Beim Anblick von Corfu.
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Der Morgen graute, die Sonne kam und ergoß einen tiefen Frieden über die silberne Fluth und die hohen Berge Albaniens. Eifrig rauschte unser Dampfer durch die salzigen Wellen. Rasch flogen wir an den kleineren Jonischen Inseln vorbei, welche sich wie die Rücken großer Meer-Unthiere aus dem Wasser erhoben; dann erblickten wir die äußersten Spitzen der gesegneten Insel Corfu. Eine ziemliche Strecke fährt man längs ihrer Ufer, bis man das Festungswerk gewahrt, welches die Stadt krönt; dies englische Colonial-Fort ließe sich jedoch nur mit einer Dornenkrone vergleichen. Die Insel besteht meist aus bergigem Terrain, und ist mit den frischesten, schönsten Waldungen bewachsen; sie gewährt dem Auge einen wohlthuenden Anblick. Das ganze Land gleicht einem großen Park, in welchem sich einzelne freundliche Ortschaften befinden. Auch diese sehen nett und wohlgebaut aus; sie machen nicht den traurigen Eindruck mancher griechischer Dörfer, welche vereinzelt daliegen und sich in unregelmäßigen Formen aus dem uncultivirten Boden erheben. Es ist ein erfreulicher Anblick, schön erbaute Villen inmitten der südlichen, von des Gärtners Auge gepflegten Vegetation zu sehen. Dazu kontrastiren die schön geformten Felsen an der Meeresküste vortrefflich. Man muß gestehen, daß die Engländer es verstehen, allem, was ihnen unterworfen ist, Cultur und Schönheit aufzuzwingen; denn auch das felsige Malta soll mit dem frischesten Grün übersponnen sein. Je näher man der Stadt kommt, desto mehr nehmen die Landhäuser zu. In einiger Entfernung von der Stadt war ein englisches Schiff geankert, welches auf einen im Meere schwimmenden schwarzen Punkt Scheiben schoß. Dieses kleine Seemanöver amüsirte mich außerordentlich; es war komisch zu sehen, wie die Kugeln zehn bis zwanzig mal hinter der Scheibe im Meere wieder aufhüpften, so daß es wie Springbrunnen schäumte. Nicht sehr oft trafen die seekundigen Britten ihr freilich sehr kleines Ziel. Da wir die Schußlinie passiren mußten, hegten einige die Besorgniß, wir könnten getroffen werden; doch hielt das Schießen, während wir durchfuhren, einige Zeit ein. Die, die Stadt deckenden Felsen schwanden nun immer mehr und das schöne Absteigquartier der Britten entwickelte sich vor unseren Blicken. Schroff zeichnete sich das hohe, spitze Fort auf dem blauen Himmel ab, terrassenförmig breiteten sich um dasselbe die herrlichsten Gärten und schönst-gebauten Häuser. Am Fuße dieser, die Stadt dominirenden Veste reihen sich steinerne Bastionen aneinander, welche den Fluthen entwachsen; auf einer derselben, welche die äußerste Ecke bildet, befindet sich der prachtvolle Garten des Gouverneurs, mit außerordentlich vollen und großen Bäumen. Am Ende desselben gegen die Stadt zu, steht ein großer, aus mehreren Trakten bestehender, grauer, steinerner Palast, dessen Räume hohe grüne Jalousien vor der Hitze schützen. Dieses weitläufige ernste Gebäude ist der Sitz des Zwingherrn, welchen die freie brittische Macht über die armen Insulaner als Protector gesetzt hat. – Man glaubte in der Stadt, daß wir landen würden. Wir steuerten aber in eine Art breiten Canals, welcher durch eine kahle, felsige Insel unmittelbar vor der Stadt gebildet wird. Diese selbst hat ein elegantes, reinliches Aussehen. Große, schön gebaute Häuser deuten auf Wohlhabenheit und geben einen Beleg zu Englands praktischem Luxus und kaufmännischem Comfort. – Den Ort umschließen die lieblichsten dunkel grünen Hügel, aus denen die freundlichen Cottages der Britten einladend entgegen schimmern. Auf der, der Stadt gegenüber liegenden Insel befindet sich ebenfalls ein Befestigungswerk, in welches kein Fremder eingelassen wird. Man erzählte uns, daß alle Morgen hundert englische Soldaten aus der Stadt in Kähnen auf diese Insel gebracht werden und Abends wieder zurück kehren. Sie sollen der Regierung einen Schwur abgelegt haben und Niemand weiß, was sie auf diesem mysteriösen Punkte zu thun haben – man munkelt jedoch, daß sie durch einen Tunnel die beiden Inseln unter dem Meere verbinden wollen. Unmittelbar vor der Stadt hielten wir einen Augenblick an, um von einem dort ankernden Lloyd-Dampfer Nachrichten einzuholen, und sogleich kam John Bull, mit weiß angezogenen Matrosen dahergeschwommen; es war der Hafen-Kapitän, der uns auf bereitwillige Weise die Pratica brachte, um bei dieser Gelegenheit ein tüchtiges Trinkgeld einzustecken. Als man ihm antwortete, daß wir auf keinen Fall landen würden, wollte er durchaus von unserem Kapitän erfahren, wer sich auf dem Schiffe befinde und als er dies nicht erfuhr, ruderte er mit einem sehr finstern Gesicht wieder ab. Während dieses Ruhepunktes konnten wir die Stadt mit aller Muße betrachten; da es die Zeit der Siesta war, sah man außerordentlich wenig Bewegung in den Straßen. Auch die Zahl der Schiffe auf der Rhede war sehr klein, da die Cholera auf den jonischen Inseln grassirte und hiedurch der Handel auf einige Zeit gehemmt war. Bald schäumten wieder unsere Räder und fort ging es im Fluge.
Gegen das Ende der Insel nahen sich ihre Ufer der albanischen Küste; in der Mitte dieses engen Gewässers befindet sich eine ganz kleine, bizarr geformte Felsen-Masse, auf welcher ein ebenfalls ganz kleiner Leuchtthurm ruht. Er führt einen sehr unappetitlichen Namen, man nennt ihn den »krätzigen«, vermuthlich nach der eigenthümlichen Felsenbildung. Ein Invalide vegetirt auf diesem kleinen Raume. Bald entschwanden die letzten Spitzen der Inseln und fröhlich steuerten wir unserem theuren Vaterlande zu.