Erster Teil
E. K. Rahsin translation
I. Das Totenhaus
Unser Gefängnis lag ganz am Rande der Festung, dicht am Festungswall. Zuweilen sah man so durch die Zaunspalten in Gottes weite Welt hinein: wirst du dort nicht irgend etwas sehen? – Doch was du sahst, war nur ein Stückchen Himmel und der mit Steppengras bewachsene hohe Erdwall, auf dem nur die Schildwachen tagaus, tagein und jede Nacht auf- und abgehen; und gleich darauf denkst du, daß Jahre vergehen werden, du aber immer so an den Zaun treten wirst, um wieder durch die Spalten zu lauern und immer denselben Wall, dieselben Schildwachen und dasselbe kleine Stückchen Himmel sehen wirst, nicht diesen Himmel, der über dem Gefängnis ist, sondern jenen, den anderen, fernen, freien Himmel.
Man denke sich einen großen Hof von zweihundert Schritt Länge und hundertundfünfzig Breite, der rings von einem hohen Pfahl- oder Palissadenzaun in einem unregelmäßigen Sechseck umgeben ist. Diese hohen Pfähle sind tief in die Erde eingerammt, fest aneinander gefügt, außerdem durch verbindende Querplanken noch doppelt in ihrer senkrechten Stellung gefestigt, und das obere Ende jedes Pfahles ist zugespitzt, – das ist die äußere Einfriedung eines „Ostrogg“. An einer der sechs Seiten befindet sich ein großes Tor, das stets verschlossen ist und Tag und Nacht von Schildwachen bewacht wird. Dieses Tor wurde nur früh morgens aufgemacht, wenn die Gefangenen zur Arbeit abmarschierten. Hinter diesem Tor lag die helle freie Welt, dort lebten Menschen wie alle. Aber diesseits der Umzäunung lag eine andere Welt, von der sich die übrigen Menschen nur Vorstellungen wie von einem unmöglichen Märchen machten. Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich, hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche, es war ein lebendes Totenhaus, ein Leben, wie es in der Welt nirgends eines gibt, und auch die Menschen waren hier besondere. Diesen besonderen Winkel will ich nun zu beschreiben versuchen.
Wer den Ostrogg betritt, sieht innerhalb des Palissadenzauns mehrere Gebäude. Zu beiden Seiten des breiten inneren Hofes liegen zwei langgestreckte einstöckige Blockhäuser. Das sind die Kasernen. In ihnen leben die Zwangsarbeiter, die in Abteilungen untergebracht sind. Weiterhin liegt ein drittes ebensolches Blockhaus: das ist die Küche, die gleichfalls in zwei Abteilungen geteilt ist. Und ganz im Hintergrund befindet sich noch ein viertes Gebäude, in dem sich die Keller, Vorratsräume und Schuppen befinden. Die Mitte des Hofes ist frei und bildet einen gleichmäßigen, ziemlich großen Platz. Hier treten die Sträflinge zweimal täglich an, hier findet die Zählung und der Namensappell morgens, mittags und abends statt, zuweilen aber auch sonst noch ein paar Mal am Tage – je nach dem Argwohn der Wachhabenden und ihrer Übung im Zählen. Zwischen diesen Gebäuden und dem Palissadenzaun bleibt noch ein ziemlich freier Raum. Hier hinter den Blockhäusern pflegten einige von den Sträflingen, die verschlosseneren, düstereren und menschenscheueren von ihnen, sich in den arbeitsfreien Stunden aufzuhalten und ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Wenn ich ihnen dann begegnete, versuchte ich immer, ihre düsteren, gebrandmarkten Gesichter zu durchschauen und zu erraten, woran sie dachten. Unter ihnen gab es einen, dessen Lieblingsbeschäftigung in diesen Mußestunden das Zählen der Zaunpfähle war. Es waren im ganzen tausendfünfhundert Pfähle, er aber kannte jeden einzelnen von ihnen auswendig. Jeder Pfahl bedeutete für ihn einen Tag; an jedem Tage zählte er um einen Pfahl weiter, so daß er an den übrigen noch nicht gezählten Pfählen anschaulich sehen konnte, wieviel Tage ihm noch bis zur Freilassung blieben. Und er freute sich wie ein Kind, wenn er mit einer der Seiten des Sechseckes fertig war. Er hatte noch lange Jahre zu warten, aber im Ostrogg hatte man Zeit genug, sich an das Warten zu gewöhnen. Einmal erlebte ich, wie ein Sträfling, der zwanzig Jahre lang in der Kátorga[1] verbracht hatte, nun endlich wieder in die Freiheit zurücksollte. Einige erinnerten sich noch seiner, wie er zum erstenmal in den Ostrogg gekommen war, ein junger, sorgloser Bursche, der weder an sein Verbrechen, noch an seine Strafe dachte. Er verließ den Ostrogg als silberhaariger Greis mit einem düsteren, traurigen Gesicht. Schweigend ging er in alle unsere sechs Kasernen, um von den anderen Abschied zu nehmen. In jeder der sechs Kasernen betete er zuerst vor den Heiligenbildern, dann verneigte er sich tief vor den anderen und nahm Abschied von ihnen, mit der Bitte, seiner nicht im Bösen gedenken zu wollen. Auch entsinne ich mich noch, wie einmal ein Sträfling, der früher ein reicher sibirischer Landbauer gewesen war, in der Abendstunde noch zum Tor gerufen wurde. Ein halbes Jahr vorher hatte er die Nachricht erhalten, daß sein Weib sich wieder verheiratet habe, und da war er darüber tief traurig geworden. An diesem Abend aber war sie selbst zum Ostrogg gekommen, sie ließ ihn herausrufen und gab ihm ein Almosen. Sie sprachen vielleicht nur zwei Minuten lang, beide weinten sie, und dann nahmen sie auf ewig Abschied von einander. Ich sah sein Gesicht, als er in die Kaserne zurückkehrte. Ja, an diesem Ort konnte man es lernen, Geduld zu haben.
Sobald es dunkelte, wurden wir alle in die Kasernen geführt, wo man uns für die ganze Nacht einschloß. Es fiel mir zuerst sehr schwer, vom Hof in unsere Kaserne zurückkehren zu müssen. Das war ein langer, niedriger, drückend heißer Raum, der nur matt von Talglichten erhellt wurde, erfüllt von schwerem, erstickendem Geruch. Heute begreife ich nicht mehr, wie ich zehn Jahre lang dort habe aushalten können.
Auf der langen Pritsche, auf der wir alle in zwei Reihen schliefen, durfte ich nur drei Bretter einnehmen; das war alles, was an Platz mir gehörte. Auf dieser Pritsche schliefen in unserer Stube an dreißig Menschen. Im Winter wurden wir früh eingeschlossen, und dann dauerte es mehr als vier Stunden, bis alle eingeschlafen waren. Bis dahin aber – Geschrei, Spektakel, Gelächter, Geschimpf, das Gerassel der Ketten, Qualm und Lampenruß, geschorene Köpfe, gebrandmarkte Gesichter, zerlumpte Kleider, alles Entehrte, Verfemte ... Ja, zäh ist der Mensch! Er ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt – und dies ist, glaube ich, die treffendste Bezeichnung für ihn.
Im ganzen waren in unserem Ostrogg an zweihundertundfünfzig Sträflinge untergebracht, das war die fast stehende Zahl der Arrestanten. Die einen kamen, die anderen gingen, die dritten starben. Und was für Menschenarten gab es dort nicht! Ich glaube, jedes Gouvernement, jeder Landstrich Rußlands hatte seine Vertreter im Ostrogg. Auch Söhne fremder Rassen waren dort, einige sogar aus den kaukasischen Bergvölkern. Alle waren nach der Art ihres Verbrechens „sortiert“, und folglich auch nach der Zahl der Jahre, zu denen man sie verurteilt hatte. Es ist anzunehmen, daß es wohl kein Verbrechen gab, das hier nicht seinen Repräsentanten besaß. Den Hauptbestandteil der ganzen Ostroggbevölkerung machten die zur schweren Zwangsarbeit Verschickten aus (die „Schwerverschickten“, wie sie sich selbst naiv benannten). Das waren Verbrecher, die man aller Rechte beraubt hatte, verworfene Glieder der Gesellschaft mit gebrandmarkten Gesichtern, die sie ewig als Ausgestoßene kennzeichnen sollten. Sie waren auf acht bis zwölf Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Ablauf dieser Frist wurden sie als Ansiedler in öde Gegenden verschickt. Auch gab es Verbrecher aus dem Soldatenstande, die aber nicht aller Rechte beraubt waren, wie die in den übrigen russischen Militärstrafkolonien. Sie wurden nur auf kurze Zeit verschickt und kehrten nach Ablauf ihrer Strafzeit wieder dorthin zurück, woher sie gekommen waren, in die sibirischen Linienbataillone. Viele von ihnen kamen aber bald von neuem in den Ostrogg, infolge neuer schwerer Vergehen, dann jedoch nicht mehr auf kurze Zeit, sondern auf zwanzig Jahre. Die Sträflinge dieser Abteilung nannte man die „Lebenslänglichen“. Doch selbst diese „Lebenslänglichen“ waren noch nicht aller Rechte beraubt. Und dann gab es noch eine Abteilung der gefährlichen Verbrecher, die größtenteils aus ehemaligen Soldaten bestand und recht zahlreich war. Die hieß die „besondere Abteilung“. In diese Abteilung wurden aus ganz Rußland Verbrecher geschickt. Sie hielten sich selbst für „Ewige“ und kannten nicht einmal die Dauer ihrer Zwangsarbeit. Nach der Vorschrift mußte die Zahl ihrer Arbeitsstunden verdoppelt und verdreifacht werden. Sie wurden solange im Ostrogg gehalten, bis die schwersten Zwangsarbeiten aufgenommen wurden. „Ihr habt nur Stundenarbeit, wir aber sind ewig in der Kátorga“ – sagten sie zuweilen zu den anderen Mitgefangenen. Später habe ich gehört, daß diese Abteilung aufgehoben sei. Außerdem wurde in unserer Festung zu meiner Zeit auch der Standesunterschied aufgehoben und eine allgemeine militärische Arrestantenkompagnie eingeführt. Selbstverständlich erfuhr bei der Gelegenheit auch die Oberleitung Veränderungen. So beschreibe ich denn hier noch die alten Zeiten, die schon längst vergangen und vergessen sind ...
Ja, alles, was ich hier erzähle, ist schon lange her, oft scheint es mir jetzt, daß ich es nur im Traum gesehen. Ich erinnere mich noch, wie ich zum erstenmal den Ostrogg betrat. Es dunkelte bereits, die Sträflinge kehrten schon von der Arbeit zurück und ordneten sich in Reih und Glied zur letzten Nachzählung.
Ein Unteroffizier mit einem starken Schnurrbart machte mir endlich das Tor auf, und ich betrat den Ostrogg, in dem ich soviel Jahre verbringen, soviele Empfindungen ertragen sollte, von denen ich, wenn ich sie nicht selbst durchlebt hätte, mir niemals eine auch nur annähernd richtige Vorstellung machen könnte. Zum Beispiel hätte ich mir nie denken können, wie furchtbar und qualvoll es sein würde, in den ganzen zehn Jahren meiner Sträflingszeit keinen einzigen Augenblick allein sein zu können. Bei der Arbeit stets unter Aufsicht und Bewachung, im Ostrogg stets mit zweihundertundfünfzig Schicksalsgenossen, und niemals, niemals allein! Übrigens war das nicht das einzige, woran ich mich zu gewöhnen hatte!
Hier gab es verschiedene Verbrecher, zufällige Mörder und solche, die sich das Morden zum Handwerk gemacht hatten, gewöhnliche Räuber und die Führer ganzer Räuberbanden. Darunter gab es auch einfache Spitzbuben, Taschendiebe und Landstreicher – Gewerbetreibende aller Art, Geldwechsler und Falschmünzer, wie überhaupt viele Liebhaber unverdienten Gutes. Auch gab es noch andere, bei denen es schwer war, sich vorzustellen, für welche Vergehen sie wohl verurteilt sein könnten. Und doch hatte ein jeder seine Geschichte, die dunkel und schwer war wie der Dunst am nächsten Morgen, nach einem abendlichen Saufgelage. Überhaupt wurde wenig von der Vergangenheit gesprochen, sie liebten es nicht, davon zu erzählen und waren sichtlich bemüht, auch nicht daran zu denken. Ich kannte unter ihnen Mörder, die immer heiter und überhaupt nie nachdenklich waren, und man hätte wetten können, daß ihr Gewissen ihnen noch keinen einzigen Vorwurf gemacht hatte. Es gab aber auch finstere Gesichter, Verbrecher, die fast nur schwiegen. Im allgemeinen kann man sagen, daß nur äußerst selten jemand seine Lebensgeschichte erzählte, und es war auch nicht Mode, Interesse dafür zu bekunden, – das war eben nicht Sitte, das war nicht „angenommen“. Es sei denn, daß jemand einmal so aus Langeweile zu erzählen anfing und der andere ihm kaltblütig und finster zuhörte. Niemand vermochte hier den anderen in Erstaunen zu setzen. „Wir sind geschultes Volk,“ hörte man sie nicht selten mit einer ganz eigentümlichen Selbstzufriedenheit sagen.
Ich weiß noch, wie einmal ein Räuber, der sich angetrunken – das konnte man mitunter im Ostrogg –, zu erzählen begann, wie er einen fünfjährigen Knaben ermordet hatte: zuerst habe er ihn mit einem Spielzeug angelockt, dann in einen leerstehenden Schuppen geführt und dort ermordet. Da schrie die ganze Kaserne, die bis dahin gelacht und heitere Unterhaltung geführt hatte, wie aus einem Munde auf; aber nicht etwa aus Unwillen schrieen sie, sondern so, – weil es „überflüssig“ war, „davon zu sprechen,“ weil „davon“ zu reden „nicht angenommen“ war. Ich muß hier bemerken, daß dieses Volk tatsächlich geschult war, und zwar nicht nur im übertragenen, sondern auch im buchstäblichen Sinne des Wortes, denn mindestens die Hälfte von ihnen konnte lesen und schreiben. An welch einem anderen Orte, wo russisches Volk in großen Massen versammelt ist, würde man einen Haufen von zweihundertundfünfzig Menschen abteilen können, von denen über die Hälfte zu lesen und zu schreiben verstünde? Später habe ich gehört, daß irgend ein Gelehrter auf Grund ähnlicher Tatsachen zu beweisen versucht habe, daß die Schulbildung das Volk verderbe. Das ist aber ein Irrtum: diese Tatsache beruht auf ganz anderen Ursachen, obgleich – das muß ich allerdings zugeben – die Schulbildung das Selbstvertrauen im Volke entwickelt. Aber das ist ja durchaus kein Fehler.
Die verschiedenen Klassen der Verbrecher unterschieden sich auch in der Kleidung: die einen hatten die rechte Hälfte der Jacke aus dunkelbraunem, die linke aus grauem Stoff, und ebenso war das eine Hosenbein braun, das andere grau. Einmal, als wir gerade außerhalb des Ostrogg bei der Arbeit waren, schaute mich ein kleines Mädchen, eine Semmelverkäuferin, von der wir etliche Weißbrote und Kalatschen erstanden hatten, lange Zeit aufmerksam an und brach dann plötzlich in Lachen aus:
„Pfui, wie das aussieht!“ sagte sie lachend, „der graue Stoff hat nicht ausgereicht und der braune hat auch nicht ausgereicht!“
Andere Sträflinge trugen wiederum eine graue Jacke, deren Ärmel allein aus dunkelbraunem Tuch waren. Auch der Kopf wurde verschieden geschoren: es wurde immer nur die eine Hälfte abrasiert, bei einem die ganze linke Seite, bei anderen nur der Vorderkopf.
Schon auf den ersten Blick konnte man eine gewisse Gemeinsamkeit in dieser eigenartigen Familie bemerken. Sogar die Persönlichsten, Unterschiedlichsten von ihnen, die ganz unwillkürlich über den anderen standen, – selbst diese bemühten sich, in den allgemeinen Ton des ganzen Ostrogg einzustimmen. Ich kann wohl sagen, daß dieses ganze Volk, nur mit Ausnahme weniger unerschöpflich heiterer Gemüter, die sich dafür auch der allgemeinen Verachtung erfreuten, auffallend düster, mürrisch, neidisch, unglaublich ruhmsüchtig, großsprecherisch, empfindlich und im höchsten Grade formell war. Die Fähigkeit, sich über nichts zu wundern, war bei ihnen die größte Tugend. In dieser Beziehung waren sie geradezu krankhaft. Die Hauptsache für sie war: wie man sich äußerlich benahm. Doch oftmals verwandelte sich die aufgeblasenste Haltung mit wahrer Blitzesschnelle in die allerkleinmütigste. Es gab auch einige wahrhaft Starke unter ihnen; die aber waren einfach und verstellten sich nicht. Doch eines war sonderbar! Unter diesen wahrhaft Starken gab es wiederum einige, die bis zum Äußersten ruhmsüchtig waren, bis zur Krankhaftigkeit. Überhaupt waren Ruhmsucht und das Äußere das Wichtigste im Ostrogg.
Die Mehrzahl der Sträflinge war entsetzlich verderbt. Verleumdungen und Klatschereien hörten nie auf: darin war der Ostrogg eine Hölle, eine wahre Ausgeburt der Unterwelt. Aber gegen die einmal angenommenen Sitten und Gesetze wagte niemand sich zu erheben; alle ergaben sich. Es gab wohl schroff hervortretende Charaktere, die sich schwer, die sich nur mit Mühe unterordneten, aber sie taten es doch.
Es kamen auch solche in den Ostrogg, die ihre Vergehen gewissermaßen gar nicht selbst verübt zu haben schienen, als wüßten sie selbst nicht, warum und wozu sie es getan, gleichsam im Fieber oder in der Betrunkenheit; häufig hatten sie die Tat nur aus krankhaft gesteigerter Ruhmsucht begangen. Denen wurde aber bei uns sofort ein anderer Standpunkt klar gemacht, obgleich einzelne von ihnen vor ihrer Ankunft im Ostrogg der Schrecken ganzer Dörfer und Ortschaften gewesen waren. Jeder Neuling erkannte schon bald nach der ersten Umschau, daß er nicht dorthin geraten war, wohin er zu kommen gemeint hatte, daß er hier keinen mehr in Erstaunen setzen konnte, und so fügte er sich unmerklich und stimmte in den allgemeinen Ton ein.
Dieser allgemeine Ton bestand äußerlich in einer ganz besonderen persönlichen Würde, von der fast jeder Bewohner des Ostrogg völlig durchdrungen zu sein schien, ganz als ob die Benennung „Sträfling“ oder „Verurteilter“ tatsächlich irgend ein Titel gewesen wäre, womöglich noch ein Ehrentitel. Kein einziges Anzeichen von Scham oder Reue! Übrigens gab es doch eine gewisse äußere Unterwerfung, ein sozusagen offizielles, ruhiges Renommieren.
„Wir sind verlorenes Volk,“ sagten sie, „wer nicht konnt’ in Freiheit leben, mag jetzt harte Straßen gehen.“ – „Wer Vater und Mutter nicht hat gehorcht, der gehorche jetzt dem Trommelfell.“ – „Hast du nicht freiwillig arbeiten gewollt, so klopfe jetzt Steine entzwei.“ Solche und ähnliche Sätze wurden sehr oft gesagt, sowohl als Sittenlehre wie auch als gewöhnliche Redensart, niemals aber wirklich ernst gemeint. Es waren eigentlich nur leere Worte, denn es ist kaum anzunehmen, daß auch nur einer von ihnen sich seine Gesetzwidrigkeit bewußt eingestand. Es hätte nur jemand von den Nichtsträflingen gewagt haben sollen, einem von ihnen sein Verbrechen vorzuhalten, ihn einmal deswegen zu schelten (wenn es auch nicht russisch ist, einem Verbrecher Vorwürfe zu machen) – das Schimpfen würde dann kein Ende genommen haben! Und welche Künstler waren sie alle im Schimpfen! Sie schimpften sich geradezu raffiniert, meisterhaft! Das Schimpfen war bei ihnen zu einer ganzen Wissenschaft geworden; sie bemühten sich, nicht so sehr mit dem kränkenden Wort zu treffen, als mit dem kränkenden Sinn, der Zusammenstellung des Ganzen, der „Idee“! – Das aber ist noch verfeinerter und folglich um so verletzender. Und die ununterbrochenen Streitigkeiten dienten natürlich nur dazu, um diese Kunst unter ihnen noch mehr zu entwickeln. Alle diese Sträflinge arbeiteten unter dem Stock, so ist es denn selbstverständlich, daß sie faul waren, liederlich und verderbt; selbst wenn sie es früher nicht gewesen waren, so wurden sie es hier im Ostrogg. Alle waren sie hier nicht durch eigenen Willen versammelt, alle waren sie einander Fremde.
„Der Teufel hat wenigstens drei Paar Bastschuhe durchgelaufen, bevor er uns in einen Haufen zusammengebracht!“ sagten sie von sich selbst, und so waren denn Klatsch, Intrigen, Verleumdungen, Neid, Hader und jede Niedertracht in diesem Höllenleben an der Tagesordnung. Kein altes Weib hätte so weibisch sein können, wie es einige von diesen Seelenmördern waren. Ich wiederhole, es gab unter ihnen auch starke Charaktere, die abgehärtet und furchtlos waren, die ihr ganzes Leben lang gewohnt gewesen, zu herrschen und zu fordern. Diese wurden auch von den anderen Mitgefangenen unwillkürlich geachtet, sie aber gaben sich doch Mühe, obwohl sie auf ihren Ruhm bisweilen sogar sehr eifersüchtig waren, im großen ganzen den anderen nicht zur Last zu werden. Auf nichtigen Streit ließen sie sich überhaupt nicht ein, wahrten stets eine auffallende Würde in ihrem ganzen Gehaben, waren vernünftig und fast immer der Obrigkeit gehorsam, – doch nicht etwa aus dem Prinzip zu gehorchen, sondern wie nach einem stillschweigenden Übereinkommen, weil es für beide Teile so das Beste war. Übrigens ging man mit ihnen auch vorsichtig um.
Ich entsinne mich noch, wie einmal einer von ihnen, ein furchtloser, entschlossener Charakter, der unserer Obrigkeit schon von früher wegen seiner tierischen Neigungen bekannt war, wegen irgend eines Vergehens zur Bestrafung gerufen wurde. Es war ein Sommertag und wir hatten gerade keine Arbeit. Der Major, der nächste und unmittelbare Vorgesetzte des Ostrogg, erschien selbst, um persönlich der Bestrafung beizuwohnen. Dieser Major war für die Sträflinge ein geradezu fatales Wesen, er brachte es soweit, daß sie vor ihm zitterten. Er war bis zur Sinnlosigkeit streng, ein „Menschenfresser“, wie die Gefangenen sagten. Am meisten fürchteten sie seinen alles durchdringenden Luchsblick, vor dem sich nichts verbergen ließ. Er sah gleichsam, ohne irgend wohin zu sehen. Betrat er den Ostrogg an dem einen Ende, so wußte er schon, was am anderen Ende desselben geschah. Die Sträflinge nannten ihn den „Achtäugigen“. Sein System war aber unrichtig. Durch seine rasenden, wilden Handlungen erbitterte er nur sowieso schon erbitterte Menschen, und wäre nicht der Kommandant, ein edler und vernünftig denkender Mensch, über ihm gewesen, der seine wilden Ausfälle mitunter mäßigte, so hätte der Major noch großes Unheil angerichtet. Offen gestanden, ich begreife es nicht, wie er noch so glücklich seine Zeit abgedient hat: und dennoch trat er lebend und gesund aus dem Dienst.
Der Sträfling erbleichte, als er gerufen wurde. Sonst pflegte er sich immer schweigend und entschlossen unter die Ruten zu legen, schweigend die Strafe hinzunehmen, nach Vollzug derselben aufzustehen, als wäre nichts geschehen, und kaltblütig und philosophisch das zugestoßene Mißgeschick hinzunehmen. Trotzdem ging man immer sehr vorsichtig mit ihm um. Diesmal aber fühlte er sich vollkommen unschuldig. Er erbleichte, und es gelang ihm, unbemerkt von der Wache, ein scharfes, englisches Messer in den Ärmel zu stecken. Messer und alle scharfen Instrumente waren im Ostrogg aufs strengste verboten; die Durchsuchungen wurden sehr oft, ganz plötzlich und gründlich vorgenommen, die Strafen waren grausam hart, da aber eine von Dieben versteckte Sache schwer zu finden ist, besonders wenn sie mit solchen Untersuchungen rechnen müssen und sicher verstecken wollen, und da andererseits Messer und ähnliche Werkzeuge immer gebraucht wurden, so waren sie trotz aller Maßregeln nicht auszurotten. Und wenn sie auch fortgenommen wurden, so schaffte man sich doch unverzüglich neue an.
Die ganze Kaserne stürzte zum Zaun, um dort mit klopfendem Herzen durch die Spalten zu lauern. Alle wußten, daß Petroff sich diesmal nicht freiwillig unter die Ruten hinlegen würde und daß die letzte Stunde des Majors gekommen war. Aber kurz vor dem entscheidenden Augenblick stieg unser Major in seinen Wagen und fuhr davon, nachdem er die Ausführung der Exekution einem anderen Offizier übertragen hatte.
„Den hat Gott selbst gerettet,“ sagten die Sträflinge. Petroff aber nahm mit der größten Ruhe seine Strafe hin. Sein Zorn war mit der Abfahrt des Majors vollständig vergangen. Der Arrestant ist gewöhnlich bis zu einem gewissen Grade gern gehorsam und geduldig, doch gibt es eine Grenze für seinen guten Willen, die man nicht überschreiten darf. Da ich soeben einen solchen Fall angeführt habe, will ich hier noch bemerken, daß es kaum etwas Interessanteres gibt, als diese sonderbaren Ausbrüche der Ungeduld und Widersetzlichkeit in den Arrestanten. Oft erträgt ein Mensch mehrere Jahre lang die grausamsten Strafen, er ergibt sich allem widerspruchslos, plötzlich aber reißt seine Geduld bei der nichtigsten Geringfügigkeit, ja man könnte sagen, um nichts und wieder nichts. Von einem gewissen Standpunkte aus müßte man ihn dann sogar wahnsinnig nennen, – und man tut es ja auch ...
Ich sagte schon, daß ich während all dieser Jahre kein einziges Mal auch nur das geringste Anzeichen einer Reue bei diesen Menschen bemerkt habe, auch nicht die geringsten Gewissensbisse wegen des verübten Verbrechens, oder auch nur ein unbehagliches Denken an dasselbe, und daß die Mehrzahl der Sträflinge sich innerlich für vollkommen schuldlos hält. Das ist Tatsache. Natürlich sind auch Ruhmsucht, schlechtes Beispiel, die übliche flotte Burschengroßtuerei und falsche Scham vielfach mit die Ursache davon. Und andererseits – wer könnte sagen, daß er die Tiefe dieser verkommenen Seelen erforscht und das vor aller Welt Verborgene in ihnen gesehen habe? Aber immerhin hätte man doch im Laufe so vieler Jahre wenigstens irgend einen Zug wahrnehmen müssen, nach dem man auf Schwermut oder Leiden hätte schließen können, – wenn davon auch nur eine Spur vorhanden gewesen wäre. Doch es war nichts davon zu sehen, entschieden nichts. Ja ich glaube, das Verbrechen läßt sich nicht nach gegebenen, bereits fertigen Gesichtspunkten erfassen und seine Philosophie dürfte etwas schwieriger sein, als allgemein angenommen wird. Daß das System der Gefängnisstrafe und die Zwangsarbeit keinen einzigen Verbrecher bessert, ist wohl selbstverständlich, sie „bestrafen“ ihn nur und sichern die Gesellschaft vor weiteren Anschlägen des Bösewichts auf ihre Freiheit und ruhige Sicherheit. Im Verbrecher jedoch erweckt der Ostrogg und selbst die angestrengte Arbeit nur Haß, Leidenschaft für verbotene Genüsse und unglaublichen Leichtsinn. Ich bin überzeugt, daß auch das berühmte Zellensystem nur ein falsches, trügerisches, äußeres Ziel erreicht. Es saugt aus dem Menschen alle Lebenskraft, entnervt seinen Geist, schwächt und ängstigt ihn und präsentiert dann endlich die sittlich vertrocknete Mumie, den Halbwahnsinnigen, als Musterbild der Besserung und Reue. Natürlich haßt der Verbrecher die Gesellschaft, gegen die er sich ja auch empört hat, und hält fast ausnahmslos sich für den Unschuldigen und jene für die Schuldigen. Hinzu kommt, daß ihm von dieser Gesellschaft für sein Vergehen Strafe auferlegt worden ist, diese aber befreit sein Gewissen von jedem Schuldbewußtsein, selbst wenn eines vorhanden gewesen wäre, und so fühlt er sich denn wie einer, der alle seine Schulden bezahlt und sich folglich nichts mehr vorzuwerfen hat. So kann man denn, wenn man von solchen Gesichtspunkten ausgeht, schließlich noch den Verbrecher selbst sehr wohl rechtfertigen. Doch ganz abgesehen von allen Gesichtspunkten wird doch ein jeder zugeben, daß es Verbrechen gibt, die immer und überall, nach jedem Gesetz und schon seit dem Anfang der Welt als fraglose Verbrechen angesehen worden sind, und die man noch weiter als solche betrachten wird, solange der Mensch ein Mensch bleibt. Nur habe ich im Ostrogg von den schrecklichsten, grauenvollsten, wahrhaft ungeheuerlichsten Morden mit dem unbezwingbarsten, mit kindlich heiterem Lachen erzählen gehört.
So kann ich bisweilen die Erinnerung an einen Vatermörder nicht los werden. Er war Edelmann und hatte als halbwegs verlorener Sohn bei seinem alten sechzigjährigen Vater gelebt, ein ausschweifendes Leben geführt und viel Schulden gemacht. Der alte Vater redete ihm ins Gewissen, und als das Reden nicht half, entzog er ihm das Geld zur Ausschweifung. Der Alte besaß aber ein Haus und ein kleines Gut, und außerdem vermutete man, daß er Geld hatte, – und der Sohn ermordete den Vater um dieses Geldes willen. Das Verbrechen war erst nach einem Monat entdeckt worden. Der Mörder hatte selbst der Polizei angezeigt, daß sein Vater spurlos verschwunden sei, und den ganzen Monat verbrachte er in Saus und Braus. Der Polizei war aber sein Treiben bald verdächtig erschienen, und eines Tages, während seiner Abwesenheit, hatte man den Leichnam des Ermordeten auf dem Hof in dem mit Brettern zugedeckten Abzugsgraben gefunden. Der Leichnam war vollständig angekleidet und augenscheinlich sehr sorgsam dort hingebettet worden: das graue Haupt war vollständig abgetrennt, doch hatte der Mörder es wieder an den Rumpf gedrückt und außerdem noch ein Kissen unter dasselbe geschoben. Er hatte seine Schuld nicht eingestanden, war aber trotzdem seines Adels und Ranges beraubt und auf zwanzig Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Während der ganzen Zeit, die ich mit ihm zusammen im Ostrogg verbrachte, befand er sich in der besten, heitersten Gemütsstimmung. Es war ein überaus leichtsinniger, unvernünftiger, verdrehter Mensch, wenn auch längst kein Dummer. Ich habe niemals irgend welche besondere Brutalität an ihm bemerken können. Die übrigen Sträflinge verachteten ihn, doch taten sie es nicht etwa seines Verbrechens wegen – davon war überhaupt nicht die Rede –, sondern wegen seiner Einfalt, weil er sich nicht zu „benehmen“ verstand. Unterhielt man sich mit ihm über dies und das, so kam er nicht selten auch auf seinen Vater zu sprechen. Einmal, als wir von der Gesundheit sprachen, die in seiner Familie erblich sei, fügte er noch beiläufig hinzu:
„Mein Vater zum Beispiel hat bis zu seinem Tode kein einziges Mal über Krankheit geklagt.“
Eine dermaßen tierische Gefühllosigkeit scheint natürlich kaum glaublich: das war geradezu ein Phänomen. Wer weiß, ob ihr nicht irgend eine unglückliche Veranlagung, eine körperliche oder sittliche Mißgestaltung, die von der Wissenschaft noch nicht erforscht ist, zugrunde liegt, und wir folglich kein gewöhnliches Verbrechen vor uns haben. Zuerst glaubte ich es gar nicht, daß er ihn ermordet habe. Es waren da aber auch Leute aus derselben Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten und mir den ganzen Prozeß erzählten. Die Tatsachen waren dermaßen klar, daß sie jeden Zweifel an seiner Schuld ausschlossen. Und einmal hatten die anderen Sträflinge gehört, wie er nachts im Traum geschrieen hatte:
„Halt ihn, halt ihn! Hau’ ihm den Kopf ab, den Kopf, den Kopf!“
Fast alle Sträflinge sprachen im Traum und phantasierten viel. Von Messern und Äxten träumte ihnen offenbar nicht selten und Schimpfworte und Banditenjargon hörte man in jeder Nacht.
„Wir sind unter der Knute,“ sagten sie zuweilen, „die liegt auch auf unserem Inneren, darum schreien wir auch in der Nacht.“
Die staatliche Zwangsarbeit war für sie keine Beschäftigung, sondern eine Pflicht: der Sträfling arbeitete seine Zeit ab oder drückte sich um die Arbeit in den festgesetzten Stunden, so gut es ging, herum und kehrte dann in den Ostrogg zurück. Die Zwangsarbeit rief in ihnen nur Haß hervor. Doch ohne eine besondere, eigene Beschäftigung, der er sich mit seiner ganzen Seele und seiner ganzen Vernunft hingeben kann, würde es kein Mensch im Ostrogg aushalten. Und das ist ja auch nur zu begreiflich, denn wie hätte sich sonst dieses ganze, immerhin entwickelte Volk, das stürmisch gelebt hatte, das Leben liebte und leben wollte, das hier gewaltsam in einen Haufen zusammengetrieben, das gewaltsam von der Gesellschaft und dem normalen Leben abgetrennt worden war, – wie hätte sich dieses Volk hier normal und regelrecht nach eigenem Willen und Verlangen anders einleben können? Schon allein durch den Müßiggang würden sich in ihm bald verbrecherische Eigenschaften entwickelt haben, von denen früher vielleicht mancher nichts geahnt hatte. Ohne Beschäftigung und ohne gesetzmäßiges, normales Eigentum kann der Mensch nicht leben: er verdirbt und wird zum Tiere. Und darum hatte ein jeder im Ostrogg – wohl aus dem Gefühl der Selbsterhaltung und dem natürlichen Bedürfnis heraus – seine eigene, besondere Beschäftigung, sein eigenes Handwerk.
Der lange Sommertag war von der Zwangsarbeit ganz und gar ausgefüllt; in der kurzen Nacht konnte man sich kaum ausschlafen. Im Winter aber mußten die Arrestanten vorschriftsmäßig schon früh, sobald es nur zu dunkeln begann, im Ostrogg eingeschlossen werden. Was sollte man nun an diesen langen, langweiligen Winterabenden beginnen? Und so verwandelte sich denn jede Kaserne, trotz des Verbots, in eine große Werkstube. Das heißt, Arbeit an sich war ja nicht verboten; verboten war aber aufs strengste, irgendwelche Instrumente bei sich zu haben oder überhaupt in der Kaserne zu besitzen; ohne diese war jedoch auch jede Arbeit unmöglich. Daher wurde nur heimlich gearbeitet, doch die Wache schien es in der Beziehung nicht immer sehr genau mit der Vorschrift zu nehmen.
Viele Sträflinge hatten früher nichts gelernt und waren in den Ostrogg gekommen, ohne auch nur irgend etwas Rechtes zu verstehen. Da gab es nun Schuhmacher und Schneider, Tischler und Schlosser, Bildschnitzer und Vergolder. Auch gab es einen Juden unter ihnen, Issai Bummstein, der Juwelier und Wucherer zugleich war. Alle mühten sie sich und verdienten sich ihre paar Kopeken. Die Aufträge kamen aus der Stadt. Geld ist gemünzte Freiheit und daher für einen Menschen, der jeder Freiheit beraubt ist, zehnmal wertvoller, als einem Freien. Wenn es nur in seiner Tasche klingt, so ist er schon halbwegs getröstet, selbst wenn er es nicht einmal ausgeben kann. Nur ist es Tatsache, daß man Geld immer und überall ausgeben kann, umsomehr, als die verbotene Frucht doppelt so süß ist. Im Ostrogg aber konnte man sogar Branntwein dafür erstehen. Pfeifen waren strengstens verboten und doch wurden sie von allen geraucht. Geld und Tabak bewahrten vor Skorbut und anderen Krankheiten, und die Arbeit bewahrte vor Verbrechen. Ohne Arbeit hätten die Sträflinge sich gegenseitig aufgefressen, wie die Spinnen im Glase.
Nichtsdestoweniger war Geld und eigene Arbeit verboten und nicht selten wurden mitten in der Nacht ganz plötzlich Durchsuchungen vorgenommen; alles Verbotene wurde konfisziert, und selbst das Geld, wie sorgfältig es auch versteckt werden mochte, fiel den Durchsuchenden bisweilen doch in die Finger. Das war auch teilweise der Grund, warum es nicht gespart, sondern baldmöglichst vertrunken wurde, und aus demselben Grunde kam denn auch der Branntwein in den Ostrogg. Nach jeder Durchsuchung wurde der Schuldige, abgesehen davon, daß er sein ganzes Kapital verlor, auch noch schmerzhaft bestraft. Aber nach jeder Durchsuchung wurde das Notwendigste sofort ersetzt und alsbald gab es neue Sachen und alles war wieder beim Alten. Das wußten auch die Vorgesetzten, doch nahmen sie es ebenso gleichmütig hin, wie die Sträflinge ihre Strafe, über die sie nicht einmal murrten, obgleich doch ein solches Leben demjenigen der Ansiedler auf dem Vesuv nicht unähnlich war.
Wer kein Handwerk verstand, wählte sich einen anderen Erwerbszweig, häufig einen sehr originellen. Einige beschäftigten sich zum Beispiel nur mit Auf- und Verkauf, also mit Zwischenhandel, doch womit sie handelten waren meistens Sachen, bei deren Anblick einer, der außerhalb des Ostrogg lebt, nie und nimmer auf die Idee käme, – nicht etwa, daß man so etwas kaufen oder gar verkaufen konnte, sondern daß so etwas überhaupt ein Gegenstand war. Aber man war eben sehr arm und dabei sehr gewerbtätig. Selbst die letzten Lumpen hatten noch ihren Wert und konnten, wie man sieht, doch noch zu etwas verwandt werden. Infolge der Armut hatte auch das Geld einen ganz anderen Wert im Ostrogg, als draußen in der freien Welt. Eine große und komplizierte Arbeit wurde mit Kopeken bezahlt. Einige etablierten sich als Kreditbanken und trieben ihren Wucher mit gutem Erfolg. Hatte ein Sträfling alles durchgebracht, oder hatte er nach einer Durchsuchung „bankrott gemacht“, so trug er seine letzten Sachen zum Wucherer, und erhielt von diesem zu ungeheuren Prozenten nur wenige Kupferstücke. Konnte er seine Sachen nicht vor dem Termin einlösen, so wurden sie unverzüglich und unbarmherzig verkauft. Ja, der Wucher blühte dermaßen, daß selbst dem Staate gehörende Gegenstände, wie z. B. Wäsche, Stiefel usw., verpfändet wurden, Sachen, die ein jeder Sträfling in jedem Augenblick brauchte. Doch geschah es bisweilen, daß diese Versatzgeschäfte eine andere Wendung nahmen, die indes nicht ganz unerwartet kam. Der Sträfling, der seine letzten Sachen verpfändet und dafür Geld empfangen hatte, ging darauf unverweilt, und ohne ein Wort zu reden, zum ältesten Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten des Ostrogg, und meldete ihm, daß er seine staatlichen Kleidungsstücke versetzt habe, die dann von diesem unverzüglich dem Wucherer wieder abgenommen wurden, sogar ohne daß vorher die höheren Vorgesetzten von dem Vorfall benachrichtigt worden wären. Interessant war, daß es dabei nicht einmal zu einem Streit kam: der Wucherer gab schweigend und verdrossen das Betreffende zurück, und es hatte sogar den Anschein, als habe er selbst einen solchen Ausgang erwartet. Vielleicht gestand er sich unwillkürlich, daß er an Stelle des Verpfänders wohl ebenso gehandelt haben würde. Und wenn er dann später auch einmal darüber schimpfte, so tat er es eigentlich ohne jeden Groll, er schimpfte sich einfach aus, um sich das Herz zu erleichtern.
Gestohlen wurde entsetzlich viel. Fast jeder besaß seinen eigenen verschließbaren Kasten, in dem er die ihm zugeteilten Kleidungsstücke aufbewahrte; das war erlaubt. Diese Kasten retteten nichts. Ich glaube, man wird sich leicht denken können, wie geschickt diese Diebe waren. Mir selbst stahl ein Sträfling, der mir aufrichtig zugetan war (ich sage es, ohne mir dabei etwas einzubilden), meine Bibel, das einzige Buch, das man im Ostrogg besitzen durfte. Er gestand es mir noch am selben Tage ganz naiv, doch tat er es nicht etwa aus Reue, sondern nur aus Mitleid mit mir, da ich sie lange vergeblich suchte.
Unter anderem gab es auch Weinhändler, die Branntwein verkauften und damit gute Geschäfte machten. Auf diesen Erwerbszweig werde ich noch besonders zu sprechen kommen, zumal er in seiner Art nicht uninteressant ist. Auch gab es viele wegen Schmuggels Verurteilte, und so braucht es einen denn auch nicht zu wundern, daß trotz aller Durchsuchungen, Schildwachen und Aufseher dennoch Branntwein in den Ostrogg gelangte. Der Schmuggel ist seinem Charakter nach eine ganz besondere Gesetzübertretung. Zum Beispiel, kann man sich vorstellen, daß das Geld, das Verdienst bei den meisten Schmugglern eine ganz nebensächliche Rolle spielt, oder für sie wenigstens erst in zweiter Linie in Betracht kommt? Und doch verhält es sich in den meisten Fällen tatsächlich so. Der Schmuggler schmuggelt aus Leidenschaft, weil der Hang dazu ihm angeboren ist. In gewisser Beziehung ist er förmlich ein Dichter. Er riskiert alles, er begibt sich in die größte Gefahr, er erfindet, er versucht sich aus der Schlinge zu ziehen, er stellt noch anderen Fallen – mitunter tut er es sogar wie auf höhere Eingebung. Die Leidenschaft des Schmugglers ist nicht geringer als die des Kartenspielers.
Ich kannte im Ostrogg einen Sträfling von ungeheurem Körperbau, der aber so sanft, so still und bescheiden war, daß man sich erstaunt fragte, für welches Vergehen ein solcher Mensch wohl zur Zwangsarbeit verurteilt sein mochte. Er war dermaßen friedlich und gutmütig, daß er sich während seiner ganzen Strafzeit im Ostrogg mit keinem einzigen gezankt hat. Er stammte von der westlichen Grenze, war wegen Schmuggels verurteilt worden und konnte, versteht sich, auch im Ostrogg nicht von seiner Leidenschaft lassen, und so schmuggelte er Branntwein. Wie oft war er dafür schon bestraft worden und wie fürchtete er die Ruten! Und dabei brachte ihm dieser Schmuggel nur sehr wenig ein, sogar lächerlich wenig. Der Branntwein machte nur den „Entrepreneur“ reich. Aber der Sonderling liebte die Kunst um der Kunst willen. Er war weinerlich wie ein Weib und wie oft schwor er sich nach einer neuen Strafe, nie wieder etwas durchzuschmuggeln und männlich bezwang er sich zuweilen einen ganzen Monat, bis – bis er es doch nicht aushielt ... Dank solcher Käuze war der Ostrogg stets mit Branntwein versorgt.
Endlich gab es auch noch eine Einnahme, die die Sträflinge zwar nicht reich machte, dafür aber beständig und wohltuend war: die Almosen. Die höheren Klassen unserer Gesellschaft können sich keine Vorstellung davon machen, wie die Kaufleute, Bürger und unser ganzes Volk für die „Unglücklichen“ sorgt! Es werden fast ununterbrochen milde Gaben gegeben, die meistens in Brot, Semmeln, Kalatschen bestehen, selten in Geld. Ohne diese Gaben hätten es die Gefangenen, besonders diejenigen, welche in Untersuchungshaft sind, und daher viel strenger gehalten werden, als die Verurteilten, an vielen Orten gar zu schwer. Das Geschenkte wird von den Sträflingen gewissenhaft zu gleichen Teilen verteilt. Reicht es nicht für alle, so werden die einzelnen Kalatschen in gleichgroße Stücke geschnitten, zuweilen sogar in ganze sechs, aber jeder Gefangene erhält unbedingt seinen peinlich genau abgemessenen Anteil.
Ich entsinne mich noch, wie ich zum erstenmal ein Almosen erhielt. Es war bald nach meiner Ankunft im Ostrogg. Ich kehrte von der Morgenarbeit ganz allein mit einem Soldaten unserer Wache zurück und da begegneten mir unterwegs eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, einem etwa zehnjährigen Mädchen, das wie ein Engel reizend war. Ich hatte beide schon einmal gesehen. Die Mutter war eine Soldatenwitwe. Ihr Mann, ein junger Soldat, war während seiner Untersuchungshaft im Lazarett gestorben, als auch ich dort in der Gefangenenabteilung lag. Die Frau und sein Töchterchen waren zum Abschied hingekommen, und beide hatten sie herzbrechend geweint. Als nun die Kleine mich erblickte, errötete sie und flüsterte der Mutter schnell etwas zu; die blieb sogleich stehen, suchte ihr Schnupftuch hervor, löste den Knoten und gab der Kleinen eine Viertelkopeke, die mir sogleich damit nachgelaufen kam: „Da, Unglücklicher, nimm um Christi willen dies Kopekchen!“ sagte sie, indem sie mir gerade vor die Füße lief und sich bemühte, mir die kleine Münze in die Hand zu drücken. Ich nahm ihr „Kopekchen“ und die Kleine kehrte vollauf befriedigt zu ihrer Mutter zurück. Ich habe lange die kleine Münze aufbewahrt.
II. Die ersten Eindrücke
Der erste Monat und überhaupt die erste Zeit meines Aufenthaltes im Ostrogg stehen selbst jetzt noch wie lebendig vor mir. Alle meine späteren Gefängnisjahre sind mir viel verschwommener, ungenauer in der Erinnerung geblieben. Einiger von ihnen kann ich mich fast gar nicht mehr erinnern, sie haben sich gleichsam mit den anderen vermischt, als wären sie ineinander geflossen, und alles, was mir von ihnen in der Erinnerung geblieben, ist nur eine einzige große Empfindung: die der Schwere, Einförmigkeit, Bedrücktheit.
Aber alles, was ich in den ersten Tagen meiner Kátorga durchlebt habe, ist mir, als wäre es gestern gewesen. Und das ist ja auch ganz verständlich.
Ich erinnere mich deutlich, daß mich schon beim ersten Schritt in dieses Leben vor allem Eines stutzig machte: daß ich, wie es mir schien, nichts besonders Auffallendes, Ungewöhnliches, oder richtiger, Unerwartetes in ihm fand. Ich glaubte alles auch schon früher in der Phantasie so gesehen zu haben, als ich noch auf dem Wege nach Sibirien mein Schicksal im voraus zu erraten suchte. Doch das änderte sich bald: eine Unmenge der allerunerwartetsten Seltsamkeiten, der ungeheuerlichsten Tatsachen machte mich bald bei jedem Schritt von neuem stutzig. Die ganze Eigenart aber, dies ganze Ungeahnte eines solchen Lebens, ging mir erst viel, viel später in seiner vollständigen Neuheit auf, nachdem ich schon lange im Ostrogg gelebt hatte, und dann wunderte ich mich immer mehr darüber. Ich muß gestehen, diese Verwunderung hat mich während der ganzen langen Zeit meiner Verbannung nicht verlassen, ich konnte mich niemals von ihr befreien.
Mein erster Eindruck, nachdem ich den Ostrogg betreten hatte, war im allgemeinen der des Ekels; aber nichtsdestoweniger schien es mir – so seltsam es auch klingen mag –, daß das Leben im Ostrogg viel leichter sei, als ich es mir unterwegs vorgestellt hatte. Die Sträflinge gingen – allerdings in Ketten – frei im ganzen Ostrogg umher, schimpften sich untereinander, sangen Lieder, arbeiteten für sich, rauchten Pfeifen, tranken sogar Branntwein (wenn auch nur verhältnismäßig wenige) und in der Nacht wurde Karten gespielt. Die Arbeit selbst erschien mir durchaus nicht so schwer, durchaus nicht so „sibirisch“, und erst nach ziemlich langer Zeit erriet ich, daß das „Sibirische“ dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Schwere und ununterbrochenen Dauer bestand, als vielmehr darin, daß sie „Zwangs“-Arbeit, befohlene Arbeit, eisernes Muß unter dem Stock war. Ein Bauer arbeitet zu Hause auf dem Felde oder sonstwo unvergleichlich mehr, im Sommer zuweilen sogar noch in der Nacht; aber er arbeitet für sich, er arbeitet zu einem vernünftigen Zweck, und die schwere Arbeit ist ihm unvergleichlich leichter, als dem Zwangsarbeiter die viel geringere, doch erzwungene und für ihn völlig nutzlose Arbeit. Es kam mir einmal folgender Gedanke: wollte man einen Menschen mittels einer Strafe vollständig erdrücken, ihn völlig vernichten, ihm eine so grauenvolle Strafe auferlegen, daß selbst der ruchloseste Mörder vor ihr erbebte und sich im voraus abschrecken ließe, so würde es genügen, seiner Zwangsarbeit den Charakter einer vollkommenen Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit zu geben. Wenn die sonst übliche Zwangsarbeit für den Sträfling auch uninteressant und langweilig ist, so hat sie doch immerhin als Arbeit einen Sinn: der Sträfling muß Ziegel brennen, Erde graben, Maurerarbeit machen, bauen; eine solche Arbeit hat, wie gesagt, Sinn und Zweck. Der Zwangsarbeiter läßt sich zuweilen sogar von ihr fortreißen, er will sie gewandter, fixer, besser verrichten. Würde man ihn dagegen anstellen, zum Beispiel Wasser aus einem Kübel in einen anderen zu gießen, und dann wieder zurück in den ersten, oder Sand zu stoßen, einen Haufen Erde von einem Platz auf einen anderen, und von dort wieder zurückzukarren, – ich glaube, der Sträfling würde sich schon nach wenigen Tagen erwürgen oder tausend Verbrechen begehen, um, wenn nicht anders, lieber zu sterben, als in dieser Erniedrigung, Schande und Qual weiterzuleben. Versteht sich, eine solche Strafe würde zur Folter, zur grauenvollsten Rache werden und wäre sinnlos, denn sie würde kein einziges vernünftiges Ziel erreichen. Da aber ein Teil einer solchen Folter, einer solchen Sinnlosigkeit, Erniedrigung und Schmach unbedingt in jeder erzwungenen Arbeit enthalten ist, so ist auch die sibirische Zwangsarbeit gerade dadurch, daß sie erzwungen ist, unvergleichlich schwerer als jede freiwillige.
Ich kam übrigens im Winter in den Ostrogg, im Dezember, und sah und wußte daher noch nichts von der Sommerarbeit, die fünfmal schwerer ist. Im Winter jedoch gab es in unserer Festung nur wenig Arbeit. Die Sträflinge gingen an das Ufer des Irtysch, um dort alte Barken, die Staatseigentum waren, abzubrechen, arbeiteten in den Werkstätten, schaufelten in der Stadt vor allen Staatsgebäuden den Schnee fort, der von den Stürmen immer wieder aufgeweht wurde, brannten und stießen Alabaster und taten ähnliches mehr.
Der Wintertag war sehr kurz, die Arbeit schnell zu Ende, und so kehrten denn die Sträflinge schon früh in den Ostrogg zurück, wo sie so gut wie nichts zu tun hatten, wenn sie nicht zufällig für sich selbst etwas arbeiten wollten. Doch mit eigener Arbeit beschäftigte sich vielleicht nur ein Drittel aller Gefangenen; die übrigen schlugen die freie Zeit mit Müßiggang tot, schlenderten aus einer Kaserne in die andere, schimpften, stritten, spannen Intrigen, verbreiteten Klatschgeschichten und betranken sich, wenn sie nur irgendwie ein paar Kopeken ergattert hatten; in der Nacht verspielten sie noch ihr letztes Hemd, – und das alles nur aus Langeweile, aus Müßiggang und dem bevorzugten Nichtstun!
Mit der Zeit begriff ich, daß es außer dem Verlust der Freiheit, außer der Zwangsarbeit im Leben des Sträflings noch eine Qual gibt, die fast größer ist, als alle anderen: das ist das erzwungene allgemeine Zusammenleben. Allgemeines Zusammenleben gibt es natürlich auch an anderen Orten, in den Ostrogg aber kommen Menschen, mit denen sich nicht ein jeder gern einleben will, und ich bin überzeugt, daß jeder Sträfling diese Qual mehr oder weniger empfunden hat, wenn auch, versteht sich, größtenteils nur unbewußt.
Auch das Essen erschien mir recht reichlich bemessen. Viele versicherten, daß es in den Gefängnissen des europäischen Rußland schlechter sei. Darüber kann ich nicht urteilen: ich bin nicht in ihnen gewesen. Zudem konnten es sich viele leisten, besonderes Essen für sich zu bestellen. Rindfleisch kostete bei uns zwei Kopeken das Pfund, im Sommer drei Kopeken. Trotzdem aßen nur die wenigen, die beständig Geld besaßen, eigenes Essen; die große Mehrzahl begnügte sich mit der Staatskost. Übrigens meinten die Sträflinge, wenn sie ihre Kost lobten, damit nur das Brot und vornehmlich segneten sie den einen Vorzug desselben: daß es uns gemeinsam und nicht pfundweis jedem einzelnen zugeteilt wurde, denn das wäre für sie wahrhaft grauenvoll gewesen. Bei einer Verteilung nach dem Gewicht hätte sich mindestens ein Drittel nicht satt essen können, während es so für alle ausreichte.
Unser Brot war in der Tat ganz besonders schmackhaft und als solches in der ganzen Stadt berühmt. Man schrieb diesen Vorzug dem gelungenen Bau unserer Backöfen zu. Die Kohlsuppe war dagegen sehr mangelhaft. Sie wurde in einem großen Kessel gekocht, mit etwas Graupen versehen, und so war sie, besonders an den Werktagen, wässerig und mager. Mich entsetzte an ihr die große Menge Schaben, die alle ruhig mitgekocht wurden. Die übrigen Sträflinge schenkten ihnen aber überhaupt keine Beachtung.
Die ersten drei Tage wurde ich noch nicht mit den anderen zur Arbeit geschickt; so verfuhr man mit jedem Neuangekommenen: man ließ ihn nach der Reise sich etwas ausruhen. Doch schon am nächsten Tage war ich gezwungen, auf kurze Zeit den Ostrogg zu verlassen, da mir andere Fesseln angeschmiedet werden mußten. Meine Fesseln waren noch nicht die vorschriftsmäßigem sondern aus Ringen bestehende, „Hellklingende“, wie die Gefangenen sie nannten. Die hatte ich über den Kleidern getragen. Die vorschriftsmäßigen Ostroggfesseln, die auch bei der Arbeit nicht hinderlich waren, bestanden nicht aus Ringen, sondern aus vier etwa fingerdicken eisernen Stäben, die durch drei eiserne Ringe miteinander verbunden waren. Diese trug man unter den Beinkleidern. An den mittleren Ring war ein Riemen befestigt, der seinerseits an den Gürtelriemen, den man direkt über dem Hemde tragen mußte, angebracht wurde.
Ich entsinne mich noch deutlich meines ersten Morgens in der Kaserne.
Die Wache vor dem Tore des Ostrogg hatte schon die Trommel geschlagen. Nach ungefähr zehn Minuten kam der wachhabende Unteroffizier und schloß die Türen auf. Wir waren inzwischen schon aufgewacht. Beim glanzlosen Schein eines armseligen Talglichts erhoben sich, zitternd vor Kälte, die Arrestanten von ihren Pritschen. Fast alle waren in der Verschlafenheit schweigsam und mürrisch. Sie gähnten, streckten ihre Glieder und runzelten die gebrandmarkten Stirnen. Einige bekreuzten sich, andere fingen schon an, sich zu streiten. Die Luft war zum Ersticken. Sobald nur die Tür aufgemacht wurde, drang die frische Winterluft wie Dampfwolken herein und verbreitete sich in der Kaserne. An den Wassereimern drängten sich die Sträflinge: sie nahmen der Reihe nach die Schöpfkelle, schöpften Wasser aus den Eimern, nahmen das Wasser in den Mund und wuschen sich Gesicht und Hände mit dem aus dem Munde fließenden Wasser. Die Eimer werden schon am Abend von dem zum „Stubendienst“ bestimmten Sträfling bereitgestellt. In jeder Kaserne gab es einen, der von den anderen zum Stubendienst gewählt war. Er wurde der Reiniger genannt und ging nicht zur Arbeit. Seine Arbeit bestand darin, daß er die Kaserne an jedem Morgen aufräumte und überhaupt für ihre Reinlichkeit sorgte, daß er die Pritschen und den Fußboden scheuerte und abschabte, daß er den Nachtkübel hinaustrug und das Wasser besorgte, zwei Eimer voll – morgens zum Waschen und am Tage zum Trinken. Wegen der Schöpfkelle, wovon wir nur ein Exemplar besaßen, kam es bald zum Streit.
„Wohin kraufst du mit deiner verzierten Fratze!“ brummte mürrisch ein hochgewachsener, hagerer Sträfling von dunkler Gesichtsfarbe, dessen abrasierter Schädel ganz eigentümliche Wölbungen aufwies, einen anderen Sträfling an, der etwas untersetzt und wohlgenährt war und ein heiteres, frisches Gesicht hatte. – „Wart!“
„Was schreist du! Für ‚Wart‘ zahlt man Geld bei uns ... Pack dich lieber selber ... Seht doch, reckt sich hier aus wie ’n Monument! Das heißt, Brüder, deswegen ist er noch lange keins, es ist ja an ihm noch nichts Verstümmeltes zu sehen.“
Die letzte Bemerkung machte einen gewissen Eindruck: viele lachten. Das aber war alles, was der lustige Dicke haben wollte, da er in der Kaserne augenscheinlich so etwas wie ein freiwilliger Possenreißer war. Der hochgewachsene Sträfling blickte ihn mit tiefer Verachtung von oben herab an.
„Sau!“ sagte er gleichsam nur so vor sich hin, – „hat sich am Ostroggbrot so vollgefressen, daß man von ihm zum ersten Fleischtag nach den Fasten zwölf Ferkel erwarten kann.“
Der Dicke wurde wütend.
„Was bist du denn für ein Vogel?“ schrie er plötzlich, puterrot im Gesicht.
„Das ist’s ja, daß ich ’n Vogel bin!“
„Was für einer denn?“
„Solch einer.“
„Was für solch einer?“
„Das ist schon so ’n Wort: solch einer.“
„Aber so sag doch, was für einer?“
Beide sahen sich an, als wollten sie sich mit ihren Blicken ineinander einhaken. Der Dicke wartete gespannt auf die Antwort und ballte die Fäuste, wie wenn er sich sofort auf den anderen zu stürzen beabsichtigte. Ich war überzeugt, daß es zu einer Rauferei kommen würde. Neugierig beobachtete ich sie, denn alles, was ich hier sah, war mir noch so neu. Später erfuhr ich, daß alle derartigen Szenen ganz harmlos waren und nur zur allgemeinen Unterhaltung und zum Ergötzen der anderen vorgespielt und friedlich wieder beigelegt wurden – ganz wie in der Komödie. Bis zum Handgemenge kam es fast nie. Das war ziemlich charakteristisch und bezeichnend für die Sitten und Bräuche des Ostrogg.
Der hochgewachsene Sträfling stand ruhig und stolz da: er wußte, daß alle auf ihn sahen und warteten, ob er sich mit seiner Antwort blamieren würde oder nicht. Er mußte seine Stellung behaupten, mußte beweisen, daß er tatsächlich ein Vogel war, und mußte sagen, was für ein Vogel. Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte er über die Schulter auf seinen Gegner, bemüht, zur größeren Beleidigung möglichst schräg, möglichst von oben herab zu sehen, indem er ihn wie einen Käfer unter der Lupe fixierte, und dann erst sagte er ebenso langsam wie deutlich:
„Ein Reiher!“
Das hieß, er selbst sei ein Reiher. Eine laute Lachsalve war die Antwort auf die Findigkeit des Sträflings.
„Ein Spitzbube bist du, aber kein Reiher!“ brüllte ihn der Dicke wutschnaubend an, da er fühlte, daß er in allen Punkten geschlagen war.
Doch kaum nahm der Streit eine gefährlichere Wendung, da wurden die Kampflustigen auch schon zur Ruhe gewiesen.
„Was schreit ihr da! Halt’s Maul!“ rief ihnen die ganze Kaserne zu.
„Haut euch doch lieber, als daß ihr da Zeter schreit!“ rief ihnen einer aus der Ecke zu.
„Halt du sie lieber fest, damit sie sich nicht hauen!“ war die Antwort der anderen. „Wir sind ein flinkes Volk, sind aber auch hitzig. Zu sieben werden wir uns nicht vor einem fürchten und einzeln auch nicht vor sieben ...“
„Sie sind beide gut! ... Der eine ist um ein Pfund Brot in den Ostrogg gekommen, und der andere, der O-beinige Weiberfreund, hat bei einem Weibe saure Milch gefressen und dafür sich die Knute erworben ...“
„Nu–nu–nun, jetzt könnt ihr aufhören!“ unterbrach sie unser Invalide, der zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kaserne lebte und in der Ecke auf einer besonderen Pritsche schlief.
„Wasser, Kinder! Unser Nevalid Petrowitsch ist erwacht! Wasser für Nevalid Petrowitsch, unseren leiblichen Bruder!“
„Bruder ... Was bin ich dir für ein Bruder? Haben noch keinen Rubel zusammen vertrunken, und schon Bruder!“ brummte der Invalide, indem er gemächlich die Arme in die Ärmel seines Uniformmantels schob und sich ankleidete.
Man bereitete sich zur Kontrolle vor; die Morgendämmerung nahm zu, es begann zu tagen. In der Küche drängte sich die ganze Schar, in Halbpelzen, auf dem Kopf die zweiteiligen Mützen, um das Brot, das von einem der Breiköche geschnitten wurde, in Empfang zu nehmen. Diese Breiköche wurden gleichfalls von der ganzen Abteilung gewählt, für jede Küche zwei. Von ihnen wurde auch das Küchenmesser aufbewahrt, das man zum Fleisch- und Brotschneiden nötig hatte, – das einzige Messer in der ganzen Küche.
In allen Ecken und an allen Tischen setzten sich die Sträflinge nieder, alle in Mützen, Halbpelzen, gegürtet und bereit zum Ausbruch zur Arbeit. Vor mehreren standen schon hölzerne Schüsseln mit Kwas[2], in die Brot hineingebröckelt und die dann ausgeschlürft wurde. Der Lärm und das Geschrei waren unerträglich; doch einige unterhielten sich ganz ruhig und vernünftig in den Ecken.
„Wohl bekomm’s, alter Antonytsch! – laß dich grüßen!“ sagte ein junger Sträfling zu einem mürrischen, zahnlosen Alten, und setzte sich neben ihn hin.
„Nu, schon gut, wenn du nicht spaßt,“ sagte jener, ohne auch nur den Blick zu erheben, und mühte sich, mit seinen zahnlosen Kiefern sein Brot zu zerkauen.
„Denk doch, Antonytsch, ich glaubte, daß du gestorben seiest, wahrhaftig!“
„Nein, stirb du zuerst, dann werd’ ich’s dir nachmachen ...“
Ich setzte mich neben sie hin. Rechts von mir unterhielten sich zwei ernste Männer, die augenscheinlich bestrebt waren, ihre Würde vor einander zu wahren.
„... Mir wird niemand etwas stehlen,“ sagte der eine, „ich, Bruder, ich muß mich selbst in acht nehmen, daß ich nicht anderen etwas stehle.“
„Nun, auch mich versuch nicht mit bloßer Hand zu nehmen: sieh dich vor, verbrennst dich.“
„Was kannst du denn hier verbrennen? Bist doch ebenso ein Zuchthäusler ... Sie nimmt dir alles ab und dankt dir nicht einmal dafür. So sind auch meine Kopeken dahingegangen. Vor kurzem kam sie noch von selbst. Aber wohin sollte ich mit ihr? Ich wollte schon den Henker Fedjka um Unterkunft bitten: er hatte doch noch in der Vorstadt ein Haus stehen, hatte es dem grindigen Salomon, dem Lausejuden, abgekauft, demselben, der sich dann später aufknüpfte ...“
„Ich weiß. Er verkaufte bei uns schon das dritte Jahr Branntwein und wurde Grischka, die dunkle Schenke, genannt. Ich weiß schon.“
„Da sieht man gleich, daß du nichts weißt! Das war doch eine andere dunkle Schenke!“
„Was für eine andere! Du willst immer allein alles wissen! Ich werde dir soviel Zeugen aufstellen ...“
„Wirst aufstellen! Wer bist du, und woher bin ich?“
„Wer! Dich habe ich schon geschlagen, prahle aber gar nicht damit. Du aber fragst noch wer!“
„Du und mich geschlagen! Wer mich schlagen wollte, ist noch nicht geboren und wer mich geschlagen hat, der liegt schon unter der Erde!“
„Daß dich die Pest! ...“
„Daß dich die sibirische Seuche fresse!“
„Daß dich ein Türkensäbel –!“
Und das Schimpfen hub an.
„Nununu! Was reißt ihr eure Mäuler!“ schrie man sie rundum an. „Habt ihr nicht verstanden, in Freiheit zu leben, so dankt Gott, daß man euch hier noch reines Brot gibt ...“
Bei jedem Wortwechsel sorgen die anderen dafür, daß es nicht zu Tätlichkeiten kommt. Schimpfen, mit der Zunge „prügeln“ – das wird erlaubt, das kann man nach Herzenslust, denn teilweise ist so etwas für alle eine kleine Zerstreuung. Bis zum Handgemenge aber ließen sie es nur selten kommen, und nur in einem Ausnahmefall konnten sich zwei Feinde raufen. Von jeder Rauferei muß dem Major Meldung gemacht werden; dann beginnen die Untersuchungen, der Major kommt selbst angefahren – mit einem Wort, das hat für alle sein Unangenehmes, und darum beugt man vor. Und auch die Feinde selbst schimpfen sich mehr der Zerstreuung halber, zur Ausbildung ihrer Redekunst. Nicht selten täuschen sie sich gegenseitig, geraten in furchtbare Hitze, ereifern sich entsetzlich ... man glaubt: jetzt werden sie sofort aufeinander losstürzen – fällt ihnen aber gar nicht ein: sie bringen es bis zu einem gewissen Höhepunkt und gehen dann plötzlich ganz ruhig auseinander. Das setzte mich anfangs nicht wenig in Erstaunen. Ich habe hier absichtlich die alleralltäglichsten Gespräche als Beispiele angeführt. Früher hätte ich es mir nie vorstellen können, daß man sich nur zum Vergnügen schimpfen, darin eine besondere Unterhaltung, eine angenehme Übung, kurz – etwas Angenehmes sehen könnte. Übrigens darf man hierbei auch nicht die Ruhmsucht vergessen. Der schimpfende Dialektiker genoß große Achtung und Bewunderung. Es fehlte nur noch, daß man ihm Beifall klatschte, wie einem guten Schauspieler.
Schon am ersten Abend fiel es mir auf, daß man scheel auf mich blickte. Ich hatte bereits mehrere finstere Blicke aufgefangen. Und andererseits hielten sich einige beständig in meiner Nähe auf, in der Vermutung, ich könne Geld mitgebracht haben. Nach kurzer Zeit suchten sie mir denn auch schon gewisse Dienste zu erweisen: sie zeigten mir, wie man die ungewohnten Fesseln am bequemsten trage, verschafften mir – selbstverständlich für mein Geld – einen kleinen verschließbaren Kasten, damit ich die mir ausgelieferten Kleidungsstücke und meine eigene Wäsche, die ich mitgebracht hatte, sicher unterbringen konnte. Doch schon am nächsten Tage hatten sie mir dieselbe gestohlen und vertrunken. Einer von ihnen wurde später mein ergebener Anhänger, doch hinderte ihn das durchaus nicht, mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu bestehlen. Er tat es ohne das geringste Bedenken, fast sogar unbewußt oder als wäre es geradezu seine Pflicht gewesen, und man konnte ihm unmöglich böse sein.
Unter anderem belehrten sie mich, daß ich meinen eigenen Tee haben müsse, daß es auch nicht schlecht wäre, wenn ich mir gleich eine ganze Teekanne verschaffte, stellten mir aber sogleich eine andere bis dahin als Ersatz zur Verfügung und empfahlen mir besonders den einen Koch, indem sie noch besonders hervorhoben, daß er mir für etwa dreißig Kopeken monatlich alles, was ich nur wollte, zubereiten würde, wenn ich nicht die Festungskost zu genießen und mir eigenes Essen zu kaufen wünschte ... Natürlich liehen sie sofort von mir Geld und ein jeder von ihnen kam allein schon am ersten Tage mindestens dreimal zu mir, um mich anzuborgen.
Auf die ehemaligen Edelleute sieht man in der Kátorga ganz allgemein nur scheel und nichts weniger als wohlwollend. Die Sträflinge erkennen sie, ungeachtet dessen, daß sie aller Rechte beraubt und den übrigen Gefangenen vollständig gleichgestellt sind, niemals als ihre Kameraden und Genossen an. Das geschieht aber von ihnen nicht aus bewußtem Vorurteil, sondern vollkommen aufrichtig, unbewußt. Der Grund hierfür mag wohl in einem bestimmten Gefühl liegen. Sie erkannten uns vollkommen aufrichtig als Edelleute an, verspotteten uns aber ganz gern mit unserem tiefen Fall.
„Nein, wart mal, jetzt hat sich die Sache verändert! Einstmals fuhr Peter stolz durch Moskau, heute dreht Peter kleinlaut das Schiffstau,“ und noch eine Menge ähnlicher Liebenswürdigkeiten gingen an unsere Adresse.
Mit Hochgenuß beobachteten sie unsere Qualen, wie sehr wir uns auch bemühten, sie zu verbergen. Die liebreichsten Bemerkungen bekamen wir in der ersten Zeit bei der Arbeit zu hören: sie wurden uns verabfolgt, weil wir nicht so stark waren wie sie und ihnen infolgedessen nicht genügend helfen konnten. Nichts ist schwerer, als das Zutrauen des Volkes – besonders noch eines solchen Volkes – und seine Liebe zu erringen.
Im Ostrogg gab es mehrere Edelleute. Zunächst fünf Polen. Von diesen werde ich späterhin noch ausführlicher sprechen. Polen wurden von den Sträflingen äußerst wenig geliebt, sie waren ihnen noch viel verhaßter, als die Sträflinge aus dem russischen Adelstande. Die Polen – ich spreche hier nur von den politischen Verbrechern – waren zu ihnen ganz besonders, geradezu raffiniert, beleidigend höflich, hielten sich möglichst fern von ihnen und konnten es auf keine Weise verbergen, daß die Sträflinge sie anekelten, was jene natürlich vorzüglich begriffen und wofür sie mit derselben Münze heimzahlten.
Ich mußte fast ganze zwei Jahre im Ostrogg leben, um mir die Sympathie einiger weniger Sträflinge zu erwerben. Doch zu guterletzt gewann mich ein großer Teil derselben lieb und hielt mich für einen „guten“ Menschen.
Von russischen Edelleuten waren außer mir noch vier im Ostrogg. Einer von ihnen, ein niedriges, gemeines Geschöpf, war entsetzlich ausschweifend, ein geborener Spion und Hinterbringer. Ich hatte von ihm schon vor meinem Eintritt in den Ostrogg gehört und gab ihm daher denn auch bald zu verstehen, daß ich seine nähere Bekanntschaft nicht wünschte. Der zweite war jener Vatermörder, von dem ich schon gesprochen habe. Der dritte war Akim Akimytsch.
Ich weiß nicht, ob ich jemals einen so seltsamen Kauz gesehen habe, wie es dieser Akim Akimytsch war. Er ist mir unvergeßlich in der Erinnerung geblieben, deutlich sehe ich ihn noch vor mir. Er war groß von Wuchs, hager, schwachgeistig, unglaublich ungebildet, ein großer Raisonneur, und gewissenhaft wie ein Deutscher. Die Sträflinge lachten über ihn, viele aber fürchteten sich sogar davor, mit ihm etwas zu tun zu haben, wegen seines streitsüchtigen, anmaßenden und unleidlichen Charakters. Er stellte sich von vornherein wie ein alter Duzbruder zu ihnen, schimpfte und raufte sich womöglich mit allen und jedem. Dabei war er phänomenal ehrlich. Sobald er nur irgendwo eine Ungerechtigkeit bemerkte, mischte er sich ohne weiteres ein, gleichviel, ob ihn die Sache anging oder nicht. Naiv war er bis zur Unglaublichkeit; so warf er den anderen im Streite nicht selten vor, daß sie Diebe seien und suchte sie allen Ernstes zu überreden, nicht mehr zu stehlen.
Er hatte im Kaukasus als Fähnrich gedient. Wir traten uns schon am ersten Tage näher und er erzählte mir ungesäumt seine ganze Lebensgeschichte.
Seinen Dienst hatte er im Kaukasus begonnen, wo er als Junker in ein Linienregiment eingetreten war. Endlich war er befördert und als Oberkommandeur in irgend eine kleine Verschanzung oder Festung versetzt worden. Da hatte aber irgend ein kleiner, Rußland friedlich gesinnter Fürst aus der Nachbarschaft seine Festung in Brand gesteckt und einen nächtlichen Überfall versucht; der war ihm jedoch mißlungen. Akim Akimytsch dachte sich nun folgende List aus: er tat, als habe er keine Ahnung, wer der Feind gewesen war. Der Angriff wurde auf die aufständischen Bergvölker geschoben und bald vergessen. Nach einem Monat aber lud Akim Akimytsch den kleinen Fürsten recht freundschaftlich zu sich zu Gaste. Jener kam natürlich, ohne etwas zu ahnen. Akim Akimytsch ließ seine ganze Mannschaft feierlichst antreten, worauf er den Fürsten öffentlich überführte und ihm die Leviten las, indem er ihm bewies, daß es eine Schande sei, Festungen in Brand zu stecken. Darauf belehrte er ihn ausführlich, wie ein friedlich gesinnter Fürst sich in Zukunft zu verhalten habe und zum Schluß schoß er ihn nieder, wovon er dann selbst seinen Vorgesetzten mit allen Einzelheiten Meldung machte. Zur Belohnung für seine Heldentat wurde er dem Gericht überliefert, zum Tode verurteilt, doch wegen mildernder Umstände auf zwölf Jahre in die zweite Abteilung nach Sibirien zur Festungsarbeit verschickt.
Er sah vollkommen ein, daß er unrechtmäßig gehandelt hatte, er sagte mir, daß er dies auch schon vor der Erschießung des kleinen Fürsten gewußt habe; er habe es ganz genau gewußt, daß ein friedlicher Fürst nur nach dem Gesetz verurteilt werden dürfe; aber wie genau er auch alles wußte, seine Schuld konnte er doch nicht recht einsehen – er begriff sie einfach nicht.
„Aber ich bitt’ Sie! Er hatte mir doch meine Festung in Brand gesteckt! Was, sollte ich ihm dafür noch Dank sagen?“ fragte er mich, – und das war auch seine ganze Antwort auf alle meine Einwendungen.
Ich sagte bereits, daß die Sträflinge sich über Akim Akimytsch lustig machten, doch nichtsdestoweniger achteten sie ihn wegen seiner Gewissenhaftigkeit und seiner Geschicklichkeit.
Es gab kein Handwerk, das Akim Akimytsch nicht verstanden hätte. Er war Tischler, Schuster, Maler, Vergolder, Schlosser – und alles das hatte er erst im Ostrogg gelernt. Er machte alles, ohne daß es ihm besonders gezeigt wurde: er sah nur einmal hin und schon konnte er es selbst machen. Er verfertigte verschiedene kleine Kästchen, Körbchen, Laternen, Kinderspielzeug, und hatte seine Abnehmer in der Stadt. Die natürliche Folge davon war, daß er beständig Geld hatte, für welches er sich alsbald neue Wäsche, ein weicheres Kopfkissen, eine gute zusammenlegbare Matratze erstand. Er schlief in derselben Kaserne mit mir und war mir während der ersten Tage in vieler Beziehung sehr nützlich.
Bevor die Sträflinge den Ostrogg verließen, um zur Arbeit zu gehen, stellten sie sich vor der Wache in zwei Reihen auf; vor und hinter ihnen nahm die militärische Eskorte, unser beständiges Begleitkommando, mit scharf geladenem Gewehr die übliche Stellung ein. Darauf erschienen ein Offizier, der Aufsichtführende und einige subalterne Militärbeamte, die die Arbeit zu beaufsichtigen hatten. Der Aufsichtführende zählte die Sträflinge und schickte sie in Abteilungen an verschiedene Orte zur Arbeit.
Zusammen mit anderen begab ich mich in unsere Werkstätte. Das war ein niedriges Steingebäude mitten auf einem großen Hof, auf dem verschiedenes Rohmaterial lag. Dort gab es eine Schmiede, eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Malerwerkstatt und noch anderes. In dieser Malerwerkstatt arbeitete Akim Akimytsch: er kochte Olivenöl, mischte Farben und strich kunstvoll Tische und Stühle an, so daß sie wie von Nußbaumholz aussahen.
Während ich auf meine Einschmiedung wartete, sprach ich mit Akim Akimytsch über die ersten Eindrücke, die ich im Ostrogg empfangen hatte.
„Ja, das ist schon so, sie mögen die Edelleute nicht,“ bemerkte er, „besonders die politischen nicht; die würden sie am liebsten auffressen. Das ist aber dumm von ihnen. Ihr seid doch ein ganz anderes Volk, das ihnen ganz unähnlich ist, sie aber sind früher alle nur Hörige gewesen oder Soldaten. Urteilen Sie nun selbst, ob sie euch da wohl lieben können. Hier ist es, sage ich Ihnen, schwer zu leben. Aber in den russischen Arrestantenkompagnien ist es noch schwerer ... das ist schon so. Wir haben ja auch welche von dort, die unseren Ostrogg nicht genug loben können, ganz als wären sie aus der Hölle in den Himmel gekommen ... Nicht die Arbeit ist das Schlimme. Man sagt, dort, in der ersten Abteilung, sei das Kommando sozusagen nicht ganz militärisch, wenigstens gehe man dort anders vor, als bei uns. Dort, sagt man, kann der Verbannte in seinem eigenen Häuschen leben. Ich bin nicht dort gewesen, aber es wird so erzählt. Sie werden, wie man hört, auch nicht geschoren und tragen keine Uniform, wenn es auch übrigens besser ist, daß sie bei uns halb abrasiert werden und gleichmäßig gekleidet sind – es ist doch immerhin etwas mehr Ordnung und fürs Auge ist es angenehmer. Den Leuten selbst aber gefällt es nicht. Aber Sie sehen doch, was das hier für ein Gesindel ist! Der eine ist Russe, der andere Tscherkesse, der dritte ist Sektierer, der vierte ein rechtgläubiger Landbauer, hat seine Familie, hat seine lieben Kinderchen in der Heimat zurückgelassen, der fünfte ist Jude, der sechste Zigeuner, der siebente weiß Gott wer, – und sie alle müssen jetzt hier an einem Ort zusammenleben, ob sie wollen oder nicht, aber sie müssen miteinander auskommen, müssen aus derselben Schüssel essen, auf derselben Pritsche schlafen. Und wo ist denn hier Freiheit: selbst einen überflüssigen Bissen kann man nur heimlich essen und jede Kopeke muß man im Stiefel verstecken, und was man sieht und hat, ist immer nur Ostrogg und abermals Ostrogg ... Da kann man ja ganz unwillkürlich dumm werden.“
Doch, was er da sagte, wußte ich bereits. Ich wollte ihn vielmehr über unseren Major etwas ausfragen. Akim Akimytsch war nicht zurückhaltend und ich weiß noch, daß der Eindruck, den ich von seinen Schilderungen empfing, nicht ganz angenehm war.
Noch ganze zwei Jahre war es mir bestimmt, unter dem Kommando dieses Majors zu leben.
Alles, was mir Akim Akimytsch von ihm erzählte, war, wie es sich später zeigte, vollkommen richtig und gerecht, nur mit dem einen Unterschied, daß der Eindruck der Wirklichkeit immer stärker ist, als der, den man aus einer gewöhnlichen Erzählung erhält.
Er war ein furchtbarer Mensch, und furchtbar gerade dadurch, daß er, als dieser Charakter, der er war, fast unumschränkte Macht über zweihundertundfünfzig Seelen besaß. An sich war er nur ein unordentlicher und böser Mensch, und weiter nichts. Auf die Sträflinge sah er wie auf seine natürlichen Feinde, und das war sein erster und größter Fehler. Er besaß in der Tat einige Fähigkeiten, nur war alles an ihm, selbst das Gute, irgendwie entstellt. Zuweilen stürzte er mitten in der Nacht in unseren Ostrogg und wenn er bemerkte, daß ein Sträfling auf der linken Seite oder auf dem Rücken schlief, so bestrafte er ihn am nächsten Morgen: „Du sollst auf der rechten Seite schlafen, wie ich es befohlen habe.“
Im Ostrogg wurde er gehaßt und gefürchtet wie die Pest. Er hatte ein rotes, böses, wildes Gesicht und beherrschen konnte er sich nie. Trotzdem war er, wie alle wußten, ganz und gar in den Händen seines Burschen Fedjka. Doch am meisten auf der ganzen Welt liebte er seinen Pudel Tresorka, und als der einmal erkrankt war, soll er vor Kummer beinahe den Verstand verloren haben. Man sagt, er habe über ihn geweint, als wäre der Hund sein leiblicher Sohn gewesen. Den Tierarzt hatte er alsbald zum Teufel gejagt und es hieß, viel habe nicht gefehlt, daß er ihn seiner Gewohnheit gemäß noch verprügelt hätte. Darauf hätte er von seinem Fedjka gehört, daß im Ostrogg ein Sträfling „selbstgelernter“ Tierarzt sei, ein Bauer, der aus praktischer Erfahrung Tiere mit gutem Erfolg zu heilen wisse. Den mußte Fedjka unverzüglich zur Stelle schaffen.
„Hilf mir! Ich werde dich vergolden, wenn du mir Tresorka rettest!“ schrie er dem Sträfling entgegen.
Das war ein sibirischer Bauer, schlau, klug und in der Tat sehr geschickt als Tierarzt, aber immerhin ein echter Bauer.
„Da blickte ich denn Tresorka an,“ hatte er später den anderen Sträflingen erzählt – übrigens erst nach langer Zeit, als der ganze Vorfall schon vergessen war – „sehe: der Köter liegt auf dem Divan, liegt auf einem weißen Kissen; ich sehe auch deutlich, daß er Fieber hat; ein Aderlaß und er wäre gesund – das wußte ich. Da aber denke ich so bei mir: aber wie, wenn ich ihn nicht kuriere, wenn ich ihn krepieren lasse? Nein, Euer Gnaden, sagte ich, ich bin zu spät gerufen worden, hätte man es gestern oder vorgestern getan, so würde ich den Hund geheilt haben; jetzt aber kann ich es nicht, es ist zu spät ...“
Und so krepierte denn Tresorka.
Auch erzählte man mir ausführlich von einem Anschlag auf das Leben unseres Majors.
Es hatte im Ostrogg mehrere Jahre lang ein Sträfling gelebt, der allen durch seine große Sanftmut auffiel. Desgleichen hatte man bemerkt, daß er fast nie sprach. Daher war er alsbald für etwas geistesschwach gehalten worden. Er verstand zu lesen und zu schreiben, und im ganzen letzten Jahre hatte er beständig die Bibel gelesen, Tag und Nacht. Wenn die anderen alle schon schliefen, erhob er sich um Mitternacht, zündete ein Kirchenwachslicht an, kroch auf den Ofen, schlug die Bibel auf und las bis zum Morgen.
Eines schönen Tages war er zum ältesten Unteroffizier gegangen und hatte ihm gemeldet, daß er nicht mehr zur Arbeit gehen wolle. Der Major wurde sofort benachrichtigt: er schäumte vor Wut und kam unverzüglich angefahren. Da stürzte sich der sanftmütige Sträfling mit einem schon in Bereitschaft gehaltenen Ziegelstein auf ihn, schleuderte den Stein – traf ihn jedoch nicht. Er wurde ergriffen, verurteilt und bestraft. Es ging alles sehr schnell vor sich. Nach drei Tagen starb er im Lazarett. Kurz vor dem Tode soll er noch gesagt haben, daß er keinem Menschen Böses gewollt, er habe nur leiden wollen. Er war übrigens kein Sektierer. Im Ostrogg gedachte man seiner stets mit Achtung.
Endlich wurde ich eingeschmiedet. Inzwischen waren in der Werkstätte mehrere Semmelverkäuferinnen erschienen, eine nach der anderen. Einige von ihnen waren noch ganz kleine Mädchen. Solange sie noch nicht erwachsen sind, gehen sie umher und verkaufen Semmeln, die zu Hause von den Müttern gebacken werden. Sind sie erwachsen, so gehen sie gleichfalls umher, doch dann ohne Semmeln. Das war schon lange so Sitte. Es waren aber auch andere, nicht gerade Mädchen, mit ihnen gekommen. Eine Semmel kostete eine halbe Kopeke, ein Kalatsch zwei Kopeken und von den Sträflingen kaufte sich fast jeder einen.
Bei der Gelegenheit fiel mir besonders ein Sträfling auf, ein Tischler mit schon leicht ergrautem Haar, doch noch recht frischem Gesicht, der lächelnd mit den Semmelverkäuferinnen schäkerte. Kurz bevor sie gekommen waren, hatte er sich noch schnell ein rotes, baumwollenes Halstuch umgeschlungen.
Das eine dicke, pockennarbige Weiblein setzte sich auf seine Hobelbank und zwischen ihnen entspann sich folgendes Gespräch:
„Warum seid Ihr denn gestern nicht dorthin gekommen?“ fragte der Sträfling mit selbstzufriedenem Lächeln.
„Noch was! Ich war doch da, Ihr aber heißt Mitjka,“ entgegnete das schlagfertige Weiblein.
„Man hatte uns nötig, sonst wäre ich bestimmt dagewesen ... Vorgestern waren alle Eure gekommen.“
„Wer denn das?“
„Marjaschka war gekommen, Chawroschka war gekommen, die Tschekunda war gekommen, die Vierkopekige war gekommen ...“
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte ich Akim Akimytsch, „ist’s möglich? ...“
„Es kommt vor,“ sagte er still, die Augen niederschlagend, denn er war ein äußerst keuscher Mensch.
Das kam tatsächlich auch vor, aber immerhin sehr selten, denn es galt große Schwierigkeiten zu überwinden. Im allgemeinen gab es mehr Liebhaber für Branntwein, als für so etwas, trotz der ganzen und nur zu natürlichen Qual dieses Lebens. Es war schwer, mit einem Frauenzimmer zusammenzukommen. Man mußte die Zeit abpassen, den Ort bestimmen, sich verabreden, die Einsamkeit suchen, was schon schwierig, mußte die betreffende Eskorte sich geneigt machen, was noch viel schwieriger war, und überhaupt mußte man eine Unmenge Geld verschwenden – versteht sich, im Verhältnis gesprochen. Aber nichtsdestoweniger bin ich späterhin selbst Zeuge von Liebesszenen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir einmal im Sommer zu dreien am Ufer des Irtysch in einem Schuppen waren und dort irgend einen Brennofen anheizten. Die Wachen waren gutmütige Burschen. Endlich erschienen auch die erwarteten „Souffleusen“, wie die Sträflinge sie nannten.
„Nanu, wo seid ihr denn solange kleben geblieben? Wohl wieder bei den Swerkoffs?“ begrüßte sie der Sträfling, zu dem sie kamen und der sie schon lange erwartet hatte.
„Ich sei kleben geblieben? Da sitzt ja selbst eine Elster länger auf dem Zaunpfahl, als wie ich bei ihnen gesessen habe,“ antwortete munter das Mädchen.
Sie war das schmutzigste Mädchen der Welt. Das war die sogenannte Tschekunda. Mit ihr zusammen war auch die Vierkopekige gekommen. Die war aber schon außerhalb jeder Beschreibungsmöglichkeit.
„Und auch Euch haben wir lange nicht gesehen,“ fuhr der Don Juan, sich zur Vierkopekigen wendend, verbindlich fort. „Ihr seid ja, wie mir scheinen will, bedeutend magerer geworden?“
„Kann schon sein. Früher war ich weiß Gott wie dick, jetzt aber, seht, – ganz als hätte ich eine Nadel verschluckt.“
„Und geht’s immer noch mit den Soldaten – hn?“
„Nu nein, das haben Euch nur gemeine Menschen von uns vorgeklatscht. Aber – warum auch nicht! Lieber ohne Rippen sein, als keinen Soldaten frei’n!“
„Ach was, gebt ihnen den Laufpaß und liebt uns ... Wir haben Geld ...“
Zur Vollendung des Bildes denke man sich den Don Juan mit zur Hälfte abrasiertem Kopf, in Ketten, in zweifarbig geteilten Sträflingskleidern und unter der Aufsicht der Eskorte. –
Ich verabschiedete mich von Akim Akimytsch, und als ich hörte, daß ich in den Ostrogg zurückkehren durfte, ging ich mit einem Soldaten wieder heim.
Die Sträflinge kamen auch schon in verschiedenen Trupps von der Arbeit. Früher als alle anderen kommen die auf „Zeit“ arbeitenden in den Ostrogg zurück. Das einzige Mittel, den Sträfling zu strammer Arbeit anzuhalten, ist, ihn „Aufgaben“ abarbeiten zu lassen. Mitunter sind diese „Aufgaben“ riesengroß, und doch wird die Arbeit zweimal so schnell verrichtet, als wenn der Sträfling bis zum Trommelzeichen arbeiten müßte. Hatte er die ihm aufgegebene Arbeit beendet, so kehrte der Sträfling ohne Verzug in den Ostrogg zurück und niemand hielt ihn mehr auf.
Gegessen wird im Ostrogg nicht zu gleicher Zeit, sondern wie man gerade kommt, die einen früher, die anderen später; auch würde die Küche nicht alle auf einmal fassen. Ich versuchte die Kohlsuppe zu essen, vermochte es aber doch nicht, da ich mich noch nicht an sie gewöhnt hatte, und so kochte ich mir Tee. Wir setzten uns an das eine Tischende, ich und ein Gefährte von mir, der gleichfalls dem Adelsstande angehört hatte.
Die Sträflinge kamen und gingen. Die Küche war noch ziemlich leer, da die meisten noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt waren. Eine Gruppe von fünf Mann setzte sich etwas abgewendet von uns an den großen Tisch. Der Koch gab ihnen zwei Schüsseln voll Kohlsuppe und stellte dann noch eine ganze tönerne Bratpfanne mit gesottenem und später übergebratenem Fisch vor sie hin. Sie aßen zur Feier irgend einer Begebenheit eigene Kost. Zu uns blickten sie mißtrauisch hinüber. Da trat ein Pole herein und setzte sich neben uns hin.
Ihm folgte bald ein hochgewachsener Sträfling, der mit einem einzigen Blick alle Anwesenden überflog.
„Bin nicht zu Hause gewesen, weiß aber alles!“ rief er mit lauter Stimme. Er schien ungefähr fünfzig Jahre alt zu sein, war muskulös und hager. In seinem Gesicht lag etwas Listiges und gleichzeitig auch Lustiges. Am auffallendsten war an ihm seine dicke, herabhängende Unterlippe. Sie verlieh ihm etwas überaus Komisches.
„Na, so sagt doch, habt ihr gut geschlafen? Warum begrüßt ihr einen denn gar nicht? Gesegnete Mahlzeit unseren Kurskern!“ fügte er hinzu und setzte sich zu den fünf, die ihr Essen verzehrten. „Na, so empfangt doch den Gast!“
„Wir, Bruder, sind ja gar nicht aus Kursk!“
„Ah so, dann also aus Tambowsk?“
„Sind auch nicht aus Tambowsk. Bei uns, Freund, ist nichts zu holen; schieb mal ab zu reichen Leuten, dort kannst du anfragen.“
„In meiner Leibesmitte, Bruder, sitzen heute Iwan Taskun und Maria Ikotischna, sie ist nämlich erbärmlich leer ... Aber wo lebt er denn, der reiche Mann?“
„Geh mal zu Gasin, der ist reich, versuch bei ihm dein Glück.“
„Ach, Bruderherz, mit Gasin fängst du heute nichts mehr an, der lebt heute blau: vertrinkt sein ganzes Kapital.“
„Er hat seine zwanzig Rubel,“ bemerkte ein anderer. „Wie man sieht, ist es kein übles Geschäft, Schankwirt zu sein.“
„Na was, werdet ihr denn wirklich den Gast nicht einladen? Was machst du, Mensch, – gebt mir dann die Staatskost her.“
„So geh doch und bitt’ Tee; da sitzen ja Herren, die welchen trinken.“
„Was für Herren, hier gibt’s keine Herren; sind ganz, was wir jetzt sind,“ brummte mürrisch einer in der Ecke. Bis dahin hatte er noch kein Wort gesprochen.
„Trinken würde ich schon, aber ich schäme mich, zu bitten: wir haben auch so etwas wie ein Ehrgefühl!“ entgegnete der Sträfling mit der dicken Unterlippe und blickte uns gutmütig an.
„Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen gern welchen geben,“ sagte ich auffordernd zu ihm, – „ist es gefällig?“
„Gefällig? Wie soll’s denn nicht gefällig sein!“
Er trat an den Tisch.
„Sieh mal einer an, zu Hause kannte er nichts als Kohl, hier kennt er schon den Tee gar wohl – hier will er schon Herrenessen haben,“ brummte wieder der Mürrische in der Ecke.
„Trinkt denn hier sonst niemand Tee?“ fragte ich, mich speziell an ihn wendend. Er würdigte mich jedoch keiner Antwort.
„Ah, da werden grad auch Kalatschen gebracht! Wenn Ihr schon so gnädig seid, dann spendet mir auch gleich einen Kalatsch dazu!“
Ein junger Sträfling trat mit einem ganzen Bund[3] Kalatschen herein und bot sie zum Verkauf an. Die Aufkäuferin überließ ihm dafür den zehnten; auf diesen Kalatsch nun rechnete er.
„Kalatschi, Kalatschi–i–i!“ schrie er, in die Küche eintretend, „direkt aus Moskau, glühend heiß! Würde sie selbst essen, brauch aber Geld. Nun, Kinder, der letzte ist nachgeblieben: wer hat eine Mutter gehabt?“
Dieser Appell an die Mutterliebe erheiterte alle und man kaufte ihm mehrere ab.
„Aber wißt ihr, Brüder,“ fuhr der Lange fort, „der Gasin, der treibt es heute denn doch schon bis zur Sünde! Bei Gott! Wenn’s dem einmal einfällt, durchzugehen! Wenn heute nur unser Achtäugiger nicht hereinschneit.“
„Dann wird Gasin schon versteckt werden. Was – ist er steif besoffen?“
„Was von steif! Noch längst nicht! Wild ist er geworden, zudringlich, gefährlich.“
„Nun, dann wird er noch an manche Fäuste anrennen ...“
„Von wem sprechen sie?“ fragte ich den Polen, der neben mir saß.
„Von Gasin, einem Arrestanten. Er handelt hier mit Branntwein. Hat er genug verdient, so vertrinkt er sofort das ganze Geld an einem Tage. Er ist grausam und böse, – übrigens in nüchternem Zustande ist er ganz friedlich. Sobald er sich aber angetrunken hat, ist er total verrückt: wirft sich mit dem Messer auf die Menschen ... Dann wird er aber sofort gebändigt.“
„Wie wird denn das angestellt?“
„Etwa zehn Arrestanten stürzen sich zu gleicher Zeit auf ihn und schlagen ihn entsetzlich – so lange, bis er besinnungslos wird, sie schlagen ihn halbtot. Dann wird er auf seine Pritsche gehoben und mit dem Halbpelz zugedeckt.“
„Aber sie könnten ihn doch auf diese Weise völlig totschlagen!“
„Einen anderen gewiß, ihn aber nicht. Er ist unglaublich stark, der stärkste von allen in unserem Ostrogg, und ist herkulisch gebaut. Am nächsten Morgen ist er wieder vollständig gesund.“
„Sagen Sie doch, bitte,“ fuhr ich fort, den Polen auszufragen, „jene dort haben doch auch ihr eigenes Essen, und ich trinke nur Tee, – und doch sehen sie mich alle an, als wenn sie mich deswegen beneideten. Was hat das zu bedeuten?“
„Das ist nicht wegen des Tees,“ sagte der Pole. „Sie ärgern sich über Sie vielmehr deswegen, weil Sie Edelmann sind und nicht ihnen gleichen. Viele würden gern mit Ihnen anbinden: sie hätten gar zu große Lust, Sie zu beleidigen und zu erniedrigen. Sie werden hier noch viel Unangenehmes erleben. Es ist hier für uns alle entsetzlich schwer. Wir haben es in jeder Beziehung am schwersten von allen. Man muß viel Gleichmut haben, um sich daran zu gewöhnen. Sie werden noch oft Unannehmlichkeiten wegen Tee oder eigenem Essen haben, wenn auch von den anderen sehr viele und sogar sehr oft sich eigenes Essen leisten und einige sogar beständig ihren Tee trinken. Sie dürfen es, wir aber dürfen es nicht.“
Darauf erhob er sich und ging hinaus. Schon nach wenigen Minuten geschah, was er gesagt hatte.
III. Die ersten Eindrücke, Fortsetzung
Kaum war M–tzkij, der Pole, mit dem ich gesprochen hatte, hinausgegangen, als der betrunkene Gasin in die Küche hereinstürzte.
Mitten am hellen Tage ein berauschter Sträfling, noch dazu am Wochentage, wenn alle zur Arbeit gehen mußten, ein betrunkener Sträfling in einem Ostrogg, dessen Vorgesetzter ein so strenger Major war, der überdies noch jeden Augenblick in eigener Person eintreffen konnte, von dem Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten, der beständig im Ostrogg lebte, und den Invaliden ganz zu schweigen, – ein betrunkener Sträfling trotz aller Wachen und Aufseher, kurz, trotz aller strengen Maßregeln – der warf alle in mir sich bildenden Begriffe vom Sträflingsleben über den Haufen. Und ich mußte noch lange Zeit im Ostrogg leben, bevor ich die Erklärung fand für Tatsachen, die mir in den ersten Tagen meiner Kátorga so unbegreiflich erschienen waren.
Ich sagte bereits, daß die Sträflinge stets noch eine eigene Arbeit hatten, und daß diese Art von Beschäftigung ein natürliches Bedürfnis im Sträflingsleben sei, daß der Sträfling, ganz abgesehen von diesem Bedürfnis, leidenschaftlich Geld liebte und Geld höher als alles andere schätzte, fast sogar so hoch wie die Freiheit, und daß er bereits getröstet sei, wenn er es in seiner Tasche klingen hörte. Hat er es dagegen nicht, so ist er wehmütig, traurig, unruhig und mutlos, und dann ist er zu allem, zu jedem Diebstahl bereit, wenn er dafür nur Geld erhält. Doch ungeachtet dessen, daß das Geld im Ostrogg so wertvoll war, blieb es nie sehr lange im Besitze des Glücklichen, der es besaß. Erstens war es sehr schwer, dasselbe so aufzubewahren, daß es nicht gestohlen oder bei den Durchsuchungen gefunden werden konnte. Wenn der Major welches aufstöberte, so wurde es ohne weiteres beschlagnahmt. Vielleicht verwandte er es zur Verbesserung der Sträflingskost; wenigstens wurde es jedesmal ihm ausgeliefert. Doch gewöhnlich wurde das Geld gestohlen: es war da auf keinen Einzigen Verlaß. Erst in der Folge fand man bei uns eine Möglichkeit, das Geld mit voller Sicherheit aufzubewahren: man gab es einem alten Mann, einem Altgläubigen, der aus den Dörfern von Starodubowo zu uns gekommen war, die einmal einer Sekte der Abtrünnigen gehört hatten.
Ich kann nicht umhin, einige Worte über ihn zu sagen, wenn es mich auch vom Thema abbringt.
Er war ein Greis von sechzig Jahren, klein von Wuchs und mit grauem Haar. Schon beim ersten Anblick fiel er mir auf. Er glich so wenig den anderen Sträflingen: in seinem Blick war etwas dermaßen Ruhiges und Stilles, daß ich – ich erinnere mich dessen noch deutlich – mit einem ganz besonderen Wohlgefallen in seine klaren hellen Augen blickte, die von vielen, vielen strahlenförmigen kleinen Runzeln umgeben waren. Ich habe oft mit ihm gesprochen und selten nur ist mir in meinem Leben ein so guter, so großmütiger Mensch begegnet. Er war wegen eines sehr schweren Verbrechens verschickt worden. Von den Altgläubigen von Starodubowo hatten sich einige bekehren lassen. Die Regierung hatte dieselben eifrig unterstützt und alles versucht, um noch mehr der Andersgläubigen zu bekehren. Dieser Greis nun hatte, zusammen mit anderen Fanatikern, beschlossen, „für den Glauben einzustehen“, wie er sich ausdrückte. Es war der Bau einer neuen Kirche begonnen worden, sie aber hatten sie niedergebrannt. Und als einer der Anstifter war der Alte zur Zwangsarbeit verschickt worden. Er war ein wohlhabender Bürger gewesen und hatte Handel getrieben; Frau und Kinder hatte er zurückgelassen, war aber trotzdem unbeugsam in die Verbannung gegangen, denn er glaubte, daß sie ein „Kreuztragen für den Glauben“ sei. Jeder, der eine Zeitlang mit ihm zusammengelebt, hätte sich unwillkürlich gefragt, wie dieser stille, kindlich fromme Greis ein Aufrührer sein konnte? Ich habe mehrere Male mit ihm „über den Glauben“ gesprochen. Er gab nicht das Geringste von seinen Überzeugungen auf, doch niemals habe ich irgend eine Mißstimmung oder einen Haß in seinen Entgegnungen wahrnehmen können. Und dennoch hatte er die Kirche in Brand gesteckt, was er ganz ruhig eingestand. Nach seinen Überzeugungen zu urteilen, konnte man glauben, daß er sein Verbrechen und das dafür auf sich genommene „Kreuz“ für eine rühmliche Tat hielt. Doch wie sehr ich ihn auch zu erforschen und zu erkennen suchte, niemals habe ich auch nur das geringste Anzeichen von Stolz oder Ruhmsucht entdecken können. Es waren daselbst auch noch andere Altgläubige, meistenteils Sibirier: sie waren ein ungemein entwickeltes Volk, scharfsinnige Bauern, ungeheuer bibelkundig, furchtbare Buchstabenfresser und, in ihrer Art, große Dialektiker, – kurz, ein von sich eingenommenes, anmaßendes, verschlagenes und im höchsten Grade unduldsames Volk. Der Alte dagegen war ganz anders. Er war vielleicht noch bibelkundiger als sie, vermied aber jeden Disput. Dem Charakter nach war er ein sehr mitteilsamer Mensch. Er hatte ein heiteres Gemüt, lachte häufig – nicht das rohe, zynische Lachen der übrigen Sträflinge, sondern ein helles und ruhiges, in dem viel kindliche Gutmütigkeit lag und das sich so gut zu seinem grauen Haar ausnahm. Vielleicht täuschte ich mich, aber es will mir scheinen, daß man am Lachen den Menschen erkennen kann, und wenn einem bei der ersten Begegnung das Lachen irgend eines fremden Menschen angenehm ist, so kann man ruhig sagen, daß er ein guter Mensch ist. Im Ostrogg hatte der Alte sich bald allgemeine Achtung erworben, warf sich deswegen aber durchaus nicht in die Brust. Die Gefangenen nannten ihn „Großvater“ und taten ihm nie etwas zu Leide. Ich begriff zum Teil, welch einen Einfluß er auf seine Glaubensgenossen gehabt haben mußte. Doch bei all der scheinbaren Festigkeit, mit der er seine Verbannung als Zwangsarbeiter ertrug, verbarg sich in ihm ein tiefer, unheilbarer Schmerz, den er aber vor allen verbarg. Ich lebte mit ihm in derselben Kaserne. Einmal, es war in der Nacht, um etwa drei Uhr, erwachte ich plötzlich und da vernahm ich ein stilles, halb unterdrücktes Schluchzen. Der Alte saß auf dem Ofen (an demselben, wo vor ihm der andere gottesfürchtige Sträfling nachts gesessen und in der Bibel gelesen hatte, jener, von dem das Attentat auf den Major ausgeübt worden war), saß auf dem Ofen und betete nach seinem handgeschriebenen alten Gebetbuch. Er schluchzte verhalten und ich hörte nur, wie er von Zeit zu Zeit betete: „Mein Gott, verlaß mich nicht! Gott, stärke du mich, gib mir Kraft! Meine kleinen Kinderchen, meine lieben Kinderchen, niemals mehr werden wir uns wiedersehn!“ Ich kann nicht sagen, wie traurig mich das stimmte. Diesem Greise nun gaben die Arrestanten mit der Zeit ihr Geld zum Aufbewahren. Im Ostrogg war fast ein jeder ein Dieb, plötzlich aber waren alle aus irgend einem Grunde überzeugt, daß der Greis unmöglich stehlen könne. Man wußte, daß er das ihm eingehändigte Geld irgendwo verbarg, doch geschah das an einem so verborgenen Ort, daß niemand das Versteckte zu finden vermochte. Zuguterletzt deckte er mir und einem Polen sein Geheimnis auf. In einem der Pfähle unseres Gefängniszaunes war ein Astauge, das fest im Baumstamm eingewachsen zu sein schien, in Wirklichkeit sich aber leicht herausnehmen und wieder hineinschieben ließ. Und hinter diesem Aststück war eine große Aushöhlung, in die der Großvater das Geld hineinlegte, während er das Aststück wieder vorschob, so daß es keinem auffallen konnte.
Doch ich bin von meinem Gegenstande abgekommen.
Ich sprach zuletzt von den Gründen, warum der Sträfling das Geld nicht lange in der Tasche behielt. Abgesehen von der Schwierigkeit, dasselbe vor Dieben sicher zu bewahren, gab es im Ostrogg so viel Sehnsucht und Harm, der Gefangene aber ist naturgemäß ein Wesen, das dermaßen nach Freiheit lechzt und seiner gesellschaftlichen Stellung gemäß dermaßen leichtsinnig und unordentlich ist, daß es uns nur zu begreiflich erscheint, wenn ihn plötzlich die Lust packt, einmal zu „spendieren“, glänzend aufzutreten, das ganze Kapital draufgehen zu lassen, mit Spektakel und Musik ein Fest zu feiern, um, wenn auch nur auf einen Augenblick, seine Sehnsucht zu vergessen. Es war seltsam anzusehen, wie manch einer von ihnen mit tief gesenktem Kopf, ohne auch nur einmal den Nacken gerade zu biegen, ganze Monate lang arbeitete, und zwar einzig und allein zu dem Zwecke, um dann eines schönen Tages dies ganze Ersparnis durchzubringen, alles bis aufs letzte und dann von neuem monatelang zu arbeiten – bis zu einem neuen Festtage. Viele liebten es, sich etwas neues zu kaufen und zwar unbedingt etwas ganz Apartes, wie zum Beispiel irgendwelche total unförmige schwarze Beinkleider, oder ein besonderes Wamms, oder einen kurzen sibirischen Pelz. Sehr beliebt waren farbige Kattunhemde und Gürtel mit schönen Kupferplattenbeschlägen. An den Feiertagen zogen sie sich zum erstenmal die erstandenen schönen Sachen an, und der festlich Gekleidete ging dann stolz in alle Kasernen, um sich den anderen zu zeigen. Die Zufriedenheit des gut Gekleideten ging bis ins Kindische, und überhaupt waren die Sträflinge in vielen Dingen die reinen Kinder. Aber alle diese schönen Sachen verschwanden dann ganz plötzlich von ihrem Besitzer, nicht selten wurden sie schon am nämlichen Abend versetzt oder zu einem Spottpreis losgeschlagen. Übrigens nahm bei solchen Gelegenheiten alles seinen bekannten Verlauf. Gewöhnlich wurde das Vergnügen auf die Festtage hinausgeschoben oder auf den Namenstag des Betreffenden. Wenn sich dann der Arrestant an seinem Namenstage erhob, war das erste was er tat, daß er ein Wachslicht vor das Heiligenbild stellte und betete; darauf kleidete er sich festlich an und bestellte sich ein Essen. Er ließ Rindfleisch und Fisch kaufen und sibirische Pasteten backen; darauf aß er sich so voll wie ein Ochse, gewöhnlich aber ganz allein, selten nur forderte er seine Kameraden auf, an seinem Mahle teilzunehmen. Darauf kam der Branntwein an die Reihe: der Feiernde soff sich toll und voll und ging dann wieder in alle Kasernen, diesmal wankend und stolpernd, um allen zu zeigen, daß er betrunken war, daß er „durchging“ und um dafür allgemeine Achtung zu erwerben. Überall sieht man im russischen Volke eine gewisse Sympathie für die Betrunkenen; im Ostrogg aber benahm man sich sogar respektvoll gegen sie.
In der Schlemmerei der Ostroggbewohner lag etwas durchaus Aristokratisches. War der Arrestant schon ein wenig angeheitert, so bestellte er sofort Musik. Es war im Ostrogg ein kleiner Pole, ein entlaufener Soldat, ein elendes Kerlchen, der auf der Geige zu spielen verstand und sein Instrument, das sein ganzes Kapital war, auch dort bei sich hatte. Ein Handwerk verstand er nicht und so war es sein einziger Verdienst, daß er den „Feiernden“ für Geld muntere Tanzstücke aufspielte. Seine Aufgabe bestand in solchem Falle darin, daß er seinem betrunkenen Gönner aus einer Kaserne in die andere folgte und mit aller Ellbogenkraft auf seiner Fiedel feilte. Oft sah ich auf seinem Gesicht Langeweile und Sehnsucht, doch der barsche Befehl: „Spiel, bist bezahlt!“ trieb ihn an, immer weiter zu fiedeln und zu feilen.
Jeder Arrestant, der „durchzugehen“ begann, konnte fest überzeugt sein, daß man ihn, wenn er sich stark angetrunken hatte, gut beaufsichtigen, zur rechten Zeit auf seine Pritsche bringen und sicher irgendwo verstecken würde, falls einer von der „Obrigkeit“ kommen sollte. Alle diese Liebesdienste wurden unentgeltlich verrichtet. Andererseits konnten auch der Unteroffizier und die Invaliden, die der Ordnung halber beständig in der Kaserne lebten, gleichfalls vollkommen beruhigt sein: der Betrunkene vermochte auf keine Weise Unordnung zu verursachen. Die ganze Kaserne bewachte ihn und sobald er laut wurde oder sonstwie die Absicht bekundete, Unfrieden zu stiften, wurde er sogleich gebändigt; ja nötigenfalls hätte man ihn sogar geknebelt. Und so sahen die Wachen und das subalterne Aufsichtspersonal den Betrunkenen gegenüber etwas durch die Finger, oder wollten sie auch gar nicht bemerken. Sie wußten recht wohl, daß ein noch strengeres Verbot des Branntweins die Sache nur schlimmer gemacht hätte. Aber wo bekam man denn den Branntwein her?
Er wurde im Ostrogg selbst verkauft, von den sogenannten Schenkwirten, deren es mehrere bei uns gab. Sie betrieben ihren Handel ununterbrochen und mit gutem Gewinn, obgleich es im allgemeinen nicht viel Trinkende und „Durchgehende“ gab, da dieses Vergnügen Geld erforderte, der Sträfling solches aber nur schwer erwarb.
Der Branntweinhandel wurde in einer recht originellen Weise betrieben, nämlich folgendermaßen:
Nehmen wir an, ein Sträfling hat keine Beschäftigung und will auch kein Handwerk erlernen – solche gab es, – will aber Geld haben, und da er ein ungeduldiger Mensch ist, will er es möglichst schnell verdienen. Um anzufangen, hat er nur wenige Kopeken, aber das genügt, und er beschließt, mit Branntwein zu handeln, – ein gewagtes Unternehmen, bei dem man sich großer Gefahr aussetzt: man kann die Ware und das ganze Kapital verlieren und außerdem muß dann noch der Rücken herhalten. Aber der Sträfling ist auf alles gefaßt. Da er nur ein kleines Betriebskapital hat, so bringt er das erste Mal selbst den Branntwein in den Ostrogg, wo er ihn natürlich vorteilhaft verkauft. Darauf wiederholt er dasselbe noch ein zweites und drittes Mal, und wenn er von der Wache nicht abgefaßt wird, nimmt sein Geschäft in kürzester Zeit einen großen Aufschwung. Dann beginnt er seinen Branntweinhandel auf großem Fuß: er wird Entrepreneur, Kapitalist, hält Agenten und Gehilfen, setzt viel weniger aufs Spiel und verdient immer mehr. Dann riskieren für ihn seine Gehilfen.
In einem Ostrogg gibt es jederzeit eine Menge Leute, die alles bis auf die letzte Kopeke verzettelt, verspielt, durchgebracht haben, Leute ohne Handwerk, armseliges heruntergekommenes Volk, das aber in gewissem Maße doch mit Mut und Entschlossenheit begabt ist. Diesen Leuten ist als einziges Kapital nur noch ihr Rücken verblieben, der aber kann doch noch zu irgend etwas dienen. Und so entschließt sich denn der ruinierte Arrestant, dieses letzte Kapital in Umsatz zu bringen und mit ihm so gut es eben geht zu spekulieren.
Er geht zum „Entrepreneur“ und verdingt sich bei ihm zum Durchschmuggel des Branntweins in den Ostrogg. Ein reicher Branntweinhändler hat mehrere solcher Durchschmuggler. Irgendwo außerhalb des Ostrogg befindet sich ein Mensch – ein Soldat vielleicht, mitunter sogar ein Mädchen oder ein Bauer – der für das Geld des Unternehmers und für eine bestimmte Vergütung, die verhältnismäßig nicht gering ist, in der Schenke Branntwein aufkauft, den er dann an einem geheimen Ort, in der nächsten Nähe der betreffenden Arbeitsstellen eines Arrestantentrupps, sorgfältig versteckt. Gewöhnlich probt der Lieferant zunächst die Güte des Branntweins und ersetzt dann das Ausgetrunkene in unmenschlicher Weise durch Wasser. Der Arrestant darf nicht allzu wählerisch sein, da heißt es: nimm ihn oder nimm ihn nicht, anderer ist nicht zu haben; und auch das ist schon gut, daß er sein Geld nicht ganz verloren hat und immerhin Branntwein zur Stelle geschafft ist, gleichviel was für einer, aber immerhin doch Branntwein. Zu diesem Lieferanten kommen dann die ihm schon früher von dem Branntweinverkäufer bezeichneten Leute, die Ochsendärme mitbringen. Diese Därme werden zuerst gut ausgewaschen und dann mit Wasser gefüllt, damit sie nicht eintrocknen und sich in ihrer ursprünglichen Weichheit und Dehnbarkeit erhalten, um zur Aufnahme des Branntweins geeignet zu sein. Hat der Arrestant den Branntwein in die Därme gefüllt, so wickelt er sie um seinen Körper, nach Möglichkeit an den diskretesten Stellen desselben. Versteht sich, bei diesem Verfahren beweist er die ganze Geschicklichkeit, die ganze diebische Schlauheit des Schmugglers. Es handelt sich um seine Ehre: er muß sowohl die Soldaten der Eskorte wie die Wache betrügen. Und er betrügt sie. Von einem geschickten Diebe wird die Eskorte – bisweilen nur ein einziger Soldat, irgend ein junger Rekrut – immer betrogen. Der betreffende Arrestant ist z. B. Ofensetzer und kriecht auf den Ofen. Wer kann sehen, was er dort macht? Die Wache kann ihm doch nicht nachkriechen. Bei der Rückkehr in den Ostrogg nimmt der Arrestant kurz vor dem Tor ein Silberstück, fünfzehn oder zwanzig Kopeken, auf alle Fälle in die Hand und wartet auf den Gefreiten, der jeden in den Ostrogg zurückkehrenden Arrestanten rundum mustert und befühlt, bevor er ihm das Tor aufschließt. Der Branntweinträger hofft in der Regel, daß der wachhabende Gefreite sich schließlich schämen wird, ihn an gewissen Stellen gar zu gewissenhaft zu befühlen. Mitunter aber dringt der naseweise Gefreite im Befühlen auch bis zu diesen Körperteilen vor und entdeckt den Wein. Dann bleibt dem Arrestanten nur noch ein Rettungsmittel übrig: er drückt dem Gefreiten, unbemerkt von der Eskorte, die bereitgehaltene Münze in die Hand. Nun kommt es zuweilen vor, daß er infolge dieses Manövers glücklich in den Ostrogg hineingelangt und sein Branntwein gerettet ist. Aber es kommt auch vor, daß das Manöver ihm mißlingt, und dann muß sein letztes Kapital herhalten: sein Rücken. Der Vorfall wird sofort dem Major gemeldet, das Kapital wird gedroschen, und zwar schmerzhaft gedroschen, der Branntwein wird konfisziert, und der Schmuggler nimmt alles auf sich, ohne den Branntweinhändler im Ostrogg anzugeben, tut das aber, wohlgemerkt, nicht aus dem Grunde, weil er das Angeben verabscheute, sondern einzig und allein deswegen, weil die Angabe für ihn selbst unvorteilhaft wäre: ihn würde man sowieso durchpeitschen, und der ganze Trost bestände darin, daß sie dann beide durchgepeitscht werden würden. Er aber ist vom anderen abhängig, er braucht ihn, obgleich er, der Schmuggler, nach alter Sitte und vorhergegangener Abmachung für den durchgepeitschten Rücken von dem Händler keine Kopeke erhält.