← Table of contents
Kulturhistorische Charakterbilder

Galilei.

Reading edition

Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der — wie Goethes Faust — nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit Blindheit schlug.

Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament erfüllte.

Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen; er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt, der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter die Kulissen schauen.

Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet zu haben, indem sie ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B. Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur.

Welche Kräfte und Gesetze sind es, die das Weltsystem zusammenhalten und die dem Menschen die Macht geben, dieses System in Gedanken aufzubauen? Wer gab dem Menschen diese hohen Gedanken?

Diese Astronomen sind zugleich auch durchaus tüchtige Philosophen. Sie bringen eine echte und große Begeisterung mit, und wenn sie ihre kindlich einfachen Fernrohre vors Auge rücken, ist es ein erhabenes, wortloses Gebet, das durch ihre Seele zieht ....

Es war nicht meine Absicht, eine Vorlesung über Geschichte der Astronomie zu hören, als ich nach Florenz ging. Aber ein Zufall führte mich in den alten Palast, den der Graf Paolo Galletti in der Via de Banchi bewohnt, in dem ich acht kostbare Tage verbringen durfte. Am zweiten Tage unseres unvergeßlichen Zusammenseins hatte sich Graf Galletti als ein Sammler und Gelehrter entpuppt, der sein Leben der Galilei-Forschung weihte und der mich einen Blick werfen ließ in seine reichen und unschätzbaren Sammlungen.

Welch eine sonderbare Wohnung war das! Man befand sich in einer weitläufigen Bildergalerie, deren gründliches Studium allein einige Tage gekostet hätte. Da waren düstere Gemälde von Giotto und Pontormo, Prachtstücke von Guido Reni und Fra Bartolomeo und einige unbekannte Porträts aus der besten Zeit von Franz Hals. In den Korridoren befanden sich kostbare Kupferstiche, in jedem Winkel Marmorwerke und Antiken. In der Küche standen Ausgrabungen vom alten Tempel auf Fiesole. Das Haus war voller geheimer Türen, die zu verborgenen Treppen führten; ein ängstlicher Wirrwarr von Gängen, Fluchten und Nischen.

Ein Gemach aber, das Studierzimmer des Grafen, überbot in seinem wirren Durcheinander die Kunst aller Regisseure, die je ihre Phantasie an »Fausts Studierzimmer« erprobt haben. Retorten, Globusse, Wagschalen, Mörser, Klöpfel, Urkunden, Pergamentrollen, sonderbar geformte Lampen, ureinfache Mikroskope, astronomische Karten, Fernrohre, Glaskelche, Schädel, alles lag in einem malerischen Kunterbunt umher.

»Dies« — erklärte mir der Graf, und er zeigte mir ein vergilbtes, vom Staub und von der Zeit zernagtes Pergamentblatt — »dies ist die Originalurkunde, die den Kanonikus Girolamo (Savonarola) in den Verbrennungstod schickt. Betrachten Sie, bitte, auch diese Blätter! Es sind die Originalgedichte Franzesko di Medicis. In jener unscheinbaren Kassette dort bewahre ich einen Pack Briefe von Zwingli, die er an meine Ahnen gerichtet hat. Mit einer theologischen Schlauheit, die ihresgleichen sucht, bemüht er sich, sie für seine Ideen herumzubekommen. Welch eine klare und kräftige Natur; man begegnet solchen Menschen nicht mehr. Aber, was Sie mehr interessieren wird, das ist dies Manuskript der ›Göttlichen Komödie‹, von der Dante etwa zehn oder zwölf Abschriften besaß. Beachten Sie das Datum hier: der 29. Juni 1416. Von ebenso großem Werte ist auch dieser Kodex; die reizenden Kompositionen, die Sie sehen, rühren von Pico de la Mirandolas Hand her. Worauf man sehr gespannt sein wird, das sind verschiedene Gedichte von Torquato Tasso, den Goethe in seiner Tragödie verewigt hat und die Tasso schrieb, kurz bevor er ins Irrenhaus kam. Ich will nicht von den Briefen Donato Giannottis sprechen, des großen Freundes Michelangelos, auch nicht von den Briefen Macchiavellis und Benvenuto Cellinis, die ich besitze und die durch mich noch ihrer Veröffentlichung harren. Ich mache Sie lieber auf jenes Porträt aufmerksam, das von den bedeutendsten italienischen Kritikern als Selbstporträt Michelangelos erkannt wurde.«

»Soviel mir aber bekannt ist,« sagte ich, »hat die neuere Kunstforschung mit Sicherheit festgestellt, daß es von Michelangelo keine Selbstporträts geben kann, weil er sich niemals selbst gemalt hat.«

»Es handelt sich hier vielleicht um das von einem zeitgenössischen Freunde angefertigte Porträt,« meinte der Graf. »Sie werden mich nun fragen, wie all diese Schätze in meinen Besitz gekommen sind? Ganz einfach. Ich bin der Besitzer der Villa, die Galilei in Arcetri bewohnt hat, und in ihr fanden sich all diese Kostbarkeiten vor. Sie waren also Eigentum Galileis, von dem ich noch weit Wertvolleres besitze. Das ganze astronomische und physikalische Handwerkszeug, dessen der Astronom sich auf der Villa Arcetri bediente, jener Villa, in die ihn seine jesuitischen Feinde verbannt hatten, ist in meinem Besitz. Mit Ausnahme der Bronzelampe, die Sie im Dome zu Pisa gesehen haben und die Galilei zur Entdeckung des Pendelgesetzes die Anregung gab, sind fast alle Instrumente in meinen Händen, mit deren Hilfe Galilei seine bedeutenden Entdeckungen gemacht hat.«

»Ach, erzählen Sie mehr von ihm,« bat ich den Grafen.

»Gern,« erwiderte er. »Schon der Tag, an dem er zur Welt kam, hat für mich etwas Geheimnisvolles, und auch für Sie, wenn Sie an die Seelenwanderung glauben. Galilei wurde an demselben Tage geboren, an dem Michelangelo starb; am 18. Februar 1564. Pisa ist seine Geburtsstadt. Vinzenzo, sein Vater, war ein Florentinischer Edelmann, der sich durch Schriften über die Theorie der Musik und Mathematik einen besonderen Ruf erworben hatte. Seine Mutter, Giulia, stammte aus dem alten und berühmten Geschlecht der Ammannati. Bald nachdem Galilei zur Welt gekommen war, zogen seine Eltern nach Florenz, wo er auch seine erste Erziehung erhielt. Galilei sollte Tuchhändler werden, ein Geschäft, das bei den Florentinern damals in hohen Ehren stand. Aber als der Vater die hervorragende Begabung des Knaben bemerkte, ließ er ihm eine Erziehung angedeihen, die mehr auf eine wissenschaftliche Laufbahn abzielte. In der Verfertigung mechanischer Instrumente und Maschinen und besonders im Zeichnen zeigte Galilei schon als Knabe großes Geschick. Der Vater schickte nun seinen Sohn 1581 auf die Universität nach Pisa, wo er die Arzneiwissenschaft studieren sollte. Zugleich hörte er dort Vorlesungen über das, was man damals aristotelische Philosophie nannte. Abgestoßen von diesen haarspaltenden und fruchtlosen Diskussionen griff Galilei oft als Gegner in diese Streitigkeiten ein. Dafür nannte man ihn auch den ›Zankapfel‹. Das hinderte ihn nicht, die naturwissenschaftlichen Irrtümer der aristotelischen Philosophie zu verwerfen und das Gute der dialektischen Lehrsätze hochzuhalten. Aber seine stärkste Liebe wandte er dennoch den Naturwissenschaften und der Mathematik zu.

»Eines Tages bemerkte er, daß eine im Dome zu Pisa hängende Lampe, wenn sie durch Zugluft in Schwingungen geriet, zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung immer gleich viel Zeit gebrauchte, mochte der Windstoß stärker oder schwächer und also die Schwingung größer oder kleiner sein. Er schloß daraus, daß die Zeit, welche ein pendelartig schwingender Körper zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung gebraucht, nicht durch die Stärke des ihm gegebenen Stoßes bestimmt werde, sondern nur durch die Entfernung desselben von seinem Aufhängungspunkt, also durch die Länge des Fadens oder Stabes, an dessen Ende er befestigt ist. Zu Hause angestellte Versuche mit Pendeln von verschiedener Länge bestätigten diese Vermutung und belehrten zugleich den jungen Naturforscher, daß es dabei auch nicht auf das größere oder geringere Gewicht des Pendels ankomme. Nun tauchte sofort der Gedanke in Galilei auf, diese Entdeckung auf die Messung der kleineren Zeitteile anzuwenden. Er maß zunächst die Schnelligkeit der Pulsschläge, dann die von Sekunde zu Sekunde zunehmende Geschwindigkeit frei fallender Körper. Von nun ab diente ihm das Pendel bei allen physikalischen, besonders aber bei astronomischen Beobachtungen, bis, sehr viel später, Huygens das Pendel auch mit Uhrwerken in Verbindung brachte. Der Vater Galileis hatte endlich auch seinem Sohne erlaubt, das Studium der Arzneikunde aufzugeben und sich ausschließlich den physikalischen und mathematischen Wissenschaften zu widmen, und der junge Galilei zeigte sich dieser väterlichen Vergünstigung bald würdig. Er las zum Beispiel die Schriften des Archimedes mit so großem Erfolge, daß er, angeregt durch die Lektüre, die hydrostatische Wage erfand. Dieses bestaubte Ding hier stellt den ersten Versuch der Galileischen Wasserwage dar, die er so scharfsinnig beschreibt. ›La Bilancetta‹ nannte er das Werk, wovon ich gleichfalls das Manuskript mein eigen nenne.

»Man fing an, von dem jungen Erfinder und Entdecker zu sprechen; sein Name war in Italien bald berühmt. Er korrespondierte jetzt mit den bedeutendsten Fachgelehrten; ganz besonders interessierte sich aber für ihn ein in Pesaro lebender Mathematiker, der Marchese Guidubaldo del Monte, der Galilei veranlaßte, das Gesetz vom Schwerpunkt zu vervollkommnen und besser auszuarbeiten. Der vierundzwanzigjährige Galilei kam dieser Aufforderung nach und übertraf mit der Lösung der gestellten Aufgabe alle bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Man nannte ihn jetzt, 1589, den Archimedes seiner Zeit und man übertrug ihm zugleich die gerade freigewordene Professur für Mathematik an der Universität zu Pisa, die er ein paar Jahre vorher hatte verlassen müssen, weil er damals nicht über Mittel genug verfügte, seinen Doktor zu machen. Seine Besoldung war sehr gering, aber er benützte die Stellung seines öffentlichen Amtes zu neuen Forschungen und zur Verbreitung der bisher angestellten. Seine Landsleute Varchi und Benedetti hatten schon 1544 die Behauptung ausgesprochen, daß alle Körper von gleicher Dichtigkeit, mögen sie groß oder klein sein (z. B. ein Lot Blei ebenso wie ein Pfund Blei), bei gleicher Fallhöhe die gleiche Geschwindigkeit erlangten. Exakt bewiesen war dieser Satz keineswegs und fast alle damaligen Physiker leugneten ihn. Galilei erst erbrachte, trotz alles Spottes der Gegner, den unanfechtbaren Beweis für die Richtigkeit des Satzes. Er ging noch weiter und erforschte noch das Gesetz, wonach die Fallgeschwindigkeit von Sekunde zu Sekunde wächst und daß die am Ende des Falles erlangte Geschwindigkeit fallender Körper sich verhalte wie die Quadrate der Zeiten. Galilei hat diese Entdeckung zwar erst fünfzig Jahre später drucken lassen, aber inzwischen hat er dieses Gesetz vielfach praktisch angewendet und er hat natürlicherweise mit vielen Sachverständigen darüber korrespondiert. Immerhin hatte die Gewohnheit Galileis, die Veröffentlichung seiner so wichtigen Entdeckungen lange aufzuschieben, die unangenehme Folge, daß ihm oft die Priorität für seine Entdeckungen und Erfindungen bestritten wurde. Es würde Bände füllen, wenn man ausführlich erzählen wollte, welche Kämpfe Galilei allein um das Prioritätsrecht seiner Erfindungen stets ausfechten mußte. Und noch bis heutigestags ist vieles ungeklärt, da noch immer zahlreiche Manuskripte und Briefe Galileis, die über das Prioritätsrecht Auskunft geben könnten, ungedruckt in Bibliotheken liegen.

