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Sämtliche Werke 18

Zweiter Teil (continued 4)

E. K. Rahsin translation

Bleich und noch halb besinnungslos kehrte M. zu uns zurück. Wir beglückwünschten ihn alle. Mit bebenden Händen drückte er unsere Hände. Auch von den übrigen Sträflingen kamen sehr viele, um ihn zu beglückwünschen und sie freuten sich über sein Glück.

Er kam in die Kolonie und blieb in unserer Stadt, wo er bald eine Anstellung erhielt. In der ersten Zeit kam er oft zum Ostrogg und brachte uns Nachrichten, von denen ihn und uns besonders die politischen interessierten.

Von den übrigen vier Adligen, also außer M., T., B. und Sh., waren zwei noch sehr junge Leute, beide nur auf kurze Zeit verschickt, beide wenig gebildet, dafür aber ehrlich, einfach und offenherzig. Der dritte, A–tschukoffskij, war beinahe einfältig, an ihm war jedenfalls nichts weiter bemerkenswert. Und der vierte, ein gewisser B–m, ein schon bejahrter Mann, machte auf uns alle einen sehr schlechten Eindruck. Ich weiß nicht, wie er unter die „Politischen“ gekommen war; er selbst leugnete es, daß er zu ihnen gehöre. Das war ein roher, kleinlicher Charakter, mit den Angewohnheiten und der Lebensauffassung eines Krämers, der durch erfeilschte Kopeken reich geworden war. Er war gänzlich ungebildet und interessierte sich für nichts, außer für sein Handwerk. Er war nämlich Maler, aber kein gewöhnlicher, sondern ein unvergleichlicher, unübertroffener! Bald hatten sich auch die Vorgesetzten von seinem Talent überzeugt, und verwendeten ihn nur noch zum Anstreichen und „Bemalen“ der Zimmerwände und -decken. In zwei Jahren hatte er fast alle Dienstwohnungen neu angestrichen. Die Einwohner zahlten ihm natürlich auch ein Überflüssiges für seine Mühe, und so lebte er nicht schlecht. Das beste dabei war, daß man mit ihm zusammen auch seine anderen Kameraden zur selben Arbeit schickte. Von diesen, die beständig mit ihm zur Arbeit gingen, erlernten zwei das Handwerk tadellos. Ja, der eine, T–schewskij, malte bald nicht schlechter als er. Da befahl auch unser Platzmajor, der vom Staate gleichfalls freie Wohnung hatte, diesen B–m zu sich und trug ihm auf, alle Wände und Zimmerdecken schön anzumalen. Hier nun gab sich B–m ganz besondere Mühe; selbst beim Generalgouverneur sollen die Wände nicht so schön gewesen sein. Das Haus, das der Major bewohnte, war ein einstöckiges Gebäude, von Holz natürlich, sehr alt, sehr schäbig von außen; von innen aber wurde es wie ein Palais angestrichen, worüber der Major entzückt war ... Er rieb sich die Hände vor Vergnügen und sagte immer wieder, daß er jetzt unbedingt heiraten müsse.

„Wenn man eine solche Wohnung hat, dann geht es nicht anders, dann muß man heiraten!“ sagte er in allem Ernst.

Mit B–m war er jetzt überaus zufrieden und durch B–m auch mit den beiden anderen Adligen, die mit diesem bei ihm arbeiteten. Die Arbeit dauerte einen ganzen Monat. In dieser Zeit änderte der Major seine Meinung über uns vollständig und verhielt sich von da an sehr gönnerhaft zu allen Adligen. Ja, eines Tages ging er sogar so weit, daß er plötzlich den alten Sh. zu sich rufen ließ.

„Sh–kij,“ sagte er, „ich habe dich beleidigt. Ich habe dich unnütz prügeln lassen, ich weiß es. Jetzt bereue ich es. Begreifst du, was das heißt? Ich, ich, ich – bereue es!“

Sh. antwortete, daß er es begreife.

„Begreifst du, daß ich, ich, dein Vorgesetzter, dich zu mir habe rufen lassen, um dich um Verzeihung zu bitten! Fühlst du auch die ganze Große dieser Tat? Wer bist du vor mir? – Ein Wurm! Sogar noch weniger als ein Wurm: du bist ein Arrestant! Ich aber bin – von Gottes Gnaden[11] ein Major! Ein Major! Begreifst du auch, was das heißt?“

Sh. antwortete, daß er auch dieses begreife.

„Nun, dann will ich mich jetzt mit dir aussöhnen. Aber fühlst du auch, fühlst du es auch vollständig, ganz und gar? Bist du überhaupt fähig, zu begreifen und zu fühlen? Bedenk doch nur: ich, ich, der Major! ...“ u. s. w.

Sh. erzählte mir selbst die ganze Szene. So schlummerte denn vielleicht auch in diesem ewig betrunkenen, unsinnigen und unordentlichen Menschen noch ein menschliches Empfinden. Wenn man seine Begriffe und seine Entwicklung in Betracht zieht, so kann man ja eine solche Handlung fast für eine großmütige Tat ansehen. Übrigens wird wohl auch sein betrunkener Zustand mit die Veranlassung dazu gewesen sein.

Doch sein schöner Traum verwirklichte sich nicht: es kam nicht zur Heirat, obschon er sich bis zur Beendung des Anstriches völlig dazu entschlossen hatte. Anstatt vor den Altar kam er vor ein Gericht und erhielt den Wink, seinen Abschied zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit wurden dann alle seine alten Sünden aufgedeckt. Früher war er in der Stadt, wenn ich mich nicht täusche, Polizeimeister gewesen ... Der Schicksalsschlag traf ihn vollkommen unerwartet. Im Ostrogg freute man sich unbeschreiblich über seinen Abgang: als die Nachricht kam, wurde der Tag sofort zum Fest, zum Triumphtage! Man erzählte, der Major habe wie ein altes Weib geweint und geschrien, doch war jetzt nichts mehr zu ändern. Er trat aus dem Dienst, verkaufte seine beiden Schimmel und mit der Zeit sein ganzes Hab und Gut und soll später in Armut gelebt haben. Wir begegneten ihm einmal: er trug einen schäbigen Überzieher und eine Mütze mit einer Kokarde. Haßerfüllt blickte er auf den Arrestantentrupp. Mit seiner ganzen Zaubermacht war es vorüber, seitdem er den Waffenrock abgelegt hatte: in diesem war er ein Gewitter, ein Gott gewesen; im Überzieher aber wurde er plötzlich ganz nichtssagend und erinnerte an einen alten Diener. Es ist wirklich sonderbar, wieviel bei solchen Menschen die Uniform ausmacht.

IX. Die Flucht

Bald nach der Absetzung unseres Platzmajors erlebten wir große Veränderungen in unserem Ostrogg. Die Kátorga wurde aufgehoben und an ihrer Stelle eine Arrestantenkompagnie unter Militärverwaltung eingeführt, nach dem Muster der russischen Arrestantenkompagnien. Das bedeutete, daß von nun an keine Verbannten der zweiten Klasse mehr in unseren Ostrogg kamen, sondern nur noch militärische Sträflinge, also Leute, die nicht aller Rechte beraubt waren, die Soldaten wie alle anderen Soldaten waren, nur daß sie sich ein Vergehen hatten zu schulden kommen lassen, dafür bestraft und zu einer verhältnismäßig kurzen Zeit verurteilt worden waren (sechs Jahre waren das höchste) und nach ihrem Austritt aus dem Ostrogg wieder in ihre Bataillone als Gemeine zurückkehren konnten. Nur diejenigen, welche dann zum zweitenmal etwas verbrochen hatten, wurden wie früher zu zwanzig Jahren verurteilt.

