Erster Teil (continued 5)
E. K. Rahsin translation
Petroff hatte mir ganz naiv gesagt, noch bevor wir uns aufgemacht hatten, man würde mich auch noch aus dem anderen Grunde, weil ich mehr zahlen würde, nach vorn lassen. Einen festen Preis gab es nicht: ein jeder gab, wieviel er konnte und wollte. Fast alle gaben etwas, wenn es auch nur ein Zweikopekenstück war, als man mit dem Teller einsammelte. Doch wenn man mich zum Teil auch des Geldes wegen nach vorn ließ, in der Voraussetzung, daß ich mehr geben würde, als die anderen – so lag doch auch darin wiederum das Gefühl der eigenen Würde, das sie so handeln ließ. „Du bist reicher als ich, geh du nach vorn, wenn wir hier auch alle gleich sind, aber du wirst mehr geben und daher ist ein Gast wie du den Schauspielern angenehmer, – folglich gebührt dir auch der bessere Platz, denn wir alle sind hier nicht für Geld, sondern aus Achtung vor etwas Höherem, daher müssen wir uns schon selbst die richtigen Plätze anweisen.“ Wieviel echter, edler Stolz doch darin liegt! Das ist nicht Achtung vor dem Gelde, sondern Achtung vor sich selbst. Überhaupt hatte man im Ostrogg vor dem Gelde, dem Reichtum keine große Achtung, besonders wenn man die Arrestanten als Masse nimmt. Ja, selbst wenn man sie einzeln nehmen wollte, so kann ich mich wirklich nicht eines einzigen entsinnen, der sich im Ernst für Geld erniedrigt hätte. Wohl gab es welche, die von einem jeden, auch von mir, beständig Geld borgten, doch dieses Betteln war mehr Unart, Mutwille, Schlauheit, als gerade Bettelei, – es war mehr Humor, mehr Naivität. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke ... Aber ich habe ja ganz das Theater vergessen! Also zur Sache.
Bis zum Aufgang des Vorhangs bot der Anblick des ganzen Raumes ein seltsames und belebtes Bild. Die ganze große Schar der halbwegs schon plattgedrückten, von allen Seiten erbarmungslos eingeengten Zuschauer erwartete mit wahrer Seligkeit in den Gesichtern den Anfang der wunderbaren Dinge, die da kommen sollten. In den hinteren Reihen hockte der eine auf dem anderen. Viele hatten sich aus der Küche Holzscheite mitgebracht. Diese wurden an der Wand aufgestellt und dann kletterte sein Besitzer, so gut es ging, mit den Beinen auf sie hinauf, oder auch nur mit den Knieen, stemmte sich mit beiden Händen auf die Schultern des vor ihm Stehenden und verharrte in dieser Stellung, ohne sich zu rühren, geschlagene zwei Stunden in unerschütterlicher Zufriedenheit mit sich und seinem Platz. Andere hatten sich, weiß Gott wie, mit den Beinen auf die unteren Abstufungen des Ofens erhoben und standen gleichfalls die ganze Zeit auf den Vordermann gestützt. Das war in den letzten Reihen ganz an der Wand. An der einen Seitenwand stand eine ganze Mauer auf den Pritschen, dicht neben den Musikanten. Das waren gute Plätze. Fünf Mann hatten sich ganz nach oben auf den Ofen begeben, und schauten, platt auf dem Bauch liegend, lächelnd nach unten. Wer deren Seligkeit nachempfinden könnte! Auf den Fensterbrettern an der anderen Wand türmten sich gleichfalls ganze Berge von zu spät Gekommenen oder solchen, die eben keinen besseren Platz gefunden hatten. Alle verhielten sich ruhig und sittsam. Alle wollten sich dem hohen Besuch, ihren Vorgesetzten, von der besten Seite zeigen. Auf allen Gesichtern drückte sich die naivste Erwartung aus. Alle Gesichter waren rot und von der Hitze schweißbedeckt. Welch ein seltsamer Widerschein kindlicher Freude, reinen, erquickenden Vergnügens glänzte auf diesen verunstalteten, gebrandmarkten Stirnen und Wangen, in diesen Blicken bisher mürrischer, finsterer Menschen, in diesen Augen, in denen ein so unheimliches Feuer aufblitzen konnte! Alle hatten ihre Mützen abgenommen, und sah man sie von der rechten Seite, so erschienen alle Köpfe rasiert. Da hört man von der Bühne her verschiedene Geräusche, Schritte, Stuhlrücken ... Sogleich muß der Vorhang sich erheben. Da setzt schon das Orchester ein ... Dieses Orchester verdient wahrlich, gleichfalls erwähnt zu werden. Seitlich, auf den Pritschen, hatten sich acht Musikanten niedergelassen: zwei Geigen – die eine aus dem Ostrogg, die andere hatte man aus der Festung geliehen, der dazugehörige Künstler fand sich aber unter uns –, drei Balalaiken, alle selbstgefertigte, zwei Gitarren, und anstatt eines Kontrabasses eine Handtrommel. Die Geigen wimmerten nur und krietschten, die Gitarren taugten nicht viel, dafür aber waren die Balalaiken einfach großartig. Die Fingergewandtheit in der Behandlung der Saiten kam entschieden dem größten Taschenspielerkunststück gleich. Es wurden nur Tanzstücke gespielt, und bei den temperamentvollsten Stellen schlugen die Künstler mit den Fingerknöcheln auf die Decke der Balalaika: der ganze Ton, der Geschmack, der Rhythmus, der Vortrag, die Behandlung des Instruments, der ganze Charakter der Wiedergabe des Motivs – alles war eigen, originell, von den Arrestanten selbst erfunden. Auch einer der Gitarrespieler spielte sein Instrument vorzüglich. Das war jener Adlige, der seinen Vater erschlagen hatte. Was nun den Handtrommelschläger betrifft, so tat er einfach Wunder: bald machte er eine Pirouette mit einem einzigen Finger, bald fuhr er mit dem Daumen wie Donnergrollen über das Trommelfell; bald hörte man, einzeln aufeinanderfolgend, laute, klare, volle Töne, bald wiederum zerstäubte dieser Ton in einem wahren Erbsenhagel unzähliger feiner, kleiner, fast trillernder, heller Perlentöne. Und dazu kam noch eine Harmonika, und zum Schluß noch eine zweite. Mein Ehrenwort, ich hatte bis dahin keine Ahnung davon gehabt, was man aus ganz einfachen Volksinstrumenten hervorholen konnte. Die Harmonie, der Rhythmus, das Spiel, und vor allem der Geist, der Charakter der Auffassung und Wiedergabe des Motivs, verdienten wirklich Bewunderung. An jenem Abend begriff ich zum erstenmal vollkommen, was das eigentlich grenzenlos Unbändige und Kühne in den unbändigen und kühnen russischen Tanzweisen ist.
Da, endlich, ging der Vorhang auf. Alles rührte sich, alle traten von einem Fuß auf den anderen, in den hinteren Reihen hob man sich auf die Fußspitzen, einer fiel von seinem Holzscheit herunter, alle bis auf den letzten sperrten die Mäuler auf und starrten mit weit aufgerissenen Augen auf die Bühne, und vollständige Stille trat ein ... Die Vorstellung begann.
Neben mir stand Alei in einer Gruppe mit seinen Brüdern und den Tscherkessen. Sie alle hingen leidenschaftlich am Theater und besuchten es später jeden Abend. Alle Muselmänner, Tataren u. s. w. sind, wie ich mehr als einmal bemerkt habe, leidenschaftliche Liebhaber für alles, was Schaustück ist. Neben ihnen hatte sich Issai Fomitsch hingehockt, der, wie es schien, seit dem Augenblick, in dem der Vorhang aufging, sich in nichts als Gehör und Sehkraft verwandelt hatte und in gierige Erwartung aller Wunder und Genüsse. Er hätte einem sogar aufrichtig leid getan, wenn er in seinen Erwartungen enttäuscht worden wäre. Aleis liebes Gesicht strahlte in so herzerquickender kindlicher Freude, daß es mir – ich muß gestehen – ein großes Vergnügen bereitete, ihn anzusehen, und ich weiß noch, wie ich mich jedesmal nach einem spaßigen ‚Stichwort‘ auf der Bühne, dem gewöhnlich eine Lachsalve folgte, sogleich zu Alei wandte, um sein Gesicht zu sehen. Er sah mich nicht – oh, ihm war es jetzt nicht um mich zu tun! Nicht weit von mir, auf der linken Seite, stand ein älterer, immer finsterer, unzufriedener und brummiger Arrestant: ihm war Alei gleichfalls aufgefallen, und wie ich bemerkte, wandte auch er sich ein paar Mal mit einem halben Lächeln zu ihm, um ihn anzusehen, – er war gar zu reizend. „Alei Ssemjonytsch“ nannte er ihn, warum „Ssemjonytsch“, das weiß ich nicht.
Man begann mit „Filatka und Miroschka“. Filatka, den Bakluschin mimte, war einfach großartig! Er spielte seine Rolle erstaunlich naturgetreu. Man sah sofort, daß er sich in jeden Satz, in jede seiner Bewegungen hineingedacht hatte. Jedem nichtssagenden Wort, jeder Geste wußte er Sinn und Bedeutung zu verleihen, die dem Charakter seiner Rolle vollkommen entsprachen. Jetzt stelle man sich noch vor, daß zu seinem ganzen Aufgehen in der Rolle und seinem ganzen Verständnis für sie eine bewundernswerte, angeborene Heiterkeit, Natürlichkeit und sein ganzer Mutterwitz hinzukamen. Ich glaube, ein jeder, der Bakluschin gesehen hätte, würde unbedingt zugegeben haben, daß er ein echter, ein geborener und hochtalentvoller Schauspieler war. Den Filatka habe ich oft genug in Moskauer und Petersburger Theatern gesehen, doch kann ich mit voller Überzeugung sagen: die großstädtischen Schauspieler spielten ihn schlechter als Bakluschin. Im Vergleich zu ihm waren sie Paysans, aber keine echten Bauern. Sie wollten zu sehr den Bauer spielen. Hinzu kam außerdem noch, daß Bakluschin durch die Konkurrenz angefeuert wurde: alle wußten, daß im zweiten Stück die Rolle des Kedrill der Arrestant Pozeikin spielen würde, der von allen aus irgend einem Grunde für talentvoller als Bakluschin gehalten wurde, Bakluschin aber litt darunter wie ein Kind. Wie oft war er in den letzten Tagen zu mir gekommen, um sein Herz auszuschütten. Zwei Stunden vor der Aufführung hatte er geradezu Lampenfieber. Wenn das Publikum nun lachte und man ihm zuschrie: „Bravo, Bakluschin! Bist ’n Deuwelskerl!“ – so strahlte sein ganzes Gesicht vor Glück und mitreißende Begeisterung blitzte aus seinen Augen. Die Kußszene Miroschkas mit der Braut (Ssirotkin), in der Filatka ihm vorher zuschreit: „Wisch dir den Mund ab!“ und dabei sich selbst den Mund abwischt, war zum Sterben komisch. Alles wälzte sich vor Lachen. Aber am interessantesten waren für mich doch die Zuschauer. Niemand dachte mehr an „Anstand“, alle gaben sie sich, ohne Schranken zu kennen, ihrem Entzücken hin. Die Beifallsrufe ertönten immer häufiger. Hier versetzt ein Freund dem anderen einen leichten Rippenstoß und teilt ihm eilig flüsternd seine Eindrücke mit, ohne sich darum zu kümmern oder auch nur zu bemerken, wer neben ihm steht; dort wendet sich plötzlich ein anderer nach einer komischen Szene begeistert an die Menge mit einem Blick, als wolle er alle auffordern, zu lachen, schüttelt einmal kurz den Kopf und winkt mit der Hand ab („was soll man da noch reden!“), um sich sofort wieder gierig der Szene zuzuwenden. Ein dritter schnalzt nur mit der Zunge und schnippt mit den Fingern vor Begeisterung, und da er sonst keine Bewegungsmöglichkeit hat, tritt er nur von einem Fuß auf den anderen. Zum Schluß des Stückes hatte die Begeisterung den höchsten Grad erreicht. Ich will nichts übertreiben. Man denke sich jedoch nur den Ostrogg, die Ketten an den Füßen, die Unfreiheit, die langen trostlosen Jahre, die noch vor einem liegen, das ewig einförmige Leben, in dem jeder Tag dem nächsten wie an trüben Spätherbsttagen ein Regentropfen dem anderen gleicht, – und nun plötzlich wird allen diesen unterdrückten und gefangenen Arrestanten erlaubt, eine Stunde lang sich zu freuen, sich unbeengt zu fühlen, sich frei zu glauben und den schweren Traum zu vergessen, ein ganzes Theater aufzuführen, – und dazu noch was für eines! – zum eigenen Stolz und zur Verwunderung der ganzen Stadt: seht, was wir Arrestanten können! Sie waren natürlich für alles begeistert. Auch die Kostüme beschäftigten sie sehr. Es war ihnen ungeheuer interessant, zum Beispiel einen Wanjka Otpetyj, oder einen Nezwetajeff oder Bakluschin in ganz anderen Kleidern zu sehen, als in dem üblichen Arrestantenkostüm, in dem sie ihn schon soviel Jahre jeden Tag gesehen hatten.
„Er ist doch ein Arrestant, derselbe, der er war! – wenn er geht, hört man ja noch seine Ketten klirren und da kommt er nun im Überzieher, im runden Hut und im Mantel! – wie ein Staatsrat! Hat sich sogar einen Schnurrbart angeklebt und Haar auf den halben Kopf! Sieh, da hat er noch ein rotes Schnupftuch aus der Tasche hervorgezogen! – sieh, wie er sich zufächelt und den Herrn spielt, ganz als wäre er ohne weiteres selber einer!“ Und alle sind entzückt.
Der „wohltätige Gutsbesitzer“ erschien im Uniformrock mit Achselschnüren, und in einer Mütze, auf der man eine Kokarde befestigt hatte, und machte einen vortrefflichen Eindruck. Daß alles alt und abgetragen war, tat absolut nichts zur Sache. Für diese Rolle hatte es zwei Liebhaber gegeben und – wird man es glauben? – beide hatten sich deswegen wie die kleinen Kinder gestritten, wer sie spielen sollte: beide wollten sich gar zu gern im Offiziersrock mit Achselschnüren zeigen! Da waren denn die anderen Schauspieler gezwungen gewesen, einzugreifen und dem Streit ein Ende zu machen: die Stimmenmehrheit hatte die Rolle Nezwetajeff zugesprochen, und zwar nicht etwa, weil dieser hübscher und stattlicher gewesen wäre als der andere und daher den Herrn besser darstellen konnte, sondern weil Nezwetajeff allen versichert hatte, daß er mit einem Spazierstöckchen erscheinen und dasselbe so geschickt schwingen würde, wie ein wirklicher Herr und erstklassiger Modekenner, was Wanjka Otpetyj nie und nimmer fertigstellen könne, da er wirkliche Herren überhaupt noch nicht gesehen habe. Und in der Tat: als Nezwetajeff mit seiner wohltätigen Gutsbesitzerin auftrat, tat er nichts anderes, als daß er gewandt das Stöckchen, das er sich weiß Gott woher verschafft hatte, in der Luft schwang oder Figuren auf den Fußboden zeichnete. Offenbar sah er darin alle Anzeichen der größten Vornehmheit und der feinsten Stutzerhaftigkeit. Wahrscheinlich hatte er einmal in jungen Jahren, als er noch barfüßig auf dem Gutshof umherlief, einen gutgekleideten Herrn mit einem spanischen Rohrstock gesehen und war von dessen Geschicklichkeit, mit dem Stöckchen zu spielen, dermaßen gefesselt worden, daß der Eindruck sich auf ewig, unauslöschlich in seine Seele eingegraben hatte, und er sich noch nach dreißig Jahren des Verfahrens zur Bezauberung und zum Entzücken des ganzen Ostrogg entsann. Nezwetajeff war in seine Beschäftigung dermaßen vertieft, daß er überhaupt niemand und nichts mehr ansah, ja selbst seine Antworten gab er, ohne die Augen zu erheben, er zeichnete nur und zeichnete und sein Blick schien an das Ende seines Stöckchens gleichsam angebunden zu sein.
Die wohltätige Gutsbesitzerin war in ihrer Art nicht weniger bemerkenswert: sie erschien in einem alten, abgetragenen Musselinkleide, das einem Scheuerlappen nicht unähnlich war, mit nackten Armen und nacktem Hals, mit entsetzlich gepudertem und geschminktem Gesicht, mit einer weißen Nachthaube auf dem Kopf, die unter dem Kinn zugebunden war, mit einem Sonnenschirm in der einen, und einem Fächer aus bemaltem Papier, mit dem sie fortwährend fächelte, in der anderen Hand. Eine Lachsalve begrüßte sie. Aber auch die Dame konnte sich nicht ganz beherrschen und platzte mehrmals aus. Der Arrestant Iwanoff spielte diese Rolle. Ssirotkin, den man als Mädchen verkleidet hatte, war allerliebst. Die Couplets waren vorzüglich. Kurz, das Stück war für alle ein wahrer Hochgenuß. Eine Kritik gab es nicht und konnte es auch gar nicht geben.
Hierauf spielte man nochmals die Ouvertüre und der Vorhang erhob sich von neuem. Jetzt kam „Kedrill der Vielfraß“ an die Reihe.
Kedrill scheint eine Abart vom Don Juan zu sein, wenigstens wird sowohl der Herr wie der Diener zum Schluß des Stückes von Teufeln in die Hölle geschleppt. Von dem ganzen Lustspiel wurde aber nur ein Aufzug gespielt, offenbar ein Bruchstück, denn ein Anfang und ein Ende fehlten, – die waren verloren. Die Handlung spielt in Rußland, irgendwo auf einer Poststation. Der Wirt führt einen Herrn in einem Mantel und einem runden, mit Beulen versehenen Hut ins Zimmer. Ihm folgt sein Diener Kedrill mit dem Reisekoffer und einem, in blaues Papier eingewickelten, gebratenen Huhn. Kedrill ist im Halbpelz und hat nur eine Lakaienmütze auf dem Kopf. Er ist der Vielfraß. Der Arrestant Pozeikin, der Gegner Bakluschins, spielt ihn; den Herrn spielt derselbe Iwanoff, der im ersten Stück die wohltätige Gutsbesitzerin dargestellt hatte. Der Wirt, Nezwetajeff, fühlt sich aber verpflichtet, dem Herrn mitzuteilen, daß es im Zimmer böse Geister gäbe, worauf er sich zurückzieht. Der Herr, der finster und besorgt ist, brummt vor sich hin, daß er es schon lange wisse, und befiehlt seinem Diener Kedrill, die Sachen auszupacken und das Abendessen herzurichten. Kedrill ist ein Feigling und Vielfraß zugleich: wie er von den bösen Geistern hört, erbleicht und zittert er wie ein Espenblatt; er würde gern fortlaufen, fürchtet aber den Herrn. Und hinzu kommt noch, daß er Hunger hat und essen will. Er ist ein Leckermaul, ist dumm und schlau in seiner Art, betrügt seinen Herrn auf Schritt und Tritt und hat doch Angst vor ihm. Er ist ein vorzüglicher Dienertyp, in dem sich entfernt und etwas undeutlich Züge von Leporello wiederfinden, und wird von Pozeikin vorzüglich wiedergegeben. Pozeikin hat entschieden ein großes Talent und ist, meiner Ansicht nach, ein noch besserer Schauspieler als Bakluschin. Als ich am nächsten Tage Bakluschin traf, sagte ich ihm natürlich nicht ganz rückhaltlos meine Meinung: ich hätte ihn gar zu sehr betrübt. Der Arrestant, der den Herrn darstellte, war gleichfalls kein schlechter Spieler. Er sprach den größten Unsinn zusammen, doch war seine Diktion richtig und gewandt, die Gesten dementsprechend. Während Kedrill mit dem Koffer beschäftigt ist, geht der Herr in tiefen Gedanken hin und her, und spricht vor sich hin – laut genug, um von allen gehört zu werden –, daß an diesem Abend alle seine Irrfahrten ihr Ende erreicht hätten. Kedrill horcht interessiert auf, hört zu, schneidet Gesichter, spricht beiseite und bringt mit jeder Bemerkung die Zuschauer zum Lachen. Ihm tut der Herr nicht leid, aber er hat etwas von den bösen Geistern gehört und er will nun herausbekommen, was man sich darunter zu denken habe. Er fragt seinen Herrn und es entspinnt sich ein Gespräch. Schließlich erklärt ihm der Herr, daß er einmal im Augenblick einer großen Gefahr die Hölle um Hilfe angerufen habe und die Teufel ihm daraufhin geholfen hätten; heute aber sei die Frist um und vielleicht würden sie, eingedenk der Abmachung, heute noch kommen, um seine Seele abzuholen. Kedrill fällt sogleich das Herz in die Hosen. Sein Herr jedoch verliert den Mut nicht und befiehlt ihm, das Abendessen herzurichten. Bei dem Wort Abendessen belebt sich Kedrill, er entnimmt das Huhn den Papierhüllen, dem Reisekoffer eine Flasche Wein – und, und – eh er sich’s versieht – hat er selbst schon ein Stück vom Huhn in den Mund geschoben und hinuntergeschluckt. Das Publikum lacht. Da kreischt die Tür ein wenig und der Wind rüttelt an den Fensterläden. Kedrill erzittert und schiebt, halb unbewußt, ein zweites Stück Fleisch in den Mund, diesmal ein so großes, daß er fast daran erstickt. Wiederum Gelächter. „Ist es fertig?“ fragt der Herr, der immer noch auf- und abgeht. „Sofort, Herr ... ich will es Euch nur ... zubereiten,“ antwortet Kedrill, setzt sich selbst an den Tisch und schickt sich an, das Essen seines Herrn zu verschlingen. Das Publikum freut sich über die Schlauheit und Geschicklichkeit des Dieners, sowie auch darüber, daß der Herr der Dumme ist. Ich muß gestehen, daß auch Pozeikins meisterhafte Darstellung viel zur Komik beitrug: Die Worte: „Sofort, Herr ... ich will es Euch nur ... zubereiten,“ sagte er unübertrefflich. Nachdem er sich also an den Tisch gesetzt hat, macht er sich gierig ans Essen, zuckt aber bei jedem Schritt des Herrn zusammen, in der Angst, jener könne plötzlich aufblicken und ihn bemerken. Kaum hat sich jener umgedreht, da kriecht er auch schon unter den Tisch und vergißt nicht, das Huhn mitzunehmen. Endlich hat er seinen größten Heißhunger gestillt und es wird Zeit, auch an den Herrn zu denken.
„Kedrill, bist du noch immer nicht fertig?“ schreit der Herr.
„Bin fertig!“ ist Kedrills prompte Antwort, da er plötzlich gewahr wird, daß für den Herrn fast nichts mehr übriggeblieben ist. Auf dem Teller liegt nur noch ein Hühnerbein. Der Herr setzt sich finster und besorgt an den Tisch und bemerkt natürlich nichts. Kedrill steht mit der Serviette hinter seinem Tisch. Jedes Wort, jede Handbewegung, jede Grimasse Kedrills, wenn er, zum Publikum gewandt, mit dem Kopf auf den dummen Herren weist, ruft bei den Zuschauern unbändiges Gelächter hervor. Doch siehe, kaum will der Herr zu essen anfangen, da erscheinen die bösen Geister auf der Bildfläche. Von hier an wird die Sache unverständlich, und auch die Geister erscheinen nicht in der Gestalt, wie das Volk sie sich vorstellt: in der Seitenkulisse öffnet sich eine Tür und es erscheint eine weiße Gestalt, die an Stelle des Kopfes eine Laterne mit einem Talglicht hat. Ein zweites Phantom, gleichfalls mit einer Laterne als Kopf, hat eine Sense in der Hand. Warum die Laterne, warum die Sense und warum sind die Geister in Weiß? Das kann sich niemand erklären. Übrigens denkt aber auch niemand lange darüber nach. Es muß wahrscheinlich wohl so sein, wenn es so ist. Der Herr wendet sich ziemlich mutig gegen die Gespenster und schreit ihnen zu, daß er bereit sei: sie sollten ihn nur nehmen. Kedrill aber ist erschrocken wie ein Hase: er kriecht unter den Tisch, doch siehe da, wie groß sein Schreck auch ist, er vergißt doch nicht, die Flasche vom Tisch mitzunehmen. Die Geister verschwinden auf ein Weilchen; Kedrill kriecht unter dem Tisch hervor, doch kaum hat sich der Herr wieder hingesetzt, da kommen plötzlich wieder drei weiße Gestalten, die den Herrn hinterrücks ergreifen und in die Hölle schleppen.
