Der Bazar von Smyrna.
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Wer hat nicht »tausend und eine Nacht« gelesen? Wer hat nicht geträumt von türkischem Luxus, orientalischer Fülle und Pracht? und der mageren Traumgestalt des Schätze tragenden Kamels? Wer hat nicht vom nutzbringenden Hausfreunde des Orientalen, dem fleißigen Langohr gehört? Alles dieses findet der Leser vereinigt in einigen mit Holz und Tüchern bedeckten Straßen von Smyrna, welche die Moslemin Bazar nennen. Als ich mich das erste Mal in diesen langen, hohen, vor der Sonnenhitze geschützten Straßen befand, glaubte ich zu träumen. Alles wogt in bunten Farben und mit dem verwirrendsten Geschrei durcheinander. Auge, Ohr und Nase werden auf einmal in Anspruch genommen, und es braucht lange Zeit, bis man anfängt sich zurecht zu finden; und noch dann verwischt ein Bild das Andere, so daß es mir außerordentlich schwer wird, den Eindruck, den das Ganze auf mich machte, wieder zu geben. – Der Bazar befindet sich zwischen der Türken- und der Frankenstadt. Er nimmt einen großen Raum ein und seine Gassen kreuzen sich nach allen Richtungen. Inmitten derselben befinden sich auf kleinen Plätzen Moscheen, Baumgruppen mit marmornen Brunnen und öffentliche Badeorte, wodurch bei der unendlichen Anzahl von Buden eine angenehme und malerische Abwechslung hervorgebracht wird. Daß sich diese öffentlichen Gebäude im Mittelpunkt der Kaufwelt befinden, hat darin seinen Grund, daß der Bazar das Leben der Stadt, ja der ganzen Provinz vereinigt. So leer die Gassen der eigentlichen Türkenstadt sind, so überfüllt sind diese Räume. Alle Geschäfte werden hier abgeschlossen, alle Wünsche hier befriedigt. Die Sendboten der entfernten Gegenden sind die genügsamen Kamele, welche unter immerwährendem Läuten der Glocken an ihrem Halse, gewöhnlich zu fünfen hinter einander angebunden, schwer bepackt die Straßen durchziehen; den nöthigen Raum um die Menge zu durchschreiten, verschafft ihnen das Geschrei des mohammedanischen Treibers, welcher, im buntesten Kostüme seinen Tschibuk rauchend, auf einem kleinen Esel die Spitze der Caravane bildet. Oft ist man genöthigt, sich vor einem solchen Zuge in die Buden zu flüchten. Die meisten der Letzteren befinden sich in hölzernen Räumen, welche sich an einander reihen und auf deren oberem Theile sich das Dach stufenweise von einer Seite zur andern aufbaut. Das Gebälke ist überall sichtbar und hat die Naturfarbe. Gegen die Gasse zu befinden sich große breite Oeffnungen, wie bei unsern Jahrmarkt-Buden, nur in einem viel größeren Maßstabe. Der eine Theil derselben erstreckt sich bis auf den Boden und bildet hierdurch die Thüre, welche eine Stufe von der Erde trennt. Vor dem andern Theile befindet sich ein langer kistenartiger Auslagetisch, auf welchem zwischen den aufgeschichteten Waaren gewöhnlich der Mohammedaner mit untergeschlagenen Beinen sitzt, pathetisch seine Nargilé raucht und seinen Kaffee aus kleinem Schälchen schlürft. Den regelmäßig edel gebauten Kopf desselben umgiebt ein aus langen Tüchern graziös gewundener Turban; von dem Kinn wallt der mächtige Bart auf den geöffneten pelzverbrämten Kaftan; die Beine bekleiden bis zu den Knien weite faltenreiche Hosen; der untere Theil ist bei den ärmeren Leuten gewöhnlich entblößt, bei den reicheren mit weißen Strümpfen bedeckt. An den Füßen tragen sie schwarze Schuhe, oder in gebogene Spitzen auslaufende gelbe Pantoffeln. Der Eindruck, den ein Mohammedaner im alten Kostüme, vom Aermsten bis zum Reichsten macht, ist würdevoll und malerisch. – Die Oeffnung der Kaufläden umgeben hölzerne Stangen, an welchen die Waaren im buntesten Gewirre hängen; die schönsten sind die, in welchen man türkische Stoffe, Teppiche und Kleidungsstücke verkauft. Wir traten in mehrere derselben ein und ergötzten uns an der Ruhe und Unbeweglichkeit, welche die Türken während dem Verkaufe beibehalten. Sie haben ein edles Vertrauen in die Ehrlichkeit des Käufers, während die griechischen Kaufleute von einer außerordentlichen Beweglichkeit und Geschwätzigkeit sind, und schlau jede Bewegung des Käufers mit ihren dunkeln, verschmitzten Augen verfolgen. Die Teppiche, deren wir mehrere kauften, sind meist aus Persien und zeichnen sich durch Frische der Farben und schöne Zeichnung aus; die Weichheit und Wärme derselben ist bekannt.
