Athen.
Reading edition
Den 14. September 1850 angekommen.
Um fünf Uhr Morgens wurde ich in meiner kleinen Kabine mit dem Rufe geweckt: »man sieht Athen«! War's doch wie in den Kreuzzügen beim Anblick von Jerusalem; alles stürzte auf die Brücke des Schiffes, um das Hauptziel unserer Reise schon von Weitem zu begrüßen. Neugierde und Freude malte sich auf jedem Gesichte, und weithin schweifte der prüfende Blick. Die azurblauen Wogen des schäumenden Meeres spielten an eine breite, gelbe Küste, die sich bald eben, bald etwas erhoben mit dem Lande verbindet. Pflanzenleer und doch großartig lief die Fläche weithin fort, bis sie endlich von einem Halbkreise himmelhoher Berge begrenzt wurde. Am Ende dieser Ebene sahen wir, von hohen Felsen umgeben, Athen als einen weißen Punkt; hinter diesem den Hymetus, die Akropolis und die andern geschichtlich denkwürdigen Höhen, und weiter noch den Penthelikon hervorragen; der Anblick war keineswegs so freundlich feenhaft, wie der von Patras, sondern, kahl, ernst und erhaben. Es war ein Bild der Vergangenheit, auf dem die Erinnerung großer Begebenheiten ruht. Unser Schiff hatte sich dem kahlen Ufer genähert, auf dem man uns einen Haufen Steine als das Grab des Themistokles zeigte. Plötzlich wendeten wir, und liefen in einen kaum einige hundert Schritt breiten Kanal ein, der sich zwischen den niedrigen felsigen Ufern durchwindet und keinen Ausweg zeigt, bis sich ein breites Wasserbecken aufthut, und man in dem friedlichen Pyräus einläuft. Ein Halbkreis von neugebauten Häusern umgiebt den Hafen, in dem eine bedeutende Anzahl Schiffe ankerte. Am Quai und auf dem Wasser ist reges Leben, ein Anblick, der freudig ergreift, wenn man bedenkt, daß noch vor wenigen Jahren nur einzelne Häuser an diesen Ufern standen, der Hafen leer von Schiffen war. Jetzt ist nur noch die Umgebung kahl und todt. – Wir fanden zwei französische Lloyddampfer und ein französisches Geschwader vor, das von einer Fregatte mit einem Admiral angeführt wurde. Wieder umkreiste uns, wie in Patras, gleich nachdem wir geankert hatten, eine große Anzahl von Barken, mit einem einzigen lateinischen Segel von einem Schiffer mit großer Geschicklichkeit gelenkt, der dasselbe bald rechts, band links herumlegte, und pfeilschnell dahin schoß. Diese niedlichen Schiffchen sind ein Schmuck des Hafens. Ein Boot wurde, um die Erlaubniß landen zu dürfen, ausgesendet; dann begrüßte uns Graf J., der östreichische Geschäftsträger. Gleich nach ihm erschien General G., Hofmarschall des Königs, begleitet vom Hauptmann M., einem geborenen Triestiner, der uns während unseres Aufenthalts in Athen zugetheilt wurde; diese beiden Herren luden uns ein, im königlichen Schlosse eine Wohnung zu beziehen, ein Anerbieten, das mit Dank angenommen wurde. Wir verließen daher, nachdem wir unseren Anzug ein wenig geordnet hatten, auf mehrere Tage den geliebten Vulkan. Am Quai erwartete uns ein vierspänniger Wagen der Königin; es war die erste Equipage, die wir seit langer Zeit gesehen hatten. Blaue moderne Livree, große mecklenburgische Pferde und eine elegante Calesche paßten wohl zusammen, machten aber einen sonderbaren Gegensatz zu der wüsten Umgebung.
Wir sprangen mit heißen Erwartungen in den Wagen, und wurden auf weichen Federpolstern auf der berühmten Straße von Pyräus nach Athen geführt, ein dreiviertel Stunde langer, außerordentlich breiter, guter Weg, auf dem uns nur der fürchterliche Staub belästigte. Die Stadt war, seit der Einfahrt in den Piräus unseren Blicken entschwunden, und erst am Ausgange eines Olivenwaldes, durch den wir fuhren, erschien sie wieder. Dieser Hain ist wegen seiner Ausdehnung und der Menge seiner Früchte berühmt im Lande; doch war er dieses Jahr in schlechtem Zustande, da die Bäume durch den vorjährigen strengen Winter gelitten hatten, und man erst in einigen Jahren ihre vollständige Heilung hofft. Von Strecke zu Strecke stand ein Wirthshaus an der Straße, vor dem sich die interessantesten Gruppen von Einwohnern zeigten; auch hier begegneten wir einzelnen Zügen aus Eseln und Maulthieren, und sogar einigen schlechten Wagen. Nahe dem Pyräus sind noch Ueberbleibsel der altgriechischen Befestigungen von Athen. Weingärten und Olivenanpflanzungen wechseln ab; der Hain lichtet sich und der Eindruck wird freundlicher und großartiger zugleich. Wir durchstrichen eine Ebene, auf der ein berühmter Kampf gegen die Türken gekämpft wurde, und welche ein Monument schmückt. Endlich zeigt sich die, durch die Geschichte geweihte Stadt, in der die Phantasie begierig nach den Erinnerungen einstiger Größe sucht. Vor allem Andern wird der Blick durch einen mächtigen Felsen gefesselt, der wie auf marmornem Sockel eine Krone sonder Gleichen trägt: die Akropolis mit ihren säulenreichen Tempeln und ihren hundert Mahnungen an ihre große Vergangenheit; sie leuchtet mit erhabenem Stolze von ihrem Felsen herab; und wie man von den Gesichtszügen auf die Seele des Menschen schließen kann, so spricht dieses Denkmal die Größe der Zeit aus, in der es entstand. In der Ebene zeigte sich zu unserer Rechten im schönsten künstlerischen Ebenmaße der Theseustempel, dessen gelblicher Marmor wie mattes Gold erscheint. Vor uns lag die Stadt, deren Umfang nicht sehr bedeutend ist; sie wird durch eine lange, ungepflasterte Straße durchschnitten, die der höher gelegene königliche Palast schließt, die aber anfangs nur niedrige und unansehnliche Häuser begrenzen; erst in der Nähe des Palastes nimmt sie ein städtisches, besseres Aussehen an; doch schmückt sie gleich anfangs eine hohe prächtige Palme; auch ist die Metropolitankirche, im byzantinischen Style, durch ihr typisches Aussehen ehrwürdig, und erinnert an die altchristliche Zeit; sie erhebt sich kaum vier Klafter über den Erdboden und ist von geringem Umfange, was sonderbar mit dem königlichen Palaste kontrastirt. Vielleicht ist es, wie im hebräischen Reiche, auch erst dem Nachfolger des ersten Königs vergönnt, dem Herrn einen würdigen Tempel zu bauen, während der jetzige Regent, wie David, nur für seine eigene Unterkunft zu sorgen hat.
Die Häuser gleichen denen von Patras, nur sind sie etwas mehr mit den Bedürfnissen der Kultur versehen; der untere Theil ist meist zu Verkaufsläden verwendet; das Leben wird immer bewegter, je mehr man sich dem großen Platze nähert, an dem der königliche Palast auf einer Anhöhe steht; auf der linken Seite hat ein Triestiner ein schönes Gebäude im griechischen Geschmacke gebaut; die rechte Seite ist leer und läßt einen Blick auf den neuen Theil der Stadt offen, in dem sich einige recht nette Häuser befinden. In der Ferne glänzt das Meer und auf demselben zeichnen sich in klarer Luft die herrlichen Säulen des Jupiter-Tempels ab; auf dem Platze selbst sind große, regelmäßige Pflanzungen von Cactus, Aloën und Cypressen angelegt, in deren Mitte ein Weg, mit breiten Marmorstiegen zum Palaste hinan führt; rechts und links sind Alleen mit Fahrwegen. Diese Pflanzungen stehen im Einklange mit den architektonischen Linien des Palastes, der in ziemlich schmucklosem, griechischen Style dasteht; nur leuchtet an den Wänden, Fenstern, Balconen und Terrassen der weiße griechische Marmor statt aller Zierrath hervor. Der ganze Bau ist ein längliches, zweistöckiges Viereck; an der Front, gegen die Stadt, tragen dorische Säulen einen Balcon über der Einfahrt; von dieser führt eine herrliche freischwebende Marmorstiege in das obere Stockwerk. Auf der Meeresseite wird eine Terrasse von Säulen gestützt, die zu ebener Erde einen offenen Gang bilden, von dem aus breite Stufen zur Straße hinabführen; jenseits derselben liegt der mit den herrlichsten südlichen Gewächsen geschmückte Garten der Königin; auf der Rückseite, gegen die Gebirge zu, schwebt wieder ein Balcon über der hinteren Einfahrt, von der aus eine Wendeltreppe aus Marmor und Bronce hinaufsteigt. Da das Aeußere des Palastes wenig verziert ist, so hat er von weitem leider ein kasernenartiges Ansehen, welches der Reichthum des Materials erst in der Nähe mildert; auf jeden Fall ist er aber viel zu groß für die kleine Stadt, ja sogar für das kleine Land. Augenblicklich merkt man den leitenden Geist des Königs Ludwig von Baiern, welcher die Bauten nicht dem Bedürfniß anpaßte, sondern sie um ihrer selbst willen hinstellte. So müssen auch das griechische Reich und seine Hauptstadt, sein Hof und seine Dynastie, erst in diese Palasträume hineinwachsen. Die inneren Gemächer sind prachtvoll; ein herrliches Thronzimmer für den König, ein gleiches für die Königin, große in Fresco gemalte Speisesäle, wundervolle von Gold strotzende Tanzsäle, Salons und große Fremdenzimmer eröffnen sich dem erstaunten Auge. Das Ganze ist in vortrefflichem Geschmacke und bis zu Leuchter und Tafelgeschirr im griechischen Style eingerichtet; ein schöner Gedanke, der besonders den Zimmern der Königin ein zugleich freundliches und künstlerisches Gepräge giebt; man sieht ihnen an, daß hier ein liebenswürdiger Geist waltet; dieser ist es auch, der die Existenz in diesem Lande mit seinem Zauber umgiebt. Wir sahen diese schönen Räumlichkeiten erst im Laufe unseres Aufenthaltes, und wurden anfangs in die uns angewiesenen Zimmer geführt, wo wir der Audienz bei der Königin harrten; unsere Fenster gingen auf den Garten gegen das Meer zu; doch gewährte mir ein Eckzimmer auch den Anblick der Stadt und der Akropolis. Man kann sich nichts Schöneres und Interessanteres denken, als die Aussicht von dieser Höhe auf die malerische Umgebung mit ihren Denkmalen. Die klare Luft des Südens ließ alles deutlich und scharf erkennen, und über die Spitzen der um den Palast stehenden hohen Palmen hinweg sah man ein Gemisch südlichen Zaubers und edler Einfachheit; es ist, als ob die Natur hätte zeigen wollen, wie edle Formen auch ohne üppige Fülle, nur von Werken der Kunst gekrönt, das Gemüth ergreifen können; die hiesigen Gegenden sind hohen und erhabenen Schönheiten zu vergleichen, während die lieblichen Thäler unseres theuren Deutschlands mehr einen naiven freundlichen Eindruck hervorbringen. Der Garten der Königin, in dem das Streben bemerklich ist, die südliche Vegetation mit der nördlichen in schönen Gruppen zu verbinden, giebt einen trefflichen Vordergrund zu der bedeutungsvollen Aussicht, und einen malerischen Gegensatz zu den hellgelben kahlen Umrissen, die das Meer würdig schließt.
Nachdem unser Gepäck aus dem Pyräus angelangt war, setzten wir uns in Uniform und wurden nun zur Königin-Regentin geführt. Im kunstreich verzierten Thronsaale stand der weibliche Hofstaat; hier blieben unsere Reisegefährten; mein Bruder und ich wurden in den anstoßenden Salon geführt, wo uns die Königin in einer eleganten geschmackvollen Morgentoilette empfing. Sie ist von mittlerer Frauengröße, und weiß Würde und Anmuth in seltenem Maße in ihrem Wesen zu vereinigen. Ihre Züge drücken Geist und Charakterstärke aus; ihr Gespräch ist liebenswürdig und geistreich und steigert sich zum Enthusiasmus, wenn die Rede von ihrem theuren Hellas ist. Sie ist die wahre Mutter ihres Volkes; denn nur eine Mutter kann mit so vielem Interesse von jeder Einzelnheit sprechen, die sich auf ihre Kinder bezieht. Auch genießt die Königin die verdiente Gegenliebe ihres Volkes, und wird überall, wo sie erscheint, mit Begeisterung empfangen; von ihrer kräftigen und einsichtsvollen Regentschaft hört man aller Orten mit Bewunderung sprechen. Ich hätte nicht geglaubt, daß eine deutsche Prinzessin, gewöhnt an die angenehmen Bequemlichkeiten ihres Vaterlandes, sich so ganz in die griechischen Sitten schicken, und es sogar in der Sprache zu solcher Vollendung würde bringen können. Nach einem Gespräch von einer viertel Stunde, führte uns die Königin in den Thronsaal und stellte uns ihre Damen vor, worauf ich ihr unsere Reisegefährten nannte. Die Oberhofmeisterin der Königin, Frau von P., ist unter den Höhergestellten am Hofe die einzige Deutsche; sie macht durch ihr freundliches Benehmen und ihren heiteren Geist ihrer Nation Ehre. Außer ihr hat die »Basilissa« (so wird die Königin im Lande genannt) noch zwei Griechinnen zu Hofdamen. Fräulein Photanie M. und Fräulein Penelope L. Dieselben kleiden sich griechisch und bestätigen die so berühmte Schönheit der Frauen ihres Landes. Sie sprechen ziemlich gut französisch, und scheinen überhaupt nicht ungebildet zu sein. Nachdem man uns zu einem Spazierritt, auf fünf Uhr, eingeladen hatte, wurden wir von der Königin entlassen. Der übrige Hofstaat ist ziemlich unbedeutend, und ich will hier nur noch des Hofmarschalls Generals G. erwähnen, welcher, wie es deren an allen Höfen giebt, eine Art Factotum ist; er ist einer der Wenigen, welchem der König sein ganzes Vertrauen schenkt; auch soll er bei der verhängnißvollen Revolution sehr viel Charakterstärke bewiesen haben. Seine Vergangenheit ist jedoch etwas dunkel, und es giebt böse Zungen, welche derselben räuberische Gelüste zuschreiben. Sein Aeußeres entspräche dieser letzten Behauptung; er hat eine finstere, etwas gemeine Physiognomie, Hautfarbe und Haare sind außerordentlich dunkel; dagegen gewinnt seine Erscheinung durch die herrliche griechische Tracht. – Um fünf Uhr versammelten wir uns in einem, gegen die Meerseite gelegenen, niedlichen Cabinete; die Königin schritt die breiten Marmorstufen hinab und schwang sich mit großer Leichtigkeit auf ein türkisches Pferd, welches ihrer harrte. Wir folgten ihrem Beispiel, und nun ging es in lançadirendem Galoppe bei der Hauptwache des Palastes vorbei, über den Schloßplatz, durch einen Triumphbogen von Myrten, der zur morgigen Feier der Revolution errichtet worden war, die lange Straße hinunter zum Theseustempel. Die Königin wollte uns einen Ueberblick der Merkwürdigkeiten Athens geben. In der Straße wurde sie mit Jubelruf empfangen, und Alles grüßte mit dem Ausdrucke der größten Verehrung. Die Königin zu Pferde ist eine wahrhaft anmuthige und schöne Erscheinung. Sie reitet ganz vortrefflich, hat einen festen Sitz und führt das Pferd im schnellsten Galopp über Stellen, welche mancher berühmte Reiter bei uns kaum im Schritt passiren würde. Die Pferde des griechischen Hofes sind meist aus den asiatischen Gebirgen, haben einen schuhartigen Beschlag und klettern wie Gemsen über schwindelnde Höhen. Wenn sie keinen Fuß fassen können, rutschen sie auf den Hinterfüßen über Felsplatten, ohne zu stürzen. Auch macht die Königin ihre weitesten Reisen zu Pferde, da von einem Fortkommen zu Wagen bis jetzt noch keine Rede ist. – Der Theseustempel ist eines der besterhaltenen Monumente in Griechenland, und vielleicht eines der schönsten des Alterthums. Er ist ziemlich groß, alle seine Säulen und der größte Theil der inneren Mauern und des Daches sind erhalten. Der Marmor, aus dem er gebaut ist, war ehemals weiß, hat jedoch durch Zeit und Wetter einen schönen gelben Glanz erhalten, der diesen großen Massen vortrefflich läßt. Der Styl ist einfach und durchaus rein. Außerordentlich wird dieses Kunstwerk durch den freien Raum gehoben, auf dem es sich befindet; leider sieht man in den Säulen und den Wänden Spuren von den nichts verschonenden türkischen Kugeln. In den Metopen sind nur wenige Basreliefs, und diese nicht gut erhalten; man glaubt, daß sie die Thaten des Theseus vorstellen. Der innere Tempelraum ist ganz mit Mauern umgeben, während im Alterthum nur drei Seiten eingefaßt waren; die vierte Mauer ward errichtet, als dieser herrliche Tempel dem christlichen Gottesdienst gewidmet wurde. Zur Zeit sind alle kirchlichen Geräthe wieder heraus geräumt worden und man hat das Innere mit ausgegrabenen Kunstschätzen ausgefüllt, die aber, des nicht sehr großen Raumes wegen, ohne viel Sorgfalt aufeinander gehäuft sind; doch sieht man immer hier lieber die Götter der alten Mythe, als das Bild unseres Erlösers, welches keineswegs in diese Mauern paßt. Der Haupteingang von der Stadtseite ist jetzt geschlossen. An der Seitenwand, die der Akropolis zugewendet liegt, öffnet sich ebenfalls eine Thüre, an welcher ein griechischer Archäolog die Königin und uns empfing.
Wir konnten nur im Fluge die inneren Kunstschätze an uns vorüber ziehen lassen, die ich erst später, nach sorgfältigerer Betrachtung, erwähnen werde. Von hier aus folgten wir der Königin durch die engen Seitenstraßen von Athen, zwischen die verschiedenartigsten Hindernisse durch, im gestreckten Galopp zu dem Tempel der Winde, einem Octogon aus Quadern, in welchem unter dem Dache die Winde in einem Basrelief dargestellt sind; eine einzige Thüre führt in das Innere desselben, Fenster sind nicht vorhanden. Der Boden, auf welchem dieses Gebäude steht, ist um eine Klafter vertieft, was uns beweist, wie viel vom alten Athen verschüttet ist. Die Ruinen eines Aquaducts führen zu diesem interessanten Tempel, von welchem ich ebenfalls später Gelegenheit haben werde, näher zu sprechen. Von da kamen wir zur sogenannten Laterne des Diogenes, eigentlich dem Monumente des Lysokrates. Es ist ein nicht sehr breites, ungefähr zwei Klaftern hohes Thürmchen, dessen mit schönen aber sehr kleinen Basreliefs versehenes Dach auf vier bis fünf niedlichen Säulen ruht, ehmals aber frei gestanden haben mag. Die Spitze des Daches formt ein bouquetartiger Knopf, aus Delphinen gebildet. In dem neu vermauerten, inneren Säulenraum scheint früher eine Büste oder Statuette gestanden zu haben. Das Ganze ist eine sehr zierliche und feine Arbeit. Von dort ging es zum Areopag und Pnyx; es sind dies massive Felsenparthien, in welchen man noch Stufen bezeichnende Linien eingehauen findet. In diesem Felsen zeigt man den in den Stein gearbeiteten gefängnißartigen Raum, in welchem das Grab des Sokrates gewesen sein soll, welche Angabe jedoch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich hat. – Hierauf besahen wir das sogenannte Marktthor, einen Porticus von vier Säulen. Fälschlich hat es seinen Namen von einem großen Stein bekommen, welcher bei demselben aufgestellt ist, und auf den die unter Hadrian gesetzlichen Marktpreise eingehauen sind; dies war aber eine Gewohnheit alter Zeiten, der man bei sehr vielen antiken Thoren begegnet. – Noch berührten wir die Kolonnade und das Thor des Hadrian, die Ueberreste des Tempels des Jupiter, das Grabmal des Philopopus und die Stelle, auf welcher die Gärten des Plato standen. Die Kolonnade des Hadrian besteht aus sechs, vor einer aus Quadersteinen erbauten Mauer stehenden, römischen Säulen, auf welchen Vorsprünge ruhen, die mit der Mauer in Verbindung stehen. Eine siebente Säule steht frei; es scheint, daß die sechs anderen ehemals mit Statuen geziert waren. An der Quadermauer sieht man noch Ueberreste einer christlich-typischen Freskomalerei, da auch hier eine Kirche angeklext war. Vor den Säulen ist eine Mauer gezogen, und in diesem von der Straße abgeschlossenen Raume befinden sich ebenfalls ausgegrabene Alterthümer. Das Thor des Hadrian, in der Nähe des Jupitertempels, ist ein großer breiter Bogen, dem man den römischen Ursprung ansieht, und der einem zweiten von vier Säulen getragenen Thore als Fundament dient. Dieses an sich schöne Kunstwerk wird durch die Pracht und Größe der Säulen des Jupitertempels verdunkelt; ihre Höhe mag 20 Klafter betragen, ihr Umfang entspricht der Höhe und trotz dieser Dimensionen haben sie ein schönes und vollkommenes Ebenmaß; es mögen bei 15 sein; 12 derselben sind in einer nähern Gruppe beisammen, während drei in ziemlicher Entfernung abseits stehen. Die größere Gruppe ist noch durch einzelne große Steine verbunden, sonst ist vom Dache nichts mehr übrig. Auf einem der Säulencapitäle sieht man noch die Reste einer Steinhütte, welche einem fanatisch asketischen Derwische 20 Jahre als Wohnung gedient hat, während welcher Zeit er niemals auf die Erde herabkam, sondern es vorzog, in diesen höhern Regionen einem Storche gleich zu nisten, und sein frugales Mal an einem Seile aufzuziehen. Zu seinen Füßen wurde unterdessen Geschichte gemacht, und nicht wenig mußte sich der alte Herr wundern, als einstens statt seiner Glaubensgenossen siegreiche Rajas erschienen, und er der einzige Diener des Halbmondes in Athen verblieb, die einzige Stimme des Propheten in der Wüste. – Die Ausdehnung des Jupitertempels muß außerordentlich gewesen sein; auch kann man noch die festen Fundamente desselben in weiter Entfernung von den Säulen sehen.
In der Nähe derselben, im Felsen, befindet sich eine Quelle, in welcher sich Calliope, die schöne Muse, gebadet hat; daher führt dieses wildromantische Wasser ihren Namen. Die antike Lieblichkeit des Ortes ist entschwunden und es sind nur mehr die nackten, pittoresk geformten Felsen, zwischen welchen das Wasser rieselt, vorhanden. Das Monument des Philopopus liegt auf einem hohen Hügel, ziemlich entfernt von der Stadt, gegen das Meer zu; es ist eine schirmartige, etwas gegen außen zu gekrümmte Mauer aus Quadersteinen, an deren unterer Seite sich ein sehr beschädigtes Basrelief befindet, den Triumphzug eines römischen Imperators darstellend; über demselben sind Säulen angebracht, zwischen welchen sich arg verstümmelte sitzende Figuren befinden. Die Erhöhung, auf welcher dieser Bau steht, heißt der Musäusberg und ist nach dem griechischen Dichter dieses Namens benannt. Von dem Garten des Plato, auf der entgegengesetzten Seite, sieht man nur mehr den etwas erhobenen Platz, der von einer kleinen Kapelle gekrönt ist. Zwischen Weingärten und der Promenade Athens, einer breiten Allee, mit sehr schmächtigen Bäumen, kamen wir nach Sonnenuntergang zum Palaste zurück, worauf man sich gleich nach einer für die Damen fabelhaft schnellen Toilette versammelte, um das Essen einzunehmen. Das Gesammtministerium und die Hofchargen waren zur Tafel gezogen. Die Königin war so gnädig, mir die hellenischen Staatenlenker selbst vorzustellen. Einige unter diesen Herren hatten einen europäischen Anstrich, und waren sogar im Stande, französisch oder italienisch zu sprechen, was für mich von großer Erleichterung war, da ich es hasse, mich mittels eines Dragomans verständlich zu machen; man ist bei dieser Art der Unterhaltung immer verkauft, und kann nicht wissen, wie sie den Sinn in den Worten der andern Sprache wiedergeben. Doch beim Minister des Innern, dem Vater der schönen Eulalia von Korinth, mußte ich die Hülfe fremder Zungen in Anspruch nehmen. Dieser Herr trägt das gewöhnliche Landeskostüme und ist dem Greisenalter nahe; seine Faust schien mir eher für das Schwert und den Pflug, als für die administrirende Feder geschaffen; doch bei dem ziemlich primitiven Zustande des Landes mag diese Urnatur wohl geeignet sein, für sein Inneres zu sorgen; nur wäre es gut, wenn noch zuweilen das verrostete Palikarenschwert gezogen würde, um das Land von den Räuberbanden zu säubern. Doch wo bliebe dann der letzte Zuflucht der Romantik? Ein Griechenland ohne Räuber wäre eine Schweiz ohne Berge. Auch ist es ganz angenehm, wenn man in die Heimath zurückgekehrt, beim traulichen Theetische erzählen kann, man habe die schauerlichsten Gegenden durchwandernd, an den Felsen das Blut der unglücklichen Schlachtopfer herunter rieseln sehen. So lange es nicht persönliche Bekanntschaft mit diesen Helden der Romantik gemacht hat, ist das Volk der Reisenden egoistisch genug, sich beim Durchwandern der übelberüchtigten Gegenden eines heimlichen und selbstgefälligen Schauers zu erfreuen. Darum lassen wir die Spinnen ihr Netz über das rostige Schwert weben, und danken wir dem Gesammtministerium für die Rettung und zukünftige Erhaltung der Räuberbanden! – Vielleicht gab ja selbst einer der würdigen Männer, die hier bei Tische saßen, den Stoff zu einer Episode der Klephtenpoesie. – Das Diner wurde schnell und elegant servirt, die Zubereitung der Speisen war vortrefflich, und nach dem langen Ritt unser Appetit ebenso. Auf den Wänden des Eßzimmers sind Früchte, Wildpret und Fische in sinnreiche Arabesken verflochten. – Nach dem Essen entließ uns die liebenswürdige Hausfrau, und wir konnten einer erquickenden Ruhe genießen.
Der andere Tag war ein Sonntag, und wir hatten Gelegenheit um acht Uhr in der Kapelle des Königs die Messe zu hören. Gleich nach dem katholischen Gottesdienst ward alles, was sich auf die Gebräuche unserer Kirche bezieht, weggeräumt, und der Pastor der Königin mit seinem einfachen Ritus, zog ein. Zuweilen, wenn öffentliche Feste es erheischen, wohnt das Königspaar auch den griechischen Funktionen bei.
Um die Sitte eines Landes und insbesondere einer Stadt kennen zu lernen, kann es wohl nichts Erwünschteres geben, als die Abhaltung eines öffentlichen Festes; dies wurde uns heute zu Theil. Am 16. September, nach griechischem Kalender am 3., feiert Jung-Hellas die an diesem Tage begonnene Revolution.
Als wir uns vom Palast in die Hauptstraße begaben, hatte die Königin schon den Triumphbogen von Myrtenreisern durchfahren und befand sich im Dome, wo ein feierliches Gebet den Mittelpunkt des Festes ausmachte. Die Gasse entlang bildeten griechische Linientruppen Spalier; ihr Aussehen war unmilitärisch; man sah ihnen an, wie die Tracht europäischer Soldaten das freie Wesen dieser Leute beengte. Die feste Halsbinde, der plump geschmückte Csako, gaben dem ernsten Sohne der südlichen Berge einen düster-kränklichen Anstrich. Ein Körper, der an die flatternde Jacke und die faltenreiche Fustanella gewöhnt ist, mag sich unter griechischer Sonne gar peinlich in dem bis oben zugeknöpften Tuchrocke und den langen inexpressibles fühlen; und so schlüpfen Hellas Jünglinge aus dem malerischen Costüme des Vaterlandes, um sich in eine Gliederpuppe zu verwandeln, und hierdurch große Aehnlichkeit mit unseren Nationalgarden zu bekommen; doch die europäische Civilisation erfordert es so, und da muß der Schönheits-Enthusiast des 19. Jahrhunderts schweigen. Das Bataillon in Landestracht sieht dagegen sehr schön und kriegerisch aus, und trägt sich in gleicher Farbenpracht wie die Truppen, die wir schon Gelegenheit hatten in Patras zu bewundern. – Zwischen den bewaffneten Reihen wogte das Volk im bunten Gewimmel; bald sah man europäische Trachten, bald zeigten sich die buntesten Gewänder des Landes; die Balcone und Fenster waren mit dem schönsten Schmucke Neu-Athens geziert; es zeigten sich hier die Frauen und Mädchen in reichster Farbenpracht. An den funkelnden Augen und schönen regelmäßigen Zügen konnte man gar leicht die Vermischung des südslavischen und altgriechischen Blutes erkennen. Unter den reizenden Trachten des weiblichen Geschlechtes waren für uns die der Hydriotinnen neu. Statt des rothen Feß tragen die reizenden Inselbewohnerinnen einen leichten gazeartigen Schleier in zarten künstlichen Falten um Haupt, Nacken und Brust. Die Kleider sind, wie die ihrer Schwestern vom festen Lande, aus grellgefärbtem Seidenstoffe. – Trotz der Bedeutung des Tages war das Volk ruhig; kein enthusiastischer Jubel, ja selbst keine neugierige Schaulust, waren bemerkbar; es sah eher aus, als befänden sich die Leute aus bloßer Gewohnheit da.
