Goethe in Venedig.
Reading edition
Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind; wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht; wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht; wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und noch so viel anderer unnützer Plunder.
Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit und vom Zerfall aller irdischen Dinge ...
Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt. Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze Gerippe des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber sie hat ja keine Eile.
Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt mir »Guten Tag!«
Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren.
Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist.
Kennt ihr Venedig? ...
Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ...
Es ist morgens fünf Uhr ...
Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt. Der palastbesäumte Canale grande schläft noch. Aber rudert mit mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ...
Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des »Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was — topographisch betrachtet — gar nicht möglich ist.
Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft — sagt er — wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.«
In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht. Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und erlesene Antiken — alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt, erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten und Geächteten in diese menschenunwürdigen Stadtteile, in diese Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer — jeder ein Künstler in seiner Art.

Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander stützen und vor dem Umfallen bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe, rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem, vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das, was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester. Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen, Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit gefälschten Antiquitäten vollgepropft.
Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen. Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln.
Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern, Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen, schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler, Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch, das metallgrüne Mücken umschwirren, Artischocken, Bananen, blasses, ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum.
Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit und — so widersinnig es klingt — mit einer gewissen Ruhe.
Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit aller schönen Dinge.
Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze beobachten. Man tut besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen Canale grande zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf den Lido ...
Dort ist das Meer ...
»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!«
Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht aufkommen.
Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz. In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und Kleinlichen.
Das Meer ist ein großer Anblick ...
Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert wurde.
Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt, durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen, die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der Mensch für ein armes gutes Tier ist!«
Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan, studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her wimmelten.
An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.«
Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu kehren.«
In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll, daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte es gelegentlich wohl nachahmen.«
An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser, »als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.«
In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien; vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein, in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand, um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die Sanduhr laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen hatte.
Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie, in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden; am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit, und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein, spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt, durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.«
Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende.
Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen, die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern.
An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe des Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend, daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte.
Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung.
Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander, denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch, und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub. »Wunderlicher und komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin, saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.«
Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, einzige Bild mit mir fort.«