Kleiderstoffe und Echarpen werden gewöhnlich in einer Fabrik in Brussa verfertigt; sie sind sehr fein und schmiegsam. Der Preis derselben ist außerordentlich niedrig; nur anfangs erschraken wir über die großen Summen von Piastern, welche die Türken für jeden Gegenstand fordern; bald waren wir jedoch hierüber aufgeklärt, indem wir erfuhren, daß zehn dieser Piaster nur 1 Gulden in Conventionsmünze ausmachen.
Eine besonders schöne Auswahl und geschmackvolle Farbenpracht findet man in gestickten Stoffen, welche für Pantoffeln, Kappen, Kissen und Beutel verwendet werden. Eine feine gelbe Seide, mit goldenen Fäden untermischt, giebt ihnen einen lebhaften Schimmer, welcher gegen den schwarzen, rothen oder blauen Grund sehr gut contrastirt. Erst von den Kaufläden aus hatten wir etwas mehr Muße, das Getreibe um uns in den Straßen zu betrachten. Türken, Griechen, Armenier und Juden umwogten uns. – Die Letzteren stachen gewaltig durch ihren geistreichen, schlauen Ausdruck hervor, welcher zu den gutmüthigen Türken in lebhaftem Gegensatze steht, besonders da beide Nationen fast ein und dasselbe Kostüme tragen. Zwischen dem männlichen Volke erschienen die Frauen der Türken, Stirn, Aug' und Nase mit schwarzem Flor umhüllt, der, wie man mir sagte, mit dem Alter immer undurchsichtiger wird. Von dem Kopfe um das Kinn und den Leib schlingt sich ein weißes Tuch; unter demselben erscheinen beim Knöchel blaue weite Beinkleider, welche in gelben oder violetten Pantoffeln enden. Den Frauen folgen gewöhnlich schwarze Sclavinnen, welche sich nur in ein weißes Tuch hüllen und ihre dicken aufgeschwollenen Gesichtszüge den Blicken der Männer Preis geben. Zu den merkwürdigsten Erscheinungen der Bazarwelt gehören die berühmten türkischen Lastträger. Diese Leute haben ein matratzenartiges Kissen über Rücken und Schultern, auf welchem sie in vorgebeugter Stellung Lasten von fünf Zentnern tragen. Man sagte uns, daß einer auf diese Art ein ganzes Clavier trage. Professor G. begegnete einem, welcher eine complete Hauseinrichtung fortschleppte. Auch zu vieren tragen sie an schweren Stangen kreuzweise außerordentliche Lasten. Oefters trafen wir auf Mohammedaner mit grünem Turban, was besonders gut aussieht; es sind dies Abkömmlinge des Propheten, die jetzt Melonen und Feigen in den Straßen Smyrna's verkaufen; so steigen und sinken die irdischen Größen. –
Wir unternahmen eine vollkommene Entdeckungsreise in die verschiedenen Theile des Bazars. Das erste, was uns auffiel, waren die Vegetabilien, welche hier verkauft werden. Ganze Berge von Melonen häufen sich auf den Straßen, tausende von Schachteln mit Feigen gefüllt, welche die Muselmänner mit dem Daumen kneten, sind für die europäischen Leckermäuler aufgeschichtet. Lager von herrlichen Sultanatrauben, breite Kuchen von Honig und Mehl, alles dies lockt das Auge des Hungrigen an, und bringt gar manchen Piaster zu Tage. Eigenthümlich sind eine Art Restaurateurs, welche in ihren Boutiquen zwei aufrecht stehende Spieße immerwährend drehen. An dem einen derselben befinden sich aneinander gepreßte glühende Kohlen in Säulenform, an dem andern sind hunderte von Fleischstückchen aufgespießt; durch diese zwei beweglichen Colonnen wird das Hammelfleisch für die Moslemin gebraten.
Einige der Bazarstraßen sind mit Juwelieren gefüllt, bei welchen man die schönsten gravirten Steine findet. Ich kaufte mir einige derselben, unter andern einen Talisman, in dem ich mir aber meinen eigenen Namen in türkischen Lettern von einem Mohammedaner in der Nähe einer Moschee einstechen ließ.
Diese kunstreichen Arbeiten werden mitten unter dem Volke in freier Luft gemacht. In den Straßen der Juweliere erfreuten wir uns an einem Zuge türkischer Ehrlichkeit. Fürst J. sah in einem gläsernen Kasten einen silbernen Ring mit grünem Talisman; ihn lockte die Form des Geschmeides, und er gedachte es zu kaufen. Der Besitzer des Ringes war jedoch nicht gegenwärtig. Da kamen die Nachbarn, erbrachen den Kasten und gaben einen Preis an. Der Fürst fand ihn zu hoch, man kam ins Handeln, worauf der Kauf ohne Beisein des Herrn abgeschlossen wurde. Auf dem Wiener Kohlmarkte könnte man sich auf diese Art nicht helfen; gleich würde die Sicherheitswache herbeieilen und über Diebe und Räuber schreien; nur in barbarischen und uncivilisirten Ländern ist so etwas möglich.
Wir mußten sehr lachen, inmitten dieses Geschreies Lärmens und lebhaften Treibens auch eine Schule anzutreffen, welche sich ebenfalls in einem Kaufladen befindet, indem die Schullehrer einen Handel mit der Gelehrsamkeit treiben; doch muß die mohammedanische Jugend viel fleißiger sein, als die unsere, da sie in dem Mittelpunkt des Weltgebrauses koranfest wird. Das Geschrei, welches dem Munde der Jugend entfuhr, war außerordentlich; vielleicht, daß sie auf diese Art die Zerstreuungen der Welt zu übertönen suchen.
Besonders reizend in dem Bazar ist es, wenn der Blick durch die langen, gedeckten, bunt ausstaffirten Räume schweift und am Ende auf einem, von Bäumen beschatteten Plätzchen ausruht, welches der Centralpunkt von vier bis fünf Straßen ist. Einzelne Strahlen der Sonne und blaue Himmelsblicke dringen in diese Lichtungen ein und erhöhen den orientalischen Farbencontrast; doch neugierig späht wieder das Auge unter die Bretterdächer und blickt in das Halbdunkel der sich öffnenden Straßen; überhaupt finden sich die schönsten Farbeneffekte und Wechsel von Licht und Schatten in diesen südlichen Regionen; vom Kleide des Menschen bis zur Wolke am Himmel zeichnet sich alles kräftig und lebendig, und darum findet hier der Maler ein dankbares und doch schweres Feld für seine Kunst; denn nur wenige Bilder habe ich in Europa gesehen, welche den Ausdruck des orientalischen Lebens wahr wieder geben; die wenigen aber, in denen dies gelungen ist werden leicht als übertrieben gescholten.
Aus dem Bazar geriethen wir durch ein Seitengäßchen auf einen Lagerplatz der Kamele. Ein höchst merkwürdiger Anblick, 40 bis 50 dieser Thiere in den verschiedensten Gruppen beisammen zu sehen. Ihre gelbe Erdfarbe vermischte sich geisterhaft mit dem unebenen Boden, auf welchem sie lagerten. Der Raum war von verfallenen schmutzigen Häusern umstellt. Viele ganz junge Thiere schritten pathetisch unter den erwachsenen umher, und komisch war es, wie diese höchstens vier Schuh hohen Kleinen auf ihren langen, mageren Stelzfüßen, sich an ihre großen, unförmlichen Mütter anschmiegten. Einige unserer Begleiter holten eines dieser Jungen aus dem Thierknäuel heraus, so daß wir es ganz in der Nähe besehen konnten. Es hatte einen höchst gutmüthigen Ausdruck und ließ ruhig Alles über sich ergehen; dagegen schoß uns die Mutter wüthende, unheimliche Blicke zu. Die Kamele, deren gegen 10,000 sich in Smyrna und seiner Umgebung befinden sollen, werden aus der Krimm gebracht, wo sich bedeutende Gestüte befinden. Die Höhe dieser Thiere ist sieben Fuß, die Länge vom Kopf bis zum Schweif mag gegen acht Fuß betragen. Der Leib ist erdfarb, zeigt das ganze Knochensystem und ist mit einer dicken räudigen Haut mit sehr wenigen Haaren bedeckt. Zum Reiten werden im Oriente nur die Dromedare benützt, deren es in Smyrna keine giebt. Die Kamele werden nur zum Lasttragen gebraucht. Ihr hoher Höcker wird mit einer Decke umhüllt, an welcher rechts und links große mit Riemen befestigte Körbe herabhängen. Hier werden diese Thiere mit einem getrockneten Brei von schlechtem Mehl und Wasser genährt. Als wir unser Gefallen an der possierlichen Kameljugend dem Dragoman des Pascha's ausdrückten, versicherte er uns, Seine Hoheit Halil Pascha würde uns eins derselben verehren. Einige der Reisegefährten fanden dieses Anerbieten sehr hübsch und den Transport des Thieres auf dem Dampfschiffe sehr leicht ausführbar, die Mehrzahl sträubte sich jedoch dagegen. – Nach dieser Episode kehrten wir wieder auf den Bazar zurück, um unsere mannigfachen Einkäufe der türkischen Landesprodukte fortzusetzen; ein immer neues Interesse fanden wir an den wechselnden Bildern, welche sich auf einem türkischen Bazar dem Blicke des Beschauers darbieten.