Nachdem wir den bunten Schimmer der Häuser, welchen die glühende Sonne erhöhte, betrachtet hatten, begaben wir uns in den für eine Liliput-Hauptstadt allenfalls passenden Dom. Schon an der Pforte empfing uns ein Qualm drückender Hitze und unsere Ohren vernahmen den monotonen Gesang der griechischen Geistlichkeit. In der Mitte der Letzteren thronte der Archimandrit, eine würdige Gestalt vergangener Zeiten mit wallendem schneeweißen Barte. An der rechten Seite der Kirche, vor einem Thronsessel, stand gleich einem Marmorbilde, die Königin-Regentin in reichem, pelzverbrämten Gewande; war auch etwas malerische Phantasie in dieses Kostüme hineingerathen, so hatte es doch in seinen Grundzügen den orientalischen Schnitt. Da wir gerade gegenüber, hinter den Säulenbogen einen etwas erhöhten Platz eingenommen hatten, so konnten wir die erhabene Frau mit Muße betrachten. Ihre Gestalt schwamm in einem Goldmeere reicher Stickerei. Auf dem Haupte glänzten im braunen Haare funkelnde Diamanten; so war auch Brust und Nacken mit diesem Gesteine bedeckt; doch der Ausdruck des Gesichtes und die ganze Haltung war kalt, und unbeweglich; es drückte sich fast Widerwillen in den sonst so anmuthsvollen, freundlichen Zügen aus. Die arme Dame mag gar wohl gedacht haben, wie ihr aufblühender Thron vor Jahren an diesem schreckensvollen dritten September gebrandmarkt worden ist. Gewiß schwebte ihr das Bild der schreienden Horden und wankenden Rathgeber vor den Augen; und nun sollte sie für die Erhaltung derjenigen Institutionen beten, welche ihr geliebtes Hellas dereinst in das Verderben stürzen mußten! Auch preßten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen, statt sich zum Gebete zu öffnen.
Wir verließen bald den dumpfen Raum, um die Königin nach Beendigung der Hymnen an uns vorüberfahren zu sehen. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit, wenn auch keinen prachtvollen, doch einen originellen Zug gedacht; statt dessen fuhren zwei vierspännige baierisch zugestutzte Kutschen vor, in welchen die Königin mit einem Theil ihres Hofstaates fast gänzlich den Blicken entschwand; einige vereinzelte sehr reich gekleidete Adjutanten und ein Trupp Lanciers umschwirrten den Wagen, und plötzlich war der ganze Zug unseren neugierigen Blicken entschwunden. Die Königin entledigte sich ihrer drückenden Kleiderpracht, worauf wir uns bei ihr zum Frühstück in einem Garten-Pavillon versammelten. Derselbe besteht aus einem Holzgitter mit leichtem Dache, und ist über einem herrlichen Mosaïk erbaut, welches man auf demselben Platze ausgegraben hat, und das sich rühmt, das größte der Bekannten zu sein; es ist außerordentlich gut erhalten und scheint nach den Arabesken und der Form zu schließen, sich in einem antiken Badezimmer befunden zu haben. Als wir uns zum vortrefflichen Gabelfrühstück setzten, bemerkte die Königin, daß unsere Zahl dreizehn sei; augenblicklich ward ein Katzentisch bereitet, und der arme uns zugetheilte Adjutant mußte mit einer Ecke des Laubpavillons vorlieb nehmen. Zwei Gründe mögen dieses komische Verfahren bei der so geistreichen Königin entschuldigen: erstens ist das griechische Volk außerordentlich abergläubisch, und es scheint nicht gerathen, offen diesen Sonderbarkeiten entgegen zu treten; zweitens trug sich vor einigen Jahren ein eigener Zufall am griechischen Hofe zu: man speiste zu dreizehn, in der kürzesten Zeit darauf starb einer der Tafelrunde; einige Tage darnach war die Gesellschaft wieder vereinigt und abermals in der ominösen Zahl. Ein junger Engländer, der beide Male zugegen war, äußerte im Scherze, wer wohl diesmal das Opfer sein würde; abermals verging eine nicht lange Zeit, und der junge Britte war eine Leiche.
Nach dem Frühstücke ließ die Königin eine kleine Pony-Equipage vorfahren, in der sie meinen Bruder und mich eigenhändig führte, und uns Gelegenheit gab, ihr Talent zum Kutschiren zu bewundern. Die übrige Gesellschaft folgte ihr zu Fuße. Eine kleine Menagerie, bestehend aus Dammhirschen und Gazellen, wurde uns gezeigt; hierauf geleitete uns die Königin durch ihren Garten, welcher ihr ganzes Vergnügen und ihren ganzen Stolz ausmacht; auch pflegte sie ihn scherzweise immer ihr kleines Reich zu nennen. Ehe sie die Regentschaft des größeren Reiches übernahm, bildete dieses selbstgeschaffene und gepflegte Athene-Eldorado ihr Hauptvergnügen; nun wird leider der Garten unter den wichtigeren Geschäften etwas leiden müssen. Die Anlagen desselben sind im englischen Geschmacke; zwischen Palmen und Orangen wird mit Mühe das deutsche Bäumchen gehegt und gepflegt. Die Blicke aus den einzelnen Partien auf die Ueberreste altgriechischer Kunst sind herrlich und könnten nicht malerischer gewählt sein. Es fehlt nur an schattigen Plätzen und an grünen Rasenflecken, um den Garten vollkommen zu nennen; der erste Fehler wird sich jedoch mit der Zeit geben, da die ganze Schöpfung erst das Werk einiger Jahre ist; im älteren Theile steht schon eine Baumgruppe, in deren kühlem Schatten das königliche Ehepaar zu frühstücken pflegt; für den zweiten ist weniger zu hoffen, da die Strahlen der Sonne zu glühend sind, um das üppige Wachsthum des Grases zu erlauben. Für Athen ist jedoch der Hofgarten ein Wunder; er ist so zu sagen der einzige Punkt, wo das frische Grün des Laubes, und der Wechsel der Blumenpracht zu sehen ist. Für uns, die wir aus kühleren Ländern stammen, waren die Gewächse des Südens von besonderer Merkwürdigkeit. Die keimenden Palmen und saftigen Aloën waren in solcher Menge unserem Auge neu. Die letztere Pflanze nimmt sich besonders vortheilhaft in den schneeweißen Marmorvasen aus, welche sich auf den breiten Stufen gleichen Gesteines befinden, die von der linken Palastseite, von Terrasse zu Terrasse in den Garten hinunterführen. Die erste Terrasse ist als breiter Raum zum Vorfahren vor den Kolonnaden-Gang bestimmt. Die zweite etwas tiefer liegende, ist mit sehr schönen Blumenanlagen zwischen Orangenbäumen besetzt, die aber im vorigen Winter von der strengen Kälte so sehr gelitten hatten, daß man sie bis zum Boden schneiden mußte; doch das Wachsthum unter südlicher Sonne ist so kräftig und rasch, daß sie nun schon die Höhe von 4 bis 5 Fuß erreicht haben. Die Erndte ist jedoch auf einige Jahre hinausgeschoben. In dem ziemlich bedeutenden Umfange des Gartens wurden einige sehr schöne Alterthümer ausgegraben, welche auf einem eigenen Platze desselben aufbewahrt sind. Vor wenigen Jahren stieß man auf eine reichhaltige antike Wasserleitung, die nun theilweise den Pflanzen das so nothwendige Labsal bringt; auch glaubt man den Platz gefunden zu haben, auf welchem Socrates gelehrt haben soll: die Kontraste der Jahrhunderte bringen den Schulplatz des größten Philosophen in eine englische Parkanlage! – Da uns die glühende Mittagshitze gar bald aus dem Garten trieb, ward es uns gegönnt, die Gemächer des Königs und der Königin genau zu betrachten. Dieselben vereinigten Pracht mit Wohnlichkeit und manch sinnige Idee und hübsche Fresko-Malerei fand ich zwischen den griechischen Zierrathen; doch überall leuchtete der Münchner Königsbau durch, und wirklich findet im hiesigen Klima diese Bauart ihre größere Berechtigung. In des Königs Arbeitszimmer sieht man unter dem Plafond die berühmten Männer des alten Griechenlands; in einer Ecke steht ein Gipsabguß des Apoll von Belvedere, als Repräsentanten der antiken Kunst; in einem andern Saale des Palastes sieht man dagegen die Brustbilder der Helden neugriechischer Geschichte. An den Wänden befinden sich zwei große Oelgemälde vom Münchner Maler Heß, den Einzug des Königs in Nauplia und Athen darstellend; die Bilder sind kräftig gemalt und enthalten viele für das Land interessante Porträts. Noch ist in diesem Raume, der den hervorragenden Werken der neueren Zeit gewidmet ist, kein Repräsentant der vaterländischen Kunst zu sehen; auch wäre es schwer in Neu-Griechenland einen solchen zu finden. – Die große Stiege, die an diesen Saal stößt, ist, wie schon erwähnt, von Bronce und weißem Marmor aus dem Pentelikon; ein herrliches Werk! Die Steinstufen sind so fest eingefügt, daß die Doppelstiege längs der Mauer frei und ohne stützende Säulen dahin läuft. Die Königin erzählte uns, daß es langer Zeit und großer Mühe bedurfte, bis man Marmorblöcke fand, welche so gänzlich ohne Sprünge waren, daß man dieses Meisterstück wagen konnte. Diese breiten, wahrhaft majestätischen Stufenreihen führen in eine Halle, die sich unmittelbar an der großen Einfahrt in der Mitte des Palastes befindet. Die schönsten Räume im Schlosse sind jedoch unstreitig die zwei großen Tanzsäle im entresol, die durch alle Stockwerke die Höhe des Schlosses erreichen. Die Hauptfarbe derselben ist roth, mit reichen goldenen Verzierungen bedeckt. Die Möbel sind mit den Wänden und Plafonds übereinstimmend und so aufgestellt, daß den Tanzenden genug Raum bleibt. Ein Maler war gerade beschäftigt, den oberen Theil des einen der beiden Säle mit mythischen Figuren zu füllen. Wenn die schweren Kronleuchter und reichen Wände in tausendfarbigem Lichte schimmern, und die bunten schöngestickten orientalischen Trachten sich bei der Tanzmelodie hin und her bewegen, so mag der Anblick wirklich etwas feenhaftes haben; auch werden diese Feste von allen Fremden als wahrhaft pracht- und geschmackvoll gerühmt. Ob diese Feierlichkeiten den Gewohnheiten und Geldmitteln des Landes entsprechen, getraue ich mich nicht zu beurtheilen. Von hoher Seite versicherte man mich übrigens, daß das griechische Volk die Pracht und den Glanz seines Thrones liebe.