»Zu jener Zeit war es an italienischen Universitäten üblich, die Professoren nur für eine gewisse Zahl von Jahren anzustellen. Galileis erste Anstellung lautete auf drei Jahre. Die große Bedürftigkeit der Familie Galileis, noch gesteigert durch den erfolgten Tod des Vaters, machten es dem jungen Professor zwar höchst wünschenswert, die Professur in Pisa noch zu behalten, aber seine Freimütigkeit und seine Liebe zur Wahrheit nötigten ihn, das Amt dennoch aufzugeben. Johann von Medici, der in hohem Ansehen stehende Stiefbruder des regierenden Großherzogs, hatte eine Maschine zur Reinigung der Häfen und Kanäle erfunden, und Galilei war unklug genug, diese Erfindung aus mechanischen Gründen als unbrauchbar abzuweisen. Das zog ihm natürlich den Haß des Medici zu, der mit den übrigen zahlreichen Feinden und Neidern Galileis gemeinsame Sache machte, um ihn beim Großherzog anzuschwärzen. Galilei sah den kommenden Sturm voraus und zog sich nach Florenz zurück. Wiederum bemühte sich der Marchese del Monte für ihn beim Senat der venetianischen Republik für die durch Moletis Tod erledigte Professur der Mathematik an der Universität zu Padua. 1592 erhielt Galilei diese Stellung zunächst auf sechs Jahre. Durch seine Vorträge lockte er hier zahlreiche Zuhörer der verschiedensten Altersstufen an sich und verfaßte Werke über Kriegsbaukunst, Mechanik u. a., die er zwar noch nicht drucken ließ, die sich aber dennoch durch Abschriften sehr bald verbreiteten.

»Um dieselbe Zeit erfand Galilei auch das Thermoskop, das erste Instrument zur Bestimmung der Wärmeverhältnisse, wovon ich leider nur die von Galilei herrührende schematische Darstellung besitze. Galilei bediente sich einer engen Glasröhre, die an dem einen Ende offen war, an dem anderen aber in eine hohle Kugel auslief. Er goß in diese Röhre etwas Wasser, verschloß sie alsdann, kehrte sie um und tauchte sie in ein Gefäß voll Wasser, aus welchem er den größten Teil der Röhre mit der daran befindlichen hohlen Kugel hervorragen ließ, während ein ganz kleiner Teil mit der Öffnung, die Galilei nun wieder freimachte, unter Wasser blieb. In der Kugel war also jetzt atmosphärische Luft abgesperrt, und wenn diese sich durch Einwirkung der Wärme ausdehnte, so trieb sie einen Teil des in der Röhre stehenden Wassers durch die jetzt unten befindliche Öffnung heraus in das Wassergefäß; zog sich hingegen die Luft in der Kugel durch Abnahme der Wärme zusammen, so stieg durch den Druck der äußeren Luft das Wasser in der Röhre.

»So unvollkommen ein solches Instrument war, für die damalige Physik bedeutete es immerhin einen großen Fortschritt. 1594 erhielt Galilei von der Republik Venedig ein Privilegium auf zwanzig Jahre für eine von ihm erfundene hydraulische Maschine.

»Und hier ist der Proportionalzirkel, den Galilei bald darauf erfand, und der von den Ingenieuren und Geometern seiner Zeit sehr hoch geschätzt wurde. Es gab in jener Zeit noch nicht unsere bequeme Einrichtung des Patentamtes. Allein, wie heute, wurden auch damals die Erfinder reichlich betrogen. Wer damals einen solchen Zirkel besitzen wollte, mußte an Galilei schreiben, und er verfertigte so viel, wie er liefern mochte. Aber mehr als zehn oder elf Exemplare wird es kaum geben. Seine Arbeitskraft war von anderen Dingen zu sehr in Anspruch genommen. Und dann, sich lange Zeit mit derselben Sache zu beschäftigen, langweilte ihn am Ende. Er hatte noch viel zu tun.

»1599 wurde Galilei seine Professur in Padua auf weitere sechs Jahre mit Gehaltszulage verlängert. Inzwischen hatte sich sein Ruhm auch weit verbreitet. Kepler, der in ihm einen treuen Mitverfechter des kopernikanischen Systems erkannt hatte, war seit 1597 in Briefwechsel mit ihm getreten und drei Jahre später auch Tycho de Brahe, der berühmte dänische Astronom. Unter seinen Zuhörern an der Universität fanden sich jetzt auch Fürsten ein; von allen Ländern reiste man nach Padua, um Galilei zu hören.

»Im Jahre 1604 erschien im Sternbild des Schlangenträgers ein neuer Stern, der, nachdem er achtzehn Monate lang geleuchtet hatte, wieder verschwand. Galilei hielt mehrere Vorträge über diese Erscheinung, in denen er zu beweisen suchte, daß der Stern keine bloße Lufterscheinung, sondern ein wirklicher Stern gewesen sei. Mit dieser Behauptung widersprach er freilich der Lehre des Aristoteles von der Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, zu welcher sich damals die meisten seiner Zeitgenossen bekannten. Nur seine Zuhörer und einige aufgeklärte Männer der Wissenschaft jubelten ihm zu.

»Er fuhr fort, sich mit den Lehren der höheren Mechanik zu beschäftigen, mit den Lehren vom Magneten, vom Licht und den Farben, vom Schall, von der Ebbe und Flut, von den Bewegungen der Tiere. 1609, als er Venedig besuchte, kam ihm das Gerücht zu Ohren, ein Holländer hätte dem Prinzen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht, durch welches man die entferntesten Körper so sähe, als ob sie ganz in die Nähe gerückt wären. Wie dies Instrument beschaffen war, darüber erfuhr Galilei nichts. Aber das Gerücht allein genügte, um seine ehrgeizige Natur zur Tat anzuspornen und seinem erfinderischen Geist einen neuen und großartigen Aufschwung zu geben. Eiligst nach Padua zurückgekehrt, hatte er schon ein paar Tage später ein solches Instrument selbständig konstruiert; er reiste damit wieder nach Venedig und überreichte dem Dogen und dem Senat sein neues Instrument. Hier ist es! Ja, nun lachen Sie über dieses Gerümpel! Daß der Mond von Gebirgsketten durchzogen wird, ist heute eine banale Tatsache für uns; aber bedenken Sie, welch eine Umwälzung es in der Seele Galileis hervorrufen mußte, als er zum ersten Male sah, was noch nie vor ihm eines Menschen Auge gesehen. Man versteht es, wenn das Volk einen Menschen, dem es gelungen war, mittels dieser plumpen Röhre das Rätsel des Mondes zu schauen, für einen Zauberer hielt. Wollten doch selbst aristotelische Philosophen nicht durch dieses unscheinbare Ding sehen, das dem Firmament plötzlich ein ganz anderes Antlitz gab. Wie? Dieser kleine Professor da aus Padua will uns jählings unseren guten Glauben nehmen an den Himmel des Aristoteles?

»Von welch tiefer Menschenkenntnis zeugt doch die Antwort, die er ihnen gab! ›Wenn die Sterne selbst vom Himmel herabstiegen zur Erde und Zeugnis ablegten für mich, so würdet ihr euch nicht überzeugen lassen!‹ Zugleich beleuchtet diese traurig stimmende Antwort den ganzen Lebensgang Galileis.

bild
bild

»Immerhin hatte diese Entdeckung zur Folge, daß Galilei nun die Professur in Padua mit einem Jahresgehalt von tausend Gulden für Lebenszeit übertragen wurde. Nie hat sich Galilei für den ersten Erfinder des Fernrohrs ausgegeben; aber es gebührt ihm wohl der Ruhm, es optisch vervollkommnet und zuerst zu wichtigen astronomischen Entdeckungen angewandt zu haben. In den nächsten Jahren wendeten sich daher die Fürsten und Astronomen, welche Fernrohre zu besitzen wünschten, immer an Galilei. Er zuerst entdeckte die Gebirge des Mondes und er zuerst maß ihre Höhe. Er fand ferner, daß die Milchstraße nichts anderes sei, als eine unzählbare, dichtgedrängte Menge kleiner Sterne; daß auch die sogenannten Nebelflecke nur Sterne seien; daß aber die Fixsterne durch das Fernrohr nicht, wie die Planeten, vergrößert würden. 1610 entdeckte er die vier Monde des Jupiter und zwei Jahre später gelang es ihm, die Bahnen und Umlaufszeiten dieser Jupitertrabanten zu berechnen. Er machte nun den Vorschlag, die häufig auftretenden Verfinsterungen der Jupitermonde zur Bestimmung der geographischen Längen und also zur Vervollkommnung der Schiffahrt zu benützen. Um dieselbe Zeit beobachtete er auch Sonnenflecke; er wagte es aber nicht, mit dieser neuen Entdeckung hervorzutreten, bis seine Freunde ebenfalls von deren Richtigkeit überzeugt waren. Alle diese neuen Entdeckungen mußten ihm bei den denkfaulen Anhängern des aristotelischen Sternhimmels natürlich nur Feinde schaffen. Aber die Aufmunterungen Keplers und des Großherzogs von Toskana, der unseren Entdecker fortgesetzt mit reichen Geschenken bedachte, halfen Galilei über viele Bitternisse hinweg. Den drängenden Bitten des Großherzogs nachgebend, gab Galilei im August 1610 sein Lehramt in Padua auf und siedelte nach Florenz über, wo er als ›erster Philosoph und Mathematiker des Großherzogs‹ ausschließlich seinen Erfindungen, Entdeckungen und der Ausarbeitung seiner Werke leben konnte. Aber, obwohl diese Veränderung auch Galilei die volle Freiheit zurückgab, sie schloß auch manche Nachteile in sich. Galilei verließ Padua, wo ihm unbeschränkte Lehrfreiheit zugesichert war, wo er die höchste Achtung der edelsten Venetianer genoß und wo er ein für seine Zeit sehr beträchtliches Gehalt empfing, um sich in die Abhängigkeit eines jungen Fürsten zu begeben, dessen Gunst leicht wechseln konnte und der dem starken Einfluß der intrigierenden Jesuiten ausgesetzt war, die von der venetianischen Republik ausgeschlossen waren. Als seine besorgten Freunde ihn vor diesem Schritte warnten, weil sie künftige Verfolgungen der römischen Kirche befürchteten, war es aber schon zu spät.

»Im September desselben Jahres, gleich nach seiner Übersiedelung nach Florenz, entdeckte Galilei, daß der Planet Venus, ebenso wie der Mond, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Lichtphasen darbiete. Er fand weiter, daß der scheinbare Durchmesser des Mars und der Glanz dieses Planeten merkwürdigen Veränderungen unterworfen seien. Bei einem Besuche in Rom, im April 1611, zeigte er mehreren Kardinälen die Sonnenflecke, die er beobachtet hatte, und aus der Bewegung dieser Flecke schloß er die Achsendrehung des Sonnenkörpers. Er erwarb sich in Rom rasch viele Freunde und Bewunderer und ebenso viele Feinde und Neider. Der Kardinal del Monte erklärte zwar in einem Briefe an den toskanischen Großherzog, daß man Galilei im alten Rom zweifellos eine Ehrensäule auf dem Kapitol errichtet haben würde; aber das hinderte Galileis Neider nicht — da man ihm wissenschaftlich nichts anhaben konnte —, ihn in den Ruf der Ketzerei zu bringen.

»Nach der Rückkehr von diesem römischen Besuch entdeckte Galilei die Gesetze der Hydrostatik und erfand das Ding hier. Ein Mikroskop! Das erste Mikroskop! Sie sehen, welch armseliger Mittel dieser große Mensch sich bedienen mußte, um ein Mikroskop herzustellen, das er erst später verfeinerte und besser ausarbeitete.

»Jetzt begannen aber auch die Anklagen, daß Galilei durch Verteidigung und Ausbreitung des kopernikanischen Systems die Bibel angreife und sich der Ketzerei schuldig mache, immer lauter zu werden. Die Verwandten des Großherzogs Cosimo II. wurden mißtrauisch gegen Galilei und schenkten den Einflüsterungen der Jesuiten immer mehr Gehör. Galilei verteidigte sich, er sei zwar ein Anhänger des Kopernikus, habe aber niemals die Bibel angreifen wollen, welche sich da, wo in ihr von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede sei, den Vorstellungen und der Ausdrucksweise des Altertums anpasse, ohne diese Vorstellungen als Glaubenslehren aufzustellen. Kopernikus selbst sei von den Häuptern der Kirche immer als ein rechtgläubiger Katholik angesehen worden und der Papst Paul III. hätte sogar die Widmung seiner Bücher entgegengenommen. Aber bei den von Neid und Haß erfüllten Gegnern Galileis schlugen diese Gründe nicht an. Besonders ereiferte sich der Dominikanerorden, dem die Inquisition der Ketzer anvertraut war. Der Mönch Caccini predigte 1614 in Florenz öffentlich gegen Galilei und verhöhnte ihn und seine astronomischen Entdeckungen. Galilei entschloß sich unaufgefordert im November 1615 eine zweite Reise nach Rom zu machen, um sich dort vor den höchsten geistlichen Behörden zu rechtfertigen. Er blieb bis in den Mai 1616 in Rom, wo er von den Geistlichen und selbst vom Papste sehr wohlwollend empfangen wurde; Galilei konnte aber nicht verhindern, daß das kopernikanische System jetzt förmlich als der Heiligen Schrift widersprechend erklärt wurde. Galileis oft leidenschaftlicher Eifer für die Sache der Wahrheit scheint ihm in Rom mehr geschadet als genützt zu haben, und der Großherzog von Toskana, der von allen Vorgängen in Rom wohl unterrichtet war, fand es für die Sicherheit seines Freundes nötig, ihn nach Florenz zurückzurufen.

»Als Urban VIII. aus dem Hause Barberini Papst wurde, der als Kardinal Galilei sehr zugetan war und ihm 1620 sogar ein Lobgedicht zugeschickt hatte, reiste Galilei abermals nach Rom, um den Papst zu beglückwünschen. Er wurde sehr gnädig empfangen, reich beschenkt und bei seiner Rückkehr mit einem belobenden Breve an den Großherzog entlassen. Galilei hatte aber mit dieser Romreise noch einen anderen Zweck im Auge. Obwohl er durch die förmliche Verdammung des Kopernikus zum Schweigen über dessen System verurteilt war, hatte er im stillen ein Werk über dieses System vorbereitet und er erhoffte von dem neuen Papst die Erlaubnis zur freien Darlegung seiner Ideen. Man hielt ihn aber mit unbestimmten Hoffnungen hin. Um seine Absicht durchzuführen, machte Galilei 1628 und 1630 wiederholte Reisen nach Rom. Sein Werk wurde von mehreren Zensoren beurteilt, in manchen Einzelheiten geändert und endlich erhielt er die Erlaubnis zur Drucklegung. 1632 erschien dieses Werk in Dialogform.

»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet — führt Galilei in diesem Werke aus —, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung, und sei von Personen ausgegangen, denen die für das kopernikanische System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles zusammenfasse, was sich gegen die gewöhnlichen Gründe für die Unbeweglichkeit der Erde und was sich für das kopernikanische System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären.

»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand, als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen.

»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von Toskana, der seinem Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16. Februar 1616 — hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des Papstes Paul V.! —, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen. Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an. Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel, ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen. Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis gesperrt; er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im Hofe des Hauses spazierenzugehen — lauter Vergünstigungen, die beim Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das strengste Stillschweigen zu beobachten.

»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte, erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen, um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne, zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die Meinung, die er widerlegen wollte, darum so beredt vorgetragen, damit man diese Meinung als die richtige annehme. Gestatte man es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen.

»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte, wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster alla Minerva, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche. Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu verändern oder zu mildern.

»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt haben soll ›e pur si muove‹! (›und sie — die Erde — bewegt sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich.

»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner ›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen.

»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in die Nähe von Florenz auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen, war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634. Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen. Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten wage.

»Aber seine Gefangenschaft — wie anders soll man ein Leben voller Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? — seine Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod.

»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke, nicht den Fortschritt des menschlichen Denkens aufzuhalten; die Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht berühmt.

»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres Werk über Mechanik überreicht, die ›Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze‹, in welchem die ›beiden neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren. Mit Recht schätzte Galilei selbst diese Discorsi höher als alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden, entwickelte Galilei in diesen Discorsi, unbestreitbar als der Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja der gesamten Dynamik der neueren Zeit.

»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über seinem Grabe eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort ein Ehrendenkmal aus Marmor errichtet.

Illustration from Kulturhistorische Charakterbilder: Für die Jugend

»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei, standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker. Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen, seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden Sie ihm kommen.

»Die meisten freilich — ich habe in den Galerien vor Michelangelos Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten internationalen Salbadereien anzuhören — die meisten finden es bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch, dieser Künstler, dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler; hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken: dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›Discorsi‹, auf denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken entdeckt hat ...«

Der Graf war zu Ende.

Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch erhöht.

Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn hoch über alle Bergketten emporragen sieht.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings