Die Geschichte eines Suchenden. (continued 7)
Reading edition
Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten Verbündeten aus dem Hause Habsburg, — Wellenringe der Liebe und der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.
Kaiser, mein Kaiser, — wir wußten, du würdest treu sein, — das hast du gut gemacht, mein Kaiser, — da warst du groß! — Kaiser, mein Kaiser, — ich grüße dich! — — — — —
Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, — so straft ihn die Gerechtigkeit. — —
Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro, der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber sein Volk nicht kannte.
Und wiederum noch einen hat's gepackt, — den Abdul Hamid, den einst allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren, besseren Kultur dämpfen — aber die Macht des Gedankens, die Macht der Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich. Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, — verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!
Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, — ein verwesender Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein Leben verleiht, — und in Rußland die Liebe fehlt. — — —
Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des russischen Volkes.
Und plötzlich — wie es kam, ich weiß es nicht — fiel mir die Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze wehe!
Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. —
Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen, dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn, der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird, und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader — und viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; — und dort der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort Castro, da — der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte bitterlich.
Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.
Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um seiner Reue willen noch einmal lebe.
Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll, ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen, so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen, wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.
Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. —
Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.
Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte, Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und der Schriftstellerei widmen.
Seltsam, — sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag: bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren Stempel.«
Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der Herrschaft des Dollars, — und er wollte Antilopen und Elefanten in Afrika jagen? — Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? — —
Kaiser, mein Kaiser, — du stammst aus deinem Volke! Du gehst nicht nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! — Ich weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im Geiste die Hand. — — — — — —
Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen Organismus verbunden sei.
Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte, trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.
Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. —
Vorwärts, weiter stampft der Kolben, — mir viel zu langsam. —
Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach Afrika.
Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen. Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.
Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern fuhren sie mit ihren Booten an Land, — die einen, um möglichst bald wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, — die anderen, um in ihr Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.
Spanischer König, besinne dich, — denk daran, wie es deinem Nachbarn erging!
Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer? — — Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen, befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! — Vorwärts! Vorwärts! — — —
Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus Norden.
Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der Maschinen zu.
Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften, den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.« Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, — wenn Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker gewesen ist, der anständigste war er doch, — dann hätten wir die Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«
»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer, den sie den Anarchisten nannten, — »denn in dem nämlichen Zeitraum hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, — sechzig Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber nicht dabei, — das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps und Bier, — und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der Teufel soll die ganze Bagage holen!«
Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne Schottentür, daß der Raum dröhnte.
»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, — »das müßt ihr mir eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«
»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr laut sprachen.
»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt. Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte: ›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.
Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit allzu grob, — so wie wir Bayern nun einmal sind. — Was meint ihr? Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen, wie es will!«
»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse. »Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport, — mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, — hier stieß ich auf Widerstand und dort, — wurde hier schikaniert und da, — da wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum, Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. — Da graute mir davor, daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden. Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas angeht.«
»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim Kragen kriegt.« — »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben habe. — Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. — Dann wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten. Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis, sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben als ein Freier.«
Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.
Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten mich schier krank. Ja, — es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr Eltern und ihr Kinder, — wir alle, alle, — was haben wir für eine rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe, wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! —
Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe, in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln, durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte und keine Menschenverachtung zerstört werde!
Kultusminister! — Tust du deine Pflicht? — — —
Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? — —
Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt. Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung. Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht gemacht.
Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.
Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.
Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die Jugend zu gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.
Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie, ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen hineinzusetzen.«
»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte, Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und Alkoholbekämpfung zu studieren.
Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu nehmen. Was wollen Sie mehr!«
»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer Panik verspottet.«
Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war. Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine Vergangenheit etwas vergessen zu machen!
Nein, König Eduard, — es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der Macht der Liebe!
Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel fassen kann in seinem Mutterboden.
Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der Schnapsbrenner und der Bierbrauer.
Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus zu bringen, — dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt, dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine Vergangenheit!
Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit Geisterhand vorwärts der Heimat zu.
Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins meiner Lieblingslieder:
Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n, Schön sind des Südlands dunkle Frau'n! Schöner die Heide, mein sonniges Feld, Schöner des Nordlands kraftvolle Welt! Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt, Lieb mir der tannenduftende Wald, Freiheit ruft mir das wogende Meer -- Hier im Tal wird das Herz mir so schwer! Herz, mein Herz, was klopfst du so sehr? Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer? Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus? Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!
Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld, Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, — dann ein paar Tage Nordsee, — Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«
— »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. — »Wie weit sind sie wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden. Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.
Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für alle, die deutsche Männer heißen wollen. — — — — —
Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche, schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich. Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, — nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.
Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.
Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, — das wäre noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der vorletzte dem letzten zur Beute fällt.
Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine, einen Mund und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele, die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, — in Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.
Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven, ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende Masse, zu drangsalieren.
Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl geworden, — man sah es an seinen Augen, — starkknochig, mit breiter, brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden. Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres Volkes erschimmern sah.
In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens, in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann immer lauter ein Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen, als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von Reuigen, die sich im Jammer wanden.
Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen den Atem auspressend, das Blut aussaugend, — und mächtig stieg der Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.
Doch plötzlich — was ist das? — Ich höre Lieder singen, frohe, fromme Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie im Marschtritt eilt es heran, — immer neue Scharen, — Männer und Frauen. — Siegesgesänge. — Krachend splittern die blanken Äxte in den Stamm des Baumes. — Er wankt — er stürzt — und im Fallen begräbt er unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen, freien Volkes! —
Da wachte ich auf.
Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch. Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.
Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden, daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: — Geht über eure Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an den Trunk kamen, — und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie schleunigst vergessen.
Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! — Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende, eurer Sektbowlen — und Bier- und Branntweinzechereien — seht eure kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure Lieben, eure Kranken klagen euch an, — und ich rede für die, die stumm sind! — Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser, eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und Pestilenz über eure Söhne zu bringen. — Das ganze Elend unseres Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit in tausendfacher Gestalt, — das Elend unseres Volkes klagt euch an! Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, — euch, euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! — —
Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe und der Tat?
Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; — ich hatte sie singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem Geiste des Weltenmeisters, — seit Jahren hatten sie auch mir immer wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht — und wie Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar, siegreich bis ans Ende!
Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein zu neuen Häusern bauen — jedes Haus ein Tempel, — in den Städten, auf den Dörfern, in der Heide, am Meere!
Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, — schon machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange — Frohsinn und Freiheit überall, — o mein Gott, es wurde wunderschön im Vaterlande! — Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich, wie ein Frühling unseres Volkes! — —
Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der Nordsee zu.
Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? — Ich kann dir sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch zwanzigmal wollten, — das englische Volk will nicht! Das englische Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.
Merkwürdig, seltsam, — mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr, daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind, verwandt in Gedanken und Gefühlen.
An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, — »nebenbei der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, — was wäre die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?
Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären, und wandeln die Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, — so geht's nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre erfunden — das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben —: Das Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht, in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« — »Aber wie ist das zu machen?« fragte der Heizer. — »Viel einfacher, als es scheint. Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt. Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben, so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung von Sachverständigen vergüten.« — »Und die Hypotheken,« fragte der Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« — »Die werden bei der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, — aber kommen wird die Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt ihr sagen, was ihr wollt« — und er schlug mit der Faust auf die Bank, daß sie krachte, — »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten wir es gleich!« — — — — —
Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten, die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes, des Volkes war, heilig, unantastbar, — das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! — — —
In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.
Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen Zustände zu bessern.
Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. — — — —
Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden für das Ewige.
Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei Gutes mitteilen — ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen, die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen, das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.
So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.
Er schrieb:
»Lieber Freund!
Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.
Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!
Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft begrüßen zu können.
Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle, alle!
Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!
Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!
Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen zu können, — aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg. Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, — halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.
Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem Frevel.
Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend, zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen, unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird. Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br. Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt, sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.
Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind. Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer. Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen gründen, — eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, — nächstens beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.
Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt, allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.
Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet, damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel den Schülern seines alten Gymnasiums; — ich sage Dir, keiner von uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, — er hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über, wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.
Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner, Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird sie nicht fürchten!
Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.
Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute. Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus, beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke, zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten, einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!
Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten durch das ganze Land, — es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und Schwestern im Lande.
Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann, weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!
Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden. Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit allmählich anfangen nachzudenken.
Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.
Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister! Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an den Kunstschöpfungen unserer Großen, — und, denk Dir, dieses alles ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von Herzen freuen, das weiß ich.
Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!
Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit und das gelbe Fieber zusammengenommen!
Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien und gegen andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man, den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.
Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf die Dauer Bestand hat.
Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes, einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu wollen.
Bruder, Du sollst es sehen, — der Menschheitsfrühling naht! Wohl jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!
Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir schaffen!
Dein
Heinz.«
Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! — —
Kaiser, mein geliebter Kaiser, — oh, ich wußte es ja, du bist groß und gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest du den Zeitgeist verstehen!
Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen, dich fördern sollten! — Doch nun weiter, unermüdlich.
Weiter! — Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher! Immer mehr im Geiste der Liebe!
Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, — diese Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, — die Reichen und Großen folgten, — ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn. Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen, einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten, das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit unserer Frauen!
Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern und Händen, nur von dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! — — — —
Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die Größe liebst, weil du selbst groß bist!
Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. — — —
Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! — Wir eilen heim. — In mir flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, — von Sonnenschein, von hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! — —
An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten, Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder, Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London gefahren war.
Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der englischen Großlogensitzung:
»In einer großen, von den Guttemplern und anderen Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen in Schottland, der zweite über diejenigen in England, und ich war aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:
›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen, sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹
Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales, Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall wurde sie einstimmig angenommen.
Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des Weltfriedens in hohem Maße beitrage.
Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als einmal zu hören!«
Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung: »Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs- und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition. Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und Mißverständnisse der Politik.
Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit Deutschland in Fühlung zu treten.
Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er, hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen, die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des Friedens!« — — — —
Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr- und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren, gegen die Deutschen! Versuch es nur, — aber hüte dich, daß der Sturm der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur Sonne, wie das meinige! — Ich weiß es wohl, — es sind nicht nur deine eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast, — das erste Volk der Erde soll es sein! — Wohlan, wir sind gerüstet, wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes Volk von sechzig Millionen! — Wir aber werden euch nicht angreifen, — wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den Wegen der Kultur! —
Ihr Könige, gebt acht! — Die Völker werden nüchtern und werden durstig nach Liebe! — — — —
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck zusammen.
Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele vorangegangen sei, — wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter den Nationen.
Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur schuf.
Eine einfache kleine Volksschullehrerin, — aber mit dem Willen zur Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi Geist stammte.
Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen Mitglieder im schwedischen Reichstage, — ein gut Teil davon Sozialisten, — die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine Kriege. — —
Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.
»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge, Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«
»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden zu bewahren.«
»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche Unterricht eingeführt.«
»Fortschritt überall!«
»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen gekommen seien.«
Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind durch Tausende lebendiger Fäden!
»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« — und wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung gegeben habe, — »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«
»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im Freien, im Wald und auf der Heide.« — — —
Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen Wellenringe der Nationen.
Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf meinen stillen Platz hinter der Maschine.
Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube. Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von meinen Träumen abgelenkt wurde.
Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?« — »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, — sie ist doch wichtig.
Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, — und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend noch so unbedeutend, — seine Bedeutung hat für das Gedeihen des Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«
Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.
Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle. — — — Und ich, was war ich denn?
Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, — als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große, graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?
War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese kleine Schraube, — war ich überhaupt so viel?
Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den Fortschritt der Menschheit bedeutete?
Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!
Und doch, — und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die Maschine. —
Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet werden. —
Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.
Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.
Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe, für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.
Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie unaufhaltsam vorwärtstrieb. — Und dankbar dachte ich seines neuen Erlasses.
Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, — allem, was die Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, — gerade wie die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der Nacht.
Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so, wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« —
Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker überschattend im Geiste der Liebe. — — — —
Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte, Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine Seelenruhe nie erschüttern.
Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem man gehört, — treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören, — die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, — aber festhalten heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur gegenseitigen Förderung.
So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer Völker, zum Besten der Menschheit!«
Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in einer Kirche der Heimat Ostern feierten.
Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!
Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.
Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines, noch ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. — Wunderlich, wie schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der akademischen Trinksitten! — — — — —
»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. — Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! — Der Vater, Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn hochgerissen. — In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, — eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung — Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, — aber es sei famos, — und die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« — — —
Ein Händedruck. — »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« — Der Kollege fährt wieder an Land.
Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. — —
Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, — der »Sonnenscheinsamen« — der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.
Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt; — er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft, zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne an sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige, große Aufgabe hat.
In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme. — —
Vor mir lagen meine Lieder.
Sonnenscheinsamen. Sonnenscheinsamen Schenktest du mir, Geliebte! Sonnenscheinsamen! Ich aber streut' ihn Mit vollen Händen In die Herzen der Menschen, In reich und arm, In hoch und niedrig, Ohne zu fragen, Ob sie ihn wollten. Und die ihn nicht wollten, Bedurften seiner am meisten; Denn sie saßen im Dunkeln Und hatten vergessen, Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde. Und von den Klugen und Weisen Riefen die meisten: Halt' ein, du Fürst, du Verschwender, Weißt du nicht, was du tust? All deinen Sonnenschein Entnimmst du dem Herzen Und streust ihn, Ohne an dich zu denken, Über die Erde, Als ob dein Reichtum Nimmer enden könnte! — Toren und Narren! Zürn' ihnen nicht! Sie kennen dich nicht, Geliebte, Noch deinen Samen. Kennen nicht seine Kraft Und wissen nicht, Daß, je mehr ich ihn säe, Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht, Und um so mehr von diesem deinen Samen In mich zurückfällt, Wuchernd und werbend!

Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe. Was wißt ihr von Freiheit, Ihr, die ihr nimmer Aus dem Gewühl der Städte entranntet, Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser, Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen Und Fürstendienern! Was wißt ihr von Freiheit! Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet, Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust, Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! — Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff, Über mir funkelt des Südens Kreuz Und das Schwert des Orion. — Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut, So weit das Auge reicht, kein Land, Nur unbegrenztes, unendliches Meer. Ich aber trinke, in langen Zügen Satt mich trinkend, selige Freiheit, Eins mich fühlend in meiner Seele Mit dem Geiste der Welten, Der über die Meere herrscht und über die Erde Und alle Gestirne. Und meine Seele ist bei ihm Und lebt in ihm Und fühlt sich eins mit ihm Als Herrn der Welt! — Allein der Herr der Welt Ist die Liebe! Ihr aber macht euch Gesetze, Die der Liebe spotten und somit des Herrn! Wißt ihr, was Tropensonne heißt? Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden? So ist die Liebe! Den Tod besiegend und Leben erweckend, Eis des Nordens in Dampf verwandelnd, Meere kochend, Daß sie entströmen In heißen Wogen ihren Gestaden, Weithin tragend in grünen Wellen Die Sonne des Südens, Daß sie an Nordlands kalten Gestaden Wonnespendend Wunder des Frühlings lieblich zaubern. Mich durchglühte die Tropensonne Und weckte mir Liebe, Glühend heiß wie sie selbst, Nordlandeis in Dampf zu verwandeln! Und kraft dieser Liebe Breche ich eure Gesetze, Die euch in Fesseln halten, Wie der Nordsturm die Bäche In unserer Heimat in Eis verwandelt, Daß sie die Fluren nicht tränken können. Eure Gesetze und Sitten, Euren Glauben und eure Dogmen, Die euch verbieten, euch so zu lieben, Wie der euch zeigte, Der die Sonne in euer Leben brachte In nur einem Gesetz, Einem einzigen, sonnigen: Liebet euch untereinander! Ihr aber tötet euch untereinander Kraft eurer Gesetze, Und haßt euch gegenseitig Und steinigt euch Kraft eurer Sitten! Um was? Um eures Glaubens, eurer Dogmen, Eurer Sitten willen! Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! — Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen? Habt ihr der Tropen Sonne gespürt? Habt ihr des Sturmes Brausen gehört Auf wogendem Meer? Sie lachen eurer und eurer Gesetze Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe, Die nie versieget, An die ihr nicht tasten könnt Mit euren Händen Und eurem Menschenverstande Und eurer Kälte, — Von Wärme und Größe, Die ewig frei war, und ewig es sein wird! Und das Meer und die Sonne Und der brausende Sturm Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens, Sie alle haben es mich gelehrt, Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden, — Würdig euch Menschen, — Und bar der Liebe! Und so lache ich euer und eurer Gesetze Und Sitten und toten Dogmen, Und habe Mitleid mit euch Und liebe euch In all eurer Kleinheit Und eurer Härte und Kälte, Und will euch auftauen mit meiner Liebe, Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut, Und stürmen wie der Sturm, Reinigend, stärkend, Und lieben, wie die Sonne der Tropen, Heiß, versengend und Leben weckend, Überreich' Leben! Und kraft des sonnigsten Gesetzes, Das der sonnigste Mensch euch gab, Liebe ich die, die ihr verachtet, Liebe ich die, die ihr hasset, Denn sie bedürfen der Liebe! — Lieb' ich euch alle! Denn ihr alle bedürft der Liebe! Und auf dem starken Fittich meiner Liebe Über Tod und Grauen Trage ich euch empor zum Herrn der Welten, Dem Geist der Liebe, Mit dem ich eins mich weiß Als Herrn der Welt!
