Die Geschichte eines Suchenden. (continued 3)
Reading edition
Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, — ihn genossen haben. Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so muß das zur Katastrophe führen, — früher oder später.
Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. — Jahrelang habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes, stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch 'n Grog drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« — Mit solchen Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, — nun leitete er mit seinen zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum, wo er am wenigsten am Platze war.
Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine ging, — es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie schon längst zu den Toten gerechnet.
Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen, meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« —
An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten, seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen, die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt, bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe herumschlich.«
Oh, — aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der Trunksucht verwandt würde, — das sei keine Sache des Reiches, das sei »Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden Elemente« schelten laßt, — als ob man unser Volk wie Museumspräparate in Spiritus konservieren könnte!
Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen. Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!
Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, — das muß ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.
Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb und verfettet waren.
Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, — oder vielmehr — auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und glücklich zu werden, — ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften, daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl, — so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.
Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu. Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat, weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches Gewerbe.
Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen zu Vampyren stempeln zu wollen.
Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus. Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten, dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können, erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.
Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt, sofort unter seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit Entziehung der Konzession bedroht.
Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.
Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind sie in der Tat der Sauerteig der Erde.
Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.
Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und gewidmet haben, — ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern, — ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein. Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt Wärme, und Wärme ist Liebe.
Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im Kampfe der Geister!
So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen, auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger, laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, — er könne den Jungen nicht mehr zahm halten, — der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch die fünfte Frau gefreit.
Die Mutter hat gefleht, — sie sollten den Jungen konfirmieren, damit er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie, als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei. Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule gehen.«
Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, — hat nach Amerika wollen, — fort, nur fort!
Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, — alles Denken hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.
Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, — der hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.
Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat. Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man Verbrecher, — im maximam Dei gloriam et scholae.
Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen unseren Mitmenschen gegenüber, — sei es, und das ist das Wichtigste für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein, noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! — — — Nur die Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.
Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet, und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte pflücken wollen.
Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und dabei fangen die deutschen Regierungen bereits an, sich zu sorgen über die Abnahme der Geburten! — Verdammt noch mal, — schließt doch diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und Fortschritt zum Guten!
Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche Fragen angestellten, — aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht. Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht, — denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling, — sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder — mit etwas viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, — und dann schweigt der unbequeme Schlingel Gewissen, — und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es, wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln, wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten, — so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien, den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind, noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten nicht begehen oder auch nur gutheißen!
Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. —
Halt, — ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden oder gar sterben.
Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber, wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will, nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. — Und grauenhaft! Seit dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, — will nicht heilen, kann nicht heilen. —
Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn. Ich glaub' nicht daran.
Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig werden.
Herrgott im Himmel, — gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! —
Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen. Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß es, ich habe sie nicht gehaßt. — Warum, mein Gott, hast du sie denn sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben? Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!
Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk, für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international« erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie. Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten. Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und nimmer vorwärts!
Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen, ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth mache ihn ihr abspenstig.
Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.
Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« — »Und ob, — ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«
»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der anderen ins Garn jagen!« —
Oh, über euch törichten Weiber!
Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!
»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, — sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen Strick folgt.«
Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht, begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand. Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.
Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.
Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg, der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte, welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte. Als er nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach der anderen, — und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit, wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen macht es, — auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu betäuben! — Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!
Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an einer solchen Stelle stehen, wie er!
Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und Verleumdungen.
Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf gewaschen, daß es dampfte.
Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan, — aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen, damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!
Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht haben.
Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten, zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, — freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte, damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen. Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? — Aber einen Teil wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! —
Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.
Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir wie ein Kind, — der große starke Mann, — um den Hals und schluchzt: »Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, — mit dieser meiner Hand.«
Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.
Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, — da hat's ihn übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, — angefleht hat er sie, — aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.
Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.
Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann fahre ich auf Praxis.
Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«
Ich denke zunächst an den Heidbauern.
Gott sei Dank, — der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.
Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt, und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins Zimmer.
Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, — tot, — der Kopf in einer großen Blutlache.
Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.
Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.
Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.
Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel auseinandergesprengt. —
Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut. Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen. Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn angezeigt.
Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie schössen.
Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich den Fasan nur gut schmecken lassen.
Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's verbeten, ein-, zwei-, dreimal — sie konnt's nicht lassen.
Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.
Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.
Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.
Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in das Nichts.
Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.
Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. — Gleich darauf zwei Schüsse. Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und alles um einen Fasan.«
Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.
Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.
Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und hab' in meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! — —
Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann erst werden! — — — — — — — — — — — —
Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant. Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt nur selten an der Tafel gezeigt hatte.
Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor, Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,« erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« — »Der Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch, dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer, dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,« erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser Persönlichkeit bereichern wird.
Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot, wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer Nachbarschaft saß ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah, wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte, wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl, zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete, der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was ist's?« — Er erwiderte: »Der Herr war General E.« — »Ich habe ihn erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit, dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre, und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, — dann erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme, daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer gekommen ist, weiß ich nicht mehr, — ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete. — Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen Offiziers, eine solche Schmach! — Aber ich war schön und jung, von tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, — dieser Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?« Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.
Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren, war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken; die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren, mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen Masse das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren, natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um welchen Preis! — Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen Königreiche. — Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie, daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse beherrschen.
Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet, als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen Tonarten gepriesen wurde?
Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein wird!«
Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte, rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, — ihr rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im Herbstnebel untergeht.
In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an meinen Kaiser. —
Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die Zukunft unseres Volkes schreiten. —
In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle, koste es, was es koste, ich muß an Land.« — »Aber Ihr Billett?« — »Ist mir einerlei! — Ich will an Land, ich will wieder nach Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder heimkehren würde, — alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen Sie mich nicht lebendig durch, — ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.
Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als einziger Bruder von drei Schwestern, — so hatte er niemals gelernt, die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.
Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens, auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und ist den Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.
Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche gedeihen könne.
Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach: stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er seine willensschwache Rasse nicht vererbt.
Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem Gischt emporpeitschte.
Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, — auf ein Haar beide Beine brechend, — begleitet von dem schallenden Hohngelächter unserer Matrosen.
Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener Galerie erinnerte.
Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse, der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.
Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene Meer!
Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren, hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.
»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt nichts, — lauter Selterswasser und Apollinaris, — sind Sie denn alle krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage. Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt mit der verdrehten Wassertrinkerei.« — »Werde meinem Schwager in Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.« Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter Weise durch.
Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie ein Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter entwickeln soll.« — »Kaiser, — großartiger Mann,« schnarrte der Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche an einer Tafel gespeist, — kolossal gebildet, von allem unterrichtet, — steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt, kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen, Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden, sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler, »das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« — »Lassen Sie uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen, welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen zugezogen haben?« — »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« — »Ich sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt besser aussieht, als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, — wir müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen Sie mir noch eine Münchener!« — »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief der Weinhändler.
Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes aschfahl, — das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand zur Kajüte hinaus aufs Deck.
Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte. Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl, als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.
Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O, könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die Seelen der jungen Generationen gelegt wird.
Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der Amerikaner Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall, Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu verleihen, in den Schneesturm hinaus:
Heda, Herr Kultusminister! Jetzt hab' ich dich! — — Merkst du's, Wie die schwingenden Wellen Meines Geistes dich treffen? — Gegen den Nordoststurm an, Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht, Schießen sie zu dir hinüber Übers Meer Und treffen dich und packen dich, — — Du willst Minister sein Über das Unterrichtswesen? Ja, schläfst du denn, Oder bist du tot? Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland! Schau doch, wie sie's dort machen! — — Du tust deine Pflicht nicht! Du siehst nichts und hörst nichts! Tausendmal schon habe ich dir zugerufen, Daß unsere Kinder blaß und elend sind! — Tausendmal habe ich dir schon zugerufen, Daß du nur Lernmaschinen erziehst! Keine Charaktere bildest, Sondern Mollusken! Aber keine Männer Mit Knochen, mit Rückgrat! — Weichlinge, die nachher Den Verführungen im Leben nicht standhalten! — Du bist schuld, Denn du hast dafür zu sorgen, Daß die Schule Charaktere bildet! — — Hörst du denn nichts? Siehst du denn nichts? Ein Viertel unserer männlichen Jugend Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten! Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen! Durch deine Hand sind sie gegangen! Du hast nicht acht gegeben! — — Herr Minister! Du hast es geschehen lassen, Daß die teuflischen Gifte So viele krank und elend Und zu Verbrechern gemacht haben! — — — Ha, ich weiß, warum du schweigst! Du selbst trinkst gern Sekt Und Weißwein, Aber nur mäßig! — Natürlich! — — Aber ich zerre dich, Und die Wellen meines Geistes Sollen dich einengen und klemmen, Wie die brandende See! Und die Wahrheit soll dich pressen, Wie eiserne Klammern! Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein! Und darum lässest du's geschehen, Daß die andern sich In Bier und Branntwein berauschen! — — Ein Wort von dir, Und der Kaiser würde Mit dem Beispiel vorangehen, Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen, Und die Brauer und Brenner Würden dir fluchen, Aber die Mütter dich segnen! — — Und warum lässest du Die Kinder verderben? Warum kannst du nicht einsehen, Wo die Quellen des Übels, Der Krankheiten, Des Elends Entspringen? — — Du verschleuderst deine Kraft In Kleinigkeiten, In Quengeleien und Disziplinarverfahren! — Doch nun ergreife die Axt Und leg' Hand An die Wurzel des Übels, Wenn du Herr sein willst Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! — — Nun wohl, die Quelle alles Übels und Unheils Ist Unterdrückung der Freiheit, Die Mollusken erzieht Statt Männer! — — Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung, Daß sie Einsicht bekommen, Was gesund ist und gut, Daß sie gefeit werden Gegen die Sünde, Die sie krank und elend macht! — Dulde nicht, Daß unsrer jungen Mannschaft Durch diese Kreuzspinnen Von Wirten und Brennern und Brauern Das Mark Ausgesogen wird! Und vor allem: Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen, Warme, lebendige Liebe, Und noch einmal Liebe! — — Du bist schuld an all dem Elend! Hast du denn Liebe? Nein, du bist träge und stumpf Den Zeichen der Zeit gegenüber! — Aber ich will dich rütteln, Und dich in die Wellen hineinziehen! Du mußt sie spüren, — — — Gib acht! Die Brandung wird so stark werden, Daß sie dich zerschmettert, Wenn du nicht auf mich hörst! — — —
Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten. Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes Vaterland.
Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang, hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war, sang mit:
Über die Matten, über die Sande Streichet die Möwe hin zum Meer; Über die Heiden, durch die Lande Irr' ich wandernd hin und her. Nach dem Lieb mein unter den Linden, Wie sie ruht an meiner Brust, Nach den meeresfrischen Winden Geht mein Sehnen, meine Lust. Über die Heiden, durch die Lande Zieh' ich mit dem Wanderstab; Ach, der Heimat süße Bande Halten fest mich bis zum Grab.
Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm, mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens hindurchführt.
Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.
Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste, wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche in die Luft.
Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer, langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, — meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen — oft genug hatte ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten. So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die Jugendzeit doppelt heimisch.
Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes Distelblatt, — Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen und Sehnen, dieses Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte Hoffen.
Und da kam die Zeit der Trennung, — ich mußte hinaus in die Fremde, die Kräfte wollten wachsen, — ich mußte die Welt sehen, hinaus, hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute der Heimat schätzen!
Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch nicht in der Stadt — dahin paßte der freie Falke nicht, — da hätte er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen, weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, — dahinein führte er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.
War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!
Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes. Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; — doch halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten, der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen — Einzelhäuser für Arbeiter —, damit sie sich leicht aussuchen können, was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.
In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen zu heißen, — halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar, als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, — Emma, deine Rosen müssen noch Wasser haben, — Rudolf und Ernst, wird das neue Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«
Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken kunstfertig gefügt, — die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht hatte.
Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste zum Gesang, — alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit und Leben.
Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter, Kinder, — das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.
Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen; froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag Sonnenschein.
Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: — »Hast Arbeit?« — »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« — »Bin fremd hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte gedankt, daß ihm der Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind, während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.
Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf, raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele warme Bruderhände wachsen, — wir können sie brauchen! Über der Tür meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's — was die Seele des Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!
Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, — überall, überall das nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen, ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen, sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber, daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des Menschempfindens, die über uns gekommen ist!
Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief, als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager geworfen hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses und der Erbitterung wurde.
Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können, wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall oder Alter oder Verlust des Ernährers, — keine Arbeiterversicherung mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen, Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen, daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen, daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.
Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der Erbitterung daraus trank.
Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.
Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das Gerüst den Ernährer geraubt hatte.
Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.
Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der anderen trug dazu bei, mich müde zu machen. Und doch konnte ich nicht ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und Zweck des Lebens geworden.
Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das Stampfen der Maschinen.
In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art, aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet, und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.
Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner. Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, — sie verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk, ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, — er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen Volkes.
Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit ihr.
Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein die Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu Gott!
Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.
Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können, — Wellenkreise auszusenden, — Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt haben würde.
Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall, zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.
Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich durchstreifte.
Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.
Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe zieht in mich ein.
Sieh, ich ziehe meine Kreise, Und ich leb' in meiner Weise, Ruf' und banne meine Geister, Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister. Schicke sie in ferne Lande, Laß sie knüpfen neue Bande, Laß sie alte fester binden, Laß sie neue Pfade finden! Und so leb' ich, wirkend, strebend, Mich an's End' der Dinge hebend, Bis der Weltenherr der Geister Mich auch ruft, mein Obermeister.
Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.
Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht wissend wohin, erzitternd stand.
Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in den Masten und brüllte um den Schornstein.
Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff! Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, — wie Kinder, die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken. Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya verschollen.
Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm pfeift.
Betrunken war keiner. Im Gegenteil, — sie spielten sehr emsig. Ich wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, — es wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben —: »Majestät wirklich famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ — wirklich famoser Mensch, ganz genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.
Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will, noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht. Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen Posten.
Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.
Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, — ich verstand ihn, — er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. — Durch Sturm und Gischt arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde Ozean, da, — oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, — was nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was unser gut versorgtes Rettungsboot, — wenn der eine nicht wollte! Und dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, — gerade so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen, meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte, wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, — groß, unfaßbar, wie er mir in der Schule in der Religionsstunde erschienen war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften redete, — als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas wissen könne, — aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen, da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, — und der Knabe, der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes, seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich fühlte Gott, — das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das macht unser Leben aus!« — —
Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer großen Stille. Und dann war er da, — ich wußte es, fühlte es, ich hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, — in diesem Gefühl, ein Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, — darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große Harmonie sich ständig wiederholen, — alles, was an uns und in uns lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, — Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, — wie jede Blume, jeder Kristall, jedes Tier die höchste Vollendung erstrebt, die ihm möglich ist, — das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.
Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte ich ihn wieder ganz deutlich, — befreiend, stärkend, wunderbar stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, — nun laß das Schiff bersten und das Meer sich auftun, — daß ich dich gefühlt habe, Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. —
Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt annehmen, — das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst, noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, — es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. —
Ja, ja, so ist's, — in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große Wellenringe zieht, gute oder schlechte. — Oh, Gott im Himmel, gib, daß nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! — —
Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken, wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der Stille ausbauen wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja, wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!
Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.
Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben wollen in Werken der Liebe, — und wie oft hatte ich ihn vergessen! Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten, — was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? — Doch still, was war das, — heute war ja daheim Gustavs erstes großes Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu neuem Leben. Und nun? —
Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? — Deutlich hörte ich weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner geliebten Orgel, — und deutlich vernahm ich von einer weichen, seelenvollen Altstimme das Lied:
Herr, du kennest meine Sünden, All mein Leben ist dir Licht, Woll'st dich doch nicht von mir wenden, Herr, verlaß mich Sünder nicht! Wohl, ich kannte die Gebote, Die du uns gegeben hast. Ja, ich hab' sie übertreten, Hätte sie vergessen fast. Doch nun kam ich zur Besinnung, Sehne mich nach deiner Ruh. Herr, nun hilf mir wieder werden, Wie dein Ebenbild, wie du! Reich mir deine starken Hände, Ziehe mich zu dir empor! Laß mich ruhn in deinem Geiste, Leihe gnädig mir dein Ohr! Klar liegt vor mir meine Sünde, Und mir ist so sterbensbang, Vater unser, laß mich hören Deiner sanften Stimme Klang. Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen, Jede Strafe ist mir recht, Will gern büßen meine Sünden, Nur erhöre deinen Knecht. Nimm von mir die Last der Sünden, Hebe mich in deine Ruh'! Herr, nun hilf mir wieder werden Wie dein Ebenbild, wie du!
Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein Herz. Es hilft nichts, — wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte und Liebe.
Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt: ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr gegeben, als ich durfte. — Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns gezeigt, Maß zu halten, harmonisch zu bleiben, — ich hatte nicht von ihm gelernt, — so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine Strafe.
Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte, drang es wie Trost in meine Seele:
Lern zu leiden, ohne zu klagen, Erst im Dulden erweist sich der Mann! Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen: Gott ist allmächtig! Denke daran! Lern zu leiden, ohne zu klagen! Niemand trägt schwerer als er nur kann. Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, — Gott ist Alliebe! Denke daran! Lern zu leiden, ohne zu klagen, Sieh nicht dein Leid als das schwerste an! Sieh als Prüfung an deine Plagen, — Gott ist allweise! Denke daran!
Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:
Wenn ich gestorben bin, Sollt ihr nicht trauern! Frei aus den Mauern Schwingt sich mein Geist Wenn ich gestorben bin, Sollt ihr euch freuen: Mögt ihr euch scheuen, Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt. Wenn ich gestorben bin, Fort mit den Tränen! Schwächliches Sehnen, — Bin ja bei euch! Wenn ich gestorben bin, Führt mich der Meister Schaffender Geister In sein großes, himmlisches Reich!
Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie ein Abschiedsgruß an die Menschen.
Aus der Fülle meines Seins Wollt' ich euch beschenken, Drückt' den einen dies und eins, Wollte keinen kränken. Habe Sonnenschein gesät, Nicht um selbst zu ernten, — Samen, den kein Wind verweht, Zeiten, den entfernten! Vom Unendlichen geborgt, Mögen sie's erwerben: Hab' für Enkel treu gesorgt, Will nun ruhig sterben!
Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.
Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir, ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen, triumphierend und singend:
Den Starken und Klugen gehört das Recht, Den Feigen und Schwachen die Nacht; Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht, Sich selbst erhalten, die Macht. Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt, Und der Sturm seine Schwingen bricht, Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt, Ich fürchte die Brandung nicht! Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt Manch fruchtbaren Acker Land; Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt Mit unermüdlicher Hand. So entstand einst der Deich! Und bezwungen das Meer! Und gebrochen der Wogen Schlacht! Doch heute noch gilt, ist's lange auch her: Dem Starken gehöret die Macht!
Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, — was war das? Ich rieb mir die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, — ich war wach, wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören, wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich aus dem Bette, die Tür aufgerissen, — wahrhaftig, lachend und singend wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber alle Not und Gefahr! — — —
Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, — war es Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde, laue Lüfte umwehten uns, — den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen die Heizung abgestellt, — wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn. Mir war's, als ob auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben, wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden, — haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu stellen, wie es ihnen paßt?
Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft. Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; — kam dann die Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere. Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte, und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was verbrochen hätten; — du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, — ich stelle die Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt auch nicht frieren!
Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! — Fast hätte ich die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr die alte Seele wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den Röhren, — aber was war das? Die Seele war nicht tot, — strahlende, wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend! Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne, keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und wärme und helle, da tut es not!
Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid, verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so selbstsüchtig, — strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!
Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der erste Offizier kam und reichte mir die Hand —: »Nun sehen wir unsere Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«
Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die Locken streichend:
Enfant de mon amour, Bienfait par Dieu, Tu es ma vie, La fleur de mes yeux! Enfant de mon amour, Fille de mon coeur, Tu es mon âme, Tu es mon bonheur!
Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen. Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle. Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf, das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin zurechtzufinden.
Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein, keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei? Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95 Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte es nur bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen, wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,« eiferte die junge Mutter, — »ich bin ja freilich katholisch, aber das ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?« — —
Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?« »Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf. Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil ihr deutsch seid. Bekommt eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.« »Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.
Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert. Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife, augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm hinüber, daß ihm ganz warm werde.
Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes, spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen, sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser zarten, geistigen Dinge, — eben durch unser vieles Genießen. Und hier ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt, allen Tand des Lebens von sich getan hat, — er genießt mit stiller Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, — ich wollte, ich könnte unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die, ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch, wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme, eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser Zeit verdrängen helft.
Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland, die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines, leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre Seele einzuwirken, allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?
Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den Schicksalsstürmen des Lebens.