„Kedrill! Rette mich!“ schreit der Herr. Aber Kedrill ist es nicht um ihn zu tun. Diesmal hat er sowohl die Flasche als den Teller mit dem Hühnerbein und sogar das Brot mit unter den Tisch genommen. Jetzt ist er allein, die Teufel sind fort, der Herr gleichfalls. Kedrill kriecht unter dem Tisch hervor, besieht sich und ein Lächeln breitet sich über sein Angesicht. Er blinzelt verschmitzt, setzt sich auf den Platz des Herrn und sagt, dem Publikum zunickend, halblaut:
„Jetzt bin ich allein ... ohne Herrn! ...“
Alles lacht darüber, daß er ohne Herrn ist – er aber fügt noch flüsternd hinzu, vertrauensvoll sich an die Zuschauer wendend und indem er immer lustiger mit dem einen Auge blinzelt:
„Den Herrn haben ja die Teufel fortgeschleppt! ...“
Das Entzücken der Zuschauer ist grenzenlos! Ganz abgesehen davon, daß den Herrn die Teufel fortgeschleppt haben, war das von Kedrill so gesagt, mit einer so verschlagenen, höhnisch-triumphierenden Grimasse, daß es in der Tat unmöglich war, nicht zu applaudieren. Doch das Glück Kedrills währt nicht lange. Kaum hat er die Flasche entkorkt, sich eingeschenkt und das Glas an die Lippen gesetzt, da kehren die Teufel plötzlich zurück, schleichen sich leise an ihn heran und packen ihn eins, zwei, drei um den Leib. Kedrill schreit aus voller Kehle, wagt aber in der Angst nicht, sich auch nur einmal umzusehen. Verteidigen kann er sich auch nicht: in seinen Armen hält er krampfhaft die Flasche und das Glas, von denen er sich nicht zu trennen vermag. Mund und Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, sitzt und starrt er mit einem so maßlos komischen Ausdruck feiger Angst ins Publikum, daß man ihn am liebsten gemalt hätte, um diesen Gesichtsausdruck festzuhalten. Endlich wird er hinausgeschleppt, mitsamt der Flasche und dem Glas: er zappelt mit den Beinen und schreit, was er nur schreien kann. Sein Geschrei tönt auch noch hinter der Kulisse fort. Doch der Vorhang fällt und alles lacht, lacht, alle sind hingerissen ... Das Orchester setzt von neuem ein und spielt jetzt die Kamarinskaja. Leise, kaum hörbar, beginnt die Musik, dann aber wird sie immer lauter, das Tempo verschnellert sich, rhythmisch und flott klingen die Schläge auf den Deckel der Balalaiken dazwischen ... Das ist die Kamarinskaja mit ihrem ganzen Temperament, und es wäre wirklich gut, wenn Glinka sie zufällig einmal bei uns im Ostrogg gehört hätte.
Jetzt beginnt die Pantomime ... die Kamarinskaja wird weitergespielt, denn es ist ja „Pantomime mit Musik“.
Die Bühne stellt das Innere einer Bauernwohnung dar. Auf der Szene sitzt ein Müller mit seiner Frau. Der Müller sitzt in der einen Ecke und setzt das Pferdegeschirr instand, das Weib sitzt in der anderen Ecke und spinnt Flachs. Das Weib spielt Ssirotkin, den Mann Nezwetajeff.
Ich muß bemerken, daß unsere Dekorationen sehr dürftig waren. In diesem wie auch in den beiden vorhergehenden Stücken mußte man sich mehr hinzudenken, als man mit den Augen sah. Die Rückwand bildete eine Art Teppich oder Pferdedecke, die rechte Seitenwand wurde durch einen alten Bettschirm ersetzt. Links ist nichts vorgebaut, so daß man die Kasernenwand und die Pritschen sieht. Aber die Zuschauer sind nicht anspruchsvoll und gern bereit, die Wirklichkeit mit ihrer Einbildungskraft zu vervollständigen, um so mehr, als die Arrestanten äußerst fähig dazu sind. „Hat man dir gesagt, daß es ein Garten ist, so hast du es für einen Garten zu halten, soll es ein Zimmer sein, dann ist es eben ein Zimmer, eine Hütte, dann eine Hütte, – das bleibt sich ja doch ganz gleich und viel gefragt wird nicht.“
Ssirotkin sieht in dem Kostüm des jungen Weibes ganz vorzüglich aus. Unter den Zuschauern werden einige halblaute Komplimente an seine Adresse laut. Der Müller hat seine Arbeit beendet, nimmt seine Mütze vom Nagel, nimmt seine Peitsche, tritt zu seinem Weibe und gibt ihr durch Zeichen zu verstehen, daß er jetzt gehen müsse, falls aber sie in seiner Abwesenheit sich einfallen ließe, jemand zu empfangen, so – er zeigt ihr vielsagend die Peitsche. Das Weib hört ihm aufmerksam zu und nickt verständnisinnig mit dem Kopf: sie scheint die Peitsche bereits zu kennen – ist sie doch schon des öfteren auf Abwege geraten. Der Mann geht fort. Kaum hat sich die Tür hinter ihm geschlossen, so droht sie ihm auch schon mit der Faust nach. Es vergeht eine Weile, – da wird plötzlich leise geklopft: die Tür öffnet sich und herein tritt der Nachbar, ein Mann in einem Kittel und mit langem Bart. In der Hand hat er ein Geschenk: ein rotes Tuch. Das Weib lächelt erfreut. Doch bevor noch der Nachbar sie umarmen kann, wird von neuem an die Tür geklopft. Wohin mit ihm? Sie schiebt ihn eilig unter den Tisch und setzt sich schnell an ihr Spinnrad. Ein zweiter Verehrer erscheint: er ist Schreiber und steckt in einem Uniformrock. Bis dahin war die Pantomime tadellos gewesen, jede Bewegung bis ins kleinste richtig. Man konnte sich wirklich nur wundern, wenn man auf diese improvisierten Künstler sah, und unwillkürlich dachte man: wieviel Kraft und Talent geht bei uns in Rußland nutzlos verloren und wieviel Menschen gehen unter in Unfreiheit und Zwangsarbeit! ... Doch der Arrestant, der den Schreiber spielte, hatte wahrscheinlich ein Provinz- oder Liebhabertheater gesehen, und so war er wohl der Meinung, daß alle unsere Schauspieler von der ganzen Kunst nichts verstünden und nicht so gingen, wie man auf der Bühne gehen müsse. Und da trat er nun selbst auf und schritt einher, wie, nach dem Hörensagen, in alten Zeiten die klassischen Helden über die Bühne geschritten sind: er macht einen langen Schritt und bleibt stehen, noch bevor er das andere Bein aufhebt, wirft er den Kopf zurück, biegt die Brust heraus, umfaßt, was im Halbkreise vor ihm ist, mit stolzem Blick, und – macht den zweiten Schritt. Ist eine solche Gangart schon bei dem klassischen Helden auf einer klassischen Bühne lächerlich, um wieviel mehr war sie es dann bei einem Militärschreiberlein in einer Pantomime. Unser Publikum jedoch glaubte, daß es sicherlich so sein müsse und nahm die langen Schritte des Schreibers mit vollem Ernst auf, ohne an eine Kritik auch nur zu denken. Doch noch war der Schreiber nicht bis zur Mitte des Zimmers gekommen, da hört man schon wieder klopfen. Die Müllerin ist völlig ratlos. Wohin mit dem Schreiber? – Schnell in die Truhe, die zum Glück nicht verschlossen ist. Der Schreiber kriecht in die Truhe und sie drückt den Deckel zu. Diesmal erscheint ein besonderer Gast, der zwar gleichfalls verliebt ist, aber sich doch von den anderen unterscheidet: es ist ein Brahmine und er erscheint sogar in einem echten Kostüm. Unbändiges Gelächter begrüßt ihn von Seiten der Zuschauer. Den Brahminen spielt der Arrestant Koschkin, und er spielt ihn vortrefflich. Er hat ein echtes Brahminengesicht. Mittels verschiedener Gesten erklärt er ihr den Grad seiner Verliebtheit: er erhebt die Hände zum Himmel, preßt sie auf die Brust, auf das Herz: doch kaum ist er so recht zärtlich geworden, – da ertönt ein starker Schlag gegen die Tür. Bereits am Schlage hört man, daß es der Hausherr ist. Die entsetzte Müllerin verliert vor Schreck gänzlich den Kopf, und der Brahmine ringt jetzt vor Verzweiflung die Hände, läuft im Kreise herum und fleht, ihn zu verstecken. Sie schiebt ihn schnell hinter den Schrank und eilt dann selbst, ohne die Tür zu öffnen, wieder zu ihrem Spinnrocken und spinnt und spinnt, ohne auf die Schläge ihres Mannes gegen die Tür zu achten, und in der Aufregung spinnt sie einen Faden, den sie gar nicht in der Hand hat, und dreht die Spindel, die sie vom Fußboden aufzuheben vergißt. Ssirotkin wußte den Schreck und die Kopflosigkeit vorzüglich darzustellen.
Doch da schlägt der Mann die Tür mit dem Fuß ein und tritt mit der Knute in der Faust zu seiner Frau. Er weiß alles, denn er ist die ganze Zeit auf der Lauer gewesen, und zeigt ihr mit den Fingern, daß drei bei ihr versteckt sind. Nun beginnt das Suchen nach den Versteckten. Zuerst findet er den Nachbar, den er mit Püffen zur Tür hinausstößt. Der erschrockene Schreiber würde gern entfliehen, hebt aber, um Ausschau zu halten, zu früh den Kopf und mit ihm den Deckel auf und verrät sich auf diese Weise selbst. Der Hausherr peitscht ihn tüchtig mit der Knute und diesmal springt der verliebte Schreiber durchaus nicht mehr klassisch umher. Jetzt bleibt noch der Brahmine. Der Hausherr sucht ihn lange, bis er ihn schließlich hinter der Schrankecke entdeckt: er macht ihm zuerst eine höfliche Verbeugung, erfaßt dann seinen Bart und zieht ihn bis in die Mitte der Stube. Der Brahmine versucht sich zu verteidigen, schreit: „Du Verfluchter, du Verfluchter!“ (die einzigen Worte, die in der ganzen Pantomime gesagt werden), aber der Müller achtet nicht darauf und verfährt mit ihm nach eigenem Gutdünken. Die Müllerin, die da sieht, daß nun die Reihe an sie kommt, läßt ihre Arbeit im Stich und läuft fort: der Spinnrocken fällt polternd hin, die Spindel rollt über den Fußboden und die Zuschauer wiehern vor Vergnügen. Alei zerrt mich an der Hand und ruft mir, ohne mich anzusehen, begeistert zu: „Sieh, der Brahmine, der Brahmine!“ kann sich aber selbst vor Lachen kaum halten. Der Vorhang fällt. Eine neue Pantomime beginnt.
Doch wozu alle Szenen beschreiben. Es gab ihrer noch zwei oder drei, alle von unverfälschter Komik und vorzüglich gespielt. Wenn die Arrestanten sie auch nicht selbst erfunden hatten, so legten sie doch in jedes Stück einen Teil von sich hinein. Jeder einzelne Schauspieler improvisierte noch von sich aus hinzu, und so wurde ein und dieselbe Rolle an jedem Abend anders gespielt. Die letzte Pantomime, mehr phantastischen Inhalts, endete mit einem Ballett, das zugleich den Abschluß der ganzen Theateraufführung bildete. Ein Toter sollte begraben werden. Der Brahmine macht mit zahlreicher Dienerschaft verschiedene Gesten über dem Sarge, um den Toten zu erwecken, aber es hilft nichts. Endlich ertönt der Ruf: „Die Sonne geht unter!“ und siehe da, der Tote erwacht und die Leidtragenden fangen vor Freude an zu tanzen. Der Brahmine tanzt mit der Leiche und zwar auf ganz besondere Art, nämlich brahminisch. Und damit schließt das Theater bis zum nächsten Abend. Die Zuschauer gingen lachend und vollauf befriedigt auseinander, lobten die Schauspieler und dankten dem Offizier. Von Streit oder Wortwechsel ist nichts zu hören. Alle sind ganz ungewöhnlich zufrieden, ja sie scheinen sogar glücklich zu sein und sie schlafen auch ganz anders ein, als sonst, als wäre ihr unruhiger Geist diesmal beruhigt. Und was war die Veranlassung dazu? Es ist kein eingebildeter Trugschluß von mir, sondern volle Wahrheit, wenn ich sage: weil man diesen armen Menschen einmal nach ihrer Art zu leben erlaubt hatte, einmal sich menschlich des Lebens zu freuen, einmal, und wenn’s auch nur eine Stunde lang war, nicht nach der Ostroggvorschrift leben zu müssen – der ganze Mensch veränderte sich sichtlich, wenn diese Veränderung auch nur von kurzer Dauer war ... Inzwischen ist es schon Nacht geworden, Mitternacht. Ich zucke zusammen und erwache zufällig: der Alte betet immer noch auf dem Ofen und wird wohl noch bis zum Morgenrot beten. Alei schläft still und ruhig neben mir. Ich denke daran, wie er noch vor dem Einschlafen lachte und mit den Brüdern über das Theater sprach, und ich betrachtete unwillkürlich sein liebes Kindergesicht. Allmählich steigen in mir die Bilder der jüngst vergangenen Zeit auf: der letzte Tag, das Weihnachtsfest, dieser ganze Monat ... erschrocken hebe ich den Kopf und betrachte beim trüben, zitternden Schein der Talgkerze meine schlafenden Genossen. Ich sehe ihre armen Gesichter, sehe ihre armseligen Lagerstätten, sehe diese ganze trostlose Armut und Nacktheit – ich sehe und sehe, als wollte ich mich überzeugen, daß es nicht nur die Fortsetzung eines greulichen Traumes ist, sondern Wahrheit, Wirklichkeit. Aber es ist, es ist Wahrheit! Da höre ich ein Stöhnen im Schlaf; dort hat einer den Arm schwer hinter den Kopf geworfen, die Kette klirrt. Ein anderer zuckt im Schlaf zusammen und phantasiert ein paar Worte. Der Greis aber auf dem Ofen betet für alle rechtgläubigen Christen, und ich vernehme wieder sein gleichmäßiges, ruhiges, stilles: „Herr Jesus Christ, erbarme dich unser! ...“
„Aber ich bin ja doch nicht auf ewig hier, ich bin hier ja nur auf ein paar Jahre!“ denke ich und mein Kopf sinkt wieder auf das Kissen zurück.