Die Königin, welche die Merkwürdigkeiten ihres Landes auf eine so graziöse und geistreiche Art zeigte, lud uns auf heute Nachmittag zu einer Fahrt nach dem berühmten Eleusis ein. Die ganze Gesellschaft wurde in zwei großen, bequemen Wagen untergebracht, und so rollten wir vom Schlosse aus durch einen abgelegenen Theil der Stadt, worauf wir bald die heilige Straße erreichten, welche unter den alten Griechen von Athen aus zum Tempel des unbekannten Gottes führte. Anfangs fährt man zwischen Olivenbäumen und Weingewinden dahin, bald aber geräth man in eine romantische wüste Gegend; man muß ein enges schluchtartiges Thal durchfahren, um auf die andere Seite der Gebirgskette zu kommen, in welcher sich der Meerbusen befindet, an dessen Ende Eleusis liegt. Links und rechts von der Thalstraße liegen auf gelber Erde unzählige Felsstücke, zwischen denen einzelne Pinien-Gruppen gleich kleinen Oasen hervorragen, deren Nadeln von lebhafterem Grün sind, als das Laub unserer Bäume. Außer mehreren langsam dahin kriechenden Schildkröten sahen wir keine Spur des Lebens, bis wir mitten in dieser interessanten Wildniß an das verfallene Nonnenkloster Daphne kamen. Noch stehen einige Theile der festen fränkischen Ringmauer, der Kirche und der erbärmlichen Hütten der Nonnen. Ursprünglich ward hier ein Schloß für die Herzöge von Athen, aus der Familie Laroche gebaut, deren Nachkommen noch in Baiern bestehen sollen. Die Mauern deuten augenblicklich auf die nordischen Schöpfer derselben; später wurde das Schloß zum Kloster eingerichtet und die Kirche im byzantinischen Style noch später gebaut. In der Kuppel befindet sich ein großes Mosaïk, ein Christuskopf im typischen Styl. Da die Kirche dem griechischen Kultus geweiht ist, so befindet sich hier natürlich die stark vergoldete Wand zwischen der Gemeinde und dem Altare. Lange dicke Kerzen auf hohen, freistehenden, bunten Leuchtern, warfen ein düsteres Licht auf die großen, auf einzelnen Pulten aufgeschlagenen Evangelium-Bücher, und auf das dunkle vom Rauche geschwärzte Gemäuer. Die Stille und Leblosigkeit dieses Gotteshauses gab dem Ganzen einen mystischen Anstrich. In einer Seitenkapelle sind noch einige Gräber, auf deren einem das in Marmor gehauene Wappen der Laroche zu sehen ist. So findet man in der Umgegend von Athen alle Geschichtsperioden durch die merkwürdigsten Denkmale verewigt. In dem Klosterhofe sieht man noch einige Reste gothischer Verzierungen. Die Mauern sind alle so massiv, daß es scheint, als ob diese Herzöge sich nicht ganz sicher gefühlt hätten. – Kaum waren wir einige Zeit in dem verfallenen Gemäuer herumgeklettert, so regte es sich plötzlich, und schwarze, unheimliche, hexenartige Gestalten erschienen. In Fetzen nur zur Noth gehüllt, mit wirren grauen Haaren und dürren Gliedern, gehörten sie ganz zu den leblosen Ueberbleibseln aus vergangenen Zeiten; es fehlten nur Kessel und Besen, um das Bild zu vollenden. Es waren dies die frommen Schwestern von Daphne, welche gerade im Begriffe waren, türkischen Weizen und andere Hülsenfrüchte auf den Boden auszustreuen und zu trocknen. Mit ihrer Heiligkeit soll es jedoch nicht sehr weit her sein; wenigstens ist der Erzbischof von Athen, ihr geistlicher Vorstand, dieser Ansicht. Auf jeden Fall war ihr Aeußeres nicht nur abstoßend, sondern sogar unschicklich, und sie scheinen eher eine Rotte roher Bettlerinnen, als in sich gekehrter Nonnen. Wir verließen die malerischen Ruinen, nachdem die schwarzen Gespenster der Königin mildspendende Hand Segen kreischend geküßt hatten. Bald waren wir am Ausgang des Thales, und mit Wohlgefallen ruhte das Auge auf dem Meerbusen, dem Dorfe Eleusis und den hohen schön geformten Gebirgen. Man beginnt die Spuren der heiligen, in den Felsen gehauenen Straße zu sehen, da sich der Weg ziemlich knapp zwischen dem Meere und den höheren Felsen hinzieht. Man sieht aus diesen Spuren, wie auch auf der Akropolis und an mehreren anderen Orten in Griechenland, daß die Alten nur Geleise in den Stein hieben, und daß die Räder, welche gleiche Achsenbreite hatten, in denselben liefen, so daß sich die Pferde auf dem nackten Felsen forthelfen mußten. Noch interessanter jedoch wie diese Straßenreste sind die Süßwasser-Seen, welche sich unmittelbar an der rechten Seite der Straße befinden, während die linke von den Wogen des Meeres bespült wird. Diese kleinen Seen sind ebenfalls noch aus uralter Zeit; ihre Tiefe beträgt höchstens fünf Schuh, sie liegen einige Schuh höher, als das Meer, in welches sie unter der Straße abfließen. Diese ist nur durch eine kleine sehr niedrige Mauer von den Seen getrennt. Es scheint, daß der Zweck dieser Wasseranlagen die Aufbewahrung von Fischen war. Der Zufluß kommt wahrscheinlich von unterirdischen Quellen. –
Am Eingange von Eleusis ließ die Königin halten, und man stieg aus. Zuerst besichtigten wir eine kleine, außerordentlich niedrige griechische Kapelle, welche aus Trümmern von dem berühmten Tempel des unbekannten Gottes gebaut wurde. Im Innern derselben befinden sich auch noch einzelne Theile von alten Statuen und Inschriften, für einen Archäologen, der diese Zeichen versteht, von großem Interesse. Als wir beschäftigt waren, diese Trümmer schönerer Zeiten zu bewundern, strömte die Bevölkerung des Dorfes die Anhöhe herab und umringte die geliebte »Basilissa«, welche sie mit den freundlichsten Worten in der wohltönenden griechischen Sprache begrüßte. Eine schöne Sitte ist es, daß, wenn das griechische Königspaar in die Nähe eines Dorfes kommt, die ganze Gemeinde jubelnd entgegenzieht, und ihr »zito« in die Lüfte schallen läßt. Die Bevölkerung dieses Ortes, besonders die Frauen, waren wieder ganz anders gekleidet, als in der Umgebung von Athen; ich möchte sagen noch poetischer und geschmackvoller. Die Frauen tragen lange dunkelgefärbte Röcke; über denselben haben sie bis zum Knie herab einen weißen mit schwarzen Schnüren geschmackvoll gestickten Oberrock; auch das Mieder ist reich und bunt gestickt, Kopf und Hals hüllt ein weißer Schleier ein, aus welchem lange Flechten über den Nacken, oft bis auf den Boden hängen. Der reiche Haarwuchs ist der Stolz dieser Frauen; sie helfen sich auch künstlich durch das Eindrehen von brauner Wolle. Die Mädchen tragen statt des Schleiers ihre Aussteuer auf dem Haupte, welche in einer helmartigen Kappe besteht, mit Sturmband und Quästchen, deren Bestandtheile durchlöcherte Silber- und Goldmünzen bilden; oft recht interessante kleine Münzensammlungen. Man findet türkische, griechische, österreichische und spanische Geldstücke im buntesten Gemisch. Diese ganz originelle Kopfbedeckung kleidet aber die regelmäßigen, ernsten orientalischen Züge vortrefflich. Eine große Anzahl der Frauen trägt goldene Ringe mit den schönsten antiken Cameen, welche sie beim Ackern zwischen den Schollen finden. Wir wanderten nun von der ganzen Gemeinde gefolgt auf einen felsigen Hügel, der die Grundlage des Tempels bildete. Man findet nur noch einzelne Mauertrümmer und Stücke von marmornen Säulen des berühmten Heiligthums, in welchem die eleusischen Feste gefeiert wurden, und es regt sich der Wunsch, daß Ceres wieder einmal in dieser Gegend ihr geliebtes Kind suchen möge und wenn sie käme, könnte man leider zum zweitenmale wieder singen:
Und auf ihrem Pfad begrüßte, Irrend nach des Kindes Spur, Ceres die verlass'ne Küste. Ach, da grünte keine Flur! Daß sie hier vertraulich weile, Ist kein Obdach ihr gewährt. Keines Tempels heitre Säule Zeuget, daß man Götter ehrt.
So streicht die Hand der Zeit über die berühmtesten Gegenden dahin, und oft ist mir schon in Griechenland das Gedicht Rückert's von dem Thale eingefallen, in welchem eine Stadt, dann Wüste, Felder, See und endlich wieder eine Stadt gestanden hat. Ein wehmüthiger Gedanke war es uns, der Jugend der Neuzeit, über die gebrochenen Steine dahin zu hüpfen, die einst das gebildetste Volk der Welt mit Mühe zusammentrug, um ein Götterwerk zu schaffen, welches der Ewigkeit trotzen sollte, und in welchem die antike Jugend die mystischen Reigen der Ceres ausführte.
Wir wurden nun in zwei Häuser von Landbewohnern geführt, in welchen die prachtvollsten Mosaïk's dem Spiele der Kinder und dem Wühlen der Schweine ausgesetzt waren; quer über einen derselben läuft sogar die Hausmauer. So werden diese herrlichen Werke durch unwissende Menschen dem Verderben preisgegeben, da man sie doch mit der kleinsten Mühe vor der Unkenntniß der Bevölkerung schützen könnte. Leider stehen dem griechischen Monarchen, der den besten Willen zur Erhaltung dieser Schätze hat, nicht die Mittel zu Gebote, diesen Wunsch auszuführen. – Als wir aus der zweiten Behausung heraustraten, bildeten die schlanken, romantisch gekleideten Frauen und Mädchen von Eleusis einen Halbkreis vor der Königin und stimmten nach einer ziemlich monotonen Melodie einen rasch improvisirten Gesang an, zu welchem sie, die Arme kreuzweis haltend, einen ernsten schwingenden Tanz ausführten. Langsam neigten sie sich mit einem Schritte vorwärts, worauf sie zwei kleine Schritte rückwärts machten; nach jeder Strophe traten sie im Tacte mit den Sandalen auf den harten Boden. In diesem Tanze erkannte man die Nachkommen der alten Helenen. Es waren die Reigen, wie man sie auf den Vasen des alten Griechenlands gemalt sieht, ein interessanter schöner Anblick! Die Königin sagte mir, daß sich der Gesang auf ihre Anwesenheit bezöge. Im ersten Liede drückten sie ihre Freude aus, daß wir Fremde der Königin die Nachricht der baldigen Ankunft des Königs brächten; im zweiten wurde die »Basilissa« mit einem Orangenbaum verglichen, an dessen Fuß eine frische Quelle sprudle. Das Volk soll eine eigene Gewandtheit in diesen lieblichen Improvisationen haben! –
Wir besahen nun noch einen altgriechischen Hafendamm, welcher sich am Fuße des Städtchens auf eine kleine Strecke in das Meer hineinzieht. Er zeichnet sich durch seine außerordentlich großen Quadersteine aus. Hierauf lud uns die Königin zu einem Imbiß ein, welchen Vorschlag wir dankbar annahmen. Es war ein gouté champêtre. Man brachte in aller Eile einen schlechten Tisch und einige Feldsessel; ein Koffer, der die erwünschte Ladung enthielt, wurde eröffnet, und wir stärkten uns mit kaltem Fleische, Eiern und Wein, angesichts des welthistorischen Eleusis. So ist das unglückliche Menschengeschlecht! Geist, Herz und Magen sind leider ein nothwendiges Triumvirat, welches in diesem armen Erdenleben nie getrennt werden kann. – Nach dem kurzen Mahle wollten die Männer von Eleusis ihren Frauen nicht zurückstehen und vollführten ebenfalls einen Tanz, dem der Frauen ähnlich, nur lebhafter und wilder. Der beste Tänzer des Ortes führte den Reigen an und machte höchst possierliche, drehende Sprünge, mit denen eines Gemsbocks vergleichbar, und an die bacchantischen Geberden antiker Darstellungen erinnernd. Nachdem dies einige Zeit bewundert worden war, ließ die Königin die Kinder des Dorfes um sich schaaren, stellte einige Fragen im freundlichsten Tone an sie, und vertheilte hierauf unter dieselben die vom Mahle übrig gebliebenen Eier. Es war ein hübsches Bild, die zarte Frau mitten unter den frischen, stürmischen Kindern zu sehen; alle drängten sich um sie, ein jedes wollte eine der Gaben haben; die Ungestümen wies sie mild mit der Hand zurück, den Bescheidenen theilte sie ermunternd aus. Das war ein Geschrei und ein Jubel! So weiß sie durch liebenswürdige Art mit den einfachsten Mitteln das Herz ihres Volkes zu gewinnen. Die ganze Bevölkerung, jung und alt, stürzte uns bis zum Wagen nach, und die Königin verließ den interessanten Ort unter dem weithin schallenden Jubelruf: »zito Basilissa«! – Die besonders enthusiastische Jugend lief noch einige Zeit jauchzend neben dem Wagen her. Man sieht deutlich, daß es die Königin ist, welche durch ihre Persönlichkeit den neu errichteten Thron von Griechenland im Herzen des Volkes stützt. –
Als wir durch die schönen Weingärten dahin fuhren, warfen die einzelnen Landbewohner die schönsten Trauben ihres Besitzthums in den Wagen, welche die Königin dankend annahm; und dieses Zeichen der Liebe wurde nicht, wie bei uns, mit feilem Geld belohnt; das freundliche Nicken der Königin war den Bauern der liebste Dank. Das Volk in Griechenland ist durch und durch monarchisch, und kennt den Werth der fürstlichen Huld und Gnade, ohne daß man ihm dieselbe durch thatsächliche Bezahlung zu beweisen braucht. Am späten Abend bei funkelnden Sternen kehrten wir nach Athen zurück. –
Des andern Morgens nahmen wir das Frühstück in unseren Zimmern ein; hierauf fuhren wir um 9 Uhr in die in der Nähe des Palastes gelegenen Stallungen des Königs; sie sind geräumig und rein gehalten, und beherbergen eine schöne Auswahl orientalischer Pferde; die ausgezeichnetesten derselben wurden uns im Hofe vorgeführt. Der König und die Königin lieben es sehr, muntere Thiere zu reiten.
