← Table of contents
Kulturhistorische Charakterbilder

Michelangelos Leben.

Reading edition

Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.

Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo gelebt hat .....

Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns. Der künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf, ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....

Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter, ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen Stern geboren sei.

Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß der Vater nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April 1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo, dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.

In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte. Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in Form und Farbe so echt und naturwahr — heute würde man sagen: mit so erstaunlichem Naturalismus —, daß sein Meister eines Tages entzückt ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.

Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der zugleich Aufseher der Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen, sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers. Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.

Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm. Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte, erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer arm bleiben!«

Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.

So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer, die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«, zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint. Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes, sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen habe.

Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung. Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach, als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen. Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde. Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.

Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock, der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules, der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713 zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.

Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo wieder in seine vorige Stellung ein.

Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....

Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt. Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost. Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße. Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling, der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße hinausleuchtete.

»Wer da?« fragte er barsch.

»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und Mariotto.

»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen: »Ihr seid keineswegs meine Freunde.«

Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn, kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.

bild
bild

»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.

»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren Empfang!«

»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der Mediceer.«

»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«

Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.

»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«

Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«

Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.

»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch; »du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«

»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister Poliziano, geschrieben.«

»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«

»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.

»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich anzukleiden.

»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«

»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück, den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.

»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.

»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem Schlafe geweckt.«

Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und riesenhafte Schatten erzeugten.

Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen des Windes mischte.

»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen, Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.

Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.

»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig bewegt.

»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo. »Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen und meinen Durst löschen.«

Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter einem ganzen Geschlecht, der für meine Worte empfänglich war. Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«

»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling düster und voll Gram.

»Da du die Schönheit wiedergibst, wie du sie siehst und fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner eigenen Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit, die der Mensch verehren sollte.«

Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.

»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«

Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen, vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich, aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als Sieger hervorzugehen?«

»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele einhauchen will? Ihn von Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«

»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo, der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie des Schmerzes leihen.«

»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über den Hof in die Gärten hinaussah.

»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«

»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf den verdüsterten Michelangelo.

Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt war. »Meister Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit. Der Schnee da unten predigt aber: nütze den Augenblick! Wer weiß, wo du morgen bist!«

bild
bild

»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«

»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.

Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne wie Goldstaub, und die Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus diesem Bann erlöse.

»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf. Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte, arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit fieberhaftem Eifer an seinem Werke.

Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen. Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte, trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf.

»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden Worte des Schicksals vernommen hat?«

Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es, als sei silberner Puder überallhin verstreut.

In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm. Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus.

Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler.

»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.«

»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein.

»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.«

Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz.

»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.«

Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile. Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt.

Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten. Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen. Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht.

Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er; »nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat und was von heute an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: der seelische Ausdruck! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht die inneren Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast mich Großes gelehrt!«

»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas Großes gefunden — dich selbst! Nun darfst du hoffen, zu siegen. Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam, und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.«

Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung, die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.«

»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.«

Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen, die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst gefunden .....

Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand.

Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen und es wurde dann auch als ein eben ausgegrabenes Bildwerk an den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig ab; so wurden der Kardinal und Michelangelo betrogen. Aber auch dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr, daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte.

Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte »Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella della Pietà befindet.

Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer sein Amt verloren hatte, in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte. »Ihr mögt mir glauben« — schrieb er nach Hause —, »daß auch ich Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.«

In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501 machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt.

Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die Madonnenmarmorgruppe — eine Bestellung flandrischer Kaufleute —, die in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht.

Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen Leonardo da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte, vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai 1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte.

Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo sofort zu seinen hilfsbedürftigen Angehörigen nach Florenz zurück; aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist.

Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der Erlösung.

Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen ihn ebenfalls sehr quälte.

So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen Pfennig.«

Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone (aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um meiner Familie zu helfen.«

An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr große Mühen und Unbequemlichkeiten.«

Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen, das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte:

Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen, Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien Den Katzen — oder ist's noch sonst wo anders — Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch. Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben, Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment. Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen: So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen. Drum trügerisch und seltsam Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes; Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr. Tritt ein, Johann, nunmehr Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk; Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler.

Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen. Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit geht über allen Ausdruck.«

Illustration from Kulturhistorische Charakterbilder: Für die Jugend

Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen. Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde, das er ehedem innegehabt hatte.

Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits 1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber.

In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit, sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den angefangenen Figuren zu arbeiten.

Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert. »Michelangelo« — schreibt ein Zeitgenosse — »wird nicht mehr lange leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war.

»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.«

Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat mich ruiniert. So will's mein Schicksal.«

Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung, so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet.

Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es geschaffen hat.

Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer gewaltigen Phantasie schildert.

Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden.

In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine gewisse Wohlhabenheit erreicht.

Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am 12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt. Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt, daß Maler und Bildhauer monatelang an der künstlerischen Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings