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Mein erster Ausflug

Der vierte October auf offener See.

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Um acht Uhr war die Stunde zur Abfahrt vom Hafen von Zara bestimmt. Es war der Tag des Namensfestes unseres vielgeliebten Monarchen. Schon gestern waren wir zu einem großen Diner beim Stellvertreter des Gouverneurs eingeladen; derselbe brachte während des Speisens einen Toast auf den Kaiser aus, welcher mit Jubel unter dem Schall der Musik und dem Donner der Kanonen aufgenommen wurde. Heute kam noch in aller Frühe der liebenswürdige Gastgeber, mit den übrigen Generalen der Stadt, auf einer Barke zum Vulkan, um von uns Abschied zu nehmen. Wir dankten ihm herzlich für die rührende Freundlichkeit, welche er während der zwei Tage unserer Anwesenheit für uns gehabt hatte; denn er hatte alles aufgeboten, um uns auf irgend eine Art zu unterhalten und uns das Andenken an diesen kleinen Ort angenehm zu machen. Einen Tag war Soirée und Theater, den zweiten führte er uns selbst in dem Städtchen herum, um uns die einzelnen Merkwürdigkeiten desselben zu zeigen. Nach dem großen Diner, welches er uns gab, machte er mit uns eine Promenade in die nicht uninteressanten Umgebungen von Zara. Am gestrigen Abend ließ er die Musik im beleuchteten Volksgarten spielen. Er hatte das Talent, diese kleinen Feste wie aus der Erde zu zaubern; dadurch wurde uns der Aufenthalt in Zara wirklich recht angenehm. Die Sehenswürdigkeiten des Städtchens sind nicht groß, obwohl es, wie alle Orte, welche unter der venezianischen Botmäßigkeit standen, einige interessante Kirchen und Festungswerke hat. Das Merkwürdigste der Neuzeit ist eine bombenfeste Kaserne, welche sich durch ihren zweckmäßigen und schönen Bau auszeichnet. Auch sehr schöne Cisternen befinden sich unter dem Titel cinque pazzi innerhalb der Festungsmauern.

Alle Flüssigkeiten aus der Stadt vereinigen sich hier, werden mittelst Sand filtrirt, und kommen in genießbarem Zustand heraus. Der Gedanke ist, wenn auch nicht appetitlich, doch äußerst sinnreich. Durch die porta della terra ferma, welche im außerordentlich schönen venezianischen Style aus schweren goldgelben Steinen aufgebaut ist, gelangt man, wie der Name derselben ausdrückt, in das Land, welches in der Nähe der Stadt sehr flach und monoton ist. Das Meer jedoch, welches jede Gegend mit einem eignen Zauber hebt, die zahlreichen Inseln und die großen Bergketten, welche Dalmatien von der österreichischen Militärgrenze trennen, geben der Landschaft besonders gegen Abend einen schönen melancholischen Ausdruck. Die häuser- und baumleeren Flächen erhalten durch die sinkende Sonne eine Lilafarbe, welche ihnen einen schwermüthigen Anstrich giebt, der zur Seele, wenigstens zu meiner, spricht und sie mit einem süßen Weh erfüllt. Die Vegetation ist arm und der Mangel an Wäldern erinnert an die drückende, ausraubende Herrschaft der See-Republik. Das Aufkommen neuer Baumkultur vermindert leider die große Anzahl von Ziegen, welche außer den Eseln die Hauptviehzucht des Landes ausmachen. Durch den Mangel an Vegetation sengt die Sonne überall und die Quellen sind versiegt.

In diesem Punkte, wie in vielen andern sind Dalmatien und Griechenland vergleichbar. Beide sind in dieser Hinsicht zu bedauern und die Abhülfe ließe sich nur mit Gewaltmaßregeln durchführen, deren Nutzen das Volk erst nach langen Jahren fühlen würde; aber der Egoismus ist in der Welt zu weit vorgedrungen. Alles denkt nur an den Augenblick. Und für die Regierung, wenn sie nicht vom Volke unterstützt wird, sind solche Maßregeln eine schwere Sache. Es gehörte hierzu der zähe, eigensinnige Wille einer Frau, wie Englands Elisabeth, die in ihrem Eilande alle häßlichen und fehlerhaften Pferde umbringen ließ, um die Race zu heben; es ward durchgesetzt, aber freilich freuten sich erst die Enkel dessen.

Als es acht Uhr schlug und die Räder unseres Schiffes zu rauschen anfingen, brachten uns die freundlichen Generale noch vom Ufer aus ein dreimaliges Hoch, und unter dem Donner der Kanonen und den Tönen der Volkshymne, welche dem Lande den Namenstag des Kaisers verkündeten, verließen wir mit aufgehißten Wimpeln die Stadt Zara. Es war ein imposanter Augenblick, und stolz hob sich unser österreichisches Selbstbewußtsein. Groß ist der Gedanke, daß so ein Tag von den kalten Endspitzen Galiziens, bis in den tiefsten Süden Dalmatiens gefeiert wird! Der Morgen war leider etwas trüb, das Meer jedoch zur großen Freude der Aengstlichen außerordentlich ruhig. Den Vormittag brachten wir theils auf dem Verdecke, theils in den Cajüten zu, wozu uns ein unangenehmer Regen zwang, der das Verdeck überschwemmte. Man schrieb Journale, rief politische Dispute hervor, welche gewöhnlich vom Graf C. ausgingen, und brachte so recht angenehm und heiter einige Stunden zu. Als wir noch auf dem Verdecke dem schlechten Wetter trotzen wollten, ward uns ein Schauspiel zu Theil, welches allgemeines Bedauern erregte. Wir segelten gar weit vom Lande, als plötzlich ein armes Rothkehlchen ängstlich um unsere Köpfe schwirrte; es suchte überall einen Ruhepunkt für seine matten Glieder, doch kaum hatte es sich auf ein Tau gesetzt, um sich etwas Ruhe zu gönnen, so wich es wieder scheu vor den ihm neuen Gegenständen zurück. Zu einer Rückkehr auf das Land war keine Möglichkeit mehr. Es hatte sich zu weit über die trügerischen Fluthen gewagt. Mehrmals verloren wir es aus dem Auge, doch bald erschien es wieder von Mattigkeit überwältiget; endlich entschwand es unseren Blicken und fand vermuthlich in den Wellen den Tod. Es erinnerte so lebhaft an den Eingang zu Lenau's Faust. Der große Dichter schildert dieses Bild mit so viel inniger Wärme und tiefer Melancholie. Gern hätten wir das arme Thierchen gerettet, doch ihm beizukommen war keine Möglichkeit. Gegen die Essenszeit heiterte sich das Wetter zu unserer großen Freude auf und wir konnten den schönen Tag nach Möglichkeit feiern. Wir ließen die Tafel auf dem frisch geputzten Verdecke bereiten, und setzten uns in voller Parade zum Male. Der Kapitän befahl, die großen Kanonen zu laden um im Augenblicke des Toastes die Laute des Geschützes über die Fluthen des österreichischen Meeres donnern zu lassen. Aus der Kellerprovision wurde der letzte gute Wein gereicht, mit dem man während der Reise nicht sehr gespart hatte. An diesem Tage mußte alles glänzend sein; auch war er ja einer der letzten unserer schönen Reise, die wir nur der Huld des Monarchen zu danken hatten. Alle Officiere des Schiffes hatten wir zur Tafel gezogen. Um fünf Uhr versammelte man sich. Die schweren Wolken, welche den Morgen getrübt hatten, zerstreuten sich an Oesterreichs schönem Horizonte; alles war in der heitersten fröhlichsten Laune. Selbst mein Bruder, welcher vom hitzigen Fieberanfalle, Gott sei Dank, wieder hergestellt war und der arme Kapitän, der sich seit einigen Tagen leidend fühlte, erschienen. Heute wollte ja Niemand fehlen. In der Mitte des Males erhoben wir uns, die Matrosen stiegen auf die Raen. Ich brachte den Toast auf das Wohl des Kaisers mit innigem, vollem Herzen aus und von allen Seiten des Schiffes, von oben und unten, tönte der freudige Jubelschall, unterstützt vom Donner der Kanonen, und in demselben Augenblick schwanden die Nebel und das Tagsgestirn stand glühend und prächtig auf dem reinen Spiegel der sanften Fluthen. Himmel und Meer erglänzten in goldener Pracht, und so vereinigte sich Wasser und Luft und die scheidende Sonne, deren letzte Strahlen auf unseren hoch erhobenen Champagner-Gläsern wieder glitzerten, zur Feier des Tages. Nun folgte Toast auf Toast und eine stille Wehmuth ergriff uns bei dem Gedanken, daß wir zum letztenmal an froher Tafelrunde auf dem theueren Vulkan säßen. Auf jeden neuen Jubelruf scholl die Antwort der Matrosen, welche auf dem Takelwerk geblieben waren, gleich einem Echo, bis auch sie an die Reihe kamen und mit Wein beschenkt wurden. Der Genuß des feurigen Rebensaftes verfehlte seine erheiternde Wirkung nicht, vom Ersten bis zum Letzten waren alle guter Dinge, wie es sich an einem solchen Tag geziemt. Obwohl wir aus südlichen Ländern kommend, die Kühle empfindlicher spürten, blieben wir doch noch bis zum späten Abend auf dem Verdecke. Als es schon völlig dunkel war, erscholl noch das »Gott erhalte« von den muntern und dankbaren Matrosen in italienischer Sprache gesungen. Nachdem sie noch einige Liedchen ausführten, begaben wir uns alle zur Ruhe der letzten Nacht, welche unsere Reisegesellschaft hier zubrachte. Wie froh war ich, daß wir wenigstens den Abend noch so heiter und zufrieden verlebt hatten.

Druck von Bär & Hermann in Leipzig.

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