Daß die Pferde häufig lançadiren und in beständigem Springen und Capriolen die Reitkunst des Königs dem staunenden Volke zeigen, gehört zum griechischen guten Ton. – Den sämmtlichen Stallungen steht ein ehemaliger bairischer Offizier vor, der sich auf die Reitkunst sehr gut zu verstehen scheint. – Von hier aus begaben wir uns zur neuerbauten Universität; sie ist im altgriechischen Geschmacke; der große, noch nicht gänzlich vollendete Saal wird durch einige sehr schöne Säulen aus weißem Marmor geziert. Das ganze Institut ist erst im Werden; doch nimmt man ein erfreuliches Streben nach Bildung wahr, und die Bibliothek, welche meist aus Geschenken des Inlandes und der Fremde besteht, ist wirklich nicht ohne Bedeutung. Von diesem Symbole neuen Lebens fuhren wir zur Krone alter Größe und Pracht hinan, zu der auf stolzem Fels erbauten Akropolis, welche Alles überragt, was wir bis jetzt von antiker Kunst gesehen haben. Vom Fuße der Erhöhung bis zu dem Thore der Umfassungsmauern geht der Weg über kahle Erdpartien und ist nach neugriechischer Sitte sehr schlecht; man muß sich mit Mühe durch den Staub der Erde hinaufarbeiten, wo vor den alles zerstörenden Zeiten der antike Grieche mit Begeisterung und heiligem Schauer auf Marmorstufen zum selbstgeschaffenen Göttersitz emporschritt. Schon aus der Ferne leuchteten dem Anbeter der hehren Minerva im blauen Aether, gleich einer Sonnenburg, die stolzen Propyläen entgegen. Eifriger beflügelte er seine aufwärts strebenden Schritte und bald befand er sich in einem Säulenwalde, in welchem die Werke eines Phidias, als Perlen der menschlichen Kunst, ihm Begeisterung für seine Götterbilder und Bewunderung für sein mächtig schöpferisches Geschlecht zustrahlten. Mit enthusiastischer Kunstliebe betrachtete er die milden ernsten Züge der Göttin, die jener aus dem nahen Steinblocke des Pentelikons geschaffen, und die sein poetischer Geist sich selbst zur Schützerin bestellt hat. Keine ernsten, stillen Gebete in Furcht und Andacht vor dem höchsten Wesen konnten diesen Lippen entquillen; ihre Stelle vertrat schallender Jubel bei der Darbringung blumenbekränzter Opfer, die der Ausdruck des poetischen Naturergusses waren, deren eigentlichen Sinn aber das Lob des eigenen Selbst bildete. Die christliche Furcht vor dem lenkenden Schöpfer der Welten, nahte sich ihnen nur in den ihnen unerklärlichen Naturerscheinungen und im Tode! Die Akropolis war ein Diadem, mit welchem die stolze Menschheit das eigene leuchtende Haupt schmückte. Doch dieser Krone fehlte der reine erlösende Segen; die Spangen des eitlen Schmuckes brachen, und der Alles versinnlichende Geist wich vor dem dornengekrönten Erlöser, in dessen Sinne die Jünger ihr künstlerisches Streben zu Domen vereinten, welche sie, statt mit Perlen antiker Zeit, mit dem schlichten Sinnbilde des Kreuzes schmückten. Die Spangen brachen, die Perlen wurden von den Fluthen der Zeit hinweggespült, und dennoch erkennt man in den Ueberbleibseln, daß die Geister, die diese Werke schufen, groß und erhaben gewesen waren; in diesen Ruinen lebt noch jetzt ein poetischer Reiz und eine unwiderstehliche Macht, die auch der Eigenliebe eines Christen des 19. Jahrhunderts schmeichelt. Die Seele wird unwillkürlich von Stolz ergriffen bei dem Gedanken, diese Werke haben einst Menschen geschaffen, aus Fleisch und Blut wie du; und da die Attribute des heidnischen Kultus in den weiten stillen Räumen fehlen, so hat die Phantasie freies Spiel, und auch das christlichste Gemüth kann sich an den Malen des alten Hellas erfreuen. – Wir traten in das Thor der Umfassungsmauer ein; nachdem wir dasselbe durchschritten hatten, kamen wir zu einem Wachthäuschen, welches leider theilweise aus Ueberbleibseln von Kunstschätzen erbaut ist; rechts und links lagen zusammengefallene Steine, gebrochene Säulen; dann gelangten wir durch eine pfortenartige Maueröffnung in das Bereich der herrlichen Propyläen. Noch heute erkennt man die mächtigen Stufen, die bis zu den Fluthen des Meeres gereicht haben sollen. Rechts und links erheben sich gigantische Säulen, welche mehrere Eingangshallen zu dem eigentlichen Sanctuarium bilden. Einst waren in den marmornen Boden derart Furchen gezogen, daß man zwischen den Stufen hindurch fahren konnte. Die Säulenreihen werden von dem Innersten der Akropolis durch große Quadermauern getrennt; in der Mitte befindet sich ein dreifacher Eingang. Rechts von den Propyläen ragt auf einem Felsenvorsprunge der zierliche Tempel der Victoria hervor, welchem wir nun zuerst unsere Aufmerksamkeit schenkten; seine Dimensionen sind sehr gemessen und stehen im vollsten Einklange; vier Wände mit dorischen Säulen verziert, bilden das Gebäude, an dessen einer Seite eine schöne Pforte in das Innere desselben führt. Um das Gesimse laufen fein gearbeitete Basreliefs in sehr kleinem Maßstabe. Der Tempel hat durch seine freie Lage den reinen, blauen Aether als Hintergrund, und durch seinen Miniaturbau, der in der letzten Zeit hergestellt worden ist, etwas außerordentlich Anziehendes. Im Inneren fanden wir ein ausnehmend schönes Basrelief der Siegesgöttin an die Wand gelehnt. Die Athenienser, um den Sieg zu fesseln, bauten nicht nur der Göttin dieses Denkmal, sondern nannten es auch den Tempel der »flügellosen Victoria«, in der Meinung, daß die Siegbringende ihnen dann nicht entfliehen könne. – Hierauf begaben wir uns auf die linke Seite der Propyläen, wo sich auf dem linken Felsenvorsprung ein großes Gemach befindet, in welchem im Mittelalter die Herzoge von Athen hausten. Jetzt wird dieses Gemach und der unmittelbar davor befindliche Raum der Propyläen als Sammelort für die aus der Erde gegrabenen Alterthümer gebraucht. Hier sieht man steinerne Füße, Hände, Arme, Köpfe aufgeschichtet; nur einiges davon ist von größerer Bedeutung; doch wie gerne hätten wir, wenn auch nur den kleinsten Theil der werthlosesten Statue als Andenken mitgenommen! Dies ist aber, wie natürlich, auf das strengste verboten, da Griechenland so schon durch die Kunstliebhaber des gebildeten Europa seiner schönsten Sculpturen und Vasen beraubt worden ist. Einige Mitglieder unserer Gesellschaft erlaubten sich daher nur einzelne kleine Marmorstücke von Säulen oder Mauern im Stillen als Andenken an den historischen Platz einzustecken. Wie schade, daß der griechischen Regierung und den Erhaltungsgesellschaften das Geld, und dem Volke die Kunstliebe mangelt, alle diese Schätze entweder systematisch in eigenen hierzu erbauten Localen zu ordnen oder die übrigen in verschiedenen Richtungen zerstreuten Theile mit verständigem Sinn und nach alter Ordnung zu sammeln und zu fügen, und so wenigstens theilweise den Schatten alter Prachtdenkmale herzustellen. Man hebt eine Erdscholle, sieht zwischen dem Schutt der Jahrhunderte die Formen eines herrlichen Torso erscheinen, Athen und Europa jubeln über den großen Fund und der Torso erhält seinen traurigen Ehrenplatz zwischen den andern Bruchstücken; man erzählt Wunder von dem neuaufgefundenen Meisterwerke, schreibt es einem Phidias zu, lobt es in den Kunstblättern, zeigt das wehmüthige Conterfei in Kupfer gestochen den Blicken der neugierigen Außenwelt, während in unmittelbarer Nähe der vom Rumpfe abgebrochene Kopf, die schon längst vorgefundenen Hände und Füße hier den Blicken der staunenden Reisenden als sinnlose Bruchstücke gezeigt werden. Könnte nicht ein fleißiger Künstler diese vor Jahrhunderten zusammengehörenden Glieder wieder zu einem vollendeten Götterbilde vereinen, das ein oder das andere fehlende kleine Glied mit seinem, durch das Vorbild begeisterten Meißel ergänzen? oder sollte nicht ein geschickter Architect, der sich in die Linien alter Kunstwerke hineingelebt hat, die einzelnen großen, herumliegenden Säulenstücke durch das scharfmessende Künstlerauge zusammenfügen können? doch es fehlen leider die Mittel zu einem solchen großartigen Unternehmen, und bis jetzt sind nur einzelne kleine Versuche gemacht worden, deren Gelingen jedoch gerade den Beweis giebt, wie lohnend dieses großartige, wenn auch schwierige Werk wäre. Man wundert sich, wie der faltenreiche Körper einer von ihrer alten glänzenden Stellung verdrängten Göttin auf der Akropolis ruht, während ihr lieblicher Kopf in der Ebene ausgegraben wurde und nun vielleicht im Theseustempel gezeigt wird; und doch ist dies auf ganz natürlichem, wenn auch barbarischem Wege geschehen; der grause Türke fand dieses Standbild der mythischen Dame auf der von ihm blutig erstürmten Burg, ihn erfüllte keine Begeisterung bei der Betrachtung des steinernen Kunstbildes, das Schwert seines Propheten hatte er nur zur Zerstörung gezogen; bald hatte die eiserne Faust des Barbaren ihren Zweck vollendet; der Kopf, dem Phidias mit Begeisterung Leben einhauchte, und dem er durch seinen Meisel den Ruhm einer Gottheit ertheilte, wich von dem blendenden Nacken, und nun war es ein gar artiges Spiel, dieses vom Rumpf getrennte Haupt unter Siegesjubel über die Felsen des gewonnenen Platzes in die Ebene rollen zu lassen. Doch nicht allein durch Mahommed's Söhne fielen diese Opfer des Barbarismus, sondern auch die Knechte christlicher Staaten wußten sich zu solchen Lustbarkeiten zu schicken. Nun geziemte es den Kunstfreunden des 19. Jahrhunderts im Schweiße ihres Angesichts ihren respectiven Musen ein Opfer zu bringen, die Gebeine ihrer Götter zu sammeln, und sie auf den Platz des alten Ruhmes wieder siegend aufzustellen; doch dies geschieht nicht, und soll nicht geschehen; so lehrt es die Geschichte von Jahrtausenden. Jede Periode hat auf dieser Erde ihre bestimmten Glanzpunkte, die in den Kunstdenkmalen die Bewunderung der Mitmenschen auf sich ziehen; die Aufgabe der Zeit ist es dann, diese Werke zu zerstören und der Nachwelt die Ruinen zu überlassen, damit sie ahne – lerne – und selbst schaffe. –
Durch die Pforten der Propyläen traten wir auf einen mit Steinen übersäten Raum, den eigentlich der alten Götterwelt geweihten Platz der Burg. Hier findet man noch in einem breiten großen Marmorblocke die Merkmale des Punktes, auf welchem die berühmte Minerva gestanden hatte; hier zeichnet sich in herrlichen Formen der Tempel der Erekthea; hier steht das großartigste Meisterstück griechischer Architectur, das säulenreiche gigantische Parthenon, in welchem einst der aus Gold und Elfenbein gebildete Zeus des Phidias thronte. Gleich links, wenn man aus den Propyläen tritt, ruhen, an eine große Quadermauer angelehnt, eine Anzahl aus den Metopen des Parthenon entnommener Basreliefs von seltener Schönheit; sie stellen einen Triumph- oder Heereszug dar, in dem man die wundervollsten Gestalten entdeckt; sie sind aus der Blüthe alter Kunstzeit. Doch den Hauptschatz dieser Basreliefs hat, wie bekannt, Lord Elgin, der Vertreter seiner kaufmännischen Nation nach London in das brittische Museum geschafft. Aus Dankbarkeit für den gelungenen Raub hat er dem armen Athen einen erbärmlichen Glockenthurm gebaut. So weit die mächtigen Klauen des Leoparden reichen, so weit schlagen sie Wunden, um das Herzblut zu gewinnen; und daß die Klauen des Leoparden weit reichen, zeigen die Schätze in seinem heimischen Lager.
Wir traten mit Begeisterung vor das erhabene Parthenon; die Façade ist noch ziemlich gut erhalten und giebt der Phantasie die Umrisse und Hauptpunkte an, aus welcher sie sich auf leichte Weise das herrliche alte Bild ergänzen kann. Eine breite Kolonnade im einfachsten grandiosesten Style umgiebt den geschlossenen, ebenfalls mit Säulen verzierten Tempelraum. Der First des Tempels ist leider schon sehr beschädigt, und man sieht nur aus zwei kopf- und armlosen Figuren, daß einst in demselben eine Marmorgruppe gestanden haben muß. Noch einige zerstückte Metopenspuren zeigen sich zwischen dem Dache und den Säulen. So zierlich und klein die Dimensionen beim Victoria-Tempel sind, so majestätisch und groß sind sie bei diesem Werke alter Kunst; doch stehen beide in gleich reizendem, poetisch architectonischem Einklange. Es liegt ein hinreißender Zauber in diesen Marmor-Ruinen; die Werke sind mit gesundem Sinn durchdacht und mit Begeisterung geschaffen worden; es bleibt uns ein Räthsel, wie die Männer alter Zeiten die Kräfte und Mittel hatten, jene Steinmassen auf einander zu thürmen; ja diese großen Künstler machten sogar architectonische Berechnungen, an die unsere arme schwache Zeit gar nicht gewohnt ist zu denken. So schützten sie ihre aus colossalen Steinen und ohne Mörtel errichteten Wunderbauten vor dem im Süden häufigen Erdbeben, indem sie allen Säulen eine etwas schiefe Neigung gegen das Innere des Tempels gaben, so daß die breiten gegen einander gestützten Quersteine denselben einen Halt darboten; so gaben sie den Grundlinien des Parthenon eine gegen die Mitte etwas einwärts gebogene Richtung, wodurch eine optische Täuschung entsteht, und sie diese herrlichen Bauten den Blicken größer erscheinen lassen. Für die Gestalt eines Zeus konnte kein besseres Werk als Göttersitz gewählt werden; denn es spricht aus demselben der Ernst und die Größe eines Donnergottes, und zu gleicher Zeit das poetisch Anziehende eines Nymphen-Anbeters. – Wir traten in das Innere. Wo einst das Dach war, quillt nun das hellste Licht aus blauem Aether auf den durch die Zeit in ein Goldgelb verwandelten Pentelikon-Marmor. Das Dach, zu dem das Rauchwerk der Opfernden emporwallte, liegt in Stücke geborsten auf dem Boden, über den einst das Blut der Opferthiere in reichlichem Maße floß. Auch von dem reichgeschmückten Bewohner dieser alten Marmorburg, vom Zeus des Phidias hat man keine Spuren mehr. Den goldenen Haarwuchs und Mantel wird irgend ein Eroberer zur Rundung und Auspolsterung seines Säckels gebraucht haben. Man hat im Innern zwei alte ausgegrabene Marmorthrone aufgestellt. Hier sitzen des Königs und der Königin Majestät bei archäologischen Festen, die zuweilen in diesen Räumen gefeiert werden. Wir dachten uns in die Zeiten des atheniensischen Volkes zurück, als es mit dem Fall des Kreon die Könige abschaffte; Professor K. aber nahm in antiker Begeisterung Platz auf dem Königssitze, und nun wurde ein von unserer Gesellschaft langgehegter Wunsch zur Ausführung gebracht – wir hatten nämlich vom Beginne der Reise an, eine Flasche österreichischen Weines mit aller Sorgfalt aufgehoben; nun ward sie an das Tageslicht gebracht, und ihr Inhalt wurde auf das Wohl des Vaterlandes ausgeleert. Die südlichen Gebräuche vermählten sich mit den nordischen. – Archivarius K. saß gleich einem Barden aus alter germanischer Zeit, mit dessen grauen Locken der Wind sein Spiel treibt, auf dem marmornen Thronsessel. Wir bildeten um ihn einen Kreis, worauf er einen der Stimmung des Augenblicks entsprechenden Trinkspruch mit weit vernehmbarer Stimme ausbrachte, der unserem Vaterlande einen Gruß weihte. Wir hörten seinen Worten mit Begeisterung und Rührung zu. Es war ein poetischer, der Vaterlandsliebe geweihter Augenblick, der die schöne großartige Umgebung noch erhebender machte. Wir hatten unseren Vorsatz erfüllt, auf Attika's fester Burg von den heimischen Weinbergen einen Trunk zu thun, in welchem wir in Liebe unseres theuren Vaterlandes gedachten. Ehe wir den Saft gesunder Oesterreicher-Trauben an unsere Lippen setzten, brachte ich, im Angesichte der Ueberreste alter Größen, auf der vor dem Throne befindlichen Steinplatte, nach antiker Sitte und Gebrauch den mythischen Göttern, deren kunstvollen Bildern einst in diesen Räumen gehuldigt worden war, eine Libation. Nun that Jeder einen kräftigen Schluck, worauf ich die Flasche, um sie vor künftiger Entweihung zu bewahren, an dem Marmor zerschellte. Die griechischen Officiere, welche uns begleiteten, sahen dieser Scene verwundert zu; doch als sie ihnen erklärt wurde, bückten sie sich und lasen von der zerbrochenen Flasche Ueberbleibsel als Andenken auf. Es scheint, daß unser Patriotismus den ihrigen ebenfalls aufgefrischt hatte. – Mein Bruder konnte leider dieser Feierlichkeit nicht beiwohnen, weil ihn ein leichtes Unwohlsein zu Hause hielt.
