Zweiter Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
Gleichwohl wurden bald alle der ununterbrochenen Grimassen und des ewig unruhigen Gebarens des anfänglich so erfreut begrüßten Irrsinnigen entsetzlich überdrüssig und schon nach zwei Tagen waren sämtliche Zimmergenossen um den Rest ihrer Geduld gebracht. Einmal strafte uns die Vorsehung mit einem solchen ganze drei Wochen lang, und es war wirklich um auf die Wände zu kriechen – hatte man bis dahin noch nie an Flucht aus dem Lazarett gedacht, so wurde einem dieser Gedanke jetzt unheimlich nahe gelegt. Und da schickte uns das Schicksal in derselben Zeit noch einen zweiten Wahnsinnigen! Dieser machte auf mich einen grauenvollen Eindruck. Es war das im dritten Jahr meines Ostrogglebens. Im ersten Jahr, oder richtiger, in den ersten Monaten ging ich im Frühling mit Ofensetzern als Handlanger in eine zwei Werst entfernte Ziegelbrennerei. Die Brennöfen mußten für den Sommer, wenn das Ziegelbrennen wieder begann, instand gesetzt werden. Am ersten Morgen machten mich M–tzkij und B. mit dem in der Brennerei als Aufseher lebenden Unteroffizier Ostroshskij bekannt. Er war Pole, etwa sechzig Jahre alt, groß von Wuchs, hager, von angenehmem und sogar imponierendem Äußeren. In Sibirien lebte er schon seit langer Zeit und wenn er auch aus dem einfachen Volke stammte und als Soldat nicht sehr gebildet war, so wurde er doch von M–tzkij und B. geliebt und geachtet. Er las beständig in der katholischen Bibel. Ich unterhielt mich mit ihm und er sprach so freundlich, verständig, wußte so interessant zu erzählen und blickte einen so gutmütig und ehrlich an. Seit der Zeit hatte ich ihn ganze zwei Jahre nicht gesehen, nur einmal hatte ich gehört, daß er sich in Untersuchungshaft befinde. Und nun plötzlich wurde er als Irrsinniger zu uns hereingeführt. Lachend, kreischend trat er ein und begann sofort mit den unanständigsten Gesten einen Tanz, ähnlich wie die Kamarinskaja, zu tanzen. Die Sträflinge waren entzückt, begeistert, mir aber wurde sehr traurig zumut ... Nach drei Tagen wußten wir nicht mehr, was wir mit ihm anfangen sollten. Er stritt, schimpfte sich mit allen und jedem herum, raufte, schrie, gröhlte, sang Lieder, sogar in der Nacht, machte in jedem Augenblick so ekelhafte Bewegungen, daß uns allen geradezu übel wurde. Er fürchtete sich vor nichts und niemand. Schließlich wurde ihm eine Zwangsjacke angezogen, zumal er ohne sie auf jeden losging und sich mit ihm prügelte und balgte. In diesen drei Wochen erhoben sich zuweilen alle Kranken wie ein Mann und baten den Oberarzt, unseren Friedensstörer zum Teufel oder in den anderen Arrestantenkrankensaal überführen zu lassen. Dort aber wurde der Arzt schon nach zwei Tagen gebeten, ihn wieder zu uns zurückzuschicken. Da es aber zu gleicher Zeit zwei Verrückte gab, die beide rabiate Schreihälse und Raufbolde waren, so tauschten die Arrestantensäle immer abwechselnd mit ihren „Landplagen“. Aber der eine war nicht besser als der andere. Alle atmeten auf, als man sie endlich irgendwohin fortschickte ...
Auch erinnere ich mich noch eines anderen seltsamen Geisteskranken. Einmal im Sommer brachte man einen Verurteilten, einen dem Anscheine nach gesunden, nur etwas eigentümlichen Mann von fünfundvierzig Jahren, mit einem von Blatternarben völlig verunstalteten Gesicht, kleinen roten, eingekniffenen Augen und mürrischer, finsterer Miene. Ihm wurde das Bett neben mir zugewiesen. Er war, wie sich zeigte, ein friedlicher, ruhiger Mensch, der mit niemand sprach und beständig wie in Nachdenken versunken dasaß. Es dunkelte bereits, – da wandte er sich plötzlich an mich: ohne jede Einleitung begann er mir sofort zu erzählen, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, als teile er mir ein ungeheures Geheimnis mit, daß er zu zweitausend Hieben verurteilt sei, doch werde ihm jetzt nichts geschehen, da die Tochter des Obersten G. sich für ihn verwende. Ich blickte ihn verwundert an und äußerte meine Meinung, daß in diesem Falle die Tochter eines Obersten nichts zu tun vermöge. Ich ahnte noch nichts, denn er war nicht als Irrsinniger, sondern als gewöhnlicher Kranker gebracht worden. Ich fragte ihn, woran er denn leide, er aber sagte, er wisse es selbst nicht, – daß man ihn aus irgend einem Grunde hergeschickt habe, er aber vollkommen gesund sei, und die Tochter des Obersten sich in ihn verliebt habe. Sie sei einmal, etwa vor einer Woche, an der Hauptwache vorübergefahren, als er gerade zum vergitterten Fensterchen hinausgesehen habe: sie hätte ihn erblickt und sich sofort in ihn verliebt. Daraufhin sei sie unter verschiedenen Vorwänden bereits dreimal auf der Hauptwache gewesen, das erstemal zusammen mit dem Vater, um den Bruder, der dort Dienst hatte, zu sprechen, das zweitemal mit der Mutter, um Almosen zu geben, und bei der Gelegenheit habe sie ihm im Vorübergehen zugeflüstert, daß sie ihn liebe und die Aufhebung der Strafe erwirken werde. Es war auffallend, mit wie feinen Einzelheiten er mir diese ganze Ungereimtheit erzählte, die natürlich bis aufs Letzte in seinem armen kranken Kopf entstanden war. An die Aufhebung seiner Strafe glaubte er unerschütterlich. Von der leidenschaftlichen Liebe dieser Dame zu ihm sprach er ruhig und überzeugt. Es war, ganz abgesehen von der Unsinnigkeit des Ganzen, so unglaublich, eine derartig romantische Liebesgeschichte eines jungen Mädchens von einem nahezu fünfzigjährigen Greise zu hören, dessen Gesicht mürrisch, finster und von Blatternarben völlig verunstaltet war. Da sieht man, was die Angst vor der Strafe mit einer schüchternen, zaghaften Seele machen kann. Vielleicht hatte er in dem beginnenden Irrsinn, der mit der wachsenden Angst von Stunde zu Stunde zunahm, tatsächlich jemand durch das Fenster erblickt und – da hatte dann seine Phantasie einen Ausweg gefunden. Dieser arme Soldat, der wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch kein einziges Mal an vornehme Damen gedacht, erfand plötzlich einen ganzen Roman, an den er sich instinktiv wie an den letzten Strohhalm anklammerte. Ich hörte ihm schweigend zu und teilte meine Vermutung den anderen Sträflingen mit. Als aber diese ihn auszufragen suchten, da verstummte er aus Schamgefühl. Am nächsten Tage untersuchte und befragte ihn der Oberarzt lange Zeit, und da er ihm sagte, daß er ganz gesund sei, wie es sich auch bei der Untersuchung gezeigt, so wurde er als gesund ausgeschrieben, was wir jedoch erst nach dem Fortgang der Ärzte erfuhren. So konnten wir sie denn nicht mehr über den wahren Sachverhalt aufklären. Und zudem waren wir auch selbst noch nicht ganz sicher in unserer Annahme. Die Schuld an dem Mißverständnis trug jedenfalls der Vorgesetzte, vielleicht der Unteroffizier der Wache, der ihn ins Lazarett geschickt hatte, ohne zu erklären, weswegen. Wahrscheinlich war es eine Nachlässigkeit von ihm gewesen. Vielleicht aber hatten auch die Absender nur mehr Irrsinn vermutet, als daß sie genau gewußt hätten, was ihm fehlte, und ihn nur zur Untersuchung ins Lazarett geschickt. Aber wie dem auch gewesen sein mag, jedenfalls wurde der Arme nach zwei Tagen zur Züchtigung hinausgeführt, die ihn, wie es schien, infolge seiner Unvorbereitetheit nicht wenig erschreckt haben mußte. Er glaubte es nicht, daß man ihn bestrafen würde, glaubte es bis zum letzten Augenblick nicht, und als man ihn wirklich durch die grüne Gasse zog, da soll er nach der Polizei geschrieen haben. Im Lazarett wurde er diesmal, da bei uns alle Betten besetzt waren, in das andere Arrestantenzimmer gebracht. Ich erkundigte mich nach ihm und erfuhr, daß er in ganzen acht Tagen mit keinem einzigen ein Wort gewechselt habe, anscheinend sehr verwirrt und dabei auffallend traurig gewesen sei ... Bald darauf wurde er irgend wohin fortgeschickt, nachdem sein Rücken zugeheilt war. Wenigstens habe ich nie mehr etwas von ihm gehört.
Was nun die Medizin und das Einhalten der Diät anbetrifft, so befolgten, soweit ich beobachtet habe, die Leichtkranken fast überhaupt nicht die Anordnungen der Ärzte und nahmen gar keine Medizin ein. Die Schwerkranken dagegen und überhaupt die wirklich Kranken liebten es sehr, das Verordnete gewissenhaft zu erfüllen: pünktlich nahmen sie ihre Mixturen und Pülverchen, doch zogen sie ihnen eigentlich äußere Mittel vor. Schröpfköpfe, Blutegel, heiße Umschläge und Aderlassungen, die das einfache Volk so gern hat und denen es so hingebend glaubt, waren eine gern geduldete Behandlung, die ihnen sogar ein gewisses Vergnügen zu bereiten schien. Unter anderem interessierte mich auch eine sehr sonderbare Erscheinung. Dieselben Menschen, die im Ertragen der größten Schmerzen von Stockhieben und Spießruten so überaus standhaft waren, klagten nicht selten und jammerten stöhnend über irgendwelche kleinen Schröpfköpfe. Waren sie nun durch das Liegen und das gute Essen so verweichlicht oder stellten sie sich nur so – ich weiß es nicht zu erklären. Freilich waren unsere Schröpfköpfe etwas anderer Art, als die sonst üblichen. Das Instrument, mit dem die Haut zu diesem Zwecke durchgeschnitten werden muß, hatte der Feldscher einmal, wohl schon vor undenklichen Zeiten, verloren oder verdorben – infolgedessen war er gezwungen, die notwendigen Einschnitte mit der Lanzette zu machen. Für jeden Schröpfkopf sind bis zwölf solcher Einschnitte erforderlich, die mit dem Instrument schnell und schmerzlos gemacht werden können: zwölf kleine Messerchen schlagen alle zu gleicher Zeit ein, in einer Viertelsekunde, und ein Schmerz ist kaum zu spüren. Die Lanzette dagegen schneidet verhältnismäßig sehr langsam, der Schmerz wird fühlbar, und da man zum Beispiel für zehn Schröpfköpfe hundertundzwanzig solcher Einschnitte machen mußte, so war es alles in allem nicht angenehm. Auch ich habe es am eigenen Körper erfahren – aber wenn es auch schmerzhaft und nervenreizend ist, so ist es doch immerhin nicht so schmerzhaft, daß man sich nicht hätte bezwingen können. Mitunter war es wirklich lächerlich, zu sehen, wie so ein langer, gesunder Tölpel sich hin und her wand und jammerte. Es erinnerte einen oft daran, wie mancher Mensch, der in einer ernsten Angelegenheit fest und ruhig bleibt, zu Hause aber wegen nichts und wieder nichts launisch ist, das vorgesetzte Essen nicht anrührt, an allem mäkelt und über alles ungehalten ist: nichts ist ihm recht, alle regen ihn auf, alle sind unhöflich zu ihm, alle quälen ihn, – mit einem Wort, er ärgert sich vor lauter Fett, wie man zu sagen pflegt, d. h. vor lauter Wohlergehen. Solche Menschen trifft man unter Reichen nicht selten an, doch gibt es sie auch unter dem Volk. In unserem Ostrogg nun waren sie, infolge des gezwungenen Zusammenlebens mit anderen, keine Seltenheit. Zuweilen ließen die anderen es sich angelegen sein, den verweichlichten Bauernsohn zu necken, oder der eine oder andere schalt ihn gehörig: dann verstummte er sofort, ganz als hätte er tatsächlich nur darauf gewartet, daß man ihn schimpfte, um dann mit dem Jammern aufzuhören. Am wenigsten mochte Ustjänzeff dieses Stöhnen leiden und so ließ er sich auch keine Gelegenheit entgehen, den Betreffenden zu schimpfen. Überhaupt nahm er jede Schimpfgelegenheit wahr. Das Schimpfen war ihm zum Vergnügen, zum Bedürfnis geworden, woran natürlich seine Krankheit die Schuld trug, teilweise aber auch seine Beschränktheit. Zuerst schaute er den Betreffenden ernst und aufmerksam an, und dann erst begann er plötzlich, mit ruhiger, überzeugungsvoller Stimme, ihm die Leviten zu lesen. Er hatte sich in alles einzumischen, ganz als wäre er bei uns zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der allgemeinen Sittlichkeit eingesetzt gewesen.
„Den geht alles etwas an,“ sagten die anderen lachend. Übrigens ging man vorsichtig mit ihm um und vermied auch jeden Streit mit ihm, nur wurde über ihn zuweilen gelacht.
„Der schwatzt dir aber was zusammen! Das können drei Fuhren nicht fortschaffen.“
„Was, darf ich es denn nicht? Vor einem Narren zieht man nicht den Hut, das ist doch bekannt. Warum schreit er denn unter der Lanzette? Wer Honig liebt, darf auch über Bienenstiche nicht klagen, jetzt hast du auszuhalten!“
„Was geht das dich an?“
„Nein, wißt ihr,“ unterbrach einer unserer Arrestanten aus dem Ostrogg, „diese Schröpfköpfe, das ist noch nichts, – ich habe sie ausprobiert; aber seht, der vermaledeiteste Schmerz ist, wenn einer einen lange am Ohr zieht.“
Alle lachten.
„Hat man dich denn schon so gezogen?“
„Du dachtest wohl nicht? Selbstverständlich hat man.“
„Das merkt man. Deine Ohren stehen ja wie Scheuklappen ab.“
Der Arrestant, Schapkin hieß er, hatte allerdings sehr abstehende Ohren. Er war ein Landstreicher, noch jung an Jahren, ein geschickter, stiller Junge, der immer mit einem gewissen ernsten, versteckten Humor sprach, der seinen Erzählungen viel Komik verlieh.
„Warum soll ich denn annehmen, daß man dich am Ohr gezogen hat, wie soll ich darauf kommen, du vernagelter Mensch?“ mischte sich wieder Ustjänzeff ein, sich unwillig an Schapkin wendend, obgleich jener durchaus nicht zu ihm, sondern zu allen gesprochen hatte; doch Schapkin schenkte ihm nicht einmal einen Blick.
„Aber wer hat dich denn so schmerzhaft am Ohr gezogen?“ fragte jemand.
„Wer? Das läßt sich doch wohl denken. Der Richter, natürlich. Das war nämlich, müßt ihr wissen, wegen Landstreicherei. Wir kamen damals selbander nach K., ich und noch ein Landstreicher, Jefins mit Namen, aber ohne weitere Benennung. Unterwegs hatten wir im Dorfe Tolmina unseren Besitzstand ein wenig aufgefrischt. Das war dort so ein Dorf, Tolmina mit Namen. Nun, wir kamen also hin, sahen uns um: nicht zu verachten. Im Felde gibt es vier Freiheiten, in der Stadt aber keine einzige, wie bekannt. Nun, ganz zuerst ging es ins Wirtshaus, hielten Umschau. Da kommt zu uns einer, so ’n Abgebrannter, die Ellenbogen zerrissen, im deutschen Rock. Nun, dies und das.
‚Aber wie geht ihr denn,‘ fragt er, ‚erlaubt, daß ich mich erkundige, – mit Dokumenten?‘[8]
‚Nein,‘ sagen wir, ‚ohne Dokumente.‘
‚So. Wir gleichfalls. Ich habe hier noch zwei Kollegen,‘ sagt er, ‚die gleichfalls bei General Kukuschkin dienen.[9] Darf ich nun fragen, ob ich mich zu Gaste laden kann? Ein halbes Maß werdet ihr doch für uns haben?‘
‚Mit Vergnügen,‘ sagen wir. Nun wir tranken also. Bei der Gelegenheit kamen wir auch auf ein Unternehmen zu sprechen, das in unser Fach schlug. Dort außerhalb der Stadt stand ein Haus, das einem reichen Bürger gehörte. Und so beschlossen wir, in der Nacht dort einen Besuch zu machen. Und so kam es denn, daß wir in selbiger Nacht noch alle fünf bei dem reichen Bürger in die Falle gingen. Man führte uns in Nummer Sicher und von dort direkt zum Richter. ‚Ich werde sie selbst verhören,‘ sagt er. Er erscheint mit einer Pfeife, ein Glas Tee wird ihm nachgetragen, so ein gesunder Mann mit Backenbart. Er setzte sich. Aber da wurden noch drei außer uns hereingeführt, gleichfalls Landstreicher. Ein ulkiger Mensch ist und bleibt doch so ein Landstreicher: nichts weiß er, und wenn du ihm auch einen Knüppel an den Kopf schlägst, alles hat er vergessen, nichts weiß er! Der Richter wendet sich geradeaus an mich. ‚Wer bist du?‘ brummte er mich an wie aus einer Tonne. Nun, versteht sich, sage wie gewöhnlich: ‚Weiß nicht, Euer Gnaden, habe alles vergessen.‘
‚Wart mal,‘ sagt er, ‚mit dir werde ich noch reden, deine Visage ist mir schon bekannt,‘ und dabei glotzt er mich an wie ein Frosch. Ich aber hatte ihn vorher noch nie gesehn. Darauf fragt er den anderen: ‚Wie heißt du?‘
‚Mach dich aus dem Staube, Euer Gnaden.‘
‚Was, du heißt – Mach dich aus dem Staube?‘
‚Genau so, Euer Gnaden.‘
‚Nun gut, du heißt Mach dich aus dem Staube, aber du?‘ das fragt er den dritten.
‚Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wie ist denn dein Name?‘
‚Das ist ja mein Name: Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wer hat dich Schuft denn so getauft?‘
‚Gute Menschen, Euer Gnaden. In der Welt geht es bekanntlich nicht ohne gute Menschen, Euer Gnaden.‘
‚Wer aber sind denn diese guten Menschen gewesen?‘
‚Das habe ich nicht behalten, Euer Gnaden werden es mir schon gnädig verzeihen müssen.‘
‚Hast du alle vergessen?‘
‚Alle vergessen, Euer Gnaden.‘
‚Aber du hast doch Vater und Mutter gehabt? ... Dieser entsinnst du dich doch noch?‘
‚Es ist wohl anzunehmen, Euer Gnaden, daß ich welche gehabt habe, aber auch ihrer erinnere ich mich nicht mehr, Euer Gnaden.‘
‚Aber wo hast du denn bis jetzt gelebt?‘
‚Im Walde, Euer Gnaden.‘
‚Immer im Walde?‘
‚Immer im Walde.‘
‚Nun, aber im Winter?‘
‚Den Winter habe ich nicht gesehen, Euer Gnaden.‘
‚Nun, und du, wie heißt du?‘
‚Beil, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Friß und gähne nicht, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Sei nachsichtig, Euer Gnaden.‘
‚Und alle könnt ihr euch nicht mehr eurer Namen entsinnen?‘
‚Nein, Euer Gnaden.‘
Da steht er, lacht, und die anderen lächeln gleichfalls. Nun, aber ein andermal schlägt er einem auch mit der Faust zwischen die Zähne, wenn das Lachen ihm ungelegen ist: ‚Die Burschen alle so gesund, wohlgenährt,‘ sagt er ...
‚Führt sie ins Gefängnis,‘ sagt er, ‚ich werde noch später mit ihnen reden. Du aber bleib hier‘ – das sagt er also zu mir. ‚Komm her, setz dich!‘
Was sehe ich: vor mir steht ein Tisch mit Tinte, Feder und Papier. Ich denke: was wird er nun mit mir anfangen?
‚Setz dich,‘ sagt er, ‚auf den Stuhl, nimm die Feder, schreibe!‘ Selbst aber erfaßt er mein Ohr und zieht es auch schon. Ich sehe ihn an wie der Teufel den Pastor. ‚Verstehe nicht,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden.‘
‚Schreib!‘
‚Erbarmen, Euer Gnaden!‘
‚Schreib! Schreib wie du es verstehst!‘ Selbst aber zieht er mich dabei immer am Ohr, zieht und zieht, und wie er es dabei noch drehte! Nein, Brüder, ich sage euch, mir wären dreihundert Hiebe lieber gewesen, als dieses ‚schreib!‘ und weiter nicht als ‚schreib!‘ Von dem mir grün und blau vor den Augen wurde.“
„Was war denn mit ihm los? – übergeschnappt?“
„Fiel ihm nicht ein. Aber in T–sk hatte ein Schreiberlein vor kurzer Zeit ein Stückchen losgeschossen: hatte die Kasse unterschlagen und sich mit dem Inhalt aus dem Staube gemacht, und der hatte gleichfalls abstehende Ohren gehabt. Nun, es war überall hin gemeldet worden. Ich aber war den Anzeichen nach so wie er, und da fühlte er mir auf den Zahn: verstand ich zu schreiben? und wie?“
„So ein Pech! Schmerzte es?“
„Das habe ich dir doch schon gesagt: sogar verteufelt!“
Alles lachte.
„Na, und hast du denn geschrieben?“
„Was geschrieben! Fing wohl an, die Feder zu führen, zu führen, führte, führte, auf dem Papier nämlich, – da gab er’s auf. Gab mir noch so an zehn Ohrfeigen mit auf den Weg und damit entließ er mich dann, wollte sagen, in den Ostrogg.“
„Aber verstehst du denn zu schreiben?“
„Früher verstand ich’s, seitdem man aber mit den Federn schreibt, habe ich es verlernt ...“
Mit derartigen Erzählungen oder, richtiger gesagt, Schwätzereien wurde die langweilige Zeit totgeschlagen. Herrgott, war das eine Langeweile! Die Tage so lang, so lang, so schwül, der eine bis aufs Tüttelchen genau so wie der andere. Wenn man doch wenigstens irgend ein Buch gehabt hätte! Und dabei ging ich, namentlich in der ersten Zeit, oft ins Lazarett, zuweilen weil ich krank war, zuweilen nur, um dort zu liegen. Nur fort aus dem Ostrogg! Schwer war es im Ostrogg, noch schwerer als hier: moralisch schwerer. Die Bosheit, Feindschaft, der Neid, Hader, die fortwährenden Angriffe auf uns Edelleute, die bösen, drohenden Gesichter! Hier dagegen, im Lazarett, waren alle mehr gleichgestellt, und lebten freundschaftlicher. Die bedrückendsten Stunden im Laufe des ganzen Tages kamen abends, wenn das Licht schon angezündet war, und zu Anfang der Nacht. Früh schon ging man zur Ruh. Das trübe Nachtlicht leuchtet fern an der Tür als einziger heller Punkt; in unserer Ecke, in unserer ganzen Hälfte herrscht Halbdunkel. Die Zimmerluft ist schwül und voll Gestank. Manch einer findet keinen Schlaf, er erhebt sich und sitzt wohl anderthalb Stunden auf dem Bett, den Kopf mit der Nachtmütze gesenkt, als dächte er über etwas nach. Da sieht man eine ganze Stunde zu ihm hinüber und bemüht sich, zu erraten, was er denkt, nur um gleichfalls auf irgend eine Weise die Zeit totzuschlagen. Oder man ergibt sich dem Träumen, erinnert sich des Vergangenen, große, helle Bilder malt die Phantasie. Man erinnert sich so kleiner Einzelheiten, an die man sonst nie denken und die man wohl nie so durchfühlen würde, wie hier im Arrestantenlazarett. Oder man denkt an die Zukunft: wie wird es sein, wenn du aus dem Ostrogg entlassen wirst? Wohin wirst du dann gehen? Wann wird das sein? Wirst du überhaupt jemals in die Heimat zurückkehren? Und du denkst und denkst und Hoffnung rührt sich in deiner Seele ... Ein anderes Mal beginnt man einfach zu zählen: eins, zwei, drei, vier usw., nur um während des Zählens einzuschlafen. Ich zählte oft bis dreitausend und schlief doch nicht ein. Dort dreht sich einer auf die andere Seite, der Strohsack knistert. Ustjänzeff hustet seinen trockenen, schwindsüchtigen Husten und stöhnt dann schwach, worauf er jedesmal vor sich hin murmelt: „Gott, ich habe gesündigt!“ So sonderbar klingt diese kranke, gesprungene, gequälte Stimme inmitten der tiefen Stille und Nacht ringsum. Auch dort irgendwo in der Ecke schläft man nicht und es sprechen zwei miteinander von Bett zu Bett. Der eine erzählt etwas von seinem Leben, von längst, längst Vergangenem, Vergessenem, von Landstreicherei, von seinen Kindern, seinem Weibe, von früheren Verhältnissen. Allein schon aus dem fernen, undeutlichen, murmelnden Geflüster fühlt man, daß alles, wovon er erzählt, niemals mehr zu ihm wiederkehren wird, und daß er selbst, der Erzähler, nichts als ein abgeschnittenes, fortgeworfenes Stück von dem Übrigen ist. Der andere hört zu. Zu mir dringt nur ein ruhiges, gleichmäßiges Gemurmel, gleich wie wenn fallendes Wasser erzählte, irgendwo fern ... Ich entsinne mich noch, wie ich einmal in einer langen Winternacht eine solche Erzählung mit anhörte. Zuerst glaubte ich fast, daß sie mein eigener Fiebertraum war, und es schien mir, als vernahm und sah ich alles nur in meiner kranken Phantasie ...
VI. Der Mann der Akulka (Eine Erzählung)
Es war schon spät in der Nacht, wohl in der zwölften Stunde. Ich war schon eingeschlafen, – da erwachte ich plötzlich. Der trübe Schein des fernen Nachtlichts erhellte kaum die nächsten Lagerstätten ... Fast alle schliefen. Sogar Ustjänzeff schlief, und in der Stille hörte man, wie schwer er atmete und wie der Schleim in seinem Halse bei jedem Atemzuge brodelte. Da ertönten draußen auf dem Flur die schweren Schritte der nahenden Ablösung. Ein Gewehrkolben stieß schwer auf den Boden. Die Tür des Krankenzimmers öffnete sich: der Gefreite trat leise ein und zählte die Kranken. Nach einer Minute war die Tür wieder verschlossen, die neue Wache trat an, die Schritte des Wachkommandos entfernten sich, und wieder trat die Stille ein. Nun erst bemerkte ich, daß nicht weit von mir, links von meinem Bett, zweie nicht schliefen und miteinander zu flüstern schienen. Das kam zuweilen vor: es lagen manche monatlang nebeneinander, ohne daß je ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde, und dann plötzlich in einer Nacht, in einer schweren Stunde, fängt der eine zu sprechen an und breitet vor dem anderen, lauschenden, seine ganze Vergangenheit aus.
Offenbar flüsterten sie schon lange miteinander. Den Anfang hatte ich nicht gehört, und auch jetzt konnte ich nicht alles vernehmen, doch allmählich gewöhnte sich mein Ohr daran und so vernahm ich bald auch die einzelnen Worte. Ich konnte nicht schlafen: was sollte ich tun, wenn ich nicht zuhörte? ...
Der eine erzählte, halbliegend im Bett, den Kopf erhoben und vorgestreckt, damit ihn der Genosse besser höre. Augenscheinlich war er erregt, es quälte ihn etwas und er wollte erzählen. Sein Zuhörer saß finster und gleichmütig auf seinem Lager, die Füße ausgestreckt, hin und wieder brummte er etwas als Antwort oder zum Zeichen seines Interesses, was er aber mehr anstandshalber als aus wirklicher Teilnahme zu tun schien, und stopfte fortwährend aus einem Horn Tabak in die Nase. Er war ein Soldat aus der Strafkompagnie, Tscherewin hieß er, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, ein mürrischer Pedant, ein kalter Raisonneur und selbstgefälliger Dummkopf. Der Erzähler, Schischkoff, war ein junger, noch nicht dreißigjähriger Arrestant unserer Zivilabteilung, der in der Schneiderwerkstätte arbeitete. Bis dahin hatte ich ihm wenig Beachtung geschenkt; und auch später, solange ich im Ostrogg lebte, zog es mich nicht zu ihm. Er war ein leerer, unverständiger Mensch. Zuweilen schwieg er lange Zeit, war mürrisch, unfreundlich, sprach wochenlang kein Wort. Zuweilen aber mischte er sich in Dinge ein, die ihn nichts angingen, verbreitete Klatschgeschichten, regte sich wegen der nichtigsten Sachen auf, trieb sich in allen Kasernen umher, redete unendlich, schien aus der Haut zu fahren. Verprügelte man ihn, so schwieg er wieder. Er war feig und geizig. Alle mißachteten ihn und behandelten ihn auch darnach. Er war klein von Wuchs und mager, mit bald seltsam unruhigem, bald wieder stumpf brütendem Blick. Hatte er etwas zu erzählen, so begann er eifrig und erregt, sogar mit lebhaften Gesten – bis er plötzlich abbrach, oder auf anderes überging, sich von neuen Einzelheiten hinreißen ließ und ganz vergaß, wovon er zuerst gesprochen hatte. Er stritt sehr oft mit den anderen, und wenn er es tat, so warf er dem Gegner unbedingt etwas vor, etwa wie sehr jener ihm Unrecht getan habe und wie groß seine Schuld vor ihm sei, und er sprach mit Gefühl und war sogar den Tränen nahe ... Er spielte nicht schlecht die Balalaika und er spielte sie gern, und an Feiertagen tanzte er sogar, und tanzte gut, wenn man ihn, was auch vorkam, dazu veranlaßte ... Es war sehr leicht, ihn zu etwas zu veranlassen ... Nicht, daß er so gehorsam gewesen wäre, aber er schloß gern Freundschaft und tat dann alles, um dem neuen Freunde gefällig zu sein.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich begriff, wovon sie sprachen. Auch schien es mir zuerst, daß er immer abwich vom eigentlichen Thema und sich von Nebensächlichem ablenken ließ. Vielleicht entging es ihm auch nicht, daß Tscherewin für seine ganze Erzählung überhaupt kein Interesse übrig hatte, doch wollte er sich, glaube ich, absichtlich einreden, daß sein Zuhörer ganz Ohr sei. Vielleicht wäre es ihm auch sehr schmerzlich gewesen, sich vom Gegenteil zu überzeugen.
