Die Geschichte eines Suchenden. (continued 6)
Reading edition
Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien, um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen Hygiene erschien.
Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen. Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim Ausnehmen der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!
An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten. Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.
Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!
Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame Heimreise.
Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur Stelle.
So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, — von der Welt, — nein, nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. — — —
Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme, die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt ausersehen. Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird immer berauschender.
Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht, das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt zu schaffen.
Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen. Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte, die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken ergaben.
Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all dieses Unheil, — einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur ist vollkommen, wohin wir kommen, — wir, wir selbst sind die Träger alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen Zeit, unserer Zeit! — —
Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen. Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, — mir war es, als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr wurde ich wieder ruhig und stark, — ruhiger, stärker, ja, ich glaube, besser, größer, als ich je gewesen.
Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere, die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte, neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne, die mich durchglühte.
Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten, waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite, voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist Leben, — es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.
So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar schöner Traum.
Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug gesehen. Er in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, — für neue Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut, pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! — —
Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner, besser, kraftvoller, als bisher!
In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag. Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie sich ihren Gimpel gefangen hatten.
Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.
An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab, die unsere Tische umgaukelten.
Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein. Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche zuwinken, er möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung. Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er majestätisch den Strom hinab.
Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger. Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her, hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd. Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem Witze noch hänselnd, da, — ein Aufschrei, — wie ein rasendes Tier hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, — ein kurzes Ringen, — ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.
Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.
Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der vollen Grausigkeit erinnern ließ.
In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es gut, — das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles geschehen in der kurzen Zeit! Der König von Portugal ermordet, sein Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, — die Revolutionäre hatten gründlich gearbeitet.
Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und Liebe selbst war! Das tut weh, — so weh, als ob im März die Sonne sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen überfloß.
Doch da, — was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle uns Wärme gibt, — ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten Sozialdemokraten, — mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse, wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde, zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. —
Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer, auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.
Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht. Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb dieses Mal, betäubendes Krachen, — Sekunden nun schwarze Nacht, nun in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um Blitz, Donner um Donner, — ein wunderbar majestätisches Schauspiel. — —
Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.
Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand, emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen, die allein Licht, Leben schafft, — die Liebe?
Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer Cholera, — weißt du es noch, du stolzes Hamburg? — Hunderttausende an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich, elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt, hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? — In Nacht liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des Wolkenbruches.
Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.
Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein Blitz, — der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen, — lichter wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel. Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles Erhaltende, sei uns gegrüßt!
Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue, treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei, wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit die Menschheit vorwärts bringen!
Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel, wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große! Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht, gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse, er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod, wann du willst, — ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! — mir ist es einerlei, — ich hab' gelebt! — Ihr Wellenringe, werdet frei! — — —
Ja, stampf' nur, Maschine, — dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur Heimat!
Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden. Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah, umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem Rindvieh, zahlreichen Pferden und Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.
Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen, der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen, stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.
Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, — ich sah den Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.
Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, — ein Tücherschwenken, ein Händewinken, — und stampfend sang die Maschine ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:
Es blüht eine blaue Blume In fernem Märchenland An schroffem Berggehänge An stillem Meeresstrand. Und wer die Blume findet, Kehrt nimmermehr zurück, — Vergessen ist die Heimat Und alles vergangene Glück! Der Blume Duft bezaubert Den Wanderer Tag und Nacht. Die Welt liegt ihm versunken, In blauer Märchenpracht. Ich hab' am Meeresstrande Die Wunderblume gesehn, Leb' wohl, du Welt, du Heimat, Es ist um mich geschehn!
Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben: andere Liebe! anderer Kampf!
Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen, flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk über den Wipfeln der Bäume, — düster starrt von beiden Seiten der Wald auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, — eine frische Brise weht von Osten uns entgegen, — Seeluft, — nur noch achtzig Seemeilen von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung. Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel empor, — über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:
Nosso céo ten mais estrellas, Nossos varzeas ten mais flores, Nossas bosques ten mais vida, Nossa vida ten mais amores — — —
In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: — mit reicher Rückfracht kehrten wir heim.
Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten erklärt, er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre Freude an mir erleben.«
Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die »Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.
Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem Beutel in die Heimat zurück.
In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, — und dann in ihrem Schatten sterben.
Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren, um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh. Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir, daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr Herzensschifflein gefunden hatte.
Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war, weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.
Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. — Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, — leb' wohl, leb' wohl! Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!
Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart arbeitete die Maschine.
Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt: ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen, daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.
Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es, als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen, daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen — unheiligen Rußland erwarten! —
Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im Bauverein, Drazdak. Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder. Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch, mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund umwandeln!
Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die Maschine ihr »Vorwärts«.
Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. — —
Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, — ich gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit bildete, — den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott, gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe, damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum ins Feuer gießen!
Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg. Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil und für die Liebe zu unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen, überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich, die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.
Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte, dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet, rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, — Wellenringe aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, — so ist's. Die Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die, die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie. Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt, — zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, — ins Parterre, wenn sie einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, — will euch ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu geben, — als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, — und das vergeht gar schnell. — —
Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.
Merkwürdig, — beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die »Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht würde ihnen das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all' dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.
Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!
Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich — das hätte vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.
Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der Kultusminister die Melodie wohl kennt?
Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt. Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben, und vorwärts drängt unser Kiel. —
Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen? Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! —
Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt. Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf; — Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier, in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben zwingt, auf und nieder zu fahren.
Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und Feilenstriche ihr die Form gaben, — waren sie nicht geworden, was sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe, getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik, — unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.
Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen, unendlich, unermüdlich.«
Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe zu seinem Vaterlande und seinem Volke.
Und das Achsenlager, in dem er ruhte, — dieser Eiserne, der uns vorwärts brachte! — ohne Reibung ruhte, — es lag in seinem deutschen Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.
Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene Standbild des eisernen Kanzlers. —
Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte, schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn sie von ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts, den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen. Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten, so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln, bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande vermocht!
Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von ihrer sunshine society, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe, Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens, wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde Menschen, die ihr Vaterland liebten.
Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.
Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt, zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes, Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit, der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des Weltfriedens.
Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel, um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten, unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.
Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte, wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.
Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen Arbeiter alljährlich in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald anders werden.
Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden! Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in Gärten der Hesperiden zu verwandeln.
Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.
Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.
Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.
»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen. »Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines Krankheitszustandes,« — und hier hob sie die Stimme, — »an dem wir aber selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort: ›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die es verdient, wie die Tropen die Moskitos.
Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich. Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder. Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen. Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.
Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch klug.
Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel, in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt, jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen. Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem sie sich von der Tafel erhob, — »die Hygiene bietet uns Handhaben genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« — Ich konnte ihre Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie mein guter Freund, der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.
Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen über die Wogen dahin.
Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer. Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean, das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen reichen.«
Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt, mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän atmete auf und schüttelte mir die Hand.
Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.
Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser Geist Gott sein. — Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, — so mußte Gott die Liebe sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube an Gott, an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube, der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint, lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der Sonne.
Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat: der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.
Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang; Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich, ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle. Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, — fast wie die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich, wie er leise sang.
Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender, »ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für die Auskunft ab.
»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und nicht zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei. Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen, praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten, oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant, der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann, der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet — sie alle schaffen Werte, die —« »Und die Könige, die Gesetzgeber?« »Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden Fall ist ihre Verantwortung am größten.
Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften, die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen, — sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln, als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und Bordellinhabern.«
Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren, glücklicheren Zeit.
Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich bin Jude, — aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat, und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes, etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes, über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.
Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen. Ja, es wird unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«
Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean, ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen Menschheit seien.
Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat, die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit geschehen. Nun, — meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht hatte.
Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, — unser Schiff geht vorwärts, — ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du, eiserner Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit die Kraft der Wahrheit und der Liebe.
Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.
Aber das ist köstlich, — das alte Gesetz hatte schon rund 900 Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, — das haben gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793 Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut zu lachen anfing.
Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde gehen.«
Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.« Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert, mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, — aber wer sorgt für alle diese anderen?
Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben, in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat, wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden. Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.
In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem Bug in die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte, und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.
Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, — es war kein Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual meiner Seele.
Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen, wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun, in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.
Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut genug schien. Und doch, — da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich gelehrt auf der Reise, — der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.
Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, — einmal wollte ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins Gebirge hinein.
War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß Dornröschens.
Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis, tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.
Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres, bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen Sinnen, — doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein, daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu müssen um jeden Preis. Ja, — das wollte ich, sobald ich daheim war.
Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. — — —
Da horch, — vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer Nebelpfeife, — das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche sei.
Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht. Das Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge, ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.
Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:
Ich reite über die Felder Im hellen Sonnenschein, Bin frohgemut im Herzen Und bin doch so allein! Der Wind streicht über die Heide; Ich merk's an seinem Duft! Mir ist's, wenn ich ihn trinke, Als ob mich die Liebste ruft! So reit' ich über die Berge Und durch manch tiefes Tal, Ihr Bild in meinem Herzen, Bis sinkt der Sonne Strahl. Bald sinkt die Nacht hernieder, Die bringt mir der Freuden viel. Ich reite unverdrossen, Bis ich an meinem Ziel.
Mein Ziel? — Was war mein Ziel? — Mein Heim stand fest begründet. Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder, meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. — Größer noch war mein Ziel, — so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem Elend. Und dabei hatte ich mich müde und krank gearbeitet, und bitter gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, — zum Verzweifeln gering.
Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden, allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist, alles erreichen können!
So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen, die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.
Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.
Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für uns alle.
Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt, die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.
So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und dann aufs Schiff.
Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt, daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen. Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg, gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.
Da — ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel einstürzen wollte, — plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.
Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt. Weit und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.
Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.
In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.
Wie schnell doch die Menschen heranreifen!
Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht! Recht so — das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den germanischen Schutzwall.
Und mein Ältester, — das freut mich, — von unten auf! Willst du Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren. Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, — und hilf ihm später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten auf durchzumachen hätten!
Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen. Ja, — wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele, und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung, damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe heute noch nicht ahnen kannst.
Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, — sah im Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum ein Kreis sonniger, gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt. Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns haben konnten.
Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!
Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.
Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen Frauen, — da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, — ein Fest im Geiste einer neuen, schönen Renaissance.
Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer Seite, die ich vorhin übersehen:
»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar, als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest, das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe solcher unglücklichen Familien wieder aufwachen zu sehen zu neuem Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten, da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft! Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« — — —
Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe. — —
Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.
Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.
Herrgott — was ist das? — Der Kaiser hat einem englischen Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, — er wolle Frieden mit England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen Afrikaner dann besiegt wurden, — — — — — — — — — — — nein, nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan, Kaiser, — so klein, so — — so kannst du nicht sein.
Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, — und du als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es, drüben über dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk führerlos ohne dich.
Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst. Oh, das ist schön, ist groß von dir, — nun kann ich dich wieder lieben wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich — sie alle lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen! Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden, damit sie ihr Geschäft machen; — sie können uns dir nicht abspenstig machen, — denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser Kaiser, und sollst es bleiben!
Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und da, — in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht sitzt, — beim glänzenden Festmahle — fern von deiner Hauptstadt — dein Flügeladjutant tot, — dein bester Freund, — tot von der Tafel gesunken — die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal umklammert hielt, — der schöne, kraftvolle Mann! — Armer Kaiser, — deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! — —
Sei froh, Kaiser, — es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich umsponnen hatten und dich blind gemacht! — — — —
Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, — als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. — —
Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? — —
Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft, blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,« flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, — die Nordsee, unsere Elbe —« »Halt ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, — und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart nicht vergessen.«
Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« — »Warum?« — »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft. »Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch, auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen? Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«
Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.
»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen, so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können, Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger, als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch wohl dieses große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. — —
Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein paar Rippen gebrochen.
Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben: Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue, benzinduftende Staubwolken zu hüllen.
Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.
»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück passiert!«
Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige, jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger Senators, der, von Ostafrika kommend, den Seeweg durchs Mittelmeer genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in seine nordische Heimat zurückkehrte.
Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an der Malaria und am gelben Fieber.«
»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn, und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren Früchten.«
Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte: »Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen Regierungsarzt Dr. Külz in Kamerun, über diese wichtigen Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort, der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale des Reichstages gehalten:
›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis der Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden. (Erneute Heiterkeit.)‹«
Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus, der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. — Kaiser, mein Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge mitteilt! — — Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder. Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?
Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen »unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, — deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit — Freiheit von »unserer Kultur!« — aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht, durch uns dort herrscht, unterrichten will, — da lachst du mit der Menge, wie ein unwissender Knabe, — Kaiser, mein armer Kaiser, — wieviel mußt du noch lernen! — — — — — —
Kaiser, mein Kaiser, — du kannst nicht gelacht haben! — —
Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil, das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend unterrichtet worden! — Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für Manschettenknöpfe zu erfinden, — und hat die Anmeldung zurückziehen müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher gemacht hatte. — — — — — —
Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch einmal von dem Dr. Külz an und berichtete, wie dieser auf dem Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend, dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein lebensfroher Mensch!
Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser Dr. Külz war ja vor Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht rasten.
So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und trug tausendfältige Frucht.
Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen des Geistes, die nimmer aufhören!
Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine innere Erregung zu meistern.
Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg, über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.
Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis dessen, der die Seele der Welt ist, — einerlei ob die Menschen ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! — Ich aber gedachte der Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß dieser Geist eins ist mit der Liebe! —
Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle »Brüder eines Vaters« sind. — — —
Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit, da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte, von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und immer klang mir aus dem Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.
Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen leuchtend überstrahlen, — den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet euch untereinander!« — und aus diesem Worte heraus, nur immer maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!
Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, — wenn es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?
Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?
Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als mancher Fürst!
Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, — und als sie nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für ihre Gemeinde!
Wir haben kein Recht zu verdammen, — aber wir haben eine große, hohe, heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in jedem Menschenkinde schlummert, — denn dieses Fünkchen kann zur Flamme werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. — — —
Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?
Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor allem!
Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!
Und weiter, — dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer, die unsere Gesetze machen helfen!
Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach Norwegen und Schweden, — da sitzen im schwedischen Reichstage hundert Enthaltsame! — Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht! —
Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und im Herrenhause, — sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch immer nicht trennen! — — Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht hinüberseht, — gebt acht, —: dort unten aus dem handarbeitenden Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht der Sklavenhalter!
Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei Milliarden soll es euch alljährlich fronen — — aber es wird sich frei machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein ihm das Mark aussaugt!
Freilich — von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares Kapital ausmacht, — einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen Schatz!
Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein, euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!
Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! — — —
Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid empfand, desto mehr litt ich mit ihr, — mit ihnen allen. Denn sie, die die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.
Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!
Ja, schäume nur, Ozean, — spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir, — siehst du, — unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all deinem Wüten, — — so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich entgegenbranden! — — —
Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr, die mich erdrücken wollte, — sondern lauter einzelne, praktische, greifbare Fragen, — wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag, sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne durchzukämpfen, — vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere Menschen zu ziehen, — und selbst zu werden: das ist und bleibt die Hauptaufgabe für unsere Kultur!
Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!
Und dann wird es kommen, — diese neuen Menschen werden dann Hand anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens, — und dann, — und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! —
Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein. Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, — immer näher, — aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte sie nicht mehr auf mich aus, — das war ein fremdes Ideal, — mein Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur Tat in sich verkörperte. — — —
Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.
Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches Metier!
Nein, — dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben, die euch die Wahrheit sagen? — Armer König, — vielleicht lebtest du heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!
Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft, mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, — als Spott für die Straßenjugend von Lissabon. — »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn getauft. — Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. — Ein Exempel mußte statuiert werden, — im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit nachdenken. — Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. — Den Kopf voller Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.
Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. — Woher sie das Geld nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, — aus dem Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? — Auf dem Totenbette schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.
So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner Asche! — — —
Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen. Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe der Gegner, — hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. — —
Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten. Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste angenommen.
Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine Samaritertat dir lohnen, — aber für einen König nur ein Stäubchen. Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf dich! Ans Werk! Ans Werk! — —
Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder — nein, das kann nicht sein. — Ich lese, — an allen Straßenecken sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« — Wahnsinnige Toren! — — Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben, wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes, leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die Sonne selbst, solange es Menschen gibt. —
Es dunkelt. — — — — Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff. Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft. Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse durch, die uns von der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend, durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die finstere Nacht. — Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, — die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft, — hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut. Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem — war es ein Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.
Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend die Hand.
Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu Hause alles wohl. Aber in der Welt? — Seltsam. Nie habe ich die Hand eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, — ich weiß es nicht. Aber wunderlich ist es.
Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt — in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach Süden strecken, — also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert. Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr, da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft hatten.