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Kulturhistorische Charakterbilder

Beethoven.

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Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen, fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch in den Gassen. Die große furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel empor.

Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren, mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden.

Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog, sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß, und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen Kraft Frankreichs seinen großen Geist entgegen: Goethe, der den Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und Beethoven, den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der das Tonreich neu gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner Napoleons noch übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter.

Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren, nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert Taler Jahresgehalt.

Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person, die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos; und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe Ludwig van Beethoven.

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Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen der Heirat noch erzürnt war. Aber er starb schon, als Ludwig erst drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens eines Dritten je geduldet hätte.

Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke, Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten.

Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in sich gekehrt.

Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang erretten sollte.

So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben. Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März — der wurde auch Beethovens Todestag! — 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen die Gnade gehabt habe«.

Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche falsche Angabe sei.

Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven zusammen »variierten«.

Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland nimmermehr besuchen.«

Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs wohltemperiertes Klavier.

Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf, und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte, um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten, kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr überrascht.

Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.«

Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ, um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt, starb.

»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen ›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen?«

Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als früher.

Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning, zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten gesellschaftlichen Schliff erhalten.

Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die Sonate op. 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens, mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das damals für Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte.

Beethoven mußte nun daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen. Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J. Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon (op. 1 in C moll) nicht zu veröffentlichen, weil es zu gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre.

Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt. Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker auszugleichen, und um sich geschmeidigere Umgangsformen anzueignen, besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige. Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles Schlafen ist schädlich«.

Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte, was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik erlernbar war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die italienische Musik von Grund aus kennen lernen.

Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf dem Pianoforte (C dur op. 15), gespielt von dem Meister Herrn Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«.

Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger. Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine eigenen Wege ging. Beethoven charakterisierte am Klavier; er benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte, als auch tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er, wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (op. 5), weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte, er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen, daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung, in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.«

Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen; er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war nicht der Geist, den er suchte.

Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war — der Freund Goethes — trat Beethoven auf, und auch hier traten den Zuhörern Tränen in die Augen.

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Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«. Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen Erkrankung.

An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt, so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird. Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O, wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte, dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.«

Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist, was werden diese dazu sagen?«

Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz, stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel des Menschen von innen kommt, und daß nur das Können wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte, handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren, derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte.

In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon. Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und zur linken für eben jene Gräfin decken.

Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen, seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und hart werden konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen zu dürfen.

Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn.

Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner F dur-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck, daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein zu sehen. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr den Mondschein spielen!« Er setzte sich ans Instrument und improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein mürrischer, finsterer Mann.

Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das Leben bildete ihn und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren. Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf den Gesichtern seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches.

Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt. In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet; mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so denkt, daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.«

Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut, meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian, Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig, fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum — »spazierenarbeitend« wie er sagte —, komponierte, schwatzte mit den Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen.

Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der Völkerfreiheit.

Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die dritte Symphonie (op. 55), die nur den Titel »Bonaparte« führte, und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam, bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter, schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!«

Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk nun dem Fürsten und nannte es jetzt »Sinfonia eroica« mit dem Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob.

In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen« geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde.

Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr stämmig und untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in »wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen, fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte. Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren seine kleinen Hauptfreuden.

Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen Hut vom Kopfe. Er mußte ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend, zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen Hut hatte er wieder.

Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal gefallen.« Nach der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch besiegen.«

Illustration from Kulturhistorische Charakterbilder: Für die Jugend

Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage, es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so erlaube ich es.«

Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben, wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube trommelte und übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden. Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke; Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen, alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das. »Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben — sonst müßte ich mich selbst lieben.«

Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel. Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben. In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat.

Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen.

I.

»An seine Hochwohl—wohl—wohlgeboren den Herrn von Zmeskall, Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des Herrn von Zmeskall Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben.

B.«

II.

»Liebster Baron Dreckfahrer!

Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux — übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie mir heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut und löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn, rno, onr.«

III.

»Verfluchter eingeladener Domanetz — nicht Musikgraf, sondern Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. — Kommen Sie, wenn Sie der Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen ›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.«

IV.

»Geliebtester Conte di Musica! Wohl bekomme Euch der Schlaf, und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. — Darum sind wir, Euer gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester musico und conte di musica. Euer wohlaffektionierter Beethoven. Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«

Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied »Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen. Künstler sind feurig, die weinen nicht.«

Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«

1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge, Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam. Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein, er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht. Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun doppelt durch diesen Mangel.«

Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener Weise das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog, sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm hängen; sie müssen uns Platz machen.« Aber Goethe machte sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend, mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war. Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.« Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr; mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.

Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.

Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,« schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«

Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer, Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm. Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch andere.

Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl, an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.

Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.

Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die Wohnung gekündigt werden mußte.

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Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht. Seine brüske, verbitterte Art zeichnete sich sogar in seiner Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist zu kurz, um Buchstaben und Noten zu malen, und schöne Noten brächten mich schwerlich aus den Nöten.«

Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen dazu aus.

Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«

Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der über diesem Streich fast zusammenbrach.

Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war, wurde er von der Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf. Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben« bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete, scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«

Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde elender.

Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen, die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt ihn: der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist. Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags darauf beginnt der Todeskampf.

Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran. Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.

Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren geschlossen.

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