Geschichte von England (continued 3)
Wilhelm Beseler translation
Seltenheit von Büchern auf dem Lande. Die Literatur, welche durch das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den größten Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem Lande zu Gebote stand. Die Beförderung großer Packete von einem Orte zum andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, daß ein umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwärtig nach Kentucky. Wie spärlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Büchern versehen war, die ein Theolog am nöthigsten braucht, ist schon bemerkt worden. Die Häuser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krämers findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und Vogelflinten den Hudibras und Baker’s Chronicle, Tarlton’s Jests und die Seven Champions of Christendom liegen hatte, galt bei seinen Nachbarn für einen großen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen Bücherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens ein Aushülfsmittel. Die Läden der großen Buchhändler in der Umgebung der Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefüllt und ein bekannter Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mußte man kaufen.140
Weibliche Erziehung. Die Literaturschätze der Gattin und Töchter des Grundherrn bestanden gewöhnlich in einem Gebetbuche und einem Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer ländlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den höchsten Ständen und unter Verhältnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten, genossen die Engländerinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften. In früherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in unseren Tagen kümmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind aber dafür mit der Sprache Pascal’s und Molière’s, Dante’s und Tasso’s, Göthe’s und Schiller’s vertraut, und es giebt kein reineres und eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwärtig sprechen und schreiben. Während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz vernachlässigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die oberflächliche Kenntniß der Literatur besaß, galt für ein Wunder. Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natürlichen Anlagen ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben, deren sich jetzt eine Armenschülerin schämen würde.141
Die Erklärung liegt sehr nahe. Maßlose Ausschweifung, die natürliche Wirkung übertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die Ausschweifung hatte ihre gewöhnliche Folge, die sittliche und geistige Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren körperlichen Reizen pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schönheit erregte, war selten mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefühl gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefährtinnen, Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befähigten, stießen die Wüstlinge von Whitehall eher ab, als daß sie sie anzogen. Ein Ehrenfräulein, die sich so kleidete, daß ihrem Busen das vollste Recht widerfuhr, die beständig liebäugelte, wollüstig tanzte, sich durch vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entblödete, mit Kammerherren und Offizieren zu kokettiren, schlüpfrige Lieder mit bezeichnendem Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausführung eines muthwilligen Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht, gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Königs auf sich zu ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben würden. Unter solchen Umständen mußte das Maaß der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig sein, und es war gefährlicher, über diesem Maße zu stehen, als unter demselben. Äußerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie. Von den nur zu berühmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den Wänden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu lesen als Akrosticha, Spottlieder und Übersetzungen der „Clelia“ und des „Großen Cyrus“.
Literarische Bildung der Gentlemen. Die literarischen Kenntnisse selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht so solid und gründlich gewesen zu sein, als in früheren oder späteren Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blühte unter der Regierung Karl’s II. bei uns nicht, wie sie vor dem Bürgerkriege geblüht hatte und lange nach der Revolution wieder blühte. Es gab wohl auch Gelehrte, denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschließlich nur unter den Geistlichen der Universitätsstädte, ja selbst dort waren ihrer nur wenige, und diese wenigen nicht gebührend geschätzt. In Cambridge wurde es durchaus nicht für nöthig gehalten, daß ein Theolog die Bibel in der Ursprache lesen konnte.142 Auch in Oxford stand die Gelehrsamkeit auf keiner höheren Stufe. Als sich unter der Regierung Wilhelm’s III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob, um die Ächtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem großen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen wird man leicht denken können, daß eine todte Sprache, welche die Universitäten vernachlässigten, von den Laien nicht viel studirt wurde. Zu einer früheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzückt, zu einer spätern Periode entzückten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville; während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles oder Plato mit Genuß lesen konnte.
Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren und war in manchen Ländern Europa’s dem Reisenden und Diplomaten noch unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel häufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glückliche Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Größe des Augustus gepriesen hatten, am Fuße des Thrones niederlegen konnten.
Einfluß der französischen Literatur. Doch auch das Latein wurde durch einen jüngeren Nebenbuhler verdrängt. Frankreich behauptete damals fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den Höhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Verträge dictirt und große Städte und Provinzen unterworfen; es hatte den kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte italienische Fürsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett maßgebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben, wie lang seine Perrücke, ob seine Absätze hoch oder niedrig und ob sein Hutband breit oder schmal sein müsse. In der Literatur gab es der Welt Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen wie Molière, einen so liebenswürdigen Tändler wie Lafontaine, einen so gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Männer, welche die Hauptstadt Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich übte damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die römische Republik sie nie erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es in den Künsten und Wissenschaften Griechenlands demüthiger Schüler; Frankreich hatte auf die benachbarten Länder zu gleicher Zeit den Einfluß, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom ausübte. Das Französische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren Höfen sprachen die Fürsten und der Adel sie besser und eleganter als ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen Überlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen am Hofe Elisabeth’s so geläufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman, der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft für einen prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit französischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen Talenten und seiner Bildung geben konnte.143 Neue Regeln der Kritik, neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit, welche Donne’s und Cowley’s Verse verunziert hatte, verschwand aus unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer früheren Periode, aber sie wurde klarer, gefälliger und besser geeignet zur Polemik und zum Erzählen. Es ist unmöglich, in diesen Veränderungen den Einfluß französischer Muster und französischen Beispiels zu verkennen. Selbst große Meister unsrer Sprache verschmähten es nicht in ihren werthvollsten Werken sich französischer Ausdrücke zu bedienen, wo ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen144 und aus Frankreich wurde die Tragödie in Versen bei uns eingeführt, eine exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.
Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands. Unsere Schriftsteller würden wohl gethan haben, wenn sie auch den Anstand nachgeahmt hätten, den ihre großen französischen Zeitgenossen mit wenigen Ausnahmen beobachteten, denn die Unsittlichkeit der englischen Schauspiele, Satiren, Lieder und Romane jener Zeit ist ein arger Flecken auf unsrem Nationalruhm. Die Quelle des Übels ist leicht zu finden. Die Schöngeister und die Puritaner standen nie auf freundlichem Fuße mit einander, es fand keine Sympathie zwischen diesen beiden Klassen statt. Sie betrachteten das ganze System des menschlichen Lebens aus verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenem Lichte. Der Ernst der einen war der andern Spott, die Vergnügungen jeder von beiden waren der andren ein Greuel. Dem finstren Rigoristen dünkte selbst das unschuldige Spiel der Phantasie ein Verbrechen, und den leichteren und lebenslustigeren Characteren bot das feierliche Wesen der eifernden Brüder reichen Stoff zu Spötteleien. Von der Reformation bis zu dem Bürgerkriege hatte fast jeder mit einem feinen Scharfblicke zur Auffindung des Lächerlichen begabte Schriftsteller eine Gelegenheit ergriffen, um den glatthaarigen, näselnden und weinerlichen Heiligen, die ihre Kinder nach dem Buche Nehemia tauften, die beim Anblick des Hans im Grünen145 im Stillen seufzten und die es für gottlos hielten, am Weihnachtstage Rosinensuppe zu essen, etwas anzuhaben. Es kam jedoch eine Zeit, wo auch an die Lacher die Reihe kommen sollte, ein ernstes Gesicht zu machen. Nachdem die strengen, abstoßenden Zeloten zwei Generationen hindurch reichen Stoff zu Witzeleien geliefert hatten, erhoben sie sich mit bewaffneter Hand, siegten, herrschten und traten mit schadenfrohem Lächeln die ganze Schaar der Spötter unter die Füße. Die Wunden, welche der heitere Muthwille geschlagen, wurden mit der finstren, unerbittlichen Rachgier vergolten, welche Frömmlern eigen ist, die ihren Groll für Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen und die Schauspieler gestäupt. Die Presse ward unter die Aufsicht strenger Censoren gestellt, die Musen von ihren Lieblingssitzen, Cambridge und Oxford vertrieben. Cowley, Crashaw und Cleveland wurden ihrer Lehrstühle entsetzt, der junge Candidat für akademische Würden mußte nicht mehr ovidische Briefe oder virgilische Hirtengedichte schreiben, sondern er wurde von einer Synode finstrer Supralapsarier genau über Tag und Stunde seiner Wiedergeburt befragt. Ein solches System mußte natürlich eine Menge Heuchler hervorbringen. Unter dem schlichten Rocke und hinter der Maske des strengen Ernstes verbarg sich viele Jahre lang das glühende Verlangen nach zügelloser Freiheit und Rache. Dieses Verlangen wurde endlich gestillt. Die Restauration befreiete Tausende von Geistern von einem unerträglich gewordenen Joche. Der alte Kampf begann von neuem und zwar mit nie gekannter Erbitterung; es war kein Kampf des Scherzes mehr, sondern ein Krieg auf Tod und Leben. Der Rundkopf hatte von Denen, die er verfolgt, keine bessere Behandlung zu erwarten, als ein grausamer Sklaventreiber von aufständischen Sklaven, welche die Spuren seiner Halseisen und seiner Peitschen noch an sich tragen.
Der Krieg zwischen Verstand und Puritanismus wurde bald ein Krieg zwischen Verstand und Moralität. Die durch eine lächerliche Karrikirung der Tugend hervorgerufene Erbitterung verschonte auch die wirkliche Tugend nicht mehr. Alles was der näselnde Rundkopf mit Ehrfurcht betrachtet hatte, wurde verhöhnt, und was er verdammt hatte, ward begünstigt. Weil er gegen die geringfügigsten Kleinigkeiten Bedenken erhoben hatte, würde jeder Gewissensskrupel ins Lächerliche gezogen. Weil er seine Fehler mit der Maske der Frömmigkeit verhüllt hatte, so wurde Jedermann dazu aufgemuntert, mit cynischer Frechheit die abscheulichsten Laster dem Blicke des Publikums preiszugeben. Weil er unerlaubte Liebe mit herzloser Strenge bestraft hatte, wurden jungfräuliche Unschuld und eheliche Treue schamlos verspottet. Dem scheinheiligen Jargon, der sein Schibboleth war, wurde ein anderer, nicht minder widerlicher und häßlicher Jargon gegenübergestellt. Wie er den Mund nicht öffnete, ohne sich biblischer Worte zu bedienen, so öffnete die neue Brut von Schöngeistern und Gentlemen nie den Mund, ohne Zoten hervorzubringen, deren sich jetzt ein Lastträger schämen würde, und ohne den Schöpfer anzurufen, daß er die Heuchler verfluchen, verderben, vernichten und verdammen möge.