„... Kam er so auf den Markt,“ erzählte er jetzt weiter, „dann grüßten ihn alle, sie fühlten sozusagen, das ist ein Reicher!“
„Er handelte, sagst du?“
„Nun, ja, gewiß doch. Unter den Kleinbürgern bei uns war die Armut groß. Das reine Elend. Die Weiber trugen das Wasser aus dem Fluß das steile Ufer hinauf, um dort die Gemüsegärten zu begießen, im Herbst aber hatten sie für die ganze Plage nicht einmal Kohl zur Suppe. Nichts zu wollen. Nun, er aber hatte ein großes Stück Land, ließ das Feld von Knechten bearbeiten, hielt ihrer ganze drei, und dann hatte er noch einen ganzen Bienengarten, handelte mit Honig und auch mit Vieh, und doch war er in unserem Ort sehr geachtet, mußt du wissen. Alt war er auch schon, an die siebenzig Jahr, die Knochen wurden ihm schon steif, hatte einen grauen langen Bart, war ein großer Mann. Kam er so im Fuchspelz auf den Markt, da wurde er von allen Seiten gegrüßt. Sehr ehrerbietig. – ‚Guten Tag, Väterchen Ankudim Trofimytsch!‘
‚Hab auch du einen guten Tag,‘ sagt er. Keinen, wie du siehst, verachtete er.
‚Laßt’s Euch wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘
‚Danke, wie geht es Euch?‘ fragt er.
‚Ach, unsere Geschäfte sind weiß wie Ruß,[10] wie aber geht es Euch, Väterchen?‘
‚Auch wir leben,‘ sagt er, ‚trotz unserer Sünden.‘
‚So laßt’s Euch denn wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘ Niemand also wird von ihm verachtet, und spricht er, so ist jedes Wort einen Rubel wert. Er war auch sehr bibelkundig, verstand zu lesen und zu schreiben, er las aber nur die heilige Schrift. Dann setzte er die Alte, sein Weib, vor sich hin: ‚Jetzt höre, Weib, und begreife!‘ sagt er, und dann fängt er an, auszulegen und alles zu erklären, wie das da gemeint ist. Aber seine Alte war noch gar nicht alt, sie war seine zweite Frau, die er sozusagen der Kinder wegen geheiratet hatte, denn von der ersten hatte er keine. Nun, aber von der zweiten, der Maria Stepanowna, hatte er zwei noch unerwachsene Söhne, von denen der jüngere, Wassjä, ihm noch mit sechzig Jahren geboren worden war, und außerdem hatte er noch eine Tochter, Akulka, das war die älteste und damals achtzehn Jahre alt.“
„Und das war sie, deine Frau?“
„Wart, zuerst kommt noch Filka Morosoff. Du, sagt der Filka dem Ankudim, zahl mir mal jetzt das Geld aus; gib mir alle vierhundert her. Ich will nicht mit dir handeln und deine Akulka, sagt er, will ich auch nicht. Jetzt, sagt er, lebe ich blau. Meine Eltern, sagt er, sind jetzt gestorben, daher werde ich jetzt mein Geld versaufen und dann gehe ich unter die Soldaten und komme nach zehn Jahren als Feldmarschall wieder. Ankudim gab ihm auch richtig das Geld ab, denn sein Vater und Ankudim hatten mit gemeinschaftlichem Kapital gehandelt. – ‚Ein verlorener Mensch bist du,‘ sagt ihm der Alte. Er aber antwortet ihm: ‚Nun, noch weiß man nicht, ob ich verloren bin, bei dir aber, du Graubart, kann man ja nur lernen, mit dem Pfriem Milch zu löffeln. Du,‘ sagt er, ‚willst mit jeder Kopeke reich werden, sammelst noch jeden Schmutz, weil er sich vielleicht doch noch zur Kohlsuppe eignet. Ich aber spucke darauf. Du sammelst und sammelst, bis du des Teufels bist. Ich aber,‘ sagte er, ‚ich habe Charakter! Deine Akulka aber nehme ich trotzdem nicht; ich habe,‘ sagte er, ‚sowieso schon mit ihr geschlafen ...‘
‚Was!‘ schreit Ankudim, ‚wie wagst du es, eines ehrenhaften Vaters ehrenhafte Tochter zu beschimpfen! Wann hast du mit ihr geschlafen, du Schlangenbrut, du Hechtsblut!‘ Und selbst bebt er am ganzen Körper. So erzählte Filka später.
‚Haha, nicht nur keinen Filka Morosoff wird sie jetzt bekommen,‘ sagt er, ‚ich werde dafür sorgen, daß Eure Akulka überhaupt keiner mehr nehmen wird, auch der Mikita Grigorjitsch nicht, denn sie ist ja doch ehrlos. Schon seit dem Herbst haben wir zusammengelebt, jetzt aber gehe ich für keine hundert Krebse mehr darauf ein. Versuch doch: leg mir gleich hundert auf den Tisch, da wirst du sehen, daß ich nicht einwillige ...‘
Und da hub dann das Prassen an, das war was! Die ganze Erde drehte er um, durch die ganze Stadt hörte man seine Gelage. Er hatte sich noch Freunde ausgesucht, einen Haufen Geld besaß er, drei Monate lang wurde gepraßt, bis alles aus war. ‚Ich werde,‘ sagte er bisweilen, ‚wenn das Geld alle ist, das Haus verkaufen, alles verkaufen, und dann gehe ich unter die Landstreicher oder unter die Soldaten!‘ Vom Morgen bis zum Abend praßte er und fuhr mit einem schellengeschmückten Zweispänner durch die Stadt. Aber die Mädels liebten ihn wie keinen anderen, so etwas sieht man gar nicht wieder. Auch verstand er gut zu spielen, und er spielte auf allen Instrumenten.“
„Dann hatte er also mit der Akulka schon vorher die Sache gehabt?“
„Wart nur. Ich hatte damals auch gerade meinen Vater beerdigt, und meine Mutter backte Pfefferkuchen, arbeitete also auch für Ankudim, und davon lebten wir. Wir hatten aber ein schlechtes Leben. Nun, wir hatten auch unser Landstück hinter dem Walde, säten auch unser Korn, aber nach dem Tode des Vaters war es doch aus mit der Herrlichkeit, denn auch ich lebte blau, mußt du wissen. Von der Mutter holte ich das Geld mit Schlägen heraus ...“
„Das ist nicht gut, wenn du sie geschlagen hast. Das ist eine große Sünde.“
„Ich war aber, mußt du wissen, vom Morgen früh bis Abend spät besoffen. Unser Häuschen ging noch an, nichts zu sagen, war es auch verfault, so gehörte es doch uns, aber innen drin da war nichts zu beißen. Da saßen wir denn ohne Essen und kauten manche Woche am Hungertuch. Die Mutter schilt mich, aber was mache ich mir draus! ... Ich, mußt du wissen, wich damals keinen Schritt von Filka Morosoff. Vom Morgen bis zum Abend war ich bei ihm. ‚Spiel,‘ sagte er, ‚auf der Gitarre und tanz, ich aber werde liegen und Geld auf dich werfen, denn ich bin der reichste Mensch.‘ Und was er nicht alles tat! Nur Gestohlenes nahm er nicht. ‚Ich bin kein Dieb,‘ sagt er, ‚sondern ein ehrlicher Mensch.‘ – Und eines Tages sagte er: ‚Kommt, gehen wir und streichen wir der Akulka die Haustür mit Pech an, denn ich will nicht, daß sie Mikita Grigorjitsch heiratet. Das ist mir jetzt wichtiger als alles andere,‘ sagt er.
Ankudim aber hatte schon früher die Absicht gehabt, das Mädchen dem Mikita Grigorjitsch zu geben. Mikita war auch schon alt, ein Witwer mit einer Brille auf der Nase, und er handelte gleichfalls. Als der nun hörte, was für Gerüchte über Akulka umgingen, da sagte er natürlich ab. ‚Mir, Ankudim Trofimytsch,‘ sagt er, ‚mir würde es zur großen Unehre gereichen, und auch will ich in meinen alten Jahren überhaupt nicht mehr heiraten.‘
Und so gingen wir und strichen Akulkas Tür mit Pech an. Sie aber wurde dafür geprügelt, unaufhörlich geprügelt ... Marja Stepanowna schreit: ‚Das überlebe ich nicht!‘ und der Alte sagt: ‚In alter Zeit und unter ehrsamen Patriarchen würde ich sie,‘ sagt er, ‚an dem Scheiterhaufen totgeprügelt haben, heutzutage aber,‘ sagt er, ‚ist in der Welt nichts als Finsternis und Fäulnis.‘ Die Nachbarn in der ganzen Straße hatten die Akulka schreien gehört: sie wurde vom Morgen bis zum Abend geschlagen. Filka aber sagt auf dem Markt, daß es alle hören: ‚Ein prächtiges Mädchen ist die Akulka, meine Freundin. Hübsch gewachsen, rein gekleidet, fragt mal, wen sie liebt! Ich,‘ sagt er, ‚ich habe ihnen dort eins auf die Nase gegeben, das werden sie nicht sobald vergessen.‘ Da traf auch ich einmal die Akulka, als sie mit Wassereimern ging, ich aber schrie ihr nach: ‚Guten Tag, Akulina Kudimowna! ich grüße Euer Gnaden! Sauber bist du, woher kommt das, sag mal, wen du liebst!‘ Sie aber blickte mich nur einmal an, so große Augen hatte sie, selbst aber war sie so mager geworden wie ein Holzspan. Als sie mich anblickte, glaubte ihre Mutter, daß sie mir zulachte, und schrie ihr vom Hoftor zu: ‚Lachst du schon wieder, du Schamlose!‘ Und so wurde sie an diesem Tage wieder geprügelt. Eine ganze geschlagene Stunde. ‚Ich werde sie noch totprügeln, sie ist nicht mehr meine Tochter,‘ schrie die Mutter.“
„Sie war also eine Herumtreiberin?“
„Nein, du, höre nur zu, Freundchen. Als wir so immer noch fortfahren, Filka und ich, zu trinken, da kam eines Tages meine Mutter zu mir, ich aber lag auf dem Rücken. ‚Was liegst du, Elender,‘ sagt sie, ‚du Räuber, du Tagedieb!‘ Schimpft mich also. ‚Heirate doch,‘ sagt sie, ‚die Akulka ist jetzt zu haben, heirate sie. Die Alten werden froh sein, wenn sie noch einen wie du für sie bekommen. Und dreihundert Rubel geben sie allein in barem Geld.‘ Ich aber sage: ‚Aber sie ist doch jetzt,‘ sage ich, ‚vor der ganzen Welt entehrt!‘ – ‚Du Dummkopf,‘ sagt sie, ‚mit dem Kranz ist alles gutgemacht, und für dich ist es doch um so besser, wenn sie schuldig vor dir ist: Wir aber werden das Geld brauchen können. Ich habe schon,‘ sagt sie, ‚mit Marja Stepanowna gesprochen. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu.‘ Ich aber sage: ‚Geld, zwanzig Rubel in Silber auf den Tisch, dann heirate ich.‘ – Und was glaubst du wohl: ich war in einem Strich bis zur Hochzeit besoffen. Und da kam noch Filka Morosoff mit seinen Drohungen:
‚Ich werde dir,‘ sagte er, ‚als Akulinas Mann, alle Rippen eindrücken und mit deinem Weibe, wenn ich nur will, jede Nacht zusammenschlafen.‘
Ich aber sage ihm: ‚Das lügst du, du Hund!‘ Da aber hat er mir auf offener Straße solche Schmach angetan, daß ich nach Hause ging und sagte: ‚Ich will nicht heiraten, wenn man mir nicht sofort noch fünfzig Rubel auf den Tisch legt!‘“
„Und man gab sie dir auch wirklich zum Weibe?“
„Mir? Weshalb sollte man nicht? Wir waren doch keine ehrlosen Leute. Mein Vater hatte erst in der letzten Zeit durch eine Feuersbrunst alles verloren, früher aber hatten wir noch reicher als sie gelebt. Ankudim sagte wohl: ‚Du hast nichts.‘ – Ich aber antwortete ihm: ‚Das schon, aber bei Euch hat man die Türpfosten mit Pech beschmiert.‘ – Er aber sagt: ‚Willst du jetzt noch großtun? Beweise du zuerst, daß sie unehrlich ist, allen Menschen kann man nicht den Mund zubinden. Hier ist Gott und dort ist die Tür,‘ sagt er, ‚du brauchst das Geld nicht zu nehmen. Nur mußt du das erhaltene zurückgeben.‘ Da machte ich denn mit Filka Morosoff ein Ende: ich ließ ihm durch Mitrij Bykoff sagen, daß ich ihn jetzt vor der ganzen Welt ehrlos machen würde, aber bis zur Hochzeit, mußt du wissen, war ich in einem Strich besoffen. Erst vor der Trauung erwachte ich. Als wir dann aus der Kirche wieder zurückgekommen waren und man uns hingesetzt hatte, da sagte Mitrofan Stepanytsch, also der Onkel:
‚Wenn es auch nicht ehrenhaft ist, so ist es doch fest, die Sache ist jetzt gemacht, vollzogen, und damit abgetan.‘
Der Alte, der Ankudim, war gleichfalls betrunken und weinte, saß auf seinem Stuhl, und die Tränen rollten ihm über die Backen in den Bart. Nun, ich aber, Freundchen, machte es damals so: ich steckte eine Knute in die Tasche, die ich schon vor der Trauung bereitgelegt hatte, und so beschloß ich denn, mich an der Akulka zu rächen, damit sie wußte, was das heißt, durch ehrlosen Betrug einen Mann zu bekommen, und damit auch die anderen erführen, daß ich sie nicht als Narr geheiratet hatte ...“
„Ganz recht! Damit sie es sich für nächstens merkt ...“
„Nein, Freundchen, du wart noch etwas und hör mich an. In unserer Gegend ist es Sitte, daß man sogleich von der Trauung ins Hochzeitsgemach geht, die anderen aber trinken inzwischen ruhig weiter. Und so ließ man denn uns beide allein im Hochzeitsgemach. Sie sitzt so bleich auf dem Bettrand, kein Blutstropfen im Gesicht. Das war die Angst, mußt du wissen. Ihr Haar war auch ganz wie Flachs so hell. Und ihre Augen waren blau und groß. Und immer schwieg sie, nie hörte man sie, ganz wie eine Stumme im Hause. Ganz wunderbar war sie. Aber was meinst du wohl, Freundchen, kannst du dir das denken: ich hatte doch schon die Knute vorbereitet und hier gleich neben dem Bett hingelegt, sie aber war, Freundchen, sie aber war, wie sich zeigte – vollkommen unschuldig vor mir.“
„Was!?“
„Ganz und gar. Wie jede andere Ehrenwerte aus ehrenwertem Hause. Aber nun sag du mir doch, Freundchen, wofür hatte sie nun nach alledem diese Qualen erduldet! Warum hatte denn der Filka Morosoff sie vor der ganzen Welt entehrt?“
„Hm, ja ...“
„Da kniete ich denn vor ihr nieder, gleich dort vor dem Bett, faltete die Hände: ‚Täubchen,‘ sage ich, ‚Akulina Kudimowna, verzeih mir dummen Menschen, daß ich dich auch für so eine gehalten habe. Verzeih mir,‘ sage ich, ‚mir Elendem!‘ Sie aber sitzt vor mir auf dem Bett, sieht mich an, legt mir beide Hände auf die Schultern, lacht, aber dabei rollen ihr die Tränen über die Wangen; sie lacht und weint ... Wie ich da zu den anderen wieder hinausging, da sagte ich: ‚Begegnet mir jetzt noch einmal Filka Morosoff, so hat er zum längsten auf der Welt gelebt!‘ Die Alten aber wußten gar nicht mehr, wie sie noch beten sollten: die Mutter fiel ihr zu Füßen und schrie fast vor Schluchzen. Der Alte aber sagte: ‚Hätten wir es nur gewußt oder geahnt, so hätten wir dir, meine geliebte Tochter, einen ganz anderen Mann ausgesucht.‘ Und wie wir am nächsten Sonntag in die Kirche gingen, da trug ich eine schmucke Fellmütze, einen Rock aus feinem Tuch und Beinkleider in reichen Falten. Sie trug einen neuen Hasenpelz und ein seidenes Tüchlein. Siehst du, so gingen wir. Die Leute hatten ihre Freude an uns ...“
„Nun, schön.“
„Nun, aber höre nur weiter. Am nächsten Tage nach der Hochzeit lief ich von den Gästen fort, obschon ich betrunken war – riß mich aber los und lief. ‚Gebt ihn her, den Taugenichts Filka Morosoff, gebt ihn nur her, den Schuft!‘ so schrie ich, – schrie es auf dem Markt, mußt du wissen. Nun, ich war ja auch noch betrunken; da wurde ich denn nicht weit von Wlassoffs eingefangen und mit Gewalt von drei Mann nach Haus gebracht. Im ganzen Ort aber weiß man’s schon. Die Mädchen und Weiber auf dem Markt stecken die Köpfe zusammen: ‚Wißt ihr es schon, habt ihr es schon gehört? Die Akulka ist ja ganz unschuldig gewesen!‘ Filka aber sagte mir kurz darauf in Gegenwart von anderen, und sagt mir so: ‚Verkauf deine Frau, – wirst betrunken sein. Bei uns,‘ sagt er, ‚hatte der Soldat Jaschka nur deswegen geheiratet: bei seinem Weibe hat er nie geschlafen, dafür aber war er drei Jahre lang betrunken.‘ Ich sage ihm: ‚Du bist ein Schurke!‘
‚Du aber bist ein Dummkopf,‘ sagt er. ‚Man hat dich doch in betrunkenem Zustande verheiratet, was konntest du dann da beurteilen?‘
Ich kam nach Haus und schrie: ‚Ihr,‘ sage ich, ‚ihr habt mich betrunken mit ihr verheiratet!‘ Die Mutter wollte mich wohl noch bereden, ich aber sagte: ‚Dir sind die Ohren mit Gold vollgestopft, du hörst nichts anderes. Gib mal die Akulka her!‘ Nun, und dann fing das Prügeln an. Ich prügelte sie, mußt du wissen, ich prügelte sie zwei Stunden, bis ich selbst umfiel. Drei Wochen lag sie im Bett, ohne aufzustehen.“
„Es ist ja wahr,“ meinte Tscherewin phlegmatisch, „schlägst du sie nicht, so ... Hattest du sie denn mit einem Liebhaber überrascht?“
„Nein, das nicht,“ sagte nach einigem Schweigen und gleichsam sich überwindend Schischkoff. „Es kränkte mich aber doch gar zu sehr, daß die Menschen mich so beleidigen durften, und der Anstifter von allem war natürlich der Filka. ‚Deine Frau,‘ sagt er, ‚ist für dich nur ein Modell,‘ sagt er, ‚damit die Leute sie ansehen.‘ Und einmal feierte er wieder ein großes Fest und hatte auch mich zu Gast geladen, und da sagte er: ‚Seine Frau,‘ sagt er, ‚ist edelmütig und ehrerbietig, ist hübsch und freundlich, und jedermann beneidet ihn jetzt! Aber hast du schon vergessen, Bursche, wie du selbst ihre Tür mit Pech beschmiert hast?‘
Ich saß dort betrunken auf dem Stuhl, da faßte er mich an den Haaren und schüttelte mich und drückte mich nieder. ‚Tanz,‘ sagt er ‚Akulinas Mann, ich werde dich so an den Haaren halten, du aber tanz zu meiner Belustigung!‘
‚Ein Schurke bist du!‘ schreie ich.
Er aber sagt zu mir: ‚Ich werde mit meiner ganzen Horde zu Akulka fahren, zu deiner Frau, und sie in deiner Gegenwart mit Ruten prügeln, soviel ich will.‘ So fürchtete ich denn, glaub oder glaub mir nicht, einen ganzen Monat, das Haus zu verlassen: wenn er inzwischen kommt, dachte ich, und ihr und meinem Hause die Schande antut, – was dann? Und da fing ich denn an, sie zu prügeln ...“
„Wozu da prügeln! Hände kann man binden, von Zungen aber bindest du keine einzige. Viel schlagen taugt auch nicht. Bestrafe, belehre, dann aber sei auch wieder gut zu ihr. Dafür ist sie doch Weib.“
Schischkoff schwieg eine Zeitlang.
„Es kränkte mich,“ begann er dann von neuem, „und da wurde mir das Prügeln zur Gewohnheit: manchen Tag prügelte ich sie vom Morgen bis zum Abend. Schlage ich sie nicht, so ist es langweilig. Sie saß gewöhnlich am Fenster, sieht hinaus, schweigt, weint ... Immer weinte sie, sie tat mir wirklich leid, aber ich schlug sie. Meine Mutter schalt mich oft genug ihretwegen: ‚Ein Elender bist du,‘ sagt sie, ‚ein Zuchthausknecht!‘ – Ich aber schreie: ‚Ich werde sie totschlagen! und daß mir jetzt niemand was zu sagen wagt, denn man hat mich mit Betrug verheiratet!‘
Zuerst kam noch der alte Ankudim selbst: ‚Du bist doch nicht weiß Gott was für eine Persönlichkeit, daß man mit dir nicht fertig werden könnte, ich werde schon einen Richter finden, der dir anderes beibringen wird!‘ Dann aber ließ er es bleiben und kam nicht wieder. Marja Stepanowna aber war ganz still geworden. Einmal kam sie und bittet unter Tränen: ‚Ich bin mit einer Belästigung zu dir gekommen, Iwan Ssemjonytsch, sie ist nicht groß, aber die Bitte ist um so größer. Schenk uns Sonnenlicht und Freude,‘ sagt sie, verbeugt sich tief vor mir, ‚besänftige dich, verzeihe du ihr! Böse Menschen haben unsere einzige Tochter verleumdet, du aber weißt doch selbst, daß du ein unschuldiges Mädchen zum Weibe bekommen hast ...‘ Und sie verbeugt sich bis zur Erde vor mir, weint. Ich aber mache mich stolz: ‚Ich will euch alle überhaupt nicht anhören! Werde jetzt mit euch allen machen, was ich will, denn ich kann mich jetzt nicht beherrschen. Filka Morosoff aber,‘ sage ich, ‚ist mein Kamerad und bester Freund ...‘“
„Gingt also wieder beide durch?“
„Wo! Bei dem konnte man überhaupt nicht mehr ankommen! Sein eigen Hab und Gut hatte er bis aufs Letzte verpraßt und dann hatte er sich einem reichen Kleinbürger verkauft, um für dessen ältesten Sohn unter die Soldaten zu gehen. In unserer Gegend aber ist ein solcher bis zu dem Tage, wo er fortgeführt wird, der erste Herr im Hause dessen, für den er geht, dann muß dort alles vor ihm im Staube liegen, er aber ist unumschränkter Herr im Hause. Geld erhält er eine Menge, bis zum Abgang aber lebt er im Hause, lebt dort ein halbes Jahr womöglich, und wie er dann die Besitzer behandelt, das ist gar nicht auszureden, – bring nur die Heiligen hinaus! ‚Ich,‘ sagt er, ‚gehe, mußt du wissen, für deinen Sohn unter die Soldaten, folglich müßt ihr mich alle achten, oder sonst sage ich ab!‘ Und so lebte denn auch Filka großartig, schläft mit der Tochter, zieht den Hausherrn jeden Tag nach dem Essen am Bart, – alles nur zu seinem Vergnügen. Jeden Tag muß für ihn die Badestube geheizt werden und für den Dampf muß auf die heißen Ofensteine nicht Wasser, sondern Branntwein gegossen werden, und viel fehlte nicht, so hätte er noch verlangt, von den Badeweibern auf den Händen hineingetragen zu werden. Kommt er von einer Spazierfahrt zurück, so bleibt er auf der Straße stehen: ‚Ich will nicht durch das Hoftor, reißt den Zaun nieder!‘ sagt er, und so wird neben dem Hoftor der Zaun niedergerissen und dann erst spaziert er hinein. Endlich war die Zeit vorüber, er mußte unter die Soldaten. Eine Menge Volks begleitet ihn, die ganze Straße ist voll Menschen: Filka Morosoff fährt fort! Er aber grüßt nach allen Seiten. Akulka aber kam gerade aus dem Gemüsegarten zurück. Wie Filka sie erblickt – es war dicht vor unserem Hoftor, – da schreit er: ‚Halt!‘ springt aus dem Wagen, geht geradenwegs auf sie zu und verbeugt sich bis zur Erde vor ihr! ‚Du meine Seele,‘ sagt er, ‚mein Licht, zwei Jahre liebte ich dich, jetzt aber führt man mich mit Musik zu den Soldaten. Vergib mir,‘ sagt er, ‚du ehrenhafte Tochter eines ehrenhaften Vaters, denn ich Elender bin sündig vor dir, ich allein trage an allem die Schuld!‘ Und er verbeugt sich zum zweitenmal bis zur Erde vor ihr. Die Akulka aber stand zuerst ganz wie erstarrt, dann aber verneigte sie sich tief vor ihm und sagte: ‚Verzeih auch du mir, kühner Jüngling, doch habe ich nichts Böses von dir erfahren.‘
Ich ging ihr nach ins Haus: ‚Was hast du ihm gesagt, du Hündin?‘ Sie aber, glaub oder glaub mir nicht, sie sah mich nur an und sagte: ‚Ich liebe ihn jetzt mehr als mein Leben!‘“
„Sieh mal an! ...“
„Ich sprach an diesem Tage kein Wort zu ihr ... Erst am Abend sagte ich: ‚Akulka! Jetzt werde ich dich totschlagen,‘ sagte ich. In der Nacht fand ich keinen Schlaf, ging in den Flur und trank etwas Kwas. Es zeigte sich schon die Morgenröte am Himmel. Ich ging in die Stube zurück. ‚Akulka,‘ sage ich, ‚steh auf, wir müssen auf das Feld hinaus fahren.‘ Ich hatte auch früher schon davon gesprochen, daß ich hinfahren würde, die Mutter wußte es schon. ‚Das ist gut,‘ hatte sie gesagt, ‚jetzt ist Arbeitszeit, der Knecht aber soll dort schon den dritten Tag faulenzen.‘ Ich schirrte schweigend das Pferd an, sage kein Wort. Wenn man aus unserem Städtchen hinausfährt, so beginnt sogleich ein Fichtenwald, auf fünfzehn Werst zieht er sich hin, und hinter dem Walde lag unser Acker. Als wir so an drei Werst durch den Wald gefahren waren, hielt ich das Pferd an: ‚Steh auf, Akulina,‘ sage ich, ‚dein Ende ist gekommen.‘ Sie sah mich an und erschrak, stieg aus dem Wagen, steht, schweigt. ‚Ich habe dich satt,‘ sage ich, ‚bet zu Gott!‘ Und wie ich sie dann so an den Haaren erfaßte – ihre Zöpfe waren so lang und dick, wickelte sie mir um die Hand, – drückte sie hinterrücks nieder und klemmte sie zwischen die Knie, riß mein Messer hervor, bog ihr den Kopf zurück, und stieß ihr das Messer in die Kehle ... Wie sie da aufschrie und das Blut spritzte, da warf ich das Messer fort, umfing sie mit beiden Armen von vorn, warf mich mit ihr zur Erde, umklammerte sie und schrie über ihr, schrie und schrie; und sie schreit und ich schreie. Sie zittert und schlägt um sich, will sich von meinen Armen befreien, das Blut aber, das Blut – strömt mir über das Gesicht, über die Hände, es sprudelt nur so hervor, sprudelt nur so. Da überkam mich plötzlich Angst, ich ließ sie liegen, ließ das Pferd stehen, selbst aber lief ich, was ich laufen konnte, lief und lief, hinter den Gemüsegarten vorbei, und lief in unsere Badestube, wir hatten noch so eine alte, die nicht mehr benutzt wurde, die stand da am Hause: ich verkroch mich unter die Schwitzbänke und sitze da in einer Ecke. Bis zur Nacht saß ich dort.“
„Und die Akulka? Wie blieb’s denn mit der?“
„Sie aber muß wohl nach mir aufgestanden sein, um gleichfalls nach Haus zu gehen. Wenigstens hat man sie so hundert Schritt von jenem Ort gefunden.“
„Also hattest du nicht ganz durchgeschnitten.“
„Ja ...“ Schischkoff stockte einen Augenblick.
„Da ist so eine Ader,“ bemerkte Tscherewin, „wenn du sie, diese selbe Ader, nicht mit dem ersten Hieb durchschneidest, so lebt der Mensch immer noch weiter, und wieviel Blut auch herausfließt, der Mensch stirbt nicht.“
„Aber sie starb doch. Tot hatte man sie am Abend gefunden. Man machte sofort Anzeige davon, man fing an, mich zu suchen und fand mich noch vor der Nacht in der Badestube ... Jetzt ist es schon das vierte Jahr, daß ich hier lebe,“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.
„Hm ... Es ist ja ... wahr: schlägt man nicht, – dann kommt auch nichts Gutes heraus,“ meinte ruhig und methodisch Tscherewin, indem er wieder das Horn hervorzog. Langsam und teilweise mit Unterbrechungen begann er seinen Tabak zu schnupfen. „Und andererseits wiederum,“ fuhr er fort, „bist du dabei doch ein großer Dummkopf gewesen, was man dir auch jetzt noch ansieht. Ich traf auch einmal mein Weib mit einem Liebhaber an. Da führte ich sie denn in den Schuppen, legte die Pferdeleine doppelt. ‚Wem,‘ fragte ich, ‚schwörst du nun Treue? Wem?‘ Und dann prügelte ich sie, prügelte, prügelte, mit der Pferdeleine nämlich, anderthalb Stunden, sie aber schrie: ‚Werde deine Füße waschen,‘ schrie sie, ‚und das Wasser nachher trinken.‘ Awdotja hieß sie.“
V. Die Sommerzeit
Doch schon ist es Frühling, wir sind im April und Ostern steht vor der Tür. Allmählich beginnen auch die Sommerarbeiten. Die Sonne wird mit jedem Tage wärmer und heller, die Luft duftet nach Frühling und hat eine starke Wirkung auf Körper und Seele. Die anbrechenden schönen Tage erregen auch den gefesselten Menschen und erwecken in ihm ein Wünschen, Streben und Sehnen. Ich glaube, bei hellem Sonnenschein verlangt es den Menschen noch viel mehr nach Freiheit, als an einem trüben Winter- oder Herbsttage, er trauert viel tiefer um das Verlorene: das ist mir an allen Gefangenen aufgefallen. Es ist, als freuten sie sich über die hellen Tage, gleichzeitig aber verstärkt sich in ihnen auch eine gewisse Ungeduld und Reizbarkeit. Ich habe bemerkt, daß es im Frühling viel öfter Streit im Ostrogg gab. Häufig hörte man Geschrei, Lärm, Gejohle, viel öfter kam es zu ausgelassenen Jugendstreichen. Dann aber bemerkte man bisweilen bei der Arbeit einen nachdenklichen, unverwandten Blick in die bläuliche Ferne, hinüber zum anderen Ufer des Irtysch, wo sich wie ein ausgebreitetes Tuch die freie kirgisische Steppe auf anderthalbtausend Werst hinzog; dann hörte man, wie jemand aufseufzte, tief, aus voller Brust, ganz als ziehe es ihn unwiderstehlich, diese ferne, freie Luft einzuatmen und dadurch seine bedrückte, gefesselte Seele zu erleichtern.
