Christoph Kolumbus.
Reading edition
Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank dastehen sieht, eine Papierrolle — wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis — in der Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig? Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte er, daß die Erweiterung des räumlichen Horizonts unabweisbar auch die Erweiterung des geistigen Gesichtsfeldes nach sich ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen würde?
In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß Kolumbus der Zeitgenosse der größten Renaissancemenschen war, der Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama —, und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther, Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann.
Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte, die sich betätigen wollen.
Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein unbekanntes Land.
Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu glauben, und wo die biblischen Propheten zu Führern werden, die nach neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je an seine Gottähnlichkeit glaubt —, nur in einer solchen Zeit ist die Gestalt eines Kolumbus denkbar.
Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt: Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage.
Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will.
Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren angegriffen und von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen Erdteilen führten.
Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen. Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt. Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde gegeben — was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst Kolumbus nicht glauben wollten — und daß sie als ein kleiner Stern wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land. Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen trugen, die Augen in den Schultern hatten usw.
Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt. Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der »Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien in wenigen Tagen nach Indien reisen, und die Anschauungen seines Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend. Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus, daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen — heißt es da ferner — leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter, ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus: »Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen, der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«.
Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9 und Kapitel 65, Vers 17 von neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln.
Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die Menschen auf den Köpfen gehen.
Gewiß, das alles waren Märchen. Aber Kolumbus hat an sie geglaubt, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die unbekannten Meere hinauszusegeln und es — wie ein würdiger Märchenheld — mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat, kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat, schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet Jesaias vorhergesagt hat.«
Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter, und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt auf einundzwanzig Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig, glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker.

Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten. Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten See- und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können. Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen. Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea.
Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben.
Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen.
Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit, auf die Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen aufzugeben.
Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen einheimischen Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen, Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt; nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte. Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken gekehrt.
Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an, daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen gelingen würde. Er beanspruchte nämlich erstens die Erhebung in den Adelstand für sich und seine Familie; zweitens den Titel »Admiral des Weltmeers«; drittens Amt und Würde eines Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten Inseln und Festländer; viertens den zehnten Teil aller königlichen Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten; fünftens nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu dürfen.
Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile zu einer Sache des Glaubens machen würde. Denn noch immer kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an die spanische Krone gebunden war.
Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme. Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu erjagen.
Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun sich Abgründe in ihm auf und schwere Verzweiflung kommt heran und erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er seine ruhmvollen Reisen beginnt.
Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt, daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen, ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden. Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen kümmerlich durch Kartenzeichnen.
Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben. Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold aufwiege.
Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn bei mehreren Personen vom Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg. Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder hinaufzukommen; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen. Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen.
Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach England von Seeräubern ausgeplündert worden war, nach langer Gefahr und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig.
Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich. Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen. Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig. Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln. Vorläufig schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig vor ihr erscheinen könne.
Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt, gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent. Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig, ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den Schatzmeister, bewilligt man ihm — zu seinem Unglück — alles. Welch eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines neuen Himmels und einer neuen Erde.«
Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch.
Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche Fahrt mußte sie ins Verderben führen, und daher war die Angst davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte.
Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten.
Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung, nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt angewendet hatte.
Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff, die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff, die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen.
Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente empfangen hatte, wurden am Freitag, dem 3. August 1492, morgens acht Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln.
Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta, und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug vor der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch recht begonnen hatte.
Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen; es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern gab er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, zweierlei Tagebücher; eins für sich, in das er die wirkliche Meilenzahl verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes offen liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte.
So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert, so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte. Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem vom Lande losgerissen sein; es müssen also — glaubte man — Inseln in der Nähe sein.
Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte über den langen Weg, der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die Besorgnis ein wenig.
Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht mehr so salzig, wie bei den Kanarien.
Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis (zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt, daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein, und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja Zeit genug, alles aufzusuchen.
Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein.
Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft wundervoll.
Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den heutigen Gegenwind,« schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur Rückkehr nach Spanien wehten.«

Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken und Wellen, Luft und Wasser.
Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die erst ob des Mangels an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend umkommen.
An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras fand man wieder mehrere Krabben.
Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen, die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde. Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte. Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu baden.
Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land gehalten hatte — eine Täuschung, die um so gefährlicher war, weil sie alle freudig gestimmt hatte — bemächtigte sich der Mannschaft eine tiefe Niedergeschlagenheit.
Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen wurden.
Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa sechshundert Meilen gesegelt.
Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst bestrafen werde.
Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt, wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse, bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.«
Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang, wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach auf eigene Kosten dem ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei Uhr nachts war — Freitag der 12. Oktober war angebrochen — entdeckte Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu.
Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen entgegenblickten.
»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen. Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.«
Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen St. Salvador beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren Augen als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die, in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land erblickt hat, er selber hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt, die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten. Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift, wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle verbreitet werden.«
Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels.
Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind. Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die Kolumbus betritt, tauft er Santa Maria de la Conception. Aber da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten Insel, der er den Namen Fernandina gibt, und die seine Begierde nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er Isabella tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns Steine.
Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen. Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold. Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält. Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner?
Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen.
Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte.
Als er sich dem Paradiese nahe glaubt, schreibt er: »Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten der gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoko) nicht aus dem Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß findet.« Er preist die Insel als ein Paradies und schreibt an die spanischen Majestäten, niemand, der nicht gut katholisch sei, dürfe die gesegnete Insel betreten. »Denn das ist das Ziel der Entdeckungen gewesen, die ich auf Befehl Eurer Majestät gemacht habe, und die nur unternommen sind, den christlichen Glauben zu verherrlichen und zu verbreiten.« Hier sagt Kolumbus, vielleicht unbewußt, eine Unwahrheit, denn sein tägliches Gebet lautet: »Möge der Herr nach seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Denn es erhört Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen.« Diese Goldgier geht so weit, daß er selbst einen erlittenen Schiffbruch als eine Fügung Gottes betrachtet, der ihn so auf die Goldfelder hinweisen will, die in der Nähe sein müssen. Und weil er in Haiti einige goldverzierte Hütten findet, hält er die Insel für das salomonische Ophir.
In der Christnacht, wo Kolumbus bei stillem Wetter sich der langersehnten Ruhe hingegeben, vernachlässigten nämlich der Steuermann und die Matrosen ihre Pflicht so sehr, daß bald alles an Bord der St. Maria im Schlafe lag, während die Strömungen das Schiff auf eine Sandbank führten, wo es rettungslos scheiterte. Es blieb nichts übrig, als die Ladung mit Hilfe der Eingeborenen, so gut es ging, zu bergen. Der Admiral, nunmehr genötigt, sich an Bord der Nina zu begeben, war tief erschüttert durch sein Mißgeschick; aber die Auskunft, daß es zwischen den Bergen Goldminen gebe, wo das Gold nicht gesucht sei, weil die Eingeborenen keinen Wert darauf legten, erheiterten bald seine Mienen.
Und nun war es das Gold, das den Gang der Entdeckungen beherrscht hat; das Aufsuchen neuer Länder wird jetzt ein Glücksgewerbe; Kolumbus ist nur der glücklichste und kühnste Spieler.

Denn kaum hat er die goldführenden Flüsse Haitis entdeckt, so ist sein Entdeckungsdrang stark abgekühlt, und er hat nur noch Sinn für die Hebung der Schätze.
Kaziken auf Haiti, mit denen Kolumbus sich angefreundet, bringen Goldklümpchen, Gewürze und andere Kostbarkeiten. Aus den Trümmern der Santa Maria läßt Kolumbus eine kleine Festung bauen, in der er mehrere seiner Matrosen und Handwerksleute, insgesamt neununddreißig Mann, die sich freiwillig erboten hatten, zurückläßt; zugleich versorgt er sie für ein ganzes Jahr mit Zwieback, Pulver und Geschützen. Die Zurückgebliebenen sollten inzwischen die Erzeugnisse des Landes kennen lernen, seine Metalle und Kräuter, sollten Sitten und Sprache der Indianer studieren, vor allem aber nie vergessen, Goldtausch zu treiben. Er hoffe, nach seiner Wiederkehr eine Tonne Goldes vorzufinden!
Am 4. Januar schied Kolumbus und wandte sich mit der gebrechlichen Nina nach Osten. Nach dem Schiffbruch der Santa Maria empfand Kolumbus das Fehlen der Pinta doppelt schwer, weil es zu gefährlich war, mit dem einzigen Schiffe längere Küstenfahrten zu unternehmen. Auch bedrückte ihn der Argwohn, Alonso Pinzon sei vielleicht nach Spanien vorausgeeilt, um den Hof gegen Kolumbus in feindliche Stimmung zu bringen. Am 6. Januar wurde indes die Pinta wieder gesichtet. Alonso kam an Bord der Nina und versuchte, mit unhaltbaren Entschuldigungen seine Entfernung zu beschönigen. Kolumbus durchschaute den Mann; er fand es aber für gut, seinen Groll bis zur Heimkehr zu verbergen; desto reifer wurde sein Entschluß, sich eines so unzuverlässigen Begleiters rasch zu entledigen.
Am 12. Februar erhob sich ein Sturm. In der Nacht zog ein Gewitter vorüber, die Gewalt des Windes steigerte sich am Tage, und die hohle See schleuderte die Fahrzeuge erbarmungslos umher. In der Nacht zum 14. Februar verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und in diesen angstvollen Stunden verschwand die Pinta. Am Morgen des 15. Februar wuchs die Gefahr des fürchterlichen Sturmes in so hohem Grade, daß Kolumbus eine Pilgerfahrt gelobte. Inmitten dieser Wut der Elemente ängstigte Kolumbus auch der Gedanke, daß, wenn er nun unterginge, mit ihm auch sein großes Entdeckergeheimnis ins Meer sinken könnte, und seine Kinder dann nicht die Früchte seiner Mühsal ernten würden. Darum schrieb er einen Brief, in dem er die Ergebnisse seiner Entdeckung in kurzen Worten niederlegte. Er versiegelte das Pergament und verhieß dem glücklichen Finder ein Geschenk von tausend Dukaten, wenn er das Schriftstück uneröffnet dem kastilischen Hof überbringen würde. Und heimlich, ohne daß es das Schiffsvolk merkte, verwahrte er dieses Pergament in einer Tonne, die er ins Meer warf.
Erst jetzt lichtete sich der Himmel, und die See beruhigte sich ein wenig. Man sah zwar in der Ferne schon die bekannten heimatlichen Küsten, aber erst am 17. Februar konnte man sich ihnen nähern; ein ausgeschicktes Boot kundschaftete aus, daß man sich vor der Insel Santa Maria befand.
Hier aber, wo eine portugiesische Niederlassung den kaum dem Tode Entronnenen eine gastfreundliche Aufnahme versprach, fanden sie nur eifersüchtigen Argwohn, Hinterlist und Heuchelei. Nur mit Mühe entging Kolumbus diesen Nachstellungen und erlangte so viel, daß er seine notwendigsten Bedürfnisse an Holz, Wasser und Ballast hier einnehmen durfte. Aber bei der fortgesetzten Fahrt wurde seine Standhaftigkeit auf neue Proben gestellt, als ein noch wütenderer Sturm seinem elenden Schiffchen einen sicheren Untergang drohte. Er wäre unvermeidlich an der portugiesischen Küste gescheitert, hätte sich nicht gleichzeitig die Mündung des Tajo vor ihm geöffnet. Die Besorgnis, einer ungastlichen Behandlung zu begegnen, konnte ihn nicht abhalten, sich in den Nothafen zu flüchten. Hier am 4. März glücklich angelangt, gab der Admiral seinen Souveränen vor allen Dingen durch einen Eilboten, dann aber auch dem König von Portugal Bericht von seiner Ankunft und bat um die Erlaubnis, vor Lissabon ankern zu dürfen. Während die ganze Bevölkerung Lissabons sich erstaunt und voll freudiger Neugier an Bord seines Schiffes drängte, kam ein Brief vom Könige, der Kolumbus zu einem Besuche einlud. Mit allen Ehren seines hohen Ranges wurde Kolumbus empfangen. Er durfte sitzend erzählen und sein Haupt bedeckt halten. Der König Johann verriet durch nichts seinen Ärger über den Erfolg der Entdeckungsfahrt, und seine Reue, Kolumbus nicht in eigene Dienste genommen zu haben. Ganz nebenbei bemerkte der König, es sei wohl noch fraglich, ob nach den Verträgen, die zwischen Portugal und Spanien bestünden, die neuentdeckten Länder nicht doch im portugiesischen Machtbereiche lägen. Kolumbus erwiderte, ihm sei von solchen Verträgen nichts bekannt. Einige Höflinge, denen die Sorge des Königs Verdruß bereitete, erboten sich nun, mit Kolumbus Händel anzufangen, um ihn dann hinterrücks zu töten, im Glauben, daß durch den Tod des Admirals die Entdeckungsfahrten der Spanier überhaupt aufhören würden. Aber der König wies den Anschlag von sich und wollte Kolumbus sogar sicheres Geleit mit auf die Reise geben. Kolumbus zog es aber vor, zu Schiff nach Spanien heimzukehren. Mit seinen Matrosen, seinem Gold und den übrigen Schätzen und Merkwürdigkeiten, die er mitgebracht hatte, wollte er in demselben Hafen wieder einlaufen, von dem er ausgegangen war.
Inzwischen hatte der auf der Pinta vorausgeeilte Alonso Pinzon von der Entdeckung dem Könige bereits Mitteilung gemacht und bat um eine besondere Audienz. Der König ließ ihm aber kurzerhand zurückschreiben, er habe im Gefolge seines Admirals zu erscheinen. Diese königliche Ungnade brach Alonso das Herz; er starb einige Tage darauf, nachdem er diese Antwort erhalten hatte.
Am 15. März 1493 kam Kolumbus wieder auf der Reede von Palos an, wo er unter dem unbeschreiblichen Jubel der ganzen Stadt empfangen wurde, und am 21. März zog er unter gesteigertem Freudengeschrei des Volkes, unter Prozessionen und Glockengeläute in Sevilla ein, um vor seinen König zu eilen.
Ein Eilbote meldete den Majestäten, die damals in Barcelona Hof hielten, daß ihr Admiral aus der Neuen Welt glücklich zurückgekehrt sei und vor Begierde brenne, ihnen die Wunder der Neuen Welt vorzuzeigen.
Durch ein schmeichelhaftes Schreiben wurde er eingeladen, schleunigst an den Hof zu kommen; Mitte April traf Kolumbus ein. Von überallher strömten die Menschen zusammen, denn das Gerücht der unerhörten und geglückten Reise flog ihm voran. Sein Empfang war großartig, überwältigend; es war der glorreichste Tag seines Lebens; die glänzende Vergeltung für die Verkennung, Verspottung und das jahrelange Warten. In feierlicher Audienz, die auf dem Markte stattfand, wurde er empfangen; der König und die Königin, umgeben von den Großen des Reiches und von unzähligen Rittern aus Kastilien, Katalonien, Valencia und Aragon, erhoben sich zu seiner Begrüßung, reichten ihm die Hand zum Kusse und gestatteten, daß er sitzend von seiner Fahrt erzähle — die höchste Ehre, die man ihm erweisen konnte.
Das dichterische Wort stand dem Admiral zu Gebote, und so schilderte er die Entfesselung des Weltmeers und die Entschleierung einer neuen Welt auf der bisher noch nicht betretenen Erdhälfte. Er zeigte die mitgebrachten Produkte vor: Goldkörner, Erzbarren, Bernstein, Baumwolle, Tabak, Zweige und Wurzeln von aromatischen und medizinischen Pflanzen, Aloe, Mastix, Rhabarber, Mais, Yams, Bataten; er führte gegen vierzig prächtig gefärbte Papageien und endlich seine sechs Indianer vor, die er mitgenommen hatte. Dann schilderte er die herrlichen Tropenlandschaften, die fruchtbaren Gefilde, die Gutartigkeit der Eingeborenen, von denen er die Überzeugung aussprach, daß sie bald würden zum Christentume bekehrt werden.
Kolumbus war für kurze Zeit der Meistgefeierte am spanischen Hofe und der Meistbewunderte der Zeitgenossen. Oft erschien der König zu Pferde, neben ihm zur Rechten der Thronerbe und zur Linken Kolumbus.
Um diese Zeit soll bei einer Tafel, deren Gäste die Entdeckung des Kolumbus anzweifelten, dieser ein Ei auf den Tisch gestoßen und gesagt haben: »So wie dies Ei hier auf dem Tische steht, so sicher habe ich die Neue Welt entdeckt.« Aber die Geschichte vom »Ei des Kolumbus« ist von A bis Z erfunden; schon Voltaire hat nachgewiesen, daß sie bereits fünfzig Jahre vorher in ganz anderem Zusammenhange passiert war.
Auf den Vorschlag des Kolumbus wurden sofort die Vorbereitungen zu einer neuen Fahrt, einem großen Kolonisationszuge, vorbereitet. In einem halben Jahre waren vierzehn Karavellen und drei Kauffahrer, also siebzehn Schiffe insgesamt, ausgerüstet und sehr große Summen zur Verfügung gestellt. Eine große Zahl von Edelleuten hatte sich zu dem abenteuerlichen Zuge erboten; Ordensgeistliche folgten ihnen, die als Glaubensbringer reisen wollten; Ackersleute, die in der Neuen Welt europäisches Getreide, Zuckerrohr und andere Kulturpflanzen anbauen sollten; man nahm die ersten europäischen Haustiere, besonders Pferde und Rinder, Schafe und Schweine, mit, die sich später in der Neuen Welt ungeheuer vermehrten; Bergleute kamen mit, um die Golddistrikte auszubeuten. Zimmerleute, Maurer und andere Handwerker sollten für die Bedürfnisse der Kolonisten sorgen. Eine ansehnliche Truppenmacht sollte die Ansiedler beschützen, darunter waren besonders zwanzig Lanzenreiter, die später der Schrecken aller Indianer wurden. Im ganzen gingen, die Matrosen mitgerechnet, mehr als fünfzehnhundert besoldete Menschen mit. Für die Lebensbedürfnisse war in umsichtigster Weise gesorgt; den Oberbefehl über alle hatte der Vizekönig von Indien, Christoph Kolumbus.
Aber das meiste mitgelaufene Volk sah sich in dem goldarmen Lande nur zu bald arg enttäuscht; es erschlaffte in dem feuchtwarmen Klima und bildete bald, da es arbeitsunfähig und unlustig war, eine verhängnisvolle Plage für das neue Land.
Der Reiz des Neuen und Wunderbaren liegt nicht mehr über der zweiten Reise des Admirals. Am 25. September ging die Flotte von Kadix aus unter Segel und steuerte nach den Kanarien. Schon am 3. November kam die erste Insel in Sicht, die Sonntagsinsel, Dominica, genannt wurde. Dann folgten Marigalante, Gudalupe, Monserrate. Vor der Insel Santa Cruz am 14. November angelangt, hatten sich in einem Kanu sechs menschenfressende Kariben, vier Männer und zwei Frauen, den Schiffen genähert und sie ein paar Stunden lang so starr und regungslos betrachtet, daß ihnen ein zurückkehrendes spanisches Boot unbemerkt den Weg nach dem Lande abschneiden konnte. Sobald die Wilden bemerkten, daß die Flucht unmöglich sei, griffen Männer und Weiber zu ihren vergifteten Pfeilen und fielen die fünfundzwanzig Spanier in dem Boote an, von denen sie zwei tödlich verwundeten. — Das spanische Boot warf das Kanu endlich um, aber die Kariben, schwimmend und im Wasser den Kampf erneuernd, flüchteten behend ans Land, so daß die Spanier nur einen einzigen schwer getroffenen Kariben an Bord zurückbrachten.

Nachdem man noch einen großen Inselschwarm berührt hatte, wurde die Insel Puerto-Rico entdeckt. Am 27. November wurde die Stätte endlich erreicht, wo man vor kaum einem Jahre auf Haiti den Grund zu einer Kolonie gelegt hatte.
Hätte Kolumbus auch nicht sofort aus dem bangen Schweigen, das längs der Küste herrschte, eine dunkle Ahnung schöpfen müssen, so konnte ihn doch bei einem Landen der Anblick des völlig verödeten und gewaltsam durch Feuer zerstörten Forts über das traurige Schicksal der zurückgelassenen Landsleute nicht mehr im ungewissen lassen. Bald ergab sich aus den Berichten der Eingeborenen, daß die Weißen, sobald der Admiral sich entfernt hatte, sich allen rohen Eingebungen hingegeben hatten und die Eingeborenen durch Habgier und Gewalttätigkeit bis zum äußersten trieben; diese hätten ihr Joch aber trotzdem ertragen, wenn nicht ein feindlich gesinnter Kazike, der auf der Insel allgemein gefürchtet war, die Weißen überfallen und niedergemetzelt hätte. Da lagen nun die Habseligkeiten der Europäer jämmerlich umhergestreut; man stieß auf Leichen, über die seit etwa einem Monat hohes Gras gewachsen war.
Die Gegend von Navidad eignete sich wegen des Mangels an Steinen nicht zu einer Neugründung und auch die Ostküste, an der die Gründung der Stadt Isabella geplant war — die Straßen waren schon abgesteckt und der Grundstein zu einer Kirche und einem Spital bereits gelegt — mußte wieder verlassen werden, weil der dritte Teil der Einwanderer von heftigem Fieber befallen wurde. Ein Teil der Flotte und ein Teil der Kolonisten ging im Februar 1494 wieder nach Spanien zurück, so daß die Kolonie nunmehr nur noch neunhundert Köpfe zählte.
Unter ihnen gab es eine große Anzahl Mißvergnügter, die bei jeder Gelegenheit zur Meuterei gegen den Statthalter bereit waren. Auch gestaltete sich das Verhältnis zu den Eingeborenen höchst unfreundlich; Überfälle kamen oft genug vor und sie konnten nur durch die imponierende spanische Reiterei, die die Wilden mehr als den lebendigen Teufel fürchteten, zurückgeworfen werden.
Am 24. April brach Kolumbus zur weiteren Erforschung der Länder mit drei Schiffen auf; vor allem wollte er Gewißheit darüber haben, ob Kuba ein Festland oder eine Insel sei. Unter Androhung von Peitschenhieben für jeden späteren Widerspruch, läßt er seine Mannschaft eine Urkunde beschwören, daß sie Kuba für einen Teil des asiatischen Festlandes halte. Damit ist für ihn die Auffindung des Seewegs nach Indien erledigt, und er kehrt wieder zu seinen Goldwäschereien auf Haiti zurück. »Time is money«, könnte beinahe ein kolumbisches Wort sein.
Die Anstrengungen der Reise, die Schlaflosigkeit, zu der ihn die Pflicht der äußersten Wachsamkeit gebieterisch zwang, hatten die Kräfte des Admirals so erschöpft, daß er von Bewußtlosigkeit und Ohnmachten befallen wurde, weshalb man im höchsten Grade um ihn besorgt war. Man eilte nach Isabella und ließ am 29. September die Anker fallen. Kolumbus verfiel aber in eine Krankheit, die ihn fünf Monate aufs Lager warf.
Im Frühjahr 1496 kehrte Kolumbus mit etwa zweihundert untauglichen Ansiedlern, die der Kolonie teils durch ihren Müßiggang, teils durch ihre Widersetzlichkeit und teils durch Krankheit zur Last fielen, in die Heimat zurück.
Am 11. Juni landete er wieder in Kadix und begab sich sofort an den Hof nach Burgos. Er benützte diese Reise wieder dazu, die vermeintlichen Schätze Indiens in öffentlichem Gepränge zu zeigen, mit dem er in die Städte einzog; namentlich mußten sich die mitgenommenen Indianer mit den Goldfunden schmücken.
Und nun dauerte es bis zum Mai 1498, ehe Kolumbus seine dritte Reise antreten konnte. Aber da er sich krank fühlte und augenleidend war, brach er seine Fahrt an der Küste von Venezuela ab, um nach Haiti zu gehen, wo unterdessen sein Bruder die Stadt San Domingo angelegt hatte, die älteste europäische Ansiedelung in Amerika, die noch heute besteht. Am Hafen dieser Stadt ragt noch heutigestags ein Baum empor, an dem Kolumbus sein Schiff mit Tauen befestigt haben soll.
Die folgenden beiden Jahre waren für Kolumbus die schwersten seines Lebens; sie bedeuten den Zusammenbruch seiner königlichen Machtbefugnisse. Er hatte das Zepter des Vizekönigs in der Hand und sollte es nun mit schmachvollen Ketten vertauschen.
Kolumbus fand die Kolonie in vollem Aufruhr; der Oberrichter Franzisco Roldan, der seinen hohen Rang nur der Gunst des Kolumbus zu danken hatte, stand an der Spitze der Aufwiegler. Kolumbus bestrafte ihn, mußte ihn aber schließlich wieder in sein Amt einsetzen. Allerlei böse Gerüchte, die über Kolumbus in Umlauf gesetzt wurden, erreichten sogar die Ohren der spanischen Majestäten, und um dem Gerede zu steuern, hatte Kolumbus um einen bevollmächtigten königlichen Untersuchungsrichter gebeten. Und so wurde denn Franzisco de Bobadilla nach Haiti geschickt, dem selbst Kolumbus, der Vizekönig, Gehorsam zu leisten hatte, der sich aber vom ersten Augenblick an als ein Feind des Kolumbus erwies. Dicht wie ein Heuschreckenflug regneten nun die meist ungerechten und unbegründeten Anklagen der Kolonisten auf Kolumbus herab, so daß dem Untersuchungsrichter dadurch eine willkürliche Handhabe geboten war, Kolumbus zu bestrafen. Er ließ ihn in Ketten werfen und schaffte ihn mitsamt seinen beiden Brüdern nach Europa, wo sie im November 1500 ankamen.
Kolumbus war durch die Schmach, die man ihm angetan und durch die Verletzung seiner Privilegien tief gebeugt; er war gebrochen und der überaus stolze Mann hat diesen jähen Sturz nie mehr überwinden können. In Spanien machte die Demütigung des großen Entdeckers ungeheures Aufsehen und auf die Majestäten einen geradezu peinlichen Eindruck. Sie hatten nicht gewollt, daß der Vizekönig so schmachvoll behandelt werde. Sie gaben daher sofort Befehl, Kolumbus zu befreien und ihn mit allen gebührenden Ehren auszuzeichnen. Man schickte ihm zweitausend Dukaten, seine nächsten Bedürfnisse, die sein Rang erheischte, zu bestreiten. Er kam vor den Thron und als er vor Ferdinand und Isabella sein Knie beugte, erstickte heftiges Schluchzen seine Rede. Die Monarchen ließen ihn aufheben und gaben sich Mühe, ihn zu besänftigen, indem sie jede Ermächtigung zu Bobadillas Roheit ableugneten und dem Admiral den vollen Genuß seiner Würden und Privilegien zusicherten. Außerdem ernannten sie einen neuen, unparteiischen und gerechten Schiedsrichter in der Person des Nicolas de Ovando, der im Februar 1502 mit einer ansehnlichen Truppenmacht hinüberging. Bobadilla war freie Rückreise nach Spanien zugesichert; Roldan und sein aufwieglerischer Anhang wurde aber gefangengenommen.
So war die Ruhe bald wiederhergestellt. Und um Kolumbus wieder seinem eigentlichen Berufe zuzuführen, gewährte man dem Admiral, wie er es gewünscht, zum vierten Male einige Schiffe, damit er seine Entdeckung weiterführen könne. Am 9. Mai 1502 brach er mit vier kleinen Karavellen von Kadix wieder auf. Auf dieser Fahrt begleitete ihn sein Bruder Bartholomäus und sein dreizehnjähriger Sohn Ferdinand.
Bis zum 15. Juni hatte er eine glückliche Fahrt und erreichte leicht die Kette der kleinen Antillen bei der Insel Martinique. Der neue Statthalter Ovando war gerade im Begriff, die erste größere Goldfracht von zweihunderttausend Goldpesos (also zirka zwei Millionen Mark) nach Spanien zu senden, als Kolumbus ihn bat, die Reise um acht Tage zu verschieben, weil ein furchtbarer Orkan bevorstehe, den Kolumbus aus den Sternen, deren er kundig war, vorausgesagt hatte. Aber seine Warnung wurde in den Wind geschlagen. Die Flotte lief aus, geriet wirklich in einen Orkan, und zwanzig Schiffe gingen mit Mann und Maus unter. Unter den Opfern befanden sich auch die Feinde des Kolumbus, Bobadilla und Roldan. Als Kolumbus später davon erfuhr, hielt er es für ein Gottesgericht, das seine Gegner bestrafte.
Am 14. Juli segelte Kolumbus weiter und erreichte Ende des Monats die Insel Guanaja im Golf von Honduras. Dort stieß er unerwartet auf das erste Kulturvolk der Neuen Welt, auf etwa fünfundzwanzig Handelsleute vom Mayastamme, die mit einer großen Barke dreißig Meilen über See gekommen waren. Sie hatten ihre Frauen und Kinder mit an Bord; das Schiff hatte ein schattiges Dach von Palmenzweigen zum Schutz gegen Regen und Sonne. Ihre Waren bestanden in buntgefärbten und gewirkten Baumwollentüchern und ebensolchen Hemden ohne Ärmel und Schürzen, Holzschwertern, deren Schneide durch Splitter gebildet wurde, kupfernen Beilen zum Holzfällen und kupfernen Schüsseln und Schellen. Als Geld dienten ihnen Kakaobohnen, von denen sie einen großen Vorrat mit sich führten. Ihre Lebensmittel waren Mais und eßbare Wurzeln. Sie waren furchtlos, aber von großer Schamhaftigkeit.
Kolumbus fragte auch sie nach dem Goldlande und man wies ihn nach dem Süden. Aber die Fahrt dahin brachte Sturm, Unwetter, Gefahren und Enttäuschung; erst am 12. September wurde das Wetter günstiger. Am 25. September kam Kolumbus zum Indianerdorfe Kariai; hier hielt er Rast, um die Schiffe, die durch den Sturm arg gelitten hatten, wieder flott zu machen. Am 5. Oktober steuerten die Schiffe weiter, aber an der Küste von Veragua überraschte sie ein Sturm, wie sie ihn bisher noch nicht erlebt hatten. Noch nie hatte man das Meer so hoch, so fürchterlich, so mit Gischt bedeckt gesehen. Die Schiffe wurden in der See festgehalten, die wie ein Kessel über starkem Feuer kochte. »Der Himmel sah ganz entsetzlich aus und flammte Tag und Nacht wie ein Schmelzofen; die Blitze zuckten derart, daß man fürchten mußte, Segel und Masten würden davon versengt. Die Donner rollten so grauenhaft, daß wir Angst hatten, samt und sonders mit den Schiffen verschlungen zu werden. Dabei stürzte der Regen wie eine Sündflut nieder. Die Mannschaft, die kaum etwas Eßbares hatte — denn der Schiffszwieback war voller Würmer — war so ermattet, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. Die Schiffe verloren zweimal ihre Schaluppen, Anker, Takelage und waren ohne Deck und ohne Segel.« Zum Unglück waren die wurmzerfressenen Schiffe noch überdies seeuntüchtig.

Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen drei Schiffen trat Kolumbus den Heimweg an. Es war Ende April. Auf weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies, bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung. Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein Schiffbrüchiger.
Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit, Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel; in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim; er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte. Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden, daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an, lästig zu werden.
Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen, daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat. Man schenkt diesem stolzen Sieger — Mitleid. Man vergißt ihn selber rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht eindruckslos vorüber.
Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.