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Mein erster Ausflug

Ragusa.

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Während des frühsten Morgens, im besten Schlummer, fuhren wir in den Hafen von Gravosa ein, dem Hauptankerplatz der Stadt Ragusa. Als wir das Verdeck erstiegen, sahen wir uns von sehr lieblichen Ufern umgeben; sanfte begrünte Hügelketten schlingen sich um die tiefblaue Fluth, am Strande des Meeres erheben sich Villen im venezianischen Geschmacke, umgeben von Cypressen und andern südlichen Gewächsen. Man kann nicht sagen, daß die Gegend großartig imposant ist, aber sie ist sanft und lieblich. Den Anblick der Stadt Ragusa deckt die Höhe von Bella vista, wir mußten uns daher an dieser Gegend begnügen lassen, was übrigens für einen Freund der Natur, wie ich es bin, vollkommen lohnend war; der prachtvolle Morgen war blau, mild und wonnig. Erst gegen Mittag besuchten wir die Stadt. So sehr ich mich auf den Anblick dieses historisch interessanten Ortes freute, war ich doch recht froh, den Morgen in der würzigen frischen Luft, umgeben von der freundlichen Gegend, auf dem Verdecke zuzubringen; wie sehr ich auch auf Reisen dafür bin, jeden Augenblick zu benützen, um sich umzusehen und seine Kenntnisse zu bereichern, so ist es mir doch nicht unlieb, zuweilen einige Stunden unter angenehmen Eindrücken in Ruhe zu verleben; denn es muß dem Reisenden, der die Reise genießen will, die Möglichkeit werden, die erlebten Begebnisse an seinem Geiste vorbeiziehen zu lassen, und sie in sein Tagebuch aufzuzeichnen; nur durch solche Mittel prägen sich die gesehenen Gegenstände fürs Leben in das Gedächtniß ein, und wenn man lange wieder am heimischen Herde sitzt, so blühen dann lebhaft und frisch die Erinnerungen an das Erlebte auf. Ich machte es so, und arbeitete fleißig an meinem Tagebuch. Mein Bruder mußte leider diesen prächtigen Tag im Bette zubringen, da er sich in der Bocche di Cattaro an dem Abend, als wir Castelnuovo besahen, erkältet hatte. Dr. F. blieb den ersten Theil des Morgens bei ihm, später wanderte er mit K. über die Bella vista in die Stadt. Fürst J. und Baron K. waren schon seit dem Morgen dort, um sich die dem Lande eigenthümlichen Waffen zu kaufen und den, auf dem Schiffe in folge des ziemlich großen Verbrauches mangelnden Wein, durch sehr schlechten Dalmatiner zu ersetzen. Graf C. und ich blieben allein bei meinem Bruder. Der aufmerksame Dr. F. hatte kaum die Stadt besehen, so kehrte er wieder zurück und löste uns beim Kranken ab. Wir ruderten nun in einer kleinen Barke auch dem Lande zu, und setzten uns in eine Calesche, dem einzigen Wagen von Ragusa, um auf der vortrefflich gebauten, aber wie früher erwähnt, ziemlich unnützen Kaiserstraße die Hügelspitze Bella vista zu erreichen. Mit Recht führt der Punkt diesen wohlklingenden Namen, da dort oben das Meer dreimal dem entzückten Blick erscheint. Von dem Punkt aus stürzen rasch die Felsen in die See hinunter, welche brausend und schäumend gegen die braunen zackigen Massen tobt. Auf denselben wachsen hunderte von Aloën, welche das Gepräge des Südens erhöhen; zur Rechten sieht man den lieblichen Hafen von Gravosa, ein Bild des Frohsinns; zur Linken erscheinen die Kuppeln der Stadt, welche in einem kleinen Raume, am Fuße einer Anhöhe erbaut ist. Auf dieser stehen Villen an Villen mit den freundlichsten Gärten umgeben, deren Zierde Palmen, Lorbeeren, Granaten, Sensitiva's und andere südliche Gewächse sind. An der äußersten Spitze der Stadt ragt ein hoher Felsen aus dem Meere, auf welchem das Fort S. Pietro liegt. Der kahle Kamm der Anhöhe ist von dem Fort Napoleone (oder Fort imperial) gekrönt. Dies liebliche, durch das herrlichste Wetter hervorgehobene Bild erinnerte mich lebhaft an die Beschreibungen und Zeichnungen von Sicilien, während es von den griechischen Ansichten ganz verschieden war. Auf dieser hier ruhte der Stempel des grandiosen und doch lieblichen Italien, während die allgemeine Auffassung von Hellas schönen, melancholischen, sehnsüchtigen Ernst ausdrückt. Wir waren aus dem Wagen gestiegen und legten unsern Weg nach der Stadt zu Fuße zurück. Die Straße senkt sich ziemlich rasch, von Villen eingefaßt, zu den mächtigen venezianischen Stadtmauern hinab. Man machte uns aufmerksam, daß die Landhäuser durch eine Strecke leer und leblos aussehen; sie wurden 1805 von Russen und Montenegrinern vereint geplündert. Die Franzosen vertheidigten sich damals im Innern der Stadt. Da das Land arm und die Macht der Nobili gebrochen ist, diese aber, weil ihre Besitzungen Majorate sind, dieselben nicht verkaufen können, so sind die nackten Mauern der langsamen Zerstörung der Zeit ausgesetzt. Durch zwei schief hinter einander stehende massive Steinthore gelangten wir in eine breite, mit weißen Quadern gepflasterte Straße der innern Stadt. Wir glaubten nach Venedig versetzt zu sein. Gleich am Beginne steht das im byzantinisch-gothischen Style erbaute Kloster der Franziskaner; demselben folgt die schönste Reihe von Palästen der alten Nobili. Ragusa war im Kleinen eine Republik wie Venedig, von Adeligen beherrscht, an deren Spitze ein Doge stand, welcher jedoch alle Monate neu aus den Senatoren gewählt wurde. Während der kurzen Dauer seiner Würde durfte er die Räume des schön eingerichteten Dogenpalastes nicht verlassen; nur bei einer bestimmten Festlichkeit zeigte er einen seiner Füße außerhalb der Thüre; diese Freiheit ist für einen Präsidenten der Senatoren fast einem Gefängniß zu vergleichen; und doch riß sich jeder um die Würde. Damit aber keiner der Adeligen im Staate übermächtig werde, mußte ein Jeder seinen Besitz im Gebiete der Ragusanischen Republik an verschiedenen Theilen zerstreut haben. In der Blüthezeit französischer Herrschaft wurde dieses aristokratische Institut aufgehoben; mit den übrigen venezianischen Landen kam auch diese einst selbständige Stadt mit ihrem Gebiete an die österreichische Krone. Nun lebt nur mehr der Name der Nobili in deren Söhnen, die sich in den Prachtgebäuden ihrer Väter ärmlich erhalten. Der Glanz ist geschwunden, aber der Haß zwischen den einzelnen Parteien der Republik lebt noch in den machtlosen Enkeln fort. Wie sich alle inneren Feindseligkeiten ausgleichen, wenn es gilt, sich gegen eine dritte Macht zu vereinigen, so kokettirte im Jahre 1848 auch eine Partei in Ragusa mit dem aufrührerischen Venedig, mit dem die Stadt sonst in der größten Feindseligkeit lebte. Von der an Palästen reichen Straße ziehen sich schmale, finstere Gäßchen in die übrige Stadt, und selbst diese engen Verbindungen sind wieder durch schöne Paläste gebildet. Die breite Straße, deren gutem Pflaster man ansieht, daß es nie befahren wird, mündet auf den pittoresken Platz der Moneta. Auch hier kann sich das Auge an der schönen Architektur nicht satt sehen. Am bemerkenswerthesten ist das Münzgebäude, mit den leichten venezianischen Bogenfenstern; die Hauptwache und neben derselben ein schöner steinerner Brunnen, in dessen zierlich gearbeitete Becken leichte Springquellen das klarste und beste Wasser werfen; eine architektonisch schöne, wenn auch nicht große Kirche, dem heiligen Blasius, Schutzpatron von Ragusa, geweiht. Wir besuchten das Innere derselben, in welchem mir am meisten die Stellung der Orgel auffiel, da sie unmittelbar hinter dem Hochaltar an der Wand schwebt. Wir begaben uns dann auf die Piazza del duomo, auf welcher der Dogenpalast, das Miniaturbild des venezianischen und die Domkirche stehen; diese ist aus einem weißlichen Steine im römischen Style gebaut. Man führte uns in eine mit Goldzierrathen überfüllte Kapelle in der Nähe des mittleren Schiffes, in welcher sich eine unendliche Masse von Reliquien befinden, die durch Alter und geschmackvolle Fassung merkwürdig sind. Etwas unangenehm zu sehen war der ganze Körper eines Heiligen, dessen Hülle, mit Farbe und Wundmalen des Todes in Wachs bossirt gezeigt wird. Die Geistlichkeit schien jedoch den Leib dieses Heiligen besonders zu verehren. Mit Stolz zeigte man uns diese Sammlung und wirklich habe ich auch noch nie so viele heilige Reliquien auf einem Orte vereinigt gesehen. Unter den vielen sehenswerthen Dingen fiel mir eine goldene Kanne nebst Becken auf; in diesem befanden sich die Symbole des Meeres in dunklem Metall auf das zierlichste gearbeitet. Man sah Fische, Eidechsen, Krebse, Molche und dergleichen Gethier. Ein Geistlicher drückte mir sein Bedauern aus, daß die Maschinerie dieses Kunstwerkes verdorben sei, indem einst bei den Waschungen, in dem Augenblick als das Wasser auf das Becken traf, die Thierchen durch die Kraft des Wasserdruckes lieblich kreisten.

In der Perrückenzeit liebten die Geistlichen dergleichen bizarre Kunstschätze, und in vielen Klöstern findet man noch Gegenstände dieser Art. Von der Kirche gingen wir in den Dogenpalast. Zu ebener Erde läuft eine breite leichte Säulengallerie mit maurischen Bogen; einer der Pfeiler ist aus dem Aesculaptempel von Epidaurus – das heutige Ragusa vecchia, – sein Capitäl ist mit sinnigen haut-reliefs geziert, welche sich auf die Kunst des heilenden Halbgottes beziehen. Einst hatte der Palast einen zweiten Stock, welcher aber in dem furchtbaren Erdbeben 1760 einstürzte. Im inneren Hofraume führt eine freie, sehr schöne Arkadenstiege in den ersten Stock. Am Fuße derselben steht die hölzerne, leicht mit Blech überzogene Büste eines Bürgers der Republik, welcher derselben eine sehr große Summe vermachte. Für eine solche patriotische That ist ein jeder Staat immer außerordentlich dankbar. Die Pracht der innern Palast-Räume ist ganz verschwunden, und statt eines Dogen herrscht jetzt in denselben ein Bezirkshauptmann, bei welchem wir unsere übrigen Reisegefährten antrafen. Sie hatten keine besonderen Waffengeschäfte gemacht. Der Kreishauptmann führte uns auf eine am Gebäude befindliche Terrasse, von der man eine schöne Aussicht auf einige Paläste, das Meer und den kleinen Hafen der Stadt hat. Als wir den Herzogssitz verließen, gingen wir an dem schönen, aber ziemlich verfallenen Dominikaner-Kloster vorüber, aus der Stadt hinaus. Man wollte uns das am Meere befindliche Lazareth und den Türken-Bazar zeigen. Der letztere ist ganz das Gegentheil von dem in Smyrna; ein wüster, leerer Raum, auf welchem die Türken dreimal die Woche mit den Ragusanern Handel treiben. Zu meiner Freude sah ich einige Mohammedaner in ihrer schönen Tracht hier versammelt, die mich an mein liebes, schönes Smyrna erinnerten. In die Stadt zurückgekehrt, durchstreiften wir noch einige palastreiche Gassen und beschlossen unseren kurzen Aufenthalt in Ragusa mit einem Besuche im Franziskaner-Kloster, welches sich an der Stadtmauer befindet. In der Kirche sind einige schöne Marmor-Altäre. Das Interessanteste im Kloster ist jedoch ein Kreuzgang im reinsten Style gebaut, welcher an den Wänden des Hofraumes herum läuft, und auf dessen leichten byzantinischen Säulen eine breite Terrasse mit fein ciselirter Steinbalustrade ruht; sie dient den Mönchen zum Spaziergange. In der Mitte des Hofes erhebt sich ein mächtiger Orangenbaum. Der freundliche, äußerst wohlwollende Prior zeigte uns jeden einzelnen Theil des Klosters, worunter die neu errichtete Bibliothek von einiger Bedeutung ist. Beim Thore fanden wir wieder unsere kostbare Kalesche und kehrten mit dem Bezirkshauptmann über die Bella vista nach Gravosa zurück. Ragusa hatte mir mit seinen vielen historischen Erinnerungen einen sehr bedeutenden Eindruck gemacht. Die Lage ist so schön, das Klima mild und die Stadt überdieß an Gegenständen reich, die das kunstliebende Auge ergötzen. Der Bezirkshauptmann begleitete uns auf das Schiff, da er uns nach Tisch die berühmten Platanen von Canossa zeigen und des andern Morgens nach Curzola und Sabioncello begleiten wollte. Wir hätten uns gleich in Bewegung gesetzt, da die Maschine schon geheizt war, aber unser guter K. hatte sich so sehr in die Bibliotheken der Stadt vertieft, daß er erst spät, zwischen einem Franziskaner und Weltpriester, wie ein Sträfling am Ufer erschien und noch lange im Eifer des wissenschaftlichen Gespräches des Kahnes nicht achtete, welchen wir um ihn sandten. Als er sich endlich wieder an Bord einstellte, verließen wir Gravosa und steuerten zwischen den Inseln Callamota, Mezzo und Giupana nach Canossa, wo wir schon nach gesunkener Sonne ankamen. Der Bezirkshauptmann erzählte uns, daß man noch heut zu Tag auf der Insel Mezzo einen mantelartigen Ueberwurf Kaiser Carl's V. zeige: ein hoher Beamte dieser Gegend machte seine Aufwartung bei dem Kaiser, derselbe empfing ihn in der Eile in diesem Mantel und erlaubte dem Aufwartenden, sich eine Gnade auszubitten; da damals noch Bewunderung für die kaiserliche Person herrschte, bat sich der Beamte den weiß seidenen Mantel, der des Kaisers Schultern bedeckte, zum Geschenke aus. – Die nächstfolgende Insel St. André ist rauh und kahl; die einzigen Bewohner waren wenige Mönche in einem kleinen Kloster. Doch das Eiland ist durch eine rührende Geschichte, welche sich auf demselben zutrug, berühmt geworden. Ein junger Nobile, der sich in den Mauern des Klosters befand, wurde von einem Bauernmädchen, die das gegenüber am Festlande liegende Val di noce bewohnte, geliebt. Das Mädchen schwamm alle Abende über die weite Meerstrecke an einen Punkt, welchen ihr der junge Mönch durch ein Licht anzeigte. Die Brüder des Mädchens bekamen Kenntniß von diesem Verhältniß und eines Abends, da die Schwester den Geliebten besuchen wollte, eilten sie ihr in einem Kahne voraus. Als sie das Wasser von der Bewegung, die sie im Schwimmen machte, rauschen hörten, zündeten sie ein Licht an. Das Mädchen folgte dem leuchtenden Punkte und schwamm mit ängstlicher Hast auf denselben zu. Die wilden Brüder eilten jedoch immer weiter, die Schwester dem Lichte nach, bis sie endlich zum Tode ermattet, in die Fluthen versank. Sieht man die melancholische Gegend, das sanfte, blaue Meer, auf welchem sich die letzten Strahlen der scheidenden Sonne brechen, so macht diese traurige Geschichte einen tiefen Eindruck. –

Canossa ist der Landaufenthalt eines Ragusaner Nobile. Ueber einen felsigen, äußerst steilen Weg klimmten wir zum Eingange des Gartens hinan. Hier herrschte wieder die südliche Ueppigkeit im vollsten Maße. Mauerdichte Laubgänge von Lorbeer und Buchs durchschnitten Wälder von blaugrünen Oliven; gegen das Meer hin zogen sich lange Terrassen auf die schroffen Felsen gebaut, und von Arkaden mit lieblichen Traubengewinden gekrönt. Die frische, jugendkräftige Natur zeigte sich noch blühender im mystischen Abendlichte. Wie wir die Haine mit stiller Bewunderung durchwanderten, blieben wir plötzlich von Ueberraschung bewältigt stehen: wir befanden uns vor der größten Eiche, die ich jemals gesehen habe. Zum Himmel strebt der regelmäßige Stamm des riesigen Baumes, und erst in beträchtlicher Höhe breitet er seine mächtigen Arme aus, die herumstehenden Bäume mit seinem Dache schützend. Diese Eiche soll erst 150 Jahre zählen. Ihr grünes, reiches Laub wird also noch manche Generation erfreuen, da ja das Sprichwort sagt: »hundert Jahre wachse, hundert Jahre stehe und hundert Jahre sterbe dieser Baum,« auch trotzt er noch jetzt mit ganz jugendlicher Kraft den Stürmen der Zeit. Hätte nur auch die deutsche Eiche diese Kraft, die dem Baume von Canossa innewohnt! Wir lenkten unsere Schritte zu einem mit einem steinernen Neptun gezierten Bassin. Die Springbrunnen, welche einst die reichen Ahnen entzückten, fehlen den verarmten Enkeln, das steinerne Werk einstiger Größe zerfällt nun zur Ruine; doch eben das gab diesem Punkte ein melancholisch malerisches Aussehen. Durch die Risse des Gemäuers strebten Pflanzen aller Art und die Ketten des immer frischen Epheu's hielten die lebensmüden Steine und schlangen sich um die verwitterten Glieder des trauernden Wassergottes. Es war eine gar wilde, reizende Unordnung in der Umgebung dieses Platzes, aus der man sah, mit welcher Lust die Natur sich der Kunst entledigt. Im stillen Abende rauschten und flüsterten die Blätter der Myrten und Granaten und erzählten sich wohl gar manches von der einstigen Pracht, welche in diesem Orte waltete, als noch die Senatoren die freien Herrscher des Landes waren. An den die künstlichen Brunnen ehemals speisenden Quellen stehn die weitgerühmten Wunder der Gegend: die Platanen von Canossa. Es sind die zwei riesigsten Bäume Europa's. Mit ihren verzweigten, schattigen Aesten bilden sie ein Gewölbe, unter welchem einmal ein ganzes österreichisches Regiment lagerte. Für ihre ungeheure Größe sind sie noch jung, denn sie zählen ebenfalls nicht über 150 Jahre. Der Umfang der ältern beträgt 27, der der jüngern 30 Schuh. Jeder Hauptast hat die Dicke eines beträchtlichen Baumes. Zwei Aeste der beiden Bäume sind in einander gewachsen. Die Rinde des Hauptstammes ist frisch und glatt, und nirgendwo bemerkt man Spuren von Alter. Die Platane ist schon an und für sich ein herrlicher Baum, wie zauberhaft erscheint sie erst in einer solchen Größe!

Als wir aus dem Garten auf unser Schiff zurückkehrten, war es finstere Nacht; der reine, blaue Himmel hatte sich rasch mit schwarzen Wolken umzogen. Wir fuhren nun die Nacht über der Insel Curzola zu. Als wir Morgens erwachten, befanden wir uns vor dem Städtchen, welches den Namen der Insel Curzola führt. Das Wetter war trübe und regnerisch, was keiner Gegend vortheilhaft steht, besonders wenn sie so kahl ist, wie die Umgebung der Stadt. – Nach eingenommenem Frühstücke fuhren wir ans Land. Auch in diesem Orte ist alles nach venezianischem Muster gebaut: hübsche kleine Balkons, maurische Bogen mit graziösen Verzierungen und dergleichen Schmuck, welcher dem Bürgerhause einen unwiderstehlichen Reiz giebt. Unsere Vorfahren haben diese Kunst verstanden und mit Recht konnte der ärmste Städter das Aeußere seines Hauses malerisch, das Innere desselben wohnlich nennen, wogegen die jetzige Architektur, selbst bei den Palästen kalt, steif und unwohnlich ist. Nicht die gerade gemessene Linie und die glatte Wand befriedigt den Schönheitssinn: das Auge sucht nach zierlich geschlungenen Linien und heimlichen Ruhepunkten. Das altdeutsche Haus mit Erker und Thürmchen und der venezianische leicht geschwungene Fensterbogen, der auf den traulichen Balkon führt, sind mir lieber, als das kasernenartige, weiß angestrichene Gebäude des 19. Jahrhunderts, welches an die Kinderhäuser aus Pappe erinnert. Mit den Zinsspekulationen und überhaupt mit den Miethwohnungen hat die Poesie in diesem Fache aufgehört. Auch der Dom dieser kleinen Stadt erweckt durch seinen Bau Interesse. Als wir in denselben eintraten, spielte irgend ein patriotischer Künstler zu unserer Bewillkommnung den Radetzky-Marsch auf der Orgel, was sich in diesen heiligen Räumen und auf diesem Kircheninstrumente gar sonderbar ausnahm. Doch höre ich immer diesen Schwanengesang des verstorbenen Strauß, wo es auch sei, außerordentlich gern. Das Innere des Gotteshauses war düster, aber ehrwürdig. In einer Seitenkapelle zeigte man uns, hinter Säulen versteckt, einen schönen Titian. Wir bewunderten auch in diesem Bilde die Farbenpracht und würdevolle Composition des großen Meisters. Beim Durchschreiten der engen und ernsten Gassen bemerkten wir an der Thüre eines verfallenen Palastes einen prachtvollen Thorhammer aus korinthischem Metalle, welcher in künstlerisch ausgezeichneter Arbeit Neptun mit zwei Meer-Rossen darstellt. Die Schönheit dieses Werkes ergriff uns Kunstliebhaber so sehr, daß wir von dem Instrumente Gebrauch machten, um den allenfallsigen Bewohner der verfallenen Räume heraus zu beschwören, da es in unserer Absicht lag, dieses Kunstwerk wo möglich an uns zu bringen.

Auf den ersten wohltönenden Klang des Metalles erschien kein dienstbarer Geist, erst als wir anfingen stärker zu poltern, öffnete sich die morsche Thür und es zeigte sich eine gutmüthige Hexe mit einem blinden Manne, ob des Besuches sehr verwundert. Es mag auch schon lange Zeit verstrichen sein, seit menschliche Wesen sich um diesen alten Herrn mit seiner Dienerin erkundigt haben. Wir lobten den Meergott, was die Leute zu entzücken schien; als wir jedoch um den Preis fragten, wollte der alte Herr nichts davon wissen. Er versicherte, daß ihm schon ein Engländer so viel Silber geboten habe, als der schwere Hammer wiege. Dies erschreckte uns einigermaßen und wir empfahlen uns augenblicklich, um uns aus den Stadtmauern hinaus auf den Schiffsbauplatz zu begeben. Hier werden sehr viele und ganz vortreffliche Schiffe gebaut, welche der Stadt einen Ruf und einen Werth geben.