„Ach!“ seufzt dann plötzlich der Arrestant und macht sich, als hätte er mit einem energischen Entschluß das Träumen und Sehnen abgeschüttelt, ungeduldig und mürrisch wieder an die Arbeit, greift nach dem Spaten oder nach den Ziegeln, die von dem einen Ort nach dem andern zu tragen sind. Nach einer Minute hat er seine plötzliche Empfindung schon vergessen und lacht oder schimpft bereits, je nach seinem Charakter; oder er macht sich plötzlich mit ungewöhnlichem, ganz unpassendem Eifer an seine Arbeitsaufgabe, wenn er eine solche erhalten hat, und arbeitet mit Anstrengung aller Kräfte, ganz als wolle er durch die schwere Arbeit irgend etwas in sich erdrücken, was ihn von innen quält und beengt. Dieses ganze gefesselte, starke Volk stand größtenteils in der Blüte seiner Jahre und Kräfte ... Schwer sind die Fesseln in dieser Zeit! Ich will nichts übertreiben, ich will nur die Wahrheit sagen. Ganz abgesehen davon, daß in der Wärme, in der sonnigen Frühlingsluft – wenn man mit ganzer Seele, mit seinem ganzen Wesen die rings um einen mit unermeßlicher Kraft auferstehende Natur fühlt und sieht – das verschlossene Gefängnis, die ewige Eskorte und das beständige Leben nach fremdem Willen noch viel schwerer zu ertragen sind, – ganz abgesehen davon, beginnt doch in dieser Frühlingszeit schon mit der ersten Lerche in ganz Sibirien und ganz Rußland das Vagabundieren: dann entflieht auch so manch einer aus den Gefängnissen und flüchtet in den Wald. Dann schweifen sie, nach den dumpfen, engen Stuben, nach Strafen, Ketten und Stöcken, in der größten Freiheit überall umher, wo es ihnen besser gefällt und wo das Leben angenehmer ist. Sie essen und trinken, was sich gerade findet, was Gott schickt, und in der Nacht schlafen sie zufrieden irgendwo im Walde ein, oder auf freiem Felde, sorglos, frei, ohne die quälende Sehnsucht des Gefangenen, – wie die Waldvögel, nachdem sie nur den Sternen des Himmels gute Nacht gesagt haben, während Gottes Auge allein über sie wacht. Gewiß hat es mitunter auch sein Unangenehmes, bei „General Kukuschkin zu dienen“, da heißt es oft Hunger und Müdigkeit ertragen, oft sieht man in ganzen vierundzwanzig Stunden nichts Eßbares, vor jedem Menschen muß man sich verstecken, man muß stehlen und plündern und mitunter auch ermorden. „Der Ansiedler ist wie ein Kind, was er nur sieht, das nimmt er,“ sagt man in Sibirien. Dasselbe Sprichwort kann auch auf den Landstreicher angewandt werden. Selten ist er kein Räuber und fast immer ein Dieb. Allerdings stiehlt er mehr aus Notwendigkeit, als aus Beruf. Es gibt geradezu eingefleischte Landstreicher. Manch einer entläuft noch als Kolonist, wenn er die Ostroggjahre schon hinter sich hat. Man sollte meinen, er sei zufrieden und sichergestellt als Kolonist, aber nein! – es zieht ihn irgendwohin, es ruft ihn fort. Das Leben in den Wäldern, das arm und schwer, dafür aber frei und voll Abenteuer ist, hat etwas Bezauberndes, einen gleichsam geheimnisvollen Reiz für diejenigen, die ihn einmal empfunden haben. Und plötzlich ist ein Mensch fortgelaufen, nicht selten ein bescheidener, gewissenhafter Mann, der ein guter ansässiger Bürger und ein tüchtiger Arbeitsmann zu werden versprach. Manch einer heiratet sogar und zeugt Kinder, lebt seine fünf Jahre ruhig an ein und demselben Ort, bis er eines schönen Morgens, ganz plötzlich, verschwunden ist, Weib, Kinder und die ganze Gemeinde in Staunen und Verwunderung versetzend. Im Ostrogg machte man mich auf einen ähnlichen Flüchtling aufmerksam. Er hatte kein einziges namhaftes Verbrechen begangen, wenigstens hatte nie jemand etwas derartiges von ihm gehört, er war aber sein ganzes Leben lang Landstreicher gewesen. Er hatte im Süden Rußlands gelebt, war bis zur Donau gekommen, war im Kaukasus, in der kirgisischen Steppe und im Osten Sibiriens gewesen – überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter anderen Verhältnissen bei seiner Abenteuerlust ein zweiter Robinson Crusoe geworden. Übrigens wurde alles das von anderen über ihn erzählt, er selbst aber sprach wenig im Ostrogg, eigentlich nur das durchaus Notwendige. Es war das ein äußerst kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, mit friedlichem Charakter, ungewöhnlich ruhigem und sogar stumpfem Gesichtsausdruck – stumpf bis zur Idiotie. Im Sommer saß er mit Vorliebe in der Sonne, um sich braten zu lassen, und unfehlbar summte er dann ein Liedchen vor sich hin, gewöhnlich aber so leise, daß es auf fünf Schritt nicht mehr zu hören war. Seine Gesichtszüge waren gleichsam hölzern, er aß wenig und fast nur Brot. Niemals kaufte er sich einen Kalatsch oder einen Schluck Branntwein, aber es ist auch kaum anzunehmen, daß er jemals Geld besaß und kaum dürfte er verstanden haben, zu zählen. Zu allem verhielt er sich unerschütterlich ruhig. Die kleinen Ostrogghunde fütterte er zuweilen aus der Hand, was sonst niemand bei uns tat ... Denn der Russe liebt es nicht, Hunde aus der Hand zu füttern. Es hieß, daß er verheiratet gewesen sei, sogar zweimal, daß er irgendwo auch Kinder habe ... Für welches Vergehen er in unseren Ostrogg gekommen war, vermag ich nicht zu sagen. Die anderen Sträflinge erwarteten immer, daß er entfliehen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen, oder er war schon zu alt geworden; jedenfalls lebte er beschaulich dahin, und verhielt sich etwas stumpf zu dieser ganzen sonderbaren Umgebung, in die er hineingeraten war. Übrigens kann man nicht dafür bürgen, daß er im Ostrogg blieb, obschon, sollte man meinen, keinerlei Berechnung für ihn darin gelegen hätte, zu entfliehen. Dennoch ist, im großen ganzen genommen, das freie Vagabundenleben im Walde und auf Wiesen im Vergleich zum Ostroggleben ein Paradies. Der Unterschied liegt ja so auf der Hand, daß von einem Vergleich überhaupt keine Rede sein kann. Wenn dieses Leben auch noch so schwer ist, so lebt der Mensch doch nach seinem eigenen freien Willen. Daher kommt es, daß in Rußland jeder Gefangene, wo er auch sein mag, im Frühling, sobald die ersten Lerchen erscheinen und die Tage wärmer werden, unruhig wird. Wenn auch längst nicht jeder von ihnen zu entfliehen beabsichtigt – ja man kann wohl sagen, daß infolge der vielen Schwierigkeiten und Gefahren nur einer vom Hundert sich dazu entschließt – so werden die neunundneunzig andern doch wenigstens davon träumen, wie und wohin man wohl entfliehen könnte, und sie trösten sich mit dem Wunsch, mit der bloßen Vorstellung der Möglichkeit. Manch einer erinnert sich vielleicht auch nur einer früher von ihm ausgeführten Flucht ... Ich rede jetzt nur von den bereits Verurteilten; die noch unter Anklage Stehenden entschließen sich viel eher, zu entfliehen, – die auf bestimmte Zeit Verurteilten dagegen höchstens zu Anfang ihrer Strafzeit. Denn hat der Arrestant schon zwei bis drei Jahre abgedient, so beschließt er bei sich, doch lieber die Strafzeit „gesetzlich abzuleben“ und zu den Ansiedlern geschickt zu werden, als daß er sich zu einem solchen Wagnis entschließt; er weiß, daß es ihm, wenn die Flucht mißlingt, bitter schlecht ergeht. Und das Mißlingen ist so leicht möglich. Höchstens einem von zehn gelingt es tatsächlich, „sein Schicksal zu wechseln“. Auch von den zu festgesetzter Strafzeit Verurteilten entschließen sich am ehesten diejenigen dazu, denen eine gar zu lange Strafzeit bevorsteht. Fünfzehn bis zwanzig Jahre erscheinen als Ewigkeit und daher ist der Betreffende immer geneigt, an eine Veränderung seines Geschickes zu denken, selbst wenn er auch schon zehn Jahre in der Kátorga gewesen ist und ihm nur noch die kleinere Hälfte bevorsteht. Hinzu kommt, daß auch die Brandmäler die Flucht teilweise noch aussichtsloser machen. Der technische Ausdruck für Flucht ist: „sein Schicksal wechseln“. So antwortet auch der auf der Flucht wieder eingefangene Sträfling, – daß er nur sein Schicksal habe wechseln wollen. Dieser etwas literarische Ausdruck ist tatsächlich die stehende Bezeichnung dafür. Jeder Flüchtling hat nicht so sehr im Auge, sich vollständig zu befreien – er weiß sehr wohl, daß das nicht so leicht ist –, als eben nur eine Veränderung seines Lebens herbeizuführen, gleichviel, ob er in ein anderes Gefängnis kommt, oder zu den Kolonisten, oder ob er wegen eines neuen Verbrechens – das er während des Vagabundierens begangen hat – von neuem verurteilt wird. Mit einem Wort: gleichviel wohin, nur fort aus dem Alten, Überdrüssigen, nur fort aus diesem Ostrogg.
Alle diese Flüchtlinge erscheinen, wenn sie im Laufe des Sommers nicht irgend einen geeigneten Aufenthaltsort zum Überwintern finden – wenn sie zum Beispiel nicht auf Jemanden stoßen, der einen Vorteil darin findet, sie zu beherbergen, oder schließlich, wenn sie sich keinen Paß verschaffen können, was nicht selten durch Mord geschieht – alle diese Entlaufenen erscheinen dann im Herbst, wenn sie nicht schon früher eingefangen sind, gewöhnlich in ganzen Scharen als Landstreicher in den Städten oder Festungen und Gefängnissen und kommen zum Überwintern in den Ostrogg, selbstverständlich in der Hoffnung, im Frühling wieder entfliehen zu können.
Der Frühling hatte auch auf mich seinen Einfluß. Ich weiß noch, wie sehnsüchtig ich durch die Spalten des Palissadenzaunes spähte und lange Zeit so stand, die Stirn an einen Pfahl gepreßt, und unverwandt, unersättlich auf unseren Festungswall schaute, wie dort das Gras grünte und wie der weite, weite Himmel mit jedem Tage ein tieferes Blau zeigte. Unruhe und Sehnen wuchs mit jedem neuen Tage in meiner Brust und der Ostrogg wurde mir immer verhaßter. Die Feindseligkeit der anderen, die ich als Adliger in diesen ersten Jahren ununterbrochen fühlen mußte, wurde mir unerträglich, sie vergiftete geradezu mein Leben. In diesen ersten Jahren ging ich oft, ohne krank zu sein, ins Lazarett, nur um nicht im Ostrogg zu bleiben, nur um mich von dieser ewigen, durch nichts aufzuhebenden allgemeinen Feindschaft zu erlösen. „Ihr Geier, ihr habt uns totgehackt,“ sagten die Arrestanten zu uns. Wie beneidete ich oftmals die Verbrecher aus dem Volke, die in den Ostrogg kamen! Diese waren im Augenblick mit allen befreundet. Und darum machte mich der Frühling traurig und reizbar.
Kurz vor Ostern – ich glaube, es war in der sechsten Fastenwoche – nahm ich das Abendmahl. Zu Beginn der Fasten war der ganze Ostrogg vom älteren Unteroffizier in sieben Abteilungen geteilt worden, nach der Zahl der Fastenwochen. In jeder Abteilung waren etwa dreißig Menschen. Die sechste Woche, in der ich zum Abendmahl ging, gefiel mir sehr. Die ganze Abteilung war dann von der Arbeit befreit, und wir gingen täglich zwei- oder dreimal in die Kirche, die nicht sehr weit vom Ostrogg lag. Lange war ich nicht mehr in einer Kirche gewesen. Der feierliche Gottesdienst, der einem noch aus der fernen Kindheit im Elternhause so gut erinnerlich war, die ernsten Gebete, die Hinknieenden, – alles das rief in meiner Seele längst, längst Vergangenes wach, erinnerte mich an Eindrücke der Kinderjahre, und ich weiß noch, wie wir uns freuten, wenn wir unter Eskorte mit geladenem Gewehr am Morgen über den vom Nachtfrost hartgefrorenen Boden ins Gotteshaus gingen. Die Eskorte ging übrigens nicht mit in die Kirche. Wir standen dort zusammengedrängt dicht bei der Tür, auf dem letzten Platz, von wo aus man nur die tiefe Stimme des Diakons hörte und hin und wieder den schwarzen Talar und das Silberhaar des Geistlichen sah. Ich dachte daran, wie ich früher als Kind zuweilen auf das am Eingang der Kirche zusammengedrängte Volk geschaut hatte, das vor dicken Epauletten zur Seite trat, oder vor einem wohlgenährten Herrn oder einer aufgeputzten, doch sehr frommen Dame, die alle unbedingt zur ersten Reihe strebten und auch dort noch jeden Augenblick bereit waren, um einen besseren Platz zu streiten. Damals hatte es mir geschienen, daß dort am Eingang anders gebetet wurde, als bei uns: dort betete man so still und andächtig, mit so aufrichtiger innerer Demut.
Jetzt stand ich selbst auf diesem Platze, ja nicht einmal auf diesem! Wir waren gefesselt und gebrandmarkt, uns mieden alle, und man fürchtete uns sogar. Jedesmal gab man uns Almosen, und ich weiß noch, wie mir das sogar gewissermaßen angenehm war, es lag eine gewisse verfeinerte, ganz besondere Empfindung in diesem eigenartigen Freudegefühl. „Mag es nur, mag es denn sein, wenn es einmal so ist!“ dachte ich. Die Sträflinge beteten andächtig und ein jeder von ihnen brachte jedesmal seine armselige Kopeke mit, sei es für ein Licht oder sei es für die Sammelbüchse. „Auch ich bin doch ein Mensch,“ dachte oder fühlte er vielleicht, wenn er seine kleine Münze hineinwarf, – „vor Gott sind alle gleich ...“ Das Abendmahl nahmen wir nach dem Frühgottesdienst. Als der Geistliche mit dem Kelch in der Hand die Worte sprach: „... und nimm mich auf wie den sündigen Verbrecher,“ – da knieten alle mit einemmal nieder, während die Ketten aufklirrten, denn ein jeder schien die Worte buchstäblich auf sich zu beziehen.
Und dann kam die heilige Osterwoche. Wir erhielten jeder ein Ei und ein Stück Weizenbrot. Aus der Stadt wurden wieder reiche Gaben geschickt. Wieder kam der Geistliche mit dem Kreuz, wieder erschienen die höchsten Vorgesetzten, wieder gab es fette Kohlsuppe und nachher Schlemmerei und Trunkenheit, ganz genau so wie am Weihnachtsfeste, nur mit dem einen Unterschied, daß man jetzt bereits auf dem Hof spazieren und sich im Sonnenschein wärmen konnte. Es war heller, freier, als im Winter, gleichzeitig aber auch wehmütiger. Wenn die Sehnsucht nur nicht so gequält hätte! Der lange, endlose Sommertag wurde als Feiertag noch ganz besonders lang und unerträglich. An den Werktagen wurde die Zeit doch wenigstens durch die Arbeit verkürzt.
