Die Geschichte eines Suchenden.
Reading edition
Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.
Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf, hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun doch unterliegen?
Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon, daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.
Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.
Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen, gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und alle wollten Hilfe, — der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte, und was ich wußte.
Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand am Horizonte stehen und wachsen, — wie die riesengroße Verkörperung meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu helfen.
Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im Kampf. — Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe des Elends.
Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen Füßen. — Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, — leer an Liebe. Ja, das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte, zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen auf, — die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott —, schenke uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte trägt.
Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde und die Lieblosigkeit, — hoffnungslos.
Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Da ging ich in die Heide, um, — wie einst der Riese Antäus im Kampfe mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue Kraft gewann, — im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.
Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes, die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus. Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, — eine Zeit, so recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.
Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank, und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe, dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen und die Tauben füttern, ich sah, — nein, ich durfte nicht sehen, sonst erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt, wenn sie eine Heimat haben, — das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe mehr, das Heimweh meisterte ich schon.
Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt hatte, dann strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres. Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, — das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, — die störten mich nicht, die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich, das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen, von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen, von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten, krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.
Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.
Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender Weststurm mit Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte. Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien, die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!
Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und Licht, — ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, — das rettete mich — aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich, es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, — dann war ich alle meine Qualen los.
Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich. »Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege, immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst angelangt zu sein.« — Da wachte ich auf.
An einem der nächsten Abende, — ich war wiederum völlig verzagt, — wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene Riesentempel eines unbekannten Gottes.
Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein Atemzug in dir ist.« — Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne unter.
Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches Schwarz.
Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf: Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht gehen!
So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.
Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten. Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.
Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden. Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches »Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich trat in meine Kabine, und seltsam, — als ich dies kleine Raumgeviert betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet war, so groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute, es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.
Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe, daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.
Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte. Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit. Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit, veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, — aber Liebe, — Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen, hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber ihre Hypothekenzinsen und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. — —
Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie ein Herold aus alter, großer Zeit. —
Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten, jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins und Hannovers.
Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues seliges Gefühl — Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war, als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.
Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie, deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.
Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von Helgoland. Wie ein letzter Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere, alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, — so grüß' ich dich, leb' wohl, fahr' wohl! —
Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.
Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es sich hindurch, dem Morgen entgegen.
Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich. Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war, als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der Mutter gewiegt.
Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den hellen Tag.
Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:
Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee! Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder In wildflutendem Wogenschwalle Für ewige Zeiten grausig begrubst; Und Kirchen und Dörfer Und abertausend freie Friesen, -- Sie schlummern ewig in deinem Schoß! Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn Der rollenden Brandung am ragenden Riff. Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen Der alten Riesen Grabgesteine, Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit, Heraus aus den Dünen: Und donnernd poltert die steile Küste Hinab ins Meer! Und ewig nagst du! Wie lang wird's dauern, Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer! Zerstörerin du! -- Doch Wunder, o Wunder, Du Schöpferin du! Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe Mit rastloser Hand, -- Das spülest du an mit lieblicher Woge Als blühende Fluren Am anderen Strand, Und schaffst dort grünende Felder und Weiden, Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt! Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte, Dankt dir von Herzen Für dein Geschenk! Und wie du Länder nagend zerstörst Und Länder schufst mit der nämlichen Wog', So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- -- Nun mußt du Tausende retten dafür, Und Heilung spenden Dem, der im Wogenpralle des Lebens Die Kräfte verlor! Wer zu zagen beginnt, Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein: Der eile zu dir! Mit brausender Woge Und tosendem Sturm, Mit linde wärmendem Sonnenschein, Mit kühlender Flut Und Heideduft, Mit Möwenflug und Dünenruh', Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh, Und selig gestärkt und himmlisch erquickt Ruft er aus überquellender Seele dir zu: Hab dank, du Nordsee, Du urgewaltiges Wunder! -- --
Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles dehnte und reckte sich in mir.
Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug, zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit wundervoller Kraft.
Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang dabei:
Scheltet mir nicht mein Heimatland! Ist es auch neblig und kalt, Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft, Rauscht doch gar lieblich der Wald! Scheltet mir nicht mein Heimatland! Sind doch die Menschen gar treu! Sittsam die Mädchen mit blauem Aug', Ach, und die Männer so frei! Höret mich, alle im schönen Süd'! Scheltet mir nicht mein Heimatland, Lieben würdet ihr's heiß, wie ich, Wär's euch nur besser bekannt!
Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, — du Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!
Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.
An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.
Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren, schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.
Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.
Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet, unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all die Minister und Landräte, und wie sie alle heißen, so schön ihres Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich entladen wollte?
Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden, das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?
Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es so bleibt bis an der Welt Ende.
Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber. Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.
Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles, was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie fürs Leben reicher, froher, glücklicher machte. Und vielen waren die Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! —
Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen. Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe, anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus das hochmütige und herztötende odi profanum vulgus et arceo des Horaz.
Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen, sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden Keime zu entfalten, — sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk — odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat, und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen, denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen, die heiße, glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt. — Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich, deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig, den brennen sie nur, — aber die Weinhändler sorgen dafür, daß das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.
Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege mit seinem Kumpanen Komment trinkt.
Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft haben.
Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte, wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und voll falschen Stolzes und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so todunglücklich.
Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein — dann bist du ein Vater! Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen, was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest, Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, — Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« — —
Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren. Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin. Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, — Gott Lob und Dank.
Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden, schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.
Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe, die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und Belgier? — Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint — die Stadt Rubens' und van Dycks.
Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu Museum, von Kirche zu Kirche.
Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, — daß sie selbst den Tod überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi, von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen. Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das Werk zustande brachte, nach dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst, und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.
Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, — kunstvoll geschnitzte Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.
Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.
Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer, unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!
Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz, tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, — und wie sie quollen, — Entsetzen —, da nahmen sie Gesichter an von heute noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den rechten Glauben hatten — nur eins fehlte ihnen: die Liebe!
Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.
Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.
Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und navigare necesse est, vivere non necesse. — — — — — — — — — — — Ei, so baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?
Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das odi profanum, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes, heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen, die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir Gruben und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es zugrunde geht. —
Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber. Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches Glockengeläute.
Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.
Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das odi profanum steht auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.
Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg her schreiend und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.
Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.
Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg. So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller, aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft, nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm gebräunten Gesichtern. — Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte, läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen dänischen Kapitän, der sein Segelschiff in Lissabon treffen wollte, nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.
In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere. Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem, müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.
Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond, schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen, die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele erkennen lassen.
Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau, fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.
Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer, ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte. Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug geraten war, — so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man sich schon im Dezember sehnt.
Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn und edlen, energischen Zügen.
Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte, Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord, wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war, reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.
Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.
Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt, so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun drei, — das war ein bißchen viel.
Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten. Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber tapfer kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.
In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch der Pall-Mall-Gazette als Commis voyageur im Hermelin unter dem Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.
Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir; — an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, — mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt ähnlich sehen, — Österreich buhlt augenscheinlich um Englands Freundschaft, — Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie eine Schar Krähen, — und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. — Und unser Heer, unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen beiden Krankheiten?
Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt, ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose, damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter der Tat.«
Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! — Freilich ist es verführerisch, diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und Gerechtigkeit ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.
Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will diese Sitte nicht stützen helfen.«
Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor, erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und Gefängnissen unterzubringen.«
Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.« »Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.« »Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.« »Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler und Whiskyreisenden« — bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen wäre — »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts! Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« — »Nun,« erwiderte ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? — Aber noch mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris, und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel, schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger, übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten, statt daß sie fürs Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust, in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung ........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein, »merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen, wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?« »Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter und den draußen Wohnenden ermöglichen, auf schnellstem Wege des Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.« »Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.« Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.
»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein, dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden, von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere Unstrut, — die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten, einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz, mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand entlangstrichen.
Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.
»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, — aber die Tat, — die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie, Kollege, daß ich Sie unterbrach.«
Ich fuhr fort.
»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen Teil verschwunden.
Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst nur mit Wein und Bier zu löschen« — hier bebte meine Stimme vor Zorn, so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen — »und sich dabei das Denken immer mehr abgewöhnt, der braucht sich über die Umwandlung unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute, einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.
»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.« »Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich gehe aber noch viel weiter.«
In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand. Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber — unser Ostpreuße, sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes, wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen. Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes Rhododendronbeet.
Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten die Wogen, hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes — kein Stern am Himmel.
Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war, nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken, welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.
Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.
Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft, das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes, die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.
Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf in vorderster Reihe mit stand? — Wie es kam, ich weiß es selbst nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden, als ob sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.
Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem, vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.
Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es für euch und eure Mitmenschen.
In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.
In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.
Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig bleibe.«
Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.
Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt, die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten. Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten, wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.
Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. — Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, — wo sind sie geblieben? Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium, der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als Schafhirte in den Prärien Amerikas.
Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das eintränken!« — Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser geschossen hatte.
Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist, und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.
Aber halt — ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, — und daher die Wut und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem Schülerleseverein, — das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie ich dazu gekommen war? —
Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um ihres Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt, wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel, die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen schirmender Kraft.
Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz, das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr. Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend lindern kann.«
Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen Myrmidonen einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus drehten sie mir den ersten Strick.
Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, — Kameraden!« die Klasse.
Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir, meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen, und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur Fahrt durchs Leben zu entfalten.
Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. —
Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der Sünde hinabzerrten.
Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, — andere, die den Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder, die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem Volke zu verkaufen.
Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist, »Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank, ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, — körperliches und geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.
Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren, die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.
An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie, in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur danach strebten, ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!
Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle, suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.
Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft und Sonne gebräunten Ihrigen.
Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen, sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die »verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese, mit den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der staatserhaltenden Elemente.
Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.
Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten. Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten. Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten, — was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.
Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein, daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.
Da sind Hunderte von Paaren — und gerade unter den Reichen und Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne, der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.
Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt bedeuten.
Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf, daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen? oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?
Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit wieder ein:
Mir träumte bang, — ein wundersamer Traum! Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n: Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück In dieser Welt verborgen sei, — Ob aller Sonnenglanz des Glücks Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang; So voll von Sonne schien unser Herz! Und unser Flügel trug uns in ein Dorf. Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß, In dessen Wellen sich das Mondlicht barg. An seiner Ufer Rand in einer Laube still, Von jungem Frühlingsgrün verdeckt, Saß, küssend sich, ein junges Paar. Die Nachtigall sang zaubrisch hell Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend. Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. — Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß Der Braut im Herzen, — und das Glück entwich. — Da stiegen wir selband in einen Kahn, Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste Und leise auf des Stromes Wellen trieb. Wir saßen eng und traulich angeschmiegt; Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, — Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm. Und an den Ufern trieb der Kahn entlang. Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. — In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast Stolz an Palast. — Der Reichtum thronte hier, Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. — Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein! Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn. Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer Der großen Stadt. Leis stieß er auf. Wir stiegen aus und wandelten zu zweit, Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick, Von unserm Zauberfittich treu gedeckt, Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang Schien lauter Glückeszeuge. — Doch Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück. Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk, Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück. Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, — Ein trüber Nebel überm Häusermeer. — Nur dort ein Fenster hell, als ob Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt. Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag: Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht' Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt. Und doch im Angesicht ein sanfter Zug Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein. Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt, War treu bemüht in warmer Mutterlieb': Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch, Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', — Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück, Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. — Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl; Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen; Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen; Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns. Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück. Die Menschen nennen auch die Sünde mich; — Doch meine Maske ziert der Totenkopf. Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm. Mich schüttelte der kalte Fieberfrost. Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort. Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau Sich zentnerschwer die Reue an uns an. Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz Schien in das Fenster, und an meiner Brust Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, — Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück, Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt: Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt, Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht, Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor Und reine Kunst, die uns das Leben schönt, Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt, Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal: Das ist das Glück! — — —
Das Glück hatte ich in reichstem Maße, — für mich. Aber die anderen? mein Volk?
Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine Seele.
Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu mir. Da wurde mir leichter.
Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte, spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis, Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen Rosenblätter und Zypressenzweige, — das Ganze eine kleine Welt für sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß, was dich drückt.« So hatte sie gesagt.
Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand: mein Erstlingswerk, das gedruckt war.
Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft geschlossen hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter, flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir, als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder herausrisse und zerträte.
Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!
Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller Wald- und Bergeinsamkeit —, noch stand kein Denkmal da oben, noch kein Wirtshaus, — da reifte in mir der Entschluß, für unser Volk zu kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.
Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt zum Kyffhäuser —, von dem ich eben herkam, — um dort die erste große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.
Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!
Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen, schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland«.
Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. — Überall traf ich Freunde und überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu achten und zu lieben!
Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.
Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.
Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!
Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen. Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung allein konnte zum Siege führen, — die wissenschaftliche Erkenntnis mußte helfen.
Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie sahen in allen Ständen die Männer sterben, — fünfzig Familienväter starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche und Arme, — und die andern tranken weiter.
Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden. Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter, schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«
Und doch — wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten Form der Geselligkeit zu brechen.
Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir gewesen, und doch —, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend einer dieser Gesellschaften entstanden? — Wie mancher Bocksbeutel mit altem Steinwein war mit Kennermiene im engsten Freundeskreise geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer, mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit versprechen müssen, — dieser einzig guten und klugen Mutter, — meine halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem schweren Beruf. —
Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des Schiffes.
In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.
So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es erst recht nicht, — was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie wissen, Tag und Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.« »Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps, wie Sie Ihren Wein.« — Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel doch gern helfen.
Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein, lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane, gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf; stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, — hat er doch überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen —, lacht er mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« —
Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es gibt.
Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?
Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein, auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher? Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr Lebensglück. Denn daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar! Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft machen kann auf eigener Scholle, — heraus aus dem Dunst der Städte, — wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische —: so muß es anders werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.