Old Mütterchen.
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O schöner Wintersonnenschein, Du lockst ins Freie groß und klein! Old Mütterchen läßt man im Haus allein! — Old Mütterchen zählt an hundert Jahr; Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar. Ihr Ruhebett war so gestellt, Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt: Und — wie sie so durchs Fenster sah In die Husumer Bucht, was sah sie da? Die Ufer waren von Schnee so weiß, Die See stand fest als blankes Eis, Und über das weit gefrorene Meer Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her; Ein jeder schwingt sich auf seine Weise, Die ganze Stadt schien auf dem Eise. Es war ein Gewimmel und ein Gelauf, Man stellte Zelt’ und Buden auf; Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen, Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen. Das muntre Volk im jubelnden Reigen Bedünkt Old Mütterchen gar eigen: Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen, Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen; Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische, Stellte man heute Bänke und Tische; Man schmauste und trank und sang und sprang, Es wurde keinem die Weile lang. Da dacht’ in ihrer Einsamkeit Old Mütterchen längst vergangner Zeit, Wo sie die gleiche Lust erfahren, Eh sie gelangt zu zitternden Jahren, Wie mancher junge schmucke Gesell Sie einst gefahren im Schlitten schnell. Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben, Die ungestümes Meer begraben, Wie heimgegangen all’ ihre Lieben Und sie zuletzt so einsam blieben. Da seufzte sie: Gott vergisset mein Und läßt mich hier ganz seelenallein, Ich muß hier als ganz unnütz sein, Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden, Was soll ich noch fürder auf dieser Erden? Doch wie Old Mütterchen das spricht, Der Ratschluß Gottes ist verborgen, Straft sie ihr Herz: o sündige nicht: Laß ihn allein bestimmen und sorgen. In solchen und anderen Gedanken Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken, Und spricht zu sich selber: tun doch heute, Als wär’ Meer Land, die tollen Leute; Ist wohl so gesichert die weite Fläche, Daß hie und da das Eis nicht breche? Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange, Pocht ihr das Herz in der Brust so bange, Als könne solch ein Unglück geschehn, Als solle sie bald Entsetzliches sehn. Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel, Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm, Und niemand läutet doch heut vom Turm. Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde, Zerbricht er das ganze Eis in der Runde, Und alle die fröhlichen seligen Leute Versinken in Schollen und Schäumen heute. Ich will doch rufen, daß einer warnet, Eh alle des Todes Netz umgarnet. Sie ruft: Ist keiner, der hören will? Sie ruft; doch alles ist totenstill. Es ist wohl niemand, niemand im Haus. Da müht sie sich aus dem Bett heraus Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen; Da muß der Frost es fest verschließen. Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben! Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben, Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit — Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit! Herr Gott, was fang vor Leid ich an, Wenn ich das Volk nicht warnen kann; Die Wolke wird größer, o bange Pein, Sie werden alle verloren sein; Ich kenne das Sturmgewölk genau Als leiderfahrne Schiffersfrau. Allmächtiger Gott! o Herre mein! Laß hören doch mein schwaches Schrein. Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten, Versenkt sie alle das Rollen der Fluten. Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft, Weil, was sie ruft, er nicht begreift. „Ach, alle, alle eilen zur Freude Und wissen nicht, wie bald zum Leide! Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht! Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“ Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn, Sie müht sich kriechend zum Herde hin Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh Im Bett: das brennet lichterloh. Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen, Bald wird der Brand das Dach erreichen.“ Indem der Qualm das Zimmer füllt, Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt; Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle, Nur langsam erreicht sie der Türe Schwelle. Da schlägt die Lohe zum Dach hinaus. „Leb wohl, geliebtes Vaterhaus. Und kann ich nur das Volk erretten, Mag Gott mich selbst im Himmel betten.“ Doch gibt der Herr, der alles schafft, Den schwachen Gliedern fürder Kraft; Sie erreicht die Straße und ruht am Stein, Da gewahren von weitem die Leute den Schein Und sagen: dort muß ein Feuer sein! Und rennen herzu. Old Mütterchen schreit: „Laßt das! Mit dem Feuer hat’s gute Zeit, Ich lockt’ euch mit dem Feuer herbei, Daß ihr vernähmet, was ich schrei. Laßt brennen mein Haus und eilt zum Turm, Seht dorten die Wolke, und läutet Sturm, Daß alles Volk zum Lande kehr’, Eh Sturm erregt das wilde Meer!“ Da schauen die Leute die Wolke erschreckt Und sagen: die Frau hat Gott erweckt! Und rennen in Eile hin zum Turm Und läuten aus Leibeskräften Sturm. Der Qualm, das Läuten ruft alle herbei, Man eilt zum Strande mit bangem Geschrei, Und alles ruft: „Geschwind, geschwind!“ Da floh das Husumer Volk vor dem Wind. Sie gaben die Zelte, die Buden preis, Denn fernher kam das Meer schon weiß, Hoch über dem jagenden, flüchtenden Volke Verbreitet sich fliegend des Sturmes Wolke. Die Husumer zeigten jenen Tag, Wie man auf Schlittschuh’n fliegen mag: Der ganze Schwarm wie weggeblasen, Dicht, dicht dahinter des Sturmes Rasen. Hei! wie es die leichten Buden, die Zelte Hinwarf und zerspellt in die Welt hinschnellte! Sturmvögel kamen mit Schreien geflogen, Der ganze Himmel schwarz umzogen, Darunter im Sturm der Springflut Wogen. Man hörte sie schon bis her zum Strande, Und als der letzte Mann am Lande, Hob wie aufatmend das Meer in der Bucht Weithin mit Gedonner des Eises Wucht. Wie von springenden Rossen ein wildes Heer, Sprang Brandung Sturz auf Sturz daher, Und wogte zu Trümmern den Spiegel, der eben Noch trug des Volkes fröhliches Schweben, Zerbrach ihn und türmte und rollte im Lauf Ein Gebirg von Schollen am Ufer herauf. Und wieder stürzt es zurück ins Gebraus, Und wieder warf es das Meer heraus. So tobte der Sturm die ganze Nacht Und schwieg erst, als Gott Tag gemacht; Und als die Sonne stieg empor, Da sammelte sich das Volk zum Chor, Und sangen Lieder und priesen Gott, Der sie errettet aus solcher Not. Old Mütterchens Haus war niedergebrannt; Doch als ihre Tat war stadtbekannt, Da sah man das ganze Volk hinkommen, Wo gute Leute sie aufgenommen. Der Bettler, der Bürgermeister nicht minder, Sie nannten sich alle Old Mütterchens Kinder. War ohne sie doch alles verloren, Sie hatte sie alle neu geboren, Drum wollt’ ihr jeder ins Auge blicken, Sie laben und herzen und süß erquicken, Und brachten ihr für ihre Habe Viel tausend neue schöne Gabe. Old Mütterchen aber in Freudentränen Sprach: „Niemand soll aus der Welt sich sehnen Und sei er noch so hoch betagt Und siech und matt! Wer weiß, wer sagt, Wozu der droben Ihn aufgehoben? Laßt uns den Herrn des Himmels loben!“ Aug. Kopisch.