ich mir mein Wort, durch keine einzige Konzession weder meine Bildung noch meine Denkweise vor ihnen zu erniedrigen. Hätte ich angefangen, um ihnen zu gefallen, mich bei ihnen einzuschmeicheln, in allem ihrer Meinung zu sein, familiär mit ihnen umzugehen, und ihre „Eigenschaften“ mir anzueignen – nur um ihre Wohlgeneigtheit zu erwerben – so würden sie sofort geglaubt haben, ich täte es aus Furcht und Feigheit und sie hätten mich nur mit Verachtung behandelt. A–ff war kein Beispiel für das Gegenteil: er ging zum Major und daher fürchteten sie ihn, nicht er sie.

Andererseits wollte ich mich vor ihnen auch nicht hinter kalter und unnahbarer Höflichkeit verschanzen, wie es die Polen taten.

Ich sah es recht gut ein, daß sie mich verachteten, weil ich ebenso arbeiten wollte, wie sie, und mich vor ihnen nicht zierte und verstellte; und wenn ich auch genau wußte, daß sie späterhin gezwungen sein würden, ihre Meinung über mich zu ändern, so war mir doch der Gedanke, daß sie glauben mußten, ich wolle mich durch meine Arbeitswilligkeit bei ihnen einschmeicheln, geradezu eine Pein.

Als ich am Abend nach Beendigung der Nachmittagsarbeit müde und zerschlagen in den Ostrogg zurückkehrte, überkam mich wieder unerträgliche Sehnsucht.

„Wieviel Tausende solcher Tage stehen mir noch bevor,“ dachte ich, „alle ein und dieselben, alle ein und dieselben!“

Als die Dämmerung sich bereits dem Abend näherte, strich ich allein hinter den Kasernen umher. Da sah ich plötzlich unseren Scharik, wie er in gestrecktem Galopp auf mich zugerannt kam. Scharik war unser Ostrogghund, so wie es Kompagnie-, Bataillons- und Regimentshunde gibt. Er lebte schon seit langer, langer Zeit im Ostrogg, gehörte niemand und allen, hielt einen jeden für seinen Herrn und nährte sich von dem, was ihm aus der Küche zugeworfen wurde. Er war ein ziemlich großer Hund, schwarz mit weißen Flecken, ein echter Hofhund, nicht sehr alt, mit klugen Augen und buschiger Rute. Niemals hatte jemand das Tier gestreichelt, niemand auch nur die geringste Beachtung dem Tiere geschenkt. Schon am ersten Tage hatte ich Scharik gestreichelt und ihm Brot aus der Hand zu fressen gegeben. Als ich ihn streichelte, hatte er ganz still gestanden, freundlich mich angesehen und zum Zeichen seines Wohlbehagens langsam mit der Rute gewedelt. Jetzt aber, nachdem er mich, den ersten Menschen, dem es während seines ganzen Lebens eingefallen war, ihn zu streicheln, solange nicht gesehen hatte, war er überall herumgelaufen, um mich unter den anderen zu suchen – und als er mich nun hinter den Kasernen gefunden hatte, kam er heulend auf mich zugerannt. Ich weiß nicht mehr, was mit mir in jenem Augenblick geschah: ich umfaßte seinen Kopf und küßte ihn. Er setzte seine Vorderpfoten auf meine Schultern und leckte mir das Gesicht.

„Da habe ich jetzt einen Freund, den mir das Schicksal gesandt hat!“ dachte ich, und jedesmal, wenn ich in dieser ersten schweren Zeit von der Arbeit zurückkehrte, eilte ich, noch bevor ich in die Küche ging, hinter die Kasernen, um dort den an mir emporspringenden, vor Freude heulenden Scharik zu umfassen und immer wieder seinen Kopf zu küssen, während ein süßes und doch zugleich quälend bitteres Gefühl mein Herz bedrückte. Und ich entsinne mich noch, es war mir sogar angenehm, zu denken, gleichsam als wäre ich vor mir selbst auf meine Qual stolz gewesen, daß mir in der ganzen Welt nur noch ein einziges lebendes Wesen geblieben war, das mich liebte und mir zugetan war, – mein Freund, mein einziger Freund, mein treuer Hund Scharik.

VII. Neue Bekanntschaften. Petroff

Doch die Zeit verging und allmählich lebte ich mich ein. Die alltäglichen Erscheinungen in meinem neuen Leben nahm ich mit jedem Tage gleichmütiger hin. Die verschiedenen Ereignisse, die Umgebung, die Menschen – alles wurde dem Auge schließlich zum Überdruß. Sich mit diesem Leben auszusöhnen, war unmöglich, doch es als eine vollendete Tatsache hinzunehmen, war nachgerade Zeit. Alles Nichtverstehenkönnen, das noch in mir geblieben war, verbarg ich so tief als möglich in meinem Innersten. Ich strich nicht mehr wie ein Verlorener im Ostrogg umher und ich bemühte mich, durch nichts meine Qual zu verraten. Die gierig neugierigen Blicke der Arrestanten blieben nicht mehr so oft auf mir haften, sie folgten mir nicht mehr mit einer so absichtlich hervorgekehrten Frechheit. Offenbar hatten auch sie sich an mich gewöhnt, worüber ich mich aufrichtig freute. Im Ostrogg bewegte ich mich bald wie im eigenen Hause, kannte meinen Platz auf den Pritschen und hatte mich allem Anscheine nach selbst an solche Dinge gewöhnt, an die mich zu gewöhnen ich anfänglich für vollkommen ausgeschlossen gehalten hatte.

Regelmäßig einmal in der Woche ließ ich die eine Hälfte meines Kopfes rasieren. Jeden Sonnabend in der Feierabendzeit wurden wir zu dem Zweck der Reihe nach auf die Wachtstube gerufen. Dort seiften uns die Regimentsbarbiere mit kaltem Seifenschaum ein und kratzten uns erbarmungslos mit ihren Rasiermessern, die noch viel stumpfer als stumpf waren, so daß es mir auch jetzt noch bei dem bloßen Gedanken an diese Folter kalt über den Rücken läuft. Wer sich nicht rasieren ließ, trug selbst die Verantwortung. Übrigens fand sich bald ein zweckmäßiges Mittel gegen diese Qual: Akim Akimytsch empfahl mir einen Arrestanten, einen ehemaligen Soldaten, der für eine Kopeke mit seinem eigenen Rasiermesser barbierte und daraus ein Handwerk machte. Viele gingen zu ihm, um nicht den Regimentsbarbieren in die Hände zu kommen, und doch war das Volk sonst nicht verwöhnt.

Unser Arrestantenbarbier wurde „Major“ genannt, – warum, weiß ich nicht, und was gerade an ihm dem Major gleichen sollte, weiß ich gleichfalls nicht zu sagen. Ich erinnere mich seiner noch lebhaft: groß und lang war er, hager, schweigsam, ziemlich dumm, ewig in seine Beschäftigung vertieft und ewig mit dem Riemen in der Hand, auf dem er womöglich Tag und Nacht sein ohnehin schon haarscharfes Rasiermesser strich. Wie es schien, ging er in seiner Tätigkeit ganz und gar auf, die er offenbar für seine ganze Lebensaufgabe hielt. Er war unsagbar zufrieden, wenn sein Messer gut war und jemand zu ihm kam, um sich barbieren zu lassen: sein Seifenschaum war warm, seine Hand geschickt, sein Messer wie Sammet. Er fand wirklich Genuß an seiner Kunst und war stolz auf sein Können. Nachlässig nahm er die verdiente Kopeke in Empfang, ganz als hätte es sich für ihn in der Tat nur um die Kunst und nicht um das Geld gehandelt.

A–ff war es einmal unsäglich schlecht ergangen bei unserem Platzmajor, als er beim üblichen Hinterbringen aller Vorgänge im Ostrogg auch auf diesen Barbier zu sprechen gekommen war und unvorsichtigerweise ihn „Major“ genannt hatte. Der Platzmajor soll geradezu wild geworden sein.

„Schurke, du! Weißt du auch, was ein Major ist!“ soll er mit Geifer vor dem Munde geschrieen und ihn auf seine Weise bearbeitet haben. „Begreifst du überhaupt, was dieses Wort bedeutet! Und da wagst du, Kerl, so ein Arrestantenvieh Major zu nennen, und noch dazu mir ins Gesicht, in meiner Gegenwart!“

Nur ein A–ff konnte es fertigbringen, mit einem solchen Menschen auszukommen.

Schon seit dem ersten Tage im Ostrogg begann ich, von meiner späteren Freiheit zu träumen. Die Berechnung, wann meine Strafzeit zu Ende sein würde, wurde in tausend verschiedenen Arten und mit ebensoviel praktischen Bezugnahmen meine liebste Beschäftigung. An anderes konnte ich überhaupt nicht denken, und ich bin überzeugt, daß es einem jeden so ergeht, der für eine Zeitlang der Freiheit beraubt ist. Ich weiß nicht, ob die anderen Zwangsarbeiter ebenso rechneten und dachten wie ich, jedenfalls aber machte mich ihr wundernehmender Leichtsinn in dieser Beziehung nicht wenig stutzig, und zwar schon vom ersten Augenblick an. Die Hoffnung eines Eingekerkerten, der Freiheit Beraubten ist naturgemäß von ganz anderer Art, als die eines frei und werktätig lebenden Menschen. Der freie Mensch hofft natürlich gleichfalls – zum Beispiel, auf eine Schicksalsveränderung, auf das Gelingen irgend eines Unternehmens –, aber er lebt doch dabei ein lebendiges Leben, er ist beschäftigt, das wirkliche Leben zieht ihn immer wieder in seinen Strudel hinein. Der Gefangene dagegen kennt so etwas nicht. Gewiß lebt auch er ein Leben – ein Ostrogg-, ein Zwangsarbeiterleben; aber wer er auch sein mag, und gleichviel, ob er zu einer langen oder kurzen Strafzeit verurteilt ist, er wird dieses Leben instinktiv und ganz entschieden nicht für etwas Positives, Endgültiges nehmen können, für einen Abschnitt seines wirklichen Lebens. Ein jeder Zwangsarbeiter fühlt, daß er nicht „bei sich zu Hause“ ist, sondern gleichsam auf Besuch. Auf zwanzig Jahre sieht er wie auf zwei Jahre und ist dabei fest überzeugt, daß er mit fünfundfünfzig Jahren, bei seinem Austritt aus dem Ostrogg, ein ebenso kräftiger, gewandter Mann sein wird, wie jetzt mit fünfunddreißig.

„Werden schon noch mal leben!“ denkt er und verscheucht eigensinnig alle Zweifel und anderen lästigen Gedanken.

Selbst Verbrecher, die auf unbestimmte Zeit verschickt sind, selbst die rechnen noch darauf, daß plötzlich, sagen wir, aus Piter (Petersburg) ein Befehl kommt: „so und so, nach Nertschinsk in die Erzgruben überzuführen und eine Frist zu bestimmen.“ Was fehlte ihnen dann! Nach Nertschinsk dauert der Marsch etwa ein halbes Jahr und mit einem ganzen Trupp zu marschieren ist doch im Vergleich zum Ostrogg tausendmal besser! Und dann in Nertschinsk die festgesetzte Strafzeit zu beenden, um dann ...

Und so hofft ja noch manch einer mit weißem Haar!

In Tobolsk habe ich an die Wand angeschmiedete Verbrecher gesehen. Die Ketten eines solchen sind etwa zwei Meter lang; und dort hat er auch seine Pritsche. Angeschmiedet hat man ihn für irgend ein ganz unerhörtes Verbrechen, das er bereits in Sibirien begangen hat. Und so sitzt er nun fünf Jahre, sitzt sogar zehn Jahre an der Kette. Größtenteils sind es ehemalige Räuber. Nur ein einziger schien unter denen, die ich sah, besserer Herkunft zu sein: er war, glaube ich, einmal irgendwo ein kleiner Beamter gewesen. Er sprach äußerst sanft, fast flüsternd, und mit einem süßlichen Lächeln. Er zeigte uns seine Ketten und zeigte, wie man sich am bequemsten auf die Pritsche hinlegen konnte. Er war in seiner Art sicherlich ein ganz besonderer Vogel. Alle verhalten sie sich dort völlig friedlich und alle scheinen sie ganz zufrieden zu sein, trotzdem will aber ein jeder von ihnen ungeheuer gern recht bald seine Zeit an der Wand abgesessen haben. Wozu nur, sollte man meinen? – Wozu? Sehr einfach: er wird dann aus dem dumpfen, muffigen Raum mit den niedrigen Backsteingewölben hinausgehen und auf dem Ostrogghof spazieren und ... und das ist alles. Aus dem Ostrogg wird man ihn nie hinauslassen. Er weiß es selbst sehr gut, daß die von der Wandkette Befreiten ewig im Ostrogg bleiben müssen, bis zu ihrem Tode, und auch die Fußketten werden ihnen nicht früher abgenommen. Er weiß alles ganz genau und dennoch will er recht, recht bald seine Zeit an der Wand abgesessen haben. Könnte er es denn ohne diesen Wunsch fünf oder sechs Jahre so angeschmiedet aushalten und nicht sterben und nicht den Verstand verlieren? Wer würde das sonst fertigbringen?

Ich fühlte, daß die Arbeit mich retten, meine Gesundheit, meinen Körper stärken würde. Die fortwährende geistige Unruhe, die nervöse Erschütterung die schlechte Luft in der Kaserne hätten mich gänzlich vernichten können. „Ich muß soviel als möglich in der frischen Luft sein, muß mich jeden Tag müde arbeiten, muß mich gewöhnen, Lasten zu tragen – nur so werde ich mich stärken können und gesund, rüstig, stark und nicht alt geworden in die Freiheit zurückkehren.“ Ich habe mich nicht getäuscht: die Arbeit und die Bewegung in der frischen Luft waren mir sehr zuträglich.

Mit wahrem Entsetzen blickte ich auf einen meiner Kameraden von den Adligen, der im Ostrogg wie ein Licht erlosch. Er war mit mir zusammen hingekommen, ein junger, hübscher, kräftiger Junge, und als er ihn wieder verließ, da war er schon halbtot, ergraut, so gut wie ohne Füße und kurzatmig. Nein, dachte ich bei seinem Anblick, ich will leben und ich werde leben! Dafür aber hatte ich vieles von den Arrestanten hinzunehmen, die mich für meine Liebe zur Arbeit mit Verachtung und Spott bedachten. Doch ich machte mir nichts daraus und begab mich immer frisch drauf los zu jeder Arbeit, und wenn es auch nur das Brennen und Stoßen von Alabaster war – eine der ersten Arbeiten, die ich kennen lernte. Übrigens war das die leichteste. Das Ingenieurkommando war nach Möglichkeit bemüht, den Adligen die Arbeit zu erleichtern, was jedoch durchaus nicht Nachsicht, sondern nur Gerechtigkeit war. Wäre es doch sonderbar gewesen, von einem Menschen, der physisch nie gearbeitet hat, dieselbe Arbeit zu verlangen, wie von einem dreimal so starken richtigen Arbeiter. Doch diese Nachsicht oder „Verwöhnung“ wurde nicht immer durchgeführt, ja es geschah gewöhnlich sogar etwas verstohlen, denn es wurde darauf streng aufgepaßt – von anderer Seite. Sehr oft mußten wir auch schwere Arbeit verrichten und dann hatten wir es natürlich doppelt so schwer, wie die anderen. Zur Alabasterarbeit wurden gewöhnlich nur drei oder vier bestimmt, Greise oder Schwächlinge, nun, und bisweilen auch wir. Außerdem wurde noch mehrere Jahre lang immer ein und derselbe Sträfling mitgeschickt, ein gewisser Almasoff, ein strenger, brünetter, hagerer, nicht mehr junger Mensch, der äußerst wenig mitteilsam und sehr eigensinnig war. Er verachtete uns tief. Übrigens war er sehr wortkarg, was sich bei ihm sogar so weit ausdehnte, daß er selbst zum Anknurren zu faul war.

Der Schuppen, in dem der Alabaster gebrannt und gestoßen wurde, befand sich gleichfalls am öden und steilen Ufer des Flusses. Im Winter, namentlich an trüben, dunklen Tagen, war es langweilig, auf den Fluß und das gegenüberliegende Ufer zu sehen. Es lag etwas Sehnsüchtiges, das Herz Zerreißendes in dieser wilden und öden Landschaft. Doch war es fast noch schwerer, wenn auf der unendlichen weißen Schneedecke grell blendender Sonnenschein lag: dann wäre man am liebsten hinübergeflogen, dorthin in diese Steppe, die sich jenseits des Flusses wie ein einziges großes Tuch auf anderthalbtausend Werst gegen Süden hinzog.

Almasoff machte sich gewöhnlich stumm und finster an die Arbeit. Wir aber schämten uns gewissermaßen, weil wir ihm nicht in der entsprechenden Weise helfen konnten; er jedoch machte alles allein und verlangte absichtlich nicht nach unserer Hilfe, gleichsam als wolle er uns damit unsere ganze Schuld vor ihm zu fühlen geben, auf daß wir über die eigene Nutzlosigkeit Reue empfänden. Die ganze Arbeit bestand aber nur darin, daß man den Ofen anheizte, um den Alabaster brennen zu können, den wiederum wir ihm zuschleppten. Schon am nächsten Tage, wenn der Alabaster genug gebrannt war, mußte er aus dem Ofen wieder herausgeschafft werden. Darauf nahm jeder von uns einen schweren Hammer, stellte seinen besonderen Kasten mit Alabaster vor sich hin und dann begann das Zerstoßen. Das war eine herrliche Arbeit. Der körnige Alabaster verwandelte sich schnell in weißes blitzendes Pulver, so leicht, so schnell zerbröckelte er und ließ er sich feinstoßen. Wir klopften lustig mit den schweren Hämmern und riefen ein solches Getöse hervor, daß es eine wahre Freude war. Und wurden wir schließlich auch müde, so war es uns doch leicht ums Herz: in das Gesicht kam wieder Farbe und das Blut zirkulierte schneller. Dann sah selbst Almasoff gnädiger auf uns herab, etwa wie man auf kleine Kinder sieht, wenn sie eine Beschäftigung gefunden haben. Gnädig rauchte er seine Pfeife, konnte es aber doch nicht unterlassen, uns anzuknurren, wenn er etwas sagen mußte. Übrigens verhielt er sich gegen alle so, im Grunde aber war er, glaube ich, ein guter Mensch.

Eine andere Arbeit, die mir auch noch zugeteilt wurde, war – in der Werkstatt das Schleifrad zu drehen. Das Rad war groß und schwer. Da mußte man sich nicht wenig anstrengen, besonders wenn der Drechsler – einer der Militärhandwerker – etwa Pfosten für Treppengeländer drechselte, oder große Tischfüße für das Meublement irgend eines Beamten, das die Regierung diesem freistellte. Zu solchen Tischfüßen war fast ein ganzer Balken erforderlich. Dann war das Drehen für einen zu schwer und man bestimmte gewöhnlich zwei dazu, mich und noch einen Adligen, B. So wurde diese Arbeit mehrere Jahre lang uns zugewiesen, sobald es nur irgend etwas zu drechseln gab. B. war ein schwacher, kränklicher Mensch, noch jung, aber brustleidend. Er lebte schon seit einem ganzen Jahr im Ostrogg und war mit zwei Gefährten hingekommen: der eine von ihnen, ein Greis, der während der ganzen Zeit seines Ostrogglebens Tag und Nacht betete – wofür ihn die Arrestanten ungemein achteten – starb bald nach meiner Ankunft, und der andere, ein noch sehr junger Mensch, der frisch, gesund, stark und mutig war, hatte unterwegs den schon nach der ersten Hälfte der Etappe völlig erschöpften B. getragen, etwa siebenhundert Werst weit, ununterbrochen, bis zum Ostrogg. Diese Freundschaft hätte man sehen müssen! B. hatte eine vorzügliche Bildung genossen und hatte einen edlen, großzügigen Charakter, doch durch die Krankheit war er reizbar und erbittert geworden. Wir drehten zusammen das Rad und das Drehen war uns beiden eine gute Beschäftigung, für mich besonders war sie eine vorzügliche Bewegung nach den ruhigeren Arbeiten.

Auch das Schneeschaufeln bereitete mir viel Vergnügen, ich tat es sehr gern. Dazu wurden wir gewöhnlich nach großen Schneestürmen angestellt, die ja im Winter nicht selten sind. Nach so einem vierundzwanzigstündigen Schneesturme war manches Haus bis zur halben Fensterhöhe, manches bis zum Dach im Schnee vergraben. Dann, sobald der Sturm aufgehört hatte und die Sonne wieder schien, wurden wir in großen Trupps hinausgeschickt, zuweilen sogar der ganze Ostrogg, um die Schneeberge vor den Staatsgebäuden fortzuschaufeln. Jeder erhielt eine Schaufel und alle zusammen eine Aufgabe, die nicht selten so groß war, daß man sich wundernd fragte, wie man damit fertig werden sollte. Aber siehe da – es ging! Alle machten sich einmütig und flink an die Arbeit. Der lockere, kaum erst sich lagernde und oben nur ein wenig gefrorene Schnee ließ sich leicht auf die Schaufel nehmen, und die großen Stücke oder loseren Haufen flogen in Bogen kreuz und quer durch die Luft und verwandelten sich noch im Fluge in glitzernden Staub. Es war eine Lust, die Schaufel in die weiße, im Sonnenschein blendende Masse hineinzustechen. Bei dieser Arbeit waren die Arrestanten immer lustig und guter Laune. Die frische Winterluft und die Bewegung erwärmten sie, und die Munterkeit war ansteckend: Lachen ertönte, Geschrei und Witze. Man warf sich sogar mit Schneebällen, worüber natürlich die Vernünftigen und über die allgemeine Heiterkeit Ungehaltenen schon im nächsten Augenblick zu schreien hatten, und so endete die anfängliche Fröhlichkeit gewöhnlich mit Schimpf und Streit.

Mit der Zeit fing auch der Kreis meiner Bekannten an, sich zu vergrößern. Übrigens dachte ich selbst nicht daran, neue Bekanntschaften zu suchen, ich war immer noch unruhig, niedergeschlagen und mißtrauisch. Aber die Bekanntschaften ergaben sich ganz von selbst.

Einer der ersten, die mich besuchten, war der Arrestant Petroff. Ich sage „besuchten“ und will dieses Wort noch absichtlich betonen.

Petroff befand sich in der besonderen Abteilung und lebte in der entferntesten Kaserne, die ganz im Hintergrunde des Ostrogg lag, somit konnte es zwischen uns gar keine Berührungspunkte geben, und innerlich Gemeinsames gab es zwischen uns gleichfalls nicht, das war ganz ausgeschlossen. Nichtsdestoweniger schien dieser Petroff in der ersten Zeit es nahezu für seine Pflicht zu erachten, womöglich jeden Tag zu mir in die Kaserne zu kommen oder mich am Feierabend, wenn ich möglichst weit von allen anderen hinter den Gebäuden am Zaun entlang spazierte, aufzusuchen und anzureden. Anfangs war mir das recht unangenehm. Aber er verstand es so zu machen, daß seine „Besuche“ mir bald zu einer angenehmen Zerstreuung wurden, obgleich er durchaus nicht ein sehr mitteilsamer oder gesprächiger Mensch war. Was sein Äußeres anbelangt, so war er nicht hoch von Wuchs, stark gebaut, gewandt, unruhig, mit einem ziemlich sympathischen Gesicht, etwas bleich, mit breiten Backenknochen, dreistem Blick und weißen, dichten, schmalen Zähnen. Ewig hatte er eine Prise Kautabak hinter der Unterlippe. Übrigens hatten ziemlich viele Arrestanten es sich zur Angewohnheit gemacht, Tabak in den Mund zu nehmen. Er sah jünger aus, als er war: man hielt ihn für dreißig, während er schon vierzig zählte. Wenn er mit mir sprach, so tat er es immer ganz ungezwungen, benahm sich wie ein völlig Gleichstehender, das heißt soviel wie äußerst anständig und taktvoll. Bemerkte er zum Beispiel, daß ich die Einsamkeit suchte, so sprach er nur ein paar Worte mit mir und verließ mich sofort, nachdem er mir jedesmal für die Aufmerksamkeit gedankt hatte, was er sonst niemals und mit keinem einzigen in der ganzen Kátorga tat. Auch war noch eines sonderbar, – daß diese Beziehungen zwischen uns nicht etwa nur in der ersten Zeit, sondern mehrere Jahre lang fortdauerten, ohne daß wir uns dabei merklich nähergetreten wären, obschon er mir tatsächlich und aufrichtig zugetan war. Selbst jetzt vermag ich es mir noch nicht zu erklären, was er eigentlich von mir wollte, und weswegen er jeden Tag zu mir kam. Zwar kam es späterhin auch vor, daß er mich bestahl, doch geschah es von ihm immer – gleichsam „aus Versehen“. Um Geld bat er mich fast nie, folglich ist er nicht des Geldes wegen oder aus sonst einer Berechnung gekommen.

Desgleichen vermag ich nicht zu sagen, aus welchem Grunde es mir fortwährend schien, daß er gar nicht im Ostrogg lebte, sondern irgendwo ganz weit von uns in einem anderen Hause, in der Stadt vielleicht, und den Ostrogg nur im Vorübergehen besuchte, etwa um Neuigkeiten zu erfahren, mit mir ein paar Worte zu wechseln, und so ein wenig zu sehen, wie wir alle es eigentlich machten. Er schien es immer eilig zu haben, ganz als hätte er jemand nur auf einen Augenblick verlassen und werde von ihm erwartet, als wäre er irgendwo mit irgend etwas noch nicht fertig geworden und müsse hineilen, um es zu beenden. Dabei aber schien er sich wiederum doch nicht gar zu sehr zu beeilen. Auch sein Blick war eigentümlich: aufmerksam, unbeweglich, mit einem Schimmer von Dreistigkeit und etwas Spott, doch blickte er dabei, wie es schien, gleichsam in die Ferne, gleichsam durch den Gegenstand hindurch: als bemühte er sich, hinter dem Gegenstande, der vor ihm stand, noch einen anderen, weiter gelegenen zu betrachten. Das verlieh ihm ein zerstreutes Aussehen. Zuweilen gab ich absichtlich acht darauf, wohin Petroff ging, wenn er mich verließ, und wo er denn eigentlich so erwartet wurde. Er aber begab sich von mir eilig in irgend eine Kaserne oder in eine Küche, setzte sich dort neben ein paar anderen hin, die sich unterhielten, hörte ihnen aufmerksam zu, trat mitunter sogar selbst in ein Gespräch, sprach sogar sehr eifrig, bis er dann plötzlich wieder abbrach und verstummte. Doch ob er sprach oder ob er stillschweigend saß, man sah es ihm immer an, daß er es nur so im Vorübergehen tat und dort irgendwo etwas zu tun hatte und erwartet wurde. Am sonderbarsten war aber dabei, daß er überhaupt keine Beschäftigung hatte, er lebte in vollständigem Müßiggang – natürlich abgesehen von der Zwangsarbeit. Ein Handwerk verstand er nicht und auch Geld besaß er fast nie. Doch machte er sich um das Geld auch nicht viel Sorgen.

Worüber er mit mir sprach?

Die Gespräche, die er mit mir anknüpfte, waren ebenso seltsam wie er selbst. Sah er, zum Beispiel, daß ich allein hinter den Kasernen war, so wandte er sich plötzlich hastig zu mir um. Er ging stets schnell und machte brüske Wendungen. Kam er auch im Schritt auf einen zu, so schien es doch, als ob er liefe.

„Guten Tag.“

„Guten Tag.“

„Störe ich Sie nicht?“

„Nein.“

„Ich wollte Sie etwas über Napoleon fragen. Er ist doch ein Verwandter von dem, der im Jahre zwölf in Rußland war?“

Petroff war Kantonist gewesen und hatte Lesen und Schreiben gelernt.

„Ja, er ist sein Neffe.“

„Was ist er denn da für ein Präsident?“

Er fragte immer sehr schnell und kurz, als müsse er möglichst bald das Gewünschte erfahren, als müsse er sich in einer sehr wichtigen Sache, die nicht den geringsten Aufschub duldet, eines besonderen Umstandes vergewissern.

Ich erklärte es ihm, was für ein Präsident Napoleon war, und fügte noch hinzu, daß er vielleicht bald Kaiser werden würde.

„Wie denn das?“

Ich erklärte ihm auch dies, so gut ich konnte. Petroff hörte aufmerksam zu, begriff es vollkommen und begriff schnell, und hielt beim Zuhören wie gewöhnlich das Ohr zu mir geneigt.

„Hm ... Ich wollte Sie, Alexander Petrowitsch, fragen, – ist es wahr, daß es solche Affen gibt, deren Hände, wie man sagt, bis zu den Fersen reichen und die so groß sind wie der größte Mensch?“

„Ja, es gibt solche.“

„Was sind denn das für welche?“

Ich beantwortete ihm, so gut ich konnte, auch diese Frage.

„Und wo leben sie denn?“

„In den heißen Ländern. Auf der Insel Sumatra zum Beispiel.“

„Das ist doch in Amerika, nicht wahr? Aber wie ist das, man sagt, dort sollen die Menschen mit dem Kopf nach unten umhergehen?“

„Nicht mit dem Kopf nach unten ... Sie meinen die Antipoden.“

Ich erklärte ihm, was Amerika ist, wo es liegt und nach Möglichkeit auch, was man unter Antipoden versteht. Er hörte wieder ungewöhnlich aufmerksam zu, ganz als wäre er einzig wegen der Antipoden gekommen.

„Ah so! Aber da hab ich im vergangenen Jahr von der Gräfin Lavallière gelesen, von dem Adjutanten Andrejeff hatte ich das Buch mitgebracht. Ist das nun alles wahr, oder nur so – ausgedacht? Von Dumas geschrieben.“

„Selbstverständlich erdacht.“

„Nun, Adieu. Besten Dank.“

Und Petroff verschwand.

Wir haben tatsächlich nie anders gesprochen, als in dieser Weise.

Ich versuchte Erkundigungen über ihn einzuziehen. Als ich M. von meiner neuen Bekanntschaft Mitteilung machte, warnte er mich. Er sagte mir, viele Arrestanten hätten in ihm Furcht erweckt, besonders in den ersten Tagen nach seiner Ankunft im Ostrogg, doch kein einziger von ihnen, nicht einmal Gasin, habe einen so entsetzlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie dieser Petroff.

„Er ist der Entschlossenste, der Furchtloseste von ihnen allen,“ sagte M. „Er ist zu allem fähig; er wird vor nichts zurückschrecken, wenn er sich einmal etwas in den Kopf setzt. Er würde auch Sie ermorden, wenn es ihm einmal einfallen sollte, ohne jede Ursache, ganz einfach, weil er eben ermorden will, und er wird dabei weder mit der Wimper zucken noch nachträglich irgend welche Reue darüber empfinden. Ich glaube sogar, daß er nicht bei vollem Verstande ist.“

Diese Auskunft erweckte noch lebhafter mein Interesse. Doch M. wußte selbst nicht zu sagen, warum es ihm so schien. Und sonderbar: noch mehrere Jahre sprach ich mit Petroff fast täglich, und die ganze Zeit war er mir aufrichtig zugetan – obgleich ich entschieden nicht weiß, aus welchem Grunde er es war – und während all dieser Jahre, in denen er übrigens vernünftig und ruhig im Ostrogg lebte und so gut wie nichts Schlechtes beging, überzeugte ich mich doch jedesmal, wenn ich ihn ansah oder mit ihm sprach, daß M. recht hatte und Petroff vielleicht wirklich der entschlossenste und furchtloseste Mensch war, der keine einzige Schranke über sich kannte. Doch warum es mir so schien – darüber vermag ich gleichfalls nicht Rechenschaft zu geben.

Ich muß noch bemerken, daß dieser Petroff es gewesen war, der unseren Platzmajor hatte erstechen wollen, als er bestraft werden sollte: jener wurde nur „durch ein Wunder“, wie die Arrestanten sagten, gerettet, da er gerade noch vor dem kritischen Augenblick davongefahren war. Früher einmal, noch vor der Kátorga, hatte ihn sein Oberst beim Exerzieren geschlagen. Wahrscheinlich war er auch vorher schon geschlagen worden, doch diesmal wollte er es sich nicht wieder gefallen lassen und erstach seinen Oberst mit dem Bajonett, erstach ihn vor der Front, ganz offen, mitten am Tage. Übrigens kenne ich seine ganze Geschichte nicht so genau; er hat sie mir niemals erzählt. Doch das waren natürlich nur kurze Ausbrüche, in denen sich plötzlich seine ganze Natur restlos offenbarte, und diese Ausbrüche waren immerhin sehr selten. Er war sonst wirklich ein verständiger und sogar friedsamer Mensch. Gewiß waren Leidenschaften in ihm, und sogar mächtige, brennende; aber die glühenden Kohlen waren beständig mit Asche bedeckt und glommen unsichtbar. Niemals habe ich auch nur einen Schatten von Prahlerei oder Eitelkeit an ihm wahrgenommen, wie bei den anderen. Selten nur stritt er, doch war er auch mit niemandem besonders befreundet, allenfalls noch mit Ssirotkin, aber auch das nur dann, wenn er seiner bedurfte. Übrigens einmal habe ich ihn doch ernstlich erzürnt gesehen. Man wollte ihm irgend etwas nicht geben, irgend einen Gegenstand, ich glaube, man hatte ihn übervorteilt. Sein Gegner war einer der stärksten Arrestanten, ein großer, händelsüchtiger Spötter und längst kein Feigling, Wassilij Antonoff mit Namen, ein ehemaliger Kleinbürger. Sie hatten schon längere Zeit gestritten und ich fürchtete, daß die Sache kaum mit gewöhnlichen Faustschlägen erledigt werden würde, denn wenn Petroff auch selten stritt und prügelte, so tat er es doch, wenn er es einmal tat, nicht wie die anderen Arrestanten. Diesmal aber kam es anders: Petroff erbleichte plötzlich, seine Lippen erbebten und wurden blau – er atmete schwer. Dann erhob er sich von seinem Platz und näherte sich langsam, ganz langsam, unhörbar mit seinen bloßen Füßen – im Sommer ging er mit Vorliebe barfuß – seinem Widersacher. In der ganzen geräuschvollen Kaserne wurde es still, alles verstummte; selbst das Summen einer Mücke hätte man gehört. Alle warteten darauf, was jetzt geschehen würde. Da sprang Antonoff von seinem Platz auf, sein Gesicht war nicht wiederzuerkennen ... Ich hielt es nicht aus und verließ die Kaserne. Ich glaubte, ich würde kaum über die Schwelle getreten sein ... und der letzte Schrei eines ermordeten Menschen müßte mich erreichen. Doch es kam nicht dazu: Antonoff hatte, noch bevor Petroff an ihn herangekommen war, plötzlich wortlos den Gegenstand ihm zugeworfen. Es handelte sich um ein erbärmliches Stück Zeug, um irgendwelche Fußlappen, wenn ich mich recht entsinne. Natürlich mußte Antonoff ihn jetzt noch etwas ausschimpfen, was er hauptsächlich zur Erleichterung seines Herzens und des Anstandes halber tat, damit die anderen nicht etwa glauben sollten, er habe Angst vor ihm gehabt. Doch Petroff schenkte dem Geschimpfe überhaupt keine Beachtung, ja er antwortete jenem nicht einmal: ihm war es nicht um das Schimpfen zu tun und außerdem war er ja der gewinnende Teil. Er war sehr zufrieden und nahm seine alten Lumpen wieder an sich. Nach einer Viertelstunde strich er schon wie gewöhnlich im Ostrogg umher, mit dem Ausdruck völliger Beschäftigungslosigkeit, und als warte er, ob nicht irgendwo von etwas Interessanterem gesprochen wurde, um dann auch seine Nase hineinzustecken und zuzuhören. Ihn interessierte, wie es schien, alles, doch weiß ich nicht, wie es kam, daß ihn alles im Grunde gleichgültig ließ und er sich nur so umhertrieb, bald hierhin, bald dorthin. Man hätte ihn mit einem Arbeiter vergleichen können, mit einem guten Arbeiter, dem man aber vorläufig keine Arbeit gibt: und da sitzt er denn in Erwartung derselben und spielt mit kleinen Kindern. Auch begriff ich nicht, weshalb er im Ostrogg blieb und nicht entfloh? Er hätte keinen Augenblick gezögert, zu entfliehen, sobald er es nur wirklich gewollt hätte. Solche Menschen, wie Petroff, werden nur solange von der Vernunft regiert, bis sie plötzlich irgend etwas wollen. Dann aber kann sie nichts in der Welt mehr aufhalten. Und ich bin überzeugt, daß er, geschickt und schlau wie er war, zu entfliehen verstanden hätte, und daß es ihm nichts ausgemacht haben würde, eine ganze Woche ohne Brot im Walde oder am Flußufer im Schilf zu verbringen. Augenscheinlich war er jedoch überhaupt noch nicht auf diesen Gedanken gekommen und konnte daher auch nicht so etwas wollen. Eine große Urteilskraft oder ein besonderer Menschenverstand ist mir niemals an ihm aufgefallen. Diese Menschen werden gleichsam mit einer einzigen Idee geboren, die sie ihr ganzes Leben lang bald hierhin, bald dorthin bewegt, und so treiben sie sich ihr ganzes Leben lang umher, bis sie eine Tätigkeit finden, die ihnen vollständig zusagt; dann aber ist es ihnen auch um die Erhaltung ihres Kopfes nicht mehr zu tun. Es wunderte mich, wie ein solcher Mensch, der für gewöhnliche Schläge seinen Oberst aufgespießt hatte, sich bei uns widerspruchslos unter die Ruten legte. Er wurde zuweilen dazu verurteilt, wenn er beim Branntweinschmuggel abgefaßt worden war. Wie alle beschäftigungslosen Arrestanten versuchte auch er es bisweilen, Branntwein durchzuschmuggeln. Doch auch unter die Ruten beugte er sich gleichsam mit seinem vollen Einverständnis, d. h. als hatte er eingesehen, daß es recht war; anderenfalls hätte er es nie und nimmer getan, eher hätte man ihn totschlagen können. Ebenso wunderte es mich, wenn er mich trotz seiner ganzen aufrichtigen Zuneigung bestahl. Er war es auch, der mir meine Bibel stahl, die ich ihm gegeben hatte, damit er sie an ihren alten Aufbewahrungsort bringen sollte. Der Weg war nur wenige Schritte lang, doch trotzdem war es ihm gelungen, unterwegs einen Käufer zu finden, sie zu verkaufen und das Geld sogleich zu vertrinken. Sicherlich muß das Verlangen zu trinken schon gar zu groß in ihm gewesen sein, was er aber sehr wollte, das mußte natürlich getan werden. Ja, das sind solche, die einen Menschen wegen fünfundzwanzig Kopeken ermorden, um für diese Kopeken ein Maß Branntwein trinken zu können, während er zu einer anderen Zeit sich eine Summe von Hunderttausend entgehen läßt. Am Abend desselben Tages meldete er mir noch selbst seinen Diebstahl, tat es aber ohne die geringste Verwirrung oder Reue, vielmehr vollkommen freundlich, als wäre es eine ganz gewöhnliche Mitteilung gewesen. Ich versuchte, ihn gehörig auszuschelten – auch tat mir meine Bibel leid. Er hörte mir in aller Seelenruhe zu, saß ganz friedlich und rührte sich nicht; er gab vollkommen zu, daß die Bibel ein sehr nützliches Buch sei, es tat ihm auch aufrichtig leid, daß ich sie nicht mehr besaß, doch tat es ihm dabei nicht im geringsten leid, daß er sie mir gestohlen hatte. Er sah mich mit einem solchen Selbstbewußtsein an, daß ich sofort aufhörte, ihn zu schelten. Mein Schelten aber nahm er ruhig hin, wahrscheinlich in der Erwägung, daß es doch nicht gut ginge, ihn dafür nicht zu schelten: „folglich mag es nur geschehen“ – mit anderen Worten: „kann er sich ausschimpfen, so beruhigt er sich schneller, also mag er nur; im Grunde aber ist das ja doch nur Unsinn, ein solcher Unsinn, daß ein ernster Mensch sich eigentlich schämen müßte, über so etwas auch noch Worte zu verlieren.“ Ja, es will mir sogar scheinen, daß er mich überhaupt nur für ein Kind gehalten hat, wenn nicht gar für einen noch ganz kleinen Säugling, der nicht einmal die einfachsten Dinge der Welt begreift. Zum Beispiel, wenn ich als erster ihn anredete und nicht von Wissenschaft oder Büchern sprach, so antwortete er mir zwar, doch tat er es gleichsam nur aus Höflichkeit und beschränkte sich auf die kürzesten Erwiderungen. Oft fragte ich mich, wozu er dieser Bücherweisheit bedurfte, in der er sich durch mich gewöhnlich unterrichten ließ. Es kam vor, daß ich ihn während dieser Gespräche nicht selten von der Seite ansah: wollte er sich über mich lustig machen? Doch nein, das war es nicht. Gewöhnlich hörte er mir ernst und aufmerksam zu, aber im Grunde doch nicht allzu aufmerksam, und dieser letztere Umstand verdroß mich nicht selten. Seine Fragen stellte er stets sehr genau, bestimmt, doch über die von mir erhaltene Auskunft schien er sich weiter nicht zu wundern, ja er vernahm sie fast zerstreut. Auch schien es mir, daß er in Bezug auf mich sich überzeugt hatte – und zwar ohne sich lange den Kopf darüber zu zerbrechen –, daß man mit mir nicht wie mit anderen Menschen sprechen könne, daß ich, ausgenommen von Büchern, nichts verstehen würde, ja nicht einmal fähig wäre, zu verstehen, und es sich folglich gar nicht lohne, mich mit anderen Dingen zu beunruhigen.

Und doch bin ich überzeugt, daß er mich sogar wirklich gern hatte, worüber ich nicht wenig erstaunt war. Hielt er mich etwa für einen unausgewachsenen, nicht vollen Menschen, oder hatte er ein besonderes Mitleid mit mir, das jedes starke Wesen instinktiv einem schwächeren gegenüber empfindet, und hatte er mich für ein solches angesehen – ich weiß es nicht. Und wenn ihn alle diese eventuellen Gefühle auch nicht abhielten, mich zu bestehlen, so bin ich doch fest überzeugt, daß er, während er stahl, mich bemitleidete.

„Ach,“ dachte er vielleicht in dem Augenblick, als er sich mein Eigentum aneignete, „was ist denn das für ein Mensch, der nicht einmal für sein Hab und Gut einstehen kann!“

Aber gerade deshalb hatte er mich lieb. Er sagte es mir einmal sogar selbst – wohl halb aus Versehen –, daß ich ein „schon gar zu gutes Herz“ habe, und „Sie sind ein so treuherziger Mensch, so treuherzig, daß man mit Ihnen wirklich nur Mitleid haben kann. Nur müssen Sie das, Alexander Petrowitsch, nicht als Kränkung auffassen,“ fügte er nach einer Minute hinzu, „ich habe es doch nur so gesagt, aus dem Herzen heraus.“

Mit solchen Leuten geschieht es gewöhnlich im Leben, daß sie plötzlich scharf und groß hervortreten und im Augenblick einer großen allgemeinen Aktion oder Revolution ihren vollen Ausdruck finden und mit einem Schlage in ihre eigenste Tätigkeit hineinkommen. Sie sind nicht Männer des Wortes und können nicht die Anstifter oder die Hauptführer der Sache sein, doch dafür sind sie die Hauptvollbringer der Tat und sind die ersten, die anfangen. Sie fangen ganz einfach an, ohne besonderes Aufsehen zu erregen, doch sind sie die ersten, die über das größte Hindernis ohne zu zögern und furchtlos hinübertreten, allen Gefahren entgegen – und siehe, alle stürzen ihnen nach und folgen ihnen blindlings, und so gehen sie bis zur letzten Grenze, bis zur letzten Mauer ... wo sie dann gewöhnlich auch ihre Köpfe niederlegen.

Ich glaube nicht, daß Petroff gut geendet hat. Im Leben dieser Menschen kommt gewöhnlich ein Augenblick, in dem sie mit einemmal alles beenden, und wenn Petroff noch nicht untergegangen war, so sagte das nur, daß sein Augenblick noch nicht gekommen war. Übrigens, was kann man wissen? Vielleicht wird er noch bis zum Silberhaar leben und seelenruhig vor Altersschwäche sterben, bis dahin aber immer noch ziellos hierhin und dorthin schlendern. Aber es scheint mir doch, daß M. recht hatte, als er sagte, Petroff sei der entschlossenste Mensch im ganzen Ostrogg.

VIII. Entschlossene Menschen. Lutschka

Von den entschlossenen Menschen ist schwer etwas Bestimmtes zu sagen. In der Kátorga gab es ihrer, wie überall, ziemlich wenig. Dem Ansehen nach allerdings ist manch einer ein furchterweckender Mensch, und denkt man daran, was von ihm erzählt wird, so geht man im Bogen um ihn herum. Irgend ein unbestimmbares Gefühl veranlaßte mich anfänglich, diese Menschen soviel als möglich zu meiden. Späterhin dagegen habe ich meine Ansicht selbst über die furchtbarsten Mörder geändert. Manch einer, der überhaupt nicht gemordet hatte, war tausendmal furchtbarer, als einer, der wegen sechs Mordtaten verschickt war. Es gab auch Verbrechen, die man sich überhaupt nicht erklären konnte, dermaßen seltsam waren sie. Ich sage dieses hauptsächlich aus dem Grunde, weil bei uns unter dem einfachen Volke viele Verbrechen aus den wunderlichsten Veranlassungen begangen werden. So findet man zum Beispiel sehr häufig folgenden Mördertyp: Der Mensch lebt irgendwo ganz ruhig und friedlich. Er hat es schwer, – er leidet. Nehmen wir an, er ist ein Landbauer, oder ein Höriger, oder ein Bürger, oder auch ein Soldat. Plötzlich ist ihm irgend etwas in die Quere gekommen: er hat es nicht mehr ausgehalten und seinen Feind und Bedrücker erstochen. Nun aber beginnt das Seltsame: der Mensch scheint für eine Zeitlang völlig aus Rand und Band zu sein. Der erste, den er ermordet hat, war sein Feind gewesen; der Mord ist, wenn auch ein Verbrechen, so doch begreiflich, es war eine Veranlassung zu dieser Tat vorhanden. Dann aber tötet er nicht nur seine Feinde, sondern den ersten Besten, tötet nur zu seinem Vergnügen, tötet wegen eines groben Wortes, wegen eines Blickes, oder einfach –: „Aus dem Wege, sollst mir nicht entgegenkommen, ich gehe!“ Als wäre der Mensch plötzlich trunken oder als täte er es halb bewußtlos im Fieber. Ganz als fände er, der schon einmal über die Grenze des heiligen Gebots hinübergesprungen ist, bereits Gefallen daran, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt; ganz als triebe es ihn, mit einemmal über alle Gesetze und alle Macht hinwegzutreten und in der zügellosesten, unbegrenztesten Freiheit zu schwelgen, zu schwelgen in diesem Ersterben des Herzens vor einem Entsetzen, das er unmöglich vor sich selbst nicht empfinden kann. Zudem weiß er nur zu gut, daß eine furchtbare Strafe ihn erwartet. Sein ganzer Zustand ließe sich vielleicht mit demjenigen eines Menschen auf einem hohen, hohen Turm vergleichen, der sich unwillkürlich in die Tiefe, die er vor seinen Füßen sieht, hinabgezogen fühlt, so daß er selbst schließlich froh wäre, sich mit dem Kopf voran hinunterstürzen zu können: nur hinab, und dann ist es geschehen! Und das findet man sogar bei den friedlichsten und bis dahin unauffälligsten Menschen. Einige von ihnen brüsten sich noch in diesem Zustande: je verschüchterter er früher war, umsomehr will er jetzt anderen Furcht einflößen. Diese Furcht der anderen vor ihm wird ihm fast ein Genuß, und selbst den Ekel, den er in ihnen erweckt, selbst den liebt er geradezu. Er gibt sich den Anschein einer gewissen Tollkühnheit, doch solch ein „Tollkühner“ wünscht mitunter selbst seine Strafe schneller herbei, wünscht, daß man ihn bald „erledige“, denn seine vorgespielte Tollkühnheit wird ihm selbst zuguterletzt schwer zu tragen. Interessant ist dabei gleichfalls, daß diese ganze Großtuerei größtenteils nur genau bis zum Schafott vorhält, dann aber ist sie plötzlich wie abgeschnitten: als wäre diese Frist durch ihre eigenen Gesetze bestimmt. Plötzlich ist der Mensch wie zerschmettert, wie in einen Lappen verwandelt. Auf dem Schafott greint er und bettelt um Verzeihung. Und im Ostrogg kann man sich nur über ihn wundern, wenn man ihn sieht: so ein kleinlautes Kerlchen mit einer schmutzigen Nase, daß man sich ganz erstaunt fragt: „Ist denn das wirklich derselbe, der fünf oder sechs Menschen ermordet hat?“

Natürlich, viele beruhigen sich auch im Ostrogg nicht so bald. Sie behalten immer noch eine gewisse Prahlsucht bei; ihr Gehaben ist, als wollten sie sagen: „Ich bin doch nicht das, was ihr glaubt, ich stehe ‚für sechse‘!“ Aber schließlich ergeben sie sich dennoch. Nur manches Mal erfreut er sich noch an seinen tollen Streichen, am wüsten Treiben, das „einmal in seinem Leben war“, als er noch zu den „Tollkühnen“ gehörte, und wenn er nur einen Neuling findet, erzählt er ihm gern mit der üblichen Wichtigkeit oder Würde von seinen früheren Heldentaten und macht sich mit Vergnügen breit vor ihm, – übrigens ohne es sich auch nur im geringsten anmerken zu lassen, wie gern er sie erzählt. „Seht doch, sozusagen, was ich für ein Mensch bin!“

Und mit welchem Raffinement diese eitle Vorsicht beobachtet wird, wie nachlässig und gleichgültig zuweilen solch eine Erzählung ist! Welch eine geschulte Geckenhaftigkeit sich in dem ganzen Ton und in jedem kleinsten Wort des Erzählers zeigt! Und wo hat dieses Volk das gelernt?

Einmal hörte ich – es war in den ersten Tagen an einem endlosen Abend –, als ich müßig und in quälenden Gedanken auf der Pritsche lag, eine von solchen Erzählungen mit an, und hielt in meiner Unerfahrenheit den Erzähler für einen außergewöhnlichen, schrecklichen Bösewicht, für einen eisernen Charakter, und war nahe daran, in Petroff nur ein Kind im Vergleich zu ihm zu sehen.

Das Thema der Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, für Null und Nichts, d. h. einzig zu seinem persönlichen Vergnügen, einen Major „niedergemacht“ hatte. Dieser Luka Kusmitsch war dasselbe kleine, magere Männlein mit der spitzen Nase, ein junger Arrestant unserer Kaserne, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Er war Kleinrusse, oder vielmehr Großrusse und nur im Süden geboren, als Höriger oder Leibeigener, glaube ich. In dem ganzen Kerlchen war etwas Spitzes, Anmaßendes: „Klein ist das Vöglein, doch scharf sind die Krallen.“ Die Arrestanten aber durchschauen den Menschen instinktiv. Er wurde wenig geachtet, oder wie man in der Kátorga sagte: „Seiner wurde wenig geachtet.“ Er war ungeheuer selbstgefällig.

An jenem Abend saß er auf der Pritsche und nähte an einem Hemd. Das Wäschenähen war sein Handwerk. Neben ihm saß ein stumpfsinniger beschränkter Bursche, der aber sonst ein gutmütiger und freundlicher, großer und starker Junge war, Luka Kusmitschs Nachbar auf der Pritsche, der Arrestant Kobylin. Infolge ihrer Nachbarschaft stritt Lutschka sehr oft mit ihm und behandelte ihn überhaupt von oben herab, spöttisch und despotisch, was Kobylin in seiner Einfalt teilweise überhaupt nicht bemerkte. Er strickte einen wollenen Strumpf und hörte seinem Nachbar Lutschka gleichmütig zu. Dieser aber erzählte ziemlich laut und deutlich. Ersichtlich wünschte er, von allen gehört zu werden, obgleich er sich den Anschein zu geben bemühte, als erzähle er nur seinem Kobylin.

„So, mein Lieber, wurde ich fortgeschickt aus unserer Gegend,“ begann er und zog seine Nähnadel durch das Zeug, „nach Tsch–ff, wegen Landstreicherei, sozusagen.“

„Wann war denn das, – schon lange?“ fragte Kobylin.

„So wenn die Erbsen reif werden, wird es immer schon das zweite Jahr sein ... Nu und wie wir nach K. ankamen, wurde ich auf kurze Zeit dort selbentlich in den Ostrogg eingesperrt. Ich sehe, was sitzt denn da mit mir? Es waren aber nur so zwölf Stück, alles Kleinrussen, groß, gesund, kräftig, wie die Ochsen. Und dabei so artig. Das Essen war schlecht, und ihr Major, der macht mit ihnen, was er will, wie es seiner Gnaden vorgefällt (Lutschka verdrehte das Wort mit Absicht, er wußte sehr gut, wie es richtig war). Sitze da einen Tag, sitze noch einen, sehe: gar keine Courage in dem Volk. – ‚Warum laßt ihr euch von diesem Esel alles gefallen?‘ frage ich sie.

‚Geh doch du mit ihm sprechen!‘ Und sie lachen noch über mich. Ich schweige. Unter ihnen aber war ein spaßiger Kleinrusse, – ja, von dem muß ich euch doch noch erzählen!“ unterbrach er sich plötzlich, diesmal an alle sich wendend, und nicht mehr wie vorher, als er scheinbar nur zu Kobylin allein sprach. „Er erzählte uns, wie er verurteilt worden war und wie er mit dem Gericht gesprochen hatte, selbst aber weinte er nur so dabei; Kinder und Weib, sagte er, habe er zurückgelassen. Selbst ist er so ein Stämmiger, ganz grau schon und dick. ‚Ich,‘ sagte er, ‚sage ihm: nein! bin unschuldig! Er aber, das Teufelskind, er schreibt und schreibt. Da schreie ich: daß der krepiert, bin unschuldig! Er aber schreibt und schreibt und schreibt noch mehr! ... Und da war es aus mit mir!‘ – Wasjka, gib mir da mal einen Faden her: diese verfluchten sind alle verfault.“

„Vom Markt gekauft,“ brummte Wasjka und gab ihm einen Faden.

„Unser Rollgarn, das wir in der Werkstatt haben, ist viel besser. Von hier aber wurde wieder der Nevalid geschickt, wer kann wissen, von was für einem Schandweibe er da immer kauft!“ fuhr Lutschka fort, indem er die Nadel gegen das Licht hielt und den Faden einzufädeln suchte.

„Bei seiner Gevatterin natürlich.“

„Natürlich bei seiner Gevatterin.“

„Aber wie blieb es denn mit dem Major?“ fragte nach einiger Zeit Kobylin.

Darauf hatte Lutschka nur gewartet. Einstweilen aber setzte er seine Erzählung nicht sobald fort, ja er schien Kobylin nicht einmal seiner Beachtung zu würdigen. Ruhig machte er seinen Faden zurecht, ruhig und gleichsam faul änderte er ein wenig die Stellung seiner Schneiderbeine unter sich und dann erst fuhr er endlich fort:

„Es gelang mir zu guterletzt doch noch, meine Kleinrussen etwas aufzuwiegeln, der Major wurde hinverlangt. Ich hatte mir schon am Morgen von einem anderen ein Messer verschafft und im Stiefelschaft versteckt, sozusagen für alle Fälle. Der Major war über unsere Forderung in helle Wut geraten. Er kommt. Nu, sage ich, verliert nicht den Mut! Aber denen war das Herz schon in die Hosen gefallen, sie zittern alle nur so. Da kommt der Major hereingestürzt, betrunken, wie ich sehe, und schreit: ‚Wer ist hier! Wie ist es hier! Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘

Wie er so gesagt hatte: ‚hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘ trat ich etwas vor,“ fuhr Lutschka fort, „das Messer hatte ich im Ärmel.

‚Nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden,‘ selbst aber schiebe ich mich langsam immer näher und näher, ‚nein, wie kann denn das sein,‘ sage ich, ‚daß Euer Gnaden bei uns Zar und Gott sind?‘

‚Ah, so bist du es, also du bist es,‘ schrie der Major, ‚du bist der Anstifter!‘

‚Nein,‘ sage ich und dabei komme ich ihm immer näher, ‚nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden wissen doch selbst, daß unser allmächtiger und allgegenwärtiger Gott nur einer ist,‘ sage ich. ‚Und unser einziger Zar ist über uns alle von Gott selbst eingesetzt. Er ist, Euer Gnaden,‘ sage ich, ‚ein Monarch. Euer Gnaden aber,‘ sage ich, ‚sind nur ein Major – unser Vorgesetzter durch des Zaren Gnade,‘ sage ich, ‚und Eurer Gnaden eigene Verdienste.‘

‚Was, was, was wie?‘ gackerte er nur noch, sprechen konnte er nicht mehr, die Luft ging ihm aus. Er war doch gar zu erstaunt.

‚Ja, das ist schon so,‘ sage ich, und wie ich mich auf ihn stürzte, stieß ich ihm das Messer gleich bis an den Griff in den Bauch. Es war gewandt geschehen. Er fiel hin wie gemäht und zappelte nur noch einmal mit den Beinen. Ich warf das Messer fort.

‚So,‘ sagte ich, ‚jetzt hebt ihn auf!‘“

Hier muß ich meinerseits eine Erklärung hinzufügen. Leider waren solche Ausdrücke wie: „Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!“ und noch viele andere ähnliche in früheren Zeiten bei vielen Kommandeuren in häufigem Gebrauch. Doch muß ich bemerken, daß es solcher Kommandeure heute nur noch sehr wenige gibt, vielleicht sind sie auch schon alle ausgestorben. Zudem waren die Kommandeure, die sich dieser Ausdrücke mit Vorliebe bedienten, meistens Leute aus niedrigerem Stande und Range, die sich später emporgedient hatten. Der Offiziersrang schien gleichsam ihren ganzen Menschen umzukehren, den Kopf natürlich gleichfalls. Nachdem sie lange unter der Fuchtel gedient haben, werden sie eines Tages selbst Offiziere, Vorgesetzte, Kommandeure, sie werden geadelt, und so vergrößern sie, da sie an eine solche Ehre gar nicht gewöhnt waren, im ersten Rausch ganz unwillkürlich die Vorstellung von ihrer Macht und Bedeutung, doch selbstverständlich nur in Bezug auf ihre Untergebenen. Vor ihren Vorgesetzten sind diese Leute stets von ungewöhnlicher Unterwürfigkeit, die jetzt durchaus nicht mehr angebracht und vielen Kommandeuren höchst widerlich ist. Manche treiben es sogar so weit, daß sie sich mit einer ganz besonderen Rührung beeilen, ihrem hohen Vorgesetzten baldmöglichst zu versichern, daß sie, die ja doch aus Subalternen hervorgegangen sind, ihren früheren Rang nicht vergessen werden und sich auch als Offiziere nicht den anderen Offizieren gleichstellen wollen. Anders ist ihr Verhalten zu ihren Untergebenen: diesen gegenüber sind sie die größten Tyrannen. Doch heute gibt es, wie gesagt, wohl kaum noch solche Kommandeure, und schwerlich dürfte sich einer finden, der noch sagen könnte: „Ich bin Zar, ich bin Gott.“ Nichtsdestoweniger will ich doch darauf aufmerksam machen, daß nichts einen Arrestanten oder überhaupt einen Untergebenen so reizt und empört, wie derartige Äußerungen Vorgesetzter. Diese Unverschämtheit in der Selbsterhöhung, diese übertriebene Meinung von seiner Unbestrafbarkeit erweckt selbst im gefügigsten Menschen Haß und Wut und bringt ihn um seine letzte Geduld. Zum Glück gehören diese Zustände schon der Vergangenheit an und selbst damals sind solche Fälle streng geahndet worden, was ich selbst früher miterlebt habe.

Überhaupt kann man sagen, daß jede verächtliche Nachlässigkeit, jede unangebrachte Überhebung die niedrigeren Klassen viel tiefer kränkt und viel mehr aufreizt, als man glaubt. Viele sind der Meinung, daß die Obrigkeit, wenn sie einen Sträfling nur gut ernährt, gut hält und in allem das Gesetz beobachtet, damit alles tut. Das ist aber ein großer Irrtum. Ein jeder Mensch, wer er auch sei und wie tief er auch erniedrigt wäre, verlangt doch – wenn auch instinktiv, unbewußt – Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß es selbst, daß er ein Arrestant ist, ein Ausgestoßener, und kennt seine Stellung seinem Vorgesetzten gegenüber; doch gibt es weder solche Brandmale noch solche Fesseln, mit denen man ihn vergessen machen könnte, daß er ein Mensch ist. Und da er in der Tat ein Mensch ist, so muß man ihn auch danach behandeln. Mein Gott! – kann man doch mit einer menschlichen Behandlung auch solche noch zu Menschen machen, in denen jeder Funke Gottes bereits längst erloschen ist. Gerade mit diesen „Unglücklichen“ muß man am menschlichsten umgehen. Das ist ihre Rettung und Freude. Ich habe gute, edle Kommandeure gesehen, ich habe auch den Eindruck gesehen, den sie auf diese Erniedrigten machten. Nur ein paar freundliche Worte – und die Arrestanten waren fast wie sittlich auferstanden. Sie freuten sich wie Kinder und wie Kinder fingen sie an zu lieben. Doch will ich zum Schluß noch eine recht auffallende Erscheinung erwähnen: eine familiäre, eine allzu gute Behandlung seitens der Vorgesetzten gefällt dem Arrestanten durchaus nicht. Er will seinen Vorgesetzten achten, in diesem Falle kann er ihn aber unwillkürlich nicht mehr achten. Der Arrestant hat es sehr gern, wenn sein Vorgesetzter Orden besitzt, wenn er eine gute Erscheinung ist, wenn er bei einer hohen Persönlichkeit, einem hohen Kommandierenden in Gunst steht, wenn er streng und ernst ist und gerecht, und auch seine Würde bewahrt. Solche Vorgesetzte liebt der Sträfling am meisten: er weiß also, was er sich schuldig ist, und hat der andere auch ihn, den Arrestanten, nicht verletzt, so ist alles gut und schön.

„Dafür haben sie dich dann auch gründlich gebraten, was?“ fragte ruhig Kobylin.

„Hm! Gebraten ... Gebraten haben sie mich schon. Alei, gib mir mal die Schere her! Wie kommt es denn, daß es heute keine Spielhölle gibt?“

„Sie haben heute ihr Vermögen versoffen,“ bemerkte Wassjä. „Wenn sie es nicht versoffen hätten, dann würden sie jetzt wohl Karten klopfen.“

„Wenn! Für das ‚wenn‘ gibt man auch in Moskau hundert Rubel,“ meinte Lutschka.

„Aber wieviel gab man denn dir, Lutschka, alles in allem?“ fragte Kobylin, wieder auf das alte Thema zurückkommend.

„Mir gab man, lieber Freund, hundertundfünf. Und was ich euch noch sagen wollte,“ fuhr Lutschka plötzlich wieder zu allen gewandt fort, „– man hätte mich ja damals beinahe totgeschlagen. Nachdem ich zu den Hundertundfünf verurteilt worden war, wurde ich in voller Parade hingebracht. Bis dahin hatte ich aber Hiebe noch niemals kennen gelernt. Volks war eine Menge hingelaufen, die ganze Stadt war da: ein Verbrecher wird bestraft, ein Mörder, sozusagen. Denn wie dumm doch so’n Volk ist, das weiß ich wirklich gar nicht mehr zu sagen. Timoschka[4] zog mir die Kleider ab, legte mich hin, – plötzlich schreit er: ‚Halt dich fest, es brennt.‘ Ich warte: was wird nun kommen? Wie er mir das erstemal überzog, – ich wollte wohl schreien, ich machte wohl den Mund auf, aber es war kein Schrei in mir drin. Die Stimme war, sozusagen, stecken geblieben. Wie er das zweitemal überzog, nun, glaub oder glaub nicht, aber ich hörte gar nicht mehr, wie ‚zwei‘ gezählt wurde. Als ich aber wieder aufwachte, hörte ich, wie gezählt wird: siebzehn! Und so werde ich viermal von der Bank heruntergenommen, auf eine halbe Stunde zur Erholung: wurde mit Wasser begossen. Da glotzte ich sie nun alle an mit aufgerissenen Augen und denke so: ‚jetzt stirbst du‘ ...“

„Und bist doch nicht gestorben?“ fragte Kobylin naiv.

Lutschka besah ihn sich einmal mit unbeschreiblich verächtlichem Blick. Man lachte.

„Das war ’n Spaß!“

„In seiner Dachstube scheint’s nicht ganz richtig zu sein,“ bemerkte Lutschka, als bereue er es, mit diesem Menschen überhaupt gesprochen zu haben.

„Der hat eins weg,“ stimmte auch Wassjä bei.

Lutschka hatte zwar sechs Menschen umgebracht, doch im Ostrogg fürchtete ihn niemand, obschon es vielleicht sein größter Wunsch war, als „fürchterlicher“ Mensch zu gelten ...

IX. Issai Fomitsch. – Das Bad. – Die Erzählung Bakluschins

Das Weihnachtsfest rückte heran. Die Arrestanten erwarteten es geradezu mit einer gewissen Feierlichkeit, und angesichts dieser Feierlichkeit begann auch ich etwas Ungewöhnliches zu erwarten. Vier Tage vor dem Fest wurden wir ins Bad geführt. Zu meiner Zeit, namentlich in den ersten Jahren, die ich im Ostrogg verbrachte, wurden die Sträflinge nur selten ins Bad geführt. Alles freute sich und ein jeder traf seine Vorkehrungen. Wir sollten nach dem Essen aufbrechen, und an diesem Nachmittage wurde nicht mehr gearbeitet. Am meisten aber freute sich in der ganzen Kaserne – Issai Fomitsch Bummstein, unser Jude, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Er nahm seine Dampfbäder bis zur Abstumpfung jedes Lebensgefühls, bis zur halben Bewußtlosigkeit, und jedesmal, wenn ich jetzt noch die alten Erinnerungen durchlebe und bei der Gelegenheit auch an dieses Arrestantenbad denke (das aber auch wirklich wert ist, nicht vergessen zu werden), so tritt unwillkürlich als erstes die Gestalt meines unvergeßlichen Kátorga- und Kasernengenossen Issai Fomitsch aus dem ganzen Bilde hervor. Gott, wie unsäglich komisch und spaßig dieser Mensch war! Über sein Äußeres habe ich schon einiges gesagt: fünfzig Jahre alt, schwächlich und verrunzelt, mit den fürchterlichsten Brandmälern auf den Wangen und der Stirn, mager, ausgemergelt und mit einem weißen Hühnerkörper. Sein Gesichtsausdruck war – durch nichts zu erschütternde Selbstzufriedenheit, ja sogar Seligkeit, wenn man will. Ich glaube, er bedauerte es nicht im geringsten, in die Kátorga geraten zu sein. Da er Juwelier war und es in der Stadt keinen Juwelier gab, so arbeitete er beständig für die Herrschaft und die Beamtenschaft in der Stadt in seinem Handwerk. Dafür wurde ihm immerhin etwas gezahlt. Jedenfalls litt er nicht Not, ja er lebte nach Ostroggbegriffen sogar „reich“, doch sparte er sein Geld und lieh es auf Pfänder dem ganzen Ostrogg, selbstverständlich gegen sehr hohe Prozente. Er besaß einen eigenen Ssamowar, eine gute Matratze, Tassen und ein ganzes Eßgeschirr. Die Juden der Stadt verließen ihn auch nicht mit ihrer Bekanntschaft und Gönnerschaft. Jeden Sonnabend ging er mit einer Eskorte in das städtische Bethaus – was vom Gesetz den Gefangenen erlaubt ist – und lebte glücklich und zufrieden, und erwartete nur mit Ungeduld die Beendigung seiner zwölfjährigen Strafzeit, um dann zu „aheiraten“. Es war in ihm eine unsäglich komische Mischung von Naivität, Dummheit, Schlauheit, Frechheit, Gutmütigkeit, Zaghaftigkeit, Prahlsucht und offenbarer Gemeinheit. Es wunderte mich, daß die Arrestanten ihn gar nicht verspotteten, höchstens ihn einmal zur Belustigung etwas neckten. Issai Fomitsch diente augenscheinlich der ganzen Gesellschaft zur Zerstreuung und ewigen Erheiterung. „Laßt unseren Issai Fomitsch in Ruh, er ist unser einziger!“ sagten sie lachend, und Issai Fomitsch, der sehr gut begriff, um was es sich handelte, war ersichtlich stolz auf seine Bedeutung, was die Arrestanten nicht wenig belustigte. Seine Ankunft im Ostrogg, noch vor mir, muß zum Sterben komisch gewesen sein. Man hat sie mir später geschildert.

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