Weißt du, wer ich bin? Weißt du, wer ich bin? Ein Stückchen bin ich vom Nagel Am kleinen Finger der Gerechtigkeit. Wehe dir, wenn du Arme drückst Oder Bedrängte! Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst, Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose, Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast! Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht Und Unrecht in Recht verwandelst! Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers, Und ich führe ihrer Hand den Weg, Um dich zu packen! Darum hüte dich! — Weißt du, wer ich bin? Weißt du, wer ich bin? Ein Stäubchen bin ich im Weltenall, Getragen von einem Sonnenstrahl, Von einem Strahl aus jener Quelle, Die ewig war und ewig sein wird! Von einem Strahl aus jener Quelle, Aus der seit Ewigkeiten Alle Liebe und alle Wärme fließt. Und wenn du im Elend bist; Und wenn du einsam oder in Sorgen bist; Wenn du arm oder gedrückt bist; Wenn Krankheit dich quält Und Schmerz Und Angst vor dem Ende: So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen, Und kraft des Strahls, durch den ich lebe, Will ich dich lieben und dich erwärmen, Daß deine Sorgen und deine Schmerzen, Und was dich drückt, In nichts zerfließt — Nimm mein Leben, — nur komm! —
Merkwürdiges erleb' ich! Ich sehe die Dinge, wie sie sind, Und sage, was ich sehe! Und andere sehen die Dinge Ebenso wie ich, Und sagen, sie sähen sie anders! Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch, Oder es ist ihnen bequemer. Aber sie merken nicht, Daß ihre Worte wie Nebel sind, Die die Wahrheit verdunkeln, Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln! Und andere glauben, klug zu sein, Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken, Und tun, Als ob sie anders wären und anderes wollten! Und sehen nicht, Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen! Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein! Aber die Wahrheit ist stark und hell, Wie die Sonne, Und scheint durch allen Nebel hindurch, Oft nur in Strahlen, Oft hellt sie ihn ganz. Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln, Daß man sie so leicht finden kann, Wie ein Licht im Dunkeln! Und je näher wir kommen, Desto größer und heller scheint uns das Licht; Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen, Desto heller wird es in uns! Sie gleicht einem Leuchtturm, Der fernher über das finstere Meer Unserem Schiffe den Weg zeigt Zur fernen Küste! — Du bist der Leuchtturm Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte! Einem Licht im Dunkeln gleichst du, Wie du der Wahrheit gleichst, So hell und klar. Das kommt, Ihr beide habt eine Mutter: Die Sonne!

Den Tod fürchtest du, Den Allbezwinger? Ach, ich versteh' dich! Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe, Und dich schreckt das Gerippe Und die Furcht vor dem Nichts, Dem Unbekannten, Großen, Leeren, Dem Nichts! Ist es nicht so? Sei ruhig und ängstige dich nicht Und laß dir erzählen! Ich kenne ihn! Zweimal trat er an mich heran. Als er zuerst mir nahte, Da lag ich auf meinem Schmerzenslager, Fiebernd, röchelnd, Nach Atem ringend, Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen. Da kam er Mit leisem Schritt Und sanfter Hand: Noch fühl' ich sie, Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn, Sanft, ganz sanft. Und wie die Augen schwer wurden, Wurde mein Herz mir leicht, Oh, so leicht, Als ob ich Schwingen hätte, Und alle Sorgen fielen von mir ab, Alle Schmerzen schwanden, — So ruhig wurde es drinnen, So himmlisch ruhig, — Mir war's, Als wüchs' ich über mich hinaus, Und größer, immer größer, Um in eins zu fließen Mit dem Geiste der Welt. — Und ich genas. Und wieder trat er dann zu mir, Zum zweitenmal. Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob, Die Wogen berghoch sich zusammentürmten, Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen. Da trat er wieder zu mir her, Sanft, ganz sanft, Und wiegte mich, Wie mich die Mutter wiegte, So daß ich mich als Kind noch einmal träumte, Als glückersehnend Kind. Und selig trank ich in Erinnerung Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein. Und heut noch dank' ich ihm die Stunde, In der er mir dies süße Glück verlieh. Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal. Er komme, wann er kommt. Ich weiß es, er ist sanft und mild; Er löscht nicht aus, Er lindert nur die Schmerzen Und zaubert dir dein geistig' Aug' So groß und weit, Daß du dein irdisches gar gern entbehrst. Sieh die Natur: In weißes, weiches Laken Hüllt der Schnee sie ein. Du meinst, sie sei gestorben? Tor, sie lebt! Dort unter dem Schnee, Da lebt es und webt es! In starrender Rinde Und rauhem Kern, Da treibt es und keimt es! Und kommt der Frühling Mit seiner Sonne, Warte nur, Sing' und freu' dich! Schau nur, Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben Der schwarzen Erde entsprießt, Alles, was in ihr verborgen lag, Vermodernd, verwesend, In neues Leben verwandelnd, Das zur Sonne drängt, Weil es von der Sonne stammt! Und auch du stammst aus der Sonne! Auch dich decken sie einst Mit weißem weichen Laken Und senken dich, Wie ein Samenkorn von der Wintersaat, In die Erde, Damit, wenn dein Frühling kommt, Was von dir aus der Sonne stammt, Zur Sonne emporwächst. Aber gib acht! Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst, Trink es in dich hinein, Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt. Trink Sonne und Liebe, Soviel du nur kannst, Und strahle sie wieder von dir, Erhellend, erwärmend, Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist! So mehre den Sonnenkern in dir, Jenes wunderbare Teil in dir, Das du von ihm empfingst, Dem Allewigen, Aus dem alle Sonne und Liebe stammt. Und fürchte dich nicht vor dem Tod: Denn er ist sanft Und zeigt dir nur den Weg, Der dich vom Nebeltal der Erde Wieder dorthin führt, Woher du stammst. Sei froh und fürchte dich nicht!

