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Kulturhistorische Charakterbilder

Die Jungfrau von Orleans.

Reading edition

Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen, feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien, krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden.

Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke, das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing, diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der Heiligen besonders glaubhaft zu machen. Sie, die Diener Gottes, vermochten allein Gott zu versöhnen — denn die Krankheiten galten damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden — und die Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums auszurotten.

Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken; daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem Leichnam nähere.

Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen, Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt, krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben. Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut — kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen; verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister, die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei, bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln, die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln, Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und die wilden Tiere.

Aber den Hexen gelingen Wunder und Untat erst, nachdem sie den zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt. Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz, Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut. Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel, murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte, der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische Tatsache; daß sie wirklich zum Kamin hinausflogen, ist natürlich Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken Träume bewirkt und ausgelöst.

Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der Harken und Böcke.

Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein — die Richter taten es stets —, so gaben sie, wenn man wirklich Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich.

Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige.

Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich, so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank, und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde — muß Gott für das Wunder danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und Zauberinnen, aber man glaubte an sie.

Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit angehext. Sogar Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen.

Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert, im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren.

Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband, der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau, die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor, die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen tagelang auf.

Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot, Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde ihnen umgehängt.

Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet — dieser sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als Hexen Verschrienen häufig alte, arme Weiber waren, was sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade dieser teuflischen Kunst wegen verbrannte.

In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren, lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte.

Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob, war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig erzählt; die beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten.

Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich zugrunde gegangen — gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose und intrigante Königin Isabella —, durch eine Jungfrau werde es wieder gerettet werden.

Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört, die Kirche niedergebrannt.

Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern. Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig, daß sie oft zur Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu beichten haben konnte.

Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten, indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte, um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael erkannte.

Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.« Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der heilige Michael erschien ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach.

Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen. Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete, sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute, die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten, die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind, weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben, sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum Schlachtfelde.

Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen. Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen und sich lieber zur Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre Freiheit.

Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey (Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an, seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen — da Gott es mir gebot, mußte ich fort,« antwortete sie später ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai 1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre »Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen würde, sich Gehör zu verschaffen.

Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte, als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt, um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern zurückzuschicken.

Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran. Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich, obgleich ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrocken bliebe; denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und es verrichten, denn mein Herr will es.«

Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen. Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel kaufte ihr ein Pferd.

So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte.

Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören. Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß Gott mit ihr im Bunde war? Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich. Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März empfing sie der Dauphin dennoch.

Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal. Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau. Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.« Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach, fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus. Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun; mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.«

Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie verlangte ein Schwert, das sie genau beschrieb und das, wie sie angab, hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei ihr.

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Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten: Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen thronend. Und nun zog sie in den Kampf.

Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans. Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt. Im nahen Schlößchen Reuilly rastete Johanna bis zum Abend. Und am selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe, die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans, und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen, Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk, das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder drängten sich an sie heran, um sie zu berühren.

Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt, hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff.

Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht. Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu, sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im geheimen Angst haben vor der »Zauberin«.

Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna, das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat, glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben. Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte.

In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten. »Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession.

Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen und ihn zu krönen.

Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer hatten noch eine Menge Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire.

Am 12. Juni fiel Jargeau. Der Herzog von Alençon zögerte mit dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,« antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige zu dienen. Mit seiner Hilfe wird Beaugency bei Blois am 17. Juni genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen.

Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm seine Sterbestunde.

Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst vom Feinde säubern; aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden. Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt, daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen, wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt Troyes an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf die Bürger von Troyes nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten. Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte auch am 9. Juli ihre Befreiung durch.

Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge. Chalons, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs tun das gleiche. Aus der Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein. Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,« rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele, mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens getan, was unser Herr mir geboten hat.«

Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,« rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das Königreich Frankreich gehören soll.«

In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen.

Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun? Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte, wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe.

Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau.

Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie. Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem Könige.

Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um neuen Sieg anflehend.

Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder; gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen. Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen unter dem Namen Du Lis in den Adelstand. Johanna war nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen.

Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen und sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre Ahnungen keinem an.

Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII. erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken. Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten.

Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen, die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen.

Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen König oder einen Fürsten gibt«.

Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen. Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf, die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts; sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn, dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig.

Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein. Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau an die Engländer auszuliefern.

Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung, Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war. Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib.

Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten, aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten. Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich. Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten, über die sie sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie; endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren Prozeß wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte, aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie, »aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können, so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts versprochen.«

Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10. bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen.

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Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte, fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in jedem Falle zu verurteilen. Denn der schlimmste Vorwurf, den ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle, rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur.

Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an. Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht zu, wie ihr sie gesund macht.«

Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen. Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich in allen Stücken auf Gott den Herrn.

Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr, daß man sie zur Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief nicht.

Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.«

Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am 23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber, die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft. Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen, was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.«

So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords, Feldherren und Kronbeamte.

Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr den Tod anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte, brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.«

Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!«

Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe. Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte.

Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann, dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne. Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof von Beauvais die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu erinnern und Buße zu tun.

Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu. Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt. Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen.

Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche, und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu. Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?«

Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu sehen.

Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst, daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin, Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den Holzstoß an. Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen.

Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch. Mein König ist an dieser Tat unschuldig.«

Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ...

Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat, habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten, aber nicht auszusprechen wagten: »Wir sind verloren, denn wir haben eine Heilige verbrannt!«

Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder verschollen, und die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII., Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna erlitten hatte.

Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt.

Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456 wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX. hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt:

»Ihr Name soll dem heiligen Denis Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist, Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.«

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