Eine Landreise durch Griechenland.
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Der Kontrakt mit dem Manne, welcher unseren Zug durch Hellas führen sollte, war abgeschlossen worden; unser Schiff sollte uns in Nauplia wieder finden, und wir traten die Landreise dorthin am herrlichsten Morgen an; unsere Dienerschaft ließen wir bis auf einen Bedienten an Bord zurück; auch das Gepäck schränkten wir auf das Nothwendigste ein. Wir hatten uns für die Strapatzen des Weges in die bizarrsten Anzüge geworfen, und als wir uns versammelten, um in die Kähne zu steigen, hätte man glauben sollen, eine Komödianten-Gesellschaft sei im Begriff, eine Wanderung anzutreten; einige hatten hohe Stiefel an, andere hielten die Blousen durch Gürtel zusammen, und waren gegen Raubanfälle mit Schlägern, Dolchen und Flinten, gegen die Sonnenhitze aber mit Regenschirmen bewaffnet. Der Verfasser zog vor, nur ein chinesisches parasol von außerordentlich leichtem Stoffe mitzunehmen, das ihm trotz des Gespöttes der Uebrigen sehr gut zu Statten kam; für Zeiten des Unwetters hatte man sich schon in Triest mit den eigenthümlichen istrianischen Marinaros von braunem Leder und Kapuzen versehen. Die Pferde erwarteten uns vor der Wohnung des Konsuls, der uns im Frühnegligé an den Stufen seines Hauses empfing. Nur einige der Thiere und ihre Zäumungen waren erträglich anzusehen; die armen Gäule befanden sich im Zustande furchtbarster Magerkeit, und ihr Geschirr war aus Ketten, Stricken und Lederflecken zusammengeflickt.
Der Unternehmer, den wir den Lesern unter dem Namen Demetry vorstellen, war aufs eifrigste bemüht, die Thiere unter die Reiter zu vertheilen und denselben ihre außerordentlichen Eigenschaften anzupreisen, wobei ihn der Konsul, dessen equestrische Begriffe etwas schwach zu sein schienen, auf das angelegentlichste unterstützte. Die Packpferde wurden so sehr mit Speisen und Vorräthen beladen, daß sie unter denselben fast unseren Blicken entschwanden. Um dreiviertel auf Sieben verließ der lange Zug, der Sicherheit wegen von Gensd'armen eskortirt, die Stadt Patras. Zuerst ging es zwischen den fruchtbarsten Weinbergen, die sich hinter der Stadt hinziehen, über kleine Anhöhen fort; überall beschäftigte man sich auf das fröhlichste mit der reichen Weinlese. Längs dem Wege waren Laubhütten errichtet, um die Früchte zu schützen, ich wunderte mich, auf den Anhöhen, zwischen Reben, Orangen und Granaten Schilfgruppen von ungewöhnlicher Höhe zu finden. Die Aussicht auf den blauen Golf und die Berge von Rumelien war reizend; eine zauberhafte Ruhe lag auf der Landschaft und alles glänzte im frischen Duft des Morgens; der von Steinen, Wassern und Büschen durchkreuzte Weg senkte sich nach einiger Zeit und führte durch die ausgetrockneten Betten breiter Gießbäche, in welchen zu unserem Erstaunen die Vegetation am üppigsten war. Der Oleander wuchs in großen dunkelgrünen Gruppen, aus denen die schönen rosenfarbenen Blüthen hervorragten; auch die stille, liebliche Myrte mit ihrem tief grauen Laube bildete Gebüsche von solcher Fülle und Ueppigkeit in diesem sandigen Grunde, daß, wer sie nur in Töpfen gesehen hat, sie kaum wieder erkennt; unsere Richtung lief parallel mit dem Ufer des Meeres; zum letztenmale zeigten sich die Umgebungen von Patras im Morgensonnenlichte. Am Golf von Lepanto, durch die Seeschlacht berühmt, sahen wir die Stadt desselben Namens liegen. Sie ist zwischen hohen Bergen und dem Meere eingeengt; vor derselben liegt das Fort Rion auf einer Landzunge, und auf unserer Seite tritt die Befestigung Antirion ebenfalls in die Fluthen heraus; beide Werke haben griechische Besatzungen. Der wichtige Sieg Don Juan d'Austria's wird hier recht anschaulich; man erkennt, wie der türkischen Flotte kein Ausweg mehr blieb, als sie diese schmale Meereslinie überschritten hatte; noch einmal spielte Lepanto eine wichtige Rolle im Freiheitskampfe; jetzt ist es von gar keiner Bedeutung mehr.
Ein schönes Bild nach dem andern entfaltete sich vor unseren Augen; denn wo die Fluthen des Meeres schäumen, und die Vegetation dem Reisenden immer Unbekanntes bietet, fehlt es nie an neuem Reize; und je mehr wir uns dem Meere näherten, je mehr nahm er zu. Nach einem dreistündigen Ritt war trotz Enthusiasmus und Scherz, die uns begleiteten, der Körper ermüdet, der Magen leer, das Auffassungsvermögen geschwächt; wir waren daher sehr zufrieden, als Demetry uns einen hellen Punkt auf grünem Grunde, am Saume einer lieblichen Bucht als den Kani bezeichnete, in dem wir unser Gabelfrühstück verzehren sollten. Als wir vor der Hütte ankamen, wurden die Pferde den Knechten übergeben und wir lagerten uns im Schatten des Gebäudes. Die Marinaro's vertraten die Stelle von Kissen und ein Tischtuch wurde auf den Erdboden ausgebreitet; Flaschen und Gebäcke holte man aus den Säcken und nach alter Sitte nahmen wir liegend ein stärkendes Mahl ein, und ruhten dann noch eine Stunde am frischen Meeresufer aus. Einige der Herren schickten sich zur Siesta an; mein Bruder, Dr. F. und ich beschlossen einen kleinen Streifzug in die herrlichen Umgebung zu machen. Unmittelbar am Hause war die Pflanzenwelt durch teichartig ausgebreitete Quellen erfrischt, wodurch sich knapp am Meere ein dichter fast undurchdringlicher Hain gebildet hatte. Wo nicht die reich beblätterten Aeste den Weg versperrten, erschwerten die schönsten Schlingpflanzen den Durchgang; mit Mühe durchbrachen wir diese neckischen Ketten. Unser Hauptzweck war Schildkröten zu fangen, deren wir zwei unterwegs aufgelesen hatten; doch gelang es uns nicht. Eine mächtige dürre Platane fiel uns auf, an der sich statt der Blätter ein Wald von wildem Wein herauf gewunden hatte; wie ein grüner Wasserfall fielen die zierlichen Ranken herunter; die geübteste Gartenkunst hätte diese Kränze nicht so schön knüpfen können. Gerne hätte ich diese Fülle frischen Lebens, das die todten Glieder umspann, gezeichnet, wenn ich Zeit dazu gehabt hätte. Wir kosteten von den Früchten der wilden Reben und fanden, daß sie an Süßigkeit unsern Gartentrauben gleichkommen. Als wir an den Strand zurückkamen, fanden wir Professor G. beschäftigt, die Bucht mit ihrer Umgebung mit gewohnter Genialität zu zeichnen. Archivarius K. saß im Schatten eines Olivenbaumes und schrieb ein Gedicht. Die Uebrigen verschliefen die schöne Zeit zum Theil, einige aber hatten sich in den Wellensand des Meeres gesetzt; wir gesellten uns zu ihnen. Die Tiefen des Meeres wirken mit einem mystischen Reize auf mich, mächtig und unwiderstehlich zieht mich die unergründete Fluth an, und Alles was ihr angehört erfreut mich. So auch die kleinen Muscheln, die ich im Sande wühlend fand; man hätte nicht eifriger Goldstücke suchen können, wie ich jetzt diese lieblichen Kleinigkeiten. Doch bald wurde das Zeichen zum Aufbruch gegeben und man schwang sich, oder man kroch, je nach der Korpulenz, auf die Sättel. Immer neue Gegenden kamen und schwanden, es folgte Bucht auf Bucht; bald gingen wir auf dem feinen Sande des Meeres, bald durch Buschwerk und malerische Hohlwege, bald über leicht gewellte Höhen.
Man kann das Land wild und unkultivirt nennen, aber es liegt ein großer Reiz in dieser ursprünglichen Natur, wenn auch große gelbe Erdflecke brach liegen, so steht doch dicht daneben die feine, schlanke Pinie mit ihrer Nadelkrone, die grüner ist als das frischeste Laub, die üppige Platane, die ihre breiten Aeste den Schlingpflanzen und Reben zur Stütze darreicht, und die liebliche Myrte mit dem poetischen Lorbeer verschlungen. Diese grünen Anhaltspunkte für das Auge sind noch hundertmal schöner, wenn die kalte Hand des nutzensuchenden Menschen nicht ihre geraden Ackerlinien dazwischen gezogen hat. Ein großartiger Friede herrscht auf solcher Erde, die der Pflug nicht durchwühlt hat; kein Schiff stört den Spiegel des tiefen blauen Meeres, kein Kirchthurm, keine Ruine lenken den Blick von den stolzen, südlich glühenden Gebirgsmassen ab; wer über die Monotonie dieser Länder klagt, hat ihren Reiz nicht empfunden, und ich kann das Gemüth nur beklagen, das sich hier nicht in Wonne aufschließt und die Luft des alten Hellas mit Entzücken schlürft. Bald that die griechische Sonne ihre Wirkung, und nach abermaligem dreistündigen Ritt sehnten wir uns nach Erquickung; man näherte sich wieder einem Kani, welches von großen Olivenbäumen umwaldet war; einzelne Weingärten befanden sich in der Nähe, und wir drückten daher unseren Führern den Wunsch aus, uns an den griechischen Trauben zu laben; bald war eine Fülle derselben und eine herrliche Melone herbeigeschafft. Schon unterwegs hatten wir Gruppen zu dreien und vieren, auf Eseln reitend getroffen, die Trauben zum Trocknen in Schläuchen auf den Markt größerer Städte brachten. Diese Reiter haben ein höchst pittoreskes Aussehen; die Art wie sie sich kleiden, der eigenthümliche Sitz auf dem Esel, die edle Haltung gaben uns einen hohen Begriff von der Schönheit des griechischen Volkes. Wir fanden mehrere dieser Männer im Kani; die Meisten waren stark bewaffnet, was ihre natürliche Würde erhöhte. Als sie Dr. F. schnupfen sahen, baten sie ihn um eine Prise, für welche sie mit Grazie dankten. Sie ließen uns ihre Kleider ohne Verlegenheit betrachten und behielten ihre stolze, selbstbewußte Haltung bei. Im Innern des Kani war ein budenähnlicher Raum, in welchem die für das genügsame Land nöthigen Gegenstände, Gläser, Schalen und Töpfe, feil geboten wurden; da darunter auch Liqueure von wenig einladendem Geruche waren, so hielten wir den Rest unserer Rast im Freien.
Im Weiterreiten zeigte es sich, daß mein Gaul mich ziemlich rasch von der Stelle brachte, was nicht bei allen der Fall war. Archivarius K. behauptete, der seinige sei wild und schlüge aus; indessen hatte er nur einen Zuckfuß; der arme Herr hatte nie geritten und mußte nun sein Probestück durch zwölf Stunden auf schlechtem Sattel machen. Zwei Gensd'armen eröffneten unsern drolligen Zug; sie waren ein Gemisch von Baiern und Griechen, der Kopf gehörte dem Vaterlande an, Gewand oder Uniform war griechisch; hinter ihnen ritt in unzerstörbarer Ruhe Graf C., rauchend und stumm die neuen Eindrücke in sich aufnehmend; dann folgten Fürst J. und Baron K.; der erste spähte vergebens nach comfortablen Villas mit schönen Bewohnerinnen; der letzte dressirte, als echter Reitersmann, die Pferde des armen Demetry. Dr. F. machte den Weg mit gemächlicher Ruhe, und ergötzte uns durch interessante Erzählungen, die er uns liebenswürdig vorzutragen wußte; zuweilen erfrischte er sich durch eine Prise; mein Bruder ritt gewöhnlich neben ihm und schützte sich durch einen großen Regenschirm vor der Sonnenhitze. Nun kam G., zwischen die ledernen Schanzen seines türkischen Sattels eingepfercht; beim Auf- und Absteigen mußten ihm mitleidige Seelen Hülfe leisten, denn auch er war des Reitens ungewohnt, schickte sich jedoch recht gut in die anhaltende Bewegung. Ich schwärmte auf meinem feurigen kleinen Schimmel von dem Einen zum Andern, mein chinesisches parasol als Siegesfahne in der Hand, und ergötzte mich an dem lustigen Witze der Gesellschaft. Als wir wieder einmal längs dem Meere und zuweilen auch darin ritten, wurden wir plötzlich von einem vorübergehenden Gußregen überfallen und mußten in einer elenden Hirtenhütte Obdach suchen; der Regen kühlte und reinigte die Luft, und der Abend an unserem Ufer war desto herrlicher, während in Rumelien schwarze Wolken den Parnaß umhüllten. Von einem Städtchen angefangen, das wir anfangs für unser Nachtquartier hielten, wurde die Gegend wasserreich; wir hatten manchen Bach zu durchwaten, in dessen Mitte der Oleander blühte. Bei einem dichten Busche begann das Pferd des vor uns reitenden Gensd'armen sich zu bäumen, das Pferd des Fürsten, neben dem ich gerade ritt, erschrak ebenfalls; doch kamen wir glücklich vorüber; der Fürst aber forderte mich auf, zu beobachten, wie es den Uebrigen bei diesem verhexten Strauche gehen würde; da erblickte ich unsern armen Archivarius, der auf dem dünnen Halse seines Braunen einen verzweifelten Gleichgewichtstanz auszuführen genöthigt war – endlich lag er unrettbar im Grase. Ein mit Schilf bedeckter Esel war's, der diesen Schrecken verbreitete; die Pferde hatten vor der beweglichen Masse gescheut. Ich sprengte zu meinem lieben Archivarius, dem zum Glück nichts geschehen war und der sogar auf das Schnellste wieder im Sattel saß und über seinen Unfall lachte. Etwas vor Sonnenuntergang erblickten wir unser Nachtquartier, das Städtchen Vostizza. Was die Ufer dieses Golfs so überraschend schön macht, sind die in das Meer vorspringenden Erhöhungen, welche die kommenden Buchten verbergen und die schon durchwanderten Meeresküsten den Blicken entziehen. Vostizza liegt auf einer solchen malerischen Erhöhung. Mein Bruder und ich ritten nun mit Fürst J. rasch unserem Ziele entgegen; wir hatten ein breites Flußbett zu passiren, dann ging es eine steile Anhöhe hinan, die wie eine Sandbank ausgewaschen ist; es scheint, daß das Meer einst bis dahin, folglich bei dreißig Klaftern höher als jetzt, gereicht hat. Zwischen dieser Wand und dem Meere dehnt sich eine freundliche grüne Fläche aus, mit Weingärten übersät; einige Häuser erstrecken sich bis an das Meer; mitten unter diesen ragt eine mächtige Platane empor, die die Sage aus den Zeiten des Pythagoras herabstammen läßt. Wir ritten in den oberen Theil der durchaus unregelmäßigen Stadt ein. Der vorausgeeilte Koch des Demetry leitete uns in das Haus, in dem wir die Nacht zubringen sollten. Es stellte ein Wirthshaus vor. Zu ebener Erde befand sich ein großer Raum, der eine breite Oeffnung auf die Straße statt eines Fensters hatte, und als Küche, Keller, Vorrathskammer und Magazin diente; unsere im Entstehen begriffenen Speisen waren von tausend und abermals tausend Fliegen bedeckt, was nicht ermunternd wirkte. Außer den Fliegen hatten sich noch einige neugierige Städter versammelt, deren Geplapper mit dem Gesumme der Insecten ein verwirrendes Concert gab. Ueber eine zitternde Holztreppe stolperten wir in das obere Stockwerk, das zwei sogenannte Zimmer enthielt, in welchen man sich nicht über die neumodische Möbelfülle beklagen konnte; vier nackte Wände waren nicht einmal weiß zu nennen, so hatte sie der Schmutz bedeckt. Auch die Nase wollte sich nicht in die griechische Zimmeratmosphäre finden; dies war keine sehr tröstliche Aussicht nach einem zwölfstündigen Ritt; ich meinte indessen, mit Stroh und unseren Marinaros könnten wir uns wohl behelfen; der Fürst aber behauptete, diese Unterkunft sei dem Contracte nicht gemäß, den wir mit Demetry abgeschlossen hätten; auch sei es unter unserer Würde, unser Hauptquartier in solchen Räumlichkeiten aufzuschlagen. Ich stellte vor, es sei am einfachsten bei der herrlichen Nacht im Freien zu campiren; der Fürst jedoch bestand auf einer ernsten Unterredung mit Demetry, und ich setzte mich unterdessen auf die Brüstung des untern Fensterraumes und betrachtete mir das Treiben der Hellenen. Es zogen einige Züge von beladenen Eseln, Pferden und Maulthieren langsamen Schrittes vorbei. Da es, außer in Athen, in Griechenland gar keine Wagen giebt, so begegnet man dergleichen auf allen Straßen, die auch mitten in den Orten erbärmlich sind. Unsere Erscheinung lockte sehr bald mehrere Honoratioren der Stadt herbei. Seit der englischen Blokade sind Fremde ein seltenes Schauspiel für griechische Augen; ich muß aber gestehen, daß die Einwohner artiger als in unseren fein civilisirten Ländern sind; nickt man ihnen freundlich zu, so danken sie gleich mit dem Gruß des Landes, indem sie die Hand auf Herz und Stirn legen. Nach einiger Zeit kam Demetry mit den Zurückgebliebenen an, und nun machte man seine Forderungen an ein besseres Nachtquartier geltend; statt aller gefürchteten Einwendungen sprach er mit einigen gut gekleideten Städtern, und bat uns ihm zu folgen. Er führte uns in den höher gelegenen Theil der Stadt und introducirte uns mit großer Pfiffigkeit in das schön gelegene Haus eines königlichen Beamten, der nicht wenig erstaunt gewesen sein muß, sich plötzlich von einer so großen Gesellschaft überfallen zu sehen. Dennoch gewährte er uns die orientalische Gastfreundschaft im vollsten Maße. In zwei großen, einigermaßen möblirten Zimmern des zweiten Stockwerkes, die uns eingeräumt wurden, nisteten wir uns auch bald ein. Der Hausherr war selbst zugegen, um auf das schnellste für alles Nöthige zu sorgen, und drückte sich in gebrochenem Französisch auf das freundlichste aus. Aus dem größeren Zimmer führte ein hinfälliger, fast lebensgefährlicher Balcon mit der herrlichsten Aussicht auf die jenseitige Bucht; es war eine südliche Nacht in ihrer vollen Milde und Pracht, die Sterne funkelten wie Diamanten und das Schiff des Mondes schwamm ruhig im blauen Aether; die Stadt mit ihren schönen Gärten lag in stiller Abendruhe, das Meer schimmerte im Wiederschein des Mondes; die Natur feierte einen jener geheimnißvollen Augenblicke der Erholung, in welchem kein Blatt es wagt zu rauschen. Ueber mich kam ein innerliches Sichgehenlassen nach der überstandenen Tageshitze, und erquickend wehte von der See her ein Lüftchen über das schlafende Land; – unterdessen war das Abend- und Mittagsmal in einer Person aufgetragen worden, und wir sprachen ihm, trotz der Fliegenschaaren tapfer zu. Der Hausherr holte aus seinem Keller den besten Wein, den er besaß, und sah mit Erwartung zu, als wir die Gläser ansetzten, um ihn zu kosten; aber nur die Gegenwart unseres liebenswürdigen Wirthes hielt uns zurück unser Entsetzen ganz auszudrücken; es war ein süßlich saures Getränk, das aber durch den Geschmack des Bockschlauches, in dem es aufbewahrt wird, untrinkbar geworden; überhaupt konnte ich mich, so sehr ich für Hellas schwärme, mit seinen Weinen nicht befreunden. Ein heiteres Gespräch verschönte unser Mal; doch endlich forderte der Körper seine Rechte und wir begaben uns zur Ruhe. Es waren nur ein Bett und zwei Divans vorhanden; ein Theil der Gesellschaft richtete sich auf dem Fußboden ein. Gegen fünf Uhr war schon Reveille; es wurde rasch ein Frühstück eingenommen, nach welchem man uns in einen Keller führte, wo zwei sehr schöne antike Statuen lagen. Die Kunstpflege in Vostizza scheint nicht sehr vorgerückt, da man diese schönen Marmorgebilde zwischen Unrath in der größten Dunkelheit liegen läßt. Das eine war eine weibliche Figur, wahrscheinlich eine Ceres mit vortrefflichem Faltenwurf; doch fehlte leider das Haupt; das andere eine schlanke Jünglingsgestalt, deren Glieder ein schönes Ebenmaß zeigten; ein schöner Männerkopf mit edlen festen Zügen lag neben den beiden Statuen; der Marmor war durchsichtig wie der, den man, wie man uns sagte, in Penthelikon brach; daß diese Kunstwerke dem Auge der Bewunderer entzogen, in so unwürdiger Umgebung liegen, beweist, daß bei den Neugriechen, wenn sie auch Muth, Verstand und List von ihren Vorgängern geerbt haben, doch der schaffende Genius nicht mehr weilt; die Blume jeder Kunst ist erstorben, und selbst von den Wurzeln derselben finden wir keine Spur mehr, so daß man auf ein neues Wachsthum nicht ferner hoffen darf.
Als wir in unsere Herberge zurückkehrten, fanden wir unsere Pferde schon vor derselben. Wir dankten unserem freundlichen Wirthe und setzten unseren Weg fort. Man durchstreifte einige Straßen, denen von Patras in malerischem Wirrwarr ähnlich; um halb sieben Uhr verließen wir die Stadt; die Sonne war prächtig über den Bergen von Korinth aufgegangen und kündigte einen sehr heißen Tag an. Am Ende des Ortes sahen wir die erste Palme, die sich majestätisch, fünf Klafter hoch über einen wüsten Kirchhof erhob. Das Sinnbild des Friedens war den Leichen entwachsen, um mit seinem schlanken Schafte den Lebenden zu zeigen wo ihre Zukunft sei. Der untere Theil der ehemaligen Blätter bildet die schuppige Rinde des Stammes, der jedes Jahr eine neue Krone ansetzt, die nur an der höchsten Spitze einen grünen, korbähnlichen Busch hat. Von der Stadt an führt der Weg langsam abwärts in eine breite mit Weingärten bedeckte Fläche, die bis an die höhern Gebirge eben fortläuft. Mehrere trockene Flußbetten mit reichen Oleanderbüschen, durchkreuzten sie, und mündeten in das Meer; die Weingärten waren voll Leben, und wir begegneten häufig Zügen von Arm und Reich in den buntesten Gewändern auf Maulthieren und Eseln reitend, entweder aus den Laubhütten mit gesegneter Rebenernte kommend oder in dieselben ziehend; diese Winzerhütten bieten ein orientalisches Bild; einige Weiber mit verworrenen schwarzen Haaren kochen das frugale Mal in denselben; vor ihnen steht der Herr in ganzer männlicher Schönheit, malerischem Kleid und reichen Waffen, die Kinder kriechen in den großen Melonenhaufen umher, die zwischen den Reben zu voller Süßigkeit und Feinheit heranwachsen, und deren Vortrefflichkeit ich hier erst kennen lernte. Daneben stehen die Gruppen der Lastthiere mit Bocksschläuchen und Körben bepackt, um den gepreßten Most und die vollen Trauben aufzunehmen; die Rebe wird nicht, wie bei uns, an Stöcken gezogen, sie bildet entweder schattige, von leichten Stangen gestützte Dächer, oder sie wirft ihre grünen Ketten von Baum zu Baum; auch schleicht sie auf der Erde hin, und webt ein frisches grünes Netz über die Ebene. Diese freundliche Fläche ist nur so lang wie die Stadt; sobald diese zu Ende ist, rücken die Berge wieder bis an das Ufer des Meeres, so daß sich der Weg zuweilen auf schwindelnden Felsen fortzieht. Wir staunten, wie geschickt die Pferde, katzengleich, ohne zu straucheln, über die steilsten Spitzen hinüber klettern; manchmal lief der Weg wirklich gefährlich an der Wand dahin, deren Fuß die Wellen bespülten, aus denen Felsenspitzen nicht sehr einladend mit ihren phantastischen Köpfen herausragten; mitunter sieht man statt der Felsen Sandkegel, die auf die bizarrste Weise ausgewaschen dastehen. Mich unterhielt es, das schalkhafte Getreibe der Wellen zu beobachten, wie sie solche Höhen bald schmeichelnd, bald stürmisch erklimmen, und ihren Grenzen einen fortwährenden Krieg erklären; die Steine sind oft wie geschliffen; der Weg ging so steil hinunter, daß wir absitzen mußten und die Pferde uns nachliefen; dies ging jedoch bald vorüber, auch ward die glühend heiße Luft durch einen Regen gekühlt. An den hohen Felswänden wuchsen meist Pinus, Lorbeer und die immergrüne Eiche, die sich nur strauchartig erhebt, und kleine glänzende mit Stacheln geränderte Blätter hat; die Frucht übertrifft an Größe bei Weitem unsere Eicheln. In unsern Wiener Gärten ist dieser Baum nicht eingeführt; doch hatte ich die Freude, mehrere Zweige, die ich mitbrachte, zu Hause Wurzel schlagen zu sehen. Die Aeste, die sich malerisch über unsern Weg beugten, waren von Schlingpflanzen umstrickt, von denen ich so viel Samen in meine Reisetasche sammelte, als ich konnte, um wo möglich davon für meinen Garten Nutzen zu ziehen. Nachdem wir noch einige Baien umritten hatten, zogen sich die Felsen weiter vom Meere zurück, und wir befanden uns auf einer zwischen zwei Buchten gelegenen Fläche, die mit Wein und Oliven bedeckt war; auch kamen wir vor dem stärksten und schönsten Feigenbaume vorbei, den ich noch gesehen habe; er stand in der Mitte eines Weingartens, seine Aeste waren mit Körben beladen voll der schönsten Früchte; unsere griechischen Begleiter stürzten auf den Baum los und versahen uns mit den vortrefflichsten Feigen und Trauben, die uns erhitzten und ermüdeten Wanderern eine wahre Labung gewährten; nur wurde leider das Maß nicht ganz eingehalten. Es giebt aber auch auf der Welt nichts süßeres und verführerisches als das griechische Obst, und besonders die honigreiche Feige.
Das Gebirge endigt unmittelbar und ziemlich gefährlich für den Reiter an einem Flusse, über den eine schöne alte Brücke führt; da jedoch derselben ein Bogen fehlte, mußten wir durch das Wasser reiten. Dann ging es eine lange Zeit durch eine schöne Fläche mit üppigen Weingärten; ein feines summendes Gezirpe begleitete uns auf dem ganzen Wege; manchmal wurde es so laut und durchdringend, daß wir es für den Gesang eines Vogels hielten, den wir, einer Wachtel ähnlich, häufig erblickten; als wir das Geschwirr aber von einem einzelnen Olivenbaume herabschallen hörten, und keinen Vogel darauf entdeckten, überzeugten wir uns, daß der Ton von einer Zikade herrührte. Den übermäßigen Durst hatten wir durch Feigen und Trauben gestillt; als sich nun aber auch der Hunger meldete, waren wir froh, von Demetry zu hören, daß sich am Ufer der sich vor unsern Augen neu aufrollenden Bai ein Häuschen befände, in dem wir unser Frühstück einnehmen könnten. Es war im Fluthensande gebaut, wenige Schritte vom Meere, dessen kühlender Wind uns zu Gute kam; denn die Hitze war außerordentlich gestiegen. Das Dach dieses Kani war durchlöchert wie der Hut eines Bettlers; die übrige Einrichtung ganz den früher beschriebenen Herbergen ähnlich. Vor den beiden elenden Gemächern des obern Stockes war ein Balcon, unter dem wir unser Frühstück einnahmen, das aus Kuchen, Eiern und kaltem Fleische bestand. Was dem Male fehlte, ersetzte die gute Laune, obwohl sich einige Stimmen erhoben, die auf mehr Reisebequemlichkeit gehofft hatten. Dr. F. klagte als echter, behaglicher Wiener über Speise und Trank; Professor G. und ich kämpften als echte Reise-Enthusiasten und Hellas-Verehrer eifrig dagegen. Unterdessen zankten und schrien unsere Führer, was uns Gelegenheit gab, den Klang der Landessprache kennen zu lernen; mich begeisterte dieselbe so sehr, daß ich mich auf den wankenden Balcon über uns schwang, und auf unsere Gesellschaft in einer Rede, die den Klang der griechischen Sprache nachahmte, herabdonnerte, was die Heiterkeit sehr vermehrte und sogar die Aufmerksamkeit der Griechen erregte. Die neugriechische Sprache entbehrt im Munde des Volkes des Wohllautes, der ihr, von Gebildeten gesprochen, eigen ist; sie erinnert an das Altgriechische; auch suchen die gebildeten Kreise die klassischen Worte immer mehr wieder einzuführen, und das slavische Element auszumärzen.
Nach kurzer Ruhe setzten wir uns wieder in Bewegung. Ich nahm mit Professor G. die Spitze der Colonne ein, und im ruhigen, innigen Gespräche brachten wir die angenehmsten Nachmittagsstunden zu. Hauptsächlich besprachen wir die magische Wirkung der Farbentöne dieses Landes; er äußerte sich als echter Künstler darüber und ich labte mich an seinem gesunden, tiefdurchdachten Urtheile; während des Gesprächs ritten wir fast immer durch den feinen Sand des Ufers, was den Reiz seiner Reden noch erhöhte. Die blauen Tiefen und hellgrünen Verflachungen des ewig bewegten Wassers fesselten uns unwiderstehlich und lieferten den Beweis, wie richtig er urtheilte; wie ergötzte es uns, in den Wellenschlag hineinzureiten und dies unerschöpfliche Schauspiel ganz nahe vor uns zu haben; welch ein Zauber liegt in der Betrachtung der sich bäumenden Wellen und ihres innern Lebens. Die stärkern unterdrücken und überrollen die schwächern, und ihre herrliche Kraft und Macht verläuft sich zuletzt sanft und lieblich auf dem glänzenden reinen Sande in einem leichten, weißen, eilig vorwärtstrippelnden Schaum; plötzlich zieht sich dann die mystische Fluth zurück und nur die keckesten Ausläufer zerrinnen auf dem Sande. Kaum glaubt man sich im Trocknen, so wälzt sich rasch eine noch mächtigere Welle, wie ein Schwarm zügelloser Pferde, heran und leckt noch weiter wie die vorige mit ihren Zungen in das Land hinein, um abermals in eitlem Schaum zu vergehen, wie das Streben einer stürmenden Seele, das Drängen eines übermüthigen unbefriedigten Gemüths, das gleich den Wellen im Sande verrinnt. Es lag ein wilder Reiz darin, die ängstlichen Pferde in das tobende Element zu führen, und die Wellen an ihren Hufen zerschellen zu lassen. Manchmal wurden die Thiere durch die Kraft der Wogen zurückgedrängt, doch brachten sie unsere Mahnungen bald wieder hinein, und wir genossen mit vollen Zügen das Leben der Fluth. Einen Augenblick wand sich der Pfad aufwärts, und es rollten sich neue Bilder vor uns auf; dies wiederholt sich, da in das Meer hineingeschobene Höhen das ebene Ufer unterbrechen; es war ein interessanter Anblick, wie die Gestalten unserer Reisegefährten sich erst auf dem gelben Sande des Gesteins abgrenzten, dann langsam hinaufklimmend auf der Höhe wie Silhouetten im Blau des Aethers erschienen und dann zwischen zwei Felsen verschwanden; die phantastischen Gestalten bildeten einen romantischen Gegensatz zu der majestätischen Ruhe der Natur. Auf einer dieser Höhen trafen wir auf die Ruinen eines Hauses, oder einer Veste, die durch die Wuth der Türken zerstört worden war.
