Die Geschichte eines Suchenden. (continued 2)
Reading edition
Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung, der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren Entladungen, — ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit der Kraft niedergehaltenen Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen Gesetzen wirken?
Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte: diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts, der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.
So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun? Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!
Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte er für eine Frau, — fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt sie da, — mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, — vier Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost mit in den Sarg legen, — Nabelvereiterung. Natürlich, — mit rostiger Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.
Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.
Halt, — Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.
Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein wenig Ausschau halten können; — aber nur einzelnen Auserwählten gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit blicken können.
Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein Letztes. Der reichste Bauer in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben. Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, — natürlich von den Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande! Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, — und schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter den Hammer.
Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß, sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat, nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum Krugwirt hinüber.
Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen Hutrand.
Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof. Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen Zettel, das habe er gelesen —, freilich hätte ich schon vorher auf ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche auf den Zettel schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht, warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.
Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod. Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners, dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei, hätten sie ihn gesucht. — Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am Dachsparren erhängt aufgefunden.
Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod. Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden? Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist, es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an sich haben können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen noch wägen können!
Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!
Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht, den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, — er würde ohne Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. — Auf den Knien hat er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient. Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre er es, — und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« — Da hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan, bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig — Liebe.
Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen, das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr. Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit dem Christus dahinging, um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe, und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist die Liebe!
Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe, daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«
Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei. Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der Liebe zu spüren.
Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem Geiste!
Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt. »Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?« »Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«
Halt, — nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will, sehe ich leibhaftig vor mir! — Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier, Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter Tischlermeister neben mir steht, — mir ist, als stände ich auf hohem Berge.
Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, — nein, ganze Völker! Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht, betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms, lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie verschlingt.
Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert, flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.
»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«, weckt mich mein Tischler aus meinen Sinnen. — »Ich komme sofort mit.«
Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben. Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das Gesicht.
»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort zur Apotheke gehen.« — »Er wird nicht gehen.« — »Sagen Sie es ihm in dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«
Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger, und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende, rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.
Der Frau geht's heute besser.
Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was ausgefressen hat.
Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« — Da blickte er mich an, als ob er etwas fragen wollte.
Ich sah ihn zum ersten Male.
Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?« Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« — »Wie die in Hamburg? Nein, niemals! — Zum Gespött der Leute werden? — Ja, wenn ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, — dann ja.« — »Ich gehe mit, morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«
Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre, hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.
Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, — ja das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« — Da überläuft es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso nichts mehr, — hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon abgeschworen, — nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges, hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der wird gut. Die Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht nur am Leben bleibt, sondern, — vielleicht, — noch ein tüchtiger Mensch wird. Ich aber weiß es, — denn der Augenblick war zu heilig, — der kann nicht trügen.
Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren, Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.
Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe heißt, und was sie wirken kann.
Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun, was ich könnte, — ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten. Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür sorgen, daß er die Konzession erhielte.
Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die Konzession ist ihm sicher.
Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt; insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des Stein lobend hervorgehoben. — Womit hat derselbe denn diese betätigt? Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine Schlingen ziehen.
Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul, um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht hatte, war ich der beste Doktor!
Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen? Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt? Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, — er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten! Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, — nein, besser schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben der Bürger in den Städten kennen, — und dann wagt noch zu behaupten, daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten sagen, wenn wir so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.
Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, — nein, ich brauche euch nicht anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an, daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes — 3000 Millionen Mark! — nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum Brennereibesitzer. — Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? — Tod und Hölle, ist unserer Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?
Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. — — »Will sehen, was ich tun kann.«
Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.
Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den »vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, — als ich es las, tauchten zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu machen, — ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, — ja, lieber wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot auf dem Lande.
Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.
Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof! Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.
Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit — der Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß; Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, — Sozialisten seien sie alle, Landes- und Hochverräter, — ausgerottet werden müßten sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! — Solche Leute rühmten sich öffentlich seiner Gunst.
Freilich waren es Sozialisten, — aber er wollte sie ja gewinnen, gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und glücklich zu machen!
Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus mooriger Tiefe, empordrangen; — kaum daß er ihr leises Murmeln je hörte —; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch, hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; — anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance — in der Allianz der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich vertreten! — Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall Glanz und Licht verbreiten helfen! — So begann die Zeit der Reisen und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, — und du, und du, mein Kaiser, warst mit schuld daran!
Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet. Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben wieder.
Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen gewonnen.
Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden gehörte, und frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.
Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.
Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht denken, daß er trinkt.
Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und nun, — vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, — niemals habe er sie früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen, und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer hätte anschreiben lassen.
Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe, — da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.
Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, — die ganze Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, — die über ihren Brotkorb und ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie, ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.
Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? — Laßt sie doch endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei, die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei, die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die Handwerkerpartei — dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und das Ganze könnte gesunden.
Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen, — »alter Herrenabend« — die Lampe hat geschwelt — ist erstickt. Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um ihn — es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.
Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, — und kaum 20 Mark ist er wert.
Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch, wie mit dem Alkoholrausch — er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr eigenes Joch noch merken.
Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug tragen werden.
Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum Donnerwetter, — ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen Deutsche gesund und glücklich zu halten! —
Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren Boden nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan, sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren Besitzern schulden.
Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus, oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es ist ein Skandal, — vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied zwischen Geldwucher und Bodenwucher?
Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!
Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch, trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von Juden abstammt, — fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt haben. — Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau. Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber nur so, wie sie's macht, ist's möglich.
Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge, die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer, weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein Betriebskapital in Händen behalten, — da nützt denn freilich kein Fleiß und keine Umsicht! — Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien, und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er versteht, — wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern, bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn. Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören, wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!
Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr doch in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!
Dann kam eine schwere Zeit. — Da lagen die Blätter, die davon berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, — ich mußte ja leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes willen!
Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, — ich bleibe am Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den Körper. — Ich genas.
Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, — die Wahrheit und die Liebe siegten.
Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!
Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend, Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren, Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt, Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt hatten.
Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes getan, viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall wurde er entlarvt.
Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt. Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.
Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein. Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, — sah das ungläubige Aufhorchen, das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten die Gedanken.
Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen werden.
Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die Schullasten tragen sollte! — Als ob in den Mietskasernen der Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. — Als ob die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach Eau de Cologne röchen! — Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr riskant, — er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen. Das Genossenschaftsgesetz — na, und dann ... Der Sechste war der Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, — nee, Deibel. —
Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, — dann würde ich das Werk allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann wollten sie auch nicht zurückbleiben.
Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.
Die Baugenossenschaft wurde gegründet.
Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, — der Landpreis blieb als Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, — Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!
Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, — Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines. Das war ja der reine Landesverrat, — diesen Feinden von Thron und Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern! Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im Kampf, so müde er auch machte.
Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, — das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.
Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, — was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.« »Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern, die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen, Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können, braucht's Zeit und — Liebe.«
Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, — Sie haben den Kredit, den Sie brauchen.«
Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, — natürlich unter verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen Zahl der zuhörenden Kollegen, — was erwidert mir in der Diskussion der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen: »er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, — ihm sei es immer vortrefflich bekommen, — und dann solle man doch einmal an unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, — der habe einen tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« —
Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken, — eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit des Korpsstudententums, — aber selbst diesen urgermanischen Recken habe das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben lang, — er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres Volkes arg genug gegrollt, — und was er, der Gewaltige, wenn er stets nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er so schon getan hat, — von uns Epigonen soll's keiner sagen!« —
Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen. Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!
Da — ein neues Blatt!
Kaiserparade! — Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen. Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging ständig durchs Gedränge, — vor der Uniform bahnten sie willig eine Gasse, — und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, — in weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse beruhigt, — kein Unfall kam vor, — jeder stand auf seinem Platz; die Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an die Neuzukommenden, — in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht, — wie das Samenkorn zur Ernte wird, — wie sich das Geistige in Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, — wie nichts verloren geht, was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort, wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.
Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«, die er mit seinem Volke hatte.
Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky, jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« — Aber hier mit ruhiger Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; — Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?
Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die Zunahme des Deutschtums — glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren die Züge des Erzbischofs, — auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung im Bürgertum, — die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte Genossene. — Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein Glas aus. Wie war man patriotisch!
Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, — die Herren vom Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, — dann schlürften alle ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre Polster.
Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und schied endlich, — eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.
Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid! Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, — was? — das Lied ist ja gar nicht von Luther, — hat Luther selbst doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit durchschauen könnten? Es nützte nichts.
Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause gehen wir nicht«, — bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.
Wo der Patriotismus wohl heute endigt? — —
Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen und geträumt.
Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen, Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte, stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, — und je mehr sie tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja, schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen sie über den Trunk die trockene Rinde.
Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, — die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der ausschied, waren drei frische Trinker da.
Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein General, — zwei verglaste Augen, — ein Toter sank unter den Tisch, — bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, — dort einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, — — die Opfer des Gelages, des Trunkes! — Einer nach dem anderen sank unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, — schnell schloß sich wieder die Reihe der Zechenden und Schmausenden.
Aber allmählich, — der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte, — eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, — ein durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, — da hob der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde erblickt, die unter dem Tische verwesten.
Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir dies?« — Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.
Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.
Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; — um viele Jahre reifer schien er plötzlich geworden; — dann aber, festen Schrittes, das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach, hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.
Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer entfacht, — sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, — und erlosch — und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen, auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.
Da wachte ich auf.
In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen! Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will nicht weiter.
Ja, — was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, — eine Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!« Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann losten die anderen. — Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am Wald.
Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es. Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell lachte.
Wenn's nicht so bitter ernst wäre, — zum Lachen wäre es! Heute mittag zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater. Wirklich dramatisch war es.
Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe zufügten, wohl nicht wettmachen. — Hamburgs Welthandel, — und den nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur im Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.
Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz ad oculus demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den Unrat aus der Elbe wieder heraus.
Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.
Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen »Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in dankenswerter Weise — dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein. Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.
Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite. Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«
Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand. Das tat wohl.
Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! — Herr Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, — verdünnte Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene große Pettenkofer das Elbewasser genannt, — und der mußte es doch wissen! — und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist, — es bleibt, was es ist! — Daß sich aber alle die Tausende reicher Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen zu müssen. — Pfui Deubel aber, — begreifen kann ich es doch nicht. Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!
In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison syphilitisch.
Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere hergeht?
Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch, 8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen und pharisäerhafter Entrüstung.
Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.
Mein Kaiser, — ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl, kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, — aber die Philister am Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte werden dir fluchen.
Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben, anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige, Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? — Weil der Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter, die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen, um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen, von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, — worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann, wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die Bücher wiederbringen wollte.
Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« — Es ist zu fidel: seit Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, — jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins Seebad reist, — nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, — also ins Meer. Aber siehe da, — alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es, schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott zu tragen.
Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!
Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden und gelagert hatte, — auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den Dampfkesseln, — kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft. Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, — sie konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht mehr vom Hause fort, — der Jüngste bedarf der Mutter, — und dann die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, — wenn er noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich versprach zu tun, was möglich sei.
Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe, in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen. Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die Herren reich gemacht, — dann aber sei der karge Lohn, den die Herren dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte, habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun! Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein Mensch um die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei, — die hätte er zu gern. »Ja, aber, — wenn er so zufrieden sei, warum er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's mir glauben,« — und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, — das lügt er nicht, — »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen Deut besser, als ich's jetzt hab' — aber ich denke an die anderen, da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht herauskommen aus ihrem Elend, — ein Hundsfott wär ich, wenn ich die vergessen wollt'.«
Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre ich, wenn ich die vergessen wollt'!«
Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues, Bestimmtes geworden sei, — und ist doch nichts von alledem, sondern er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib Christi« sprach, — da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen, die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?
Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur der Kirche entfremdet ist, — aber wohlvermerkt das ganze Volk, mit Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, — das ganze Volk, arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt, wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die eins sei mit euren Dogmen, und — vergißt sein oberstes Gebot, wie die meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen! Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?
Nein, so etwas, — wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, — er wolle den Genossen nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, — meinen reichen Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich nur hohe Zinsen damit verschaffen, — bringt mir der heute in der Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll, ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.
Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen. Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, — ich könne es als Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht beleidigen, — denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. — Und was ist es? Trines herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.
O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps, und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!
Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. — Sitzt da der dicke Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft, streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! — nein, aus reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der »Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden, nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht halten, oder er müßte, — schrecklich auszudenken —, sein Lokal den Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder den Schlagfluß kriegen.«
Herr Kanzleirat, — ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch mehr Unheil im Dorfe anstiftest!
Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, — den Rippenfellerguß habe ich ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen, das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für ihren Kanarienvogel, — der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber nun schenke ich ihr von meinem Geld.« — Du wonniges Kind, wie du deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, — in all deiner Not denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem Kinderherzen! — Vielleicht da am meisten.
Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse »Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins Theater führen lassen.
Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!
Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation? Verflachend, herunterziehend — oder hinaufführend.
Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal, nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.
Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, — als ob der Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! — Oh, ich weiß es wohl, ihr wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen Heim haben, — diese Landesverräter verdienen das nicht.
Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann das Pack hausen.
Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß, euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern, ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und eure Gerechtigkeit, — daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten Pharisäer!
Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre, oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen Keller wohnen und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das dritte, — Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch ingrimmiger in der Tasche als jene.
Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen. Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck« wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.
Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!
Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, — denn hier ein armer Fischer, — und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!
Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist mehr darin. Beschwerden beim Landrat — fruchtlos. Der Landrat ist gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß — fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!
Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse verpestet, — kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie nicht mehr zum Laichen in den Fluß.
Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser. Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen. Dufte du nur und erquicke die Menschen.«
Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em gornich mehr lieden.«
Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft, die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!
Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890 86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen. Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter an Schulter für die Wahrheit kämpfen.
Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und Brauern gefallen lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.
Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild. Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme. »Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln und Disteln, — das ist der Alltag, — die drei Balken, die das Kreuz zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht. Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum Land der Sonne zu tragen.
Herrgott, — ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur Stadt kommen könnten, — und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen Leben und Vaterland und zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf die Dauer!
Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?
Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich, als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.
Monisten? »Monos?« »Nur Eins« — das ist's, was mich abhielt: Ihr seht nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein, wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, — aber ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen, als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten; nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze »werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt, die wir Weisheit nennen, — was wollt ihr mit der Summe all dieser Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?
Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da, — ist »Er!« —
Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der erreichbaren Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.
Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.
Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.
Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.
»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn verehre, — aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten. Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich, stündlich, — und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht, da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, — das kann ich nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«
Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau, die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für ihre Männer haben.
Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis dieser Jüdin packt, — ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt haben? —
Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem Gottesgarten aussteige, — 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist vorbei —, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint, und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo, Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« — Da erzählt er mir, während wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?« — Zwei Ordensbrüder, — ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es und eifrig an der Rettungsarbeit, — hätten den Antrag gestellt, aus unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme, zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus. — So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden hören.
Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit der Französischen Revolution!
»Wann ist die nächste Sitzung?« — »In vierzehn Tagen.« — Da muß ich hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die Schuppen von ihren Augen fallen, und ...
Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. — Warum nicht in Form des Gebetes?
Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten: Herr, hilf mir —, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den »Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei sein.
Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!« Denn diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen Menschenbildnis zurechtmodelliert.
Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, — der in der Welt ist als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist, unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, — eins mit ihr und doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten; die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.
Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, — Einer hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne, Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist, und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus, nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten, Pfaffen und ihrer Knechte.
Aber dieses: »Herr, hilf uns!« — Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist, der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. — — So wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«
Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr, hilf uns!
Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend, er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«, zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.