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Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden

Die Geschichte eines Suchenden. (continued 4)

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Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen. Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr Lieblingslied sang.

Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.

Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit, von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen. Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten, der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage. Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. — Wissen Sie, was der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten? — Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen gegen den Willen der Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten geantwortet hätte? — Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, — sehr guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, — meinetwegen könnte es zehn Bismärcke geben; — äh, muß selbst über meinen Schnack lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der Seeluft, macht so witzig, — haben aber vollständig recht. Großartig, was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben. Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen, — genialer Streich, — wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun. Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr. Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt. Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen, Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen, Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. — alles bringt Geld in unsere Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen Festen, — wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.

Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie sank.

In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.

Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.

Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.

Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben. Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln schnell und sicher die Wogen durchschneiden.

Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar, saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend, jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah, jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die Namen auf. Dann zählt er noch einmal nach, geht zum Zollsoldaten und meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen die Leute. Es stimmt. — Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn — in die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.

Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden sich die Paare jubelnd zusammen.

Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe, tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.

War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt werden, selbst und die Seinen, — nicht mehr. Aber was darauf wuchs, ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur nicht die ewige, entsetzliche Angst, — um Gotteswillen, wovon soll es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde der Menschheit verloren gegangen, — als ob kein Platz mehr für die Menschen auf der Erde sei! — —

Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama, — die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da, leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!

Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:

Ich möchte die Sonne sein, Die alle Seelen auf Erden wärmt, Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, — Die Sonne möchte ich sein! Ich möchte die Sonne sein. — Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond! Doch, die Wärme spendend am Himmel thront, Die Sonne möchte ich sein! Ich möchte die Sonne sein, Die die Welt erfüllet mit Liebesglut, Zum Leben erweckend, was licht und gut, — Die Sonne möchte ich sein!

In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben, von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten? Hatte hier die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber hier? — Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend, sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande, das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten, herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden. Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur in anderer Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen, Schulen, — aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund. So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, — und die Masse muß ihnen fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu Fürsten des Geldes, — und die Menge darbt.

Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen Luxus fördern.

Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker, die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.

Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.

Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist erloschen. Die Liebe ist tot.« —

Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor, unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele. Und doch, — war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?

Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche, Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und Feind.

Nein, und tausendmal nein, — die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den Leuchtturm hier gesetzt, — Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.

Schweigend reichte er mir die Hand. — Nach einer Weile sagte er kurz: »Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus, diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« — —

Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel, deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit kleinen Städten. — Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.

»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.« — »Und was ist das Wichtigste?« — »Das Beste und Köstlichste! Sein Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche Gebrauch des Besitzes.« — »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?« — »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des Nebenmenschen zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir unser Ziel erreicht haben!«

Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten, mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und wird dabei immer reicher, — und wie wenig Liebe verschenken die Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen! —

Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick. Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender, goldener Kuppel.

So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend und doch fast unerreichbar.

Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor das liebliche Bild — wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor das Ideal drängen —; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie Märchenzauber. Doch nun, was ist das, — von neuem taucht es empor, näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster. Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau, wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge, das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen, machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.

Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.

Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.

Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu erschließen. — —

Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.

»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? — »Der König muß abdanken.« — »Warum?« — »Weil er sein Land ruiniert, wie seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe zu seinem Volke und seinem Lande.« — »Und wenn er nicht abdankt?« — »Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger, daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst, der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«

»Das sind ja nette Grundsätze, — Sie sind ja der reine Anarchist,« ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch, die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen. Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«

Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose, ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile langsam wieder hochzugehen.

Vor uns lag die Stadt.

Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von denen die Königspaläste herabschauten.

Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen. Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer aufs neue fesselndes Bild.

Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat, in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit. Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht. Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot, das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.

Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und abführten.

Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.

Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. —

Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne, wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase, loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«, »feiner alter Portwein«. — Feiner alter Esel, — Hamburger Sprit trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, — wir selbst haben ihn mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du, der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!

Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit bedarf! —

Vor uns lag die Stadt, — darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen! Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.

Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der Straßen vornehm, behaglich.

In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.

Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit; Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und droben, — Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte, lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde wiederfindet.

Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter dem Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt, um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken, Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen Willens.

Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; — die Liebe fehlt doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im Viergespann durchs Land kutschiert.

Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt, Handel und Ansehen gesunken.

Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!

Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt, es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß, dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von Wellenberg und Wellental, so anziehend macht? Der gleiche Reiz des Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, — ist's nicht dieser ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?

Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum, mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so machtvoll und eindringlich wirken.

Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie, wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht, immer höher und höher hinauf zur Vollendung.

Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst Liebe sein, — denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.

Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, — hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! — Das sagte der Stein in tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. —

Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.

Seltsam, — wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts, himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.

Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. — Ich sitze am Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber immer wieder aufwärts führt zur Höhe.

Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens. Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen, sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des Kreises und des Dreiecks.

Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen: werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das du dir gesetzt, — du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht, groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben! Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, — nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt! Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!

Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, — wollen Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, — und kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das ist's, — der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.

Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, — fort mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung, — baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt Liebe in eure Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum, Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! —

»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.

Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren, wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner Mitreisenden für sich nutzbar machen.

Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt, — bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.

Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die dem Ganzen ein heiter leuchtendes Aussehen geben; das sind die Freuden des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten, die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen, der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt, das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien, wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« —

Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.

Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es, das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte. —

Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen, bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.

»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus, offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen Ritterdienst.

Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin wurde von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller Hoffnung schied sie von den Ihren!

Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.

Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder schliefen auf Deck in der lauen Luft.

Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in unsere Stimmung.«

Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender Stimme im Volksliedton ihr Lied:

Auf hohem Berge ein König thront Mitten im grünen Wald. Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß Mitten im grünen Wald. Des Königs Volk im Tale wohnt Weitab vom grünen Wald. Viel Krankheit gab's und Elend und Tod Weitab vom grünen Wald. Der König täglich zu Tale schritt Wohl durch den grünen Wald. Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit Wohl durch den grünen Wald. Er sorgte sich um des Volkes Troß Weitab vom grünen Wald. Und linderte Elend und Krankheit und Not Weitab vom grünen Wald. Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück Wohl durch den grünen Wald. Da saß am Wege ein Bettelkind Mitten im grünen Wald. Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein Mitten im grünen Wald, Laß mich deine Magd im Walde sein, Mitten im grünen Wald. Die Welt ist gar so laut und hart Weitab vom grünen Wald, Sie versteht nicht meines Herzens Art Weitab vom grünen Wald. Ich will dir dichten manch Märlein fein Mitten im grünen Wald.« Da nahm der König sie bei der Hand Mitten im grünen Wald. Und wiederum schritt der König zu Tal Wohl durch den grünen Wald. Da trat zu ihm eine schlanke Maid Mitten im grünen Wald. »Die Welt verstehet nicht mein Lied Weitab vom grünen Wald. Sie ist so elend, krank und laut Weitab vom grünen Wald.« Ihr Leid des Königs Herz umzieht Mitten im grünen Wald, Daß er auch ihr ein Hüttchen baut Mitten im grünen Wald. Und wiederum ein drittes Mal Mitten im grünen Wald, Der König ging zum Volk im Tal Wohl durch den grünen Wald. Ein Weib im weichen Moose saß Mitten im grünen Wald, Mit Tränen in einem Buche las Mitten im grünen Wald. »Wer bist du,« fragt der König sie, »Mitten im grünen Wald? Was führt dich her vom grauen Tal Hinauf zum grünen Wald?« Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl Wohl durch den grünen Wald. »Die Welt, sie hat verstoßen mich, Weitab vom grünen Wald. Die Weisheit bin ich, sie hassen mich, Weitab vom grünen Wald. Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir In deinen grünen Wald. Und schenkst du mir ein Plätzchen hier Mitten im grünen Wald, Ich helf dir, König, bei deinem Tun Mitten im grünen Wald.« Da baute der König ein Hüttlein ihr Mitten im grünen Wald. Und Zauber schritt mit ihm fortan Wohl durch den grünen Wald. Der Weisheit Rat, des Liedes Klang Mitten im grünen Wald, Der Dichtung Zauber schritt mit ihm Zu Tal vom grünen Wald. Und war er müd' vom Werk im Tal Weitab vom grünen Wald, Wohl neue Kraft mit einemmal Spürt' er im grünen Wald. Das stolze Schloß verfiel zur Stund Mitten im grünen Wald. Der König wirkte froh gesund Zu Tal vom grünen Wald. — — —

Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach, — ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede ausging, hatte mich ganz umsponnen.

Da riefen die anderen laut durcheinander, — der Zauber verflog: ich war nicht mehr im grünen Wald — —

Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.

In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im Ozean, — fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?

Noch eine Wendung nach Osten — und vor uns in blauem Zauberduft lag Madeira.

Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!

Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.

Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt. Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen. Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin: hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, — dann beginnt die Region des Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu umfassen scheinen.

So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen lauter Lärm.

Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen kleinen Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten, Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar glich.

Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren, ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat. Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert von einem Zechgelage von gestern. —

Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche, noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark? Sie mußten wirken, — nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der Kraft!

Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.

Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten, zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau- und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen — ein Garten Eden.

Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren Körper.

Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr, — sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an, — ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, — da beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich ihre Augen in die des Gatten senken. —

Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr, die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! — —

Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen. Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts, immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich ein neues, liebliches Tal, — auf der Insel des seligen Lebens das Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.

Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit, umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem Gras. Ich sprang vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan. Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den Pfad. Steiler führt er bergan.

Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können, eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.

Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.

Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.

Jetzt weiter dem Gipfel zu.

Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß; kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die Wolkenschichten, die Nebelschleier, — zu meinen Füßen der Wald, — noch eine Steigung, — endlich, endlich am Ziel.

Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen das ewig blauende, reine Meer — da fällt mir ein, wie ich vor Jahren hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt, und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, — hinüber in das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich klein, — mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war: die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen, Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel von Osten nach Westen reichten, — Schwingen und Hände, die vom Süden bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.

Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und da ein Größerer, — und dort, alle überragend und beherrschend, wie der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen, stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich. Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.

Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt — was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in Elend und Tränen und Gram.

Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, — ich mußte es ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was mich schier erdrückte, — und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier, von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, — mir war's, als ob der Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land. Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:

»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!

Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht! Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um dein Volk, um die Menschheit!

Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, — dir ebenbürtig als Freier, Starker! So mußt du mich hören!

Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen und Millionen kennen dich nicht, — wie du sie nicht kennst! Wen kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?

Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos! Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen? Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und schaust selbst nach?

Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.

Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!

Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt! Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du ihnen befohlen!

Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden, die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? — Nein? — Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. — —

Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach verkommt! — —

Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren, die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, — sie stinken, wie Kloaken! — —

Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung! Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein Volk nicht.

Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.

Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen, die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!

Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst, so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei Purpurmäntel übereinander anziehst!

Lern dein Volk kennen!

Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!

Deine Demut sei deine Größe!

Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.

Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!

Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus! Härte und Hochmut erzeugen Haß!

Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen, wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens! Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« — —

War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen, der rauschte? — Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen? War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der Heimat brach? — Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die Luft. — Er mußte mich gehört haben, — tausendfach rollte das Echo durch die Luft dahin, — ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab sie weiter, millionenfach sie verstärkend. —

»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue um dich, die in Sorgen um dich sind. — Deine Schmeichler und Höflinge zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! — Ich aber stehe inmitten eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! — Oh, lern es kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt! Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« — —

Wunderlich, — noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so voll von neuen Hoffnungen und Kraft, — ich fühlte es, ich war genesen!

Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu meinem Volk zurückzukehren!

Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!

So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.

Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor. Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, — der Deich mit seiner Jasminlaube, — die Heide mit ihren wilden Rosen, — in Träumen schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu einer Heiligen betete.

Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, — ich mußte sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.

Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!

Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.

Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich nicht zu übermannen.

Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim, — und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.

Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme. Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.

Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm. Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.

Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den Menschen so ganz allein?

Nein, und tausendmal nein, — ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich, ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.

Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:

O Urleid du, von Menschheit Anbeginn, Du Urquell aller Schmerzen! O Scheiden, bittres Meiden du, Du Tod für alle Herzen! Hätt' nimmer ich das Glück verspürt Vom glutenheißen Lieben, — Zwar wär ich tot, doch glücklich wär' Im Tode ich geblieben. Doch da ich selig nun erkannt, Dieses heiße Lieben und Leben, So will ich getrost bis an mein End' In des Urleids Schmerzen erbeben!

Ja, — ich fühlte es mit, — hier verarbeitete ein starker Mensch seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.

Es ist schon so, — wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.

Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in eine Quelle neuen Glücks?

Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah erschrocken blickte er auf.

Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen kein Fremder mehr sei.

Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.

Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun? Hör zu!«

Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes Lied in den Abend hinaus:

Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du, Du grausames Schicksal, härter als Stahl: Das ist mein Wille, vom Leben gestählt, Bereit zu ertragen der Schickungen Qual. Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt, Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz. Ich aber trug mein schweigendes Leid, Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz! Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft! Wie eisengepanzert ward mir die Brust! Nicht einmal sahst du am Boden mich: Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust! Und bürdest du mir das Schwerste auf, Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab', Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein: Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!

Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!

Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden soll zu Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.

Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.

Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen. Und nun? — In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles, was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.

Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne, in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan: neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.

Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« — »Und das Häuschen?« — »Mag's ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«

Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt zu.

Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser zauberhaften Natur.

Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen, als ich mit dem neuen Passagier ankam.

Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde, zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig ergriff er ihre Hand, drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie er murmelte: »Verzeihung, — eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt, — Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah, wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.

Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing, wo sie auch ging und stand.

Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, — die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten, — sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen Ozeans.

Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.

Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres. Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.

Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten, machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der Hoffnung.

Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu können.

Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.

»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.

In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.

In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, — ein Ruck, und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend verduftete der Held aus Ofen-Pest.

Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und wie es im Leben geht — ein an sich keineswegs welterschütterndes Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise zusammenzuschließen.

Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.

So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide, ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas haben, was sie immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.

Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.

Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!

So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische, nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam zugrunde gehen.

Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir sämtlich die Frage bejahten.

Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, — was ist die Seele? Ich sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.

»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt, und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.

Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte und etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.

Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges, Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt ausmacht, und den wir nie ergründen können.

Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, — die sollten keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.

›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört, nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?

Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt! Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; — und all diese Geschöpfe sollen seelenlos sein?

Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen können.

Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, — — wie das von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend, zusammenfließen.

Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.

Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages, vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit Liebe auf den Stein — mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele noch zu sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.

Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt, erkennen!«

Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.

Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen, schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen fröhlich neben dem Schiffe hin.

Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.

Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag, sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.

Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen, auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen Schiffskost.

Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe wir nie ergründen können.

Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es, als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns alte Bekannte.

»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh, — ich habe eine Idee: — wir setzen uns hier zusammen in die Sonne, und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen, aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder auseinander, — nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden so reicher, weiser, klüger — und vielleicht,« fügte sie schelmisch lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig, desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile. Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in meinem Madeirastuhl.

»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.

Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon von ihm wußte.

»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde ich in ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken, jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid. Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, — oh, mein Gott, wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht weich zu werden.

»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin? »Doch,« — fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den letzten Jahren erreicht.«

Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen, die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.

»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.

Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.

Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen hatte er an sie gestellt: Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden Schenktischen.

An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.

Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. —

Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das ihrige zu vergessen.

Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.

Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen Leidenszeit waren.

Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich ist Schwäche, — nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod. Das ist eine billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden, sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen mit Ihm, — das ist herrlich, — das ist die Lösung, auf deren Höhe wir es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel — Hölle, wo ist dein Sieg!

Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und meiner Kranken wurde.

Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist. Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod entrissen.« —

»Und ich bin ihre Schwester!«

Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend, abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.

Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: — »Hier, nimm diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort. Man sah, sie brauchte Einsamkeit.

Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend, träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß, klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin. Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.

»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach sie —, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«

Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise offenbarte.

Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.

Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.

Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines Hauses war.

Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte, gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken, daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten drängen wollte?

Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese Himmelsgabe nie gekannt, — und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und von sich gestoßen hat.

Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!

Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde, wenn die Sonne nur auf einen Augenblick — nicht die Sonne wäre! —

Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. —

Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander sehnenden Menschenherzen.

Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar feiern müssen.

»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre noch Platz genug.«

»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer, die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter, die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber wir hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen auch nicht wieder los.

Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, — nicht wahr, Schatz?« und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, — »aber wenn sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts mehr in der Welt.

Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser gewesen.

Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel aus unserem Menschenleben lernen. — Wie einst bei uns in Hannover, so geht's wohl überall in der Welt, — in Elsaß und Lothringen nicht anders als in unseren Kolonien, — schließlich ist die Liebe doch eine stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«

»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll Liebe und Gerechtigkeit.« —

Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden werden, — aber seltsam, — gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft, wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, — an denen wir merken, daß der Frühling kommt. — Ist es das, was den Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«

Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des Geistes, der nach Liebe hungert.

Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, — oh, er war gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.

Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten, die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der Liebe! —

Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!

Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! — — —

»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen, das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe, und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide ahnen läßt.«

Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.

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