Ich lag im Grase und unter Blumen, Bunt und blühend, vertraulich nickend, Am Busen der Erde, der Mutter aller. Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann Des Meilers grauer Qualm, Mich mahnend an der andern Menschen Treiben. Und wie es kam — ich weiß es selber kaum: Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind, Und mit den Schwestern, all den Blumen, Da spielte ich und neckte mich; — Ihr seid doch meine Schwestern, nicht? Und du? Du Mutter Erde, Bist du nicht unsre Mutter? Oder etwa nur, weil wir dich so nennen, Nicht, weil du es bist? Aber wurzelt nicht in deinem Schoße Der gewaltige Eichbaum, Die Blume am Wege Und in des Meeres unendlicher Tiefe Weit um sich greifender Algen bunte Pracht, Wie in der Mutter Schoße das Kind, Angeheftet mit feinen Fäden, Nahrungssaugenden, Wachstumspendenden? — Oh, daß ich dich halten könnte, Wie ich die Mutter umfing, Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte. Und ich? — aber hier ruhe ich ja! Wer will's mir denn wehren, Wer mich reißen von deinem Busen? Wurzeln wir denn nicht alle in dir? Saugen wir all nicht aus deinem Boden Nahrung und Kraft? Sind denn nicht alle deine Geschöpfe Unsre Geschwister? Atmest du nicht für uns, deine Kinder, Stärkende Himmelsluft ein? Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen, Was uns nur schadet, Daß es zurzeit als himmlischer Segen Umgewandelt herniederträufle, Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken, Wasser des Himmels begierig schlürfest? Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen, Dein Feuer, Deine Glut, An der wir uns wärmen? Und empfängt nicht das Kind Vom Geiste der Mutter seinen Geist? Ist es nicht ebenso dein Geist, Derselbe Geist, der uns alle beseelt, Der uns alle umfaßt? Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists, Abgesplittert und zugehörend? — Weh' über die Brüder, die glauben, Daß sie allein etwas sind! Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall! Wenn sie es könnten! — Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken; Aber wohl tut ihr dran, Wenn ihr erschrecket und merket, Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt, Gleich euren Brüdern im Walde — ob all eures Wissens!

An meine Feinde. Ich kenne euch, meine Feinde! Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt Und sie zertretet, Als ob sie Gras wären! Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich, In euren Netzen sitzet, Tagediebe, In euren Spelunken, Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder, Von ihren Schwächen Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet! Euch, Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet, Damit sie euch zinsen! Euch, die ihr in Palästen wohnt Und in getäfelten Häusern, Bei Braten und Wein schwelgt, Zu Pferde und in Karossen dahinjagt Und über die schlechten Zeiten jammert Und die begehrliche Masse des Volks! Ich kenne euch alle! Ihr ewig Gerechten, Ihr Stolzen und Harten, Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben, Dem nicht so feines Tuch, wie euch, Die sehnigen Arme und Beine umkleidet. Und euch, ihr Tugendhaften, Die ihr so sicher euren Weg geht, Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt! Und euch, ihr Männer, Die ihr die Kraft nicht habt, Eure Frauen mit Liebe zu sättigen, Geschweige denn, Daß ihr die Seele eines Weibes versteht, Ihr, die ihr kaum ahnt, Was Seele heißt! Erbärmlich Volk! Otterngezücht! — Durch einen Wald schritt ich Und fand ein Nest von jener Sorte, Die die Natur Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet. Zischend bäumten sie hoch Und wollten mich beißen. Ich aber sprang mit beiden Füßen Mitten in sie hinein Und zertrat die Brut. Oh, könnt' ich auch euch, Ihr Krämer und Wucherer, Ihr Brenner und Brauer, Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut Und das Volk vergiftet, Euch scheinheilige Pharisäer, Die ihr angebt, Das Christentum gepachtet zu haben, Und deren Herzen Das einzige Gesetz, Das Gott uns gab: »Liebet euch untereinander!« So fremd ist, Wie Erbarmen der Otter, — Könnt' ich auch euch Wie dieses Otterngezücht zertreten! Mir träumte als Knabe, Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land, In blinkender Rüstung, Ein Ritter des Herrn, Schwingend in meiner Hand Ein flammendes Schwert. Krämer, die Branntwein verkauften, Hatten den Krieg entfesselt; Weithin verwüstet lag schon das Land. Mordend und brennend zogen sie aus, Lachten und logen, Sie brächten Kultur. Glückliche Völker sanken dahin In Elend und Schmach. Ich aber schwang in erhobener Linken Die Fackel der Wahrheit, Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild, Der war die Liebe zu meinen Brüdern. Todwund kamen sie an Und heischten Hilfe! Ich aber nahm sie unter den Schild! Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert, Das hieß Gerechtigkeit. — Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre Und mein Leben tausendfach, Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten! Aber solange ich atme, Will ich mit euch kämpfen! Zittert vor mir! Denn ich bin zähe und stark, Und meine Freunde sind wie Sand am Meere! So fürchte ich euch nicht! Ich kenne euch, meine Feinde, Und danke euch, Daß ihr euch so nennt! Ich bin stolz auf euch! Und habe Mitleid mit euch, — Denn reihenweise sehe ich euch sterben In der Blüte der Jahre, Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet Und auf die Klugheit meiner Freunde! So habe ich Mitleid mit euch Und eurem Ende! —

An meiner Seite schreitet ein Weib, Ernst und still, Und doch heiter und fröhlich. Ich liebe sie, Denn sie ist gütig gegen mich Und überschüttet mich mit Reichtum. Sie verleiht mir Kraft Und meinem Leben Würze. Nachts ruht sie an meiner Seite Und sorgt, daß kein Gram In mein Herz dringen kann. Sie richtet meine Blicke auf den Weg, Den ich zu gehen habe, Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg. Wenn ich müde werde, So küßt sie meine Stirne Und haucht mir neue Kräfte ein. Meine Ohren hält sie mir zu Mit weicher Hand, Wenn die Spötter zischeln, Und zeigt meinen Augen Den Pfad, Wenn die Feinde dräuen. — So gehe ich geradeaus, Und finde mein Ziel. — Toren sagen, Sie sei hart und unerbittlich. Sie kennen sie nicht, Weil sie sie nicht lieben, Nicht lieben, wie ich, Für den sie Leben ist! Kaum kennen sie ihren Namen! Du, meine Geliebte, Meine Pflicht!

Du hast Furcht? Fürchte dich nicht! Du bist traurig? Traure nicht! Siehe, ich war niedergebrochen Unter Furcht und Trauer, Und meine Seele lag am Boden, Wie mein Leib. Da dachte ich an die, Die meine Sonne ist, Und erhob mich Und genas Und übte meine Kraft. Schlangengleich Umwanden Furcht und Trauer Meine Seele Und bissen nach meinem Leben. Ich aber faßte sie Und erwürgte sie Und befreite mich aus ihren Ringen. Und nun, Siehe, Stehe ich vor dir, Stolz und frei Und stark Und reiche dir meine Hand Und hebe dich zu mir empor. Hab' Mut und hoffe, So hast du Kraft! Versuch' es nur! Schau' nur, es geht. — Schon strahlt dein Auge. Glaube mir, Hoffe, Und folge mir!

Einer Mutter. Dein Einziger ist dir genommen, Mutter, Dein brauner Knabe? Oh, ich verstehe deinen Jammer, Deinen Schmerz! Dein Einziger! Und welch ein Junge! Wie leuchteten seine braunen Augen Unter den dunklen Locken! Wie lachte sein roter Mund! Wie straff und fest waren diese jungen Beine, Wie kraftvoll die Arme! Wie hob sich die Brust, Wenn er deinem Gatten Vom Wagen herab Die Fruchtkörbe reichte Und die Körbe Gemüse! Ja, weine nur, Mutter, Weine heiße Tränen, Laß sie wie Bäche im Frühling fließen! Wahrlich, er ist es wert! Traure um ihn, Weine und traure! Aber nicht verzweifeln! Wie alt ist dein Gatte? Dreiundvierzig? Und stark und gesund? — Wie könnt' er anders! — Und du? Wie alt bist du? — Vierzig Jahre, sagst du? Ich kenne Frauen, Die mit zweiundvierzig freiten, Und die mehreren starken Söhnen Das Leben schenkten! Du schüttelst dein Haupt Und seufzest? Hör' zu, was ich dir sage Und glaube mir: Warte, bis sich nun wieder Der Mond erneut. Kommt der Gatte dann heim, Empfang ihn wie einstens, Strahlend, Hoffnungsfreudig. Schling' deine Arme um seinen Hals, Küß ihm von seiner Stirne, Von seinen Lippen, Von seinen Augen seinen Gram, Euren Gram. — Und sitzt ihr beim Mahl, Erzähl' ihm, Leise, leise, Daß niemand es hört, Dir hätte geträumt, Selig, selig, Ihr wäret noch jung, Ganz jung, Und hättet Gott gebeten, So recht von Herzen, Und er hätte euch erhört Und euch geschenkt Einen wonnigen Buben Mit dunkelen Locken Und braunen Augen. — Und ehe ihr zur Ruhe geht, Erzähl' ihm deinen Traum Noch einmal! Und hoffe!

Vergeltung. Du hast mir weh getan, Wie noch kein Mensch mir weh getan! Ich habe dich lieb gehabt Wie meine Seele, — Und du hast mich betrogen! Du hast mich verraten und verleumdet Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt. Ich ahnte nur, was Sünde war, Wußte es aber nicht, — Du hast es mich gelehrt. Wenn ich nicht wäre, wie ich bin, Und wenn ich nicht ich wäre, Sondern wäre wie die andern, So würde ich dich jetzt hassen Und dich verachten, Ja, dich töten! Fast wäre ich gestorben deinetwegen Und hätte mich verloren Und alles, was mir schön und lieb ist, Deinetwegen! Und du, du hast mir weh getan, Wie noch kein Mensch zuvor! Aber ich hasse dich nicht Und verachte dich nicht; Denn mein Gott ist nicht dein Gott, Ist nicht der Gott der Rache, Sondern der Liebe! Mein Gott gleicht der Sonne Und nicht der Finsternis. Der Sonne, die im Frühling Die Blumen weckt Und die Vöglein Und die Herzen! Der Sonne, die im Sommer Die Traube reift Und der Rose ihr Düften zaubert! Der Sonne, die uns Leben schenkt Und uns lieben lehrt Und scheint über Gerechte und Ungerechte! Und dieser Gott lehrte mich, Auch dich, Auch dich zu lieben, Die ich so lieb gehabt Wie meine Seele, Und die mir nun so weh getan, Wie noch kein Mensch zuvor! Und da du in Not bist, So will ich für dich sorgen Und dir raten und helfen Und dir Vater und Mutter sein Und Sonne deines Lebens, Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt!

Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden! Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten, Wie könntest du die Leiden anderer empfinden? Und hätten andere für dich nicht so gelitten, Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen? Und einsam ständest du im Leide Und verlassen, Und deine Tränen flössen ungesehen. Oh, danke Gott für deine Schmerzen; Denn sie sind das Band, Das dich den anderen verbindet Und dich und sie zu Menschen macht! So laß aus deinem Leide Blumen wachsen, Die andern Freude, Leben spenden! Schau' nur den Frühling! Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt Und streut Blumen und Düfte Über die Erde, Die wunden Herzen froh zu erquicken, Und hat doch selbst soeben erst Den Winter überwunden. Und wenn dein Herz in Stürmen steht Und Wintersnacht, Wisse: Anderer Herzen stehen im Frühling Und überschütten dich mit Blumen und Düften Und Sonnenschein! Und ehe du dich's versiehst, Vergeht dein Winter!

Einer Freundin. Einen Schrein voll Kostbarkeiten Sandtest du mir, Wie von liebender Hand gepackt. Und ich, — Was soll ich Armer dir dafür schenken? Siehe, mein Leben gehört den anderen, Und meine Liebe einer anderen. Meine Zeit gehört meinen Armen Und meine Kraft meinen Kranken. So nimm denn meine Freundschaft. Die gleicht einem Bergsee Droben zwischen den Firnen. Kristallklar und hell ist sein Wasser; Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel. Dunkelgrün spiegeln in ihm Sich schweigende Fichten, Ernste, hochragende. So seien die Gedanken, Die in dem Spiegel unserer Freundschaft Leben gewinnen, Ernst, hochragend. Und unsere Freundschaft sei Kristallhell und klar, Rein und erfrischend, Wie das Wasser jenes Bergsees Dort oben hoch zwischen den Firnen!

Herr, nun danke ich dir, Daß du mich sündigen ließest! Denn nun weiß ich, Daß die Sünde lieblich und wonnig ist Im Beginn, Wie Honig schmeckt Und wie Veilchen duftet, — im Beginn! Aber nachher, Wenn der Duft verflogen, Schmeckt sie wie Galle Und beißt, wie ätzend Gift! Herr, nun danke ich dir, Daß du mich sündigen ließest! Denn nun weiß ich, Wie weh es tut, Und wie es krank macht Und schwach Bis zum Tode! Und hast mich mit deiner starken Hand Noch gerade gehalten, Eh' sie ganz mich verschlang In Tod und Verderben! Herr, nun danke ich dir, Daß du mich sündigen ließest! Denn nun weiß ich, Wie anderen zumute ist, Die niederbrechen unter der Last der Sünden, Todwund, Und nicht die Kraft mehr haben, Aus dem Meer von Galle Und ätzend Gift Mit starkem Arm sich emporzurudern Und nach dir zu greifen, Der du Licht und Sonne bist Und Wärme und Liebe, Aus der ich entstamme, Aus der wir alle entstammen! Herr, nun danke ich dir, Daß du mich sündigen ließest! Denn nun weiß ich, Warum du es tatest, Du Allgütiger und Allweiser: Du wolltest ein Werkzeug haben Deiner Güte, Das geschickt sei zum Helfen Und zum Vergeben, Zum Heilen und Reinigen Und zum Emporreißen zu dir, Du Sonne unseres Lebens! So mußte ich den Weg finden Von Anfang an! Herr, ich danke dir; Denn nun weiß ich, Meine Sünde war nur eine Stufe Aus dem Dunkeln ins Helle!

Nicht nach Orden und Titeln Steht mein Begehr, Noch nach Ruhm, Oder dem schwellenden Siegesgefühl; Denn wenn ich den Sieg hätte, Müßt' ich ja ruhen, Wär' ja der Kampf beendet. Aber der Kampf ist's ja gerade, Der Kampf um die Wahrheit, Der das Leben erst lebenswert macht, Seien der Feinde auch noch so viel! Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich, Noch nach weichlichen Polstern Nach reichlichem Mahle. Aber vielfach ist mein Begehr, Was mir das Leben lebenswert macht: Wohl liebe ich es, Auf feurigem Roß Durch die Berge zu reiten, Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen, Auch zu berauschen mich An den Rosen im Garten Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, — Unter mir schläft in sanftem Nebel Das liebliche Waldtal, Übergossen vom silbernen Zauberschein Des Mondes, — Vor allem als Mann mich zu fühlen, Als Freier, Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen Im Kreise meiner Söhne, Meiner starken, gewandten, Blondlockigen, mit strahlenden Augen, In meinem Garten Mit ihnen Mit Speer oder Pfeilen Um die Wette zu schießen, Wie die Ahnen vor tausend Jahren, Oder kunstvoll mit ihnen Schnellsegelnde Schiffe zu bauen! Zartes, Innigeres, das ich nicht singe, Kenne ich, was mich berauscht Und mich zwingt, Im Gefühle der Mannesvollkraft Meine Arme zu recken, Gleichsam als ob Erinnerung An Schöpfers Urkraft mich durchglühte. Und doch schafft dieses alles Nimmer des Lebens treibende Kraft. Aber mannesfroh macht es, Den Mächtigen trotzen, Wenn sie Unrecht tun Und den Schwachen bedrängen, Der sich nicht selber zu helfen weiß. Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen Recht zu Recht bringen, Der Witwen Tränen trocknen, Dem Armen das Seine verschaffen, Schwachen Frauen und weinenden Kindern Gegen den harten Bedränger Hilfe und Hort sein. Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit, Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen, Daß er aufs neue An die Sonne, an das Leben, An die Liebe, die göttliche, glauben lernt. Den Weisesten im Lande, Vom Staate gestempelt, Zeigen, daß auch sie irren, Daß ihre Wege in Irrsal führen Und Not, Neue Wege ihnen weisend Zu größerem Ziel. — Das ist Mannesarbeit, Frohe, beglückende, Selig berauschende! — Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr, Noch nach Ruhm und Denkmälern! Aber die Wellen meines Geistes Sollen ringförmig ausstrahlen Im Leben meines Volkes, Als ob du einen Stein wirfst In einen tiefen und klaren Bergsee — Und ringförmig brechen sich die Wellen Weithin, Bis ans Ufer, Und wenn der Stein längst versunken, Immer noch kräuselt der See: — Du weißt's, Wovon. So weiß der, Der aller Seelen Seele ist, In dem wir alle eins sind, Von wessen Stein die Wellenringe stammen, Die der Menschheit Geistessee Bewegten. Denkmäler? Ruhm? Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler! Wenn ich sterbe, Sollen Arme seufzen Und Witwen weinen. Und die Fenster der Häuser — Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen — Dorten am Waldesrand Und am Bergesabhang Und drunten im stillen Tal, Die ich den Armen gebaut, Sie sollen in der Abendsonne funkeln: Er hat uns gebaut! —

Wahrheit und Freiheit. Dank, Vater, daß du mich werden ließest Als Sohn meiner Heimat! Ein Kind des Sturms und des freien Landes, Wo Freiheit rufend atmet die Luft, Wo Freiheit donnernd brandet das Meer, Wo Freiheit rauschend duftet der Wald, Wo Meer und Land und Luft mich lehrte, Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen! Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit, Knechte genügen sich nachzubeten, Fürchtend den Kampf und seine Früchte, Wunden und Wehe und winkenden Tod! Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme Trotz zu bieten in langer Wanderung Oder durch brandender Wogen Gedränge Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren, Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück, Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch! Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert In Wellenkreisen, die weiter reichen Als winkender Tod! Dank, Vater, daß du mich werden ließest Als Sohn meiner Heimat Ein Kind des Sturms und des freien Landes, Wo Sturm und Meer und weite Heide Seit Ewigkeiten zum Leben rufen Wahrheit und Freiheit!

Meinem Volke! Ein Lied will ich euch singen, Das ihr nimmer hörtet. Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht, Wenn ich es singe; Aber Teergeruch von Schiffstauen Nehmt ihr wohl wahr, Und Meerluft läßt euch freier atmen, Salzige, herbe, die Brust euch dehnende. Gebt acht! Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung, Wohl aber Wogengebraus Und Sturmgeheul, Knattern der Segel im Wind Und das Rasseln der Ketten, Wenn der Anker zu Grund fährt. Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar Paßt zur Begleitung. Mein Lied, das ich euch singe, So neu es ist, Uralt ist es doch schon. Vergessen nur haben es viele von euch In Wohlleben und Rausch! Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter, Mächtig, siegesmutig. Sie vererbten es euch! Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen Euch träge und stumpf! Wenn aber einst eure Enkelkinder — Was Gott mög' geben — Von neuem erwachen, Dann werden sie wieder, Wie unsere Väter vor tausend Jahren, Jubelnd das Lied singen, Wie groß die Welt, Wie herrlich und weit, Und die Freiheit Berauschend und manneswert! Singen werden sie das uralte Lied, Das ewig neue, Zur Fahrt übers Meer. Und zum Schärfen der Pflugschar. Hört zu! Vor tausend Jahren lebten im Norden Unsere Väter. Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt, Schneebeladen. Wie der Bergstrom im Frühling, So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar. Zu enge wurden die Weideplätze Der rötlichen Rinder. Da wanderten sie in hellen Scharen, Die einen gen Westen Auf rauschendem Kiel Weit über des Weltmeers wogende Flut. Die andern aber zogen gen Süden Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. — Dort hausten sie lange. Da trafen sie schlaue römische Händler; Die brachten ihnen, Aus Eisen geschmiedet, Schwerter und Speere Und tauschten dafür Des Urs und des Bären zottige Felle. Und die Händler erzählten von einem Lande, Das südwärts läge, In dem die Sonne im Winter selbst Wonnig schiene, Goldene Äpfel in dunklem Laube, Schwellende Trauben voll süßer Beeren Lockend reiften. Da horchten die Väter Und tauschten Blicke, Pläne schmiedend. Doch fern sei das Land, So mahnten die Händler, Und beschwerlich der Weg Über der Alpen schneeige Höh'n. Da lachten die Helden Und jubelten laut Und riefen einander: Wohlauf denn zum Süd! Doch wiederum mahnten die Händler bang, Kriegerisch sei der Römer Volk, Schwertkundig und waffengewohnt Untertan ihnen der Erde Rund! Lachen lohnte der Warnung Wort! Nicht länger hielt es die Väter mehr: Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel. So zogen sie aus, In hellen Scharen, Wohl über der Alpen eisigen First. Jauchzend und lachend Auf ihren Schilden Fuhren die Helden fröhlich zu Tal. Doch in dem Kampf Um das sonnige Land Sanken der Helden beste dahin. Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's! Was der Besiegten Schwerte entkam, Das entnervte des Südens feuriger Wein. — Zerstoben, verweht das wandernde Volk. Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten, An Englands Gestaden Wohnsitz fanden. Sie bauten Schiffe Und kreuzten weiter Und weithin wurde ihrer die Welt. Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit, Und das Meer so blau, Wie Kornblumen im Felde, Und so frei. — Nun hört, was ich sag'! Wacht auf aus dem Schlaf Und schauet umher: Zu eng wird's im Land, In dem ihr haust Seit Vätergedenken! Drum Schiffe gebaut Und hinaus in die Welt! Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres, Unendlich große. Weithin aufs Meer Trug der Landwind den Duft Von all den Blüten, Die den Urwald schmücken. — Wo Wald wächst, wächst auch Korn. Groß sind die Wälder Und harren der Axt. Schmiedet Äxte! Weideplätze weiß ich, Weite, unendliche, — Felder für Weizen und herrliche Früchte. Schmiedet Pflüge! Weite Länder, Die der Menschen harren. Liebt euch! Und Hände werden euch wachsen, Das Land zu meistern. Drum hinaus in die Welt! Und Schiffe gebaut, Schnellfahrende! Schmiedet Anker und Kiel! In eherne Kessel zwingt mir den Dampf! So durchschneidet die Flut! Und wo immer den Anker Ihr rasselnd senkt, Da sei die Welt, Die weite, sonnige, Die himmlisch freie, Euer, Ihr freien Söhne des Nord! Wacht auf!