Die Sommerarbeiten waren allerdings viel schwerer als die Winterarbeiten. Wir waren größtenteils bei den Militärbauten beschäftigt. Die Sträflinge bauten, gruben, mauerten; andere wiederum erhielten die Schlosser-, Tischler- und Malerarbeiten zugewiesen, oder was sonst bei den Aufbesserungsarbeiten erforderlich war. Wieder andere gingen in die Ziegelbrennerei, um Ziegel zu formen. Diese letztere Arbeit wurde bei uns für die schwerste gehalten. Die Ziegelei lag von der Festung drei bis vier Werst entfernt. Im Sommer begab sich täglich ein Trupp von nahe fünfzig Mann schon um sechs Uhr morgens dorthin. Zu dieser Arbeit wurden die sogenannten „Schwarzarbeiter“ bestimmt, d. h. die Nichthandwerker, die nicht in den Werkstätten beschäftigt waren. Sie nahmen ihr Brot mit, da sie wegen der größeren Entfernung zum Mittagessen nicht in den Ostrogg zurückkehrten, was einen Marsch von acht Werst erforderte, und so erhielten sie ihr Mittagessen erst am Abend. Die Aufgaben aber wurden für den ganzen Tag gegeben, und zwar waren sie gewöhnlich so groß, daß der Arbeiter kaum mit ihnen fertig werden konnte, selbst wenn er ununterbrochen arbeitete. Zuerst mußte man den Lehm graben und aus der Grube herauskarren, dann mußte das Wasser herangeschleppt, der Lehm getreten werden, und dann hatte ein jeder, wenn ich nicht irre, noch ganze zweihundert oder gar zweihundertundfünfzig Ziegel zu formen. Ich bin im Ganzen nur zweimal in der Ziegelei gewesen. Die Ziegler kehrten erst am Abend zurück, müde, abgequält, und den ganzen Sommer warfen sie den anderen vor, daß sie die schwerste Arbeit hatten. Das schien noch ihr Trost zu sein und sie einigermaßen zu beruhigen. Nichtsdestoweniger gingen viele ganz gern dorthin: die Ziegelei lag hinter der Stadt, dicht am Irtysch, man konnte freie Landschaft sehen, Wälder und Menschen. Es war dort doch immerhin freundlicher, freier, – nicht ewig Festung und Beamte! Man konnte sogar freier rauchen und schließlich auch ein halbes Stündchen liegen und sich erholen. Ich aber wurde nach wie vor in die Werkstätten geschickt, oder zur Alabasterhütte, oder man brauchte mich als Ziegelträger bei den Bauten. Einmal mußten wir die Ziegel vom Ufer des Irtysch bis zu einer Kaserne, die neu aufgebaut wurde, etwa siebzig Faden weit und dann noch über den Festungswall schleppen, und diese Arbeit dauerte ununterbrochen zwei ganze Monate. Mir aber gefiel sie, obgleich die fingerdicke Schnur, mit der man die Steine trug, mir immer die Schultern wund rieb. Aber trotzdem gefiel sie mir, denn ich fühlte, wie meine Kräfte sich entwickelten. Zuerst konnte ich kaum acht Ziegel tragen, von denen jeder bis zwölf Pfund wog, zuguterletzt aber trug ich zwölf bis fünfzehn Ziegel, und das freute mich nicht wenig. In der Kátorga bedurfte man der physischen Kraft nicht weniger als der moralischen, um alle materiellen Unannehmlichkeiten dieses Lebens ertragen zu können.
Und ich wollte doch auch nach dem Ostrogg noch leben ...
Übrigens schleppte ich die Ziegel nicht nur aus dem Grunde gern, weil ich dadurch meinen Körper stärkte, sondern auch noch deshalb, weil man dann an das Ufer des Irtysch kam. Ich komme so oft auf dieses Ufer zu sprechen, weil wir einzig von ihm aus die freie Welt Gottes sehen konnten, die reine, klare Ferne, die sauberen, freien Steppen, die durch ihre Öde einen eigentümlichen Eindruck auf mich machten. Am Flußufer brauchte man nur den Rücken zur Festung zu kehren, und man sah sie nicht mehr, man konnte sie gänzlich vergessen. Alle übrigen Arbeitsplätze lagen dagegen in der Festung oder in ihrer nächsten Nähe. Ich aber haßte diese Festung schon vom ersten Tage an und besonders einige Gebäude. Das Haus unseres Platzmajors schien mir geradezu verflucht und ekelhaft, und jedesmal überkam mich wilder Haß, wenn ich an ihm vorüberging. Am Flußufer aber konnte man die ganze Gegenwart vergessen: da bleibt man denn zuweilen stehen und schaut in die unermeßliche Weite, und Gefühle bewegen die Brust, wie sie nur ein Gefangener empfinden kann, der durch das vergitterte Fenster seiner Zelle in die Freiheit hinausschaut. Hier war mir alles teuer und lieb: die helle heiße Sonne am bodenlosen blauen Himmel, das ferne Lied eines Kirgisen, das vom kirgisischen Ufer herübertönt. Da sieht man dann wohl schärfer hin, bis man endlich ein kleines, verräuchertes Nomadenzelt entdeckt, aus dem ein dünner, kaum wahrnehmbarer Rauch emporsteigt, und neben ihm eine Kirgisin, die dort bei ihren zwei Schafen arbeitet. Alles ist arm und wild, aber es ist frei! Oder man erblickt einen Vogel in der blauen, klaren Luft und lange, lange folgt mein Blick seinem Fluge: da fliegt er niedrig über dem Wasser, da – ein paar stärkere Flügelschläge, und er schwingt sich empor, hoch in die Luft, bald sieht man ihn nur noch wie einen Punkt am blauen Himmel, bald verschwindet er ganz, dann ist er wieder wie ein Punkt im Blau ... Selbst die armselige, verkümmerte Feldblume, die ich an einem Frühlingstage in einem Spalt des steinigten Ufers fand, selbst die erregte in fast krankhafter Weise meine Aufmerksamkeit. Die Qual des ganzen ersten Jahres meiner Kátorga war unerträglich und wirkte aufreibend auf Geist und Körper, – sie war zu bitter. So kam es denn auch, daß ich in diesem ersten Jahr infolge der eigenen Schmerzen vieles nicht wahrnahm, was um mich herum war. Ich schloß die Augen und wollte mich nicht hineinsehen in die Dinge. Daher bemerkte ich auch unter den bösen, gehässigen Arbeitsgenossen nicht die guten Menschen, – Menschen, die sogar fähig waren, zu denken und zu fühlen, trotz der ganzen abstoßenden Schale, die ihr Inneres verbarg. Unter all den boshaften Bemerkungen überhörte ich ganz die freundlichen und guten Worte, die um so wertvoller waren, als hier ohne alle äußeren Rücksichten gesprochen wurde, und nicht selten direkt aus der Seele heraus, – aus einer Seele, die vielleicht viel mehr als ich gelitten und durchgemacht hatte. Doch wozu sich darüber so ausführlich verbreiten.
Es freute mich sehr, wenn die Arbeit mich recht müde machte: dann konnte ich hoffen, am Abend bald einzuschlafen. Das Schlafen war im Sommer eine wahre Qual, fast noch schlimmer, als im Winter. Die Abende waren zuweilen wundervoll. Die Sonne, die den ganzen Tag grell auf den Ostrogghof schien, ging dann endlich unter. Es kam die Abendkühle und bald darauf die – im Verhältnis zum Tage – fast kalte Steppennacht. Die Arrestanten gingen gewöhnlich, bevor sie eingeschlossen wurden, in großen Scharen auf dem Hof umher. Die meisten wurden allerdings von der Küche angezogen. Dort gibt es immer eine besondere, höchst aktuelle Ostroggfrage zu besprechen, da wird über dies und jenes diskutiert, nicht selten wird ein vages Gerücht kritisch auf seine Wahrheitsmöglichkeit hin untersucht, wenn es auch nicht selten die größte Ungereimtheit ist, doch nichtsdestoweniger erregt sie mächtig das Interesse dieser von der Welt abgeschiedenen Menschen. So zum Beispiel verbreitete sich einmal das Gerücht, daß unser Platzmajor abgesetzt werden würde. Die Sträflinge sind natürlich leichtgläubig wie Kinder. Sie wissen ja alle, daß die Nachricht völlig aus der Luft gegriffen, daß sie von einem bekannten Schwätzer und „unsinnigen“ Menschen verbreitet worden ist, – von dem Sträfling Kwassoff, dem nie mehr zu glauben man schon nach längst gefaßtem Beschluß sich vorgenommen hat, da er außer Lügen überhaupt nichts zu sprechen versteht. Doch ungeachtet aller guten Vorsätze, ist doch ein jeder ganz Ohr, man spricht hin und her, meint dieses und jenes, schmückt die Sache noch aus, – kurz, man ist damit beschäftigt, und es endet damit, daß alle sich über sich selbst ärgern, denn im Grunde schämt man sich, daß man dem Kwassoff doch wieder geglaubt hat.
„Wer wird denn den fortjagen!“ meint einer, „der hat einen festen Nacken, wird schon standhalten!“
„Als ob er nicht auch Vorgesetzte hat, die über ihm stehen!“ mischt sich ein anderer ein, ein hitziger und nicht dummer Bursche, der in der Welt schon etwas gesehen hat, dabei aber streitsüchtig ist, wie selten einer.
„Ein Rabe wird dem anderen nicht die Augen aushacken!“ bemerkt mürrisch, gleichsam nur für sich, ein dritter, ein älterer, bereits ergrauter Mann, der einsam in der Ecke seine Kohlsuppe löffelt.
„Und diese Vorgesetzten werden gerade kommen, um dich um Rat zu fragen, ob sie ihn absetzen sollen oder nicht?“ fragt gleichmütig ein vierter den zweiten, während er leicht mit den Fingerspitzen über die Saiten seiner Balalaika fährt.
„Und warum sollten sie mich denn nicht fragen?“ greift hitzig der zweite auf, „das heißt doch soviel, daß wir alle darum bitten, nur müssen dann auch alle das Maul auftun, wenn man uns zu fragen beginnt. Gewöhnlich wird aber bei uns nur vorher geschrien, und wenn es dann zur Tat kommt, dann hat keiner einen Ton!“
„Was erwartest du denn eigentlich?“ fragt der Balalaikaspieler. „Dafür sind wir hier in der Kátorga.“
„Vor kurzem aber,“ fährt der Streitsüchtige fort, ohne auf den anderen zu hören, „vor kurzem war noch beim Brotbacken etwas Mehl nachgeblieben, man kratzte noch alles zusammen, was hier und da verstreut war, und schickte es fort zum Verkauf. Aber nein! Er erfuhr es, der Markthelfer hatte es erfahren, ihm sofort hinterbracht, und das Mehl wurde weggenommen! Das ist nun Ökonomie, wie man sagt. Ist es aber auch Gerechtigkeit?“
„Aber bei wem willst du dich denn beklagen?“
„Bei wem? Beim Levisor selber, der da kommt!“ – Im Ostrogg sagte man allgemein Levisor statt Revisor.
„Was für einen Levisor?“
„Ja, das ist wahr, ich habe es auch gehört, daß ein Levisor kommt,“ bemerkte ein junger aufgeweckter Bursche, der einmal „die Herzogin von Lavallière“ oder so etwas Ähnliches gelesen hatte und früher Schreiber gewesen war. Er ist stets heiter und ein echter Spaßvogel, und wird vor allem wegen seiner Kenntnisse geachtet. Ohne das allgemein lebhaft erweckte Interesse für den verheißenen Revisor auch nur im Geringsten zu beachten, geht er seelenruhig zur Köchin, oder vielmehr zum Koch, und sagt ihm, er möge ihm ein Stück Leber geben. Unsere Köchinnen handelten oft mit solchen Sachen. Sie kauften für ihr Geld ein großes Stück Fleisch oder Leber, brieten es regelrecht und verkauften es dann den Sträflingen in kleinen Stücken.
„Für zwei oder vier Kopeken?“ fragt die Köchin.
„Schneid mal für vier: mögen einen die Leute beneiden,“ antwortet der junge Sträfling. „Ja, was ich sagen wollte ... es kommt nämlich wirklich ein General aus Petersburg hergefahren, der ganz Sibirien besichtigen wird. Das ist wahr. Man sprach davon beim Kommandeur in der Vorstube, habe selbst gehört.“
Die Nachricht verursachte ungeheuere Aufregung. Wohl eine Viertelstunde dauert das Fragen an: wer das, was für ein General, welchen Ranges, ob er über dem hiesigen stehe? Überhaupt sprechen die Sträflinge mit besonderer Vorliebe über die verschiedenen Rangstufen der Vorgesetzten: wer von ihnen der höhere ist, wer dem anderen befehlen kann, und wem er selbst gehorchen muß, ja sie streiten sogar und beschimpfen sich gegenseitig wegen irgend eines Generals, und viel fehlt nicht, so würden sie sich noch seinetwegen prügeln. Man fragt sich wohl verwundert, was sie davon haben? Nun, die Sache ist die, daß nach der Kenntnis von Generälen und überhaupt der höheren Vorgesetzten der Bildungs- und Verstandsgrad, sowie die ganze Bedeutung und Stellung des Menschen in seinem früheren Leben, bevor er in den Ostrogg kam, beurteilt wird. Tatsächlich werden im Ostrogg Gespräche über die höheren Vorgesetzten für die vornehmste und bedeutendste Unterhaltung angesehen.
„Da seht ihr jetzt, Brüder, daß ich euch die wahrste Wahrheit gesagt habe, daß man hergefahren kommt, um unseren Platzmajor zu wirbeln!“ triumphiert Kwassoff, ein kleines, rotwangiges, lebhaftes und äußerst unverständiges Kerlchen.
„Der wird ihn schon mit Schmiergeldern weich schmieren, da sei du unbesorgt!“ meint der mürrische alte Sträfling, der inzwischen seine Kohlsuppe verzehrt hat.
„Na, versteht sich!“ meint ein anderer. „Als ob der hier wenig Geld zusammengeräubert hätte! Als ich herkam, war er erst noch Bataillonschef. Und vor kurzem wollte er ja noch die Tochter des Popen heiraten.“
„Aber er hat sie doch nicht geheiratet: man hat ihn einfach vor die Tür gesetzt – zu arm. Und was ist er denn für ein Bräutigam! Zu Ostern hat er alles verspielt. Fedjka erzählte es selbst.“
„Ja, der Junge ist zwar kein Verschwender, aber das Geld wird doch nicht warm bei ihm.“
„Ach, Bruder, auch ich war mal verheiratet. Schlimm genug ist es für einen Armen, zu heiraten: eh du dich dessen versiehst, ist die Nacht vergangen!“ mischt sich nun auch Skuratoff ein, der bis dahin nur zugehört hat.
„Glaub’s schon! Von dir ist ja hier gerade die Rede,“ bemerkte der lustige Bursch, der früher Schreiber gewesen war. „Du aber, Kwassoff, bist ein großer Dummkopf, das laß dir gesagt sein. Glaubst du denn wirklich, daß unser Major einen solchen General bestechen könnte, und daß ein General extra deswegen herkommen wird, um unseren Major zu wirbeln? Dumm bist du, mein Lieber.“
„Wieso? Glaubst du, daß ein General nicht mehr nimmt?“ fragt skeptisch jemand aus der Gruppe.
„Selbstverständlich nimmt er nicht, wenn er aber nimmt, dann nimmt er nicht wenig.“
„Na natürlich nicht wenig! Immer dem Rang gemäß.“
„Ein General nimmt immer!“ behauptet Kwassoff entschieden.
„Hast du ihm denn schon einmal was gegeben?“ fragt verächtlich der soeben eingetretene Bakluschin. „Du hast wohl höchstwahrscheinlich einen General überhaupt noch nicht gesehen!“
„Doch! Gewiß habe ich gesehen!“
„Das lügst du natürlich.“
„Du lügst selber.“
„Kinder, wenn er einen gesehen hat, so soll er sofort sagen, welch einen General er gesehen hat! Nun, sag mal jetzt, denn ich kenne alle Generäle.“
„Ich habe den General Siebert gesehen,“ antwortet Kwassoff etwas unsicher.
„Siebert? Einen solchen General gibt es überhaupt nicht. Den hast du wohl nur einmal von hinten gesehen, diesen Siebert, als er vielleicht erst Oberstleutnant war, und da schien dir vor Schreck, daß es ein General wäre.“
„Nein, ihr, hört mich an,“ schreit Skuratoff dazwischen, „denn seht, ich bin doch ein verheirateter Mensch. Es gab nämlich wirklich solch einen General in Moskau, Siebert, einer von den Deutschen, aber von russischer Mutter. Der ging jedes Jahr zum russischen Popen, um seine Sünden bezüglich der Damen zu beichten, und immer, wißt ihr, trank er Wasser, ganz wie eine Ente. Jeden Herrgottstag vierzig Glas echtes Moskauer Flußwasser soff er aus. Man sagte, daß er sich durch Wasser von irgend einer Krankheit da kurierte. Sein Kammerdiener hat es mir selbst erzählt.“
„Der hat dann wohl im Magen Karauschen in Flußwasser gezüchtet?“ meint der Sträfling mit der Balalaika.
„Na, hört jetzt auf! Hier handelt es sich um eine ernste Sache, ihr aber ... Was ist denn das für ein Levisor, Brüder?“ fragt besorgt Martynoff, ein alter, stets sehr beschäftigter Arrestant, – ein ehemaliger Husar.
„Weiß Gott, die Bande kann mal was zusammenlügen!“ meint ein alter Skeptiker. „Und woher sie alles das nur nehmen, und was sie daraus herausdrehen! Daß sie das gar nicht müde macht! – dieser ewige Unsinn!“
„Nein, diesmal ist es kein Unsinn,“ sagt dogmatisch ein gewisser Kulikoff, der bis dahin geschwiegen hat. Er ist ein gewichtiger Mann von nahezu fünfzig Jahren, mit einem auffallend wohlgeformten Gesicht und einem gewissermaßen verächtlich erhabenen Auftreten, dessen er sich vollkommen bewußt und auf das er sogar stolz ist. Er hat zum Teil Zigeunerblut in den Adern, ist „Tierarzt“ und verdient sich als solcher in der Stadt gutes Geld. Im Ostrogg handelt er mit Branntwein. Er ist ein kluger Kopf und hat viel gesehen. Jedes Wort spricht er, als würde er damit etwas Großes verschenken.
„Es ist wirklich wahr,“ fährt er ruhig fort, „ich habe es schon in der vorigen Woche gehört: ein General kommt her, einer der höchsten, und wird ganz Sibirien besichtigen. Gewiß wird man auch ihn bestechen, nur wird es nicht unser Achtäugiger tun: der darf überhaupt nicht wagen, ihm viel unter die Augen zu kommen. Aber auch zwischen General und General ist ein Unterschied. Es gibt ihrer sehr verschiedene. Nur sage ich euch, daß unser Major jedenfalls auf seinem Platz bleiben wird. Das ist sicher. Wir sind ein stummgemachtes Volk und von den Vorgesetzten kann man annehmen, daß der eine nicht den anderen angeben wird. Der Revisor wird nur einen Blick in den Ostrogg werfen und später melden, daß alles sehr gut gewesen sei ...“
„Das kann schon wahr sein, Brüder, denn der Major scheint Angst gekriegt zu haben, ist seit dem Morgen besoffen.“
„Und am Abend kommt die zweite Fuhre. Fedjka sagte so vorhin.“
„Einen Mohr wirst du nicht weiß waschen. Ist es denn das erstemal, daß er besoffen ist?“
„Nein, aber ... was soll denn das heißen, wenn auch der General nichts kann!“ – „Nein, das müßte doch endlich aufhören, daß man ewig ihre Dummheiten mitmacht!“ hört man die Sträflinge erregt untereinander sprechen.
Die Nachricht von dem Revisor verbreitet sich mit Blitzesschnelle im ganzen Ostrogg. Der Hof wimmelt von Menschen, die erregt einander die Neuigkeit mitteilen. Andere wiederum schweigen absichtlich und bewahren ihre Kaltblütigkeit, wodurch sie sich augenscheinlich größere Würde zu verleihen glauben. Wieder andere verhalten sich völlig gleichgültig. Auf den Treppenstufen vor den Kasernentüren setzen sich die Balalaikaspieler hin. Einige fahren noch fort zu reden, einige stimmen Lieder an, doch alle sind sie an diesem Abend in äußerst angeregter Stimmung.
Um zehn Uhr fand gewöhnlich die Zählung statt, dann wurden wir in die Kasernen getrieben und für die Nacht eingeschlossen. Die Nächte waren kurz: um fünf Uhr wurden wir geweckt, schliefen aber nie vor elf ein. Bis dahin wurde immer noch gesprochen und geschwatzt und zuweilen wurde in einer Ecke ganz wie im Winter Karten gespielt. In der Nacht nun wurde die schwüle Hitze unerträglich. Trotz der halboffenen Fenster, durch die die Nachtkühle hereindrang, wälzten sich doch alle schlaflos auf den Pritschen, als hätten sie Fieber gehabt. Die Flöhe wimmelten in Myriaden. Wir hatten sie auch im Winter gehabt, und zwar in genügender Anzahl, seit dem Frühling aber vermehrten sie sich in einem Maße, wie ich es trotz aller Versicherungen nicht glauben würde, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Und je mehr der Sommer vorrückte, um so schlimmer wurde die Plage. Es ist wahr, man kann sich auch an Flöhe gewöhnen, das habe ich an mir selbst erfahren, aber es ist doch schwer, es soweit zu bringen. Sie können einen dermaßen peinigen, daß man schließlich wie im Fieber liegt und fühlt, daß man ja doch nicht schläft, sondern nur deliriert. Wenn dann endlich kurz vor Tagesanbruch die Flöhe sich etwas beruhigen und man in der Morgenkühle, wie man meint, tatsächlich einschläft – da ertönt dann plötzlich erbarmungslos der Trommelwirbel vom Tore her. Mit einem Fluch hört man, sich fester in seinen Halbpelz wickelnd, die deutlichen, fast einzelnen Schläge, ja man scheint sie förmlich zu zählen, während noch im Halbschlaf der unerträgliche Gedanke einem in den Sinn schleicht, daß es auch morgen und auch übermorgen, und noch viele Jahre so sein wird, bis endlich, endlich die Freiheit kommt. Aber wann wird das sein, denkt man unwillkürlich, wann kommt diese Freiheit und wo ist sie? ... Doch jetzt heißt es erwachen und aufstehen! Wieder beginnt das tägliche Gedränge, Waschen, Gehen ... Die Sträflinge kleiden sich an, eilen zur Arbeit. Schließlich tröstet man sich damit, daß man ja noch zur Mittagszeit etwas schlafen kann.
Was man von dem Revisor erzählt hatte, beruhte tatsächlich auf Wahrheit. Mit jedem Tage bestätigten sich die Gerüchte immer mehr, bis man schließlich mit Sicherheit erfuhr, daß ein „bedeutender“ General aus Petersburg abgefahren war, um ganz Sibirien zu inspizieren, und es hieß sogar, daß er bereits in Tobolsk angekommen sei. Täglich verbreiteten sich neue Gerüchte im Ostrogg. So hörten wir aus der Stadt, daß sämtliche Beamte von Furcht befallen und eifrig bemüht seien, alles in bestem Zustande zu präsentieren. Es hieß, daß man in den höheren Kreisen Vorbereitungen treffe zu Empfangsdiners, Bällen und Festen. Die Sträflinge wurden in Scharen ausgesandt, um die Wege in der Festung zu ebnen, Erdhaufen abzutragen, Zäune und Wegpfosten anzustreichen, hier und da schadhafte Stellen auszuflicken, – mit einem Wort, man wollte alles, was er besichtigen könnte, im Augenblick verbessern. Die Sträflinge begriffen sehr wohl, um was es sich handelte, und diskutierten immer eifriger und hitziger über das Bevorstehende. Ihre Phantasie wuchs ins Kolossale. Sie beschlossen sogar „Ansprüche zu erheben“, wie sie sagten, falls der General fragen sollte, ob sie mit allem zufrieden wären. Sie stritten beständig unter sich und schimpften sich gegenseitig wegen der zu erwartenden Dinge. Unser Platzmajor befand sich in großer Aufregung. Er kam öfter in den Ostrogg, schrie noch mehr, stürzte häufiger auf die Einzelnen los, versammelte die Sträflinge vor der Hauptwache und hielt jetzt streng auf Sauberkeit und Ordnung.
Wie mit Absicht sollte es im Ostrogg gerade in dieser Zeit zu einem kleinen Zwischenfall kommen, der aber den Major nicht, wie man meinen sollte, ärgerte, sondern im Gegenteil, er schien ihm sogar ein gewisses Vergnügen zu bereiten: Bei einer Prügelei stieß ein Sträfling dem anderen seinen Pfriem in die Brust, ein wenig unterhalb des Herzens.
Der Sträfling, der gestochen hatte, hieß Lomoff; der Gestochene wurde bei uns Gawrilka genannt und war ein eingefleischter Landstreicher. Ich weiß nicht, ob er überhaupt einen Familiennamen besaß.
Lomoff war früher ein wohlhabender t–scher Bauer im K–schen Kreise gewesen. Alle Lomoffs hatten zusammengelebt, wie eine einzige Familie: der alte Vater, seine drei Söhne und deren Onkel, gleichfalls ein Lomoff. Sie waren reiche Bauern gewesen; man hatte im ganzen Gouvernement davon gesprochen, daß sie an dreihunderttausend Rubel in Papieren besaßen. Sie hatten Ackerbau getrieben, Felle bearbeitet, gehandelt, doch die Haupteinnahme soll ihnen ihr Wuchergeschäft, ferner das Verstecken und Verhehlen von gestohlenem Eigentum eingetragen haben. Ungefähr die Hälfte der Bauern des ganzen Kreises schuldete ihnen und war von ihnen abhängig. Sie waren als kluge und schlaue Leute bekannt, schließlich aber wurden sie hochmütig, besonders nachdem eine daselbst sehr angesehene, hochgestellte Persönlichkeit auf der Reise bei ihnen abgestiegen, mit dem Alten persönlich bekannt geworden war und wegen seines Scharfsinns und seines Verständnisses für Alles Gefallen an ihm gefunden hatte. Da glaubten sie plötzlich, daß ihnen niemand mehr etwas anhaben könne und wagten immer mehr in ihren verschiedenen, gesetzwidrigen Unternehmungen. Alle murrten über sie und wünschten, daß sie von ihrer Höhe herabstürzten, sie aber trugen ihre Nasen immer noch höher. Kreisrichter und Assessoren wurden von ihnen bald überhaupt nicht mehr angesehen. Endlich aber kam es doch zum Sturz, doch nicht wegen ihrer heimlichen Gesetzwidrigkeiten, sondern wegen einer Sache, an der sie völlig unschuldig waren. Zehn Werst von ihrem Dorf besaßen sie einen großen Meierhof und dort lebten einmal im Herbst ihre sechs kirgisischen Arbeiter, denen sie noch den Lohn schuldeten. In einer Nacht nun waren alle sechs Kirgisen erdrosselt worden. Jetzt begann die Untersuchung, die sich lange hinzog, und im Verlauf derselben wurden noch viele schlimme Sachen aufgedeckt. Man klagte die Lomoffs der Ermordung ihrer sechs Arbeiter an. So erzählten es die Lomoffs selbst und der ganze Ostrogg wußte es schon. Es lag der Verdacht vor, daß sie ihren Arbeitern eine gar zu große Summe schuldig gewesen waren: und bei ihrem Geiz und ihrer Geldgier – zwei Dinge, die man ihnen trotz ihres großen Vermögens mit Recht vorwerfen konnte – hätten sie die Kirgisen beseitigt, um den Arbeitslohn zu sparen. Während ihrer Untersuchungshaft verloren sie ihr ganzes Vermögen. Der Alte starb, die Söhne wurden verschickt. Der eine Sohn und der Onkel waren auf zwölf Jahre in unseren Ostrogg gekommen. Was aber stellte sich schließlich heraus? Sie waren am Tode der Kirgisen vollkommen unschuldig. Hier bei uns nämlich gab es einen Gawrilka, einen bekannten Spitzbuben und Landstreicher – er war ein gewandter, lustiger Bursch –, der ruhig seine Täterschaft eingestand. Übrigens weiß ich nicht, ob er es wirklich selbst einmal zugegeben, jedenfalls aber war der ganze Ostrogg fest überzeugt, daß er die Kirgisen auf dem Gewissen hatte. Gawrilka war bereits als Landstreicher auf die Lomoffs nicht gut zu sprechen gewesen, und später war er nur auf kurze Zeit in den Ostrogg gekommen, als entlaufener Soldat und Vagabund. Die sechs Kirgisen hatte er in Gemeinschaft mit drei anderen Landstreichern umgebracht. Sie hatten gehofft, auf dem Meierhof gut leben und viel rauben zu können.
Die Lomoffs wurden bei uns nicht geliebt; einen Grund hierfür vermag ich nicht anzugeben. Der eine von ihnen war ein kluger junger Bursche mit gutem Charakter, sein Onkel aber, der den Gawrilka mit dem Pfriem gestochen hatte, war ein dummer und einfältiger Bauer. Er hatte schon oft mit anderen Streit gehabt und man hatte ihn auch genug dafür geprügelt. Gawrilka dagegen hatten alle wegen seines heiteren und ausgeglichenen Charakters gern. Zwar wußten die Lomoffs, daß sie für sein Verbrechen verurteilt waren, lebten aber trotzdem in Frieden mit ihm. Freilich kamen sie nicht viel in Berührung miteinander. Gawrilka aber beachtete sie gar nicht. Und da war es nun plötzlich zwischen ihm und dem Onkel Lomoff wegen eines äußerst widerlichen Mädchens zu einem Streit gekommen. Gawrilka hatte sich mit ihrer Gunst gebrüstet, der Alte war eifersüchtig geworden und an einem wunderschönen Tage um die Mittagszeit stach er ihn mit dem Pfriem.
Obschon die Lomoffs während des Prozesses ihr Vermögen verloren hatten, lebten sie im Ostrogg doch als reiche Leute. Sie hatten offenbar Geld, besaßen einen Ssamowar, tranken Tee. Unser Major wußte, daß sie Mittel hatten, und haßte sie über alle Maßen. Es fiel allen auf, daß er ihnen bei jeder Gelegenheit etwas anzuhaken suchte und sie gern auf einem Vergehen ertappt hätte, was die Lomoffs damit erklärten, daß er von ihnen Geld zur Beschwichtigung erwarte, sie aber ihm nichts gaben.
Hätte Lomoff den Pfriem tief hineingestoßen, so wäre Gawrilka gestorben, so aber hatte er ihn nur leicht verletzt, es war nur eine kleine Schramme zu sehen. Der Major wurde benachrichtigt. Ich entsinne mich noch, wie erregt und sichtlich erfreut er angefahren kam. Er wandte sich ungemein freundlich an Gawrilka, fast als wäre dieser sein leiblicher Sohn gewesen.
„Nun, mein Lieber, kannst du dich noch zu Fuß ins Lazarett begeben, oder geht’s nicht? Nein, nein, wir wollen lieber das Pferd anspannen lassen. – Sofort das Pferd anspannen!“ schrie er voll Eifer dem Unteroffizier zu.
„Aber ich, Euer Gnaden, ich fühle ja nichts. Er hat ja nur ein wenig gekratzt, Euer Gnaden.“
„Das weißt du nicht, das kannst du selbst nicht beurteilen, mein Lieber, du wirst schon sehen ... Es ist eine sehr gefährliche Stelle, und alles hängt von der Stelle ab ... Gerade in das Herz hat er gestochen, der Räuber! Dich aber, dich,“ brüllte er plötzlich wild den alten Lomoff an, „dich habe ich jetzt endlich! ... Auf die Wache mit ihm!“
Und er rächte sich tatsächlich! Lomoff wurde, obgleich die Verletzung nur eine ganz ungefährliche Stichwunde war, auf Grund der „bösen Absicht“ zu längerer Zwangsarbeit und zu tausend Spießruten verurteilt. Dem Major war das Urteil eine große Genugtuung.
Endlich traf der Revisor ein.
Am zweiten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt – es war gerade ein Feiertag – kam er auch zu uns in den Ostrogg. Schon mehrere Tage vorher war bei uns alles reingewaschen und reingefegt worden, alle Sträflinge waren frisch rasiert, alle staken in weißen, reinen Anzügen. Im Sommer gingen vorschriftsmäßig alle in Leinwandjacken und ebensolchen Beinkleidern. Auf dem Rücken eines jeden war ein schwarzer Kreis von ungefähr zehn Zentimeter im Durchmesser eingenäht. Eine ganze Stunde wurden die Sträflinge unterrichtet, wie sie zu antworten hatten, falls der hohe Gast sie anreden sollte. Das Beigebrachte wurde solange wiederholt, bis alle die Antwort auswendig kannten. Der Major war wie besessen vor Aufregung. Eine Stunde vor dem Erscheinen des Generals standen sämtliche Sträflinge wie Götzenbilder in einer Front und hielten stramm die Hände an den Hosennähten. Endlich, um ein Uhr mittags, erschien der General. Er war ein großes Tier und in Petersburg so einflußreich, daß die Herzen aller Vorgesetzten in ganz West-Sibirien bei seiner Ankunft erzittern mußten. Er trat mit strenger, ernster Miene ein. Ihm folgte eine zahlreiche Suite, die zum größten Teil aus den höheren Persönlichkeiten der Stadt, sowie mehreren Obersten und Generälen bestand. Unter ihnen fiel besonders ein Herr in eleganter Zivilkleidung auf, eine vorzügliche Erscheinung im Frack und in Halbstiefeln, der gleichfalls aus Petersburg gekommen war und ein ungewöhnlich sicheres, weltmännisches Auftreten hatte. Der General wandte sich sehr oft und sehr höflich an ihn, was die Sträflinge ganz besonders interessierte: ein Herr, der nicht Militär war, und dem wurde solche Ehre erwiesen und noch dazu von einem solchen General! Späterhin erfuhren sie auch seinen Familiennamen und wer er war, doch wurden vorher unendlich viele Mutmaßungen über ihn geäußert. Unser Major, der eingeschnürt, in orangegelbem Uniformkragen, mit roten Augen und himbeerfarbenem, finnigem Gesicht wie ein Pfosten dastand, schien auf den General keinen besonders angenehmen Eindruck zu machen. Aus besonderer Ehrerbietung vor dem hohen Besuch trug er keine Brille. Er stand etwas abseits, stand wie auf Draht gezogen, und schien mit seiner ganzen Seele fieberhaft nur den einen Augenblick zu erwarten, in dem er sich nützlich machen könnte, um dann den Wunsch Seiner Exzellenz in einer Sekunde zu erfüllen. Leider aber kam man ohne ihn aus. Schweigend schritt der General durch die Kasernen, warf auch einen Blick in die Küche, und kostete sogar, wenn ich nicht irre, die Kohlsuppe. Da machte man ihn auf mich aufmerksam: so und so, ein ehemaliger Adliger.
„Ah! Und wie führt er sich jetzt?“ erkundigte sich der General.
„Bisher befriedigend, Ew. Exzellenz,“ war die Antwort.
Der General nickte mit dem Kopfe, und nach zwei Minuten verließ er den Ostrogg. Die Sträflinge waren natürlich völlig geblendet und verblüfft, gleichzeitig aber doch auch nicht wenig enttäuscht: von einem „Ansprüche zu erheben“, wie sie sagten, konnte selbstverständlich nicht die Rede sein, was der Major auch schon im voraus gewußt zu haben schien.
VI. Die Tiere unseres Ostrogg
Der Ankauf eines braunen Pferdes, das bei uns nach seiner Farbe nur Gnjedko genannt wurde, beschäftigte und zerstreute die Sträflinge in weit angenehmerer Weise als der hohe Besuch. Im Ostrogg wurde beständig ein Pferd zum Wasserführen, zur Abfuhr des Unrats und zu verschiedenen anderen Zwecken gehalten. Zur Wartung des Pferdes wurde ein Sträfling bestimmt, der mit ihm fuhr und dies und jenes zu fahren hatte, natürlich immer unter Eskorte – es gab genug Arbeit für beide. Unser Brauner hatte schon sehr lange im Ostrogg gedient, war sonst ein gutes Tier, nur mit den Jahren etwas alt und steif geworden. Und eines Morgens kurz vor dem St. Petritage fiel unser Brauner, nachdem er kaum mit dem Wasservorrat für den Abendbedarf angekommen war, vor seinem Wagen um und verschied nach wenigen Minuten. Man beklagte ihn aufrichtig, alles versammelte sich im Kreise um ihn, sprach hin und her, stritt sogar. Unsere ehemaligen Kavalleristen, Zigeuner und sogenannten „Tierärzte“ legten bei der Gelegenheit viel Kenntnisse in der Pferdebranche an den Tag, ja sie schimpften sich sogar untereinander, doch der Braune machte deswegen nicht Miene, von den Toten aufzuerstehen. Er war und blieb tot, lag auf dem Sande mit geblähtem Leibe, auf den ein jeder mit dem Finger zu tippen offenbar für seine Pflicht hielt. Dem Major wurde der eingetroffene Beschluß Gottes gemeldet und er befahl sofort, daß ein neues Pferd gekauft werde. Am St. Peterstage kamen bald nach dem Frühgottesdienst, als im Ostrogg alle vollzählig versammelt waren, die Händler mit ihren Pferden an, um sie anzubieten. Es versteht sich von selbst, daß die Wahl den Sträflingen überlassen werden mußte. Bei uns gab es gute Pferdekenner und so wäre es wohl schwer gewesen, zweihundertundfünfzig Menschen, von denen sich die meisten viel mit Pferden beschäftigt hatten, über das Ohr zu hauen. Da kamen nun Pferdehändler, Kirgisen, Zigeuner, Bauern. Die Sträflinge erwarteten mit Ungeduld das Erscheinen jedes neuen Pferdes. Sie waren lustig und guter Dinge, wie Kinder, die sich über etwas freuen. Am meisten behagte ihnen, daß sie, sie selbst, ganz als wären sie freie Herren, als kauften sie es für ihr Geld und für sich, nun das volle Recht hatten, das Pferd nach eigenem Gutdünken zu kaufen. Drei Pferde wurden hereingeführt und wieder hinausgeführt, bis der Kauf schließlich beim vierten zustande kam. Die eintretenden Pferdeverkäufer schauten sich bald mit einer gewissen Verwunderung, aus der zuerst ein gelinder Schreck hervorblitzte, und mit einer gewissen kleinlauten Schüchternheit um – namentlich immer wieder nach den Wachen, die sie hereingeführt hatten. Die zweihundertköpfige Schar einer solchen Räuberbande, jeder einzelne mit zur Hälfte abrasiertem Schädel und die meisten mit gebrandmarktem Gesicht, in Ketten eingeschmiedet, die bei jeder Bewegung klirren, dazu noch bei sich zu Hause, in der eigenen Räuberhöhle, über deren Schwelle kein Fremder treten durfte, – die erweckte in ihnen unwillkürlich einen Respekt besonderer Art. Die Sträflinge aber überboten sich gegenseitig in der Prüfung jedes vorgeführten Pferdes. Wohin schauten sie ihm nicht, was befühlten sie nicht alles an ihm, und dabei taten sie es noch mit so sachlichen, ernsten und besorgt interessierten Mienen, als wenn von diesem Kauf das Wohlergehen des ganzen Ostrogg abhing. Die Tscherkessen schwangen sich sogar auf jedes Pferd hinauf und saßen eine Weile rittlings auf dem Tiere: ihre Augen blitzten und sie schwatzten lebhaft in ihrer unverständlichen Sprache, wobei ihre weißen Zähne glänzten und sie mit ihren braunen Köpfen und den Hakennasen nickten. Manch einer von den Russen verfolgte ihr Gespräch mit einer Aufmerksamkeit, als wolle er ihnen in die Augen springen. Da er die Worte nicht verstand, so wollte er wenigstens am Ausdruck ihrer Augen erraten, was ihre Meinung war, ob das Pferd etwas taugte oder nicht. Einem unbeteiligten Beobachter würde eine so krampfhafte Neugier geradezu unbegreiflich erscheinen. Was ging denn das schließlich diesen Sträfling an, sollte man meinen, nicht selten sogar einen Sträfling, der vor einem anderen keinen Ton zu sagen wagte, stets verschüchtert, still, gleichsam „verprügelt“ war. Ganz als hätte er das Pferd für sich gekauft, als wäre es ihm tatsächlich nicht gleichgültig gewesen, welches Pferd nun gekauft werden würde. Außer den Tscherkessen zeichneten sich vor allen anderen die Zigeuner und ehemaligen Pferdehändler durch ihre Kenntnisse aus: ihnen wurde auch das erste Wort überlassen. Bei dieser Gelegenheit kam es sogar zu einer Art von Zweikampf zwischen zwei „Kennern“: zwischen dem Sträfling Kulikoff, der von Geburt halbwegs Zigeuner und in seinem Leben Pferdedieb und -verkäufer gewesen war, und dem „Tierarzt“ Jolkin, einem schlauen sibirischen Bauern, der erst seit kurzem im Ostrogg war, dennoch aber dem Kulikoff die ganze Kundschaft in der Stadt abspenstig gemacht hatte. Unsere „Tierärzte“ wurden nämlich in der ganzen Stadt sehr hochgeschätzt und es wandten sich nicht nur Bauern und Kaufleute, sondern sogar die höchsten Würdenträger an sie, sobald ihre Pferde erkrankten, obschon es auch Veterinäre in der Stadt gab. Kulikoff hatte bis zur Ankunft Jolkins keinen Konkurrenten gehabt, sich einer großen Praxis erfreut und viel klingenden Dank erhalten. Er verstand es nach Zigeunerart vorzüglich, die Leute zu beschwindeln und sie glauben zu machen, daß er viel mehr wisse, als es in der Tat der Fall war. Dank seiner guten Einnahmen war er ein Aristokrat unter uns Sträflingen, und schon lange war es ihm gelungen, durch seine Gewandtheit und Klugheit, seine Kühnheit und Entschlossenheit unwillkürlich die Achtung aller Ostroggbewohner zu erwerben. Jedenfalls hörte man bei uns auf ihn und gehorchte ihm sogar. Er sprach aber nur wenig: jedes seiner Worte war wie gesagt ein Geschenk, das er nur in den wichtigsten Fällen gab. Sonst war er ein ausgesprochener Geck, doch besaß er nicht wenig echte, unverfälschte Energie, und war zwar nicht mehr jung, dafür aber sehr hübsch und sehr klug. Mit uns Adligen verkehrte er auffallend höflich, mit einer Höflichkeit, die sogar eine gewisse Schulung besaß, und dabei doch mit ungewöhnlicher Wahrung der eigenen Würde. Ich glaube sogar, hätte man ihn elegant angekleidet und unter dem Namen irgend eines Grafen in einen vornehmen Residenzklub eingeführt, so würde er sich auch hier zurechtgefunden haben, er hätte eine Partie Whist gespielt, hätte sich vorzüglich unterhalten, nicht viel, aber ernst und durchdacht gesprochen, was jedem seiner Worte ein gewisses Gewicht verlieh, und wahrscheinlich würde man während des ganzen Abends nicht erraten haben, daß er kein Graf, sondern ein Landstreicher war. Ich sage das in vollem Ernst: so klug, so scharfsinnig und gewandt war er in seinen Kombinationen. Zudem hatte er vorzügliche, wirklich tadellose Manieren. Offenbar hatte er viel in seinem Leben gesehen. Übrigens war seine Vergangenheit allen unbekannt; bei uns gehörte er zur besonderen Abteilung. Mit der Ankunft Jolkins aber, der zwar nur ein Bauer, dafür aber der schlaueste in seiner Art war, ein Altgläubiger von etwa fünfzig Jahren, ging es mit dem Ruhm Kulikoffs als Tierarzt merklich zurück und bald war er fast gänzlich in den Schatten gestellt: in kaum zwei Monaten hatte ihm Jolkin seine ganze Praxis in der Stadt abspenstig gemacht. Er heilte und sogar mit Leichtigkeit selbst solche Pferde, die Kulikoff schon vor langer Zeit als unheilbar aufgegeben hatte, ja sogar solche, die von den städtischen Tierärzten, den studierten, als unrettbar verloren hingestellt waren. Dieser Bauer war zusammen mit anderen wegen Falschmünzerei in den Ostrogg gekommen. Weiß Gott, was ihn geplagt hatte, sich in seinen alten Tagen noch auf so etwas einzulassen! Einmal erzählte er uns lachend, wie bei ihnen aus drei echten Goldmünzen nur eine einzige falsche entstanden sei, – ein etwas unvorteilhaftes Ergebnis ihrer Experimente. Kulikoff nun fühlte sich nicht wenig gekränkt durch die Erfolge des anderen, namentlich da sein Ruhm auch unter den Sträflingen merklich zurückging. Er unterhielt eine Geliebte in der Vorstadt, ging in einer faltigen Bluse, trug einen silbernen Fingerring und einen Ohrring, sowie eigene Stiefel mit farbiger Einfassung, und nun mußte er wegen mangelnder Einkünfte Branntweinhändler im Ostrogg werden. So erwarteten denn alle, daß es jetzt bei Gelegenheit des Pferdekaufes zwischen den beiden Feinden noch zu einer Schlägerei kommen würde. Man beobachtete sie neugierig: ein jeder von ihnen hatte seine Partei und die Führer derselben waren schon aufgeregt und begannen bereits, die ersten Schimpfwörter zu wechseln. Jolkin selbst hatte sein schlaues Gesicht zum sarkastischen Lächeln verzogen. Doch siehe, es kam anders: Kulikoff fiel es nicht ein, zu schimpfen, er rächte sich auch ohne Geschimpf meisterhaft. Er begann mit ruhigem, fast respektvollem Anhören der kritischen Meinungsäußerungen seines Gegners, bis er ihn plötzlich auf einer einzigen falschen Bemerkung ertappte und ihn sofort in höflichem, aber bestimmtem Tone darauf aufmerksam machte, daß er sich irre, und noch bevor Jolkin sich besinnen und seine Worte zurücknehmen konnte, erklärte er ruhig, daß der Irrtum gerade in dem und dem bestände. Kurz, Jolkin war höchst unerwartet und sehr geschickt in allen Punkten geschlagen, und wenn er auch schließlich immer noch der bessere Kenner blieb, so war doch auch die Partei Kulikoffs durchaus befriedigt.