Vom Parthenon aus gingen wir durch ein Meer von Trümmern zum Tempel der Erekthea. Auf einem massiven, um den nicht sehr großen Raum herumlaufenden Mauerwerke von Marmorquadern erheben sich schlanke Karyatiden, welche den mit Steinmetzarbeit geschmückten Oberbau auf ihren Häuptern tragen. Der reiche Faltenwurf des aufgeschürzten Gewandes, das volle wallende Haar und die ernsten Züge dieser Figuren machen einen künstlerischen, architectonisch vortrefflichen Eindruck. Die Formen und die reichen Verzierungen des niedlichen malerischen Tempelchens erinnern unwillkürlich an die schön geschnitzten Schränke der Cinquecento-Zeit. An diesem reizenden kleinen Werke hat Neugriechenland sich angestrengt und einige fehlende Karyatiden durch neue gelungene Bildhauerkunst ersetzt. Auch bei diesem Tempel, wie bei allen, mit Ausnahme des dem Theseus geweihten, fehlt das Dach, wodurch sich die Ruinen mit noch schärferen Conturen auf dem Himmel abzeichnen. Die hintere Seite ist an eine Quadermauer angelehnt, wodurch die Aehnlichkeit mit einem Wandschrank noch mehr erhöht wird. Auf der andern Seite der Mauer befindet sich ein ziemlich großer Raum, der von zwei Seiten mit schönen korinthischen Säulen umgeben ist. Welcher griechischen Säulengattung der Vorzug zu geben ist, kann ich nicht entscheiden; doch entzückten mich die des Parthenon, in ihrer massiven und doch schlanken Form am meisten. Kein Schnörkelwerk, keine unnütze Zierrath verdirbt den großartigen Eindruck; es ist auch hier wie bei allem Großen und Schönen, das keines Schmuckes bedarf, um zu imponiren und zur Bewunderung hinzureißen.
Wir wendeten unsere Schritte in den Tempelbau, welchen die Alten den beiden Hauptbeschützern Athens, Neptun und Minerva, geweiht haben; doch das ernste, majestätische Götterweib, das aus Jovis dräuendem Haupte entsprungen war, erhielt die Oberhand über den wilden Wassermann, indem das kluge Volk von Athen Minerva's Geschenk, den Oelbaum, dem Neptun's, der das Roß aus den Wellen entspringen ließ, vorzog. Das Schönste an diesen Tempelüberresten ist die reich verzierte Eingangspforte, in deren Nähe man uns eine im Felsen befindliche Vertiefung zeigte, aus welcher Neptun mit seinem Dreizack eine Quelle gestoßen haben soll.
Der griechische Archäolog, ein sehr liebenswürdiger Gelehrter, führte uns in ein Haus, in welchem sich eine bedeutende Sammlung ausgegrabener Geschirre und anderer Gegenstände befindet. Griechenlands irdene Vasen zeichnen sich durch ihre graziösen und doch so einfachen Formen, und durch ihre schön gewählten schwarz und rothen Farben aus. Schwung und Poesie finden sich bei den Ueberresten dieser Zeit in allen Gestalten wieder. – Bemerkenswerth ist noch das an dem untern Theile der gegen die Meerseite zugekehrten Seite des mächtigen Felsens gelegene Theater des Herodes, welches nun langsam aus dem Schutte der Erde dem Tageslichte wiedergegeben wird, so daß man schon die alte Circusform, wie sie so herrlich in Verona zu sehen ist, wahrnehmen kann; dasselbe wurde von einem Krösus errichtet, der noch in den glücklichen Zeiten lebte, in denen man manchmal des Geldes zu viel hatte. Ihm war es wie folgt gegangen: er hatte einen Schatz gefunden, was damals auch schon zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehörte; er wußte keinen Gebrauch von den Massen Goldes zu machen; er wendete sich in seinem Drangsal an Kaiser Hadrian, welcher ihm den Gedanken einflößte, den ihm so lästigen Schatz zu verbauen.
Wir verließen die Akropolis mit dem erhebenden Gedanken, Großes – Unvergängliches gesehen zu haben. Wir fühlten uns der Zeit näher, in welcher ein Perikles gewaltet, und ahnten den Schöpfungsgeist unerreichter Künstler. Mit Bewunderung verließen wir eine Stelle, auf welcher die größten Geister Griechenlands sich bewegt hatten, und unsere Seele nahm den Schatten des Bildes der Akropolis auf, wie sie war, als noch Einheit und Leben in diesen Räumen herrschte, als noch der Weihrauch der reichen Opfer zu dem ungetrübten Aether stieg, und der Jubel der freudetrunkenen Schaaren in das ewig grüne üppige Thal niederrauschte.
Von der Poesie ging es zur Prosa über, und ich hatte nun die nicht sehr angenehme Aufgabe, das diplomatische Corps zu empfangen. Dergleichen Dinge waren kalte Douche auf den poetischen Enthusiasmus, in welchem das Herz über alte Größe schwelgte.
Um halb fünf Uhr setzte ich mich mit der Königin zu Pferde, um wieder einen kleinen Ausflug in die merkwürdige Umgebung Athens zu machen. Das Wetter hatte sich bedeutend getrübt; die Gegend, durch welche uns die leichten orientalischen Pferde trugen, bot in der düstern Beleuchtung ein Bild der Melancholie. Nacktes, tiefgefärbtes Hügelwerk machte den Eindruck des Erstorbenen, da ihm der Wiederschein der glühenden Sonne fehlte. Die Oliven mit ihrem düstern Grau brachten kein Leben in die schwermüthige Landschaft, welche sich bald in ein weites Thal öffnete.
Am Eingange desselben stand in der Nähe der grauen Bäume ein kleines Kapellchen; vor demselben lagen im wüsten Durcheinander Steinblöcke. Hier war es wo Byron dichtete, wo sein Mädchen von Athen entstand. Die weite Aussicht, welche sich von diesem Punkte dem Blicke eröffnet, zeigt gleich einem Spiegel, die Seele des großen Dichters: Wehmuth und glühende Sehnsucht, die von einem brennenden Sonnenstrahle zur ahnungsvollen tiefen Gluth entzündet werden. Doch heute war es der griechischen Sonne nicht gegönnt, diese Hügel und die weite Ebene mit dem Farbenschmelz des Südens zu bemalen; solche Tage sind es nicht, die der glühenden allzufeurigen Dichtung günstig sind; an Tagen wie heut kann das liebeskranke Herz des Dichters nur in melancholischen Tönen singen. Es war ein Bild des schmachtenden, nicht des siegestrunkenen Byron. Nur ein einziger Punkt der Hoffnung schimmerte in weiter Entfernung in diesem trüben Bilde: ein weißes Kirchlein, umgeben von einigen Häusern und üppigen Bäumen, war dem Auge ein Trost; mit inniger Freude erfuhr ich, daß eine Colonie deutscher ausgedienter Soldaten dort wohne.
Für die Verehrer alter Bauten sind in diesem Thale zwei Aquaducte das Merkwürdigste; sie stammen aus der Römerzeit und sind aus Ziegeln erbaut; den größten Theil der Pfeiler hat jedoch die Zeit schon verschlungen. Was bei diesen zwei Wasserleitungen für den die Natur beugenden Willen der Erbauer am meisten Staunen erregt, ist, daß sie in demselben Thale in entgegengesetzter Richtung laufen. Der Zweck dieser Bauten hat aufgehört, und die Pfeiler stehen nur mehr als traurige Merkmale einstiger Kultur da. Mit einigem Kostenaufwande ließen sich diese Aquaducte wohl wieder herstellen, was dem armen, dahingestorbenen Lande wenigstens einiges neue Leben bringen würde. – Kaum hatten wir diese Ruinen angestaunt, so überfiel uns ein ziemlich starker Regen; die Königin spannte einen Schirm auf, die Pferde wurden in ein lebhaftes Tempo versetzt und nun gings eilends einem kleinen in der Nähe befindlichen königlichen Maierhofe zu, der sich an den Ufern eines frischen Baches befindet. Das Auge erblickt mit Freude in seiner Umgebung einige saftige Kleefelder und Obstbäume. Im Hofe des nach deutscher Weise eingerichteten Gebäudes verließen wir die Pferde; mit Stolz zeigte uns die Königin einen herrlichen Kuhstall, der für die, nach deutscher Sitte den Kaffee Trinkenden, die Sahne liefert; auch hat man sich am Hofe wirklich nicht über die Milch zu beklagen, welche sonst in südlichen Ländern den nordischen Bewohnern so sehr abgeht. Eine breite üppige, von einem einzigen Weinstocke gebildete Laube vor den Zimmern des Maiers schützte uns vor dem Regen. Die Königin, welche sich einen vortrefflichen Appetit durch die häufige Reitbewegung zu erhalten weiß, ließ von der deutschen Hausfrau Pfannkuchen backen, welche in einem kleinen finstern Zimmer verzehrt wurden; indeß waren Wagen von Athen gekommen und wir konnten trocken nach Hause fahren. Im Fluge wurde Toilette gemacht, worauf man zum Diner ging, bei welchem Capitän W. von unserem Geschäftsträger Grafen J. der Königin vorgestellt wurde. Da die lebhafte Majestät fand, daß man am heutigen Tage noch zu wenig Bewegung gemacht hatte, so wurde nach Tisch noch à la guerre gespielt. Die ganze Herrengesellschaft befleißigte sich, ihr Spieltalent zu entwickeln, was jedoch Manchem auf sehr komische Weise mißlang, wodurch es dem geübten Billardspieler Dr. F. ein Leichtes wurde, obzusiegen. Mit diesem Triumphe der Wiener Kunstfertigkeit endigte der heutige Tag.
Tags darauf besuchten mein Bruder und ich noch einmal in Begleitung des Grafen C., des Archivarius K. und der beiden uns zugetheilten Adjutanten den herrlichen Theseustempel, dessen im Innern befindliche Kunstschätze wir noch nicht zur Genüge betrachtet hatten; am heutigen Morgen konnten wir alles mit Muße beschauen, ohne von den, mit Ausnahme des Professor G., für Kunst minder schwärmenden Reisegenossen gestört zu werden; dabei unterstützte uns die angenehm belehrende Erklärung des griechischen Archäologen. Der merkwürdigste im Tempelraume befindliche Gegenstand ist das Basrelief einer Heldenfigur aus der Zeit des Xerxes; es stellt Aristion, einen Verwandten des Theseus vor. Diesem seltenen Denkmale wenigstens schenkte man etwas Fürsorge, und barg es in einem gläsernen Kasten vor dem Einflusse der Luft. Man sieht aus dem Profil dieses Heldenbildes, in wie früher Zeit man in Griechenland schon ein Gefühl für Kunst hatte; ist die, späteren Zeiten vorbehaltene, schöpferische Kraft in diesem Werke auch noch gebunden, so läßt sich doch ersehen, daß einem Volke, welches schon in der Kindheit solches zu leisten vermochte, eine herrliche Zukunft bevorstehen mußte. Die Züge und Gliedmaßen der Figur sind noch steif und ungehobelt, und man konnte aus denselben schließen, wie der Funke der Kunst von den alten ernsten, steinernen Aegyptern auf das jugendfrische, lebhafte Volk der Griechen übergegangen war, und erst hier unter den Einflüssen einer glücklichen und kräftigen Natur sich zu dem hehren allbewunderten Flor entfaltet hat. Wenn wir dieses älteste Denkmal griechischer Sculptur verlassen, so finden wir schon nebenan Grabsteine aufgehäuft, welche durch die sinnreiche Idee, die ihnen innewohnt, und durch die Ausführung an Hellas Blüthezeit erinnern.
Denn nach den granitenen, schon wegen des schwer zu bearbeitenden Materials, kalten und steifen Bildern der ägyptischen Schule, hat das jüngere Streben dem weichen weißen Marmor des Pentelikon einen neuen Geist eingehaucht. Der Künstler hat schon Scenen aus dem Leben mit seinem mythischen Glauben verbunden und den mystischen Schleier gelüftet, so daß der Beschauer den Ausdruck des Gedankens, der ihn geleitet, findet. Die auf den Grabsteinen befindliche Figur des Sterbenden ist immer in sitzender Stellung und hüllt sich in einen Schleier, um das Scheiden von der Welt darzustellen; um ihn herum stehen Verwandte und Freunde, welche durch ihre Gebete die schmerzliche Trennung hindern wollen. Ist es eine Mutter, die in dem Kreise der Ihrigen stirbt, so hat der Künstler ein Kind zu ihren Knieen hingestellt, das einen Vogel im Händchen hält, wodurch er die hinfliehende Seele der geliebten Mutter versinnlicht. Dieser Grabsteine sind sehr viele aufbewahrt, und die mannigfaltigen Figuren auf denselben sind nicht typisch, es ist Fleisch und Blut vom reichsten Faltenwurfe umwallt. Unter den übrigen Gegenständen sind noch ein Sarkophag und eine treffliche Statue bemerkenswerth. Die letztere stellt einen Jüngling vor, den man als Apollo bezeichnet; ob mit Recht, weiß ich nicht, wiewohl der Gliederbau desselben eines Gottes würdig wäre. Eine ziemlich colossale Statue mit ägyptischer Bekleidung trägt die Spuren späterer Kunst in der Art ihrer Bearbeitung. Der Archäolog sagte uns, sie stellte Antinous, den Liebling des Hadrian vor. Sie ward auf dem Felde von Marathon gefunden; ich glaubte gern, daß dieses Werk der römischen Periode angehört, da man den leichten Gliederbau griechischer Kunst darin vermißt. In der Kolonnade des Hadrian, wohin wir uns nun begaben, sind in deren vorderem abgeschlossenen Raume ebenfalls Alterthümer aufbewahrt, unter denen wir noch mehrere Grabsteine nach Art der eben beschriebenen fanden.
Wir kehrten auch noch einmal zum Tempel der Winde zurück, der in meinen Augen durch die Erklärungen des Archäologen sehr an Interesse gewann. Zu diesem Gebäude führt, wie ich schon oben bemerkte, ein Aquadukt, dessen nunmehr vertrocknete Wässer vor Zeiten eine Broncestatue des Neptun so gleichmäßig bewegten, daß er den Mittelpunkt eines Uhrwerks bildete, das nach dem Lauf der Stunden Figuren zum Vorschein brachte, deren Alter und Größe mit der Stundenzahl wuchs. Im ersten Zeitabschnitte zeigte sich ein kleines Mädchen mit einem Füllhorn, in dem sich Knospen befanden; in dem zweiten eine Jungfrau mit aufblühenden Knospen; zuletzt erschien die Gestalt eines Weibes mit ganz erschlossenen Blüthen. – Auch befindet sich an diesem Tempel eine Sonnenuhr, in deren Mittagspunkt ein Strich anzeigt, daß der Lauf der Erde sich seit zwei Tausend Jahren nicht im mindesten geändert hat; denn noch heute werfen die Strahlen der Sonne genau um Mittag den Schatten der Eisenstange auf dieses dem Stein eingefügte Merkmal. In den Windrichtungen des Octogons befinden sich große Basreliefs, welche die verschiedenartigen Winde mit ihren Eigenschaften darstellen; die kalten oder schädlichen haben ältere, bärtige Gesichter, um die Rauheit des Elements darzustellen. Die lauen Frühlingswinde erscheinen in Jünglingsgestalt; daß dieselben barfuß sind, soll in versinnlichender Weise der Griechen ausdrücken, wie leicht dieselben über die Blumenteppiche der neu erwachten Natur fortschreiten. Manche dieser Figuren tragen musikalische Instrumente in der Hand, als Zeichen ihrer Lieblichkeit; manche bringen Blumen und Früchte, als Merkmale, daß sie dieselben hervorrufen. Der den Atheniensern verhaßteste Wind hält mit der Hand eine große Muschel vor den Mund, wodurch sein tönender Lärm ausgedrückt wird.
Von dem Tempel der Winde begaben wir uns in ein ehemals von den Türken zu einem Dampfbade verwendetes Gemach; in welchem jetzt die Gypsabdrücke aller nicht mehr in Griechenland vorhandenen Kunstschätze gezeigt werden. Hier befinden sich auch die Abdrücke der von Lord Elgin gestohlenen Basreliefs des Parthenon. Old England hatte die Gnade, den armen Griechen dieselben zu schicken, um sie dadurch aufmerksam zu machen auf das, was sie verloren haben. – Von hier fuhren wir zu dem sogenannten Marktthore, welches eigentlich, einige schon verkürzte herumstehende Säulen mit inbegriffen, einen Rest des Tempels der Minerva bildet; der jetzige Name ist diesem Porticus fälschlich beigelegt. Wir besuchten auch noch die in der Nähe dieser Ruinen befindliche katholische Kirche. Sie ist klein und im höchsten Grade unansehnlich, so daß wir in diesem Punkte von den Anglicanern übertroffen werden, welche sich ein recht nettes gothisches Kirchlein erbauten, während zum katholischen Gotteshause eine Moschee umgewandelt wurde. – Um ein Uhr fuhren wir mit der Königin in einem char à banc dem Gebirge zu. Bald aber trafen wir die königlichen Pferde, welche des uns bevorstehenden schlechten Weges halber bestiegen werden mußten. Das Wetter begünstigte uns am heutigen Nachmittage außerordentlich, so daß die interessanten Gebirgs-Parthieen noch malerischer hervortraten.
Die Kultur mangelte fast gänzlich; doch glänzte um so schöner das frische Grün der Pinien zwischen den Steinmassen und über der gelben südlichen Erde. Bald mußten unsere Pferde über die schlüpfrigen Felsen zu steigen anfangen. Als wir auf der ersten Höhe anlangten, empfingen uns die »zito's« der uns entgegengeeilten Bewohnerschaft des Dorfes Cassia, welches wir in dem sich nun erweiternden Thale, zwischen einer der felsigen Gegend mit Mühe abgewonnenen Vegetation, berührten. Es war ein hübscher, pittoresker Platz, dessen, zwischen den grauen Massen vertheiltes Grün dem Auge wohl that. Die Freude der Bevölkerung, die Königin zu sehen, war so groß und laut, daß das Pferd der Letzteren einigemal scheu zurückwich. Das Kostüme der Dorfbewohner war dem von Eleusis ganz ähnlich; je tiefer man in das Land eindringt, je höher man die Felsenburg erklimmt, desto orientalischer, desto urwüchsiger werden das Land und seine Bewohner; es sind kernige, an alle Entbehrungen gewöhnte Menschen, fest in ihrem abgeschlossenen Glauben, kräftig an Körper und Seele, und dadurch frei und stolz in ihrer Haltung, in jeder Bewegung natürlich graziös. Spukte nicht die Verschmitztheit der alten Griechen und die Schlauheit des Slaven in diesem ungezwungenen Gebirgsvolke, so würde ich es mit den felsenfesten Tyrolern vergleichen. Diese dunkle Wolke wirft auf den Hirten der bergigen Halbinsel einen trüben Schatten. Doch gerade, daß diese Berge in ihren Ausläufern am Gestade des Meeres Hafen bilden, mag diesem Volke die List des Krämers gegeben haben. Ihr kriegerisch blutiger Sinn, welcher sie dahin brachte, sich hinter ihren Felsburgen schützend, den Feind mit lang genährter Rachelust aus dem Lande zu jagen, hat sich nicht, wie beim Tyroler, nach errungenem Siege friedlich gelegt; der Kampf war zu lang und blutig, und mit der Zuthat des listigen Elementes ist er in Räuberei ausgeartet, von welcher man selbst bei solchen größeren Ausflügen, wie wir ihn machten, nicht ganz sicher zu sein scheint; denn wir sahen heute an mehreren Punkten des Weges Gensd'armen aufgestellt. Zwar versicherte die Königin, es sei eine unnöthige Dienstbeflissenheit; doch glaube ich wahrlich nicht, daß diese Maßregel ohne Grund genommen wurde. Schon im Umfange des Ortes verengte sich der Weg durch steinige Hindernisse; doch die Königin, an dergleichen durch ihre großen Reisen im Innern des Landes gewöhnt, setzte leicht darüber hinweg, und es ging bald zu noch steileren, mit Pinien und Felsenspitzen malerisch besäeten Höhen hinauf, bald darauf abwärts über gänzlich ungeebnetes Gestein, über einen Pfad, dem man in unseren Landen nicht einmal den ehrenwerthen Titel »eines Fußsteiges« geben könnte; und hier wußten die Pferde steigend und rutschend vorwärts zu kommen. Je mehr wir uns unserem Ziele, der alten Grenzfestung Phila näherten, desto wilder und enger wurden der Weg, und desto mannigfaltiger die Formen der Felsen. Ueberall ragten die Pinien freundlich hervor. Mich erinnerten diese Punkte an unser Salzkammergut und unser Tyrol. Noch mußten wir über unregelmäßige Steinplatten, zwischen einer Felswand und einem steilen Abhange, reiten und Angesichts der Feste eine Thalschlucht passiren; dann befanden wir uns beim herrlichsten Wetter an dem pittoresk und hochgelegenen Ziele unseres Ausflugs. Zwischen zwei Thalengen auf der Endspitze eines breiten, ziemlich üppig bewachsenen Plateau's liegen die Ruinen dieser interessanten Feste; sie bestehen aus einem nicht sehr ausgedehnten Vierecke von kolossalen schmucklosen Quadermauern; an den Ecken befinden sich vier Thürme, deren einer rund ist, was uns bezeugt, daß schon die griechischen Architekten die runden Mauern zu errichten verstanden. Phila war ein Zufluchtsort der dreißig Tyrannen, in welchem sie sich vor dem thätlichen Unwillen des atheniensischen Volkes sicherten. Man sieht, daß die Idee eines felsenfesten buon retiro's nicht erst im Mittelalter entstand. Die dreißig Herren konnten von diesem Adlerneste aus, auch ohne Plößl'schen Tubus, die ihnen gefährliche Stadt Athen mit dem den Hintergrund bildenden Azurspiegel des Meeres durch den Einschnitt der Gebirgsmassen betrachten. Die Ketten der Tyrannen sind gebrochen, die schützenden Mauern zerfallen, und nun spinnt der friedliche Epheu, der gewöhnliche Todtenschleier, wie ein wundersam üppiges grünes Netz über das alte Gemäuer; die gefürchtete Burg ward ein romantisches Ziel für Spaziergänger. Die Aussicht auf Athen, auf die Akropolis und das herrliche Meer war wahrhaft bezaubernd; zwischen der dunkleren Gebirgsmasse schien es ein in Rahmen gefaßtes Miniaturbild zu sein.
Nachdem sich die Pferde etwas von der Anstrengung erholt hatten, brachen wir auf. Anfangs ritten wir wieder auf dem halsbrecherischen Felsenwege, der sich an den Gebirgen längs des schmalen Thales hinzieht; wir verließen jedoch bald die auf dem Herwege eingeschlagene Richtung, um, wenn möglich, noch bedeutendere equestrische Gefahren zu bestehen. Es ging über den Bergrücken, von dem wir auf einer für Gemsen allenfalls guten Promenade uns abermals gegen ein schmales Thal abwärts senkten. Vor uns öffnete sich die steinige Schlucht, um uns ragten Felsen aus dem niedern Gestrüppe, und wir selbst schwebten auf den halb rutschenden, halb vorwärts schreitenden Pferden von Stein zu Stein längs des steilen Abhanges; ein Fehltritt des eifrigen Thieres und das betreffende Opfer ist ein Kind des Todes; dies sind die Unterhaltungs-Ritte der schaulustigen Europäer im alten Hellas, dem einstigen Sanctuarium der Civilisation und des Fortschrittes. Die Schlucht ward immer enger, und umsonst suchte mein Auge die Mauern des Klosters, welches das Ziel der nunmehrigen Todesgefahren sein sollte. Statt dessen entdeckte ich, daß derjenige Theil der Karavane, der sich hinter der Königin, meinem Bruder und mir befand, der Gefahr, in welcher wir schwebten, innegeworden zu sein schien; denn nordische und südliche Reiter, von deren Wagnissen man oft sprechen hört, hatten den Sattel verlassen, und führten gemüthlich ihre Pferde am Zügel. Sie zogen es vor, ihre Füße zu strapaziren, anstatt in der Luft über den Abhängen zu schweben. Für's theure Leben war diese Maßregel freilich besser; doch da wir sahen, daß die kühne Basilissa die Gefahr nicht scheute, blieben mein Bruder und ich sattelfest. Die merkwürdigste Stelle war uns noch vorbehalten. Da ich »Pfad« nicht sagen kann, so werde ich mich des Ausdruckes Richtung bedienen: wir kamen von der steilen Anhöhe, und unsere »Richtung« sollte nun dem Innern der Schlucht zugehen; der Punkt zum Umwenden bestand aber nur aus einem Felsenvorsprung, auf welchem ein Pferd gerade Platz zum Stehen hatte. Das Pferd der Königin gelangte auf diesen schwindelnden Raum; da ward die hohe Frau plötzlich der Gefahr inne, Roß und Reiterin wollten nicht vorwärts, doch ein Schritt zurück, führte unfehlbar den Sturz in die Schlucht herbei. Die Lage war peinlich; bald nahte jedoch die hülfreiche Hand des deutschen Stallmeisters, welcher das Pferd der Königin am Zügel vorwärts führte, worauf wir ebenfalls diesen furchtbaren Punkt, Gott sei Dank! glücklich passirten. Wir konnten nun das Ende der Schlucht, in welcher ein Wasser rauschte, wahrnehmen; doch wo war das Kloster? Die Welt schien mit Brettern verschlagen; wo sollten wir hier zwischen Felsen und Pinien, in dieser Urnatur ein Werk menschlicher Hände entdecken? Da sahen wir plötzlich nach der Wendung des Pfades, daß die Richtung, die wir einschlugen, am Ende der Schlucht in noch sehr bedeutender Höhe durch eine kleine Mauer zwischen den abhangenden Felsenmassen abgeschlossen war; doch wo sollten wir das Kloster finden? Die Schlucht ging zu Ende, die kleine Mauer war nur als eine Wegsperre zu betrachten; das Räthsel wurde immer spannender, wir standen vor dem Holzthor dieser Mauer, die Angeln knarrten und wir fanden uns plötzlich als Staffage im romantisch lieblichsten Bilde stiller Einsamkeit. Wir waren wie mit einem Zauberschlag in den Klosterhof versetzt. Von Außen drohte die Wildniß, von Innen spann sich ein großer Weinstock wie ein zarter Schutz über den stillen Frieden des Gebetes; nur das reine, blaue Auge des Himmels hatte Einlaß in diese Zuflucht frommer Seelen. Der heutige Ritt mag das Bild des Lebens von so manchem Mönche gewesen sein: er verläßt den häuslichen Herd, wo er noch zwischen den Blumen des Gartens die frohen Kinderjahre zubrachte; er tritt hinaus in die Welt, die sich ihm als eine breite Thalebene, in weiter Ferne mit malerischen Bergen begrenzt, darstellt; muthig schreitet er vorwärts, der Weg ist ja so flach, die Häuser der Freunde und Beschützer so nahe! Doch es zieht ihn zu den Bergen; er will die in der Ferne schimmernden blauen Höhen erklimmen, er naht ihrem Saume; das Werk ist leicht, so spricht er zu sich, denn mein Auge kann ja den Weg übersehen, es reicht vom Ausgangspunkte bis zum Ziele; doch die arme Seele vergißt des Fußes, der sie hintragen soll, sie vergißt, daß ein Fuß auch straucheln kann, daß, wo Höhen sind, auch Abgründe gähnen; er folgt den Sinnen und traut der Festigkeit seines Trittes. Das Thal wird enger, die Fläche steigt empor, der Erde entwachsen spitze Felsen, doch ist die Gefahr noch klein, er schreitet muthig vorwärts; die Sonne steigt am Firmamente, und wirft ihre glühenden Strahlen; der Pfad wird immer rauher; der Wanderer beginnt die Abgründe zu erblicken. Anfangs steigert dies seine Schaulust; er sieht ein Dorf vor sich, die Bewohner kommen ihm mit Freudengeschrei entgegen, sein Stolz hebt sich; doch ist er noch nicht befriedigt, er muß über die letzten Ansiedlungen wohlwollender Menschen hinaus; ihn treibt es stürmisch vorwärts; nach Ruhm geht sein Begehren: die Felsenburg muß er erklimmen, sein Blick muß über Regionen schweifen, wo nur der Adler haust; er achtet nicht der Gefahren, denn schon glaubt er den ersehnten Punkt von weitem zu erblicken; die Schluchten werden enger, schwindelnder die Höhen, er strebt empor – er hat das Ziel erreicht und findet eine Ruine gefallener Größe. Da ergreift ihn zuerst die Mattigkeit, da schwindelt ihm vor dem grausen Abgrund; in trüber Verzweiflung irrt er in der Wildniß fort, seine Wünsche sind vereitelt, seine Hoffnungen sind gebrochen; immer drohender wird die Gefahr, todtbringender jeder Schritt, immer steigt sein Weg, er kommt dem Abgrund immer näher; da tritt er auf eine Felsenspitze, ihn umgibt rauhe Wildniß, die frische Vegetation hat ihn verlassen, er steht allein im grauen Steinmeere! Jetzt sinkt sein Muth, jetzt ist er vernichtet, seine Noth aufs Höchste gestiegen. Da erblickt er eine Mauer mit einem verschlossenen Thore; mit Reue im Herzen stürzt er entkräftet an der Schwelle hin, er pocht an die Thüre, er weiß nicht, was sie ihm öffnen soll, – da knarren die Angeln und der müde Wanderer befindet sich im stillen Klosterhofe; die Rebe breitet ihre Arme zum kühlen Schatten aus, das Kirchlein ladet ihn zum reuigen Gebete ein, ernste Freunde reichen ihm die Hand und nehmen ihn in ihre friedliche Mitte auf. –
Dieses Kloster, dessen Andenken mich noch heute bewegt, ist, wie ich schon früher bemerkt, mit einer Mauer umgeben, und hängt gleich einem Schwalbenneste auf einem Felsenvorsprunge an dem steinigen Gebirge. Der kleine, innere Raum derselben ist so gut eingetheilt, daß er dem besten englischen Reise-Necessaire Ehre machen würde. Kleine steinerne Häuschen, welche das treueste Bild der menschlichen Abtödtung sind, finden an dem Felsen und der Mauer angelehnt Platz. In dem winzigen Hofe befindet sich noch eine etwas erhöhte Terrasse, welche unter dem reichen Rebendache eine malerische Bewegung in das ganze Bild bringt. Ueber diese Terrasse begiebt man sich zu dem den Hintergrund bildenden Kirchlein. Wir traten mit der Königin in dasselbe ein. Es trägt den Typus der byzantinischen Gotteshäuser; ein mystisches Dunkel herrscht im Innern, welches daher rühren mag, daß das Ende des Kirchleins in dem Felsen eingehöhlt ist. – Als wir hierauf im reizenden Hofe, in welchem man nichts von den nahen Abgründen ahnt, kurze Zeit ruhten, bildete die Karavane die pittoreskeste Skizze für einen nach Originalität haschenden Genremaler.
Europas fade Dandy-Kleidung, Frankreichs elegante Amazonentracht, Neugriechenlands reiche Gewande fanden sich verkörpert in einem altorientalischen, der Entsagung geweihten Klosterhofe. Man hatte sich auf die Steine niedergelassen; es rappelte und trappelte im niedern dunklen Klostergemäuer, und eine hagere vergessene Mönchsgestalt trat mit freundlicher Miene zwischen die bunte, jugendliche Welt. Der weiße Bart des altersschwachen Mannes wallte über einen dunklen kurzen Kaftan, unter dem blaue Pumphosen zum Knie reichten. Bein und Fuß waren in weiße Strümpfe und schwarze Schuhe gekleidet. Auf dem gebückten Haupte saß eine Art persischer Mütze; von den Schultern bis zur Hand waren die Arme weiß bekleidet. Wie in den Klöstern des Occidentes brachte uns auch dieser Mönch freundliche Gaben der Natur, in Honig, Brot und Trauben bestehend. Wir erkundigten uns, wo die übrigen frommen Brüder wären. Man benachrichtigte uns, daß sie mit der Feldarbeit beschäftiget seien. Im Ganzen wohnen deren sechs in dieser Einsamkeit; ihre Einrichtung besteht so zu sagen aus nichts; sind die Wohnungen im Gegensatze zu Oesterreichs herrlichen Abteien stallähnlich, so ist auch der Geist im Vergleiche mit dem unserer reichen Benedictiner von höchster Einfalt; doch paßt diese Einfalt zu dem rauhen wilden Lande, und der alte fromme Sinn, der hier herrscht, macht keinen geringern Eindruck, als die hohe Wissenschaft in den Klöstern unseres Vaterlandes.
Bald setzten wir uns wieder zu Pferde, und verließen die uns so interessant gewordene Schlucht, an deren Ende eine Höhle sein soll, in welcher, wie uns die Königin sagte, der österreichische Gesandte, Freiherr von Prokesch einen großen Schatz an alten Vasen gefunden hat. Auf einem nicht minder malerischen Wege kamen wir wieder zu dem Dorfe Cassia zurück. Hier wurde von Neuem auf einem herrlichen mit Pinien bewachsenen Plätzchen gelagert. Feldsessel und ein kleiner Tisch wurden aufgestellt, und ein stärkendes Mahl eingenommen. Der Platz war lieblich, und die Ruhe that wohl. Ich machte die Bemerkung, daß Griechenlands uncultivirtes Volk gleich den europäischen Brüdern eine große Neigung hat, dem Essen hoher Personen zuzusehen. Ich dachte mir schon oft, daß die Leute sich einbilden müssen, daß Königinnen auf andere Art essen, wie die übrigen Menschenkinder; doch hier war das Interesse gegenseitig, denn auch für uns Reisende waren die griechischen Zuseher interessant zu betrachten. Nachdem wir von unserem Lager aufgebrochen, sprach die Königin im lieblichsten Griechisch zu den Kindern der Gemeinde. – Wir setzten nun unseren Weg zu Pferde fort; als wir in die Ebene gelangten, brach die Nacht herein und ein neues Schauspiel bot sich unseren Blicken; mit mildem, ernstem Antlitze erschien der Mond im Chor der Sterne. Wie Alles im Süden heller, feuriger, begeisterter ist, so blinken auch die Gestirne mit einem eigenthümlichen, bezaubernden Glanze herab. Im Norden scheint der Mond im Blau des Himmels seine Stütze zu finden, während er in Attika's Gefilden frei im Aether schwebt und das entzückte Auge noch in eine weitere unbekannte Entfernung zu blicken glaubt. So hell leuchtete das Gestirn durch die Nacht, daß die muthige Königin im raschen Galoppe, trotz der schlechten Straße zur Hauptstadt reiten konnte. Die Wagen, welche uns entgegen gekommen waren, wurden zu meinem großen Vergnügen nicht benutzt, und frisch dahin sausend, kamen wir durch die herrliche südliche Nacht zum königlichen Schlosse. Mit Bewunderung gesteh' ich es, daß die kühne Basilissa es versteht, ihren Gästen das Land und seine schönen Punkte zu zeigen und schätzen zu lehren.
Wir waren erschöpft von dem langen, sieben Stunden währenden Ritte; aber nur der Körper war etwas müde, der Geist thätig, und so brachte uns der herrliche, südlich laue Mondschein zum Entschluß, noch einmal unsere etwas angestrengten Glieder in Bewegung zu setzen. Es lag eine enthusiastische Unersättlichkeit der Kunstliebhaber darin, die sie hinderte, sich die Müdigkeit zuzugestehen. L'appétit vient en mangeant – und daher war auch die kleine Anzahl der Philhellenen und Antiquitäten-Verehrer wirklich selig, noch diesen Genuß zum Schlusse des thatenreichen Tages zu haben. Zur erhabenen Freude an den griechischen Kunstwerken kam auch etwas Bosheit; wir ergötzten uns nämlich weidlich an den verzweifelten Mienen der prosaischen Comforthelden. – Das vortreffliche Diner ward rasch eingenommen, und wir stürzten uns hierauf, von der Basilissa angeführt, in die königlichen Kutschen. Schon während der Fahrt hatten wir Gelegenheit das klare, mild hingegossene Mondlicht zu bewundern und die Vortheile einer solchen Beleuchtung zu würdigen. Alles wirklich Erhabene tritt hell hervor, während der niedere Erdenwust im Dunkeln liegt. Die einzelnen Farben verschwinden, dem Ganzen einen sanften Ton eingebend, und die Formen der Gegenstände unterscheiden sich nur durch ihre Schatten. Am hochliegenden Thore der Akropolis wären wir fast, in Bewunderung versunken, ein Opfer unserer Kunstliebe geworden. Die Pferde, welche unseren Enthusiasmus nicht zu theilen schienen, wollten den heiligen Weg (via sacra) nicht weiter fortschreiten, und unser Wagen rutschte bedachtsam gegen die, dem steilen Wege nahen Abhänge. Die Neugriechen, welche diese Straße aus gänzlichem Mangel an Wagen nie befahren, sorgen nicht einmal für die Beruhigung der Reisenden; kein Geländer gab uns die süße Illusion einer Rettung. Die Königin ergriff daher unter verzweiflungsvollem Angstrufe das einzige uns Übrigbleibende Mittel, und stürzte sich aus dem Wagen. Das Hoffräulein, welches durch die für eine Griechin ungewohnte Emotion in eine Ohnmacht verfiel, wurde dem helfenden Lakai, einem dicken Baiern, in die Arme geworfen. Carl und ich retteten uns ebenfalls durch das von der Königin angegebene Mittel. Der Wagen, von unserer Wucht befreit, konnte durch die Pferde erhalten werden, und zu Fuß traten wir nun in das Thor des erhabenen Göttersitzes ein.
Vom Vorhofe aus hatten wir den ersten zauberhaften Anblick auf das in einen Silberspiegel verwandelte Meer. Mein Auge ruht immer mit gehobenem Gefühle auf der weiten See; wie erst, wenn sie vom Vollmonde aus griechischem Himmel beleuchtet ist?
Von jeher sehnte ich mich nach und träumte ich von dem Süden; nun fand ich meine Träume verwirklicht und weit übertroffen. Mit welch' stolzem Gefühle schritt ich über die hellglänzenden Stufen der Propyläen, deren Säulen gleich Riesen aus der Götterzeit um uns standen! Schwarz und eckig entwuchs der dunklen Erde der zierlose Frankenthurm; klein und doch lieblich erhaben, schwebte zwischen Meer und dunkelblauem Himmel der zarte Victoria-Tempel, gleich einer Phantasie aus südlichen Träumen. Herrlich thürmte sich das stolze Parthenon, als sei es durch ein Götterwort erstanden. Leicht stützten die Caryatiden den Tempel der Nymphe Erecthea. Alles so schön, so groß, so phantasiereich und alles – doch nur Ruinen!
Unwillkürlich fiel mir in diesem Raum voll Trümmern, vom Monde schwärmerisch beleuchtet, der Gedanke ein: hier sei der Kirchhof der Geschichte. Fünf Völkerperioden wälzten sich über diesen Platz, und nur die erste füllt uns noch mit staunender Bewunderung. Die tiefe Poesie, welche in den Werken der Griechen liegt, konnte ihnen kein anderes Volk einhauchen. Der Römer ist groß, aber erdrückend schwer; der Franke eckig, stark und plump, und von des Türken gräulicher, fanatischer Verwüstung zeugen nur kahle Schädel. Mit talentvollem Enthusiasmus führte uns die Königin auf die glücklichst gewählten Standpunkte, von wo wir die einzelnen Werke in ihrer ganzen Pracht sehen konnten. Sie betrachtet als Königin der Hellenen einen Theil des Ruhmes, der den alten Werken anhängt, als ihr Erbtheil. Stundenlang hätt' ich an diesen verschiedenen Punkten, meinen Gedanken selbst überlassen, weilen mögen – aber die Gesellschaft war zu groß, zu viel Unbedeutendes mischte sich hinein. Ich hatte das Gefühl, hier könnte ich dichten, Gedichte der Sehnsucht und Begeisterung. – Wir traten auf eine der Endspitzen des reich beladenen Felsens, von wo wir die neue Stadt sehen konnten. Sie war in ruhiger Stille ausgebreitet, und nur die beleuchteten Fenster zeigten, daß Leben in ihr walte. Wie wenn ein unmündiges Kind am Fuß des Thrones seines berühmten Ahnen sitzt, lag sie da; und die an unserer Seite stehende Basilissa, ist der Genius, der das Band zwischen Einst und Jetzt knüpft. – Wir schieden mit vollem Herzen; meine Seele hatten Töne anderer Zeiten durchrauscht. Die Königin, um die Ausdauer der Gesellschaft zu prüfen, schritt nun, zu meiner großen Freude, von hier aus zum Areopag, auf den Fels, von welchem der heilige Paulus zu den Atheniensern vom unbekannten Gotte sprach. Auch hier war es himmlisch. Die Königin hüpfte auf den Felsblöcken so munter herum, als hätte sie den ganzen Tag geruht, zum großen Aerger der Comforthelden, welche lieber in weichen Dunen vom rosigen Champagner geträumt hätten. Als wir den Areopag verließen, sahen wir plötzlich, gegen die Meerseite zu, ein herrliches Meteor fallen, so mächtig, als stürzte der Mond herunter. Es verwandelte seine Farben in Grün und Roth, und zeichnete seinen Weg durch einen langen Funkenstreif. Man stieg in die ominöse königliche Kutsche und fuhr zu den Säulen des Jupiter. Sie sind groß, wie alles Römische; nur fehlt ihnen der liebliche poetische Hauch der griechischen Götterwerke; Pracht ohne Grazie.
Durch das Thor Hadrians kehrten wir in den königlichen Palast zurück. Mein Wunsch war, augenblicklich auf den »Kirchhof der Geschichte« zurückkehren zu können, obwohl ich den ganzen Tag in Bewegung gewesen war. So lange ich lebe, werde ich dieses Abends, und der Basilissa gedenken.