Man findet im armen Hellas sehr häufig Spuren, die beweisen, wie furchtbar die Hand der Moslim über den christlichen Ländern gelegen hat, und wie schwer sie im Unterliegen noch Rache an den Kämpfern geübt haben; noch lange wird das Land an seinen Wunden bluten, und es wird einer festen Hand bedürfen, um es auf jenen Standpunkt zu bringen, auf dem es den blutig erkämpften Sieg benutzen kann. Von diesem Felsen herab, der wie ein Sockel im Wasser steht, gelangten wir wieder durch Buschwerk und Reben reitend an das Gestade, das wir nicht mehr verließen, bis wir um fünf Uhr in den kleinen Ort Sakoly kamen, der zur Nachtstation bestimmt war. Er ist auch im Ufersande erbaut und hat eher ein türkisches als ein griechisches Ansehen; die Rauchfänge blinkten uns wie Minarets entgegen; außer diesem kleinen Schmucke ist in diesem Dorfe alles ärmlich und auf der untersten Kulturstufe. Wieder wurde uns in der Mitte des Dorfes ein Kani angewiesen, in welchem sich ein kleines Zimmer mit zwei hölzernen Ruhebetten befand; bis das Mal bereitet war, gingen wir am Strande spazieren, und die Kühle des Abends war im Vergleiche mit der vorangegangenen Hitze des Tages so fühlbar, daß wir uns nicht lange an der immer stärker werdenden Brandung ergötzen konnten; die Sonne war herrlich untergegangen und mit dem in Griechenland so gefährlichen Temperaturwechsel trat auch die Dunkelheit ein; noch vor der Malzeit schrieb ich an meinem Tagebuche. Das unbequeme Lager und die Insekten waren schuld, daß wir erst spät einschliefen; wir waren wie die Häringe zusammengepackt, was Anlaß zu manchem Streit und manchem Scherz gab. Kaum hatte ich einige Stunden geruht, als Archivarius K. mich weckte, weil er selbst nicht schlafen konnte und sich daher langweilte; natürlich ließen wir nun auch den Andern keine Ruhe mehr; man brachte das Frühstück und eine ziemliche Zeit vor Sonnenaufgang verließen wir unser Nachtquartier.
Mir war sehr unwohl und nur aus Rücksicht für die übrige Gesellschaft zwang ich mich mitzureiten; mit Sehnsucht erwartete ich die warmen Strahlen der Sonne. Die kahlen Bergspitzen entzündeten sich in reinster Gluth; gegen Korinth wurde das Purpurband der Dämmerung immer klarer und wärmer, bis es sich endlich in dem Augenblick, als die Sonne erschien, in ein goldenes Strahlenmeer verwandelte; die See schickte im Augenblicke, als der Tag erschien, goldene Schäume an das Ufer, die Weinberge glänzten im lichtesten Grün und die Pinie schwang sich leichter in der neu belebten Luft. Doch mein Unwohlsein nahm immer zu, und eine Stunde nach Sonnenaufgang mußte ich mich im freien Felde am Strande lagern. Der liebe Dr. F. hüllte mich in Mäntel und Marinaros ein, und stellte mich so weit her, daß die Caravane nach einer Stunde ihren Weg fortsetzen konnte. Er führte längs dem immer schöner werdenden Golfe hin, zwar eben, aber durch mannigfaltiges Gestrüpp behindert; wir stießen heut öfter auf Häuser, die aber meist verlassen waren, auch biblische Brunnen sahen wir häufig nahe dem Meere. An dem Kani, wo wir frühstücken sollten, standen eine Menge Maulthiere mit Trauben beladen; meine Begleiter stürzten sogleich auf dieselben los, ich aber ging, des Reitens müde zu Fuße voraus. Gegen Mittag erreichten wir Sizia, einen kleinen Ort am Gestade, wo uns Demetry ein für diese Gegend recht nettes, bunt angestrichenes Haus anwies; eine Terrasse hatte die Aussicht auf das Meer; und das Zimmer schien ein Gemisch von orientalischem Geschmack und europäischer Civilisation; es fanden sich darin Divans, goldberahmte Spiegel, etruskische Vasen und Steh-Uhren; doch das Schönste und anregendste war die liebenswürdige Cousine des jungen Hausherrn; sie mochte wohl eine Ahnung von unserer Ankunft gehabt haben, denn ihr Feß saß zu nett auf den braunen Haaren, und der Stoff des mit Pelz verbrämten Kleides war zu prachtvoll für den alltäglichen Gebrauch. Sie schien es gern zu sehen, daß man ihre schöne Erscheinung bewunderte. Wir begaben uns in den Salon und konnten hier die Einrichtung eines wohlhabenderen griechischen Hauses betrachten. Im Orient ist Alles auf glänzende Farben und Pracht berechnet; so gab man uns goldgestickte Handtücher; doch fehlt neben dem verschwenderischen Luxus die gewöhnlichste Bequemlichkeit, während es bei uns eher umgekehrt ist. Fast in allen hellenischen Zimmern hingen die Porträts des Königspaares und der Freiheitskämpfer in einfachen hölzernen Rahmen, wie auch Scenen aus dem Kampfe gegen die Türken; die Bilder aber sind der Männer und ihrer Thaten nicht würdig, und zeugen von geringer Kunstfertigkeit.
Nach kurzer Rast setzten wir unseren Weg gegen Korinth fort, der wieder durch eine reich mit Weingärten bebaute Ebene am Meere hinführt; gegen Abend lag das stolze Akrokorinth mit der Stadt Korinth an der äußersten Spitze des Golfs vor uns. Je näher das Meer ans Ufer tritt, desto dunkelblauer wird seine Farbe und desto ruhiger seine Oberfläche. Die Bauart der Häuser, wie der Schlag und die Tracht der Menschen änderte sich in dieser breiten Ebene; Gesichtsfarbe und Züge nehmen etwas Zigeunerhaftes an, und die Bekleidung ist leicht und von genialster Unordnung; man zieht Stunden dahin, ohne daß man sich der Stadt merklich nähert. Beim Untergang der Sonne erglühte Akrokorinth und einige der höchsten Spitzen in unaussprechlicher Schönheit; andere Berge waren orangenfarb und violett, und nur die entferntesten Höhen hüllten sich in jenes mystische Schwarzblau, das die Sehnsucht und Phantasie über sie hinaus trägt. Die Farbe des Meeres war von einem Blau, wie ich es in der Natur noch niemals gesehen habe; wir ritten still und bewundernd durch die frischgrüne Farbenpracht der Ebene, zwischen der die gelbe Erde an vielen Stellen hervorleuchtete. Unterhalb Korinth flammten die äußersten Spitzen des Oelbaumes zum letzten Male in rosiger Gluth, worauf die Sonne hinter den Bergen von Patras verschwand und der stille Duft der kurzen Dämmerung über die Gegend zog.
Nachdem wir schon glaubten, Korinth sehr nahe zu sein, floh es vor uns wie ein zauberhaftes Trugbild; wir ritten und ritten und konnten es nicht erreichen; die Luft nach dem Sonnenuntergang auf der Ebene war beängstigend, und es bemächtigte sich unser wirklich ein unheimliches Gefühl. Als gerade der Uebergang zur Nacht eingetreten war, nahten wir uns endlich unserem Ziele. Schauerlich, ja entsetzlich erschienen die Ruinen und tiefen Schlünde unterirdischer Gewölbe auf dem fahlen, wüsten, gelben Boden; wir ritten in einem Meer von Steinen; aus den schwarzen Tiefen schien ein giftiger Hauch hervorzuquellen; einzelne Gestalten krochen wie böse Schatten von Trümmer zu Trümmer; es war ein Bild der Zerstörung und des Fluches – wir glaubten durch eine Stadt des Todes zu gehen; endlich kamen wir in einen etwas gesitteteren Stadttheil, wo wieder Leben zu herrschen schien. Wir hielten auf einem kleinen Plätzchen vor einem hellerleuchteten, recht gut aussehenden Hause, das uns wie ein Stern aus trüber Nacht entgegen leuchtete. Es gehörte der Familie N., bei welcher uns unser Wirth ohne unser Wissen angekündigt hatte. Wir wußten uns anfangs nicht recht in unsere Lage zu finden, bis wir zu unserem Entzücken deutsche Laute hörten. Im selben Augenblick kam durch die dunkle Nacht eine große Gestalt auf uns zu und lud uns in deutscher Sprache ein abzusitzen und bei der Familie N. die Nacht zuzubringen. Wir folgten dieser Stimme in der Wüste, die uns in diesem Augenblicke wirklich wie die eines Propheten erschien, und traten unter die Thür des Hauses; hier waren Männer und Frauen in Nationaltracht, offenbar von unserer Ankunft benachrichtigt, versammelt. Der Deutsche war ein seit mehreren Jahren hier wohnender Arzt, Namens H. Er führte uns in einen reinlichen, hübsch eingerichteten Saal im ersten Stock, und stellte uns hier der Tochter des Hauses vor. Eulalia, so hieß die Holde, erschien in einem prachtvollen Kostüme, das ihre blendende Schönheit noch hob – und Helena selbst möchte, wenn sie hätte wiedererscheinen können, die Schönheit der griechischen Frauen nicht würdiger vertreten haben. Sie war eine Glanz-Erscheinung in der ersten Jugendblüthe, ihre schlanke, hohe Gestalt im vollsten Ebenmaße zeigte das herrliche Bild südlicher Vollendung. Die Züge waren die einer antiken Kamee; auf der elfenbeinartigen Haut des Gesichts zeichneten sich mit stolzer Schärfe die dunklen Brauen über den großen, langgeschnittenen Augen, ab. Ihr prachtvolles Haar trug sie in Wellen um die blendenden Schläfe, und auf dem Haupte saß der dunkle Feß mit der langen Quaste, die um ihre Schultern spielte. Leider sprach sie nur griechisch und Dr. H. mußte den Dolmetscher machen. Ihr Vater ist Minister des Innern in Athen, und bald wird auch sie dorthin ziehen, um einen Doctor zu heirathen. In ihrer Begleitung waren noch mehrere Hausgenossen und ein Bruder ihres Vaters, der einige Monate nach unserer Anwesenheit, in einem Parteistreite, von den Bauern umgebracht wurde. Nachdem wir wieder allein waren, setzten wir uns, ziemlich ermüdet von unserem Ritte, um den Theetisch. Archivarius K. war unwohl, und Dr. H., den wir zur Tafel gebeten hatten, lohnte uns die Höflichkeit mit sehr interessanten Erzählungen über die Zustände von Hellas. Diese Erzählungen fielen nicht zum Besten der Einheimischen aus; übrigens übte er nur Wiedervergeltung; denn der Haß der Griechen gegen die Fremden ist so groß, daß sie für dieses Gefühl ein eigenes Wort in ihre Sprache eingebürgert haben; nur vor den Aerzten haben sie einen ängstlichen Respekt, weil sie von ihnen Schutz vor den fürchterlichen Fiebern erwarten, die gerade jetzt in Korinth sehr stark herrschten. Das Baden im Meere und die Luft während der Dämmerung sind gefährlich; bei der Mäßigkeit der Einwohner, und dem sonst guten Klima sind andere Uebel selten. Gefährlicher als das Fieber sind die Räuber; nach den Angaben des Dr. H. treibt der größte Theil der Bevölkerung dieses Handwerk, und es sollen sich ehemalige Genossen dieser Zunft, bis in die Hofatmosphäre erhoben haben. Da alle Männer aus dem Befreiungskriege, Palikaren (Helden) genannt, das Recht haben Waffen zu tragen, so wird ihnen das Rauben außerordentlich leicht gemacht. Oft wird mitten in der Stadt ein Haus gemüthlich belagert; so war unser Nachtquartier in Vostizza einst von einer Bande, während einer ganzen Nacht gefährdet. Reisende thun daher wohl, sich von einer Anzahl von Gensd'armen begleiten zu lassen. Werden solche gefährliche Männer eingefangen, so solle es geschehen, daß sie nach kurzer Haft zu Ehren und Auszeichnung gelangen, da die Protection und Bestechlichkeit noch größer ist, als in den gebildeten Ländern; so kommt es, daß die Höchsten des Landes nicht immer von der ausgesuchtesten Gesellschaft umgeben sind. Auch Parteiungen sollen in einem hohen und traurigen Grade das Land zerwühlen. Der Hauptstreit entspinnt sich zwischen den Familien, die sich im Freiheitskampfe ausgezeichnet haben, und die ein Surrogat für unsere Aristokratie bilden. In jeder Stadt hat eine derselben die Oberhand, während die andern sich bestreben, ihnen diese Macht zu entreißen. In Korinth sind es unsere freundlichen Wirthe, die N., welche die Wahlen leiten und eine Art Herrschaft ausüben. Diese Familie findet ihre Stütze in der Gnade des Königs; der Vater der schönen Eulalia ist, wie schon gesagt, Kriegsminister, ein Bruder desselben Palikare und Flügeladjutant des Königs. Zieht dieser die Hand von ihnen ab, so sind sie, nach der Behauptung des Dr. H., keine Stunde mehr sicher in ihren vier Mauern. Wenn auch die Erzählungen des Doctros nicht ganz von Uebertreibung frei gewesen sein mögen, so waren sie doch immer interessant, zumal da es das erstemal war, daß wir mit Offenheit über das Land und seine Gebräuche reden hörten. Als er die Schrecken des herrschenden Fiebers beschrieb, verschwand unser Archivar plötzlich, und nach vollendetem Abendessen, fanden wir ihn in starker Aufregung; er klagte über heftige Schmerzen im Knie und sah in der That fieberhaft aus; im Innern glaubte er wohl ein Opfer der schrecklichen Epidemie zu sein; er war sehr aufgeregt, wollte aber dennoch den Rath des Arztes nicht hören. Wir zwangen ihm kalte Umschläge auf, und gingen erst zur Ruhe, als er sich etwas erholt hatte. Die Betten waren breit und gemächlich, und die Einrichtung für dieses Land luxuriös; man sah, daß wir sub umbra alarum, im Hause eines Mannes waren, welcher in der Gnade des Monarchen stand. Wir schliefen nach der großen Ermüdung vortrefflich; doch trotz der schwellenden Kissen und dem goldgestickten Leinenzeug, fanden wir am Morgen die Spuren eines blutgierigen Zwergenheeres auf unsern scheckigen Körpern; Pracht und Marter nebeneinander! Schon in aller Frühe erschien der freundliche H. mit unsern Pferden, um uns nach einem kräftigen Frühstück auf das stolze, berühmte Akrokorinth zu führen. Es war fünf Uhr früh, und eine erfrischende Morgenluft ließ uns einen schönen Tag erwarten. Das zunehmende Licht zeigte uns erst recht die Trümmer der einst so blühenden Stadt, aus denen uns, trotz des mildernden Tageslichts, dennoch der Fluch des Himmels entgegengrinste. Wo waren die Paläste, wo die herrlichen Cypressenwälder, wo die zahllosen Denkmale der alten Griechen? Wo wandelten die erhabenen Gestalten der Priesterinnen? Alle Reize, die wir in den Klassikern beschrieben finden, sind verschwunden; des Menschen Geist hat aufgehört zu herrschen, und es sind nur noch die Elemente in ihrer Macht, die uns Bewunderung einflößen. Das Meer, der Himmel und die Berge ziehen unsere Blicke von der zweimal zerstörten Stadt ab, in der nur noch einzelne Ueberreste der Nachwelt die einstige Größe zeigen. Zuerst geleitete uns der Arzt zu den Trümmern des Neptuntempels; sie bestehen nur noch aus vier bis fünf niedrigen Säulen, die im Zerfallen selbst mächtig sind. Zwei derselben sind durch einen horizontalen Steinblock verbunden; einer davon droht ein baldiger Untergang, da aus dem unteren Theile ein großes Stück ausgebrochen ist, das man mit schlechten Steinchen und zerbröckeltem Mörtel ersetzt hat. Stünde der Tempel in England oder Frankreich, so würden ihn die Archäologen mit einem Glaskasten überdecken – denn wo Mangel ist, achtet man den Besitz, und wo, wie hier, die Fülle ist, beachtet man sie kaum. Man kauft hier die niedlichste etruskische Vase um ein Spottgeld, und hebt sie dann zu Hause im Museum als ein Juwel auf; auch ich versäumte die Gelegenheit nicht, einige dieser schön geformten Gefäße an mich zu bringen.
Hinter den Ruinen des Neptuntempels fängt das Erdreich an sich zu heben; wir konnten außerhalb der Stadt, bis zu den Ruinen von Akrokorinth reiten; alles um uns herum war wüst, mit Ausnahme eines mächtigen Feigenbaumes, der einen schönen türkischen Brunnen mit in Stein gehauenen Koransprüchen beschattete; ein mageres Mohrenweib füllte an demselben seine irdenen Krüge. Dr. H. erzählte uns, daß noch einige dieser Kinder des Aequators aus den Zeiten Ibrahim Pascha's hier übrig geblieben sind, während der größte Theil durch die Wuth der fanatischen Hellenen fiel. Ueberhaupt sind in Korinth die gräßlichsten Greuelscenen vollbracht worden; die Muselmänner schlachteten die Wehrlosen mit tyrannischer Hand, und sind später von den siegenden Griechen mit heißem Rachegefühl gemordet worden.
Vom Brunnen aus ward der Weg immer steiler, und bald schwebten wir dem mächtigen Felsen entlang auf schroffer Höhe; die Stadt verloren wir einige Zeit aus den Augen, und von der südlichen Seite der Höhe erblickten wir die außerordentlich starken Festungswerke, die dem steilen Eingange gegenüber stehen. Mauern, Thürmchen und Batterien sind mit kühnem Geiste und praktischem Sinne auf die einzelnen Felsenvorsprünge gepflanzt, ein der venetianischen Macht würdiges Werk. Vor dem ersten schauerlichen Thore stiegen wir von unseren Pferden ab, und mußten das Ende des mühseligen Weges zu Fuß zurück legen. Wir pochten an das große dunkle Thor und ein recht schön uniformirter griechischer Husar öffnete uns von Innen die geheimnißvolle Pforte. Durch einen düsteren Bogen, vor welchem sich die alte Fallbrücke befindet, gelangten wir an ein kleines Häuschen, das jetzt der stolzen Besatzung der mächtigen Festung zur Wohnung dient; sie besteht aus zehn bis zwölf kümmerlich aussehenden Männern, denen nach den Begriffen des Landes der Titel Soldat zukommt. Vor der Kasernenhütte lagen sechs bis sieben venetianische Kanonen ohne Lafetten, als hätten sie sich's, des langen Wartens müde, bequem gemacht. Akrokorinth ist auf der ganz unregelmäßig, sehr großen Oberfläche des Felsens erbaut und umgiebt deren Saum mit einer Mauer, auf der sich von Strecke zu Strecke kleine Thürmchen erheben. Abgebrochene Felsenstücke, große Haufen von Trümmersteinen, nackte Wände kleiner Häuschen, einzelne Kanonen, Menschen- und Thierknochen liegen hier im buntesten Gewirre durcheinander; von irgend einer Ordnung oder von gangbaren Wegen ist keine Rede. In einer der vielen Felsenvertiefungen, in der Nähe des Einganges, befinden sich die meisten Häuserruinen, und in ihrer Mitte eine kleine Kapelle, um welche Feigenbäumchen sprossen. In diesen Hütten suchten die Einwohner von Korinth eine Zufluchtstätte, nachdem die Griechen die Festung das erstemal den Türken abgerungen hatten. Dr. H. machte uns auf zwei, zwischen diesen Trümmern häufig wuchernde Pflanzen aufmerksam: die eine ist die giftige Eselsgurke, deren Früchte bei der geringsten Berührung die Samenkörner mit großer Gewalt herausschleudern, was dem Unvorsichtigen, der das Auge darüber hält, augenblicklich die Sehkraft kosten kann; ich schloß die meinen und stieß mit dem Fuße an die Frucht, worauf ich die Samenkörner an den obern Theil meines Hutes anprallen hörte. Die andere Pflanze umspann das Gestein mit schönem dunkelgrünem Laube; ihre Blüthe war von zauberhafter Weiße und mit einer zahllosen Menge feiner Staubfäden gefüllt; der sanfte liebliche Geruch entsprach der zarten Blume; die Frucht war länglich und gleich einer kleinen grünen Gurke, das Innere derselben war mit rothen Körnern gefüllt. Doch weder Blume noch Frucht geben der Pflanze ihre Bedeutung, sondern die kleinen dunkelgrünen Knöspchen, welche unter dem Namen – der Leser hat es wohl schon errathen – der Kapern auf den europäischen Tafeln ihre Stelle finden.
Wir hatten noch ein gutes Stück längs der Umfangsmauern zu ersteigen, bis wir endlich auf der höchsten Spitze Hellas, wie auf einer Karte ausgebreitet, vor uns liegen sahen. Gegen die tiefliegende Stadt gewendet, sahen wir das dunkle, schmale Band des Isthmus, zwischen zwei von der Sonne beleuchteten Spiegelflächen, die wie zwei, gegen einander gestellte Hyperbeln anzusehen waren. Diese fruchtbare Landenge ist leider unbewohnt und unkultivirt, und nur einzelne Pinienwälder unterbrechen die Fläche des gelben Bodens, der als unbenutzter Schatz daliegt. Es war im Plan, die Landenge mit Deutschen zu bevölkern; doch scheiterte derselbe durch Mangel an Energie der Regierung, dem Fremdenhasse der Griechen gegenüber. Deutscher Fleiß hätte ein ganz schönes Ländchen für die Kultur erobern können, und die vierhundert dazu bestimmten Familien, würden den Nachbarn gezeigt haben, wie reich und wie glücklich man auf einem solchen Boden werden kann.
Die Breite des Isthmus, an sich unbedeutend, schrumpft von hier oben gesehen, noch mehr zusammen. Jenseits des Meeres erhoben sich, unmittelbar am Ufer, himmelhoch die Gebirge von Rumelien und Livadien; die Felsen sind von Bäumen entblößt, der Sonne widerstandslos ausgesetzt, erhalten aber dadurch jene zaubervolle, rosige Gluth, die je nach der Entfernung vom Violett ins Schwarzblau überzugehen scheint. Die Berge können, wie die Menschen, gemein oder würdevoll erscheinen; die Höhen von Hellas erheben sich in edlen Formen, wie seine antiken Heldengestalten; ein Helikon, ein Libetrius, eine Cythero, ragen wie die Manen einer schönen Zeit hervor. In der Richtung von Salamis und Athen hinderten uns Dünste die Gegenstände genau zu unterscheiden; an den gegenüber liegenden Ufern des Meeres sahen wir an unserer Seite des Isthmus, Lutraki, eine kleine Ansiedlung mit einem Dépot des östreichischen Lloyd und einem für die Passagiere des Dampfers bestimmten Wirthshause; jenseits der Landenge liegt Kalamachi, wo die Reisenden wieder von einem Dampfer aufgenommen werden, um nach Athen zu gelangen. Zu unseren Füßen lag Korinth, von dieser Höhe betrachtet, weniger schreckhaft, und trefflicher zu übersehen, wie auf jeder Karte; man sieht von hier mehrere Thürme, mit denen die Türken die Stadt umgeben haben. Der Boden senkt sich von der Stadt sanft zum Meere herab, das ungefähr in einer kleinen halben Stunde zu erreichen sein mag. Vom Felsen von Akrokorinth bis gegen Sigia, erstreckt sich eine ziemlich bedeutende Ebene, auf der, gegen das Meer zu, große, frische Weingärten liegen, während sich, dem Gebirge von Morea zu, ein Olivenwald wohl eine Stunde weit zieht, dessen Früchte den verschiedenen Eigenthümern jährlich eine Gesammtsumme von 50,000 Thlr. einbringen sollen. Die Bäume dieses Haines sind auf eine ziemliche Entfernung von einander, gesetzt und gleichen an Höhe und Form großen Weiden; ihre Farbe ist ernst, und je nach der Sorgsamkeit der Pflege, farbloser oder dunkler; in Dalmatien, so bei Ragusa, wo man den Oelbaum mit besonderer Umsicht behandelt, hat das Blatt einen dunklen, grünblauen Ton. – Die Ebene vor uns verläuft südwärts in einen schauerlich felsigen Engpaß, durch dessen Mitte die Straße nach Nauplia einem Flusse entlang führt. Der Blick, der uns in das Innere von Morea geöffnet war, fiel auf hohes Gebirg, das aber in ungünstiger Beleuchtung farblos und wild erschien, obwohl seine Umrisse höchst interessant sind. Der Gesammteindruck des Rundbildes war erhaben, wild und einsam; nur selten gewahrte man die Spuren der Menschenhand; besonders sah Morea wie eine stille Urgegend aus, die der Mensch noch nicht geknechtet hat. Da unsere Zeit sehr beschränkt und der Weg nach Nauplia lang war, so mußten wir diesen reichen Punkt bald verlassen, nahmen aber unseren Rückweg zum Eingangsthor auf der entgegengesetzten östlichen Seite, von der man Morea und den andern Theil der Festung bequem übersehen kann; er führte uns an einem, in den Felsen gehauenen Brunnen mit trefflichem Wasser vorbei, an dem Korinth überhaupt reich ist; auch eine kleine Kaserne, in der einst Baiern hausten, stieß uns auf; sonst war Alles nackt und felsig. Einige Soldaten schlichen in schrecklicher Uniformirung herum. Der Grieche in Nationaltracht und der Grieche in fränkischer Uniform sind himmelweit verschieden; so stolz, schlank und graziös er in Fustanella und Feß erscheint, so ärmlich, mager und erbärmlich sieht er in der Uniform aus. Durch dasselbe Thor, durch das wir eingetreten waren, verließen wir die Festung, welche die Griechen den Türken nur durch List zu entreißen vermochten. Schade, daß dieses große Werk der Venetianer nun gänzlich zu Grunde geht. Die Mauern zerfallen, und aus den meisten Kanonen mit dem stolzen Markuslöwen ließ die Regierung Geld prägen. Akrokorinth gegenüber ragt zwischen dem Gebirge von Morea noch eine Felsenspitze mit einem festen Schlosse hervor, das der Familie N. gehört. Wir legten den steilen Theil des Rückweges zu Fuße zurück; erst in der Nähe des türkischen Brunnens bestiegen wir unsere Pferde wieder. Vor dem Hause N. fanden wir den Archivarius und Professor G., die großer Ermüdung wegen in der Stadt zurückgeblieben waren; sie hatten sich die Merkwürdigkeiten derselben besehen, und hatten so viel davon zu erzählen, daß mein Bruder, Dr. F. und ich beschlossen, sie in aller Eile noch zu besichtigen. Dr. H. führte uns eine Stiege hinauf in einen halbkreisförmigen Felsenausschnitt von ein bis zwei Klaftern Tiefe, unter dessen Vorsprung die berüchtigte Grotte der Aphrodite liegt. In der Mitte derselben befindet sich eine schmale, niemals ergründete Oeffnung, aus der eine Quelle des frischesten Wassers hervorsprudelt und in einer Aushöhlung des Felsens etliche Schuh über den Grund herabrieselt. In dieser Quelle badeten die zweideutigen Priesterinnen der Venus, deren Tempel gerade über dem Felsenabhange stand; jeder berühmte Grieche, besonders Feldherr, mußte ein Mädchen als Priesterin in diesen Tempel stiften. In dem Innern der Höhle verbreitet das frische Wasser eine wohlige Kühle, mit der das sanfte Plätschern lieblich harmonirt; den Boden bedeckt der feinste Sand, und aus allen Felsspalten sproßt frisches Grün; von der Höhe, wo einst der Tempel stand, senkt sich zu beiden Seiten der Boden allmählig in Hufeisenform herab, so daß man vom Lande aus im Innern der Höhle nicht gesehen wird und nur die herrliche Aussicht auf das Meer genießt. In der Türkenzeit baute ein Pascha dorthin, wo der Tempel einst stand, einen Palast und ließ eine Steintreppe in den untern Raum führen, den er als Bad benutzte. Nun sind Tempel und Palast verschwunden, vor Gottes Zorn über diese sündige Wirthschaft, und die Gärten, Tempel und Theater sammt den 300,000 Einwohnern des alten Korinth sind zu Staub und Schutt geworden. Das jetzige Korinth ist nicht größer als ein deutsches Dorf.
Als wir zurückkamen, stand die schöne Eulalia unter dem Thorbogen, und bezauberte Alle mit ihren Blicken; wir verabschiedeten uns bei ihr, dankten für die gütige Aufnahme, schwangen uns auf die Pferde und ritten gen Nauplia; nur Professor G. saß nicht auf und glaubte zu Fuße leichter fortzukommen; doch außerhalb der Stadt arbeitete er sich mit Mühe und unter fremder Hülfe auf den Sattel; wir brachten ihn auf, behauptend, er habe die Lust am Gehen nur vorgeschützt, um nicht vor den Augen der Braut von Korinth die Sattelhöhe stürmen zu müssen. Es war wirklich gut, daß wir aus Eulaliens Bereich kamen; denn die Gestalt dieser Zauberin hatte berückend auf uns Alle gewirkt. Diesmal begleitete uns eine größere Anzahl Gensd'armen, weil die Felsschluchten, die wir zu durchziehen hatten, den Räubern willkommene Schlupfwinkel bieten. In Nauplia erfuhren wir später, daß die Nacht vor unserer Durchreise, eine Gesellschaft von achtzehn Personen in einem dieser Engpässe geplündert worden war. Das Rauben ist in Griechenland eine hergebrachte Sache. Es scheint, daß die Moralität der Griechen nicht durch die Ideen von König, Vaterland und Nächstenliebe gehoben wird; der eigne Vortheil ist ihr Leitstern; sogar die Heirathen werden nicht aus Liebe, sondern durchgängig aus Convenienz geschlossen, und der Gedanke, an Andern ein Unrecht zu begehen, verschwindet vor dem Vergnügen, den eigenen Säckel zu füllen.
Bald hatten wir die wüste Ebene von Korinth auf schlechten, steinigen Wegen durchschritten; an dem Flusse angekommen, befanden wir uns in einem schmalen Thale, das wir bis Nauplia nicht mehr verließen. Die Höhen rechts und links vom Wege sind pittoresk, aber kahl und schauerlich; nur selten erfreuten uns Piniengruppen und Oleandergebüsche im Flußbette; wie begreift man, daß hinter diesen Feldern von Felsstücken, diesen unzähligen Erhöhungen und Schluchten, der Räuber das bequemste Spiel hat! Die kleinste Schaar kann aus sicherem Hinterhalt die Reisenden überfallen und wenn's Noth thut, spurlos verschwinden machen. Man kann sich keine Gegend vorstellen, die mehr den Stempel des Schreckens und der wüsten Rauheit an sich trägt. Der Karst allein wäre mit dem Anfang unseres Weges zu vergleichen. Von Zeit zu Zeit fanden wir Piquets der Land-Miliz zu unserem Schutze aufgestellt; wir zählten deren sieben; die guten Leute aber sahen in der ärmlichen Landestracht, mit den langen Flinten bewaffnet, so wenig einladend aus, daß wir das erste Piquet für einen Haufen Räuber hielten. Leider machten wir die Bekanntschaft von erklärten Wegelagerern nicht, obwohl mancher dieser Genossenschaft bei uns vorbeigeschlichen sein mag; aber die Gensd'armen verdarben ihnen die Lust; jeder von uns hätte seine heimliche Freude an einem kleinen unschuldigen, urwüchsigen Abenteuer gehabt. Zur Entschädigung kreisten fünf mächtige Adler über unseren Häuptern, und zwei von ihnen hatten die Gewogenheit, uns so nahe zu kommen, daß man jede Feder unterscheiden konnte; dies waren die würdigen Bewohner dieser Steinwüste. Wir hofften an einem derselben die Gewehre prüfen zu können, die wir auf der ganzen Reise mitgeschleppt hatten; doch ehe wir angelegt hatten, waren die Fürsten der Luft der Schußweite entschwunden. Die Hitze war so unerträglich geworden, daß ich meinen Durst an dem Wasser eines romantisch gelegenen, halb verfallenen Mühlenkanals löschen mußte. So schön die Oleander und Reben waren, die diese Fluth umfächelten, so wenig rein und klar war diese selbst. Endlich öffnete sich das schmale Thal und stieg sanft zum Gebirge aufwärts. Ich ward hier lebhaft an unser heimisches Alpenland erinnert, namentlich an das Naßfeld bei Gastein; doch nur an die Punkte, wo die Baumvegetation und die frischen Wiesen aufhören. Hier war es, wo wir eine große Heerde uns unbekannter Ziegen trafen, die, wie die »King Charles« Hunde, lange schwarze, glänzende Haare mit feuerfarbener Zeichnung hatten. Es wäre der Mühe werth, diese schöne Race bei uns einzuführen. – Gegen Ende des Thales nahmen wir unser Gabelfrühstück im Hause eines Gensd'armerie-Piquets neben einer Kapelle, ein. Diese unglücklichen, von einem Feldwebel kommandirten Menschen werden nur alle sechs Monate abgelöst; in dieser Gegend eine Ewigkeit! Der größte Theil der Mannschaft hatte das Fieber, und auch der Kommandant, ein sehr hübscher, freundlicher, junger Mann mußte schwer an dieser Krankheit leiden. Er empfing uns mit großer Artigkeit, und wollte sich uns auf alle mögliche Weise verständlich machen, was ihm aber doch nicht gelang; seine Freude war jedoch groß, als Archivarius K. eine an die Wand geheftete Verordnung, mit Hülfe des Altgriechischen, laut zu lesen und zu übersetzen versuchte. Sein Zimmer, in dem wir frühstückten, war mit den verschiedenartigsten kleinen Kupferstichen und Holzschnitten behangen, was immerhin beweist, daß der Bewohner Bücher in der Hand gehabt haben muß. Die Kapelle neben dem Hause bestand, wie alle griechischen kleinen Gotteshäuser, aus nackten, höchstens vier bis fünf Schuh hohen Wänden, die durch eine lochartige Thüre unterbrochen werden; an der Seite steht auf einem Steine ein hölzernes, meistens mit Heiligen bemaltes Kästchen, das die Stelle einer Armenkasse vertritt; es muß eine große religiöse Scheu dem sonst so räuberischen Volke innewohnen, da nicht das kleinste Kettchen die Brettertruhe an den Stein befestigt. – Nach einer Rast von ungefähr einer Stunde setzten wir unseren Weg fort; bald hatten wir eine stolz geformte Gebirgskette dicht vor uns. Das Thal hatte sich nun zur Schlucht verengt, und wieder war rechts und links vom Flusse alles mit Felsenstücken übersäet, die aber nicht aller Vegetation entbehrten, wodurch die Landschaft zwar rauh, aber nicht mehr so traurig erschien; die Schlucht wurde immer enger, die Quelle des Wassers, das wir lange verfolgt hatten, schien in der Nähe einer Mühle dem Boden zu entspringen; diese lag da wie eine Oase, ein kleiner Raum voll fetter, bewässerter Erde, von Tausenden grüner Felsspitzen umgeben, von denen sich das herrliche dichte Laub der Granaten, Feigen, Reben und das hohe Rohr sonderbar abhob. Um die Mühle sprudelten eine Unzahl von Wässerchen; Olivenbäume neigten freundlich ihr schattiges Haupt, und Hühner pickten eifrig auf der freigebigen Erde. So schattig und südlich erschien alles dem Ankommenden, daß es ihm ein Ersatz für die Steinöde ringsum war. Wir stärkten uns mit trefflichem Wasser und verließen die freundliche Oase, die mit Ruinen von im Freiheitskampfe zerstörter Häuser umgeben war. Dieser Engpaß bildete den Schauplatz einer fürchterlichen Metzelei; Tausende von Türken fielen hier durch das Racheschwert der Griechen. Unser Weg wendete sich ein wenig, und wir gelangten auf eine schmale Straße, auf welcher wir uns zwischen himmelhohen Gebirgen durchwanden. Die bei der Mühle entspringende Fluth fließt in den Meerbusen von Lepanto, während wir sogleich zu einer von den schönsten Sträuchern umgebenen Quelle kamen, deren zum bedeutenden Bache angeschwelltes Wasser, das wir bei zwanzigmal zu durchwaten hatten, sich in den Golf von Nauplia ergießt; die Wasserscheide ist daher außerordentlich schmal; der Weg blieb noch eine lange Strecke von den langsam absteigenden Gebirgen eingeengt; die Wildheit der Gegend hatte jedoch schon bei den Quellen des Baches geendet, die Felsen verschwanden, und das üppigste Gebüsch umgab das Wasser, das wir scherzweise den Amphibien-Bach nannten, da er von Fröschen und an seinen Ufern lagernden Schildkröten wimmelte; diese wurden besonders häufig, als sich der Paß wieder zum Thale erweiterte und sich rechts und links vom Flusse dürre, mit kleinem Buschwerk bewachsene Felder ausbreiteten. Als ich Demetry fragte, warum das Volk diese Thiere nicht zur Speise verwendete, gab er mir zur Antwort, daß man sie für heilig halte. Die Engländer aber lassen sich durch diesen Glauben nicht abhalten, ihre Schiffe damit zu beladen, und sie nach Alt-England zur Bereitung der leckeren turtle soup zu bringen. Da sie einen Monat ohne Nahrung aushalten, so bekommen sie unterwegs nichts zu fressen. Auch wir nahmen einige mit; die Kleinsten waren größer, als das Innere der Hand, die Größten über einen Schuh im Durchmesser; es war nicht ganz leicht, diese Thiere zu fangen, da sie trotz ihres unbehülflichen Baues ziemlich schnell fortkommen.
Das Thal zog sich noch einige Stunden gleichförmig dahin, bis wir endlich um vier Uhr, ziemlich ermattet, den Ausgang erreichend, eine herrliche Aussicht genossen. Es war ein schöner duftiger Nachmittag; die Sonne glänzte im blauen Aether und warf deutliche Schatten auf die schöne Ebene von Napoli di Romania, das in hellen Farben glänzte. Die das schmale Thal bildenden Bergketten liefen zur linken Seite in malerischen Bogen, bis an den klaren Spiegel des Golfs, und endeten in dem schön geformten Palamides, dessen Fuß an der Meerstadt Nauplia wurzelt. Jede Zacke dieser gekrönten Höhe zeichnete sich auf dem blauen Hintergrunde ab. Rund um denselben schimmerte es von Häusern und mächtigen Bäumen, die im lieblichen Farbenspiel verschwammen; gerade vor uns breitete sich die gesegnete Ebene bis an den Rand des Meeres aus, und erinnerte mich an die lombardischen Gefilde; Bäume, Weingärten und Felder wechselten hier im buntesten Gewirre; zur Rechten schloß der stolze Argos, dessen festes Schloß ebenfalls auf einem Felsen ruht, die Bergreihe; der Ort Argos lehnt sich an dessen Fuß. Jenseits des schönen Golfes zeigen sich in dunklen Umrissen die Gebirgsketten, deren letzte Ausläufer das Kap St. Angelo und das Kap Matapan bilden; zu unsern Füßen, kaum ein paar hundert Schritte entfernt, lag am Fuße des Berges Mycene, die ehemalige Residenz Agamemnons; – jetzt ist sie ein kleiner verfallener Ort auf einem wüsten Abhange. Ein Felsen birgt die Höhle, in welcher der Atriden Sohn begraben sein soll. Leider durften wir das alles nicht näher betrachten, da die Entfernung bis Nauplia zu groß war.
In einem Hause, am Beginne der Ebene, die nun vor uns lag, fanden wir zu unserer angenehmen Ueberraschung den östreichischen Konsul, welcher nach seiner Aussage, seit achtundzwanzig Stunden mit einigen Wagen auf uns gewartet hatte und zu befürchten anfing, daß wir, wie unsere achtzehn Vorgänger, von Räubern angepackt worden seien. Der Mann war italienischer Race; er trug einen blauen Paradefrack, und auf den Haaren ruhte eine Kappe, wie sie die Marine-Offiziere tragen, doch mit einem ungeheuren Lederschirm versehen; seine außerordentliche Beweglichkeit verrieth seine Nationalität, und wurde durch eine merkwürdige Zungenfertigkeit unterstützt; wir erfuhren später, daß er, außer dem Amte eines Konsuls, auch noch das eines Apothekers verwaltete; ich werde ihm für seine Aufmerksamkeit, uns Wagen entgegen zu bringen, ewig dankbar sein; denn wenn wir auch über Stock und Stein ganz jämmerlich und halsbrecherisch tanzen mußten, so war es doch eine Wohlthat, nach dem ermüdenden Ritt auf schlechten Satteln, von Sonnengluth gebraten, fahren zu können. Wir waren bei vortrefflicher Laune und schickten uns lachend in die kleinen Unannehmlichkeiten unserer Lage. Mein Bruder, Fürst J., Baron K. und ich nahmen eines dieser gebrechlichen, wankenden und schwankenden Wägelchen mit Sturm ein. Wir preßten uns möglichst in den engen Raum zusammen, und fort ging's in sausendem Galopp; die alten Gäule streckten und reckten ihre Glieder, und unser Hypolitos erhielt sie mit einer langen Gerte und furchtbarem Geschrei in Bewegung. Denkt man sich unter unserem Pferdelenker einen schlanken, athletisch gebauten Helenen mit dem antiken Götterfunken auf der hohen leuchtenden Stirne, so ist man ganz auf dem Holzwege; er erhob sich kaum einige Schuh über die Erde, ersetzte jedoch, was ihm an Größe fehlte, durch ein ungeheures Feß, das er anders, als seine griechischen Brüder, wie eine phrygische Mütze steif aufgestülpt trug; eine schwarze Kravatte schnürte ihm den Hals zu, aus der, gleichfalls der Landestracht ganz fremde Hemdkragen, wie Scheuleder hervorragten; im Uebrigen war er mit der Fustanella, dem Spencer und den Gamaschen bekleidet. Baron K. suchte ihm auf italienisch, welches die Verbindungssprache im Oriente ist, begreiflich zu machen, daß er nicht so unsinnig über alle Hindernisse dahin jagen solle; er aber hieb immer mehr in seine Renner ein und erschreckte sie durch mißtönendes Geheul; bald entdeckten wir, daß er weder seine Thiere, noch die Richtung, die wir bei dieser steeple chase einhalten sollten, sehen konnte, da sein großer Lederschirm weit über seinen Augenpunkt hinaus ragte; plötzlich erhob er sich, streckte das Kinn mit dem rothen Bart weit vor, faßte seinen Schirm mit beiden Händen und blickte mit Erstaunen auf die rasenden Gäule herab; dann wendete er sich zu uns und fragte uns – in deutscher Sprache, ob es uns gefalle, etwas langsamer zu fahren. Baron K. versicherte ihm, daß dies unser heißester Wunsch sei. Wir erfuhren nun, daß er von baierischen Soldaten etwas deutsch gelernt hatte; seit der Emanzipation vom deutschen Joche! und dem neu angefachten Fremdenhasse schien er seine Studien ziemlich vernachläßigt zu haben. Kurz vor der Stadt, bei dem Anfange einer schönen Allee, hielten wir, um die Ruine der altgriechischen Festung Tyrene zu besehen. Ihr Ursprung verliert sich in die Zeit der Mythen, und die Mauern scheinen Cyklopen-Arbeit; man glaubt sich eher in einem Haufen von vulkanischen Auswürfen, als in einem von Menschenhänden zusammengestellten Baue, und die Vollbringer desselben machen dem Geburtsorte des Herkules alle Ehre; aber der Tag begann schon zu sinken und wir konnten uns auch hier nicht so lange aufhalten, als das Interesse des Ortes es erfordert hätte. Die obenerwähnte Allee giebt dem Eingange von Nauplia ein civilisirtes Ansehen; wir hielten am Thore, um die Stadt zu Fuß zu durchwandern; leider aber dunkelte es schon – dennoch schien uns Räumlichkeit und Bauart der Festung, Patras zu übertreffen, und eher das Gepräge eines italienischen Städtchens zu tragen, was bei Patras nur in der äußeren Lage der Fall ist; dieses ist aber viel herrlicher und von der Natur begünstigter gelegen, als Nauplia. Da die Nacht uns nicht erlaubte in Einzelnheiten einzugehen, so ließen wir uns zum Hafen führen, wo uns eine Barke des uns vorausgeeilten werthen »Vulkan« aufnahm und an Bord brachte.
Das Gefühl, das uns bei dem Betreten unseres Schiffes beschlich, war, als ob wir nach langer Trennung, in das heimathliche Haus zurückgekehrt wären; wir freuten uns Abends, nach merkwürdig durchlebten Tagen, auf das Verdeck zu treten, und dann in stiller Nacht, in den kleinen traulichen Kabinen unsere Gedanken zu sammeln, und die frisch und mannigfaltig eingeprägten Bilder vor unserem Geiste vorbeiziehen zu lassen. Nirgends läßt sich's besser nachdenken, als in solch einem kleinen Bretterraum, zwischen Himmel und Wasser, und jedem Philosophen möcht' ich rathen, seinen Wohnort in dem Winkel eines Schiffes aufzuschlagen. Im sogenannten Räderkasten, in welchem wir gewöhnlich unsern Imbiß einnahmen, fanden wir das herrlichste Obst, welches die Frau des Apotheker-Consuls dem Kapitän übergeben hatte; ein wahres Wunder der Natur war darunter, eine zwei Schuh lange Traube, die uns natürlich an das Prachtexemplar von Kanaan erinnerte, welches die mannaphagen Hebräer von Kanaan in ein eben so gottseliges Entzücken gebracht haben mag, wie uns. Wir hingen dieses Wunder der Naturkraft unangetastet an die niedere Decke des Raumes, so daß die unteren Beeren bis auf den Tisch reichten. Als ich am späten Abend auf das Verdeck trat, schien der Mond in südlicher Pracht auf den Golf und dessen romantische Ufer; seine Strahlen tanzten sanft auf den leicht bewegten Wellen, hinter denen aus dem mystischen Dunkel einer südlichen Nacht die Dächer und Spitzen der Stadt hervorragten, über der sich, gleich einem riesigen Wächter, der graue Palamides erhob. In der Mitte des Silberspiegels lag, von den Wellen sanft bespült, das vom geisterhaften Mondlicht erleuchtete Festungswerk If, dessen Bauart und Name den türkischen Ursprung verräth. Jetzt ist dieser, auf kleinen Riffen sich erhebende Thurm, ein Gefängniß. Es war ein Bild wie aus einem Walter Scott'schen Roman, und jeden Augenblick erwartete man den taktmäßigen Ruderschlag eines Retterbootes; doch heute Nacht mußten die armen Gefangenen vergebens seufzen, und ich glaube auch, daß sich unter diesen hier kaum einer befand, der würdig gewesen wäre, der Held eines Romans zu sein. – Bald ward es auf dem Verdecke immer stiller; der Schlaf breitete seine Fittige über die lustigen Reisenden; zuweilen nur hörte man halb im Traum, das beruhigende: »Alles wohl« des wachsamen Nachtpostens. Erst am hellen Tage erwachte die Gesellschaft zu neuen Unternehmungen gestärkt; der Vormittag war der Besichtigung von Nauplia bestimmt. Die Stadt bestand schon, wenn auch ohne Bedeutung, unter den alten Griechen; ihre großartigen Festungswerke verdankt sie dem überall schaffenden Geiste der venetianischen Republik, und auch über ihren Thoren prangt der Markuslöwe mit seinen sich weit ausbreitenden Schwingen. Den türkischen Händen wurde sie durch die Griechen entrungen. Hier war es, wo sie ihren neuen Herrscher zum erstenmale begrüßten, welcher lange Zeit in einem schlichten Hause auf einem kleinen Platze dieser Stadt residirte, und erst in den folgenden Jahren, Athen zu seiner Hauptstadt erkor. – Zuerst wurde das Arsenal besichtigt; es steht auf dem von den Venetianern schon dazu bestimmten Platze. Da die Griechen alle Kriegsbedürfnisse aus dem Auslande kommen lassen, so genügen die an den Umfangsmauern aufgestellten Hütten, um die beschädigten Waffen auszubessern, und allenfalls einige Kleinigkeiten neu anfertigen zu lassen. Die Räumlichkeiten sind keineswegs sehenswerth, und nur als rührende Bestrebung eines so lang unterdrückten Volkes kann dieses Arsenal denjenigen interessiren, der Antheil an dem Aufkeimen des Hellenenreiches nimmt. Da die Kommandanten die Güte hatten, uns überall herumzuführen und Alles zu erklären, so machte Fürst J. als ausgezeichneter Militär einige Bemerkungen, die ihnen sehr schmeichelhaft waren. Von hier gingen wir durch Straßen, die schon anfangen das Gepräge des Orients zu tragen, nach dem Landthore der Festung, und waren nach einer kleinen Strecke am Fuße des berühmten Palamides. Mächtig und stolz steigt der Fels aus dem Schoße der Erde; nur von einer Seite steht er mit der Gebirgskette in Verbindung; seine Farbe spielt vom Gelb in das Rothe, hin und wieder umwuchert ihn der fleischige, gelbblühende Kaktus, dessen Frucht von den Einwohnern sehr gerühmt wird. Gegen die Meerseite führt die, mit einem Parapet versehene und mit Batterien bespickte Marmorstiege zur Festungskrone hinauf; leider trübte sich das Wetter immer mehr, und zuletzt fiel gar ein feiner Regen. Wir ließen uns aber doch nicht abhalten, die 692 Stufen, die in das Innere des Adlernestes führen, unter der Leitung des Kommandanten zu erklimmen. Eine Wache griechischer Jäger empfing uns an der Pforte. Von den oberen Batterien übersieht man die Stadt in Vogelperspective. Dieselbe verbindet sich mit dem Fuß des Felsens und breitet sich auf einer Landzunge aus, die der Golf umspült. Die Häuserhaufen scheinen uns von diesem Standpunkt, für das so arm bevölkerte Land, ziemlich bedeutend; vor unseren Augen entwickelte sich ein enges Netz von Straßen und Plätzen, in denen die Bevölkerung emsig hin und her zog – Kirchen, Häuser, Baumplätze, alles erschien kleiner, als es ist, scharf begrenzt von den mächtigen Venetianer-Mauern, und der Stadtplan konnte nicht deutlicher aufgenommen werden, als er uns von der Höhe des Palamides erschien. Von der Stadt aus führt eine Erdenge zwischen Meer und Felsen zur Ebene, von der aus sich eine zweite Stadt mit freundlichen Häusern an den Berg zu lehnen scheint. Am Fuße dieser neuen, mit Gärten umgebenen Ansiedlung, steht ein großer Felsblock, in dessen eine Seite das kolossale Bild eines verwundeten Löwen gehauen ist. Es wurde von König Ludwig zur Erinnerung an die in Hellas gefallenen Baiern errichtet. – In der Ferne sahen wir durch einen leichten Nebelschleier Argos und die felsigen Riesenmauern, aus denen wir Tags zuvor durch einen schmalen Thorweg herausgetreten waren. An der Rückseite des Palamides erheben sich noch höhere Gebirge, die vom Inneren der Festung nur durch einen großen, in Stein gesprengten Graben getrennt sind. Nach der neueren Taktik müßte zur Sicherung des Platzes ein Außenwerk auf dieser dominirenden Höhe angebracht werden; doch hier kämpft man noch Mann gegen Mann den muthigen Kampf des Alterthums, und schickt sich nicht die von ferne zerstörenden Geschosse zu; auch ward der Palamides von den Venetianern nur wegen der Sicherung des Hafens befestigt. Das Innere des Platzes ist mit Wohnhäusern und Kasernen angefüllt, die auf dem unregelmäßigsten Boden stehen; fast so bemerkenswerth, wie die mächtigen venetianischen Ruinen, ist die maßlose Unordnung, die hier herrscht; die Soldaten sehen wie die Hühnerdiebe aus, und selbst der Kommandant hatte etwas Rohes und Ungebildetes. – Nachdem wir das ganze Terrain mit seinen Bastionen, Erhöhungen und Vertiefungen abgegangen hatten, stiegen wir die vom Regen schlüpfrig gewordenen 692 Stufen wieder herab und durchwanderten dann die Straßen der Stadt. Die Häuser sind fast alle hoch und schmal, und in jedem Stockwerk mit einem Balcon versehen; zu ebener Erde sind offene Buden, die an den engen, finsteren Straßen hinlaufen. Die ziemlich zahlreichen Kirchen sind im alt-byzantinischen Style erbaut; auch ein katholisches Gotteshaus von ziemlich unkirchlicher Außenseite ward uns gezeigt. Der Konsul sagte uns, daß die Katholiken in dieser Stadt auf jede Weise verfolgt werden. Die Altkirchler verbreiten die lächerlichsten Mährchen über sie; so erzählen sie, daß die Geistlichen jeden Sterbenden beim Administriren erdrosseln. Die Bevölkerung stört den Gottesdienst, wo sie nur kann. Auf einem der kleinen Plätze sahen wir einen ziemlich plump gearbeiteten Marmorsarkophag, der die Reste Ypsilantis enthält, und diesem Helden von seinem Bruder gesetzt worden ist. Das Haus und der Platz, wo König Otto gewohnt hat, sind unbedeutend, hingegen interessirte uns ein anderer, auf dem noch Häuser aus der Türkenzeit stehen, die nur noch durch ein Wunder zusammenhalten; denn die Stützen und Gitter der balconartig hervorragenden ersten Stockwerke – einer Bauart angehörend, die wir später in Smyrna verherrlicht sahen – waren zum Einstürzen morsch und faul; dennoch ist der Anblick dieser bizarren Formen und lebhaften Farben malerisch. Schon dies Alles erfüllte meine Phantasie; wie aber ward sie angeregt, als ich aus einer der wenigen Oeffnungen eine schöne, in schwarze europäische Kleidung gehüllte Dame herausblicken sah! Ein schlanker Mann im französischen Frack stand hinter ihr; woher diese traumhafte Erscheinung kam, blieb uns unerklärt; höchstens könnte ein Engländer-Paar die Idee fassen, sich unter diesen Trümmern begraben zu lassen. Auf einem der Festungswälle, unmittelbar am Meere, steht eine herrliche dreihundertjährige Dattelpalme, deren imposante Höhe sich aber leider nicht ganz geltend machen kann, da ein großer Theil des schlanken Stammes, in der Erde verschüttet ist; auf unseren Wunsch, einige der in der Krone wachsenden Früchte zu erlangen, stieg ein langer Grieche, in weiten blauen Pluderhosen, mit großer Fertigkeit den schlanken Stamm hinan, und warf die grünen Früchte, zum Jubel der untenstehenden Bevölkerung hinab. So schön das Klima ist, so werden die Datteln doch nicht ganz reif und fallen nutzlos zur Erde. Unmittelbar neben der Palme ist in der Festungsmauer ein schöner türkischer Brunnen mit fein gearbeiteten Koransprüchen angebracht, die der religiöse Sinn der Mohammedaner überall einfügt; auch muß man ihr Talent, schöne Punkte für die Brunnen zu finden, bewundern, wie es hier am Fuße der Palme mit der Aussicht auf den schönen Golf in so hohem Maße geschehen ist.
Wir kehrten zum Quai zurück, ruderten an Bord des Vulkans und sagten Napoli di Romania »Ade«, um dem Pyräus zuzusteuern.