Wir hatten auch vordem schon eine Militärabteilung gehabt, doch hatte sie nur deshalb bei uns gelegen, weil man sie sonst nirgendwo hatte unterbringen können. Jetzt aber wurde der ganze Ostrogg zu einer solchen Militärabteilung. Doch blieben die früher hierher geschickten Zwangsarbeiter, die aller Rechte beraubt und gebrandmarkt waren, und deren eine Kopfhälfte von der Stirn bis zum Nacken rasiert wurde, bis zum Ablauf ihrer Strafzeit in unserem Ostrogg. Neue dagegen kamen nicht hinzu, die Zahl der vorhandenen verringerte sich mit jedem Jahr, so daß nach zehn Jahren der letzte seine Frist im Ostrogg abgebüßt haben würde. Nur die besondere Abteilung blieb bestehen und in diese wurden nach wie vor schwere Verbrecher aus dem Militär geschickt – „bis zur Einführung der schwersten Zwangsarbeiten in Sibirien“. So kam es denn, daß sich das Ostroggleben für uns genau genommen ohne jede Veränderung fortsetzte: dieselbe Kost, dieselbe Arbeit, fast auch dieselbe Ordnung, nur das Oberkommando hatte sich verändert und war komplizierter geworden. Wir hatten jetzt einen Kompagniechef, einen Stabsoffizier und dann noch vier Leutnants, die abwechselnd im Ostrogg die Wache bezogen. Die Invaliden wurden durch zwölf Unteroffiziere und einen Oberaufseher ersetzt. Wir wurden in Abteilungen zu je zehn Mann eingeteilt, für sie wurden Gefreite aus den Sträflingen ernannt, natürlich nur nominell, und selbstverständlich gehörte jetzt auch Akim Akimytsch zu den Gefreiten. Diese ganze neue Institution sowie der ganze Ostrogg mit allen seinen Aufsehern und Sträflingen unterstand auch jetzt dem Festungskommandanten als höchstem Befehlshaber. Und das war schließlich alles.

Natürlich regten sich die Sträflinge anfangs mächtig auf, es wurde viel über die Neuerungen gesprochen, gestritten, man versuchte, das bevorstehende zu erraten, die neuen Vorgesetzten zu kritisieren. Als man aber sah, daß in Wirklichkeit alles beim alten blieb, da beruhigte man sich im Augenblick und unser Leben nahm wieder seinen alten Gang. Doch die Hauptsache war, daß man uns von unserem früheren Major erlöst hatte: alle schienen jetzt aufzuatmen und neuen Mut zu schöpfen. Das Verschüchterte war verschwunden, ein jeder wußte jetzt, daß er im Notfall mit seinem Vorgesetzten persönlich sprechen, daß man höchstens aus Versehen einen Unschuldigen bestrafen konnte. Selbst der Branntwein wurde bei uns unter genau denselben Bedingungen weiterverkauft, wie früher, obgleich wir doch jetzt an Stelle der gutmütigen Invaliden Unteroffiziere hatten. Diese Unteroffiziere waren, wie es sich zeigte, anständige und vernünftige Leute, die ihre Stellung schließlich ganz gut begriffen. Einige von ihnen zeigten zu Anfang allerdings die Absicht, als Vorgesetzte aufzutreten, und glaubten in ihrer Unerfahrenheit, mit den Arrestanten wie mit Soldaten umgehen zu können. Doch auch sie begriffen bald, daß es sich hier um etwas anderes handelte. Anderen, die es nicht sobald begreifen wollten, wurde der Standpunkt von den Sträflingen selbst klargemacht. Mitunter geriet man sogar ziemlich scharf aneinander: man verleitete z. B. einen Unteroffizier zum Mittrinken, machte ihn trunken, und nachher „erinnerte“ man ihn daran – natürlich auf eigene Art –, daß er mit ihnen gezecht hatte und ... folglich ... Es endete damit, daß die Unteroffiziere sich gleichgültig zu dem Branntweinverkauf verhielten, oder richtiger, sich bemühten, gar nicht zu sehen, wie man die Branntweinschläuche durchschmuggelte und verkaufte. Ja schließlich gingen auch sie, ganz wie früher die Invaliden, auf den Markt und kauften für die Sträflinge Semmeln, Rindfleisch und was diese sonst noch brauchten, – alles, was sie ohne große Verantwortung ihnen verschaffen konnten. Aus welchem Grunde diese ganze Neuerung eingeführt worden war, vermag ich nicht zu sagen. Es geschah dies in den letzten Jahren meiner Strafzeit. Zwei Jahre mußte ich noch unter den neuen Verhältnissen im Ostrogg zubringen ...

Ich denke natürlich nicht daran, alles aus diesem Leben im Ostrogg, von jedem einzelnen Jahr zu berichten. Wollte ich der Reihe nach alles erzählen, was ich dort in der Zeit gesehen, erlebt und empfunden habe, so müßte ich drei-, wenn nicht viermal soviel schreiben, als ich bis jetzt schon geschrieben habe. Und eine solche Beschreibung würde schließlich unwillkürlich eintönig wirken. Alle meine Erlebnisse würden doch zu sehr auf einen Ton gestimmt sein, namentlich wenn der Leser nach dem bereits Geschriebenen sich schon ein einigermaßen richtiges Bild von dem Leben unserer sibirischen Sträflinge der zweiten Klasse gemacht hat. Ich wollte unseren ganzen Ostrogg und alles, was ich in diesen Jahren dort durchlebt habe, in einem anschaulichen und möglichst klaren Bilde zeigen, doch ob es mir auch gelungen ist – das weiß ich nicht. Vielleicht steht es nicht mir zu, darüber zu urteilen. Doch wie dem auch sei, jedenfalls glaube ich, daß ich hiermit schließen kann; zudem überkommt mich selbst in der Erinnerung an jenes Leben die alte Qual. Und dann – wie könnte ich mich jetzt noch aller Einzelheiten in der richtigen Reihenfolge entsinnen? Die späteren Jahre sind in meinem Gedächtnis fast wie ausgelöscht. Vieles habe ich sicherlich ganz vergessen. Ich entsinne mich nur noch, daß alle diese Jahre, die im wesentlichen einander so ähnlich waren, daß man sie kaum unterscheiden konnte, träge und langweilig vorüberzogen. Ich weiß nur noch, daß diese langen, langweiligen Tage so einförmig waren und so langsam vergingen, wie nach einem Regen das Wasser vom Dach in langsamen Tropfen herabtropft. Ich weiß noch, daß nur der leidenschaftliche Wunsch nach Auferstehung, nach Erneuerung, nach neuem Leben mich im Warten stärkte und mich noch hoffen ließ. Und schließlich erstarkte ich: ich wartete, ich zählte jeden Tag, und wenn ihrer auch noch Tausende nachblieben, so zählte ich doch mit Wonne jeden einzelnen ab, begleitete, begrub ihn, und freute mich beim Anbruch des neuen Tages, daß mir jetzt nicht mehr tausend, sondern nur noch neunhundertneunundneunzig bevorstanden. Ich weiß noch, daß ich in dieser ganzen Zeit trotz der Hunderte von Kameraden, stets einsam war, und daß ich zum Schluß diese Einsamkeit lieb gewann. In dieser geistigen Einsamkeit durchlebte ich von neuem mein ganzes Leben, ich untersuchte alles bis zur letzten Einzelheit in ihm, ich dachte über alles und jedes nach, ich kritisierte meine ganze Vergangenheit, hielt streng und unerbittlich über mich selbst Gericht, und in mancher Stunde segnete ich die Vorsehung dafür, daß sie mir diese Einsamkeit geschickt hatte, ohne die ich niemals zu diesem Gericht über mich selbst gekommen wäre, zu dieser strengen Kritik meines früheren Lebens. Und mit welchen Hoffnungen füllte sich mein Herz doch damals! Ich wollte, ich beschloß, ich schwor mir, daß es in meinem neuen Leben nicht mehr jene Fehler, jene Fehltritte geben sollte, die früher von mir begangen worden waren. Ich entwarf ein vollständiges Programm für mein zukünftiges Leben und ich nahm mir fest vor, ihm treu zu folgen. Ein blinder Glaube war in mir, daß ich das alles erfüllen würde und auch erfüllen könnte ... Ich erwartete sehnsüchtig die Freiheit, ich rief sie schneller herbei: ich wollte mich von neuem erproben, im neuen Kampf. Bisweilen ergriff mich eine krampfhafte Ungeduld ... Doch ist es mir schmerzlich, jetzt an meinen Seelenzustand in jener Zeit zu denken. Natürlich geht das nur mich allein an ... Ich habe es ja nur geschrieben, weil ein jeder es begreifen und wohl dasselbe durchmachen wird, der in der Blüte seiner Kraft auf Jahre in ein Gefängnis muß.

Doch wozu davon reden! ... Es ist besser, ich erzähle noch etwas, um nicht gar so schroff abzuschließen.

Es fällt mir soeben ein, daß man ja verwundert fragen könnte, ob denn niemand entflohen ist oder niemand in dieser ganzen Zeit wenigstens einen Fluchtversuch gemacht hat? Ich habe schon gesagt, daß ein Sträfling, der zwei oder drei Jahre bereits im Ostrogg gewesen ist, diese Zeit unwillkürlich zu schätzen beginnt und zu der Ansicht kommt, daß es denn doch klüger ist, auch die anderen Jahre ohne Scherereien, ohne Wagnisse zu verbüßen und dann gesetzmäßiger Kolonist zu werden. Doch diese Berechnung hat nur einer, der nicht zu sehr langer Strafzeit verurteilt ist. Ein zu vielen Jahren Verurteilter dagegen ist fast immer geneigt, das Wagnis zu versuchen ... Nur schien es bei uns eben nicht Sitte zu sein, zu entfliehen. Ob man nun zu ängstlich dazu war, oder ob die militärische Aufsicht gar zu streng oder die Lage unserer Stadt ungeeignet schien (auf der einen Seite die nackte Steppe, auf der anderen die Wälder erst in ziemlicher Entfernung) – das ist schwer zu sagen. Ich glaube, alle diese Gründe wirkten zusammen, und so verging ihnen die Lust dazu. Es war bei uns tatsächlich ziemlich schwer, zu entfliehen. Aber dennoch geschah es einmal: zwei von uns wagten es; sie waren beide zu vielen Jahren verurteilt ...

Nach dem Abgang unseres Majors war A–ff – der für ihn im Ostrogg spioniert hatte – völlig allein und seines Gönners beraubt. Er war ein noch junger Mensch, doch sein Charakter festigte sich mit den Jahren und wurde stärker, bestimmter. Überhaupt war er ein dreister, entschlossener und sogar reiflich überlegender Mensch. Wenn er auch fortfuhr, bei uns zu spionieren, und sicherlich mit verschiedenen lichtscheuen Dingen Handel getrieben haben würde, wenn man ihn wieder in Freiheit gesetzt hätte, so ist es doch anzunehmen, daß er jetzt nicht mehr so dumm und unbedachtsam hereingefallen wäre, wie zum erstenmal, als er für seine Dummheit in den Ostrogg gekommen war. Ich glaube, er hatte sich bei uns mittlerweile im Ausstellen falscher Pässe geübt; doch will ich es nicht gar zu positiv behaupten: ich habe es nur von den anderen Sträflingen erzählen gehört. Man sagt, er habe sich darin schon damals geübt, als er zum Platzmajor ging, und natürlich wird er daraus den größtmöglichen Nutzen gezogen haben. Jedenfalls war er ein Mensch, der sich zu allem entschließen konnte, um sein „Schicksal zu wechseln“. Ich hatte Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen: sein Zynismus ging bis zur empörendsten Frechheit, bis zum kältesten Spott und erregte in mir unüberwindlichen Ekel. Ich glaube, wenn er einen Schluck Branntwein hätte trinken wollen, dieser aber nicht anders als durch die Ermordung eines Menschen zu erlangen gewesen wäre, so hätte er unfehlbar diesen Menschen erschlagen – wenn es sich heimlich tun ließ, so daß niemand etwas davon erfuhr. Im Ostrogg hatte er das Berechnen gelernt.

Auf diesen Menschen nun hatte der Sträfling der besonderen Abteilung Kulikoff seine Aufmerksamkeit gelenkt.

Von diesem Kulikoff habe ich schon mehrmals gesprochen. Er war nicht mehr jung, doch leidenschaftlich, zäh, stark und erfreute sich verschiedener außerordentlicher Fähigkeiten. Es stak viel Kraft in ihm und er wollte unbedingt noch einmal in Freiheit „leben“. Leute seines Schlages wollen noch im höchsten Alter „leben“. Wenn ich mich darüber gewundert hätte, daß bei uns niemand einen Fluchtversuch machte, so hätte ich dabei zuerst wohl an Kulikoff gedacht. Und richtig: es war Kulikoff, der sich dazu entschloß. Wer von beiden den größeren Einfluß auf den anderen besaß – A–ff auf Kulikoff oder dieser auf ihn? – vermag ich nicht zu sagen, jedenfalls aber waren beide einander wert und eigneten sich vorzüglich zur Ausführung ihrer Idee. Sehr bald hatten sie sich angefreundet. Ich glaube, Kulikoff hatte darauf gerechnet, daß A–ff die falschen Pässe anfertigen würde. A–ff war adlig, gehörte zur guten Gesellschaft – das verhieß eine gewisse Abwechselung für die zukünftigen Abenteuer. Wenn man sich nur erst nach Rußland durchschlagen könnte! Wer weiß es, wie sie sich verabredet und welche Hoffnungen sie gehabt haben; sicherlich aber gingen diese Hoffnungen über den Horizont der gewöhnlichen sibirischen Landstreicher hinaus. Kulikoff war ein gebotener Schauspieler, er konnte viele und die verschiedensten Rollen im Leben spielen, er konnte mit Recht auf vieles hoffen, zum mindesten auf Abenteuerlichkeit in seinem Leben. Solche Leute mußten sich im Ostrogg unwillkürlich wie lebendig begraben fühlen. Und so verabredeten sich die zwei, zu entfliehen.

Nun war es aber unmöglich, die Flucht ohne einen Eskortesoldaten auszuführen. Es hieß also, einen Soldaten überreden.

In einem der Bataillone, die in der Festung lagen, diente ein Pole, ein energischer Mensch, der eigentlich ein besseres Schicksal verdient hatte, nicht mehr jung, ernst und tapfer. In der Jugend war er sogleich nach seiner Ankunft in Sibirien aus Heimweh entflohen. Man hatte ihn wieder eingefangen, bestraft und auf zwei Jahre in die Strafkompagnie gesteckt. Als er dann wieder ins Bataillon zurückgekehrt war, hatte er sich bedacht und seine Zeit gewissenhaft abzudienen begonnen. Dafür war er bald zum Gefreiten befördert worden. Er war ein ehrgeiziger, selbstbewußter Charakter: er blickte und sprach wie einer, der seinen eigenen Wert kennt. Ich sah ihn ziemlich oft unter unseren Eskortesoldaten und auch die Polen hatten mir schon einiges von ihm erzählt. Es schien mir, daß sein früheres Heimweh sich in ihm mit der Zeit in versteckten, dumpfen, ewigen Haß verwandelt hatte. Dieser Mensch konnte sich gleichfalls zu allem entschließen, und Kulikoff täuschte sich nicht, wenn er ihn zum Spießgesellen erwählte. Sein Familienname war Koller. Sie verabredeten sich alle drei und bestimmten auch den Tag dazu. Es war im Juni in der heißen Zeit. Das Klima Sibiriens ist ziemlich gleichmäßig: im Sommer ist das Wetter fast unveränderlich heiß, was ja dem Landstreicher sehr zustatten kommt. Natürlich konnten sie nicht direkt aus der Festung entfliehen: die ganze Stadt liegt gänzlich frei, ist von allen Seiten offen. Die Wälder beginnen erst in einiger Entfernung, die für den Flüchtling immerhin ziemlich groß ist. Ferner mußten sie sich erst umkleiden und zu dem Zweck auf unauffällige Weise in die Vorstadt gelangen, wo Kulikoff schon seit langer Zeit einen Zufluchtsort hatte. Ich weiß nicht einmal, ob ihre Freunde dort in der Vorstadt in das Geheimnis eingeweiht waren. Es ist freilich anzunehmen, daß sie es waren, obgleich es späterhin nicht ganz zu erweisen war. In jenem Jahr hatte in einem Winkel der Vorstadt ein junges und recht hübsches Mädchen, das Wanjka-Tantka genannt wurde, eine besondere Betätigung begonnen und berechtigte zu großen Hoffnungen, die sie in der Folge auch teilweise erfüllte. Sie wurde „die Flamme“ genannt. Wie mir scheint, hatte auch sie hier ihre Hand mit im Spiel, denn Kulikoff war von ihr schon ein ganzes Jahr lang geplündert worden.

Unsere beiden Flüchtlinge verließen an einem Morgen wie gewöhnlich den Ostrogg, um sich zur Arbeit zu begeben, hatten es jedoch so eingerichtet, daß man sie mit dem Sträfling Schilkin, einem Ofensetzer und Stuckateur, in eine leerstehende Bataillonskaserne schickte, aus der Soldaten vor längerer Zeit ins Manöver ausgezogen waren. A–ff und Kulikoff wurden mit Schilkin als Handlanger mitgeschickt. Koller stellte sich zu ihnen als Eskorte; da aber drei Sträflinge zwei Mann als Bedeckung erforderten, so wurde dem Koller, als altem Soldaten und Gefreiten, auf dessen Vorschlag gern nur ein junger Rekrut mitgegeben, damit dieser das Eskortieren und Bewachen lerne. Daraus ersieht man, einen wie ungeheuren Einfluß unsere Flüchtlinge auf Koller gehabt haben müssen, wenn er ihnen aufs Wort geglaubt und sich nach langjährigem und in der letzten Zeit erfolgreichem Dienst, als kluger, solider und überlegungsfähiger Mensch der er war, entschlossen hatte, ihnen zu folgen.

Um sechs Uhr morgens langten sie in der Kaserne an. Außer ihnen war dort niemand. Nachdem sie ungefähr eine Stunde gearbeitet hatten, sagten Kulikoff und A–ff dem Schilkin, daß sie in die Werkstätte gehen würden, erstens um dort jemand zu sprechen, und zweitens um bei der Gelegenheit auch noch ein Werkzeug von dort mitzunehmen, das ihnen hier fehlte. Mit Schilkin mußte man schlau umgehen und so natürlich als möglich. Er war Moskauer, Ofensetzer von Beruf, ein Typ der Moskauer Kleinbürger, schlau, hinterlistig, klug und wenig gesprächig. Äußerlich war er ein schwächliches und ausgemergeltes Kerlchen. Man sollte meinen, daß die Natur ihn dazu bestimmt hatte, bis an sein Lebensende in Rock und Weste nach Moskauer Art zu gehen, doch siehe, das Schicksal hatte es anders gewollt, und er hatte sich nach langen Irrfahrten bei uns in der besonderen Abteilung auf ewig niedergelassen, als einer der größten militärischen Verbrecher. Womit er sich diese Laufbahn verdient hatte, ist mir unbekannt; eine besondere Unzufriedenheit mit ihr ist mir jedoch nie an ihm aufgefallen. Er führte sich ruhig und gleichmäßig auf, und betrank er sich zuweilen auch wie ein Schuster, so benahm er sich doch selbst im Rausch noch gut. Er wußte natürlich nichts von dem Vorhaben der anderen, doch mußten sie vorsichtig sein, denn er hatte scharfe Augen. Es versteht sich wohl von selber, daß Kulikoff ihm durch einen Wink zu verstehen gab, weshalb sie eigentlich gingen: doch nur um den Branntwein, der schon seit gestern dort verborgen sei, abzuholen! Das rührte Schilkin: er ließ sie ohne jeden Argwohn fortgehen und blieb mit dem jungen Rekruten zurück, Kulikoff, A–ff und Koller jedoch begaben sich geradenwegs in die Vorstadt.

Es verging eine halbe Stunde: sie kehrten nicht zurück. Das machte Schilkin plötzlich stutzig und er begann nachzudenken. Jetzt entsann er sich, daß Kulikoff bei auffallend guter Laune gewesen war und A–ff zweimal mit ihm geflüstert hatte, wenigstens hatten sie sich beide wiederholt zugeblinzelt, – das hatte er bemerkt und dessen entsann er sich jetzt deutlich. Auch Koller war anders gewesen als sonst: warum hatte er zum Beispiel vor dem Fortgehen dem Rekruten eine solche Predigt gehalten: was er in seiner, Kollers, Abwesenheit zu tun habe? Das war zum mindesten von Koller etwas unnatürlich. Mit einem Wort, je mehr Schilkin sich die Sachlage vergegenwärtigte, um so verdächtiger erschien sie ihm. Inzwischen verging die Zeit, die drei aber kehrten noch immer nicht zurück, und Schilkins Unruhe wuchs mit jeder Minute ... Er begriff nur zu gut, wieviel er dabei selbst zu fürchten hatte, denn auf ihn konnte sehr leicht der Verdacht der Vorgesetzten fallen. Man konnte denken, daß er die Kameraden wissentlich habe entlaufen lassen, nach gemeinsamer Abmachung, und daß dieser Verdacht, wenn er nicht sofort von dem Vorgefallenen Mitteilung machte, noch an Wahrscheinlichkeit gewinnen würde. Er durfte also keine Zeit verlieren. Jetzt erinnerte er sich auch, daß Kulikoff und A–ff in der letzten Zeit ganz besonders eng miteinander befreundet gewesen, daß sie oft die Köpfe zusammengesteckt und getuschelt hatten, und fern von allen anderen hinter den Kasernen hin- und hergegangen waren. Ja, es fiel ihm sogar ein, daß er schon früher sich etwas in Bezug auf die beiden gedacht hatte ... Forschend blickte er auf seinen Eskortesoldaten: der stand, auf sein Gewehr gestützt, gähnte und reinigte sich in der unschuldigsten Weise mit dem Finger die Nase, so daß Schilkin ihn nicht einmal der Mitteilung seiner Gedanken für würdig hielt, sondern dem Burschen einfach befahl, ihm in die Militärwerkstätte zu folgen. Dort mußte er sich erkundigen, ob sie dagewesen waren. Er ging hin, fragte, doch niemand hatte sie dort gesehen. Jetzt gab es für Schilkin keinen Zweifel mehr.

„Wären sie nur in die Vorstadt gegangen,“ dachte er, „um dort zu trinken und sich zu amüsieren, wie Kulikoff das zuweilen tut, so hätten sie sich doch nicht unter einem falschen Vorwand aus dem Staube gemacht. Dann hätten sie es mir doch gesagt!“

So verließ denn Schilkin die Werkstätte und begab sich – nicht zu seiner Arbeit zurück, sondern direkt in den Ostrogg.

Es war schon fast neun Uhr, als er beim Feldwebel erschien und diesem meldete, was vorgefallen war. Der Feldwebel erschrak und wollte ihm zuerst kaum glauben. Schilkin hatte es ihm allerdings nur als Verdacht, als Möglichkeit mitgeteilt. Dann aber eilte der Feldwebel doch zum Major, der Major sofort zum Festungskommandanten, und nach einer Viertelstunde waren alle notwendigen Maßregeln getroffen. Der Generalgouverneur wurde gleichfalls benachrichtigt. Es waren wichtige Verbrecher und man konnte sich ihretwegen aus Petersburg viele Unannehmlichkeiten holen.

A–ff wurde zu den „Politischen“ gerechnet – obgleich er doch nur andere Politische anzuzeigen versucht hatte –, und Kulikoff gehörte zur besonderen Abteilung, war also ein „Erzverbrecher“, und dazu noch ein militärischer. Bis dahin war es noch nie vorgekommen, daß jemand aus der besonderen Abteilung entflohen wäre. Nun kam noch hinzu, daß nach der Vorschrift jeder Arrestant der „besonderen“ von zwei Soldaten begleitet werden mußte, oder wenn ihrer mehr waren, von je einem – diese Vorschrift war aber im vorliegenden Fall nicht eingehalten worden. Kurz, die Sache war sehr unangenehm. Man sandte sofort reitende Boten in alle umliegenden Dörfer, Kosaken wurden zur Verfolgung ausgesandt, man schrieb an alle benachbarten Kreise und Gouvernements – mit einem Wort, man war sehr besorgt und tat sein Möglichstes.

Währenddessen herrschte bei uns im Ostrogg eine Aufregung anderer Art. Die Sträflinge erfuhren, je nachdem, wie sie von der Arbeit zurückkehrten, sogleich das große Ereignis. Die Kunde davon hatte sich schon im ganzen Ostrogg verbreitet, und alle hatten sie mit einer ungeheuren, heimlichen Freude vernommen. Bei jedem schien das Herz zu erbeben ... Abgesehen davon, daß dieser Zwischenfall die Monotonie des Ostrogglebens unterbrach, fand auch die Flucht, und noch dazu eine solche Flucht, in jeder Seele einen vertrauten Widerhall – in allen Herzen regte sich so etwas wie Hoffnung, Verwegenheit, da doch jetzt die Möglichkeit, „sein Schicksal zu wechseln“, durch sie bewiesen war!

„Aber es sind doch zwei entflohen, warum soll man es denn nicht können! ...“ Und ein jeder wurde bei diesem Gedanken mutiger und blickte herausfordernd die anderen an. Wenigstens wurden alle plötzlich ungemein stolz, und sogar auf die Unteroffiziere blickte man jetzt merklich von oben herab. Natürlich erschienen sofort alle Offiziere, sogar der Festungskommandant kam angefahren. Unsere Sträflinge aber benahmen sich sehr selbstbewußt und schauten fast mit einer gewissen Verachtung, mit einem schweigsamen, strengen Ernst drein, als hätten sie damit sagen wollen:

„Wir verstehen eine Sache anzufassen!“

Man hatte selbstverständlich einen allgemeinen Besuch der Vorgesetzten und eine peinliche Durchsuchung vorausgesehen, und daher alles Verbotene schnell und sorgfältig versteckt. Man wußte, daß Vorgesetzte in solchen Fällen hinterher sehr klug zu sein pflegen. Und so geschah es auch: alles wurde durchwühlt, durchsucht, und das Ergebnis war – daß man nichts fand. Zur Nachmittagsarbeit wurden die Sträflinge unter verstärkter Eskorte ausgeschickt. Am Abend kamen die Wachthabenden alle Augenblicke in den Ostrogg. Die Sträflinge wurden einmal mehr als gewöhnlich gezählt; und bei der Gelegenheit verzählte man sich dann noch einmal. Dadurch entstand große Verwirrung; schließlich wurden alle auf den Hof hinausgetrieben und von neuem gezählt. Und dann wurde in jeder Kaserne noch einmal gezählt ... Kurz, es gab viel Scherereien.

Aber die Sträflinge fragten nicht viel danach, alle blickten sie auffallend selbstbewußt drein, und wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschah, benahmen sie sich an diesem ganzen Abend außerordentlich gesetzt – einfach musterhaft! Jede Miene drückte aus: „Ihr könnt uns doch nichts anhaben!“

Die Vorgesetzten glaubten natürlich, daß sich im Ostrogg noch Spießgesellen oder wenigstens Mitwisser befanden, und so ward den Unteroffizieren befohlen, die Ohren offen zu halten. Doch die Sträflinge machten sich darüber nur lustig.

„Das ist doch kein Unternehmen, bei dem man Mitwisser hinterläßt!“

„So etwas wird vorsichtig und im stillen gemacht, nicht aber an die große Glocke gehängt.“

„Und sind denn Kulikoff und A–ff Leute, die ihre Spur nicht zu verwischen verstehen? Sie haben es meisterhaft ausgeführt, alles klappt bei ihnen! Diese Jungen können was, die gehen selbst durch feste Türen!“

Mit einem Wort – Kulikoff und A–ff waren die Helden des Tages, alle schienen förmlich stolz auf sie zu sein. Wußte man doch, daß die Erinnerung an ihre Tat bis zu den fernsten Nachkommen der Zwangsarbeiter fortbestehen, ja daß sie den ganzen Ostrogg überleben würde!

„Ein meisterhafter Streich!“ sagten die einen.

„Da haben sie nun immer geglaubt, daß von hier niemand entfliehen würde! Da haben sie’s jetzt, man ist doch entflohen! ...“ sagten andere.

„Entflohen!“ rief ein dritter aus, und blickte sich mit einer gewissen Autorität im Kreise um.

„Aber wer ist denn entflohen! ... Etwa so einer wie du?“

Zu jeder anderen Zeit würde der Sträfling, an den diese verächtlichen Worte gerichtet waren, unbedingt seine Ehre verteidigt haben. Diesmal aber schwieg er bescheiden.

„Es ist ja wahr, nicht alle sind wie Kulikoff und A–ff. Zeig erst, wer du bist ...“

„Nein, wirklich, Brüder, wozu leben wir eigentlich hier?“ unterbricht das Schweigen ein vierter, der ruhig am Küchenfenster sitzt, die Wange in die Hand stützt und, mit einem innerlich selbstzufriedenen Gefühl, etwas singend spricht. „Was tun wir hier? Wir leben, ohne Menschen zu sein, wir sind begraben, ohne gestorben zu sein ...“ und er seufzt.

„Das geht nicht so einfach ... Das kann man nicht wie einen Stiefel vom Fuß abziehen. Was seufzest du?“

„Aber da haben wir doch Kulikoff ...“ mischt sich ein Heißsporn ein, ein junger Gelbschnabel.

„Kulikoff!!“ ruft sofort ein anderer mit verächtlichem Blick auf den dummen Milchbart. – „Kulikoff!!“

Das heißt soviel als: gibt es denn viele Kulikoffs?

„Nun, und auch A–ff, Brüder, ist doch ein gewandter Junge, weiß der Teufel!“

„Ha! der krempelt selbst den Kulikoff zwischen den Fingern um!“

„Wer weiß, wie weit sie jetzt schon sind, – was meint ihr?“

Und sofort begann man, über die Frage zu sprechen, wie weit sie wohl bis jetzt gekommen sein mochten. In welcher Richtung mochten sie sich entfernt haben? Welcher Weg wäre der beste? Welches Dorf das nächste?

Einige kannten die Umgegend, ihnen nun hörte man mit Interesse zu. Man sprach auch von den Einwohnern der benachbarten Dörfer und meinte, daß sie nicht sehr „günstig“ seien. In der Nähe der Stadt sei das Landvolk zu gerieben. Die würden den Flüchtlingen keinen Beistand leisten, sondern sie einfangen und ausliefern.

„Mit diesem Bauernvolk, Brüder, ist in hiesiger Gegend nichts zu wollen: echte Bauern.“

„Dumm.“

„Ein Sibirier ist nicht dumm. Sieh dich nur vor, daß er dich nicht totschlägt.“

„Nun ja, aber unsere ...“

„Versteht sich, hier handelt es sich doch nur darum, wer dem anderen über ist. Auch die Unsrigen sind nicht dumm.“

„Nun, wenn wir nicht sterben, werden wir wohl noch von ihnen hören.“

„Was, glaubst du, daß man sie fangen wird?“

„Ich glaube, daß man sie nie im Leben fängt!“ meint ein Hitzkopf und schlägt mit der Faust auf den Tisch.

„Hm! Es kommt darauf an.“

„Ich aber, Brüder, denke,“ mischt sich Skuratoff ein, „daß man mich, wenn ich Landstreicher wäre, nie und nimmer fangen würde!“

„Jawohl, dich!“

Gelächter erschallt. Einige aber stellen sich, als wollten sie nichts hören.

Skuratoff ist schon in seinem Element.

„Nie und nimmer würde man mich fangen!“ bekräftigt er energisch. „Ich, Brüder, ich habe das schon oft bei mir gedacht und mich über mich selber gewundert: ich glaube, ich würde durch jeden Spalt kriechen; aber fangen würden sie mich nicht.“

„Hab keine Bange: wirst schon hungrig werden und den Bauer um Brot betteln.“

Allgemeines Gelächter.

„Brot? – Du lügst!“

„Was schnatterst du da! Du hast ja doch selbst mit Onkel Wassei den Kuhtod erschlagen[12] und bist dafür hierher gekommen.“

Das Gelächter verstärkt sich. Die Ernsten blicken mit größerem Unwillen drein.

„Das lügst du!“ schreit Skuratoff, „das hat dir Mikitka von mir vorgelogen, und nicht einmal von mir, sondern von Wasjka, ich aber wurde so mit hineingezogen! Ich bin Moskauer und von Kindesbeinen an in der Landstreicherei bewandert. Als mir unser Unterdiakon noch das Lesen beibrachte, zog er mich bisweilen schmerzhaft am Ohr: sag, schrie er, ‚erbarme dich mein, Herr, in deiner großen Barmherzigkeit‘, und so weiter, – ich aber sagte: ‚und führe mich auf die Polizei, Herr, in deiner großen Barmherzigkeit‘, und so weiter ... Und das war so meine Handlungsweise von Kindesbeinen an.“

Wieder lachten alle. Das aber war ja alles, was Skuratoff wünschte. Es war ihm ganz unmöglich, keinen Unsinn zu schwatzen. Doch bald hörte man nicht mehr auf sein Geschwätz und wandte sich wieder ernsten Gesprächen zu. Es redeten mehr die Alten und die Sachkenner. Die Jüngeren und Bescheidenen freuten sich nur, mit den Blicken an ihnen hängend, und streckten die Köpfe vor, um ihnen zuzuhören. Es hatte sich eine große Versammlung in der Küche gebildet. Unteroffiziere waren natürlich nicht zugegen, sonst hätte man nicht so offen gesprochen. Unter den besonders freudigen Gesichtern bemerkte ich einen Tataren, Mametka mit Namen, eine äußerst komische Erscheinung mit braunem Gesicht und breiten Backenknochen. Er sprach fast überhaupt nicht russisch und verstand auch nicht, was man sprach, steckte aber dennoch seine Nase in den Kreis der Zuhörer und hörte, hörte mit wahrer Wonne zu.

„Nun, was, Mametka, jakschí?“ fragte ihn der von allen verlassene Skuratoff, ob es ihm gefiele.

„Jakschí! Uch, jakschí!“ antwortete sofort belebt und Skuratoff mit seinem komischen Kopf eifrig zunickend Mametka: „Jakschí!“

„Man wird sie doch nicht einfangen? Jok?“

„Jok, jok!“ Und Mametka nickte wieder eifrig mit dem Kopfe und bewegte diesmal sogar die Arme dazu.

„Also es bleibt dabei, die Sache ist erledigt und abgetan?“

„Ja, ja, jakschí!“ bestätigte Mametka wieder kopfnickend.

„Nun, dann also jakschí!“

Und Skuratoff geht, nach einem geschickten Schlag auf Mametkas Mütze, sodaß diese ihm auf die Augen fällt, in der vergnügtesten Stimmung zur Küchentür hinaus, den armen Mametka in einiger Verwunderung zurücklassend.

Eine ganze Woche dauerte die strenge Aufsicht im Ostrogg. Indessen mühte man sich vergeblich, der Flüchtlinge habhaft zu werden. Ich weiß nicht, durch wen die Sträflinge von den Streifzügen der Häscher benachrichtigt wurden, doch wußten sie alles. In den ersten Tagen lauteten die Nachrichten immer noch günstig für die Flüchtlinge: es war nichts von ihnen zu sehen noch zu hören, sie waren spurlos verschwunden. Die Sträflinge spotteten nur über die Häscher. Niemand beunruhigte sich mehr wegen der Entlaufenen.

„Nichts werden sie finden, nichts einfangen!“ wurde selbstzufrieden oft genug gesagt.

„Gut, wenn sie noch die Abdrücke ihrer Absätze sehen werden!“

„Gepfiffen, die werden grad wiederkommen!“

Auch hatte man bei uns erfahren, daß alle Bauern der Umgegend aufgeboten waren, um beim Kesseltreiben behilflich zu sein, daß alle verdächtigen Wälder und Schluchten umzingelt wurden.

„Unsinn!“ sagte man bei uns spöttisch. „Sie haben sicherlich jemand gefunden, bei dem sie sich vorläufig aufhalten!“

„Versteht sich!“ meinten auch andere. „Die werden doch nicht dumm sein: die haben doch alles schon früher vorbereitet.“

Man ging noch weiter in den Vermutungen; ja man äußerte sogar die Ansicht, daß die Flüchtlinge sich vielleicht noch in der Vorstadt aufhielten, sich vielleicht irgendwo in einem Keller versteckt hatten, bis die Aufregung sich gelegt und ihnen die Haare gewachsen waren – „sie können ja dort sechs Monate sitzen, sogar ein ganzes Jahr, und dann erst brechen sie auf ...“

Alle befanden sich in einer gewissermaßen romantischen Stimmung. Da verbreitete sich plötzlich, am achten Tage nach der Flucht, das Gerücht, daß man ihnen auf der Spur sei. Natürlich wurde diese sinnlose Behauptung mit Verachtung zurückgewiesen. Am Abend aber wurde es noch bestätigt. Die Sträflinge gerieten in Aufregung. Am nächsten Tage sprach man schon am Morgen in der ganzen Stadt, daß man sie bereits gefangen habe und zurückbringe. Nach dem Mittag erfuhr man Näheres: Man sei ihrer in einem siebzig Werst entfernten Dorfe habhaft geworden, hieß es. Und endlich wußte man alles ganz genau. Der Feldwebel erklärte, als er vom Major kam, daß man sie am Abend bestimmt in die Hauptwache beim Ostrogg einliefern würde. Jetzt konnte man nicht mehr zweifeln. Es ist schwer, den Eindruck zu schildern, den diese Nachricht auf die Sträflinge machte. Zuerst schienen sie alle wütend zu sein, dann aber wurden sie traurig, bis sich schließlich gewisse Anzeichen von Spottlust bemerkbar machten. Ja, man spottete, aber nicht mehr über die Häscher, sondern über die Eingefangenen. Zuerst lachten nur einige, dann aber fast alle, ausgenommen nur wenige Ernste und Charakterfeste, die unabhängig dachten und die man nicht so leicht von ihrer Ansicht abbringen konnte. Diese blickten mit einer gewissen Verachtung auf die leichtsinnige Masse und behielten ihre Gedanken für sich.

So kam es denn, daß man im selben Maße, wie man Kulikoff und A–ff früher in den Himmel gehoben hatte, sie jetzt wiederum klein machte; ja man schien es mit Genugtuung zu tun, als hätten jene alle durch irgend etwas beleidigt. Man sagte mit verächtlicher Miene, sie hätten zu großen Appetit gehabt und seien deswegen nach Brot ins Dorf gegangen, das aber war die größte Erniedrigung für einen Landstreicher. Doch waren diese Erzählungen unrichtig: sie hatten sich in einen Wald geflüchtet, der Wald war umzingelt worden, worauf sie, als sie keine Rettungsmöglichkeit mehr sahen, sich selbst ergeben hatten – es war ihnen einfach nichts anderes übrig geblieben.

Als man sie nun kurz vor Abend tatsächlich brachte, an Händen und Füßen gefesselt, begleitet von vielen Gendarmen, da eilte die ganze Kátorga zum Palissadenzaun, um durch die Spalten zu sehen, was mit ihnen geschah. Natürlich sahen sie nichts, außer dem Wagen des Majors und der Equipage des Festungskommandanten vor der Wache. Die Flüchtlinge wurden in einem besonderen Arrestzimmer untergebracht, eingeschmiedet, und sollten am nächsten Tage verhört werden. Der Spott und die Verachtung der Sträflinge vergingen aber schon bald ganz von selbst. Man erfuhr die näheren Umstände der Gefangennahme, man erfuhr auch, daß ihnen nichts anderes zu tun übrig geblieben war, und so interessierte man sich mit aufrichtiger Teilnahme nur noch für ihr ferneres Schicksal.

„Man wird ihnen mindestens tausend aufzählen,“ meinten die einen.

„Was Tausend!“ sagten andere, „totschlagen wird man sie, aber nicht Tausend! A–ff wird vielleicht noch mit Tausend davonkommen, Kulikoff aber wird totgeprügelt, denn ihr müßt doch nicht vergessen, Brüder, daß er doch zur ‚Besonderen‘ gehört!“

Indessen hatten beide Parteien nicht das Richtige erraten. A–ff erhielt nur fünfhundert, da man seine sonst gute Aufführung in Betracht zog und da es sein erstes Vergehen war. Kulikoff wurde, glaube ich, zu tausendfünfhundert verurteilt und noch ziemlich milde bestraft. Sie hatten beide, als kluge Burschen, sich vor Gericht nicht widersprochen, sondern bestimmt und deutlich erklärt, daß sie direkt aus der Festung entflohen seien, ohne irgendwo unterzuschlüpfen. Am meisten tat mir Koller leid: er verlor alles, seine letzten Hoffnungen, wurde am strengsten bestraft – mit zwei Tausend, wenn ich nicht irre – und dann noch als Arrestant irgendwohin in einen anderen Ostrogg fortgeschickt.

A–ff wurde sehr nachsichtig bestraft; offenbar schonte man ihn; auch halfen ihm die Ärzte. Er aber spielte den Mutigen, und erzählte laut im Lazarett, daß er jetzt erst die Taufe bestanden habe, jetzt sei er zu allem bereit und würde noch ganz andere Dinge anstiften. Kulikoff benahm sich wie gewöhnlich: wohlerzogen, vornehm, und als er nach der Strafe in den Ostrogg zurückkehrte, tat er, als hätte er sich nie aus ihm entfernt. Aber nicht so blickten die Sträflinge auf ihn: obgleich Kulikoff immer und überall sich gut aufzuführen verstand, schienen die Sträflinge innerlich doch aufgehört zu haben, ihn nach alter Art zu achten. Sie gingen mit ihm jetzt mehr wie mit einem ihnen Gleichstehenden um. Ja, mit diesem mißglückten Fluchtversuch erlosch Kulikoffs Ansehen. Der Erfolg bedeutet so viel bei den Menschen.

X. Die Entlassung aus dem Ostrogg

Die Flucht ereignete sich erst im letzten Jahr meiner Kátorga.

Dieses letzten Jahres erinnere ich mich fast ebenso deutlich, wie meines ersten im Ostrogg, namentlich der letzten Monate, Wochen und Tage. Doch wozu soll ich von den Einzelheiten erzählen: ich will nur sagen, daß dieses letzte Jahr trotz meiner ganzen Ungeduld, es endlich hinter dem Rücken zu haben, dennoch leichter war, als alle vorhergehenden Jahre. Hinzu kam, daß ich jetzt unter den Sträflingen schon Freunde hatte, die endgültig zur Überzeugung gekommen waren, daß ich ein guter Mensch sei. Viele von ihnen waren mir sogar aufrichtig zugetan. Der Pionier Bakluschin weinte beinahe, als er mich und meinen Kameraden aus dem Ostrogg geleitete, und als wir dann noch einen ganzen Monat in der Stadt in einem der Regierungsgebäude leben mußten, kam er fast jeden Tag zu uns, nur um uns wieder zu sehen. Aber es waren unter ihnen auch einige, die sich bis zum Schluß unfreundlich zu mir verhielten, denen es – weiß Gott, warum – sogar schwer gefallen wäre, auch nur ein Wort zu mir zu sagen. Es schien förmlich eine Mauer zwischen uns zu stehen.

In dieser letzten Zeit hatte ich größere Vergünstigungen, als in allen anderen Jahren. In der Stadt waren unter den Offizieren Bekannte von mir, sogar alte Schulkameraden, mit denen ich die früheren Beziehungen erneuerte. Durch sie konnte ich jetzt auch in den Besitz von mehr Geld gelangen, konnte Briefe in die Heimat schicken und sogar Bücher erhalten. Mehrere Jahre schon hatte ich kein Buch gelesen. Es dürfte wohl jedem, der so etwas nicht selbst durchgemacht hat, schwer sein, sich vorzustellen, einen wie eigenartigen Eindruck das erste, im Ostrogg gelesene Buch auf mich machte. Ich begann am Abend zu lesen, nachdem man unsere Kaserne bereits geschlossen hatte, und ich las die ganze Nacht hindurch, bis zum Sonnenaufgang. Es war nur eine Nummer einer Zeitschrift. Wie eine Nachricht aus dem Jenseits kam sie mir vor. Das war ja doch mein ganzes früheres Leben, das sich jetzt klar und grell vor mir erhob, und ich bemühte mich, aus dem Gelesenen zu erraten, um wieviel ich zurückgeblieben war. Hatten sie viel dort ohne mich durchlebt? Was regt jetzt die Gemüter dort auf? Mit welchen Fragen beschäftigen sie sich jetzt? Ich dachte über jedes Wort nach, ich las zwischen den Zeilen, ich vermutete in jedem Satz einen geheimnisvollen Sinn, Anspielungen auf Früheres. Ich suchte die Spuren von all dem, was früher, zu meiner Zeit, die Geister erregt hatte, und es tat mir so weh, an dieser Wirklichkeit sehen zu müssen, in welchem Maße ich in dem neuen Leben ein Fremder geworden war, ein abgeschnittenes, vergessenes Stück Leben. Jetzt mußte man sich an das Neue gewöhnen, sich mit der neuen Generation bekannt machen. Gierig las ich einen Artikel, unter dem der Name eines meiner Bekannten, eines mir früher nahe gewesenen Menschen stand ... Doch schon stieß ich auf neue Namen: es waren neue Größen erschienen. Fieberhaft wollte ich mehr von ihnen erfahren, sie näher kennen lernen, und es ärgerte mich entsetzlich, daß ich so wenig Bücher erhalten konnte, daß es so schwer war, sich welche zu verschaffen. Früher, unter dem „Achtäugigen“, wäre es geradezu sehr gefährlich gewesen, Bücher im Ostrogg zu haben. Bei einer Durchsuchung wären sie ihm unfehlbar in die Hände gefallen, und dann hätte er ohne weiteres gefragt: „Woher hast du die Bücher? Von wem? Du unterhältst hier also Beziehungen? ...“ Was aber hätte ich auf diese Fragen antworten können? Und so vertiefte ich mich, da ich ohne Bücher leben mußte, in mich selbst, stellte mir Fragen, versuchte sie zu lösen, quälte mich bisweilen mit ihnen ... Doch wer kann das alles wiedergeben! ...

Ich war im Winter in den Ostrogg gekommen, also wurde ich auch im Winter wieder aus ihm entlassen, am selben Tage desselben Monats, in dem ich eingetreten war. Mit welcher Ungeduld erwartete ich den Winter! Mit welcher Freude sah ich zu Ende des Sommers den Wald sich färben, sah ich, wie das Steppengras gelb und dürr wurde. Der Sommer verging, es kam der Herbst, und seine Stürme heulten, dann tanzten die ersten Schneeflocken hernieder ... Endlich, endlich kam der Winter, den ich so lange ersehnt hatte! Mein Herz klopfte oft dumpf und stark im großen Vorgefühl der Freiheit. Doch eines war sonderbar: je mehr die Zeit verging und je näher der Tag der Freiheit rückte, um so geduldiger und geduldiger wurde ich. Ja, in den letzten Tagen wunderte ich mich sogar darüber und machte mir deswegen Vorwürfe: es schien mir, daß ich vollkommen kaltblütig und gleichmütig geworden sei. Viele Sträflinge, die mir in der arbeitsfreien Zeit auf dem Hof begegneten, redeten mich an und beglückwünschten mich:

„Na, Väterchen Alexander Petrowitsch, Ihr geht ja nun bald, kehrt in die Freiheit zurück, ja, ja. Bald werdet Ihr uns alte Klepper verlassen!“

„Nun, Martynoff, Ihr bleibt doch auch nicht mehr lange hier. Wieviel Jahre habt Ihr noch?“ fragte ich.

„Wer ich? Nun ja, was soll man da reden! So an sieben Jahr werde ich immer noch hier bleiben ...“

Und er seufzt, ohne dabei etwas zu denken, steht, blickt zerstreut drein, als schaue er innerlich in die Zukunft ... Viele beglückwünschten mich freudig und von ganzem Herzen. Es schien mir, als wären sie jetzt alle freundlicher zu mir. Ich gehörte in ihren Augen gewissermaßen nicht mehr zu ihnen. K–tschinskij, ein adliger Pole, ein stiller, sanfter Jüngling, der gleich mir gern einsam hinter den Kasernen umherstrich und durch die Bewegung in der frischen Luft gleichfalls seine Gesundheit vor dem schädlichen Einfluß der schwülen Nächte in der Kaserne bewahren wollte, sagte lächelnd zu mir:

„Ich erwarte mit Ungeduld Ihre Entlassung ... Wenn Sie gegangen sind, dann werde ich wissen, daß ich gerade noch ein Jahr auf die Freiheit zu warten habe.“

Ich muß hier nebenbei bemerken, daß die Freiheit im Ostrogg infolge der Entwöhnung von ihr und des ewigen Träumens noch viel freier erschien, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sträflinge vergrößerten ganz unwillkürlich den Begriff der wirklichen Freiheit – und das ist ja schließlich auch so verständlich und für den Sträfling charakteristisch. Selbst der letzte zerlumpte Stiefelwichser oder Offiziersbursche wurde bei uns fast für einen König gehalten, fast für das Ideal eines freien Menschen – nur weil er gleichmäßig geschnittenes Haar trug, weil er ohne Fesseln und ohne militärische Eskorte gehen durfte.

Am Vorabend des letzten Tages ging ich in der Dämmerung zum letztenmal am Palissadenzaun entlang, ging am Zaun um den ganzen Ostrogg herum. Wieviel tausendmal war ich in all diesen Jahren an diesen Palissaden vorübergegangen! Hier hinter den Kasernen strich ich im ersten Jahr meiner Verbannung ruhelos umher, allein, einsam und wie zerschlagen. Ich weiß noch, wie ich damals gezählt hatte, wieviel tausend Tage mir hier bevorstanden. Gott, wie lange ist das doch her. Hier in dieser Ecke hatte unser Adler gelebt, und hier war ich mit Petroff oft zusammengetroffen. Er verließ mich auch jetzt nicht. Er trat zuweilen auf mich zu und ging dann, als erriete er meine Gedanken, schweigend neben mir her, und es war, als wunderte er sich im stillen über irgend etwas. In Gedanken verabschiedete ich mich auch von diesen geschwärzten Blockhäusern; wie ungastlich waren sie mir damals erschienen, in der ersten Zeit. Auch sie sahen jetzt wohl älter aus, als damals, doch ich gewahrte es nicht. Wieviel Jugend ist hier hinter diesen Wänden unnütz begraben, wieviel große Kraft verkam hier nutzlos! Man muß es doch einmal aussprechen: Dieses Volk war doch ein ungewöhnliches Volk! Es ist ja doch das allerbegabteste, allerstärkste Volk in unserem ganzen russischen Volke! Aber nutzlos verkamen die mächtigen Kräfte, verkamen unnormal, ungesetzmäßig, unwiderbringlich. Wer aber ist schuld daran?

Das ist es ja: wer ist schuld daran?

... Am nächsten Morgen ging ich schon früh, noch vor dem Aufbruch zur Arbeit, als es kaum erst zu tagen begann, in alle Kasernen, um mich von allen Sträflingen zu verabschieden. Viel schwielige, starke Hände streckten sich mir freundlich entgegen. Manch einer drückte meine Hand wie ein guter Freund, doch waren solcher nicht allzu viele. Die anderen fühlten es nur zu gut, daß ich noch heute ein ganz anderer Mensch werden würde, als sie. Sie wußten, daß ich in der Stadt Bekannte hatte, daß ich mich von hier sogleich zu den Herren begeben würde und mich als Gleichstehender neben jene setzen konnte. Das begriffen sie und so verabschiedeten sie sich von mir wohl freundlich, fast sogar als hätten sie mich gern, aber doch längst nicht wie von einem Kameraden, sondern allenfalls wie von einem Herrn. Einzelne wandten sich sogar schroff von mir ab und antworteten mir nicht auf meinen Abschiedsgruß. Einzelne sahen mich fast mit verstecktem Haß an.

Da ertönte die Trommel und alle begaben sich zur Arbeit, ich aber blieb zurück. Ssuschiloff war an diesem Morgen früher als alle anderen aufgestanden und hatte sich eifrig bemüht, mir noch Tee zu bereiten. Armer Ssuschiloff! Er brach in Tränen aus, als ich ihm meine abgetragenen Kleidungsstücke, einige Hemden, die ledernen Fußschoner und noch einiges Geld schenkte.

„Mir ist’s doch nicht darum zu tun, doch nicht darum!“ murmelte er, krampfhaft bemüht, seine zitternden Lippen zur Ruhe zu zwingen, „wie soll ich denn ohne Euch weiterleben, Alexander Petrowitsch? Mit wem bleibe ich denn jetzt hier zurück?“

Auch von Akim Akimytsch nahm ich zum letztenmal Abschied.

„Nun, auch Ihre Frist ist jetzt bald abgelaufen!“ sagte ich zu ihm.

„Ich muß noch lange bleiben, sehr lange noch muß ich hier bleiben,“ murmelte er und drückte mir die Hand. Da fiel ich ihm um den Hals und wir küßten uns.

Zehn Minuten nach dem Abmarsch der Sträflinge verließen auch wir den Ostrogg, um nie wieder in ihn zurückzukehren – ich und mein Kamerad, mit dem ich gekommen war. Wir mußten uns in die Schmiede begeben, um uns dort die Ketten abschmieden zu lassen. Doch schon begleitete uns keine Eskorte mit geladenem Gewehr: wir gingen mit einem Unteroffizier. Das Abschmieden besorgten in der Militärwerkstätte unsere eigenen Sträflinge. Ich wartete bis mein Kamerad von den Fesseln befreit war, dann trat ich selbst an den Amboß. Die Schmiede drehten mich mit dem Rücken zu ihnen um, hoben von hinten meinen Fuß und legten ihn auf den Amboß ... Sie waren so geschäftig bei der Arbeit und wollten sie ersichtlich so gewandt und gut als nur möglich machen.

„Die Niete zuerst, kehr die Niete nach oben! ...“ kommandierte der Älteste, „halt jetzt fest, so, nun ... Schlag jetzt mit dem Hammer ...“

Die Fesseln fielen. Ich hob sie auf ... Ich wollte sie noch einmal in der Hand halten, sie noch zum letztenmal sehen. Es war mir, als wunderte ich mich darüber, daß sie soeben noch an meinen Füßen gewesen waren.

„Nun, mit Gott! Mit Gott!“ sagten die Sträflinge mit ihren rauhen, trockenen Stimmen, in denen aber diesmal etwas wie Zufriedenheit klang.

Ja, mit Gott! Freiheit, neues Leben, Auferstehung von den Toten ... Welch herrlicher Augenblick!

Notes in this chapter

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