Das Material kommt aus der Herzegovina und aus dem Thale der Narenta. Der einzige Reichthum der Dalmatiner beruht auf dem schäumenden, ewig wechselnden Elemente, mit welchem sie ausdauernd im Kampfe stehen; sie müssen auf den Fluthen ihr Glück suchen, da der größte Theil des Landes ihnen nur glühende, unfruchtbare Steinpartien bietet. Wir kehrten nun auf unser Schiff zurück und näherten uns der Halbinsel Sabioncello. Das Meer war wieder bewegter geworden, daher der größere Theil der Gesellschaft nicht den tanzenden Kahn besteigen wollte. Nur Graf C., Professor G. und ich sprangen in das schaukelnde Fahrzeug und hüpften beim stärksten Regen über Berg und Thal dem Lande zu. Den Ort Sabioncello hatte man uns wegen der merkwürdigen Kostüme der Frauen gerühmt; es ist eigentlich nur eine Reihe einzelner am Meere liegender Häuser, welche von üppigen Gärten, in denen Palmen grünen, umgeben sind. Sie gehören reichen Schiffsbesitzern, die den größten Theil ihrer Jugend auf Weltreisen zubringen und erst dann mit Schätzen beladen einen gemächlichen häuslichen Herd gründen. Wir traten in das Haus des Podesta, welcher ebenfalls einst ein reisender Kapitän war und dessen zwei Brüder sich noch in diesem Augenblicke in Amerika befinden. Der Zweck unseres Besuches war, eine der Trachten zu sehen, welche die Frauen dieser Halbinsel schon seit Jahrhunderten unverändert tragen. Man wies uns Stühle in einem recht reinlichen und anständigen Salon an, welcher mich an die Romane von Marryat erinnerte. An der Wand hingen Kupferstiche in einfachen Rahmen, Seekarten und Perspective erhöhten den Schmuck des seemännischen Zimmers, die Möbel waren von leichtem Holz und Rohr und mögen wohl ehemals in der Cajüte eines Schiffes gebraucht worden sein. Der Boden war, wie auf einem Verdecke, auf das reinste gescheuert. Eine Glasthür führte auf einen Balkon, welcher die Aussicht auf das Meer gab und von wo gewiß manchmal die Gattin dem kommenden Kauffahrer entgegen gesehen haben mag; und noch jetzt ist es das Interesse und Vergnügen des alten Kapitäns, mit seinem guten Fernrohr den Lauf der kommenden und gehenden Schiffe zu verfolgen. Wir warteten nicht lange, bis die auffallend hübsche Tochter des Podesta in der eigenthümlichen Tracht erschien. Auf dem Kopfe hatte sie einen hohen Strohhut nach Männerart, an dessen schmalem Rande sich ein sehr breites, farben- und faltenreiches Band aufstülpte und so denselben fast ganz deckte. An der einen Seite des Hutes befanden sich fünf bis sechs verschiedenfarbige große Straußfedern. Vom Rande des Hutes hingen an beiden Seiten, in der Nähe der Ohren, kirschrothe leicht geschlungene Bändchen herab. Zwei rabenschwarze Locken bildeten einen schönen Gegensatz zur blendend weißen Haut des feinen Gesichtes. Im reichen Zopfe steckten goldene Nadeln nach Art der Römerinnen. Um den weißen Nacken schlangen sich verschiedenartige Ketten von demselben Metalle; den Obertheil des Körpers bedeckte ein brauner Spenser und ein kleines Tuch aus den schreiendsten Farben zusammengesetzt. Das Mieder war ebenfalls vielfarbig und mit goldenen Ketten und Münzen geschmückt. Der Rock bestand aus einem rothen, blauen und gelben breiten, horizontalen Streifen. Die kleinen Füßchen steckten in zierlichen Lederschuhen mit großen Bändermaschen geziert. Das Ganze war ein Gemenge von bunten und schreienden Farben; wäre der bizarre Hut nicht gewesen, so könnte man die Tracht schön nennen. Bei Witwen ist alles Farbige schwarz, doch die Form der Kleidung bleibt dieselbe. Graf C. wollte als galanter Ritter das schöne bescheidene Mädchen ansprechen, leider verstand sie aber keine unserer Sprachen.

Unter einem reichen Erguß des Himmels kehrten wir befriedigt in unseren schwimmenden Palast zurück und neckten die zurückgebliebenen Wasserscheuen mit dem schönen Anblicke, der uns im Hause des Podesta zu Theil geworden war.

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