← Table of contents
Kulturhistorische Charakterbilder

Goethe der Botaniker.

Reading edition

Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen.

Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt.

Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen; auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und bewundernswürdiger war, denn als Dichter.

Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in vollen Zügen zu genießen. Denn vor Goethe wußte man nicht, wie herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die Natur! Die Sehnsucht, die uns heute ins Gebirge und in die Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing — das sind einige berühmte Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich vereinzelt dastehen.

Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte, Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten.

Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches, Grundlegendes und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt, und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann an Goethe achtlos vorübergehen.

Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen.

Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen. Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte.

Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die da eingefügt ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes.

»Sag' ich's euch, geliebte Bäume, Die ich ahndevoll gepflanzt, Als die wunderbarsten Träume Morgenrötlich mich umtanzt. Wachset wie aus meinem Herzen, Wachset in die Luft hinein; Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen Unter eure Wurzeln ein.«

Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte, während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte, mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw. Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782 in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.«

Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren verstorben war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte.

Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien. Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang, Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen, Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen. Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und meine stille Freude ist unaussprechlich.«

Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen, ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken, Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu.

Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden. Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein. So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest.

In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat, daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten haften. Es ist der insektenfressende Sonnentau, der, sobald er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier in seinem Kelche einschließt, ihm — wie die Spinne — mörderisch das Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche Hautskelett des Opfers lästig wird.

Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich. Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub, Knochensplittern und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen.

So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen veröffentlicht.

Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch vorhanden.

Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode.

Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler, die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die die Pflanzen in ihm erweckt haben.

Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu durchwandernde Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen. Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben, bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte. Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf; ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich, es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.«

Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane, hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von einem Diener nach Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und machen sich ihre Gedanken dabei«.

Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen; zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm, ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.«

Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der Hügel von Rom.

Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr- und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto verwandter wird ihm die Natur. »Aus Italien, dem formenreichen, war ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.«

Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen Bemühens, zu zeigen, daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen, war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet hat.«

Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker gab, die imstande waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür.

Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen verfertigt, Kupfer gestochen.

Inzwischen hatte in Frankreich Rousseau, der ebenfalls ein leidenschaftlicher und bahnbrechender Botaniker war, aufs eindringlichste dahin gewirkt, daß an Stelle der Linnéschen Klassenunterschiede die Ordnung der Natur zu ihrem Rechte komme. Goethe zögerte nicht lange, die neue Ordnung in seinem Weimarer Berggarten aufzunehmen, und der gegenwärtige Goethesche Garten zeigt noch heute dieselbe ursprüngliche Anordnung in vier geradlinige, rechteckige Beete, die von Buchskanten, alten Rosenstöcken, Geißblatt und anderen Schlingpflanzen eingefaßt sind. In der Mitte befinden sich zwei kreisrunde Rabatten, sowie ein schöner Laubengang, der von einer Kornelkirschhecke gebildet wird; prächtige alte Bäume wachsen darin; Blutbuchen, Kastanien, Eschen, Robinien.

Goethe wandte sich nun vorzugsweise der Physiologie der Pflanzen zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind, in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur Entwicklung gebracht werden.

Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei. Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht entzieht. Zu dem Zwecke ließ er in einem leeren Gewächshause eine Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder ihre gesunde grüne Farbe zurück.

In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere Farbenerscheinung handelte.

So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender, geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung betrachtet.

Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt hier durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen Wege in Jahren nicht erreicht hätte.«

Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt, diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue, teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße, erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.«

Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben.

Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu genießen.«

Wie sehr Goethe seine poetischen Werke mit Gleichnissen aus der Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als daß man es besonders hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur, empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien gelehrt haben, die ganze Natur als ein einziges großes Reich zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es nur ein Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine Wurzeln in den Gebilden der Pflanzen ausbreitet, sich in den Stämmen der Tiere zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im Menschen die höchste Blüte entfaltet.

Worin — habe ich mich oft gefragt — besteht wohl die große und tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an, die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging. Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit, die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten.

Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung, Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit, Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten- und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut. Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt nicht ihre Verkörperung gefunden hätte.

Das Klima beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet.

Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche Grenzen, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt, oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte Bevölkerung hervorgegangen.

Pflanzen schlafen wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen, kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre Unterseite nach oben.

Man könnte die Blumen auch nach ihrem Dufte einteilen, der ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen.

Und es gibt Grobiane in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher beschreiben möchte.

Man hat ferner Schmarotzerpflanzen beobachtet, die ausschließlich von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte wegstehlen. Wie Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an und winden sich fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie strecken sich nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen den nächsten Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden zahllose pflanzliche Laokoon-Gruppen.

Es gibt auch Karikaturen in der Pflanzenwelt, die die Baumform zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen. Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie entartete Kürbisse. Bald — in den südlichen Ländern — sind sie haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. —

Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat Goethe gelegt, der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings