← Table of contents
Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zweiter Band

Geschichte von England

Wilhelm Beseler translation

seit der

Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.

Aus dem Englischen.

Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.

Zweiter Band

----
----

Leipzig, 1854.

G. H. Friedlein.

Drittes Kapitel.

England im Jahre 1685.

Inhalt.

Seite

Einleitung 5

Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685 6

Bevölkerung Englands im Jahre 1685 6

Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden 8

Staatseinkünfte im Jahre 1685 10

Das Militairsystem 12

Die Seemacht 17

Die Artillerie 22

Kosten der Civilverwaltung 23

Große Einkünfte der Minister und Höflinge 24

Zustand des Ackerbaues 25

Mineralreichthum des Landes 29

Zunahme der Grundrente 31

Die Landgentlemen 31

Die Geistlichkeit 34

Die Freisassen 41

Wachsthum der Städte 41

Bristol 42

Norwich 42

Andere Provinzialstädte 44

Manchester 45

Leeds 45

Sheffield 46

Birmingham 46

Liverpool 47

Die Badeorte 47

Cheltenham 48

Brighton 48

Buxton 48

Tunbridge Wells 48

Bath 49

London 50

Die City 51

Der vornehme Theil der Hauptstadt 55

Die Londoner Polizei 58

Beleuchtung von London 59

Whitefriars 59

Der Hof 60

Die Kaffeehäuser 62

Schwierigkeiten des Reisens 65

Schlechter Zustand der Landstraßen 66

Die Diligencen 69

Straßenräuber 71

Die Gasthöfe 73

Die Briefposten 74

Zeitungen 76

Die Neuigkeitsbriefe 77

Der „Observator“ 78

Seltenheit von Büchern auf dem Lande 79

Weibliche Erziehung 79

Literarische Bildung der Gentlemen 80

Einfluß der französischen Literatur 81

Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands 82

Zustand der Wissenschaft in England 87

Zustand der schönen Künste 91

Lage des niederen Volks 93

Löhne der Feldarbeiter 93

Löhne der Fabrikarbeiter 95

Arbeit der Kinder in den Fabriken 96

Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern 97

Zahl der Armen 97

Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke brachten 99

Täuschung welche die Menschen verleitet, das Glück früherer Geschlechter zu überschätzen 101

[4. Kapitel]

Einleitung. In diesem Kapitel gedenke ich eine Schilderung des Zustandes zu geben, in welchem sich England zu der Zeit befand, als die Krone von Karl II. auf seinen Bruder überging. Eine solche Schilderung kann allerdings nur sehr unvollkommen sein, da sie aus spärlichem und zerstreutem Material gebildet ist; indessen wird sie doch vielleicht zur Berichtigung mancher falschen Ansichten dienen, welche das Verständniß oder das Interesse der nachfolgenden Erzählung beeinträchtigen würden.

Wenn wir die Geschichte unserer Vorfahren mit wirklichem Nutzen studiren wollen, müssen wir uns stets sorgfältig vor dem Irrthume hüten, den die wohl bekannten Namen von Familien, Orten und Ämtern sehr leicht hervorrufen, und dürfen nie vergessen, daß das Land, von dem wir lesen, ganz verschieden war von dem, in welchem wir leben. Wie jede Erfahrungswissenschaft die Tendenz zur Vervollkommnung in sich trägt, so liegt auch in jedem menschlichen Wesen der Wunsch, seine Lage zu verbessern. Diese beiden Prinzipien waren oft hinreichend zum raschen Fortschreiten der Civilisation, selbst wenn derselben große öffentliche Calamitäten und schlechte Einrichtungen hindernd im Wege standen. Kein gewöhnliches Unglück, keine, gewöhnlichen Regierungsfehler können in gleichem Maße das Sinken einer Nation herbeiführen, wie die unterbrochenen Fortschritte der Naturwissenschaften und das stete Streben jedes Einzelnen nach Verbesserung seiner Lage das Emporblühen einer Nation befördern. Man hat viele Beispiele davon, daß verschwenderischer Aufwand, hohe Abgaben, verkehrte Handelsbeschränkungen, verderbte Gerichtshöfe, unglückliche Kriege, Aufstände, Verfolgungen, Feuersbrünste und Überschwemmungen nicht im Stande waren, das Kapital so rasch zu vernichten, wie die Thatkraft einzelner Bürger es zu schaffen vermochte. Es ist nicht schwer zu beweisen, daß in unserem Lande der Nationalreichthum seit mindestens sechs Jahrhunderten in fast ununterbrochenem Wachsen begriffen ist; daß er unter den Tudors größer war als unter den Plantagenets; daß er unter den Stuarts größer war als unter den Tudors; daß er trotz Kriegen, Belagerungen und Confiscationen zur Zeit der Restauration größer war als beim Zusammentritte des Langen Parlaments; daß er trotz schlechter Verwaltung und Verschwendung, trotz öffentlichen Bankerotts, trotz zweier kostspieligen und unglücklichen Kriege, trotz verheerender Seuchen und Feuersbrünste beim Tode Karls II. größer war als bei seiner Wiedererhebung auf den Thron. Dieser Fortschritt erhielt, nachdem er bereits mehrere Jahrhunderte gedauert, um die Mitte des achtzehnten einen ungeheuren Aufschwung und hat seine Schnelligkeit während des neunzehnten verdoppelt. Wir haben es theils unserer geographischen, theils unserer sittlichen Lage zu danken, daß wir mehrere Menschenalter hindurch von Übeln verschont geblieben sind, welche anderwärts die Anstrengungen des Gewerbfleißes hemmten und die Früchte desselben zerstörten. Während der ganze Continent, von Moskau bis Lissabon, der Schauplatz blutiger und verheerender Kriege war, sah man bei uns kein feindliches Banner, außer als Trophäe. Während rund um uns her Revolutionen stattgefunden haben, ist unsere Regierung niemals gewaltsam gestürzt worden. Seit hundert Jahren hat unsere Insel keinen Tumult gesehen, der so bedeutend gewesen wäre, daß man ihn einen Aufstand hätte nennen können. Nie ist bei uns das Gesetz, weder durch die Volkswuth, noch durch königliche Tyrannei mit Füßen getreten worden. Der öffentliche Credit ist heilig gehalten worden und die Rechtspflege stets rein gewesen. Selbst in Zeiten, welche der Engländer mit gutem Grunde schlimme Zeiten nennen kann, haben wir noch immer die bürgerliche und religiöse Freiheit in einem Maße genossen, das fast jede andere Nation der Welt als ein reichliches betrachtet haben würde. Jedermann hatte die vertrauensvolle Überzeugung, daß der Staat ihn im Besitze dessen was er sich durch Betriebsamkeit erworben und durch weise Sparsamkeit gesammelt, schützen werde. Unter dem wohlthätigen Einflusse des Friedens und der Freiheit blühten die Wissenschaften und wurden in einem vorher nicht gekannten Umfange zu praktischen Zwecken angewendet.

Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685. Die Folge davon ist, daß in unserem Lande eine Veränderung stattgefunden, von der die Geschichte der alten Welt kein ähnliches Beispiel aufzuweisen hat. Könnte das England von 1685 durch einen Zauberprozeß vor unsere Augen gebracht werden, so würden wir nicht eine Gegend unter Hunderten, nicht ein Haus unter Tausenden erkennen. Der Gutsbesitzer würde seine eigenen Felder, der Städter seine eigene Straße nicht wieder erkennen. Alles hat sich verändert bis auf die großen Hauptzüge der Natur und einige wenige dauerhafte Werke der menschlichen Kunst. Den Snowdon und Windermere, die Cheddar-Klippen und Beachy-Head würden wir wohl finden, auch hier und da einen normännischen Dom oder ein altes Schloß erkennen, das die Kriege der Rosen mit angesehen; aber mit wenigen solchen Ausnahmen würde uns Alles fremd sein. Viele Tausend Quadratmeilen, welche gegenwärtig reiche Getreidefelder und Wiesen sind, durchschnitten von grünen Hecken und Zäunen und besäet mit freundlichen Dörfern und reizenden Landsitzen, würden sich unseren Blicken als mit Ginsterbüschen bedeckte Moore oder den wilden Enten überlassene Sümpfe darstellen. Wo wir jetzt große Fabrikstädte und Seehäfen erblicken, deren Name und Ruf bis an die äußersten Enden der Welt reicht, würden wir nur einzelne hölzerne Hütten mit Strohdächern finden. Selbst die Hauptstadt würde zu einem Umfange zusammenschrumpfen, welche den ihrer heutigen Vorstadt am südlichen Themseufer nicht übersteigen dürfte. Nicht minder auffallend würden uns Tracht und Sitten des Volks, Geräthschaften und Equipagen, so wie die innere Einrichtung der Läden und Wohnungen erscheinen. Eine solche Veränderung in dem Zustande einer Nation hat gewiß mindestens eben so gegründeten Anspruch auf die Beachtung des Geschichtsschreibers, wie ein Wechsel der Dynastie oder des Ministeriums.

Bevölkerung Englands im Jahre 1685. Für den Forscher, der sich einen richtigen Begriff von dem Zustande eines Staates zu einer gegebenen Zeit bilden will, muß es eine der ersten Aufgaben sein zu untersuchen, wieviel Bewohner derselbe damals hatte. Leider kann man die Volkszahl Englands im Jahre 1685 nicht mit vollkommener Genauigkeit bestimmen, denn zu jener Zeit hatte noch kein großer Staat die weise Einrichtung einer periodischen Volkszählung angenommen. Man überließ das der Schätzung jedes Einzelnen und da solche Schätzungen gewöhnlich ohne gründliche Untersuchung und unter dem Einflusse von Leidenschaften und Vorurtheilen angestellt wurden, so war das Ergebniß derselben oft widersinnig und lächerlich. Selbst verständige Londoner gaben die Bevölkerung der Hauptstadt zu mehreren Millionen Seelen an. Viele behaupteten allen Ernstes, die Einwohnerzahl habe sich während der fünfunddreißig Jahre zwischen der Thronbesteigung Karls I. und der Restauration um zwei Millionen vermehrt.1 Selbst unmittelbar nach den Verheerungen, welche Pest und Feuer angerichtet, pflegte man zu sagen, daß London noch immer anderthalbe Million Einwohner zähle.2 Dagegen verfielen einige Andere, denen solche Übertreibungen zuwider waren, in das entgegengesetzte Extrem. So behauptete Isaak Vossius, ein Mann von unbestreitbaren Talenten und Kenntnissen, daß in England, Schottland und Irland zusammengenommen nicht mehr als zwei Millionen Menschen lebten.3

Es fehlt uns indessen nicht an den nöthigen Quellen, um die lächerlichen Irrthümer, zu denen Einige durch Nationaleitelkeit und Andere durch eine krankhafte Sucht nach Paradoxen verleitet wurden, zu berichtigen. Es existiren drei verschiedene Berechnungen, welche vorzugsweise Beachtung verdienen, da sie völlig unabhängig von einander, nach ganz verschiedenen Prinzipien angestellt wurden, und doch in ihren Resultaten nur wenig von einander abweichen.

Eine dieser Berechnungen wurde im Jahre 1696 von Gregor King, Lancaster Herold, einem Statistiker von großem Scharfblick und treffendem Urtheile, vorgenommen. Die Grundlage seiner Schätzungen bildete die Häuserzahl, wie sie im Jahre 1690 von den Beamten, welche die letzte Heerdsteuer erhoben, angegeben ward. Er gelangte dadurch zu dem Resultate, daß sich die Bevölkerung Englands auf nahe an fünf und eine halbe Million Seelen belief.4

Um die nämliche Zeit wünschte König Wilhelm III. die Mitgliederzahl der verschiedenen religiösen Secten zu erfahren, in welche die Gesammtbevölkerung zerfiel. Zu dem Ende wurden genaue Forschungen angeordnet und ihm aus allen Kirchspielen des Reichs Berichte vorgelegt, aus denen sich ergab, daß die Zahl der englischen Unterthanen ungefähr fünf Millionen und zweimalhunderttausend betragen mußte.5

Endlich hat in unseren Tagen Mr. Finlaison, ein Beamter von großer Einsicht und Geschäftstüchtigkeit, die alten Gemeinderegister den Prüfungen unterworfen, zu denen ihn die Fortschritte der Neuzeit in der Statistik in den Stand setzten, und seine Ansicht geht dahin, daß zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Bevölkerung Englands etwas unter fünf Millionen und zweimalhunderttausend Seelen betrug.6

Von diesen drei Schätzungen, welche ganz unabhängig von einander durch verschiedene Personen und nach verschiedenen Materialien aufgestellt wurden, übersteigt die höchste, die von King, die niedrigste, die von Finlaison, noch nicht um ein Zwölftel. Wir können daher zuversichtlich behaupten, daß unter der Regierung Jakobs II. England zwischen fünf und sechsthalb Millionen Einwohner zählte. Nimmt man die höchste Schätzung an, so hatte es damals weniger als ein Drittel der gegenwärtigen Bewohnerzahl und nicht ganz dreimal so viel als jetzt seine riesige Hauptstadt allein enthält.

Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden. Die Zunahme der Bevölkerung ist zwar in allen Theilen des Landes stark gewesen, im Durchschnitt aber in den nördlichen Provinzen viel bedeutender als in den südlichen. Ein großer Theil des Landes jenseit des Trent befand sich in der That bis zum achtzehnten Jahrhunderte in einem Zustande von Rohheit. Physische und moralische Ursachen verbanden sich, um die Ausbreitung der Civilisation in diesen Gegenden zu hemmen. Das Klima war rauh, der Boden im Allgemeinen von solcher Beschaffenheit, daß er einer geschickten und mühsamen Pflege bedurfte, und in einer Gegend, welche häufig der Schauplatz von Kriegen war und selbst in nominellen Friedenszeiten beständig durch schottische Räuberbanden beunruhigt wurde, konnte man wohl kaum viel Gewerbfleiß und Betriebsamkeit erwarten. Vor der Vereinigung der beiden britischen Kronen und noch lange nachher war ein eben so großer Unterschied zwischen Middlesex und Northumberland als heutzutage zwischen Massachusetts und den Austeilungen jener Squatters im fernen Westen des Mississippi, welche mit Büchse und Dolch eine rohe Justiz ausüben. Noch unter der Regierung Karl’s II. waren die Spuren, welche jahrhundertelange Metzeleien und Plünderungen zurückgelassen, viele Meilen südlich vom Tweed, an dem Aussehen des Landes und an dem gesetzlosen Treiben des Volks deutlich zu erkennen. Um diese Zeit gab es dort noch eine Menge Straßenräuber, welche davon lebten, daß sie die Wohnungen plünderten und ganze Viehherden forttrieben. Bald nach der Restauration hielt man es für nöthig, sehr strenge Gesetze zu erlassen, um diesem Unwesen zu steuern. Die Behörden von Northumberland und Cumberland wurden ermächtigt, zur Vertheidigung des Eigenthums und der Ordnung bewaffnete Mannschaften zu errichten, und zur Deckung der Kosten, welche die Aushebung und der Unterhalt dieser Truppen verursachten, wurden örtliche Abgaben auferlegt.7 Die Gemeinden wurden angewiesen, Bluthunde zu halten, um damit auf die Freibeuter Jagd zu machen. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten sich viele alte Leute noch sehr gut der Zeit erinnern, wo diese fürchterlichen Hunde in Gebrauch waren.8 Doch selbst mit diesen Hülfsmitteln war es oft unmöglich, die Räuber bis in ihre Schlupfwinkel im Gebirge und in den Sümpfen zu verfolgen, denn die topographische Kenntniß jener Gegenden war damals noch sehr unvollkommen. Selbst nach dem Regierungsantritte Georg’s III. war zum Beispiel der Weg von Borrowdale nach Ravenglas über das Gebirge noch ein Geheimniß, das von den Thalbewohnern, von denen einige in ihrer Jugend wahrscheinlich auf diesem Wege den Verfolgungen der Justiz entronnen waren, sorgfältig bewahrt wurde.9 Die Landsitze des Adels und die größeren Pachthöfe waren befestigt; die Rinder wurden des Nachts unter den Wetterdächern des Hauses angebunden, was man „Peel“ nannte; die Bewohner schliefen nur mit den Waffen zur Seite; man hielt beständig große Steine und kochendes Wasser in Bereitschaft, um den Räuber, der es etwa wagte, die kleine Besatzung anzugreifen, zu zerschmettern und zu verbrühen. Kein Reisender wagte sich in diese Gegend, ohne vorher sein Testament zu machen. Die Richter, welche auf ihrer Rundreise begriffen waren, ritten bewaffnet und von einer starken Bedeckung unter dem Commando der Sheriffs begleitet, mit der ganzen Schaar der Anwälte, Schreiber und Diener von Newcastle nach Carlisle. Man mußte sich mit Lebensmitteln versehen, denn diese Gegend war eine Wildniß, in der nichts zu bekommen war. Der Platz unter einer riesigen Eiche, wo die Cavalcade Halt zu machen pflegte, um das Mittagsmahl einzunehmen, ist heutigen Tages noch nicht vergessen. Die ungewöhnliche Strenge, mit der die Strafrechtspflege dort gehandhabt wurde, machte einen erschütternden Eindruck auf solche Beobachter, welche bis dahin in ruhigeren Distrikten gelebt hatten. Wer bei einem Einbruche oder einem Viehdiebstahle ergriffen wurde, den verurtheilten die von Haß und dem Gefühle der gemeinsamen Gefahr erfüllten Geschwornen mit der summarischen Schnelligkeit eines Kriegsgerichts bei einer Meuterei, und die Verurtheilten wurden zu Zwanzigen an den Galgen geschickt.10 Noch zu einer Zeit, deren sich manche Leute der jetzigen Generation erinnern können, fand der Waidmann, den die Verfolgung des Wildes zu den Quellen des Tyne führte, die Haiden in der Umgegend von Keeldar Castle von Menschen bewohnt, die kaum weniger wild waren, als die Indianer von Kalifornien, und hörten mit Erstaunen halb nackte Weiber einen wilden Gesang anstimmen, während die Männer mit geschwungenen Dolchen einen Kriegstanz aufführten.11

Langsam und mit großer Mühe wurde endlich die Ruhe in dem Grenzgebiete hergestellt, und mit derselben fanden sich auch Gewerbfleiß und alle Künste des Lebens ein. Mittlerweile machte man die Entdeckung, daß die Gegenden nördlich vom Trent in ihren Kohlenlagern eine reichere Quelle des Wohlstandes besaßen, als die Goldgruben von Peru, und man überzeugte sich bald, daß in der Nähe dieser Lager fast jede Fabrik mit großem Vortheil betrieben werden konnte. In Folge dessen begann eine anhaltende Auswanderung nach dem Norden. Aus den Bevölkerungslisten von 1841 ergab es sich, daß die ehemalige erzbischöfliche Provinz York zwei Siebentel der gesammten Einwohnerzahl Englands enthielt, während man zur Zeit der Revolution annahm, daß nur ein Siebentel der Gesammtbevölkerung auf diese Provinz komme.12 In Lancashire hat sich die Einwohnerzahl um das Neunfache vermehrt, während sich dieselbe in Norfolk, Suffolk und Northamptonshire kaum verdoppelt hat.13

Staatseinkünfte im Jahre 1685. Von dem Ertrage der Steuern können wir mit größerer Sicherheit und Genauigkeit sprechen als von der Bevölkerung. Die öffentlichen Einnahmen Englands waren klein im Verhältniß zu den Hilfsquellen, die es schon damals besaß, oder im Vergleich mit den Summen, welche von den Regierungen der Nachbarländer erhoben wurden. Sie hatten sich zwar seit der Restauration fast beständig vermehrt, betrugen aber doch wenig mehr als drei Viertel von denen der Vereinigten Provinzen und kaum ein Fünftel von denen Frankreichs.

Der bedeutendste Einnahmeposten war die Accise, welche im letzten Jahre der Regierung Karl’s einen Reinertrag von fünfhundertfünfundachtzigtausend Pfund Sterling abwarf. Der Nettoertrag der Zölle belief sich in demselben Jahre auf fünfhundertdreißigtausend Pfund. Diese Abgaben lasteten nicht schwer auf der Nation. Die Heerdsteuer erregte ein viel lauteres Murren, obgleich sie bei weitem weniger eintrug. Allerdings steht auch die Unzufriedenheit, welche durch directe Steuern hervorgerufen wird, fast immer in keinem Verhältniß zu der Menge des Geldes, das sie dem Staatsschatze einbringen, und die Heerdsteuer war selbst unter den directen Steuern noch eine ganz besonders drückende, denn sie konnte nur durch Besichtigung der Wohnungen festgestellt werden, und derartige Besuche sind den Engländern von jeher in einem Grade verhaßt gewesen, von dem sich andere Ländern nur einen schwachen Begriff machen können. Die ärmeren Einwohner waren oft nicht im Stande, ihr Heerdgeld zur rechten Zeit zu bezahlen, und wenn dieser Fall eintrat, wurden sie ohne Gnade ausgepfändet, denn die Steuer war verpachtet, und der Steuerpächter ist sprichwörtlich der habgierigste und unerbittlichste Gläubiger. Die Einsammler wurden laut beschuldigt, daß sie ihre mißliebige Pflicht mit anmaßender Härte ausübten; man sagte, daß, sobald sie auf der Schwelle eines Hauses erschienen, die Kinder zu weinen begannen und die alten Weiber eiligst ihr Küchengeschirr versteckten. Ja das einzige Bett einer armen Familie ward zuweilen weggenommen und verkauft. Der jährliche Reinertrag dieser Steuer belief sich auf zweimalhunderttausend Pfund.14

Rechnen wir zu den eben erwähnten drei Hauptquellen der Staatseinkünfte die königlichen Domänen, welche damals viel bedeutender waren als gegenwärtig, die Naturalleistungen und Zehnten, welche noch nicht der Kirche überwiesen waren, die Herzogthümer Cornwall und Lancaster, sowie die Geldstrafen und Geldbußen, so finden wir, daß das gesammte Jahreseinkommen der Krone recht gut auf ungefähr eine Million viermalhunderttausend Pfund geschätzt werden kann. Ein Theil dieses Einkommens war erblich, das übrige war Karl auf Lebenszeit gesichert, und er durfte ganz nach Belieben darüber verfügen. Was er an dem Aufwande für die verschiedenen Departements der Verwaltung ersparen konnte, war ein Beitrag zu seiner Privatchatulle. Von dem Postwesen, dessen Erträgnisse das Parlament dem Herzoge von York zugetheilt hatte, werden wir nachher ausführlicher sprechen.

Auf den Einkünften des Königs lastete — oder hätte vielmehr lasten sollen, — die jährliche Ausgabe von achtzigtausend Pfund als Zinsen für die Summe, welche die Cabale betrügerischer Weise im Staatsschatze zurückgehalten hatte. So lange Danby an der Spitze der Finanzverwaltung stand, hatten die Gläubiger ihre Zinsen erhalten, wenn auch nicht mit der strengen Pünktlichkeit der neueren Zeit; seine Nachfolger im Schatzamte aber hatten es weniger verstanden oder es weniger für nöthig erachtet, den öffentlichen Credit aufrecht zu erhalten. Seit dem Siege, den der Hof über die Whigs davongetragen, war nicht ein Farthing bezahlt worden, und die darunter Leidenden hatten keine Aussicht, eher etwas zu erhalten, als bis eine neue Dynastie und mit dieser ein neues System zur Herrschaft gelangte. Es kann keinen größeren Irrthum geben, als wenn man glaubt, die Erfindung, die Bedürfnisse des Staatshaushaltes durch Anlehen zu decken, sei durch Wilhelm III. auf unserer Insel eingeführt worden. Schon seit undenklichen Zeiten haben alle englischen Regierungen Schulden gemacht. Die Revolution brachte nur den Gebrauch mit, dieselben ehrlich zu bezahlen.15

Durch Beraubung der Staatsgläubiger wurde es möglich, mit einem Einkommen von ungefähr vierzehnhunderttausend Pfund, nebst einigen gelegentlichen Zuschüssen aus Frankreich, die nothwendigen Ausgaben der Regierung und den verschwenderischen Aufwand des Hofes zu bestreiten. Denn die Last, welche am schwersten auf den Finanzen der großen Staaten des Continents lag, wurde bei uns kaum gefühlt. In Frankreich, in Deutschland und in den Niederlanden wurden mitten im Frieden Armeen unterhalten, wie Heinrich IV. und Philipp II. sie in Kriegszeiten nicht verwendeten. Allenthalben erhoben sich Bastionen und Schanzwerke, welche nach Systemen angelegt waren, die Parma und Spinola nicht gekannt hatten. Es wurden Vorräthe von Geschützen und Kriegsbedarf aufgehäuft, welche selbst Richelieu, den die vorhergehende Generation als einen Schöpfer von Wunderwerken betrachtet hatte, fabelhaft genannt haben würde. Man konnte in diesen Ländern nicht viele Meilen weit reisen, ohne den Trommelwirbel eines auf dem Marsche begriffenen Regiments zu hören oder von den Schildwachen auf der Zugbrücke einer Festung angerufen zu werden.

Das Militairsystem. Auf unsrer Insel hingegen konnte man lange leben und weite Reisen machen, ohne ein einziges Mal durch irgend einen kriegerischen Anblick oder Ton daran erinnert zu werden, daß die Vertheidigung der Nationen eine Wissenschaft und ein Beruf geworden war. Die meisten jungen Engländer unter fünfundzwanzig Jahren hatten vielleicht noch nie eine Compagnie regulärer Truppen gesehen, und von den Städten, welche zur Zeit des Bürgerkrieges feindliche Heere tapfer zurückgeschlagen hatten, war kaum eine jetzt im Stande, eine Belagerung auszuhalten. Die Thore waren Tag und Nacht geöffnet, die Gräben waren ausgetrocknet und die Wälle hatte man verfallen lassen oder sie nur in so weit erhalten, damit sie den Bewohnern an schönen Sommerabenden zu einem angenehmen Spaziergange dienen konnten. Von den alten Stammburgen der früheren Barone waren viele durch die Kanonen Fairfax’ und Cromwell’s zerschmettert und lagen jetzt in Trümmerhaufen, auf denen Epheu wucherte. Die verschont gebliebenen hatten ihren kriegerischen Character verloren und waren jetzt ländliche Paläste des hohen Adels. Die Wallgräben waren in Behälter für Karpfen und Hechte verwandelt, die Mauern waren mit duftenden Sträuchern und Gebüschen bepflanzt, zwischen denen sich gewundene Pfade zu reizenden Lusthäusern schlängelten, die mit Spiegeln und Gemälden reich geschmückt waren.16 Auf den Vorgebirgen der Seeküste und auf vielen Anhöhen des Binnenlandes sah man noch hohe Pfähle mit leeren Fässern auf den Spitzen derselben. Diese Fässer waren einst mit Pulver gefüllt gewesen. In Zeiten der Gefahr wurden hier Wachen aufgestellt, und wenige Stunden nachdem ein spanisches Segel im Kanal entdeckt oder nachdem ein Schwarm schottischer Räuber über den Tweed gegangen war, loderten funfzig Meilen in der Runde Signalfeuer empor und ganze Grafschaften traten unter die Waffen. Doch viele Jahre waren verflossen, seit die Lärmfeuer geleuchtet hatten, und sie wurden nur noch mehr als merkwürdige Erinnerungszeichen an alte Sitten, denn als Theile einer für die Sicherheit des Staates nöthigen Einrichtung angesehen.17

Die einzige Armee, die das Gesetz anerkannte, war die Miliz. Diese Streitmacht war durch zwei kurz nach der Restauration erlassene Parlamentsacte umgestaltet worden. Jeder, der aus Grundeigenthum ein jährliches Einkommen von fünfhundert Pfund bezog oder ein bewegliches Vermögen von sechstausend Pfund besaß, war verpflichtet, auf seine Kosten einen Reiter zu liefern, zu equipiren und zu unterhalten, und wer funfzig Pfund jährlich von Grundbesitz bezog oder sechshundert Pfund bewegliches Vermögen hatte, mußte in gleicher Weise einen Lanzknecht oder einen Musketier stellen. Kleinere Grundbesitzer wurden zu einer Art Societät verbunden, für welche unsre Sprache keinen besonderen Namen hat, die aber ein Athenienser eine Synteleia genannt haben würde, und jede solche Societät war gehalten, je nach ihren Mitteln einen Reiter oder einen Fußsoldaten zu liefern. Die Gesammtzahl der auf diese Weise zusammengebrachten Reiterei und Infanterie wurde gewöhnlich auf hundertdreißigtausend Mann geschätzt.

Kraft der alten Verfassung des Reichs und durch die neuere feierliche Anerkennung beider Parlamentshäuser war der König der einzige Generalcapitain dieser starken Streitmacht. Die Lord Lieutenants und ihre Stellvertreter befehligten unter ihm und bestimmten die Zusammenkünfte zur Waffenübung und Musterung. Diese Übungen und Musterungen durften jedoch nicht mehr als vierzehn Tage im Jahre Zeit wegnehmen. Die Friedensrichter waren ermächtigt, für Disciplinarvergehen leichte Strafen zuzuerkennen. Die Krone trug zu den gewöhnlichen Kosten nichts bei; wenn aber die Miliz gegen den Feind aufgeboten wurde, so fiel ihr Unterhalt den allgemeinen Staatseinkünften zur Last und sie war dann der äußersten Strenge der Kriegsgesetze unterworfen.

Von Vielen wurde jedoch die Miliz nicht mit freundlichem Auge betrachtet. Leute, die oft auf dem Continent gereist waren und die trotzige Entschiedenheit bewundert hatten, mit welcher in den von Vauban erbauten Festungen jede Schildwache sich bewegte und sprach, die die gewaltigen Heere gesehen hatten, die sich auf allen Straßen Deutschlands dahin wälzten, um den Osmanen von den Thoren Wiens zu verjagen, und die über die wohlgeordnete Pracht der Haustruppen König Ludwigs gestaunt hatten, machten sich bei jeder Gelegenheit darüber lustig, wie die plumpen Bauern von Devonshire und Yorkshire marschirten, sich bewegten und ihre Gewehre oder Piken trugen. Die Feinde der Freiheiten und der Religion Englands blickten mit entschiedener Abneigung auf eine Streitmacht, welche nicht ohne die größte Gefahr gegen diese Freiheiten und gegen diese Religion verwendet werden konnte, und sie benutzten jede Gelegenheit, um das ländliche Kriegsvolk zu verspotten.18 Und selbst aufgeklärte Patrioten mußten bei Vergleichung der ungeübten Truppen mit den wohl disciplinirten Bataillonen, welche in Kriegszeiten binnen wenigen Stunden an die Küste von Kent oder Sussex gelangen konnten, eingestehen, daß, so gefährlich auch die Unterhaltung eines stehenden Heeres sein könne, es am Ende doch noch weit gefährlicher sei, die Ehre und Unabhängigkeit des Landes in einem Kampfe zwischen Bauern unter der Anführung von Friedensrichtern, und langgedienten Kriegern unter dem Commando der Marschälle Frankreichs aufs Spiel zu setzen. Im Parlament mußte man jedoch solche Ansichten mit einiger Vorsicht aussprechen, denn die Miliz war eine außerordentlich populäre Institution. Jede tadelnde Bemerkung gegen dieselbe erregte den Unwillen beider großen Parteien im Staate und ganz besonders derjenigen, die sich vorzugsweise durch ihren Eifer für die Monarchie und für die anglikanische Kirche auszeichneten. Das Aufgebot der Grafschaften wurde fast ausschließlich durch Tories vom Adel und von der Gentry befehligt, und diese, stolz auf ihren militairischen Rang, betrachteten jede Beleidigung des Dienstes, dem sie angehörten, als eine Beleidigung ihrer selbst. Auch erkannten sie recht gut, daß Alles was gegen die Miliz gesagt wurde indirect für ein stehendes Heer sprechen sollte, und der bloße Name eines stehenden Heeres war ihnen schon verhaßt. Eine solche Armee hatte bereits einmal in England geherrscht und unter dieser Herrschaft war der König ermordet, der Adel seiner Ehren und Titel beraubt, die bürgerlichen Grundbesitzer ausgeplündert und die Kirche verfolgt worden. Es gab kaum einen Landedelmann, der nicht eine Geschichte von Beschimpfungen und Unbilden zu erzählen wußte, die er oder sein Vater von Seiten der Soldaten des Parlaments zu ertragen gehabt hatte. Jener alte Cavalier hatte es mit ansehen müssen, wie die Hälfte seines Stammschlosses in die Luft gesprengt ward; einem Andern waren seine uralten Ulmen umgehauen worden; ein Dritter konnte nicht in die Kirche seines Sprengels gehen, ohne durch die verstümmelten Wappen und Standbilder seiner Ahnen daran erinnert zu werden, daß Cromwells Rothröcke einst diese Räume zum Stall für ihre Pferde benutzt hatten. In Folge dessen waren gerade die Royalisten, welche am bereitwilligsten persönlich für den König gekämpft haben würden, die Letzten, von denen er die Mittel zur Werbung regulärer Truppen zu verlangen wagen durfte.

Gleichwohl hatte Karl einige Monate nach seiner Wiedereinsetzung angefangen, eine kleine stehende Armee zu errichten. Er fühlte, daß ohne einen besseren Schutz als den der Miliz und seiner Leibwächter sein Palast und seine Person in der Nähe einer großen Stadt, in der es von eben erst entlassenen kriegslustigen Männern der fünften Monarchie wimmelte, kaum sicher sein würden. Trotz seiner Sorglosigkeit und Verschwendungssucht beschloß er daher, seine Ausgaben für Vergnügungen in soweit zu beschränken, daß er die zum Unterhalt einer Leibgarde erforderliche Summe ersparte. Mit der Zunahme des Handels und des öffentlichen Wohlstandes vermehrten sich auch seine Einkünfte, und er wurde dadurch in den Stand gesetzt, trotz des gelegentlichen Murrens der Gemeinen, seine reguläre Streitmacht nach und nach zu verstärken. Noch wenige Monate vor dem Ende seiner Regierung erhielt dieselbe einen ansehnlichen Zuwachs. Die kostspielige, nutzlose und ungesunde Besitzung Sanger, wurde den umwohnenden Barbaren überlassen und die aus einem Regiment Reitern und zwei Regimentern Fußvolk bestehende Garnison nach England zurückgebracht.

Die kleine Armee, welche Karl II. auf diese Art gebildet, war der Keim zu seinem großen und berühmten Heere, das in dem gegenwärtigen Jahrhundert siegreich in Madrid und Paris, in Canton und Kandahar eingezogen ist. Die Leibgarden, welche jetzt zwei Regimenter bilden, bestanden damals aus drei Abtheilungen, von denen jede ohne die Offiziere zweihundert Carabiniers zählte. Dieses Corps, dem die Bewachung des Königs und der Königlichen Familie anvertraut war, hatte einen ganz eigenthümlichen Character. Selbst die Gemeinen wurden „Gentlemen von der Garde“ genannt; viele von ihnen waren von guter Familie und hatten während der Bürgerkriege Offizierstellen bekleidet. Ihr Sold war bedeutend höher als in unsrer Zeit der des bevorzugtesten Regiments und würde damals als ein ganz anständiges Einkommen für den jüngeren Sohn eines Landedelmanns betrachtet worden sein. Ihre schönen Pferde, ihre kostbaren Schabracken, ihre Brustharnische und ihre mit Bändern, Sammet und Goldtressen reich verzierten Wämser nahmen sich in St. James Park prächtig aus. Jeder Abtheilung war ein kleines Corps Grenadier-Dragoner beigegeben, welche von niederer Herkunft waren und auch geringeren Sold erhielten. Eine andere Truppe Leibcavallerie, die sich durch blaue Röcke und Mäntel unterschied und daher noch jetzt „die Blauen“ genannt wird, lag gewöhnlich in der Umgegend der Hauptstadt in Garnison. Eben so stand in der Nähe der Hauptstadt das Corps, welches gegenwärtig als das erste Dragonerregiment bezeichnet wird, damals aber das einzige derartige Regiment der englischen Armee war. Dieses Regiment war erst kürzlich aus der von Tanger zurückgekehrten Reiterei gebildet worden. Ein besonderer Zug Dragoner, der keinem Regiment angehörte, stand unweit Berwick, um die Räuber des Grenzgebiets im Schach zu halten, denn zu diesem Dienste wurde der Dragoner als besonders geeignet betrachtet. Später ist er ein bloßer Reitersoldat geworden; im siebzehnten Jahrhundert aber beschrieb ihn Montecucculi genau als einen Fußsoldaten, der sich des Pferdes nur dazu bediente, um schneller an den Ort zu gelangen, wo es militairischen Dienst zu verrichten gab.

Die Gardeinfanterie bestand aus zwei Regimentern, welche damals, wie noch jetzt das erste Regiment Fußgarden und die Coldstreamgarden genannt wurden und in der Regel um Whitehall und St. James Palast Dienste thaten. Da es damals noch keine Kasernen gab, nach der „Petition um Recht“ aber Militair in Privatwohnungen nicht einquartirt werden durfte, so waren alle Alehäuser in den Stadttheilen Westminster und Strand mit Rothröcken angefüllt.

Außerdem gab es noch fünf andere Infanterieregimenter. Eines davon, das sogenannte Admiral’s-Regiment, war speciell für den Dienst auf der Flotte bestimmt, und die vier übrigen werden noch jetzt als die vier ersten Linienregimenter bezeichnet. Zwei davon repräsentirten zwei Brigaden, welche auf dem Continente lange Zeit den Ruf der britischen Tapferkeit aufrecht erhalten hatten. Das erste oder Königliche Regiment hatte unter dem großen Gustav zur Befreiung Deutschlands wesentlich beigetragen, und das dritte Regiment, das sich durch fleischfarbene Aufschläge unterschied, welche ihm den allbekannten Namen der „Buffs“ (Rothgelben oder Büffelhäute) verschafften, hatte unter Moritz von Nassau nicht weniger tapfer für die Befreiung der Niederlande gefochten. Diese beiden wackeren Truppen waren endlich nach langen, wechselvollen Kämpfen von Karl II. aus dem fremden Dienste zurückgerufen und auf den englischen Militairetat gesetzt.

Die beiden Regimenter, welche gegenwärtig als das zweite und vierte Linienregiment bezeichnet werden, waren 1685 eben erst aus Tanger zurückgekehrt und hatten von dort grausame und ausschweifende Gewohnheiten mitgebracht, die sie während ihres langjährigen Krieges mit den Mauren angenommen. Außerdem lagen noch einige Compagnien Fußvolk, welche noch keinem Regimente einverleibt waren, als Garnison in Tilburg’ Fort, Portsmouth, Plymouth und einigen anderen wichtigen Plätzen an oder unweit der Küste.

Seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts war in der Bewaffnung der Infanterie eine wichtige Veränderung eingetreten. Die Lanze war nach und nach durch die Muskete verdrängt worden, und am Schlusse der Regierung Karl’s II. waren die meisten seiner Fußsoldaten Musketiere. Es befanden sich indessen noch immer eine bedeutende Anzahl Lanzenträger darunter. Jede Truppengattung wurde gelegentlich im Gebrauche der Waffe geübt, welche vorzugsweise der anderen Gattung angehörte. Der Fußsoldat war zum Gebrauch beim Handgemenge mit einem Seitengewehr versehen; der Dragoner war bewaffnet wie ein Musketier und trug ebenfalls noch eine Nebenwaffe, die im Laufe vieler Jahre nach und nach eingeführt wurde und welche die Engländer damals Dolch (dagger) nannten, für die aber seit unsrer Revolution der französische Name Bajonett angenommen ist. Das Bajonett scheint jedoch damals noch kein so furchtbares Mordwerkzeug gewesen zu sein, als es nachmals geworden ist, denn es wurde in der Mündung des Gewehres befestigt und der Soldat verlor viel Zeit mit dem Herausziehen des Bajonetts, wenn er feuern wollte, und mit dem Aufstecken desselben, wenn er im Sturm angreifen mußte.

Die reguläre Armee, welche zu Anfang des Jahres 1685 in England unterhalten wurde, bestand mit Einschluß der Offiziere aus etwa siebentausend Mann Fußvolk und ungefähr siebzehnhundert Mann Reitern und Dragonern. Die sämmtlichen Kosten ihres Unterhalts beliefen sich auf etwa zweihundertneunzigtausend Pfund jährlich, das heißt noch nicht ein Zehntel von dem, was das französische Heer damals in Friedenszeiten kostete. Der Tagessold eines Gemeinen von der Leibgarde war vier Schilling, bei den Blauen zwei und ein halber Schilling, bei den Dragonern achtzehn Pence, bei der Fußgarde zehn Pence und bei der Linie acht Pence. Die Disciplin war locker und sie konnte auch nicht anders sein. Das englische gemeine Recht wußte nichts von Kriegsgerichten und machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen dem Soldaten und jedem andren Bürger; auch durfte es die Regierung damals nicht wagen, selbst das loyalste Parlament um ein Aufruhrgesetz anzugehen. Wenn daher ein Soldat seinen Obersten zu Boden schlug, so traf ihn dafür nur die gewöhnliche, auf Thätlichkeiten und Mißhandlungen gesetzte Strafe, und wenn er einem Befehl nicht gehorchte, oder auf seinem Wachposten einschlief oder desertirte, so verwirkte er dadurch gar keine gesetzliche Strafe. Allerdings wurden unter der Regierung Karl’s II. ohne Zweifel militairische Strafen verhängt, aber doch nur selten und in einer Weise, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit nicht erregten und keine Berufung an die Gerichtshöfe von Westminsterhall veranlaßten.

Ein solches Heer war sicherlich nicht geeignet, fünf Millionen Engländer zu knechten; es würde kaum im Stande gewesen sein, einen Aufstand in London zu unterdrücken, wenn die Stadtmiliz sich den Aufrührern angeschlossen hätte. Auch konnte der König, im Fall ein Aufstand in England ausbrach, nicht erwarten, daß er aus seinen anderen Besitzungen Beistand erhalten würde, denn obgleich sowohl Schottland als Irland ein eignes Heer unterhielten, so war dieses doch eben nur hinreichend, um die puritanischen Unzufriedenen des ersteren Landes und die papistischen Unzufriedenen des andren im Schach zu halten. Indessen hatte die Regierung eine andre bedeutende militairische Hülfsquelle, die nicht unberücksichtigt bleiben darf. Im Dienste der Vereinigten Provinzen standen sechs schöne Regimenter, welche früher der tapfere Ossory befehligt hatte. Von diesen Regimentern waren drei in England und drei in Schottland ausgehoben und ihr Landesfürst hatte sich das Recht vorbehalten, sie zurückrufen zu können, sobald er ihrer Hülfe gegen einen auswärtigen oder einheimischen Feind bedürfe. Inzwischen wurden sie unterhalten, ohne daß sie ihm selbst das Geringste kosteten, und standen unter einer vorzüglichen Disciplin, der er sie zu unterwerfen nicht hätte wagen dürfen.19

Die Seemacht. Wenn aber das Mißtrauen des Parlaments und der Nation es dem Könige unmöglich machten, ein achtunggebietendes stehendes Heer zu unterhalten, so stand ihm kein ähnliches Hinderniß entgegen, England zur ersten Seemacht zu erheben. Whigs und Tories waren gleich bereit, jeden Schritt beifällig aufzunehmen, der darauf hinzielte, eine Macht zu verstärken, welche gegen die bürgerliche Freiheit nichts vermochte, während sie der beste Schutz für die Insel gegen auswärtige Feinde war. Die größten von englischen Soldaten verrichteten Heldenthaten, deren sich die damalige Generation erinnern konnte, waren im Kampfe gegen englische Fürsten ausgeführt worden. Unsere Seeleute dagegen hatten ihre Siege über fremde Feinde erfochten und den vaterländischen Boden vor Verwüstung und Plünderung bewahrt. Der Schlacht von Naseby erinnerte sich mindestens die Hälfte der Nation mit Abscheu, und selbst der von Dunbar nur mit einem Stolze, der nicht frei war von schmerzlichen Gefühlen; an die Niederlage der Armada aber und an die Seeschlachten Blake’s gegen die Holländer und Spanier dachten alle Parteien mit ungetrübter Begeisterung zurück. Seit der Restauration hatten sich die Gemeinen, selbst in Zeiten, wo sie höchst mißvergnügt und geizig waren, stets bis zur Verschwendung freigebig gezeigt, sobald es das Interesse der Seemacht galt. Während Danby Minister war, hatte man ihnen vorgestellt, daß viele Schiffe der königlichen Flotte alt und nicht mehr seetüchtig seien, und obgleich das Haus damals eben nicht in freigebiger Stimmung war, so bewilligte es doch eine Summe von nahe an sechsmalhunderttausend Pfund zum Bau von dreißig neuen Kriegsschiffen.

Die Freigebigkeit der Nation war jedoch durch die Sünden der Regierung fruchtlos gemacht worden. Die Liste der königlichen Kriegsfahrzeuge sah zwar ganz stattlich aus; sie zählte neun Linienschiffe ersten, vierzehn zweiten, neununddreißig dritten Ranges und viele kleinere. Allerdings waren die Linienschiffe erster Größe damals kleiner als in unseren Tagen die des dritten Ranges, und die der dritten Größe würden gegenwärtig nicht mehr für sehr große Fregatten gelten. Dessen ungeachtet würde diese Flotte, wenn sie wirklich vorhanden gewesen wäre, von den größten Machthabern als eine furchtbare betrachtet worden sein. Aber sie existirte nur auf dem Papiere. Gegen das Ende der Regierung Karl’s war seine Flotte in einem so schlechten, verfallenen Zustande, daß man es kaum glauben würde, wäre es nicht durch die ganz von einander unabhängigen und übereinstimmenden Aussagen von Zeugen bestätigt, deren Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Pepys, damals der ausgezeichnetste Admiral Englands, entwarf im Jahre 1684 für den König eine Denkschrift über den Stand seines Verwaltungszweiges. Einige Monate später legte Bonrepaux, der fähigste Kopf in der französischen Admiralität, der eigens zu dem Zwecke nach England gekommen war, um die Stärke seiner Seemacht zu untersuchen, Ludwig das Resultat seiner Nachforschungen vor. Beide Berichte stimmen im Wesentlichen mit einander überein. Bonrepaux erklärte, er habe Alles in Unordnung und in jämmerlichem Zustande gefunden, die Überlegenheit der französischen Seemacht werde in Whitehall mit Beschämung und Neid anerkannt und der Zustand unsrer Marine und unserer Schiffswerften biete schon an sich hinreichende Bürgschaft dafür, daß wir uns in die europäischen Streitigkeiten nicht mischen würden.20 Pepys berichtete seinem Gebieter, daß die Verwaltung des Seewesens ein beispielloses Gewebe von Geldverschwendung, Bestechung, Unwissenheit und Sorglosigkeit sei, daß man keiner Schätzung trauen dürfe, daß kein Vertrag gehalten, kein Verbot durchgesetzt würde. Die Schiffe, zu deren Bau die kürzliche Freigebigkeit des Parlaments die Regierung in den Stand gesetzt und welche noch nie den Hafen verlassen hatten, waren von so schlechtem Holze gezimmert, daß sie weniger seetüchtig waren als die alten Wracks, welche vor dreißig Jahren durch die Kanonen der Holländer und Spanier zerschossen wurden. Einige von den neuen Kriegsschiffen waren wirklich schon so verfault, daß sie auf ihren Ankerplätzen sinken mußten, wenn sie nicht schleunigst reparirt wurden. Und dabei wurden die Matrosen so unpünktlich bezahlt, daß sie froh waren, wenn sie einen Wucherer fanden, der ihre Soldanweisungen mit vierzig Procent Abzug kaufte. Die Commandanten, welche keine mächtigen Freunde bei Hofe hatten, waren noch schlimmer daran, und mehrere Offiziere, welche bedeutende Rückstände zu fordern hatten, waren, nachdem sie die Regierung viele Jahre hindurch vergebens um Bezahlung angegangen, aus Mangel an einem Stück Brod gestorben.

Die meisten brauchbaren Kriegsschiffe wurden von Männern befehligt, welche nicht für den Seedienst erzogen und gebildet waren. Dies war allerdings kein Mißbrauch, den die Regierung Karl’s eingeführt hatte. Kein alter oder neuer Staat hatte bis dahin den Seedienst streng von dem Landkriegsdienste getrennt. Bei den großen civilisirten Nationen der alten Welt hatten Cimon und Lysander, Pompejus und Agrippa zur See so gut wie zu Lande Schlachten geliefert, und auch der Aufschwung, den die Schifffahrtskunde am Schlusse des fünfzehnten Jahrhunderts nahm, hatte keinen wesentlichen Fortschritt in der Theilung des Dienstes zur Folge gehabt. Bei Flodden wurde der rechte Flügel des siegreichen Heeres von dem englischen Admiral befehligt; bei Jarnac und Moncontour führte der französische Admiral die Reihen der Hugenotten. Weder Johann von Österreich, der Sieger von Lepanto, noch Lord Howard von Effingham, dessen Leitung die britische Seemacht anvertraut war, als die Spanier sich in feindseliger Absicht unseren Küsten näherten, hatte eine seemännische Erziehung genossen. Der als Schiffscommandant so hoch gerühmte und gefeierte Raleigh hatte mehrere Jahre in Frankreich, den Niederlanden und Irland als Soldat gedient. Blake hatte sich durch seine geschickte und tapfere Vertheidigung einer Binnenstadt ausgezeichnet, bevor er den übermüthigen Stolz Hollands und Castiliens zur See beugte. Das nämliche System war auch nach der Restauration noch befolgt worden, man hatte die Führung großer Flotten Ruprecht und Monk übertragen, von denen Ersterer vorzugsweise als ein feuriger und waghalsiger Reiteroffizier bekannt war und Letzterer die Heiterkeit seines Schiffsvolks erregte, wenn er, um die Richtung seines Schiffes verändern zu lassen, „links abgeschwenkt!“ commandirte.

Um diese Zeit aber kamen kluge Männer zu der Einsicht, daß die raschen Fortschritte in der Kriegskunst, wie in der Schifffahrtskunde es nöthig machten, zwischen diesen beiden bisher vermischten Berufsarten eine Scheidelinie zu ziehen. Das Commando eines Regiments sowohl wie eines Schiffes war jetzt eine Beschäftigung, welche die ganze Thätigkeit eines Mannes in Anspruch nahm. Die französische Regierung beschloß daher im Jahre 1672, junge Männer aus guter Familie von früher Jugend an ausschließlich für den Seedienst heranbilden zu lassen. Anstatt aber dieses treffliche Beispiel nachzuahmen, verlieh die englische Regierung nicht nur nach wie vor hohe Schiffscommando’s an Offiziere des Landheeres, sondern wählte dazu sogar solche Leute, denen man auch zu Lande einen wichtigen Posten nicht mit Ruhe hätte übertragen können. Jeder junge Laffe von adeliger Abkunft, jeder sittenlose Höfling, für den eine der Maitressen des Königs ein gutes Wort einlegte, durfte hoffen, daß ein Linienschiff und mit demselben die Ehre des Landes und das Leben von Hunderten wackerer Seeleute seiner Obhut anvertraut werden würde. Daß er in seinem Leben noch keine andre Reise zu Wasser als auf der Themse gemacht, daß er sich bei einem Sturme nicht auf den Füßen erhalten und die Längengrade nicht von den Breitengraden unterscheiden konnte, war Nebensache. Eine vorhergehende Ausbildung für seinen Beruf wurde nicht für nöthig erachtet, oder man schickte ihn höchstens auf kurze Zeit auf ein Kriegsschiff, wo er keiner Disciplin unterworfen, mit ausgezeichneter Achtung behandelt wurde und seine Zeit unter Vergnügungen und Lustbarkeiten hinbrachte. Lernte er in den wenigen Stunden zwischen Schmausen, Trinken und Spielen die Bedeutung einiger technischer Ausdrücke und die Benennungen der Compaßstriche, so war er vollkommen befähigt, um das Commando eines Dreideckers zu übernehmen. Diese Schilderung ist durchaus nicht übertrieben. Im Jahre 1666 diente der siebzehnjährige John Sheffield, Earl von Mulgrave, als Freiwilliger zur See gegen die Holländer. Er brachte sechs Wochen auf seinem Schiffe zu, amüsirte sich nach Möglichkeit in Gesellschaft einiger junger vornehmer Wüstlinge und kehrte dann nach Hause zurück, um das Commando einer Reitertruppe zu übernehmen. Hierauf ging er nicht wieder zur See bis zum Jahre 1672, wo er abermals in die Marine eintrat und fast sogleich zum Kapitain eines Schiffes von vierundachtzig Kanonen, das für das schönste der ganzen Flotte galt, ernannt wurde. Er war damals dreiundzwanzig Jahr alt und hatte im Ganzen keine drei Monate auf der See zugebracht. Sobald er wieder ans Land zurückkam, wurde er zum Obersten eines Infanterieregiments ernannt. Dies ist ein Beispiel von der Art und Weise, wie zur damaligen Zeit die höchsten Befehlshaberposten in der Marine vergeben wurden, und zwar ist es noch ein günstiges Beispiel, denn es fehlte Mulgrave allerdings an Erfahrung, aber wenigstens nicht an Talent und Muth. Auf dieselbe Art wurden jedoch auch Andere befördert, welche nicht nur keine guten Offiziere waren, sondern denen es selbst an der geistigen und sittlichen Befähigung fehlte, jemals gute Offiziere zu werden und deren einzige Empfehlung darin bestand, daß sie sich durch thörichte Verschwendung und Lasterhaftigkeit zu Grunde gerichtet hatten. Der Hauptköder, der diese Leute in den Seedienst lockte, war der Gewinn, den sie durch die Beförderung edler Metalle und anderer werthvoller Waaren von einem Hafen zum andern ziehen konnten, denn das Atlantische wie das Mittelländische Meer wurden damals durch Seeräuber aus der Barbarei so unsicher gemacht, daß die Kaufleute werthvolle Ladungen nicht gern einem anderen als einem Kriegsschiffe anvertrauten. Auf diese Weise verdiente ein Kapitain zuweilen mehrere Tausend Pfund Sterling durch eine kurze Seereise, und über dieses einträgliche Geschäft vernachlässigte er nur zu oft das Interesse seines Landes und die Ehre seiner Flagge, erniedrigte sich fremden Mächten gegenüber, mißachtete die bestimmtesten Befehle seiner Vorgesetzten, lag unthätig in einem Hafen, während er auf einen Seeräuber von Salleh Jagd machen sollte, oder segelte mit einer Geldladung nach Livorno, während seine Instructionen ihn nach Lissabon riefen. Und dies Alles konnte er ungestraft thun. Der nämliche Einfluß, der ihm den Posten, für den er ganz untauglich war, verschafft hatte, erhielt ihn auch auf demselben. Ein Admiral, der von diesen verderbten und leichtsinnigen Palastgünstlingen zum Besten gehalten wurde, wagte es kaum, ihnen schüchtern mit dem Kriegsgericht zu drohen. Zeigte ein Offizier mehr Pflichtgefühl als seine Kameraden, so gelangte er bald zu der Einsicht, daß er dadurch Geld verlor, ohne Ehre zu gewinnen. Zu einem Kapitain, der durch strenge Befolgung der Admiralitätsbefehle sich eine Ladung entgehen ließ, die ihm viertausend Pfund Sterling eingebracht haben würde, sagte Karl mit unedler Leichtfertigkeit, er sei ein rechter Narr, daß er so gewissenhaft gehandelt habe.

Die Disciplin der Flotte war durchgängig in allen Rangverhältnissen gleich. Wie der höfische Kapitain die Admiralität verachtete, so wurde er wieder von seiner Mannschaft verachtet. Es ließ sich nicht verhehlen, daß er in seemännischen Kenntnissen jedem Matrosen an Bord nachstand, und man konnte daher nicht erwarten, daß alte Seeleute, die mit den Stürmen der Tropengegenden und mit den Eisbergen der Polarmeere vertraut waren, einem Vorgesetzten, der von Wind und Wellen nicht mehr wußte, als man auf einer Fahrt in vergoldeter Barke zwischen Whitehall-Stairs und Hampton-Court lernen konnte, pünktlichen und ehrerbietigen Gehorsam leisten sollte. Einem solchen Neuling die Leitung eines Schiffes anzuvertrauen, war geradezu unmöglich. Diese wurde demnach dem Kapitain entzogen und dem ersten Leutnant übertragen; aber diese Theilung der Autorität hatte unzählige Nachtheile in ihrem Gefolge. Eine strenge Grenzlinie war nicht gezogen und konnte vielleicht auch nicht gezogen werden; daher gab es beständig Streit und Zank. Der Kapitain, der um so gebieterischer auftrat, je unwissender er war, behandelte seinen Leutnant mit vornehmer Geringschätzung, und der Leutnant, der wohl wußte, wie gefährlich es für ihn werden konnte, wenn er sich seinen mächtigen Vorgesetzten zum Feinde machte, gab nur zu oft gegen seine Überzeugung nach kurzem Widerstreben nach, und man konnte noch von Glück sagen, wenn Schiff und Mannschaft nicht dabei zu Grunde gingen. In der Regel waren die unschädlichsten unter den hochadeligen Kapitainen diejenigen, welche die Leitung ihres Schiffes ganz und gar anderen Händen überließen und sich nur damit beschäftigten, Geld zu verdienen und zu verschwenden. Diese Herren führten indeß ein so glänzendes und üppiges Leben, daß sie bei all’ ihrer Habgier doch nur selten reich wurden. Sie kleideten sich beständig wie zu einer Galacour in Versailles, speisten von Silbergeschirr, tranken die feinsten Weine und hielten förmliche Harems auf ihren Schiffen, während Hunger und Skorbut unter der Mannschaft wütheten und täglich Leichname über Bord geworfen wurden.

Dies war der gewöhnliche Character derjenigen, welche damals Gentlemen-Kapitaine genannt wurden. Zum Glück für unser Vaterland gab es jedoch unter ihnen auch Schiffscommandeure ganz anderer Art, Männer, die ihr ganzes Leben auf dem Meere zugebracht und sich von der niedrigsten Stufe zu Rang und Auszeichnung emporgearbeitet und gekämpft hatten. Einer der vorzüglichsten von diesen Offizieren war Sir Christoph Mings, der als Kajütenjunge in den Dienst trat, im tapferen Kampfe gegen die Holländer fiel und von seiner Mannschaft unter Thränen und Rachegelübden zu Grabe getragen ward. Von ihm stammten gewissermaßen durch eine eigenthümliche Art von Nachkommenschaft eine Reihe tapferer und erfahrener Seeleute ab. Sein Kajütenjunge war Sir John Narborough, und dessen Kajütenjunge wieder Sir Cloudesley Shovel. Dem ausgezeichneten natürlichen Verstande und dein unerschrockenen Muthe dieser Klasse von Männern ist England zu großem Danke verpflichtet, den es nie vergessen darf. Durch solche energische Charactere wurden trotz schlechter Verwaltung und trotz der Mißgriffe höfischer Admiräle, viel traurige und gefahrvolle Jahre hindurch unsere Küsten beschützt und der gute Ruf unserer Flagge aufrecht erhalten. Dem Nichtseemanne erschienen diese „Theerjacken“, wie man sie nannte, als ein ganz sonderbares und halb wildes Geschlecht. Ihre Kenntnisse beschränkten sich lediglich auf ihren Beruf, und auch diese waren mehr praktischer als theoretischer Art. Außerhalb ihres Elements waren sie einfältig wie Kinder; ihr Benehmen war unbeholfen, selbst in ihrer Treuherzigkeit lag etwas Rauhes und wo ihre Rede nicht mit Seemannsausdrücken durchflochten war, strotzte dieselbe nur zu häufig von Flüchen und Schwüren. Dies waren die Befehlshaber, unter deren strenger Zucht jene rauhen Krieger gebildet wurden, nach denen Smollet im folgenden Jahrhundert den Leutnant Bowling und den Commodore Trunnion zeichnete. Es scheint jedoch unter keinem der Stuarts einen einzigen Flottenoffizier gegeben zu haben, wie er nach den Begriffen unserer Zeit sein soll, das heißt ein Mann, der in der Theorie wie in der Praxis seines Berufs gleich erfahren, gegen alle Gefahren des Kampfes und des Sturmes abgehärtet ist und dabei doch einen gebildeten Geist und feine Manieren besitzt. Es gab in der Flotte Karl’s II. Gentlemen und Seemänner; aber die Seemänner waren keine Gentlemen und die Gentlemen keine Seemänner.

Die englische Seemacht hatte nach den genauesten Schätzungen, welche auf uns gekommen sind, mit einem Aufwande von dreihundertachtzigtausend Pfund jährlich in gutem Zustande erhalten werden können. In Wirklichkeit aber wurden vierhunderttausend Pfund für dieselbe ausgegeben, und mit wie geringem Nutzen, haben wir eben gesehen. Die französische Marine kostete ungefähr eben so viel zu unterhalten, die holländische dagegen bedeutend mehr.21

Die Artillerie. Die Kosten der britischen Artillerie waren im siebzehnten Jahrhundert im Vergleich mit den Ausgaben für andere Bedürfnisse des Heeres und der Flotte, weit geringer als gegenwärtig. Wohl befanden sich bei allen Besatzungen Geschütze und an diesem und jenem wichtigen Platze auch ein Ingenieur; aber es gab kein besonderes Artillerieregiment, keine Brigade Sappeurs und Mineurs und keine Anstalt, in der junge Leute die wissenschaftliche Seite der Kriegführung lernen konnten. Die Schwierigkeit, Feldstücke zu transportiren, war außerordentlich groß. Als Wilhelm einige Jahre später aus Devonshire nach London marschirte, erregte der Kriegsapparat, den er mit sich führte, obgleich ein solcher auf dem Festlande schon längst in Gebrauch war und derselbe gegenwärtig in Woolwich als roh und schwerfällig gelten würde, bei unseren Vorfahren die nämliche Bewunderung, mit der die Indianer Amerika’s die kastilianischen Büchsen betrachteten. Von dem Pulvervorrathe, welcher damals in den britischen Festungen und Zeughäusern aufbewahrt wurde, sagen patriotische Schriftsteller der damaligen Zeit, daß derselbe den Nachbarvölkern wohl Respect einflößen werde. Er belief sich auf vierzehn- bis fünfzehntausend Fässer, ungefähr ein Zwölftel des Quantums, das man in unseren Tagen immer vorräthig zu halten für nöthig erachtet. Die Ausgaben für die Artillerie betrugen im Durchschnitt etwas über sechzigtausend Pfund jährlich.22

Die Gesammtkosten für den Effektivbestand der Armee, der Marine und der Artillerie beliefen sich auf etwa siebenhundertfunfzigtausend Pfund. Ausgaben für den nichtaktiven Dienst, welche gegenwärtig einen sehr bedeutenden Theil unserer Staatslasten bilden, gab es damals so gut wie gar nicht. Nur eine sehr geringe Anzahl von Seeoffizieren, die nicht im wirklichen Dienste angestellt waren, bezog halben Sold. Auf der Liste stand kein Leutnant und sogar kein Kapitain, der nicht ein Schiff ersten oder zweiten Ranges befehligt hatte. Da nun das Land damals nur siebzehn Schiffe ersten und zweiten Ranges besaß, welche jemals zur See gewesen waren, und ein großer Theil der Offiziere, welche derartige Schiffe commandirt hatten, einträgliche Posten zu Lande bekleideten, so können die Ausgaben unter dieser Rubrik in der That nur sehr unbedeutend gewesen sein.23 Bei dem Landheere wurde der halbe Sold ebenfalls nur als eine besondere und zeitweilige Vergünstigung einer kleinen Anzahl von Offizieren zweier bevorzugter Regimenter bewilligt.24 Das Hospital von Greenwich war noch nicht gegründet; das von Chelsea war im Bau begriffen, aber die Kosten dieser Anstalt wurden zum einen Theil durch einen Abzug von der Löhnung der Truppen, zum andern durch Privatbeiträge bestritten. Der König versprach nur zwanzigtausend Pfund zu den Baukosten und fünftausend Pfund jährlich zum Unterhalt der Invaliden beizusteuern.25 Daß auch Invaliden außerhalb des Hospitals Pensionen erhalten sollten, lag nicht im Plane des Unternehmens. Der Gesammtaufwand für den nicht aktiven Land- und Seedienst kann zehntausend Pfund des Jahres kaum überstiegen haben. Jetzt beträgt derselbe täglich über zehntausend Pfund.

Kosten der Civilverwaltung. Von den Kosten der Civilverwaltung trug die Krone nur einen kleinen Theil. Die große Mehrzahl der Beamten, denen die Ausübung der Justiz und die Aufrechthaltung der Ordnung übertragen war, leisteten ihre Dienste dem Publikum entweder ganz unentgeltlich, oder sie wurden auf eine Weise bezahlt, daß diese Ausgabe den Staatseinnahmen nicht zur Last fiel. Die Sheriffs, Mayors und Aldermen der Städte, die Landedelleute, welche als Friedensrichter fungirten, die Oberkonstabels (Head-boroughs), Bailiffs und Unterkonstabels kosteten dem Könige nichts. Die höheren Gerichtshöfe wurden hauptsächlich durch den Ertrag ihrer Gebühren unterhalten.

Unsere Vertretung an auswärtigen Höfen war nach einem äußerst sparsamen Fuße eingerichtet. Der einzige diplomatische Agent, der den Titel eines Gesandten führte, residirte in Konstantinopel und wurde zum Theil von der Türkischen Compagnie unterhalten. Sogar am Hofe von Versailles hatte England nur einen Geschäftsträger, und an dem spanischen, schwedischen und dänischen Hofe nicht einmal einen solchen. Die Gesammtausgaben unter dieser Rubrik können im letzten Jahre der Regierung Karl’s II. nicht viel über zwanzigtausend Pfund betragen haben.26

Große Einkünfte der Minister und Höflinge. Diese Sparsamkeit war jedoch keineswegs lobenswerth. Karl war wie immer knauserig am unrechten Orte und freigebig am unrechten Orte. Die Staatsdiener ließ er darben, um Höflinge zu mästen. Die Ausgaben für die Flotte, für das Geschützwesen, für Pensionirung bedürftiger alter Offiziere und für die auswärtigen Gesandtschaften müssen der jetzigen Generation sehr gering erscheinen. Dagegen wurden die persönlichen Günstlinge des Königs, seine Minister und die Kreaturen dieser Minister mit dem Gelde des Landes förmlich überschüttet. Ihre Gehalte und Pensionen waren im Vergleich zu den Einkünften des hohen Adels, der Gentry und der Handels- und Gewerbsleute jener Zeit ungeheuer. Die größten Vermögen im Königreiche überstiegen damals wenig mehr als zwanzigtausend Pfund Renten. Der Herzog von Ormond hatte jährlich zweiundzwanzigtausend Pfund,27 der Herzog von Buckingham, bevor sein großes Vermögen sich durch Verschwendung vermindert, neunzehntausendsechshundert Pfund zu verzehren.28 Georg Monk, Herzog von Albemarle, der zum Lohn für seine ausgezeichneten Dienste mit unermeßlichen Kronländereien beschenkt worden und wegen seiner Geldgier wie wegen seines Geizes gleich bekannt war, hinterließ fünfzehntausend Pfund jährlicher Einkünfte von Grundstücken und sechzigtausend Pfund zinsbar angelegte Kapitalien, welche höchst wahrscheinlich sieben Prozent trugen.29 Diese drei Herzöge galten allgemein für drei der reichsten englischen Unterthanen. Der Erzbischof von Canterbury kann kaum fünftausend Pfund jährlich gehabt haben.30 Das durchschnittliche Einkommen eines weltlichen Peers wurde von den Bestunterrichteten auf dreitausend Pfund, das eines Baronets auf neunhundert, das eines Mitglieds des Unterhauses auf weniger als achthundert Pfund geschätzt.31 Tausend Pfund jährlich galt als ein hohes Einkommen für einen Rechtsanwalt. Auf zweitausend Pfund brachte man es kaum beim Gerichtshofe der Kings-Bench, die Kronanwälte ausgenommen.32 Aus dem allen ergiebt es sich, daß ein öffentlicher Beamter gut bezahlt gewesen wäre, wenn er den vierten oder fünften Theil von dem bekommen hätte, was gegenwärtig als ein angemessener Gehalt betrachtet wird. Trotzdem aber standen sich die höheren Staatsbeamten thatsächlich eben so gut als jetzt, ja nicht selten noch besser. Der Lord Schatzmeister hatte zum Beispiel achttausend Pfund jährlich, und wenn der Staatsschatz durch eine Commission verwaltet wurde, so hatten die derselben angehörenden jüngeren Lords sechzehnhundert Pfund. Der Zahlmeister des Heeres bekam von allem Gelde, das durch seine Hände ging, eine Provision, die sich auf ungefähr fünftausend Pfund im Jahre belief. Der Oberkammerherr hatte fünftausend Pfund, die Zollcommissäre jeder zwölfhundert, die Kammerherrn jeder tausend Pfund jährlich.33 Allein der feste Gehalt war damals der geringste Theil des Einkommens eines öffentlichen Beamten. Von den Edelleuten an, welche den weißen Stab und das große Siegel führten, bis herab zu dem untersten Zollbeamten und Aichmeister wurde ungescheut und ungestraft ausgeübt, was man jetzt grobe Bestechlichkeit nennen würde. Titel, Stellen, Ämter und Begnadigungen wurden von den hohen Würdenträgern des Reichs täglich auf offenem Markte verkauft, und jeder Schreiber in irgend welchem Staatsbureau ahmte das böse Beispiel nach so gut er konnte.

Während des letzten Jahrhunderts ist kein auch noch so mächtiger Premierminister im Amte reich geworden, mehrere setzten sogar ihr Privatvermögen zu, um ihre hohe Stelle auch äußerlich würdig auszufüllen. Im siebzehnten Jahrhundert dagegen konnte ein Staatsmann, der an der Spitze der Verwaltung stand, in nicht zu langer Zeit, ohne Ärgerniß zu geben, ein Vermögen sammeln, das mehr als hinreichend war, um ein fürstliches Haus zu führen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Einkommen eines Premierministers während seiner Amtsführung das jedes anderen Unterthanen weit überstieg. Die Stelle des Lord Lieutenants von Irland wurde auf vierzigtausend Pfund jährlich geschätzt.34 Die Einkünfte des Kanzlers Clarendon, Arlingtons, Lauderdale’s und Danby’s waren kolossal. Der prachtvolle Palast, den das gemeine Volk von London Dunkirk-House nannte, die stattlichen Pavillons, die Fischteiche, der Thiergarten und die Orangerie von Euston, der mehr als italienische Luxus von Ham mit seinen Statuen, Springbrunnen und Vogelhäusern waren einige von den vielen Zeichen, welche den kürzesten Weg zu unermeßlichen Reichthümern andeuteten. Dies ist auch die wahre Ursache der rücksichtslosen Heftigkeit, mit welcher die Staatsmänner der damaligen Zeit nach hohen Ämtern rangen, der Zähigkeit, mit der sie, aller Mühseligkeiten, Demüthigungen und Gefahren ungeachtet, daran hingen, und der schmachvollen Erniedrigungen, zu denen sie sich herabließen, um dieselben zu behaupten. Selbst in unsrer Zeit würde, so groß auch die Macht der öffentlichen Meinung und so streng der Maßstab der Rechtschaffenheit gegenwärtig ist, eine beklagenswerthe Veränderung in dem Character unserer Staatsmänner ernstlich zu befürchten sein, wenn der Posten des ersten Lords des Schatzes oder des Staatssekretärs hunderttausend Pfund jährlich eintrüge. Zum Glück für unser Land sind die Einkünfte der höchsten Beamtenklasse nicht nur keineswegs im Verhältniß zu der allgemeinen Vermehrung unsres Wohlstandes gestiegen, sondern sie haben sich sogar positiv vermindert.

Zustand des Ackerbaues. Die Thatsache, daß sich der Ertrag der Steuern in England während eines Zeitraums von etwa zwei langen Menschenleben um das Dreißigfache vermehrt hat, ist auffallend und mag auf den ersten Anblick fast etwas Erschreckendes haben. Aber wen die Vermehrung der öffentlichen Lasten beunruhigt, der wird sich vielleicht wieder beruhigen, wenn er dagegen die Zunahme der öffentlichen Hülfsquellen in Erwägung zieht. Im Jahre 1685 überstieg der Werth der Bodenerzeugnisse bei weitem den aller anderen Früchte des menschlichen Fleißes. Gleichwohl befand sich damals der Ackerbau in einem Zustande, den man heutzutage roh und unvollkommen nennen würde. Die besten Statistiker jener Zeit schätzten den Umfang des pflügbaren Ackerlandes und des Weidelandes auf nicht viel über die Hälfte des gesammten Flächeninhalts der Monarchie.35 Das Übrige bestand angeblich aus Moor, Sumpf und Waldungen. Die Richtigkeit dieser Berechnungen wird durch die Reisebücher und Landkarten des siebzehnten Jahrhunderts vollkommen bestätigt. Aus diesen Büchern und Karten geht klar und deutlich hervor, daß viele Straßen, welche gegenwärtig durch endlose Obstpflanzungen, Wiesen und Bohnenfelder führen, damals über nichts als Haiden, Sümpfe und Jagdgehege gingen.36 Auf den Zeichnungen englischer Landschaften, welche damals für den Großherzog Cosmus angefertigt wurden, sieht man kaum eine Baumhecke, und zahlreiche Strecken, welche jetzt vortrefflich angebaut sind, erscheinen kahl wie die Ebene von Salisbury.37 Bei Enfield, wo man fast noch den Rauch der Hauptstadt sehen kann, war ein Gebiet von fünfundzwanzig Meilen im Umfange, das nicht mehr als drei Häuser und fast gar keine umfriedigten Felder enthielt. Das Rothwild tummelte sich dort zu Tausenden wie in einem amerikanischen Urwalde.38 Ich muß hierbei bemerken, daß wilde Thiere von bedeutender Größe damals noch viel zahlreicher waren als jetzt. Zwar waren die letzten Wildschweine, welche zum Vergnügen des Königs gehegt wurden und die mit ihren Hauern das angebaute Land verwüsten durften, während des zügellosen Treibens zur Zeit der Bürgerkriege durch das erbitterte Landvolk vernichtet, und der letzte Wolf, der auf unsrer Insel gehaust, kurz vor dem Ende der Regierung Karl’s II. in Schottland erlegt worden. Aber viele jetzt ganz ausgestorbene oder doch nur sehr selten vorkommende Arten von Säugethieren und Vögeln waren noch sehr gewöhnlich. Der Fuchs, dessen Leben gegenwärtig in vielen Grafschaften fast so heilig gehalten wird als das eines Menschen, wurde lediglich als eine Landplage betrachtet. Oliver St. John sagte dem Langen Parlamente, Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase zu betrachten, auf den man noch einige Rücksicht nehmen könne, sondern als ein Fuchs, den man auf jede Weise verfolgen und ohne Mitleid todtschlagen müsse. Dieser Vergleich würde nichts weniger als glücklich gewählt sein, wenn man denselben gegen einen Landedelmann unserer Zeit aussprechen wollte; zu St. John’s Zeiten aber wurden nicht selten große Vertilgungkriege gegen die Füchse veranstaltet, zu denen sich die Landleute mit allen Hunden, die sie auftreiben konnten, eifrig drängten. Es wurden Fallen gelegt und Netze gestellt und kein Pardon gegeben; die Erlegung eines trächtigen Weibchens wurde als eine That betrachtet, welche den Dank der ganzen Nachbarschaft verdiente. Das Hochwild war damals in Gloucestershire und Hampshire so gewöhnlich, wie jetzt in den Grampian-Gebirgen. Die Königin Anna erblickte einst auf einer Reise nach Portsmouth ein Rudel von nicht weniger als fünfhundert Stück. Den wilden Stier mit seiner weißen Mähne begegnete man noch zuweilen in einigen südlichen Wäldern. Der Dachs grub noch an jedem Hügelabhange, der mit dichtem Gebüsch bewachsen war, seinen dunklen, gewundenen Bau. Wilde Katzen hörte man noch häufig des Nachts in der Nähe der Wildmeisterwohnungen heulen. Der gelbbrüstige Marder wurde noch in Cranbourne Chase seines Pelzes wegen gejagt, dem man nur das Zobelfell vorzog. Sumpfadler, welche von einer Flügelspitze bis zur andern über neun Fuß maßen, stellten den Fischen an der Küste von Norfolk nach. Auf allen Dünen vom Britischen Kanal bis nach Yorkshire schwärmten riesige Trappen in Schaaren von funfzig bis sechzig Stück umher und wurden oft mit Windhunden gehetzt. Die Moorgegenden von Cambridgeshire und Lincolnshire waren jedes Jahr einige Monate lang mit ungeheuren Schwärmen von Kranichen bedeckt. Durch die Fortschritte des Landbaues sind einige dieser Thiergattungen völlig ausgerottet; andere Arten haben sich so vermindert, daß das Volk ein Exemplar davon anstaunt, wie einen bengalischen Tiger oder einen Eisbär.39

Das Fortschreiten dieser großen Veränderung läßt sich nirgends leichter verfolgen als in der Gesetzsammlung. Die Anzahl der seit der Thronbesteigung König Georg’s II. genehmigten Einhegungsakte beträgt über viertausend, und der kraft dieser Bewilligungen eingefriedigte Flächenraum übersteigt nach mäßiger Schätzung zehntausend Quadratmeilen. Wieviel Quadratmeilen früher gar nicht, oder doch schlecht angebauten Landes in der nämlichen Zeit von den Besitzern ohne specielle Genehmigung der Behörden eingefriedigt und sorgfältig cultivirt wurden, läßt sich bloß muthmaßen. Man kann jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß im Laufe von wenig mehr als einem Jahrhunderte der vierte Theil von England aus einer Wildniß in einen Garten verwandelt worden ist.

Selbst in denjenigen Theilen des Reichs, welche zu Ende der Regierung Karl’s II. am besten angebaut waren, stand die Landwirthschaft ungeachtet der großen Fortschritte, die seit den Bürgerkriegen darin gemacht waren, doch noch nicht auf einer solchen Stufe, daß man heutzutage von ihr sagen würde, sie sei mit Geschick betrieben worden. Bis jetzt hat die Regierung leider noch keine wirksamen Maßregeln angeordnet, um genaue Aufstellungen über den Ertrag des englischen Grund und Bodens zu erhalten. Der Geschichtsschreiber muß sich daher mit einigem Mißtrauen an die Angaben derjenigen Statistiker halten, welche am meisten in dem Rufe der Sorgfalt und Zuverlässigkeit stehen. Der gegenwärtige Durchschnittsertrag an Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten wird auf weit über dreißig Millionen Quarters geschätzt. Die Weizenernte, die zwölf Millionen Quarters nicht überstiege, würde als eine schlechte gelten. Nach einer Berechnung Gregor King’s vom Jahre 1696 betrug damals die jährliche Gesammtproduction von Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten etwas unter zehn Millionen Quarters. Den Ertrag des Weizens, welcher damals nur auf dem fettesten Lehmboden erbaut und nur von der wohlhabenderen Klasse consumirt wurde, schätzte er auf weniger als zwei Millionen Quarters. Karl Davenant, ein scharfsinniger und wohlunterrichteter, aber durchaus charakterloser und gehässiger Politiker, wich zwar in einigen Punkten der Berechnung von King ab, gelangte aber so ziemlich zu demselben allgemeinen Resultate.40

Die sogenannte Wechselwirthschaft verstand man damals noch sehr unvollkommen. Man wußte zwar, daß einige seit Kurzem auf unserer Insel eingeführte Pflanzen, namentlich die weiße Rübe, ein vortreffliches Winterfutter für Schafe und Rinder gaben; allein es war noch nicht gebräuchlich, das Vieh damit zu füttern. Es war daher keineswegs leicht, die Thiere während der Jahreszeit, wo das Gras selten wird, zu erhalten. Beim Beginn der kalten Witterung wurden sie denn auch in großer Menge geschlachtet und eingesalzen und mehrere Monate hindurch aß selbst der Reiche fast gar kein frisches Fleisch, ausgenommen Wild und Flußfische, welche eben deshalb damals in der Haushaltung eine viel wichtigere Rolle spielten als gegenwärtig. Aus dem Northumberland Household Book ersehen wir, daß unter der Regierung Heinrichs VII. selbst die Gentlemen im Gefolge eines großen Earl nur während der kurzen Zeit zwischen der Mitte des Sommers und Michaelis frisches Fleisch genossen. Im Laufe von zwei Jahrhunderten waren jedoch schon manche Verbesserungen in der Viehzucht eingetreten, und unter Karl II. legten die Familien ihren Wintervorrath von gesalzenem Fleische, das man damals Martinsfleisch nannte, nicht vor Anfang Novembers ein.41

Die Schafe und Rinder jener Zeit waren im Vergleich mit denen, welche heutzutage auf unsere Märkte getrieben werden, sehr klein.42 Unsere einheimischen Pferde waren zwar brauchbar, aber nicht besonders geschätzt und ziemlich wohlfeil. Die zuverlässigsten Autoritäten in der Berechnung des Nationalreichthums schlugen sie im Durchschnitt auf nicht höher als funfzig Schilling das Stück an. Die Pferde ausländischer Zucht wurden allgemein vorgezogen, und für die schönsten galten die spanischen Zelter, welche für den Bedarf des Luxus und des Kriegs eingeführt wurden. Die Kutschen des hohen Adels wurden von grauen flamändischen Stuten gezogen, welche für die elegantesten Traber galten und besser als irgend ein einheimischer Schlag geeignet sein sollten, die damaligen plumpen Equipagen über das holperige Straßenpflaster von London zu schleppen. Weder das Zugpferd noch das Racepferd der Neuzeit waren damals bekannt. Erst zu einer viel späteren Periode wurden die Vorfahren der riesigen Vierfüßler, welche jetzt von allen Fremden zu den größten Merkwürdigkeiten der Weltstadt gerechnet werden, aus dem Moorlande von Walcheren, die Ahnen eines Childers und Eclipse43 aus den Sandwüsten Arabiens zu uns gebracht. Indessen war schon damals unser Adel und unsre Gentry für die Vergnügungen der Rennbahn leidenschaftlich eingenommen. Man sah die Nothwendigkeit ein, unsere Gestüte durch Beimischung fremden Blutes zu veredeln, und zu diesem Zwecke war vor kurzem eine beträchtliche Anzahl von Pferden aus der Barbarei eingeführt worden. Zwei Männer, deren Autorität in solchen Dingen besonderes Gewicht hatte, der Herzog von Newcastle und Sir John Fenwick, erklärten, daß der geringste Klepper aus Tanger eine schönere Nachkommenschaft erzeugen werde, als man sie von dem besten Hengste unserer einheimischen Zucht erwarten könne. Sie ahneten damals schwerlich, daß eine Zeit kommen würde, wo die Fürsten und Edelleute der Nachbarstaaten eben so eifrig bemüht waren, Pferde aus England zu beziehen, als die Engländer damals nach der Einführung von Berberrossen trachteten.44

Mineralreichthum des Landes. So groß aber auch die Vermehrung der Erzeugnisse des Pflanzen- und Thierreichs war, so erscheint sie doch nur unbedeutend im Vergleich mit der Zunahme unseres Mineralreichthums. Im Jahre 1685 war das Zinn von Cornwall, welches vor mehr als zwei Jahrtausenden die tyrischen Schiffe bis über die Säulen des Herkules hinaus gelockt hatte, noch eines der werthvollsten unterirdischen Erzeugnisse der Insel. Die Quantität, welche davon alljährlich gewonnen wurde, belief sich einige Jahre später auf sechzehnhundert Tonnen, ungefähr ein Drittel des gegenwärtigen Ertrags.45 Aber die in der nämlichen Gegend befindlichen Kupferadern wurden zur Zeit Karl’s II. noch fast gar nicht beachtet, und kein Grundeigenthümer brachte sie mit in Anschlag, wenn er den Werth seines Besitzthums feststellte. Gegenwärtig liefern Cornwall und Wales zusammen jährlich nahe an 15,000 Tonnen Kupfer im Werthe von fast anderthalb Millionen Pfund Sterling, das heißt dem ungefähren doppelten Werthe der jährlichen Ausbeute aller englischen Bergwerke irgend welcher Art zusammengenommen im siebzehnten Jahrhunderte.46 Das erste Steinsalzlager war nicht lange nach der Restauration in Cheshire entdeckt worden, scheint aber damals noch nicht ausgebeutet worden zu sein. Das Salz, welches durch ein rohes Verfahren aus Salzquellen gewonnen wurde, war nicht sehr geschätzt. Die Pfannen, in denen die Bereitung geschah, dünsteten einen Schwefelgeruch aus und nach vollendeter Verdampfung war die zurückgebliebene Substanz fast unbrauchbar. Die Ärzte schrieben die unter den Engländern verbreiteten Skorbut- und Lungenaffectionen diesem ungesunden Gewürz zu. Es wurde daher von den höheren und mittleren Ständen nur selten gebraucht und in Folge dessen fand eine regelmäßige und bedeutende Einfuhr aus Frankreich statt. Gegenwärtig decken unsere Quellen und Bergwerke nicht allein unseren eigenen großen Bedarf, sondern versenden jährlich noch ungefähr 700 Millionen Pfund vortrefflichen Salzes nach dem Auslande.47

Noch viel bedeutender sind die Fortschritte unsrer Eisenerzeugung. Schon lange existirten auf unsrer Insel Eisenwerke, aber sie wollten nicht gedeihen und wurden weder von der Regierung noch vom Publikum mit günstigen Augen angesehen. Es war damals noch nicht gebräuchlich, zum Schmelzen des Erzes Kohlen anzuwenden und der ungeheure Verbrauch von Holz machte die Staatsökonomen besorgt. Schon unter der Regierung Elisabeth’s klagte man laut darüber, daß ganze Wälder geschlagen wurden, um die Schmelzöfen zu speisen und das Parlament war eingeschritten, indem es den Fabrikanten verbot, Bauholz zu brennen. In Folge dessen gerieth die Fabrikation ins Stocken. Zu Ende der Regierung Karl’s II. wurde ein großer Theil des Eisenbedarfs für das Land von auswärts eingeführt und die Gesammtmasse des bei uns gewonnenen Eisens betrug nicht über zehntausend Tonnen. Gegenwärtig gilt dieser Fabrikationszweig für gedrückt, wenn weniger als eine Million Tonnen im Jahre producirt werden.48

Noch ist ein Mineral zu erwähnen, das vielleicht wichtiger ist als selbst das Eisen. Obwohl die Steinkohle in den Fabriken noch fast gar keine Verwendung fand, so war sie doch in einigen Gegenden, die so glücklich waren, große Lager davon zu besitzen, wie auch in der Hauptstadt, welche zu Wasser leicht damit versehen werden konnte, bereits das gewöhnliche Brennmaterial. Man kann mit Recht annehmen, daß damals mindestens die Hälfte der aus allen Gruben gewonnenen Menge in London verbraucht wurde. Die Consumtion Londons erschien den Schriftstellern jener Zeit ungeheuer und ward von ihnen oft als ein Beweis für die Größe der Hauptstadt erwähnt. Sie erwarteten kaum Glauben zu finden, wenn sie versicherten, daß in dem letzten Regierungsjahre Karls II. 280,000 Chaldrons, das heißt etwa 350,000 Tonnen zur Themse gebracht worden seien. Gegenwärtig braucht London jährlich nahe an 3½ Millionen Tonnen und die gesammte Jahresausbeute des Landes darf nach der mäßigsten Schätzung nicht unter 30 Millionen Tonnen angeschlagen werden.49

Zunahme der Grundrente. Während diese großen Veränderungen vor sich gingen, war die Grundrente, wie sich erwarten ließ, in fortwährendem Steigen. In einigen Districten hat sie sich mehr als verzehnfacht, in anderen nur verdoppelt; im Durchschnitt aber kann man annehmen, daß sie um das Vierfache gestiegen ist.

Ein großer Theil dieser Einkünfte vertheilte sich unter die Landgentlemen, eine Klasse von Leuten, deren Stellung und Character klar zu erkennen von großer Wichtigkeit ist, denn durch ihren Einfluß und ihre Leidenschaften wurde das Schicksal der Nation in mehreren wichtigen Krisen entschieden.

Die Landgentlemen. Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, daß die Squires des siebzehnten Jahrhunderts ihren heutigen Nachkommen, mit den Grafschaftsabgeordneten und Vorsitzenden der Quartalsitzungen der Friedensrichter, wie wir sie kennen, eine genaue Ähnlichkeit gehabt hätten. Der Landgentleman unsrer Zeit erhält in der Regel eine sehr gute Erziehung, besucht nach genossener vortrefflicher Schulbildung eine ausgezeichnete Universität und es wird ihm jede Gelegenheit geboten, um etwas Tüchtiges zu lernen. Er hat sich gewöhnlich in fremden Ländern umgesehen, hat einen großen Theil seines Lebens in der Hauptstadt zugebracht und die verfeinerten Sitten der Hauptstadt begleiten ihn auf das Land. Es giebt vielleicht keine reizenderen Wohnungen, als die Landsitze der englischen Gentry. In den Parks und Gartenanlagen erscheint uns die durch die Kunst verschönerte, aber nicht verwischte Natur in ihrem lieblichsten Gewande. In den Gebäuden verbindet sich taktvolle Einsicht mit gutem Geschmack, um eine glückliche Vereinigung von Comfort und Eleganz zu erzeugen. Die Gemälde, die musikalischen Instrumente und die Bibliothek würden in jedem anderen Lande als ein Beweis von der feinen Bildung ihres Eigenthümers betrachtet werden. Ein Landgentleman, der die Revolution erlebte, bezog damals aus seinem Grundbesitz wahrscheinlich nur etwa den vierten Theil der Einkünfte, die seine gegenwärtige Nachkommenschaft genießt. Er war daher im Vergleich mit dieser ein armer Mann und in der Regel genöthigt, mit kurzen Unterbrechungen auf seinem Gute zu wohnen. Reisen auf dem Continente, eine häusliche Einrichtung in London oder selbst nur häufige Besuche der Hauptstadt waren Genüsse, die sich nur die großen Gutsbesitzer erzeugen konnten. Man kann dreist behaupten, daß von zwanzig Squires, deren Namen unter den Friedensrichtern und Grafschaftsvorständen figurirten, nicht einer war, der alle fünf Jahre einmal nach London gekommen oder je in seinem Leben nach Paris gereist wäre. Manche Gutsherren hatten eine Erziehung genossen, die sich von der ihrer Dienstleute wenig unterschied. Oft hatte der Erbe eines Gutes während seiner Knaben- und Jünglingsjahre auf dem Stammsitze seiner Familie keine anderen Hofmeister, als Lakaien und Wildhüter, und lernte kaum soviel, damit er seinen Namen unter einen gerichtlichen Verhaftbefehl schreiben konnte. Besuchte er eine Schule oder eine Universität, so kehrte er gewöhnlich schon vor dem zwanzigsten Jahre in die Abgeschiedenheit des väterlichen Hauses zurück und wenn ihn die Natur in geistiger Beziehung nicht besonders reich, begabt hatte, vergaß er bald seine akademischen Studien über ländlichen Beschäftigungen und Vergnügungen. Sein wichtiges Geschäft war die Sorge für seine Besitzung. Er untersuchte Kornproben, betastete Ferkel und an Markttagen schloß er beim Glase mit den Vieh- und Hopfenhändlern Verkäufe ab. Seine Hauptvergnügungen beschränkten sich fast ausschließlich auf Jagd und Pferderennen und auf die Genüsse einer rohen Sinnlichkeit. Seine Rede und seine Aussprache waren so, wie wir sie jetzt nur von dem ungebildetsten Menschen erwarten würden; seine Flüche, seine rohen Scherze und unsauberen Schimpfworte wurden in dem breitesten Dialecte seiner Provinz ausgesprochen. Schon nach den ersten Worten, die er sprach, konnte man leicht unterscheiden, ob er aus Somersetshire oder aus Yorkshire war. Er kümmerte sich wenig um die Ausschmückung seines Hauses, und wenn er wirklich einen derartigen Versuch machte, war das Resultat selten etwas Besseres als geschmacklose Entstellung. Der Unrath des Wirthschaftshofes sammelte sich unter den Fenstern seines Schlafzimmers und die Kohlköpfe und Stachelbeersträucher wuchsen bis dicht vor die Hausthür. Sein Tisch war reich besetzt mit ordinären Speisen und Gäste waren ihm an demselben herzlich willkommen. Da aber in der Klasse, der er angehörte, die Gewohnheit, übermäßig viel zu trinken, allgemein war und seine Mittel ihm nicht erlaubten, jeden Tag eine zahlreiche Gesellschaft mit Burgunder und Kanariensect zu berauschen, so war ein starkes Bier das gewöhnliche Getränk. Die Biermasse, welche zur damaligen Zeit consumirt wurde, war in der That ungeheuer, denn es wurde damals unter den mittleren und niederen Ständen nicht nur von denen getrunken, die es gegenwärtig trinken, sondern es ersetzte auch den jetzigen Genuß von Wein, Thee und Branntwein. Nur in vornehmen Häusern oder bei festlichen Gelegenheiten kamen ausländische Getränke auf die Tafel. Die Frau vom Hause, welche gewöhnlich das Mahl selbst bereitet hatte, zog sich zurück, sobald die Schüsseln geleert waren und ließ die Herren beim Ale und beim Tabak, denen die Schwelger in lärmender Fröhlichkeit oft noch so lange zusprachen, bis sie unter den Tisch fielen.

Nur sehr selten hatte der Landedelmann hin und wieder einen Blick in die vornehmen Zirkel gethan, und was er davon sah, diente eher dazu, seinen Verstand zu verwirren, als aufzuklären. Da er seine Ansichten über Religion, Verfassung, fremde Länder und frühere Zeiten nicht aus eigenen Studien und Beobachtungen oder aus der Unterhaltung mit gebildeten Leuten, sondern nur aus den Traditionen seines beschränkten Gesellschaftskreises geschöpft hatte, so waren es die Ansichten eines Kindes. Trotzdem hing er mit der Zähigkeit an denselben, welche unwissenden Menschen, die gewohnt sind, mit Schmeicheleien überhäuft zu werden, eigen ist, dabei besaß er zahlreiche und heftige Abneigungen. Er haßte Franzosen und Italiener, Schotten und Iren, Papisten und Presbyterianer, Independenten und Baptisten, Quäker und Juden. Gegen London und die Londoner hegte er einen Widerwillen, der mehr als einmal bedeutende politische Folgen hatte. Seine Gattin und seine Tochter standen in Bildung und Kenntnissen unter einer Haushälterin oder einem Kammermädchen unserer Tage. Sie näheten und spannen, braueten Stachelbeerwein, setzten Früchte ein und buken Wildpasteten.

Aus dieser Beschreibung des englischen Esquires könnte man schließen, daß er sich wenig von einem Müller oder einem Schenkwirthe unserer Zeit unterschied; allein wir haben noch einige wesentliche Characterzüge zu erwähnen, welche diese Meinung bedeutend modificiren werden. So mangelhaft seine Bildung und seine Kenntnisse auch waren, so zeigte er sich doch in einigen wichtigen Punkten als ein ächter Gentleman. Als Mitglied einer stolzen und mächtigen Aristokratie zeichnete er sich durch manche den Aristokraten eigene, theils gute, theils schlechte Eigenschaften aus. Sein Familienstolz war größer als der eines Talbot oder eines Howard. Er kannte die Stammbäume und Wappen aller seiner Nachbarn, er konnte sagen, welche von ihnen sich widerrechtlich angemaßt hatten, Wappenträger zu halten, und welche so unglücklich waren, Urenkel von Aldermen zu sein. Er war Gerichtsherr und übte als solcher bei den Bewohnern der Umgegend unentgeltlich eine patriarchalische und rohe Justiz aus, welche trotz zahlreicher Irrthümer und gelegentlicher Acte von Tyrannei immer noch besser war als gar keine. Er war ferner Offizier bei der Miliz, und mochte diese militairische Würde den Tapferen, welche an einem Feldzuge in Flandern Theil genommen, auch lächerlich erscheinen, so erhob sie ihn doch in seinen eigenen Augen, wie in denen seiner Nachbarn. Übrigens war es auch in der That ungerecht, seine militairischen Functionen zu verspotten. In jeder Grafschaft gab es ältere Gentlemen, welche Zeiten gesehen hatten, in denen der Dienst der Bürgerwehr kein Kinderspiel war. Der Eine war nach der Schlacht von Edgehill von Karl I. zum Ritter geschlagen worden; ein Andrer trug noch das Pflaster auf einer Wunde, die er bei Naseby erhalten; ein Dritter hatte sein altes Schloß vertheidigt, bis Fairfax die Thür mit einer Petarde sprengte. Die Anwesenheit dieser ergrauten Cavaliere mit ihren alten Schwertern, ihren alten Pistolenholftern und ihren alten Geschichten von Goring und Lunsford verlieh den Musterungen der Miliz ein ernstes und kriegerisches Gepräge, das ihnen sonst gefehlt haben würde. Selbst diejenigen Landgentlemen, welche zu jung waren, als daß sie sich mit den Kürassieren des Parlaments geschlagen haben konnten, waren wenigstens von Jugend auf von den zurückgelassenen Spuren der letzten Kriege umgeben gewesen und waren mit den Geschichten der tapferen Heldenthaten ihrer Väter und Oheime genährt worden. So bestand der Character des englischen Esquire des siebzehnten Jahrhunderts aus zwei Elementen, die wir nicht gewohnt sind, beisammen zu finden; seine Unwissenheit, seine mangelhafte Bildung, seine rohen Neigungen und seine gemeine Sprache würden heutzutage als ein Zeichen von durchaus plebejischer Herkunft und Erziehung betrachtet worden sein: dessen ungeachtet war er entschieden ein Patrizier und besaß in hohem Maße die Tugenden und Fehler, welche denen eigen sind, die ihrer Geburt nach einen hohen Rang einnehmen und an Befehlen, an Decorum und an Selbstachtung gewöhnt sind. Einer Generation, welche gewohnt ist, ritterliche Gesinnungen nur im Verein mit wissenschaftlicher Bildung und feinen Manieren zu finden, wird es nicht leicht, sich einen Mann mit dem Benehmen, dem Vocabularium und der Redeweise eines Karrenführers zu denken, der gleichwohl in Sachen der Herkunft und der Rangordnung ungemein streng und bereit ist, eher sein Leben aufs Spiel zu setzen, als einen Flecken auf die Ehre seines Hauses werfen zu lassen. Indessen können wir uns eben nur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften, welche in unserer eigenen Erfahrung selten oder nie beisammen gefunden werden, einen richtigen Begriff von dem Landadel bilden, der die Hauptstärke der Heere Karl’s I. war und lange Zeit mit bewundernswerther Treue die Interessen seiner Nachkommen vertheidigte.

Dieser rohe, ungebildete und selten gereiste Landgentleman war gewöhnlich ein Tory; aber obgleich ein entschiedener Anhänger der erblichen Monarchie, hegte er doch keine parteiliche Vorliebe für die Höflinge und Minister. Er war, und nicht ohne Grund, der Meinung, daß Whitehall mit den verderbtesten Creaturen angefüllt sei; er glaubte, daß ein Theil der ungeheuren Summen, die das Parlament seit der Restauration bewilligt, von schlauen Staatsmännern unterschlagen, ein anderer an Possenreißer und ausländischen Courtisanen vergeudet worden sei. Sein stolzes englisches Herz empörte sich bei dem bloßen Gedanken, daß die Regierung seines Vaterlandes von Frankreich Vorschriften annehmen sollte. In der Regel selbst ein alter Cavalier oder doch der Sohn eines solchen, gedachte er mit heftigem Unwillen des schnöden Undanks, mit dem die Stuarts ihre unglücklichen Freunde belohnt hatten. Wer ihn über die Geringschätzung, mit der er behandelt, und über die Verschwendung, mit der die Bastarde von Lorchen Gwynn und Madame Carwell ausgestattet wurden, murren hörte, hätte ihn für eine Rebellion reif halten können; aber sein Unmuth dauerte nur so lange, als der Thron in Gefahr schwebte. Gerade wenn Diejenigen, die der Monarch mit Reichthümern und Ehrenbezeigungen überhäuft hatte, ihn verließen, schaarten sich die zur Zeit seines Glücks so mürrischen und widersetzlichen Landedelleute wie ein Mann um ihn. So kamen sie Karl II., nachdem sie zwanzig Jahre lang gegen seine schlechte Regierung gemurrt hatten, im Augenblicke der äußersten Gefahr zu Hülfe, als seine eigenen Staatssekretäre und Lords des Schatzes von ihm abfielen, und setzten ihn in den Stand, die Opposition vollständig zu besiegen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie auch seinem Bruder Jakob die nämliche Hingebung bewiesen haben würden, wenn er sich noch im letzten Augenblicke hätte enthalten können, ihre heiligsten Gefühle zu verletzen; denn eine Institution, aber auch nur diese eine, achteten sie noch höher als die erbliche Monarchie, und diese Institution war die englische Kirche. Ihre Liebe zu dieser war zwar nicht das Resultat des Nachdenkens oder des Studiums, denn nur wenige unter ihnen hätten einen aus der heiligen Schrift oder aus der Kirchengeschichte hergeleiteten Grund angeben können, weshalb sie den Lehren, den Gebräuchen und der Verfassung dieser Kirche anhingen, und eben so wenig waren sie, im Ganzen genommen, strenge Beobachter des allen christlichen Secten gemeinsamen Sittengesetzes; aber die Erfahrung vieler Jahrhunderte beweist uns, daß Menschen im Stande sein kennen, für eine Religion, deren Glaubenssätze sie nicht verstehen und nach deren Vorschriften sie so gut als gar nicht handeln, bis zum letzten Athemzuge zu kämpfen und die Gegner derselben erbarmungslos zu verfolgen.50

Die Geistlichkeit. Die Landgeistlichkeit war in ihrem Toryismus sogar noch heftiger als die Landgentry und dabei ein kaum minder wichtiger Stand. Es muß jedoch bemerkt werden, daß der Geistliche als Individuum, verglichen mit dem Gentleman als solchem, auf einer viel tieferen Stufe stand als in unseren Tagen. Die hauptsächlichste Finanzquelle der Kirche war der Zehnten, und der Zehnten bildete damals einen viel geringeren Theil des Einkommens, als gegenwärtig. King schätzte die Gesammteinkünfte der Parochial- und Collegiatgeistlichen auf nicht mehr als vierhundertachtzigtausend Pfund Sterling jährlich, Davenant auf fünfhundertvierundvierzigtausend Pfund. Gegenwärtig übersteigen sie sicherlich das Siebenfache der letzteren Summe. Der Durchschnittsertrag der Landrente ist nach seiner Schätzung in gleichem Verhältnisse gestiegen, und daraus folgt, daß die Pfarrer und ihre Vikare im Vergleich zu den benachbarten Rittern und Squires im siebzehnten Jahrhunderte viel ärmer gewesen sein müssen, als im neunzehnten.

Die gesellschaftliche Stellung des Geistlichen war durch die Reformation völlig verändert worden. Vor diesem Zeitabschnitte bildeten die Geistlichen die Majorität im Hause der Lords; sie kamen an Glanz und Reichthum den vornehmsten weltlichen Baronen gleich, ja sie übertrafen diese zuweilen darin und bekleideten in der Regel die höchsten Staatsämter, der Lordschatzmeister war häufig ein Bischof, der Lordkanzler war es fast stets. Der Geheimsiegelbewahrer und der Staatsarchivar waren ebenfalls gewöhnlich Priester, Diener der Kirche versahen die wichtigsten diplomatischen Geschäfte, kurz, man war der Ansicht, daß der ganze, sehr bedeutende Zweig der Verwaltung, zu dessen Führung der rauhe, kriegerische Adel untauglich war, speziell den Theologen zustehe. Eben deshalb nahmen Männer, welche dem Lagerleben abgeneigt, dabei aber von dem Drange beseelt waren, eine hohe Stellung im Staate zu erlangen, in der Regel die Tonsur. Man zählte unter ihnen Söhne unserer vornehmsten Familien und nahe Verwandte des Thrones, wie die Scroop und Neville, die Bourchier, die Stafford und die Pole. Die Klöster bezogen die Einkünfte ungeheurer Grundbesitzungen und den ganzen sehr bedeutenden Theil des Zehnten, der sich gegenwärtig in den Händen von Laien befindet. Bis um die Mitte der Regierung Heinrich’s VIII. war daher kein Beruf so lockend für ehrgeizige und habsüchtige Charactere, als der Priesterstand. Dann aber trat eine gewaltsame Veränderung ein. Die Abschaffung der Klöster entzog der Kirche zu gleicher Zeit den größten Theil ihres Reichthums und das Übergewicht im Oberhause des Parlaments. Kein Abt von Glastonbury oder von Reading saß mehr unter den Peers und bezog Einkünfte, welche denen eines mächtigen Earl gleichkamen. Die fürstliche Pracht eines Wilhelm von Wykeham und eines Wilhelm von Wayneflete war verschwunden, der rothe Hut des Kardinals und das silberne Kreuz des Legaten waren dahin. Überdies hatte der Clerus auch den Einfluß verloren, der die natürliche Folge der Überlegenheit an geistiger Bildung ist. Wenn ehedem ein Mann lesen konnte, vermuthete man sogleich, daß er dem geistlichen Stande angehöre; zu einer Zeit aber, welche Laien, wie Wilhelm Cecil und Nikolaus Bacon, Roger Ascham und Thomas Smith, Walter Mildmay und Franz Walsingham hervorbrachte, war es nicht mehr nöthig, Prälaten als ihren Kirchspielen herbeizurufen, damit sie Verträge abschlössen, die Finanzen beaufsichtigten oder die Justiz verwalteten. Der geistliche Stand hatte nicht nur aufgehört, eine nothwendige Bedingung zur Übernahme hoher Staatsämter zu sein, sondern er begann sogar als eine Eigenschaft betrachtet zu werden, welche dazu unfähig machte. Die weltlichen Beweggründe, welche früher so viele intelligente, strebsame und vornehme junge Männer bestimmt hatten, das Priestergewand anzulegen, existirten somit nicht mehr. Unter zweihundert Pfarreien brachte noch nicht eine soviel ein, als ein Mann von Stande zu seinem Unterhalt für nöthig erachtete. Es gab zwar noch einträgliche Stellen in der Kirche, doch ihrer waren sehr wenige und selbst die reichsten erschienen dürftig im Vergleich mit dem Glanze, der früher die Fürsten der Kirche umgeben hatte. Das Haus, das ein Parker und Grindal führten, mußte Denen ärmlich vorkommen, die sich der kaiserlichen Pracht Wolsey’s, seiner Paläste, Whitehall und Hampton Court, welche die Lieblingswohnungen der Könige geworden waren, der drei glänzenden Tafeln, welche täglich in seinem Speisesaale gedeckt wurden, der vierundvierzig prachtvollen Chorröcke, die in seiner Kapelle hingen, der kostbaren Livreen seiner Bedienten und der vergoldeten Streitäxte seiner Leibwächter erinnerten. So verlor der geistliche Stand seine Anziehungskraft für die höheren Klassen, und während des ganzen Jahrhunderts nach der Thronbesteigung der Königin Elisabeth sah man kaum einen einzigen Jüngling von vornehmer Geburt in den Priesterstand treten. Zu Ende der Regierung Karl’s II. gab es zwei Bischöfe und vier oder fünf Geistliche mit einträglichen Stellen, welche Peerssöhne waren; aber diese wenigen Ausnahmen verwischten den Mißcredit nicht, der auf dem ganzen Stande lastete. Der Klerus wurde in seiner Gesammtheit als eine plebejische Klasse betrachtet. Und in der That, auf einen Geistlichen, der wie ein Gentleman lebte, kamen zehn andere, die nicht viel mehr als Hausdiener waren. Ein großer Theil von denjenigen, welche keine Pfründen hatten oder deren Pfründen zu gering waren, um ein anständiges Auskommen zu gewähren, lebte in den Häusern von Laien. Daß diese Sitte die Würde des geistlichen Standes untergraben mußte, hatte man schon längst erkannt; Laud hatte sich bemüht, eine Änderung herbeizuführen und Karl I. hatte mehr als einmal auf das Bestimmteste anbefohlen, daß es nur vornehmen und angesehenen Familien gestattet werden solle, Hauskaplane zu halten.51 Aber diese Verordnungen wurden nicht mehr befolgt. Während der Herrschaft der Puritaner konnten auch wirklich viele abgesetzte Diener der anglikanischen Kirche auf keine andere Art Obdach und Brod erhalten, als indem sie sich royalistischen Familien anschlossen, und diese zu den Zeiten der bürgerlichen Unruhen angenommene Sitte bestand noch lange nach der Wiederherstellung der Monarchie und des Episcopats. In den Häusern freisinniger und gebildeter Leute wurde der Kaplan allerdings freundlich und anständig behandelt, seine Unterhaltung, sein wissenschaftlicher und geistlicher Rath wurden als reichliche Gegenleistung für die ihm gewährte Kost, Wohnung und Besoldung betrachtet, allein so war es nicht bei der Mehrzahl der Landedelleute. Der ungebildete und unwissende Squire hielt es für ein nothwendiges Attribut seiner Würde, daß ein Priester in vollem Ornate an seiner Tafel das Tischgebet sprach und wußte es so einzurichten, daß er die Würde mit Sparsamkeit vereinigte. Für Kost, ein Dachstübchen und zehn Pfund Sterling jährlich war ein junger Levit — dies war die damals übliche Benennung — zu haben, und dafür mußte er nicht nur seine amtlichen Functionen verrichten, sondern auch die geduldige Zielscheibe des Witzes und den stets bereitwilligen Zuhörer abgeben, bei schönem Wetter jederzeit zum Kegeln, bei Regenwetter zum Beillespiel bei der Hand sein und zuweilen sogar die Ausgabe für einen Gärtner oder einen Bedienten ersparen, denn nicht selten verstutzte der hochwürdige Mann die Obstbäume, oder striegelte die Pferde, oder bezahlte die Rechnung des Hufschmieds, oder ging mit einem Briefe oder einem Packete zehn Meilen weit über Land. Er durfte zwar mit am Familientische essen, aber man erwartete von ihm, daß er sich mit der einfachsten Kost begnügte; er durfte sich seinen Teller mit Pökelfleisch und Möhren füllen so oft er wollte, sobald aber die Torten und Pasteten erschienen, stand er auf und ging auf die Seite, bis er wieder gerufen wurde, um Gott für eine Mahlzeit zu danken, die er nur theilweise genossen hatte.52

Nachdem er einige Jahre so gedient, fand er vielleicht eine Anstellung, die sein Auskommen sicherte; aber oft mußte er dieses Glück durch eine Art von Simonie erkaufen, welche mehreren Generationen von Spöttern reichen Stoff zu Witzeleien lieferte. Es war gebräuchlich, daß er mit der Pfarre zugleich auch eine Frau nahm. Diese hatte gewöhnlich bei seinem Principal in Dienst gestanden, und er konnte von Glück sagen, wenn man sie nicht in dem Verdacht hatte, die Gunst ihres Herrn in zu reichem Maße besessen zu haben. Der Character der ehelichen Verbindungen, welche der Geistliche der damaligen Zeit zu schließen pflegte, bezeichnet in der That am besten die Stellung, die er in der Gesellschaft einnahm. Ein Oxforder, der einige Monate nach dem Tode Karl’s II. schrieb, beklagte sich bitter nicht nur über die Geringschätzung, mit der auf dem Lande der Advokat und der Apotheker auf den Pfarrer herabsahen, sondern auch darüber, daß man jedes junge Mädchen aus anständiger Familie eindringlich ermahnte, nie einen geistlichen Anbeter zu ermuthigen, und daß eine junge Dame durch Nichtachtung dieser Vorschrift fast in gleichem Grade entehrt wurde, wie durch eine unerlaubte Liebe.53 Clarendon, der gewiß der Kirche nicht feind war, erwähnt es als einen Beweis von der durch die große Revolution herbeigeführten Verschmelzung der verschiedenen Stände, daß einige junge adelige Fräulein sich mit Geistlichen verbunden hatten.54 Ein Kammermädchen wurde gewöhnlich als die geeignetste Lebensgefährtin für einen Pfarrer betrachtet. Die Königin Elisabeth selbst hatte dieses Vorurtheil gewissermaßen förmlich sanctionirt durch die specielle Verordnung, daß kein Geistlicher sich erlauben dürfe, ein Dienstmädchen ohne Erlaubniß ihrer Herrschaft zu heirathen.55 Daher waren denn mehrere Generationen hindurch die Liebesverhältnisse zwischen Geistlichen und Dienstmädchen ein unerschöpfliches Thema für Scherz und Spott, und es dürfte nicht leicht sein, in den Theaterstücken des siebzehnten Jahrhunderts ein einziges Beispiel zu finden, daß ein Geistlicher eine Frau bekommt, die sich über den Rang einer Köchin erhebt.56 Selbst noch unter der Regierung Georg’s II. bemerkte ein Geistlicher, der scharfsinnigste Beobachter der Lebensweise und der Sitten seiner Zeit, daß in reichen Häusern der Kaplan der letzte Trost für eine Kammerzofe von zweideutigem Rufe sei, die keine Hoffnung mehr habe, den Hausverwalter zu kapern.57

In der Regel machte der Geistliche, der seinen Kaplanposten um einer Pfarre und einer Gattin willen aufgegeben, sehr bald die Erfahrung, daß er seine Knechtschaft nur mit einer andren vertauscht hatte. Es gab unter funfzig Pfarrstellen noch nicht eine, die ihrem Inhaber so viel eintrug, daß er mit seiner Familie anständig leben konnte. In dem Maße als die Kinder sich mehrten und heranwuchsen, zog Noth und Elend in das Haus des Pfarrers ein; die Löcher im Dache seines Presbyteriums und in seinem einzigen Rocke wurden immer größer und zahlreicher; oft mußte er durch Handarbeit auf dem Felde, durch Füttern der Schweine oder durch Auf- und Abladen von Düngerkarren sein tägliches Brod verdienen und selbst die äußerste Anstrengung schützte ihn nicht immer davor, daß der Gerichtsbote ihm auf dem Wege der Execution seine Concordanz und sein Schreibzeug nahm. Es war ein Festtag für ihn, wenn er in die Küche eines vornehmen Hauses eingelassen und von der Dienerschaft mit kaltem Braten und Bier bewirthet wurde. Seine Kinder erhielten keine bessere Erziehung als die der benachbarten Landleute; die Söhne mußten den Acker pflügen und die Töchter in Dienst gehen. Zu studiren war ihm unmöglich, denn die Summe, für welche das Patronatrecht seines Amtes hätte verkauft werden können, würde kaum zur Anschaffung einer guten theologischen Bibliothek hingereicht haben; er mußte sich daher schon überaus glücklich schätzen, wenn er auf seinem Regale zwischen den Töpfen und Schüsseln etwa ein Dutzend alter Bücher stehen hatte. In einer so ärmlichen Lage mußte auch ein hervorragender und lernbegieriger Geist verrosten.

Zwar fehlte es auch damals der englischen Kirche nicht an Geistlichen, die sich durch Talente und wissenschaftliche Bildung auszeichneten, aber diese waren nicht unter dem Landvolke zerstreut. Sie concentrirten sich in einigen Städten, wo die Mittel und Gelegenheiten, sich Kenntnisse zu erwerben und die Verstandeskräfte durch häufige Übung auszubilden, in Überfluß vorhanden waren.58 An solchen Orten fand man Theologen, welche durch Talent, Beredtsamkeit, umfassende Kenntniß der Literatur, der Wissenschaft und des Lebens befähigt waren, ihre Kirche gegen Ketzer und Zweifler siegreich zu vertheidigen, die Aufmerksamkeit eines frivolen und weltlichen Zuhörerkreises zu fesseln, öffentliche Verhandlungen zu leiten und der Religion selbst bei dem ausschweifendsten Hofe Achtung zu verschaffen. Einige beschäftigten sich damit, die Tiefen der metaphysischen Theologie zu erforschen; Andere waren in der Auslegung der Bibel gründlich bewandert; noch Andere verbreiteten Licht über die dunkelsten Stellen der Kirchengeschichte. Diese zeigten sich als vollendete Meister in der Logik, Jene widmeten sich der Redekunst mit solchem Eifer und Erfolg, daß ihre Vorträge noch heute mit vollem Rechte für Muster des Styls gelten. Diese ausgezeichneten Männer fanden sich jedoch fast ohne Ausnahme nur auf den Universitäten, an den großen Kathedralen, oder in der Hauptstadt. Barrow war kürzlich in Cambridge gestorben, Pearson war von dort auf die Bischofsbank versetzt worden, und Cudworth und Heinrich More lebten noch daselbst. South und Pococke, Jane und Aldrich waren in Oxford, Prideaux in dem Kapitel von Norwich, Whitby in dem von Salisbury. Vorzugsweise aber war es die Londoner Geistlichkeit, von der man überhaupt stets wie von einer besonderen Klasse sprach, welche den Ruf der Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit ihres Standes aufrecht erhielt. Die ersten Kanzeln der Hauptstadt waren damals mit einer bedeutenden Anzahl ausgezeichneter Männer besetzt, unter denen man auch einen großen Theil der Hauptwürdenträger der Kirche wählte. Sherlock predigte im Temple, Tillotson in Lincoln’s Inn, Wake und Jeremias Collier in Gray’s Inn, Burnet im Archive, Stillingfleet in der St. Paulskathedrale, Patrik in der St. Paulskirche in Coventgarden, Fowler in St. Giles, Cripplegate, Sharp in St. Giles in the Fields, Tenison in St. Martin, Sprat in St. Margaret, Beveridge in St. Peter in Cornhill. Von diesen zwölf Männern, die sich sämmtlich einen berühmten Namen in der Kirchengeschichte gemacht haben, wurden zehn Bischöfe und vier von diesen zehn Erzbischöfe. Ebenso waren fast die einzigen bedeutenden theologischen Werke, welche von einem Landgeistlichen herrührten, die von Georg Bull, der später Bischof von St. David wurde, und auch diese Werke würde Bull schwerlich zu Stande gebracht haben, hätte er nicht ein Gut geerbt, dessen Verkauf ihm die Mittel gewährte, sich eine Bibliothek anzuschaffen, wie sie damals wahrscheinlich kein anderer Landgeistlicher in England besaß.59

So zerfiel der anglikanische Klerus in zwei Klassen, die in Bezug auf Kenntnisse, Sitten und gesellschaftliche Stellung weit verschieden von einander waren. Die eine von diesen beiden Klassen, welche für die Städte und Höfe herangebildet war, enthielt Männer, welche gründliche Kenntniß der alten und neuen Wissenschaften besaßen; Männer, welche fähig waren, gegen einen Hobbes oder Bossuet mit allen Waffen der Polemik aufzutreten; Männer, welche in ihren Kanzelreden die Schönheit und Erhabenheit des Christenthums mit solchem Scharfsinn und so kräftiger Sprache zu schildern verstanden, daß selbst der gleichgültige Karl II. ihnen aufmerksam zuhörte und der übermüthige Buckingham zu hohnlächeln vergaß; Männer, welche ihre Bildung, ihre feinen Manieren und ihre Weltkenntniß befähigte, die Gewissensräthe der Reichen und Adeligen zu sein; Männer, mit denen Halifax gern über das Wohl und Wehe der Staaten sprach und von denen Dryden, wie er sich nicht scheute offen zu gestehen, schreiben gelernt hatte.60 Der andren Klasse war ein bescheideneres und härteres Loos bestimmt. Sie war auf dem platten Lande zerstreut und bestand größtentheils aus Leuten, die nicht wohlhabender und auch nicht viel gebildeter waren als kleine Pächter oder höhere Dienstboten. Und dennoch war bei diesen Landgeistlichen, die ihr Leben nur kärglich mit den Zehntgarben und Zehntferkeln fristeten und nicht die entfernteste Aussicht hatten, es je in ihrem Berufe zu etwas Höherem zu bringen, das Gefühl der Amtswürde am stärksten. Unter den Theologen, welche der Stolz der Universitäten und die Freude der Hauptstadt waren, und die Reichthum und hohen Rang entweder schon besaßen oder doch gegründete Hoffnung hatten, solche zu erlangen, gab es eine der Zahl nach sehr bedeutende Partei von höchst ehrenwerthem Character, die sich zu den constitutionellen Regierungsgrundsätzen hinneigte. Diese Partei lebte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit Presbyterianern, Independenten und Baptisten, sie würde gern allen protestantischen Secten die unbeschränkteste Duldung gewährt und selbst einige Änderungen in der Liturgie bewilligt haben, um die aufrichtigen und redlichen Nonconformisten auszusöhnen. Von solcher Toleranz und Mäßigung aber wollte der Landgeistliche nichts wissen. Er war in der That stolzer auf seinen zerrissenen Rock als seine Vorgesetzten auf ihren Purpur und Batist. Gerade das Bewußtsein, daß er sich in Bezug auf seine gesellschaftliche Stellung nur wenig von den Landleuten unterschied, vor denen er predigte, war der Grund, warum er einen übertrieben hohen Werth auf die geistliche Würde legte, die ihm allein Anspruch auf ihre Achtung gab. Da er in beständiger Abgeschiedenheit gelebt und nur wenig Gelegenheit gehabt hatte, durch Lesen oder durch mündliche Unterredungen seine Ansichten zu modificiren, so glaubte und predigte er die Lehren von dem unveräußerlichen Erbrechte, dem passiven Gehorsam und der Verwerflichkeit des Widerstandes in ihrer ganzen abgeschmackten Ungereimtheit. Seit langer Zeit im Kriege mit den Dissenters der Nachbarschaft haßte er diese nur zu oft lediglich um des Unrechts willen, das er ihnen zugefügt und fand an den Fünfmeilen-61 und der Conventikelacte nichts weiter auszusetzen, als daß diese verhaßten Gesetzte nicht schärfer wären. Den ganzen Einfluß, den seine amtliche Stellung ihm verlieh, und dieser Einfluß war sehr groß, verwendete er mit leidenschaftlichem Eifer zu Gunsten des Toryismus. Man würde sehr irren, wollte man glauben, daß die Macht des Klerus damals geringer war als jetzt, weil der Landpfarrer im Allgemeinen nicht als ein Gentleman angesehen wurde, weil er sich nicht um die Hand einer Tochter des Gutsherrn bewerben durfte, weil er in höheren Gesellschaftszirkeln keinen Zutritt hatte und man es ihm überließ, mit den Dienstleuten zu trinken und zu rauchen. Der Einfluß einer ganzen Klasse richtet sich keineswegs nach dem Ansehen der einzelnen Glieder derselben. Ein Kardinal ist gewiß ein viel angesehenerer Mann als ein Bettelmönch, aber es würde ein gewaltiger Irrthum sein, wenn man annehmen wollte, daß das Kardinalscollegium deshalb eine größere Herrschaft über die öffentliche Meinung in Europa ausgeübt, als zum Beispiel der Franziskanerorden. In Irland steht gegenwärtig ein Peer weit höher im Ansehen als ein römisch-katholischer Priester; dennoch aber giebt es in Munster und Connaught wenige Grafschaften, in denen bei einem Wahlkampfe ein Verein von Priestern gegen eine Verbindung von Peers nicht den Sieg davon tragen würde. Im siebzehnten Jahrhunderte war die Kanzel für einen großen Theil der Bevölkerung das, was heutzutage die periodische Presse ist. Kaum einer von den Bauern, die zur Pfarrkirche kamen, hatte je in seinem Leben eine Zeitung, oder eine politische Flugschrift zu Gesicht bekommen. Mochten die Kenntnisse ihres Seelenhirten noch so gering sein, jedenfalls war er unterrichteter als sie. Allwöchentlich sprach er einmal zu ihnen und Niemand erwiderte etwas auf seine Reden; bei jeder wichtigen Gelegenheit ertönten auf vielen tausend Kanzeln zu gleicher Zeit heftige Schmähungen gegen die Whigs und Ermahnungen zum Gehorsam gegen den Gesalbten des Herrn, und die Wirkung dieser Reden war ungeheuer. Von allen Ursachen, welche nach der Auflösung des Oxforder Parlaments die heftige Reaction gegen die Exclusionisten hervorriefen, scheinen die Predigten der Landpfarrer die wirksamsten gewesen zu sein.

Notes in this chapter

Note 1 · Observations on the Bills of Mortality, vom Kapitain John Graunt (Sir William Petty) Kap. 11. 2. „Sie birgt in ihren Mauern Voll FünfzehnhuNote 2 · Statutes 14 Car. II. c. 22; 18 & 19 Car. II. c. 3; 29 & 30 Car. II. c. 2. 8. Nicholson and Bourne, Discourse on the ancient State of the BorNote 3 · In der Pepys’schen Bibliothek finden sich einige Balladen aus jener Zeit über das Heerdgeld, von denen ich hier einige Proben anführen will:Note 4 · Man sehe zum Beispiel die Schilderung der Wälle von Marlborough in Stokeley’s Itinerarium Curiosum. 17. Chamberlayne’s State of England, 168Note 5 · Ich beziehe mich hier auf eine Depesche von Bonrepaux an Seignelay vom 8—18. Februar 1680. Sie wurde während des Friedens von Amiens für FoxNote 6 · Chamberlayne’s State of England, 1684; Commons’ Journals vom 1. März und 20. März 1688—89. Im Jahre 1833 wurde nach reiflicher Erwägung festNote 7 · Jakob II. schickte Gesandte nach Spanien, Schweden und Dänemark, aber dennoch betrug der jährliche Aufwand für die Diplomatie unter seiner RNote 8 · Carte’s Life of Ormond. 28. Pepys’s Diary vom 14. Februar 1688—89. 29. Siehe den Bericht über den Prozeß Bath-Montague, der im December 1693Note 9 · King’s Natural and Political Conclusions. Davenant, On the Balance of Trade. 36. Siehe das Itinerarium Angliae, 1675, von John Ogilby, königNote 10 · Siehe eine interessante Note von Tonkin in Lord de Dunstanville’s Ausgabe von Carew’s Survey of Cornwall. 46. Borlase’s Natural History of CNote 11 · Meine Schilderung des Landadels des 17. Jahrhunderts ist zu vielen Quellen entlehnt, als daß ich sie hier anführen könnte. Ich muß daher meiNote 12 · Heylin’s Cyprianus Anglicus. 52. Eachard, Causes of the Contempt of the Clergy; Oldham, Satire adressed to a Friend about to leave the Unive
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings