Die Geschichte eines Suchenden. (continued 5)
Reading edition
Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! — —
Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!
Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte, wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, — endlich erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim. Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«
Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin: ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick, das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal sehen!« — Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion. Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, — während ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt die Kirche nieder, die wir alle so liebten! — —
»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« — »In der Heimat,« erwiderte ich, — »das Heidemärchen hat's mir angetan.«
Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.
Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, — aber wie ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. — —
Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.
Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.
Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir eins sind mit dem All.
Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen, um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren. Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.
Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!
Liebe, du bist die Mutter der Kraft! Liebe, du bist die Mutter der Tat! Liebe, sei mit uns! — — —
Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau, ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. — —
Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört es auch mit in meinen Reisebericht, — als ein Bindeglied im Geiste zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein Sehnen trug.
Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe geführt. Ja — es war offenbar — sie gaben sich alle Mühe, die durch Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.
Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.
Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.
Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten Gesichtern, — und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die sich grämten und schämten über Grauen und Elend. — — — Der Geist der Tat war weggespült mit Bier. — —
Es war eine schlimme Nacht. —
Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich erwachte. — — — —
Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt. Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die »soupe de galienas«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen, rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz, und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.
Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten Wurzelgeflechte.
Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern, — nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, — nein, fröhliche, frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch und freudig herausleuchten. — Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du, daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit deiner Macht! — — —
Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.
Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen. Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen, am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers Meer zu wandern.
Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.
Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen, energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine Arbeiter. Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine, klug, kannte die halbe Welt, — aber sie war eine Kokette, kalt und sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.
Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen Empfinden nicht genügend Rechnung trug.
So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib hatte es auf mich abgesehen.
Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, — unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in dem zukünftigen Staate jener.
Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.
Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38 Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen, wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen. Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können, wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen; das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden entraffen, Werkzeuge, Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll nach innen und außen.
Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei, so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich leben, ich solle nicht die weite Reise machen, — fast hätte sie Gluten in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«
Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten, der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.
Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten, standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde, fast jedes Wort.
Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den Raum hinaussang:
Ich kenn' dich nicht mehr, Und ich mag dich nicht mehr, — Wir haben die Rollen vertauscht! Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt, Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt, Ist meine Liebe verrauscht! Einst warst du mir meine Märchenblum', Die blaue, am Meeresstrand, — Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort Und weißen, toten Sand. Einst warst du mir meine Königin, Mein Lebenssonnenschein, — Jetzt höre ich nur in einemfort Das Sterbeglöckelein. Jetzt möchtest du wohl, Und jetzt kann ich nicht mehr, Wir haben die Rollen vertauscht! Ich kenn' dich nicht mehr, Und ich mag dich nicht mehr, — Meine Liebe, die ist verrauscht!
Armer Bursche, — welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? — Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles Bestehende.
Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, — ich hörte, wie der, der sie handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog die Feuertür des Kessels ins Schloß.
Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges Lied von der Arbeit.
Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast beklemmend unserer bemächtigt hatte.
»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem Freund Rheinländer gegangen, — und doch um vieles anders. Ich bin eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, — wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen. Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst war kinderlos — eine Folge jener Liebschaft.
Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den Mann zu hassen, — nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut, nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.
Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß wir uns voll und ganz verständen.
Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert. Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und arbeitsfroh, — irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«
Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung bei diesen Worten. —
Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und Sichmitteilen. — — —
Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise. Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang es in meiner Seele.
Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:
Wenn meine Seele die deine sucht, So schwinden Raum und Zeiten, Und schreit' ich einsam durch den Wald, Du wandelst an meiner Seiten! Und wenn du noch so fern mir bist, Ich kenn' dein Denken und Fühlen, Und dankbar spür' ich deine Hand, Die mir die Stirn' will kühlen. Wenn meine Seele die deine sucht, Und das ist immer und immer, Die ganze Welt mir wonnig ruht In rosigem Hoffnungsschimmer. Wenn meine Seele die deine sucht, Dann schwinden Sorg' und Kummer, Du bist bei mir, und selig leg' Ich mich zum letzten Schlummer.
Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet. Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.
Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat! Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, — so konnte und durfte diese nie versiegen.
Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat, draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! — —
Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke, saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux — und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk. Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister. Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases, seines Portemonnaies, im besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag, in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für unsere Kultur wird.
Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten — Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt — und hatten sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch als wundersame Lebensweckerin empfanden.
So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen sei.
Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.
Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den Erzählungen der Freunde.
Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und von allem und jedem erzählte ich, und wenn ich's nicht tat, war des Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte, wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie komponiert hatte.
Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut, das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß, — viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit, — aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches, liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und meinem Weibe?
Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?
Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst, daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten? Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen Unfug verursachten!
Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?
Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über Vorteil bringen würden?
Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler unterstützt, wo und wie sie konnte?
Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler, damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter dem Bierglas hockten, — die Schenkwirte und Brauer, die in den Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten? Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen Ungerechtigkeit und Härte.
Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und tausendmal nein, — hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung einglutetest, — ich fühle es, — jetzt schon, — der Kampf muß zum Siege führen! — —
Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber, das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften, so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind, zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten, aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.
So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die, auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.
»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.
In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich sind.
So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin, die in unserem neuen Freunde, — hier wandte er sich zu unserem Österreicher — wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«
Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.
So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete, daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und verschwand.
Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter auf, als er bei Tische nicht erschien.
Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«, bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu vergolden, an: »Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?
Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es, als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die Regierung nicht.
Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk, meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird. Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen werden, — gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft sieht.«
Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er. »Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.
So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens — in der Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen —, während in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse hineingepaukt werden, von denen er nach Schulschluß neun Zehntel schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann und Weib genügend drangsalierte.
Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« —
Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor kurzem selbst alles erlebt hatte. —
»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal, ins eigene Haus, — das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!
So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr Mann und Weib, Volk und Regierung.
Freilich, — so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, — dazu ist durch unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes oben und unten proletarisiert.
Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz bilden.
Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann, und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark, gesund, glücklich, fröhlich, — unüberwindbar auf jedem Gebiete.
Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene Ausbildung und Bildung verlangen.«
»Bruder, Freund, — das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!« — »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.
Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig, ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!
Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen, durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand ein Reichswohnungsgesetz aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«
Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, — hier galt eine Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles Land in eine Oase umwandeln könnte! —
Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, — sieh nur, wie mir die Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« — Und ich konnte es nicht. Ich ließ ihn laufen — und seine Kameraden mit. —
Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! —
Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen, dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. — Es muß so kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!
Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute, Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet, verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei im Gefängnis gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden können, — und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich füllte, — die er alle gelesen — und wie gelesen hatte; hier die junge Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh, es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe. — —
Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er schrieb:
»Lieber Doktor!
Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.
Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich Ihnen. — —
Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.
Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde. Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. — Ich war der Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so grausam sie mich mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. — Durch einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.
Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer Verbindung — alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel dafür, — und mein Weib — —
Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt, an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das Weib findet, das an ihn glaubt.
Ich finde es nicht mehr.
Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk verglichen.
Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen, und andere, die überhaupt nicht tönen, — die tot sind. Und wie es mit den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer Regierung und unserem Volke.
Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann, schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der sie zum Weibe gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.
Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit, das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte schafft.
Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so geht es dem ganzen schaffenden Volke.
Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem göttlichen Prometheusfunken!
Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser Tausende wächst furchtbare Saat.
Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.
Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. — — —
Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit einem Fürsten in der Großstadt.
Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe. Mein alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, — anders wie die Lehrer im russischen Reiche zu sein pflegen.
Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen. Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.
— — Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit, als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde, ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise dachte ich. — Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am eigenen Leibe verspürt. — Ich las weiter:
Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen. Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet, man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände. ›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen armen, einzigen Freund in den Tod jagte. — Die Pulsadern hat er sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd auf seinem armseligen Bette, — händeringend steht seine alte Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ — und sein Auge bricht.
Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.
Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen feilbot — denn der Staat brauchte Geld, viel Geld — war wild und toll in seinem Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der Nachwuchs, desto sinnloser.
Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz vorher hingesiecht war.
Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten mein Heim in Asche.
Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.
Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.
Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben, die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke, die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat, wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser Volk leben.
Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus dessen Tiefe giftige Dünste steigen, — Tod und Verderben!
Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, — mein Leben ist vergiftet, meine Kraft gebrochen, — ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen, — ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, — Gott verzeihe mir meine Sünden.
Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe, die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.
Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie Ihrem Volke mitbringen wollen!
Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie sind, und für das Sie kämpfen dürfen!
Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den Wellenarmen des Ozeans.
Es grüßt Sie Glücklichen
Ihr
unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«
Das Blatt flog zu Boden, — ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum Kapitän.
»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« — wie ein Lauffeuer schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, — — Menschenwerk! — unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf die leise wogende Meeresfläche, — unser Balte ruhte im Schoße der Unendlichkeit.
Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!
Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum Grabe, — Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, — Hoffnung läßt uns den Himmel offen sehen.
Mußtest du sterben, du Armer?
War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?
Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?
Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter sind wir! — Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen. Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, — aber die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der Volksseele, — oh, ich weiß es genau —, ich kenne sie, — in allen Schichten, — es brodelt und drängt, — alte Vorurteile weichen zurück. Überall schließen sich die Geister zusammen. —
Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge, alles sehend, alles hörend, — während mein Körper auf unserem kleinen Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.
Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? —
Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe. Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne Hoffnung! — —
Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht einstweilen Genüge getan.
Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter: mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen, Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.
Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.
Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.
Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon kündend: »wir stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend durchschneidet!« —
Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und Kastagnettengeklirr.
Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten paffend.
Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.
Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht gelingen.
Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens. Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?
Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes? Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« —
Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?« fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des Geistigen sind.
Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde Geschichte vertiefte.« —
»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. —
»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.
Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der glücklichen, gesunden Häuslichkeit.
In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.
Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.
Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur Ungeziefer waren.
Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses Omen.
Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen Vergessens.
Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes, glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat suchen und schaffen.« —
Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein verständnisinnig zu. —
»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« —
Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. —
»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.
Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« —
Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert hatte. —
Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für seine Rettung im Sturme gewesen.
»Und weiter fuhr mit« — träumte das Hexlein weiter — »die Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.
Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb, die Sonne, die Wärme zu suchen.
Und zum Schluß« — hier lachte das Hexlein schelmisch — »ein schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die Selbstlosigkeit, und seine Freundin, — die Romantik.«
»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« — erzählte die Romantik nun weiter — »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens. Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins Land der Sonne, der Liebe.
Was geschah? — Ihr alle wißt es, — der Pessimismus, unglücklich darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«
»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« — sagte das Hexlein und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser fröhlich ergriff und herzlich küßte, — »wir können dich herrlich gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«
Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.
Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt ihr was, — wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu ihrem Gatten wollte.
Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden, die die Welt kennt, — Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch die soziale Hygiene nennen, — in ihrer Begleitung ein junges Mädchen, die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat, und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen Völkern! Und dann, — und dann« — und damit nahm sie meine Hände in die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen Augen füllten sich mit Tränen — »dann werden Sie eines Tages in die Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit, die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, — du stirbst niemals!«
Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie herzlich umfing.
Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.
Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen. Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.
Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge hinein.
Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt vor mir.
Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die schneebedeckte Felsenwelt — Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe, — unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee, über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, — allein mit Gott. Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt er der Sonne zu, — ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum Höchsten, zum Ewigen flieht.
Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch ihre eherne Größe.
Da, — was ist das? — Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann, das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. — »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück geschehen?« — »Laßt mich, — zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.« »Aber ich bin ja Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«
Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«
Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, — wir laufen.
Ich sah im Geiste das Blut rinnen, — das treibt an. Endlich am Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.
»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs geschickt.« — Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe, verbunden, geschient, — das Blut steht; — nun einen erquickenden Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, — der Sepp ist gerettet. Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein paar ätherische Tropfen, — nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber Ihnen vergelt's Gott.« —
Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen, überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz. Da schlief ich ein, und schlief und schlief. —
Dann kamen Leute. — »Der ist tot. Ist erfroren.« — Vorsichtig trugen sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. — — — Da erwachte ich.
Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte, als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung, nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten für euch, heißt für mich — leben!
Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.
In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, — es war eine Herrlichkeit ohne Ende.
Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. —
Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken, die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean gefahren, — der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, — und nun? Ein Aufblinken am Horizont, — da ist er, der Leuchtturm von Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.
So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. — —
Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei, die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war, als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel mir ein: ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte. So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur ab.
Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten Vaterlandes.
Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der, der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren Güter der Seele, der Menschheit entstehen.
Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit, die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und Verfeindung aller Beteiligten.
Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! — — — —
Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig, nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.
Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine: ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.
Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu erfüllen hat, — ohne Reibung.
Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation, sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die Konservativen über die Erbschaftssteuer, — sie wollen nichts missen vom Ererbten — da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung, die Brenner über die Branntweinsteuer, — keiner will sich einfügen, keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!
Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen, Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. —
Kaiser, — hierher, an die Maschine!
Sieh, du bist der Kolben; — hier das große Schwungrad ist unser Reichstag.
Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so warst du ein schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen, wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; — aber nimm das Öl der Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft. —
Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. — —
Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich hörte ich sein Lied:
Ich nehm' meine große Liebe Und schütte sie über dich aus: Will schmücken mit ihr dein Leben, Will schmücken mit ihr dein Haus. Sei du der Glanz der Sterne, Sei du mein Sonnenschein; Ich will dir Blumen und Früchte Bringen als Erde dein! Sei du mein blauer Himmel, Der Sommerwölkchen Heer, Und schau' dich in meiner Liebe, Die grundtief wie das Meer!
Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam, wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne ein gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.
Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne durch die Nacht:
Ich habe keine Heimat mehr, Meine Heimat ist das Grab ...
Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.
Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, — auf dieser Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich hingesummt hatte.
Brasilien!
Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.
Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen, wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer berauschender der Duft.
Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen. Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.
Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen: der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe geworden.
Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt, die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, — der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen zu Ende führen könnte.
Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit offenen Armen willkommen.
In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die erste Zeit versehen — unsere neue portugiesische Freundin stellte bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung — und sollten dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig. Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.
Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das Duften, das von den Wäldern herüberdrang.
Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen. Glückliche Unschuld der Tropen!
Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen Dampfers meldend.
Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel und die wundervoll glühende Sonne.
Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.
Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.
Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab. Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen. Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir. Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So — leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße, ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft! Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er ehrfürchtig erfaßt.
Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft. Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken, unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als pharisäisch zu richten.
Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, — Wassertrinker wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem als mörderisch verschrienen Klima, — noch ist er keinen Tag krank gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.
In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall schützend für ihre Kinder.
Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel vortrefflich gegen die wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.
Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze Gesellschaft von dannen.
Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, — der von den Früchten entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere als Wohnstätte und Nahrung zugleich.
Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.
Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen Leben in Friede und Liebe, — und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle, dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.
Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen, Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?
Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, — und wiederum nur, damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen, diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit, um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut, damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr schwelgen könnt, unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren, zugrunde gehen!
Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger, Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz, damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne, die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne, die die Erde erwärmt und erhellt! —
Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.
Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft, und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab, noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.
Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend, unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend dalag, er ist nicht tot, nein, — er lebt, — Scharen buntbeschwingter Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es, wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten, goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die Atmosphäre.
An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht, lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde, weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder, gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald, Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.
Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft. Sternenklar ist der Himmel. —
Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit, zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben. Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, — von einem dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.
Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, — oder ist es mein Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.
Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die Stimme des ersten Bootsmannes:
Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht An des Himmels nächtiger Bläue. Er scheint in ewig strahlender Pracht; Es ist der Stern der Treue. Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt Und führt dich in Tod und Grauen, Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt, So wirst du das Morgenrot schauen.
Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, — es ist sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid. Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, — haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?
Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, — kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, — barmherziger Gott, — was ist das? — Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, — einen blondgelockten!« — Die Portugiesin! —
»Signora!« — Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an beiden Händen. — »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich! Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit Ihnen gehen, — denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« — »Ich will aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« —
Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht verträgt der Glutenrausch nicht.
Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.
Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora — der sächsische Offizier geht mit Ihnen, — er hat mir gestern heimlich anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich. Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«
Ein glühender Kuß auf meiner Hand, — ein leises Öffnen der Tür, ein Rauschen, wie von einem Frauengewande, — war es ein Traum gewesen, — ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? — — —
Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.
Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.
Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten Nerven allmählich wieder Ruhe.
Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild gegeneinander: die Gedanken an daheim, — an meine Lieben. Dann aber wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres Steuermannes noch hörte, — das Lied von der Treue. — —
Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes, männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt sich das schöne Weib an ihn an. — — —
Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über das Meer her, — wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, — ich höre den Jubel und das Geplauder der Kinder, — meiner Kinder! — — —
Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und schlief ein.
Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, — ich fühle mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und Guten, — wie ein Sieger! — Das kommt, — mein Herz ist frei von Reue, weil es Herrscher blieb über die Sinne.
Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.
Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.
Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in die frische Morgenluft hinausklingen:
Ich streue der Liebe Samen, Wie Eicheln der Eichbaum streut, Wie Stern' ohn' Zahl und Namen Die Sonne dem Weltall beut. Ich streue der Liebe Blüten, Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl; Möcht' jedes Herz behüten Vor Leid und Sorg' und Qual. O Frühling, liebewarmer, Hätt' ich die Kräfte dein! So aber bin ich Armer Nur Staub im Sonnenschein!
Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:
Nosso céo ten mais estrellas Nossas varzeas ten mais flores, Nossos bosques ten mais ares, Nossa vida ten mais amores!
Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:
Unsere Wiesen sind so voll Blumen, Und unser Himmel voll Sonnenlicht, Und unsere Büsche so voll von Vöglein, Und unser Leben voll glühender Liebe, Wie auf der Erde kein anderes nicht!
Weib, Weib, — suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? — —
Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:
Den Starken und Klugen gehöret das Recht Und den Feigen und Schwachen die Nacht, Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht, Sich selbst erhalten die Macht!
Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus schwerem Schlafe erweckten. — —
Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen. Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas. Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.
Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an, daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder, Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen, zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.
Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird zu Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, — die Seelen, die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.
Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal. Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. —
Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben, solange sie leben.
Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer, durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden Jungen, meinen sinnigen Mädchen.
In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, — wie ein Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.
Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der jungen Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, — aber er ist ein bißchen dunkel ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks Versorgung für die Ehe verkaufen, — oft genug an Männer, deren Haut zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die Haut jenes Negers.
Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße, wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. — —
Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier. Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle nüchtern. Und — so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.
Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere, der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und Mulatten.
Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem Sprecher den Beweis der Wahrheit.
So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. —
Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in der Welt so oft den Rang abläuft.
Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium einen englischen Arzt, Dr. Jonas, kennen, der von der englischen Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, — vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England, ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich trug, die den Tod fernhielt.