Es ist daher kein Wunder, daß unsre schöne Literatur, als sie zugleich mit der früheren bürgerlichen und kirchlichen Verfassung wieder auflebte, eine beispiellose Unsittlichkeit zur Schau trug. Nur wenige ausgezeichnete Männer, die einer früheren und besseren Periode angehörten, blieben frei von der allgemeinen Ansteckung. Waller’s Poesien athmeten noch immer die Gefühle, welche ein ritterlicheres Geschlecht beseelt hatten. Cowley, der sich als treuer Anhänger des Thrones und als Gelehrter auszeichnete, erhob muthig seine Stimme gegen die Unsittlichkeit, welche die Literatur wie die Loyalität schändete. Ein noch größerer Dichter, durch Leiden, Gefahren, Armuth, Schmähungen und Blindheit zu gleicher Zeit hart geprüft,146 ließ, nicht achtend des wüsten Lärms, der rings um ihn tobte, einen so erhabenen und heiligen Gesang ertönen, daß er die Lippen der hehren Tugenden nicht entweiht haben würde, die er mit seinem geistigen Blicke, den kein Ungemach verdunkeln konnte, ihre amaranthnen und goldenen Kronen auf das Jaspispflaster herabwerfen sah. Butler’s starker und fruchtbarer Genius entging zwar nicht ganz der herrschenden Ansteckung, nahm aber die Seuche nur in milderer Form in sich auf. Aber dies waren Männer, deren Geist in einer vergangenen Welt gebildet worden war. An ihre Stelle trat bald eine jüngere Generation von Schöngeistern, und der vorherrschende Character dieses Geschlechts, von Dryden bis herab zu Durfey, war eine gefühl- und schamlose, prahlerische und dabei geschmacklose, inhumane Unzüchtigkeit. Der Einfluß dieser Schriftsteller war ohne Zweifel schädlich; aber er hätte noch weit schädlicher werden können, wenn sie minder verderbt gewesen wären. Das Gift, welches sie gaben, war so stark, daß es nach kurzer Zeit mit Ekel wieder ausgeworfen wurde. Keiner von ihnen verstand die gefährliche Kunst, Bilder unerlaubter Lust in ein anziehendes und edles Gewand zu kleiden, keiner von ihnen sah ein, daß auch die Wollust ein gewisses Decorum verlangt, daß Verhüllung lockender sein kann als Nacktheit, und daß die Phantasie durch leise Andeutungen, die sie zu eigner Thätigkeit reizen, mächtiger erregt wird, als durch plumpe Schilderungen, die sie gedankenlos in sich aufnimmt.
Der Geist der antipuritanischen Reaction weht fast durch die ganze schöne Literatur der Regierungsepoche Karl’s II. Die wahre Quintessenz dieses Geistes aber findet sich im komischen Drama. Die Schauspielhäuser, welche die rücksichtslosen Fanatiker in den Tagen ihrer Herrschaft geschlossen hätten, waren wieder gefüllt und zu ihren früheren Reizen hatten sich neue und mächtigere gesellt. Scenerien, Kostüme und Dekorationen, die zwar heutzutage für dürftig und geschmacklos gelten würden, die aber dem Blicke Derer, welche zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts auf den schmutzigen Bänken der „Hoffnung“ oder unter dem Strohdache der „Rose“ gesessen hatten, von unglaublicher Pracht erschienen sein würden, entzückten die Augen der Menge. Der Zauber des schönen Geschlechts wurde herbeigerufen, um den Zauber der Kunst zu unterstützen, und der junge Schauspieler sah mit einer den Zeitgenossen Shakespeare’s und Jonson’s unbekannten Gefühlserregung liebende und muthige Heldinnen durch holde Damen dargestellt. Von dem Augenblicke ihrer Wiedereröffnung an wurden die Theater Pflanzstätten des Lasters, und das Übel griff immer weiter um sich. Die Unsittlichkeit der Darstellungen verscheuchte bald die anständigen Leute, und die Frivolen und Schamlosen, welche zurückblieben, verlangten mit jedem Jahre stärkere Reizmittel. So verdarben die Künstler die Zuschauer und umgekehrt die Zuschauer die Künstler, bis endlich die Unsittlichkeit der Bühne einen Grad erreichte, der Jeden in Erstaunen setzen muß, welcher nicht berücksichtigt, daß äußerste Erschlaffung die natürliche Folge höchster Anspannung ist und daß nach dem regelmäßigen Laufe der Dinge auf ein Zeitalter der Heuchelei ein Zeitalter der Schamlosigkeit folgen mußte.
Nichts characterisirt jene Zeit besser als das angelegentliche Bestreben der Dichter, ihre lockersten Verse Frauen in den Mund zu legen. Am weitesten trieb man die Frechheit in den Epilogen, welche fast stets von den beliebtesten Schauspielerinnen gesprochen wurden, und es war ein Hochgenuß für das verderbte Publikum, die unanständigsten Zeilen aus dem Munde eines schönen Mädchens zu hören, von der man annehmen kennte, daß sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte.147
Unser damaliges Theater entlehnte viele seiner Intriguen und Charactere den Spaniern, den Franzosen und den alten englischen Meistern; aber was unsere dramatischen Dichter berührten, das beschmutzten sie auch. In ihren Nachahmungen wurden die Häuser der ehrenwerthen und hochherzigen kastilianischen Herren Calderon’s Pfühle des Lasters, Shakespeare’s Viola eine Kupplerin, Molière’s Menschenfeind ein Ehrenräuber, Molière’s Agnes eine Ehebrecherin. Nichts war so rein und heroisch, daß es bei der Verarbeitung durch jene schmutzigen und gemeinen Hände nicht schmutzig und gemein geworden wäre.
So stand es mit dem Schauspiel, und das Schauspiel war derjenige Zweig der schönen Literatur, in welchem der Dichter die meiste Aussicht hatte, sich mit der Feder seinen Unterhalt zu erwerben. Bücher wurden so wenig gekauft, daß selbst ein Mann mit dem berühmtesten Namen für das Verlagsrecht des besten Werkes nur ein geringes Honorar erwarten durfte. Es giebt keinen sprechenderen Beleg für diese Behauptung, als das Schicksal von Dryden’s letztem Geistesproducte, seinen Fabeln. Dieser Band erschien zu einer Zeit, wo Dryden allgemein als der erste lebende Dichter Englands anerkannt war. Derselbe enthält ungefähr zwölftausend Zeilen. Der Versbau ist wunderschön, die Erzählungen und Schilderungen voll Leben. Noch heutzutage entzücken „Palamon und Arcite“, „Cymon und Iphigenia“, „Theodora und Honoria“ jeden Kritiker wie jeden Schulknaben. Die Sammlung enthält auch das „Fest Alexanders“, die herrlichste Ode in unsrer Sprache. Dryden erhielt für das Verlagsrecht funfzig Pfund Sterling, das heißt weniger als heutzutage zuweilen für zwei Beiträge für eine Zeitschrift bezahlt wird.148 Dessenungeachtet scheint das Honorar im Verhältniß nicht niedrig gewesen zu sein, denn das Buch ging nur langsam und erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers wurde eine zweite Auflage nöthig. Wer für die Bühne schrieb, konnte mit weit geringerer Anstrengung viel größere Summen erwerben. So erhielt Southern für ein einziges Stück siebenhundert Pfund;149 Otway schwang sich durch den Erfolg seines „Don Carlos“ aus tiefster Armuth zu vorübergehendem Reichthum empor;150 Shadwell bekam für eine einzige Vorstellung seines „Squire of Alsatia“ hundertdreißig Pfund,151 Die Folge davon war, daß Jedermann, der von dem Ertrage seiner Geistesproducte leben mußte, Theaterstücke schrieb, gleichviel ob er inneren Beruf dazu hatte oder nicht. So auch Dryden. Als Satyriker wetteiferte er mit Juvenal, als didactischer Dichter hätte er, bei Sorgfalt und Studium, vielleicht Lucretius an die Seite gestellt werden können, und außerdem ist er unter den lyrischen Dichtern, wenn nicht der erhabenste, doch der glänzendste und ergreifendste. Aber die Natur, die ihn mit so vielen seltenen Gaben reich ausgestattet, hatte ihm das dramatische Talent versagt. Dennoch vergeudete er die ganze Kraft seiner besten Jahre an dramatische Werke. Er war zu einsichtsvoll, um nicht zu erkennen, daß ihm die Fähigkeit mangelte, Charactere durch den Dialog zu zeichnen, und er that sein Möglichstes, um diesen Mangel bald durch überraschende und ergötzliche Wendungen, bald durch edle Deklamation, bald durch wohllautende Verse; bald durch schlüpfrige Zweideutigkeiten, zu verdecken, welche dem Geschmack eines profanen und sittenlosen Publikums nur zu wohl entsprachen. Dennoch erlangte er nie einen dramatischen Erfolg, ähnlich denen, welche die Anstrengungen einiger Männer belohnten, die an Talent überhaupt tief unter ihm standen. Er schätzte sich glücklich, wenn er hundert Guineen für ein Stück erhielt, ein karger, aber jedenfalls höherer Lohn, als ihm jede andre literarische Arbeit von gleichem Umfange eingebracht, haben wurde,152
Die Unterstützung, welche den Schöngeistern jener Zeit von Seiten des Publikums zu Theil wurde, war so gering, daß sie sich gezwungen sahen, ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Börsen der Großen in Contribution setzten. Jeder reiche und gutherzige Lord wurde daher von den Autoren mit so zudringlicher Bettelei und so kriechender Schmeichelei belästigt, wie sie unsrer Zeit unglaublich erscheinen müssen. Von dem Gönner, dem ein Werk gewidmet wurde, erwartete der Verfasser, daß er ihn mit einer goldgefüllten Börse belohnen werde. Das für die Widmung eines Buches bewilligte Geschenk war oft bedeutender, als die Summe, welche irgend ein Verleger für das Verlagsrecht bezahlt haben würde. Es wurden daher oft Bücher lediglich um der Zuneigung willen gedruckt. Dieser Handel mit Lob hatte die Wirkung, welche davon zu erwarten war. Eine an Unsinn, ja zuweilen an Gottlosigkeit streifende Schmeichelei war keine Schande für den Dichter, die Welt verlangte keine Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstachtung von ihm, kurz, er war in moralischer Beziehung ein Mittelding zwischen einem Kuppler und einem Bettler.
Zu den anderen Fehlern, welche den literarischen Character schändeten, kam gegen das Ende der Regierung Karl’s II. die maßloseste Heftigkeit des Parteigeistes. Die Schöngeister als Stand waren durch ihren alten Haß gegen den Puritanismus bewogen worden, auf die Seite des Hofes zu treten, und hatten sich als nützliche Bundesgenossen erwiesen. Dryden insbesondere hatte dem Hofe gute Dienste geleistet. Sein „Absalom und Achitophel“, die größte Satire der neueren Zeit, hatte die Hauptstadt in Erstaunen gesetzt, mit beispielloser Schnelligkeit selbst in ländliche Bezirke den Weg gefunden und allenthalben, wo sie erschien, die Exclusionisten tief gekränkt und den Muth der Tories gehoben. Wir dürfen jedoch über die Bewunderung, die wir der edlen Diction und dem schönen Versbau zollen, die wichtige Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem nicht außer Acht lassen. Der Geist, von welchem Dryden und viele seiner Standesgenossen damals gegen die Whigs beseelt waren, verdient hämische Bosheit genannt zu werden. Die servilen Richter und Sheriffs jener schlimmen Zeit konnten das Blut nicht so schnell vergießen, als die Dichter danach schrieen. Das Verlangen von mehr Opfern, abscheuliche Späße über den Strang und bittere Verhöhnung Derjenigen, welche, nachdem sie dem Könige in der Stunde der Gefahr treu zur Seite gestanden, ihm jetzt zu einer nachsichtigen und großmüthigen Behandlung seiner besiegten Feinde riethen, wurden auf offener Bühne ausgesprochen, und zwar, damit das Maß der Schuld und Schande voll werde, von Frauen, in denen man so jeden Funken von Mitgefühl zu ersticken suchte, nachdem sie schon längst gelernt hatten, alle Sittlichkeit von sich zu werfen.153
Zustand der Wissenschaft in England. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß, während die leichtere Literatur Englands auf diese Art ein wunder Fleck und eine Schmach der Nation wurde, der englische Genius in der Wissenschaft eine Umwälzung bewirkte, die bis an’s Ende aller Zeiten zu den glänzendsten Leistungen des menschlichen Geistes gezählt werden wird. Bacon hatte den guten Samen zu ungünstiger Zeit in einen trägen Boden gesäet. Auch hatte er keine frühzeitige Ernte erwartet und in seinem letzten Testamente seinen Ruhm feierlich dem nächsten Zeitalter vermacht. Während einer ganzen Generation war seine Philosophie trotz aller Unruhen, Kriege und Verbannungen in einigen wenigen reich begabten Köpfen langsam gereift. Während Parteien um die Herrschaft über einander kämpften, hatte sich eine kleine Schaar von Weisen mit lobenswerther Verachtung von dem Kampfe zurückgezogen und sich dem edleren Zwecke gewidmet, die Herrschaft des Menschen über die Materie zu erweitern. Sobald die Ruhe wieder hergestellt war, fanden diese Lehrer ohne Mühe aufmerksame Zuhörer, denn die Schule, durch welche die Nation gegangen war, hatte den öffentlichen Geist in eine Stimmung versetzt, die ihn zur Aufnahme der Verulamischen Lehren wohl geeignet machte. Die bürgerlichen Unruhen hatten die Fähigkeiten der gebildeten Klassen geweckt und eine rastlose Thätigkeit und eine unersättliche Wißbegierde hervorgerufen, wie sie unter uns nie zuvor gekannt war. Jene Unruhen hatten jedoch auch die Wirkung gehabt, daß politische und religiöse Reformpläne in der Regel mit Argwohn und Verachtung angesehen wurden. Zwanzig Jahre lang hatten sich rührige und scharfsinnige Männer vorzugsweise damit beschäftigt, Verfassungen mit und ohne höchste Beamten, mit erblichen Senaten, mit durch das Loos zu wählenden Senaten, mit jährlich wechselnden Senaten oder mit bleibenden Senaten zu entwerfen. Nichts war bei diesen Plänen vergessen. Alle Einzelnheiten, die ganze Nomenclatur, das ganze Ceremonial der imaginären Regierung war vollständig ausgeführt: Polemarchen und Phylarchen, Tribus und Galaxien,154 der Lord Archon und der Lord Strategus, welche Wahlurnen grün und welche roth, welche Kugeln von Gold und welche von Silber sein, welche Beamten Hüte und welche schwarze Sammtkappen mit Troddeln tragen, wie das Scepter gehalten werden und wann die Herolde sich entblößen sollten; alle diese und noch hundert andere derartige Kleinigkeiten waren von Männern nicht gewöhnlicher Fähigkeiten und wissenschaftlicher Bildung ernstlich erwogen und festgestellt.155 Aber die Zeit für solche Träume war vorüber, und wenn wirklich noch hier und da ein zäher Republikaner sich damit beschäftigte, so bewog ihn doch die Furcht, öffentlich ausgelacht und des Hochverraths angeklagt zu werden, in der Regel zur sorgfältigsten Geheimhaltung seiner Phantasiegebilde. Es war jetzt unpopulär und gefährlich, nur ein Wort gegen die Grundgesetze der Monarchie laut werden zu lassen, aber kühne und erfinderische Köpfe konnten sich dafür entschädigen, indem sie auf die bisherigen Grundgesetze der Natur mit mitleidiger Geringschätzung herabsahen. Der in dem einen Bette gedämmte Strom suchte sich gewaltsam ein andres; der revolutionäre Geist konnte in der Politik nicht mehr thätig sein und fing daher an, sich mit noch nicht dagewesener Kraft und Regsamkeit in jedem Zweige der Naturwissenschaften zu rühren. Das Jahr 1660, die Epoche der Wiedereinsetzung der alten Verfassung, ist zugleich auch der Zeitpunkt, mit dem der Einfluß der neuen Philosophie beginnt. In diesem Jahre wurde die königliche Societät gegründet, welche das Hauptwerkzeug einer langen Reihe von rühmlichen und heilsamen Reformen werden sollte.156 Binnen wenigen Monaten wurde die Experimentalwissenschaft allenthalben Mode. Die Transfusion des Blutes, das Wägen der Luft und die Fixirung des Quecksilbers nahmen im Geiste des Publikums die Stelle ein, welche bis vor Kurzem die Controversen der Rota ausgefüllt hatten. Ideen über vollkommenere Verfassungsformen machten Träumen von Flügeln, mit denen man vom Tower bis zur Abtei fliegen konnte, und von doppelkieligen Schiffen Platz, bei denen ein Scheitern, selbst im heftigsten Sturme, nicht möglich sein sollte. Die herrschende Stimmung riß alle Klassen mit sich fort, Kavalier und Rundkopf, Staats-, Kirchenmann und Puritaner waren mit einem Male wieder einig. Theologen, Juristen, Staatsmänner, Edelleute und Fürsten erhöhten den Sieg der Bacon’schen Philosophie. Die Dichter verkündeten mit wetteiferndem Feuer das Herannahen des goldenen Zeitalters. Cowley forderte in sinnvollen und glänzenden Versen die Auserwählten auf, Besitz zu nehmen von dem gelobten Lande, wo Milch und Honig flössen, von dem Lande, das ihr großer Befreier und Gesetzgeber wie vom Gipfel des Pisgah herab gesehen, aber nicht habe betreten dürfen.157 Dryden stimmte mit mehr Begeisterung als Sachkenntniß in den allgemeinen Jubel ein und weissagte Dinge, die er so wenig als irgend Jemand verstand. Die Königliche Societät, prophezeiete er, werde uns bald an den äußersten Rand des Erdballs führen und uns dort mit einer besseren Ansicht des Mondes überraschen.158 Zwei gebildete und strebsame Prälaten, Ward, Bischof von Salisbury, und Wilkins, Bischof von Chester, gehörten zu den Führern der Bewegung. Die Geschichte derselben wurde in beredter Sprache von einem jüngern Theologen geschrieben, der sich in seinem Berufe zu hoher Auszeichnung emporschwang, von Thomas Sprat, nachmals Bischof von Rochester. Auch der Oberrichter Hale und der Lordsiegelbewahrer Guildford stahlen ihren richterlichen Geschäften einige Stunden ab, um Schriften über die Hydrostatik zu schreiben. In der That waren die ersten Barometer, welche in London zum Verkauf gestellt wurden, unter Guildford’s unmittelbarer Leitung verfertigt.159 Die Chemie theilte auf kurze Zeit mit dem Wein und der Liebe, mit der Bühne und dem Spieltische, mit den Hofintriguen und den demagogischen Umtrieben die Aufmerksamkeit des ruhelosen Buckingham. Dem Prinzen Ruprecht wurde die Erfindung der schwarzen Kunst zugeschrieben, und nach ihm ist die seltsame Glasblase benannt, welche so lange die Kinder unterhalten und die Philosophen in Verlegenheit gesetzt hat.160 Karl selbst hatte in Whitehall ein Laboratorium und war dort viel thätiger und aufmerksamer als im Staatsrathe. Es gehörte fast zu den Erfordernissen eines gebildeten Gentleman, daß er über Luftpumpen und Teleskope zu sprechen verstand, und selbst seine Damen hielten es zuweilen für passend, Neigung zu den Wissenschaften zur Schau zu tragen, fuhren mit Sechsen nach den Greshamer Sehenswürdigkeiten und stießen einen Freudenruf aus, wenn sie sahen, daß ein Magnet wirklich eine Nadel anzog und daß eine Fliege unter dem Mikroskop so groß aussah wie ein Sperling.161
Wie in jeder großen Bewegung des menschlichen Geistes, lag allerdings auch in dieser etwas, das wohl ein Lächeln entlocken konnte. Es ist eine allgemeine Regel, daß jede Lehre, jedes Studium, wenn es zur Modesache wird, einen Theil der Würde verliert, die es besaß, während es noch auf einen kleinen aber ernsten Kreis beschränkt war und nur um seiner selbst willen geliebt wurde. Es ist wahr, die Thorheiten mancher Leute, die ohne wirkliches Geschick für die Wissenschaft eine leidenschaftliche Liebe zu derselben zur Schau trugen, lieferten einigen boshaften Satirikern, die noch der vorhergehenden Generation angehörten und welche das, was sie in der Jugend gelernt, nicht gern vergessen wollten, Stoff zu verächtlichem Spott.162 Nicht minder wahr aber ist es, daß das große Werk der Erforschung der Natur von den Engländern jener Zeit in einer Weise gefördert wurde, wie nie zuvor zu irgend einer Zeit und von irgend einer Nation. Der Geist Franz Bacon’s, dieser Geist, in welchem Kühnheit und Besonnenheit zu einem wundervollen Ganzen verbunden waren, schwebte über dem Volke. Man war fest überzeugt, daß die ganze Welt voll von Geheimnissen von hoher Wichtigkeit für das Wohl des Menschen sei und daß der Schöpfer ihm den Schlüssel in die Hand gelegt, der bei richtigem Gebrauch ihm die Kenntniß derselben verschaffen konnte. Zu gleicher Zeit aber war man auch überzeugt, daß man in den Naturwissenschaften nur durch genaue Beobachtung einzelner Erscheinungen zur Kenntniß der allgemeinen Gesetze gelangen konnte. Tief durchdrungen von diesen großen Wahrheiten widmeten sich die Jünger der neuen Philosophie ihrer Aufgabe, und noch vor Ablauf eines Vierteljahrhunderts hatten sie schon einen großen Theil von den Schätzen zu Tage gefördert, welche später vervollständigt worden sind. Schon hatte eine Reform des Landbaus begonnen, neue Pflanzen wurden angebaut, neue landwirthschaftliche Geräthe und neue Düngemittel wurden angewendet.163 Evelyn hatte mit ausdrücklicher Genehmigung der Königlichen Societät seinen Landsleuten Unterricht im Anpflanzen gegeben. Temple hatte in seinen Mußestunden allerhand Versuche im Gartenbau angestellt und den Beweis geliefert, daß viele köstliche Früchte, die Erzeugnisse begünstigterer Himmelsstriche, mit Hülfe der Kunst in englischem Boden gezogen werden konnten. Die Arzneiwissenschaft, die sich in Frankreich noch in trauriger Abhängigkeit befand und Molière unerschöpflichen Stoff zu gerechtem Spott lieferte, war in England eine Experimentalwissenschaft geworden, welche trotz Hippokrates und Galen mit jedem Tage einen neuen Fortschritt machte. Zum ersten Male richtete sich die Aufmerksamkeit denkender Männer auf die so wichtige Gesundheitspolizei. Die große Pest von 1665 gab ihnen Veranlassung, die Mängel der Bauart, der Abzugskanäle und der Lüftung der Hauptstadt sorgfältig zu untersuchen, und der große Brand im darauffolgenden Jahre bot Gelegenheit zur Einführung ausgedehnter Verbesserungen. Die Königliche Societät prüfte die Sache mit größter Thätigkeit, und den Anregungen von Seiten dieser Gesellschaft sind zum Theil die Veränderungen zuzuschreiben, welche allerdings noch weit hinter dem zurückblieben, was die öffentliche Wohlfahrt erheischte, aber doch einen großen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen London hervortreten ließen und den Verheerungen der Pest in unsrem Vaterlande wahrscheinlich ein Ziel setzten.164 Zu gleicher Zeit schuf einer von den Gründern der Gesellschaft, Sir Wilhelm Petty, die Wissenschaft der politischen Arithmetik, die bescheidene, aber unentbehrliche Gehülfin der Staatsweisheit. Kein Naturreich blieb unerforscht. Jener Zeit gehören die Entdeckungen Boyle’s im Gebiete der Chemie und Sloane’s erste botanische Forschungen an. Damals stellte Ray eine neue Classification der Vögel und Fische auf und Woodward begann seine Aufmerksamkeit den Fossilien und Muscheln zuzuwenden. Die Phantome, die während langer Jahrhunderte der Finsterniß die Welt bethört hatten, flohen eines nach dem andren vor dem Lichte. Die Astrologie und Alchymie wurden Gegenstände des Spotts. Bald gab es kaum noch eine Grafschaft, wo nicht Einige auf der Richterbank verächtlich gelächelt hätten, wenn eine alte Frau vor sie geführt wurde, weil sie auf Besenstielen geritten sei oder es dem Viehe angethan habe. Die wichtigsten Triumphe aber errang der englische Genius der damaligen Zeit in den edelsten und schwierigsten Zweigen der Wissenschaft, in denen Induction und mathematischer Beweis zur Entdeckung der Wahrheit zusammenwirken. John Wallis gab dem ganzen System der Statik eine neue Grundlage. Edmund Halley untersuchte die Eigenschaften der Atmosphäre, die Ebbe und Fluth des Meeres, die Gesetze des Magnetismus und den Lauf der Kometen; weder Mühen, noch Gefahren, noch die Verbannung konnten ihm die Pflege der Wissenschaft verleiden. Während er auf dem Felsen von St. Helena eine Karte von den Sternbildern der südlichen Hemisphäre entwarf, ward unsre Nationalsternwarte in Greenwich erbaut, und John Flamsteed, der erste königliche Astronom, begann die lange Reihe von Beobachtungen, welche auf keinem Punkte der ganzen Erde ohne Achtung und Dankbarkeit erwähnt werden. Doch wie groß auch der Ruhm dieser Männer ist, er wird durch den Alles überstrahlenden Glanz eines unsterblichen Namens in den Schatten gestellt. In Isaak Newton vereinigten sich wie in keinem Andren vor ihm oder nach ihm zwei Arten von geistiger Kraft, welche wenig mit einander gemein haben und nicht oft in einem hohen Grade der Vollendung beisammen gefunden werden, die aber nichtsdestoweniger bei Erforschung der höchsten Gebiete der Naturwissenschaft gleich nothwendig sind. Es mag Geister gegeben haben, welche für den Anbau der reinen mathematischen Wissenschaft eben so glücklich constituirt waren als der seinige; es mag Geister gegeben haben, welche in der Pflege der reinen Experimentalwissenschaft dem seinigen nicht nachstanden: in keinem andren Geiste aber haben sich das demonstrative und das inductive Talent in solch höchster Vollendung und in so unvergleichlicher Harmonie vereinigt. In einem Zeitalter von Scotisten und Thomisten würde vielleicht auch sein Geist verkümmert sein, wie mancher andre, der nur dem seinigen nachstand. Glücklicherweise aber gab der Geist des Zeitalters, das ihm zugefallen war, seinem Geiste die rechte Richtung, und sein Genie wirkte wieder mit zehnfacher Kraft auf den Geist seiner Zeit zurück. Im Jahre 1685 war sein Ruhm, obwohl schon glänzend, doch erst im Entstehen, sein Genie aber hatte den Zenith erreicht. Sein großes Werk, das Werk, das auf den wichtigsten Gebieten der Naturwissenschaft eine Revolution herbeiführte, war vollendet, aber noch nicht im Druck erschienen, und sollte eben der Beurtheilung der Königlichen Societät unterbreitet werden.
Zustand der schönen Künste. Es ist nicht ganz leicht zu erklären, warum die Nation, die in den Wissenschaften ihren Nachbarn so weit voraus war, in der Kunst ihnen allen weit nachstand. Dennoch war es so. In der Baukunst, einer Kunst, die eine halbe Wissenschaft ist, einer Kunst, in der sich nur ein Geometer auszeichnen kann, eine Kunst, welche nur einen mittelbar oder unmittelbar vom Nutzen abhängigen Maßstab der Schönheit hat und deren Schöpfungen wenigstens einen Theil ihrer Majestät von der bloßen körperlichen Masse herleiten, konnte sich unser Vaterland allerdings in Christoph Wren eines wahrhaft großen Mannes rühmen, und das Feuer, welches London in Asche legte, hatte ihm eine in der neueren Geschichte noch nicht dagewesene Gelegenheit gegeben, sein Talent zu entfalten. Die ernste Schönheit der atheniensischen Säulenhalle und die düstre Großartigkeit des gothischen Spitzbogens war er, gleich allen seinen Zeitgenossen, unfähig zu erreichen, aber kein diesseits der Alpen Geborener hat die Pracht der palastähnlichen Kirchen Italiens mit so glücklichem Erfolge nachgeahmt. Selbst der prachtliebende Ludwig hat der Nachwelt kein Werk hinterlassen, das mit der Paulskirche einen Vergleich aushalten könnte. Aber zu Ende der Regierung Karl’s II. gab es nicht einen einzigen englischen Maler oder Bildhauer, dessen Name noch jetzt genannt würde. Diese Unfruchtbarkeit hat etwas Räthselhaftes, denn Maler und Bildhauer waren durchaus keine verachtete oder kärglich bezahlte Klasse von Künstlern, sie nahmen damals eine fast eben so hohe Stellung in der Gesellschaft ein als jetzt, ja ihr Verdienst war im Verhältniß zu dem Nationalreichthum und dem Lohne, welcher anderen Arten geistiger Arbeit gewährt wurde, sogar größer als gegenwärtig. In der That zog die freigebige Gönnerschaft, welche den Künstlern zu Theil ward, sie schaarenweise an unsere Küsten. Lely, der uns die üppigen Locken, die vollen Lippen und die schmachtenden Augen der von Hamilton gefeierten ätherischen Schönheiten hinterlassen hat, war ein Westfale. Er starb 1680, nachdem er lange glänzend gelebt, die Ritterwürde empfangen und sich von den Früchten seiner Kunst ein ansehnliches Vermögen erspart hatte. Seine schöne Sammlung von Zeichnungen und Gemälden wurde nach seinem Tode mit Erlaubniß des Königs im Bankethause von Whitehall ausgestellt und dann für die fast unglaubliche Summe von sechsundzwanzigtausend Pfund Sterling versteigert, eine Summe, welche zu dem Vermögen der damaligen Reichen in einem größeren Verhältnisse stand, als hunderttausend Pfund zu dem Vermögen eines Reichen unserer Tage.165 Auf Lely folgte sein Landsmann Gottfried Kneller, der nacheinander zum Ritter und zum Baronet erhoben wurde und der, obgleich er ein großes Haus geführt und in unglücklichen Spekulationen viel Geld verloren hatte, seiner Familie doch noch ein sehr bedeutendes Vermögen hinterlassen konnte. Die beiden Vandevelde, geborene Holländer, waren durch die englische Freigebigkeit bewogen worden, zu uns überzusiedeln, und malten für den König und den hohen Adel einige der schönsten Seestücke, die es giebt. Ein andrer Holländer, Simon Varelst, malte herrliche Sonnenblumen und Tulpen zu Preisen, wie sie bis dahin noch nie bezahlt worden waren. Verrio, ein Neapolitaner, schmückte Decken und Treppenhäuser mit Gorgonen und Musen, mit Nymphen und Satyrn, mit Tugenden und Lastern, mit nektarschlürfenden Göttern und lorbeerbekränzten, im Triumph einherziehenden Fürsten. Das Einkommen, das ihm seine Arbeiten verschafften, setzte ihn in den Stand, eine der üppigsten Tafeln in England zu führen. Für seine Malereien in Windsor allein erhielt er siebentausend Pfund, eine Summe, welche damals hinreichte, einem Gentleman von bescheidenen Ansprüchen für seine Lebenszeit ein anständiges Auskommen zu sichern, eine Summe, welche Dryden während einer vierzigjährigen literarischen Laufbahn von den Buchhändlern noch bei weitem nicht erhalten hatte.166 Verrio’s erster Gehülfe und Nachfolger, Ludwig Laguerre, stammte aus Frankreich. Auch die zwei berühmtesten Bildhauer jener Zeit waren Ausländer. Cibber, dessen ergreifende Statuen der Raserei und der Melancholie noch jetzt eine Zierde von Bedlam sind, war ein Däne. Gibbons, dessen anmuthiger Phantasie und zartem Pinsel viele unserer Paläste, Collegien und Kirchen ihre schönsten inneren Ausschmückungen verdanken, war ein Holländer. Selbst die Zeichnungen für die Münze wurden von französischen Künstlern gefertigt. Erst unter der Regierung Georg’s II. konnte sich unser Vaterland eines großen Malers rühmen, und Georg III. saß auf dem Throne, bevor es Ursache hatte, auf einen seiner Bildhauer stolz zu sein.
Es ist Zeit, daß ich mit der Betreibung des England, das Karl II. regierte, zum Schluß eile. Ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit ist jedoch noch nicht berührt worden. Ich habe noch nichts von der großen Masse des Volks gesagt, von Denen, die hinter dem Pfluge gingen, welche die Ochsen pflegten, an den Webstühlen von Norwich arbeiteten und die Portlandsteine für die St. Paulskirche herrichteten. Viel kann von ihnen auch nicht gesagt werden. Gerade über die zahlreichste Klasse haben wir die dürftigsten Nachrichten. Damals betrachteten es die Philantropen noch nicht für eine heilige Pflicht und die Demagogen erkannten es noch nicht als ein einträgliches Geschäft, sich über die Noth des Arbeiters ausführlich zu verbreiten. Die Geschichte war zu sehr von Höfen und Lagern in Anspruch genommen, als daß sie eine Zeile für die Hütte des Landmanns oder für die Dachstube des Handwerkers hätte erübrigen können. Die Presse liefert jetzt oft in einem Tage eine größere Menge von Erörterungen und Schilderungen der Lage des Arbeiters, als in den achtundzwanzig Jahren zwischen der Restauration und der Revolution veröffentlicht wurden. Man würde jedoch sehr irren, wollte man aus der Vermehrung der Klagen über diesen Gegenstand auf eine Zunahme des Elends schließen.
Lage des niederen Volks. Der wichtigste Maßstab für die Lage des gemeinen Volks ist die Höhe der Arbeitslöhne, und da im siebzehnten Jahrhundert vier Fünftel des gemeinen Volks beim Landbau beschäftigt war, so ist die Feststellung der Löhne bei der landwirthschaftlichen Industrie von ganz besonderer Wichtigkeit. Es stehen uns die Mittel zu Gebote, um in Bezug auf diesen Gegenstand zu Ergebnissen zu gelangen, die für unsren Zweck hinreichend genau sind.
Löhne der Feldarbeiter. Sir Wilhelm Petty, dessen bloße Aussage schon großes Gewicht hat, versichert uns, daß ein Feldarbeiter, der mit Kost vier Pence und ohne Kost acht Pence Tagelohn erhielt, sich noch nicht am schlechtesten stand. Vier Schillinge, war daher nach Petty’s Berechnung beim Landbau ein sehr guter Wochenlohn.167
Wir haben mehr als hinlängliche Beweise dafür, daß diese Berechnung nicht weit von der Wirklichkeit abweicht. Zu Anfang des Jahres 1685 setzten die Richter von Warwickshire kraft einer ihnen durch einen Erlaß der Königin Elisabeth ertheilten Vollmacht in ihrer Quartalsitzung eine Lohntaxe für die Grafschaft fest und bestimmten, daß jeder Arbeitgeber, der mehr als die festgesetzten Löhne bewilligte, sowie jeder Arbeiter, der mehr annähme, bestraft werden solle. Der Lohn des gemeinen Feldarbeiters wurde vom März bis zum September genau auf den von Petty angegebenen Betrag festgesetzt, nämlich auf vier Schillinge wöchentlich, ohne Kost. Vom September bis zum März sollte der Lohn nur drei Schillinge 6 Pence betragen.168
Die Löhne des Landmanns waren jedoch damals, wie auch jetzt, in den verschiedenen Theilen des Landes sehr verschieden. In Warwickshire betrugen sie wahrscheinlich ungefähr die Durchschnittssumme, in den Grafschaften zunächst der schottischen Grenze waren sie noch niedriger; allein es gab auch begünstigtere Districte. In dem nämlichen Jahre — 1685 — ließ ein Gentleman von Devonshire, Namens Richard Dunning, ein kleines Schriftchen erscheinen, in welchem er die Lage der Armen dieser Grafschaft beschrieb. Es kann nicht bezweifelt werden, daß er von seinem Gegenstande die genaueste Kenntniß hatte, denn schon nach wenigen Monaten erlebte die Schrift eine neue Auflage und wurde von den zur Quartalsitzung in Exeter versammelten Magistratsbeamten der Beachtung aller Gemeindevorstände dringend empfohlen. Nach ihm betrug der Wochenlohn des Feldarbeiters in Devonshire ungefähr fünf Schillinge ohne Kost.169
Noch besser standen sich die Arbeiter in der Umgegend von Bury St. Edmund’s. Die Magistratsbeamten von Suffolk versammelten sich dort im Frühjahr 1682, um eine Lohntaxe festzustellen, und sie beschlossen, daß der Arbeiter, wenn er nicht beköstigt würde, im Winter fünf und im Sommer sechs Schillinge wöchentlich erhalten sollte.170
Im Jahre 1661 hatten die Richter von Chelmsford den Wochenlohn des Arbeiters in Essex, wenn er nicht beköstigt wurde, auf sechs Schillinge im Winter und sieben im Sommer festgesetzt. Dies scheint der höchste Lohn zu sein, der zwischen der Restauration und der Revolution für Feldarbeit im Königreiche bewilligt wurde, und es ist hierbei noch zu bemerken, daß in dem Jahre, wo diese Bestimmungen getroffen wurden, die Lebensmittel unmäßig theuer waren. Der Quarter Weizen kostete siebenzig Schillinge, ein Preis, bei dem man selbst heutzutage von Hungersnoth sprechen würde.171
Diese Thatsachen stehen im vollkommensten Einklange mit einem anderen Factum, das Beachtung verdient. Es liegt auf der Hand, daß in einem Lande, wo Niemand zum Militairdienst gezwungen werden kann, die Reihen einer Armee sich nicht füllen werden, wenn die Regierung einen erheblich geringeren Sold bietet, als der Lohn eines gewöhnlichen Landarbeiters beträgt. Gegenwärtig beträgt die Löhnung eines Gemeinen, einschließlich des Biergeldes, bei der Linie sieben Schillinge und sieben Pence die Woche. Dieser Sold, verbunden mit der Aussicht auf eine Pension, zieht jedoch die englische Jugend nicht in hinreichender Zahl an, und man sieht sich genöthigt, den Ausfall durch ausgedehnte Werbungen unter der ärmeren Bevölkerung von Munster und Connaught zu decken. Im Jahre 1685 betrug die Löhnung des gemeinen Infanteristen nur vier Schillinge acht Pence die Woche, und dennoch ist es erwiesen, daß es der Regierung in jenem Jahre nicht schwer wurde, binnen sehr kurzer Zeit viele Tausend englische Rekruten zu erhalten. In der Armee der Republik hatte die Löhnung des gemeinen Fußsoldaten sieben Schillinge betragen, das heißt so viel, als unter Karl II. ein Korporal bekam,172 und dieser Sold erwies sich als hinreichend, um die Reihen des Heeres mit Männern zu füllen, welche entschieden über der großen Masse des Volks standen. Im Ganzen scheint man daher mit gutem Grunde annehmen zu können, daß unter der Regierung Karl’s II. der gewöhnliche Lohn des Bauern nicht über vier Schillinge die Woche betrug, daß aber in einigen Gegenden des Landes fünf Schillinge, sechs Schillinge, und während der Sommermonate selbst sieben Schillinge bezahlt wurden. Gegenwärtig würde der Zustand eines Districts, in welchem der Arbeitsmann nur sieben Schillinge wöchentlich verdiente, für höchst traurig gelten. Der durchschnittliche Lohn ist bedeutend höher, und in wohlhabenden Grafschaften steigt der Wochenlohn des ländlichen Arbeiters auf zwölf, vierzehn und sogar sechzehn Schillinge.
Löhne der Fabrikarbeiter. Der Lohn der in den Fabriken beschäftigten Arbeiter ist stets höher gewesen, als der der landwirthschaftlichen Arbeiter. Im Jahre 1680 bemerkte ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, daß es wegen der hohen Arbeitslöhne, die in unsrem Lande bezahlt würden, unseren Geweben unmöglich sei, mit den Erzeugnissen der indischen Webstühle zu concurriren. Anstatt wie ein Eingeborner von Bengalen für eine Kupfermünze zu arbeiten, verlange ein englischer Fabrikarbeiter täglich einen Schilling.173 Man hat noch andere Beweise dafür, daß der englische Fabrikarbeiter damals auf einen Tagelohn von einem Schilling Anspruch machen zu können glaubte, daß er aber oft gezwungen war, für einen geringeren Lohn zu arbeiten. Das gemeine Volk jener Zeit pflegte sich noch nicht zum Behuf öffentlicher Besprechungen zu versammeln, Reden zu halten oder beim Parlament zu petitioniren. Keine Zeitung vertrat seine Sache, nur in rohen Liedern sprach seine Liebe und sein Haß, seine Freude und sein Kummer sich aus. Einen großen Theil seiner Geschichte kann man nur aus seinen Balladen lernen. Eins der merkwürdigsten von den Volksliedern, welche zur Zeit Karl’s II. in den Straßen von Norwich und Leeds gesungen wurden, kann man noch heute auf dem ursprünglichen Druckbogen lesen. Es ist ein heftiger und bitterer Wehschrei der Arbeit gegen das Kapital, es schildert die guten alten Zeiten, als noch jeder Arbeiter in den Wollenmanufacturen so gut lebte wie ein Pächter. Aber diese Zeiten waren vorbei. Sechs Pence den Tag waren jetzt das Höchste, was bei angestrengter Arbeit am Webstuhle verdient werden konnte. Wenn die Armen sich beklagten, daß sie von so kargem Lohne nicht leben könnten, antwortete man ihnen, daß es ihnen freistehe, denselben anzunehmen oder nicht. Für so jämmerlichen Lohn mußten die Erzeuger des Reichthums vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, während der Meister Tuchmacher unter Essen, Schlafen und Müßiggehen durch ihre Anstrengungen reich wurde. Ein Schilling den Tag, erklärt der Dichter, sei der Lohn, der dem Weber von Rechtswegen zukomme.174 Wir können daraus schließen, daß unter der der Revolution vorausgehenden Generation ein in der großen Hauptmanufactur Englands beschäftigter Arbeiter sich für gut bezahlt hielt, wenn er sechs Schillinge die Woche verdiente.
Arbeit der Kinder in den Fabriken. Es mag hier erwähnt werden, daß der Gebrauch, Kinder frühzeitig zur Arbeit zu verwenden, ein Gebrauch, den der Staat als rechtmäßiger Beschützer Derer, die sich selbst noch nicht beschützen können, in unsrer Zeit mit weiser Menschenfreundlichkeit verboten hat, im siebzehnten Jahrhundert in einer Ausdehnung herrschte, welche bei Vergleichung mit dem Umfange des Fabrikwesens kaum glaublich erscheint. In Norwich, dem Hauptsitze der Tuchmanufactur, wurde ein sechsjähriges Kind schon für arbeitsfähig gehalten. Verschiedene Schriftsteller jener Zeit, darunter manche, die für große Menschenfreunde galten, erwähnen rühmend, daß in dieser Stadt allein Knaben und Mädchen von zartem Alter einen Reichthum erzeugten, der das zu ihrem Lebensunterhalt Erforderliche um zwölftausend Pfund Sterling jährlich übersteige.175 Je sorgfältiger wir die Geschichte der Vergangenheit prüfen, um so mehr Grund finden wir, von der Meinung Derer abzuweichen, welche glauben, unsre Zeit sei fruchtbar an neuen socialen Übeln gewesen. Die Wahrheit ist, daß diese Übel, mit kaum einer Ausnahme, alt sind. Neu ist nur die Einsicht, welche dieselben erkennt, und die Humanität, die sie beseitigt.
Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern. Wenn wir von den Tuchwebern zu einer andren Klasse von Arbeitern übergehen, so werden unsere Untersuchungen zu den nämlichen Resultaten führen. Die Commissare des Greenwich-Hospitals zeichneten mehrere Generationen hindurch die Löhne auf, welche verschiedenen bei den Reparaturen des Gebäudes beschäftigten Handwerkern bezahlt wurden. Aus diesen werthvollen Aufzeichnungen ergiebt sich, daß im Laufe von hundertzwanzig Jahren der Tagelohn des Ziegeldeckers von einer halben Krone auf vier Schillinge zehn Pence, der des Maurers von einer halben Krone auf fünf Schillinge drei Pence, der des Zimmermanns von einer halben Krone auf fünf Schillinge fünf Pence, und der des Bleideckers von drei Schillingen auf fünf Schillinge sechs Pence gestiegen ist.
Daraus geht klar hervor, daß die Arbeitslöhne, nach dem Geldbetrage, im Jahre 1685 nur halb so hoch waren als gegenwärtig, und nur wenige für den Arbeiter wichtige Artikel waren 1685 nur halb so theuer als jetzt. Das Bier war allerdings damals viel wohlfeiler als jetzt. Auch das Fleisch war wohlfeiler, aber immer noch so theuer, daß Tausende von Familien kaum den Geschmack desselben kannten.176 Der Preis des Weizens hat sich wenig geändert. Während der zwölf letzten Regierungsjahre Karl’s II. war der Durchschnittspreis des Quarters funfzig Schillinge. Daher war ein Brod, wie es gegenwärtig die Bewohner eines Zuchthauses bekommen, damals selbst auf dem Tische eines Freisassen oder eines Ladenkrämers eine Seltenheit. Die große Mehrzahl der Nation lebte von Roggen, Gerste und Hafer.
Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, die Erzeugnisse des Bergbaues und die Erzeugnisse des Maschinenwesens waren unzweifelhaft theurer als gegenwärtig. Zu den Bedürfnissen, welche der Arbeiter 1685 theurer bezahlen mußte als seine Nachkommen im Jahre 1848, gehörten unter anderen Zucker, Salz, Kohlen, Lichter, Seife, Schuhe, Strümpfe und überhaupt alle Bekleidungsstücke und alles Bettzeug. Man darf hinzusetzen, daß die Kleider und Bettdecken in früherer Zeit nicht nur theurer, sondern auch weniger haltbar waren als die neueren Fabrikate.
Zahl der Armen. Man darf nicht vergessen, daß diejenigen Arbeiter, welche im Stande waren, sich und ihre Familien durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren, nicht die bedürftigsten Mitglieder des Gemeinwesens waren. Unter ihnen stand noch eine zahlreiche Klasse, welche ohne fremde Unterstützung nicht leben konnte. Es wird kaum einen besseren Maßstab für die Lage des gemeinen Volks geben als das Verhältniß, in welchem die erwähnte Klasse zu der Einwohnerzahl steht. Aus den amtlichen Armenlisten geht hervor, daß gegenwärtig die Männer, Frauen und Kinder, welche Unterstützung erhalten, in schlechten Jahren ein Zehntel und in guten ein Dreizehntel der Bewohner Englands bilden. Gregor King schätzte sie zu seiner Zeit auf mehr als ein Fünftel; und diese Schätzung, die wir bei aller Achtung vor seiner Autorität kaum anders als übertrieben nennen können, wurde von Davenant für höchst verständig erklärt.
Wir sind nicht ganz ohne die Mittel, um selbst eine Schätzung zu machen. Die Armensteuer war unzweifelhaft die drückendste Abgabe, die zu jener Zeit auf unseren Vorfahren lastete. Sie wurde unter Karl II. auf nahe an siebenhunderttausend Pfund Sterling jährlich berechnet; das war weit mehr als der Ertrag der Accise und Zölle und nicht viel weniger als die Hälfte des Gesammteinkommens der Krone. Die Armensteuer nahm mit reißender Schnelligkeit zu und stieg in kurzer Zeit auf acht- bis neunhunderttausend Pfund, das heißt auf ein Sechstel ihres jetzigen Betrags. Die Einwohnerzahl war damals nur ein Drittel so stark als gegenwärtig. Das Minimum des Arbeitslohnes, in Gelde geschätzt, war die Hälfte von dem was es jetzt ist, und wir dürfen daher kaum annehmen, daß die einem Armen gewährte Unterstützung im Durchschnitt mehr als die Hälfte von dem betrug, was ihm gegenwärtig zu Theil wird. Daraus scheint zu folgen, daß damals ein größerer Theil des englischen Volks Gemeindeunterstützung erhielt als jetzt. Man muß gegen solche Schätzungen immer mißtrauisch sein, jedenfalls aber ist es noch durch nichts bewiesen worden, daß der Pauperismus während des letzten Viertels des siebzehnten Jahrhunderts eine minder drückende Last oder ein kleineres sociales Übel war als er es in unsrer Zeit ist.177
In einem Punkte muß man indessen zugestehen, daß der Fortschritt der Civilisation das physische Wohlsein eines Theils der ärmsten Klasse vermindert hat. Es ist schon erwähnt worden, daß viele tausend Quadratmeilen, die jetzt eingehegt und angebaut sind, damals Sumpf, Wald und Heide waren. Von diesem wilden Land war ein großer Theil rechtliches Gemeingut, und vieles von dem, was nicht Gemeingut war, hatte einen so geringen Werth, daß die Eigenthümer es factisch Gemeingut sein ließen. Auf solchen Landstrecken wurden unbefugte Ansiedler in einer jetzt nicht gekannten Ausdehnung geduldet. Der dort wohnende Landmann konnte sich mit wenig oder gar keinen Kosten zuweilen eine schmackhafte Zuspeise zu seiner harten Kost verschaffen und sich für den Winter mit Brennholz versorgen. Auf dem Platze, der gegenwärtig ein Obstgarten mit blühenden Äpfelbäumen ist, hielt er eine Heerde Gänse. Er fing wildes Geflügel auf dem Sumpfe, der jetzt schon längst ausgetrocknet und in Korn- und Rübenfelder abgetheilt ist. Er stach Torf unter den Ginsterbüschen auf dem Moore, der jetzt eine Wiese mit blühendem Klee ist, berühmt durch ihre Butter und ihrem Käse.
Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke brachten. Die Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der Bevölkerung mußten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben; dafür aber läßt sich eine lange Liste anderer Vortheile anführen. Ein großer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Ständen zu Gute und würde im Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermißt werden, als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine Tagereise weit entfernt. Die Straße, die dem Handwerker jetzt die ganze Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glänzend erleuchteten Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach Sonnenuntergang so dunkel, daß er die Hand nicht vor den Augen hätte sehen können, so schlecht gepflastert, daß er beständig in Gefahr geschwebt hätte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, daß er keinen Augenblick sicher gewesen wäre, überfallen und seines kleinen Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerüste herabfällt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen überfahren wird, hat jetzt die Gewißheit, daß seine Wunden so zweckmäßig verbunden und seine Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfürst wie Clayton für all’ seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch polizeiliche Maßregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen Lebens hat sich im ganzen Königreiche und namentlich in den Städten verlängert. Das Jahr 1685 galt für kein ungesundes, und doch starb in diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der Hauptstadt.178 Gegenwärtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten Jahrhunderts ist weit größer als der zwischen dem heutigen London in gewöhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.
Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einfluß der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der nämliche geblieben, als man überhaupt sagen kann, daß der allgemeine Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verständiger Mann geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß der englische Volksgeist, während er gereift ist, sich zugleich auch gemildert hat und daß wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres, sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafür enthielte, daß unsere Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den Werkstätten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwärtig. Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als Schläge, und Ehemänner ganz achtbaren Standes schämten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen. Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, daß wir es kaum begreifen können. Whigs murrten darüber, daß man Stafford sterben ließ, ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories schmähten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze in Lincoln’s Inn Fields fuhr.179 Eben so wenig Mitleid zeigte der Pöbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den Pranger gestellt wurde, konnte von Glück sagen, wenn er unter dem Hagel von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.180 Wenn er an den Karren angebunden wurde, um gestäupt zu werden, drängte sich der Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tüchtig aufzuzählen, damit er ordentlich heulte.181 Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglücklichen Weiber auspeitschen zu sehen, welche dort Hanf brechen mußten.182 Ein Mann, der zu Tode gepreßt wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder eine Frau, die wegen Falschmünzerei verbrannt wurde, erregten weniger Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein übermäßig angestrengter Ochse; Kämpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein edles und humanes Schauspiel ist, gehörten zu den Lieblingsbelustigungen eines großen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten sich, um Gladiatoren einander mit tödtlichen Waffen in Stücke hauen zu sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kämpfer einen Finger oder ein Auge verlor. Die Gefängnisse waren irdische Höllen, Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie zuweilen an den Richtern, Anwälten und Geschwornen empfindlich rächte. Aber gegen all’ dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen gleichgültig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme, welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und dem Negersklaven einen kräftigen Schutz gewährt, die die Mundvorräthe und Wasserfässer jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder Peitschenhieb auf den Rücken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es nicht dulden will, daß der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht genährt oder übermäßig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst für das Leben des Mörders verwendet hat. Allerdings muß, wie jedes andre Gefühl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen, daß wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefühl zugefügt wird. Durch diese große sittliche Veränderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel gewonnen, am meisten aber die ärmste, die abhängigste und wehrloseste Klasse.
Täuschung, welche die Menschen verleitet, das Glück früherer Geschlechter zu überschätzen. Das Gesammtergebniß der dem Leser vorgeführten Thatsachen dürfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der augenfälligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England der Stuarts als ein glücklicheres Land vorstellen als das England ist, in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, daß eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwärts schreitet, dennoch beständig mit schmerzlicher Sehnsucht zurückblickt. Aber wie unvereinbar diese beiden Neigungen auch scheinen mögen, so lassen sie sich doch leicht auf gleichen Ursprung zurückführen. Beide entspringen aus unsrer Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu überflügeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glück zu überschätzen. In gewissem Sinne ist es thöricht und undankbar von uns, daß wir beständig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich beständig bessert. Aber eben weil beständige Unzufriedenheit herrscht, findet beständige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen zufrieden wären, würden wir aufhören zu sinnen, zu arbeiten und in Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht befriedigt, ist es auch natürlich, daß wir eine zu günstige Meinung von der Vergangenheit haben.
Wir sind in der That in einer Täuschung befangen, ähnlich der, welche den Reisenden in der arabischen Wüste irre führt. Unter den Füßen der Karawane ist Alles trocken und kahl, und vor und hinter ihr in weiter Ferne schimmern erquickende Wasserspiegel. Die Pilger eilen vorwärts und finden nichts als Sand, wo sie vor einer Stunde einen See gesehen hatten. Sie wenden sich um und erblicken einen See da, wo sie vor einer Stunde durch den Sand wateten. Eine ähnliche Täuschung scheint die Nationen durch alle Stadien der langen Reise aus Armuth und Barbarei zu den höchsten Stufen des Wohlstandes und der Civilisation zu begleiten. Verfolgen wir aber das Trugbild entschlossen nach rückwärts, so werden wir es bis in die Regionen des sagenhaften Alterthums zurückweichen sehen. Man pflegt jetzt das goldene Zeitalter Englands in eine Zeit zu versetzen, wo der vornehmste Mann Bequemlichkeiten entbehrte, deren Mangel einem modernen Lakaien unerträglich sein würde, wo der Landwirth und Krämer zum Frühstück ein Brod aßen, dessen bloßer Anblick in einem Arbeitshause der Neuzeit eine Meuterei hervorrufen würde, wo die Menschen in der reinsten Landluft früher starben, als jetzt in den verpestetsten Gäßchen unserer Städte, und wo sie in den Gäßchen der Städte früher starben als jetzt auf der Küste von Guiana. Auch wir werden einst übertroffen, auch wir werden einst beneidet werden. Es kann wohl kommen, daß im zwanzigsten Jahrhundert der Landmann von Dorsetshire sich mit fünfzehn Schillingen die Woche für schlecht bezahlt hält, daß der Zimmermann in Greenwich zehn Schillinge den Tag verdient, daß der Arbeiter eben so wenig gewohnt ist, zu Mittag das Fleisch zu entbehren, als er jetzt gewohnt ist, Roggenbrod zu essen, daß Gesundheitspolizei und arzneiwissenschaftliche Entdeckungen die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens noch um mehrere Jahre verlängern, daß zahlreiche Annehmlichkeiten und Genüsse, die jetzt unbekannt oder doch nur Wenigen zugänglich sind, jedem fleißigen und strebsamen Arbeiter erreichbar werden. Und doch wird man auch dann vielleicht sagen, daß die Zunahme des Wohlstandes und die Fortschritte der Wissenschaft nur der Minderheit auf Kosten der Mehrheit zu Gute gekommen seien, und wird von der Regierung der Königin Victoria sprechen als von einer Zeit, da England wirklich das glückliche England war, wo das Band brüderlicher Sympathie alle Klassen umschlang, wo der Anblick des Reichen das Auge des Armen nicht verletzte und der Arme den Glanz des Reichen nicht beneidete.
Viertes Kapitel.
Jakob II.
Inhalt.
Seite
[3. Kapitel]
Tod Karl’s II. 5
Verdacht der Vergiftung 13
Rede Jakob’s II. an den Geheimen Rath 14
Ausrufung Jakob’s 15
Stand des Ministeriums 16
Neue Anordnungen 17
Sir Georg Jeffreys 18
Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte 22
Einberufung eines Parlaments 23
Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich 23
Churchill als Gesandter nach Frankreich geschickt 25
Seine Geschichte 25
Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England 27
Innerer Kampf Jakob’s II. 31
Schwankungen seiner Politik 31
Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob’s Palast 33
Jakob’s Krönung 34
Enthusiastische Adresse der Tories 36
Die Wahlen 37
Prozeß gegen Oates 41
Prozeß gegen Dangerfield 44
Prozeß gegen Baxter 45
Zusammentritt des schottischen Parlaments 48
Gesinnungen Jakob’s gegen die Puritaner 49
Grausame Behandlung der schottischen Covenanters 50
Stimmung Jakob’s gegen die Quäker 53
Wilhelm Penn 55
Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker 57
Zusammenkunft des englischen Parlaments 59
Trevor zum Sprecher gewählt 59
Seymour’s Character 59
Rede des Königs an das Parlament 60
Debatte bei den Gemeinen. — Rede Seymour’s 61
Bewilligung des Einkommens 62
Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion 62
Bewilligung nachträglicher Steuern 63
Sir Dudley North 63
Verhandlungen der Lords 64
Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford’s 65
Tod Karl’s II. Der Tod Karl’s II. war der Nation überraschend. Er besaß eine kräftige Constitution und schien nicht durch Ausschweifungen gelitten zu haben. Bei seinen Vergnügungen ließ er nie die Rücksicht auf die Gesundheit aus den Augen, und seine Gewohnheiten berechtigten zur Erwartung eines langen Lebens und rüstigen Greisenalters. Wie träge er auch immer da erschien, wo Anstrengung des Geistes nöthig war, in körperlichen Übungen war er lebhaft und ausdauernd. Er war in seiner Jugend ein rühmlich bekannter Ballspieler gewesen,1 und noch im höheren Lebensalter ein unermüdlicher Fußgänger von so außergewöhnlichem Schritt, daß Diejenigen, denen die Ehre seines Umgangs zu Theil wurde, Mühe hatten, mit ihm fortzukommen. Er verließ sehr zeitig das Bett und bewegte sich regelmäßig drei bis vier Stunden in der freien Luft. Ehe noch der Thau von dem Grase des St. James-Parks verschwunden war, sah man ihn schon unter den Bäumen lustwandeln und mit seinen Wachtelhunden spielen, oder den Enten Korn vorwerfen, und diese Beschäftigungen machten ihn beim gemeinen Volke sehr beliebt, welches immer die Mächtigen gern bei ihren zwanglosen Erholungen beobachtet.2
Endlich — es war gegen den Schluß des Jahres 1684 — traf ihn ein leichter Anfall, wie man glaubte, von Gicht, wodurch es ihm unmöglich wurde, seine gewöhnlichen Ausflüge vorzunehmen und er die Morgenstunden in seinem Laboratorium zubrachte, beschäftigt mit Experimenten über die Natur des Quecksilbers. Auf seine Gemüthsstimmung schien dieses Abgeschlossensein eine ungünstige Wirkung zu äußern. Es bestand keine gerechtfertigte Ursache zur Unruhe, das Königreich war beruhigt, es drückte ihn kein Geldmangel, seine Macht war bedeutender als jemals, die Partei, welche ihm so oft im Wege stand, war vernichtet, aber die Fröhlichkeit, welche ihn auch bei dem traurigsten Geschick nicht gänzlich verlassen, war in dieser Zeit des Glücks von ihm gewichen. Ein unbedeutendes Ereigniß vermochte jetzt die elastischen Lebensgeister niederzuhalten, welche gegen Niederlage, Verbannung und Dürftigkeit angestrebt hatten. Seine Reizbarkeit verrieth sich oft durch Mienen und Äußerungen, wie man sie von einem durch heitere Laune und seine Bildung bekannten Manne kaum erwarten konnte, man hatte jedoch keine Ahnung, daß seine Gesundheit ernstlich angegriffen sei.3
Selten hatte sein Palast einen lustigeren oder auch unanständigeren Anblick geboten, als am Sonntag Abend den 1. Februar 1685.4 Einige würdige Personen, welche nach der Sitte jener Zeit nach Hofe gingen, um dem Souverain ihre Ehrfurcht zu beweisen, und an diesem Tage daselbst ein anständiges Aussehen erwarteten, wurden von Erstaunen und Abscheu erfüllt. Die große Halle von Whitehall, ein herrlicher Überrest der Pracht der Tudors, war gedrängt voller Schwelger und Spieler. Darunter saß der König, plaudernd und scherzend mit drei Frauen, deren Reize der Stolz und deren Verdorbenheit die Schande dreier Nationen waren. Es war dabei Barbara Palmer, Herzogin von Cleveland, zwar nicht mehr jung, aber noch jetzt mit Spuren jener wunderbaren, üppigen Reize begabt, welche vor zwanzig Jahren ihr die Herzen aller Männer gewannen; dann die Herzogin von Portsmouth, deren sanfte, feine Züge von französischer Lebhaftigkeit überflogen waren. Hortensia Manzini, Herzogin von Mazarin und Nichte des berühmten Cardinals schloß die Gruppe. Man hatte sie in früher Jugend aus ihrem Geburtslande Italien nach dem Hofe gebracht, wo ihr Oheim herrschte. Die Macht desselben und ihre Reize hatte eine Menge vornehmer Freier um sie gesammelt, und Karl selbst hatte während seines Exils ohne Erfolg um ihre Hand geworben. Keine Gabe der Natur und des Glücks schien ihr versagt zu sein. Ihr Antlitz zeigte die vollendete Schönheit des Südens, ihr Verstand war lebhaft, ihr Benehmen liebenswürdig, ihr Stand hocherhaben und ihre Besitzungen von ungeheurer Größe; aber ihre wilden Leidenschaften hatten all diesen Segen in Fluch verwandelt. Sie hatte die Beschwerden einer unglücklichen Ehe unerträglich gefunden, war dem Gemahl entflohen, hatte ihre Reichthümer im Stiche gelassen, und nachdem sie Rom und Piemont durch ihre Abenteuer in Verwunderung gesetzt, ihren Aufenthalt in England genommen. Ihr Haus war der Lieblingsaufenthalt von witzigen und lebenslustigen Männern, welche um ihres Lächelns und ihrer Tafel willen oftmalige Ausbrüche von Übermuth und Launenhaftigkeit sich gefallen ließen. Rochester und Godolphin erholten sich oft in ihrer Gesellschaft von den Sorgen der Regierung, Barillon und St. Evremond trösteten sich durch den Umgang mit ihr über die lange Verbannung von Paris; Vossius’ Gelehrsamkeit und Waller’s Geistesreichthum waren eifrig bemüht ihr zu schmeicheln und Unterhaltung zu verschaffen; aber ihr krankes Gemüth verlangte kräftigere Aufregungsmittel. Sie suchte dieselben in Liebschaften, Basset und irländischem Gewürzbranntwein.5 Während Karl mit seinen drei Sultaninnen scherzte, trällerte Hortensia’s französischer Page, ein hübscher Knabe, dessen Gesangsleistungen ganz Whitehall bezauberten und durch häufige Geschenke von schönen Kleidern, kleinen Pferden und Guineen belohnt wurden, verliebte Lieder.6 Um eine große Tafel saßen eine Anzahl von zwanzig Hofherren vor mächtigen Goldhaufen und spielten Karten.7 Schon damals beklagte sich der König über ein leichtes Unwohlsein, er hatte keinen Appetit zum Abendessen und eine ruhelose Nacht, stand aber am nächsten Morgen nach seiner Gewohnheit frühzeitig auf.
Auf diesen Morgen hatten die streitenden Factionen des Geheimen Rathes seit mehreren Tagen mit ängstlicher Erwartung hingeblickt. Der Kampf zwischen Halifax und Rochester schien sich einem entscheidenden Wendepunkte zu nähern. Halifax, nicht zufrieden, seinen Nebenbuhler bereits vom Schatzamte verdrängt zu haben, war entschlossen, den Beweis zu führen, daß derselbe sich einer solchen Unredlichkeit oder Nachlässigkeit in der Finanzverwaltung schuldig gemacht, welche nothwendig mit Entfernung aus dem Staatsdienste geahndet werden müsse. Man flüsterte sich sogar zu, der Lord Präsident würde vermuthlich in den Tower gebracht werden. Der König hatte eine Untersuchung dieser Sache versprochen, und der zweite Februar war dazu bestimmt; mehrere Finanzbeamte sollten sich mit ihren Büchern an diesem Tage einfinden8 — aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. —
Kaum hatte Karl sein Lager verlassen, als die aufwartenden Personen bemerkten, daß seine Aussprache undeutlich und seine Gedanken verwirrt und unstät zu sein schienen. Mehrere hochgestellte Männer hatten sich, wie es üblich war, eingefunden, um ihren Herrn rasiren und ankleiden zu sehen. Er machte eine Anstrengung, mit ihnen in seiner gewöhnlichen heiteren Manier sich zu unterhalten, aber sein verstörtes Aussehen bestürzte und ängstigte sie. Bald darauf wurde sein Antlitz schwarz, er verdrehte die Augen, schrie laut auf, taumelte und sank in die Arme des Thomas Lord Bruce, Sohnes des Earls von Ailesbury. Zufällig war der Arzt in der Nähe, dem die Sorge für des Königs Schmelztiegel und Retorten oblag, dieser öffnete in Ermangelung einer Lanzette mit dem Federmesser eine Ader, das Blut floß ungehindert, aber der König war noch immer ohne Bewußtsein.
Man brachte ihn auf sein Bett, wo sich die Herzogin von Portsmouth eine Zeit lang mit der Vertraulichkeit einer Gattin über ihn hinneigte. Aber schon war Lärm geworden. Die Königin und die Herzogin von York eilten herbei und nöthigten die begünstigte Favorite, sich in ihre Zimmer zurückzuziehen. Diese Gemächer waren von ihrem Geliebten zu Befriedigung ihrer Launen dreimal niedergerissen und dreimal wieder aufgebaut worden. Selbst das Geräth des Kamins war aus massivem Silber gearbeitet. Verschiedene prachtvolle Gemälde, eigentlich der Königin gehörig, waren in die Zimmer der Maitresse gebracht worden. Die Seitentische waren mit dem kostbarsten Silbergeräth bedeckt. In den Nischen standen Kästchen, welche Meisterwerke japanischer Geschicklichkeit waren. Auf den Vorhängen, welche eben von den Pariser Webstühlen kamen, befanden sich in Farben, welche keine englische Kunst nachzuahmen verstand, Vögel mit dem prachtvollsten Gefieder, Landschaften, Jagdbilder, die wunderschöne Terrasse von Saint-Germain, die Statuen und Fontainen von Versailles dargestellt.9 Und mitten in dieser durch Schuld und Schmach erworbenen Pracht gab das unglückliche Weib sich dem tiefsten Kummer hin, welcher, um gerecht zu sein, nicht ganz selbstsüchtig war.
Jetzt wurden die Pforten von Whitehall, welche in der Regel allen Kommenden offen standen, geschlossen. Nur bekannten Personen wurde der Eintritt bewilligt. Die Vorzimmer und Gallerien waren bald darauf überfüllt, und selbst im Krankenzimmer drängten sich Pairs, Geheime Räthe und fremde Gesandte. Alle Ärzte von Ruf in London wurden herbeigeholt. Man kann sich einen Begriff von der politischen Erbitterung machen, wenn man erfährt, daß die Anwesenheit einiger whiggistisch gesinnter Ärzte als ein höchst auffallender Umstand betrachtet wurde.10 Ein damals durch seine Geschicklichkeit sehr berühmter katholischer Arzt, Doctor Thomas Short, war zugegen. Verschiedene von den verordneten Recepten sind auf unsere Zeit gekommen, eines davon ist von vierzehn Ärzten unterzeichnet. Man ließ dem Patienten reichlich zur Ader, brachte glühendes Eisen an seinen Kopf und füllte ihm ein ekelhaftes, flüchtiges Salz ein, welches aus Menschenschädeln präparirt war. Die Besinnung kehrte zurück, aber der Zustand des Kranken war offenbar ein äußerst gefährlicher.
Eine Zeit lang pflegte ihn die Königin unverdrossen, und der Herzog von York wich kaum einen Augenblick vom Bette seines Bruders. Der Primas und vier andere Bischöfe, welche damals in London waren, blieben den ganzen Tag in Whitehall und wachten abwechselnd während der Nacht in dem Zimmer des Königs. Die Kunde von seiner Krankheit erregte in der Hauptstadt Angst und Sorge, denn sein freundliches Gemüth und leutseliges Wesen hatten ihn bei der Mehrzahl des Volkes beliebt gemacht, und Diejenigen, welche nicht eben günstig für ihn gesinnt waren, zogen doch seinen charakterlosen Leichtsinn der strengen und finstren Bigotterie seines Bruders vor.
Am Morgen des Donnerstag, den 5. Februar, machte die Londoner Gazette bekannt, daß das Befinden Sr. Majestät sich zusehends bessere und die Ärzte die Gefahr für beseitigt hielten. Fröhliches Glockengeläute ertönte von den Thürmen und in den Straßen wurden Vorbereitungen zu einer Erleuchtung getroffen; jedoch am Abend verbreitete sich die Nachricht, daß ein Rückfall stattgefunden habe und von den Ärzten alle Hoffnung aufgegeben worden sei. Alles war in heftiger Aufregung, doch zeigte sich nirgends Neigung zu Aufruhr. Der Herzog von York, welcher es schon übernommen hatte, Befehle zu ertheilen, erkannte durch eigene Anschauung, daß die Stadt vollkommen ruhig sei und daß er ohne Mühe zum König ausgerufen werden könne, sobald sein Bruder die Augen schloß.
Der König fühlte große Schmerzen und klagte darüber, daß er die Empfindung habe, als ob Feuer in seinem Innern brenne, ertrug jedoch seine Leiden mit einer Ergebung, welche seiner weichlichen, üppigen Gemüthsart nicht angemessen schien. Die Königin war vom Anblick seines trostlosen Zustandes so tief erschüttert, daß sie ohnmächtig wurde und man sie besinnungslos nach ihren Zimmern bringen mußte. Die anwesenden Prälaten hatten schon anfangs ihn ermahnt, an den Tod zu denken, jetzt hielten sie es für ihre Pflicht, ihn noch dringlicher daran zu mahnen. Der Erzbischof von Canterbury, Wilhelm Sancroft, ein redlicher, frommer, wenn auch etwas beschränkter Mann, sprach ohne alle Rücksichten. „Es ist jetzt Zeit, offenherzig zu sein,“ sagte er, „denn Sie sind im Begriff, Sire, vor einen Richter zu treten, bei dem kein Ansehen der Person gilt.“ Der König erwiderte kein Wort.
Jetzt begann Thomas Ken, Bischof von Bath und Wells, seine Überredungskunst zu versuchen. Er war ein talentvoller, gelehrter Mann, von feinem Tact und begründeter Tugend. Seine größeren Werke sind längst vergessen, aber seine Morgen- und Abendhymnen werden noch täglich in Tausenden von Wohnungen wiederholt. Obgleich er wie fast alle seine Standesgenossen, vollkommen monarchisch gesinnt war, hatte er sich doch nie als Schmeichler gezeigt, und bevor er Bischof wurde, seine geistliche Würde dadurch gewahrt, daß er bei Anwesenheit des Hofes zu Winchester sich weigerte, Eleonore Gwynn in dem Hause, welches er damals als Priester innehatte, Wohnung zu geben.11 Der König war vernünftig genug, einen so kräftigen Geist zu achten, unter allen Prälaten war er Ken am meisten zugethan, trotzdem aber blieb die eifrige Beredtsamkeit des guten Bischofs ohne den gewünschten Erfolg. Seine feierliche und ergreifende Rede rief unter den Umstehenden eine so hohe Ehrfurcht und Zerknirschung hervor, daß einige derselben glaubten, derselbe Geist sei über ihn gekommen, welcher durch den Mund des Nathan und Elias sündige Fürsten zur Buße ermahnte. Karl jedoch blieb ungerührt. Er duldete zwar, daß ihm das Gebet von der Heimsuchung der Kranken vorgelesen wurde, und erwiderte auf die dringenden Fragen der Geistlichen, daß er seine Sünden bereue, gestattete auch, daß die Absolution nach dem Ritus der englischen Kirche über ihn gesprochen wurde; als man ihn aber aufforderte, laut zu erklären, daß er im Schooße dieser Kirche sterben wolle, schien er diese Worte nicht zu verstehen, und nichts konnte ihn dahin bringen, das Abendmahl aus der Hand der Bischöfe zu empfangen. Man brachte einen Tisch mit Brod und Wein an sein Lager; es war aber Alles vergeblich. Einmal sagte er, es habe keine Eile, und dann, er sei zu schwach.
Viele hielten diese Gleichgültigkeit für eine Verachtung göttlicher Dinge, Andere für Stumpfsinn, welcher bisweilen dem Tode vorausgeht. Es befanden sich jedoch im Palaste einige Personen, welche den Grund besser kannten. Karl war niemals ein aufrichtiger Bekenner der Staatskirche gewesen, er hatte lange zwischen Hobbismus und Papismus geschwankt. Bei gesundem Körper und frohem Lebensmuthe war er Spötter, und in den wenigen ernsten Augenblicken seines Lebens Katholik. Der Herzog von York wußte das, er war jedoch mit der Sorge für seine eigenen Angelegenheiten zu sehr beschäftigt. Er hatte befohlen, die Häfen zu schließen und Detachements der Garden auf verschiedenen Punkten der Stadt aufzustellen. Ebenso war es ihm gelungen, die mit zitternder Hand geführte Unterschrift des sterbenden Königs unter ein Dokument zu erhalten, wodurch einige, nur bis zum Thronwechsel bewilligte Zölle auf fernere drei Jahre verpachtet wurden. Diese Angelegenheiten beschäftigten Jakob so ausschließlich, daß er, der sonst keine Gelegenheit vorüberließ, durch unzeitigen und rücksichtslosen Eifer seiner Kirche Proselyten zu gewinnen, jetzt nicht daran dachte, daß sein Bruder Gefahr laufe, ohne die letzten Sakramente aus der Welt zu scheiden. Diese Saumseligkeit war um so unbegreiflicher, da die Herzogin von York auf die Bitte der Königin an dem Morgen, wo der König erkrankte, darauf aufmerksam gemacht hatte, wie nothwendig es sein möchte, für geistliche Beihülfe Sorge zu tragen. Diesen Beistand empfing Karl durch eine ganz andre Vermittelung, als die seiner frommen Gemahlin und Schwägerin. Ein lasterhaftes und frivoles Leben hatte in der Herzogin von Portsmouth noch nicht alles religiöse Gefühl und alle jene Güte erstickt, welche der Ruhm des weiblichen Geschlechts ist. Der französische Gesandte, Barillon, welcher nach dem Palaste gekommen war, um sich nach dem Zustande des Königs zu erkundigen, stattete ihr einen Besuch ab und fand sie in Kummer und Verzweiflung. Sie bat ihn, ihr in ein geheimes Zimmer zu folgen, und sprach sich ohne Rückhalt aus. „Ich muß Ihnen — sagte sie — eine Sache von großer Wichtigkeit mittheilen, würde sie bekannt, so könnte mein Leben in Gefahr kommen. Der König ist ganz gewiß katholisch, aber er wird sterben, ohne mit der Kirche Frieden geschlossen zu haben. Des Königs Zimmer ist mit protestantischen Geistlichen angefüllt, ich darf nicht hineingehen ohne Anstoß zu geben und der Herzog denkt nur an sich. Sprechen Sie mit ihm, erinnern Sie ihn, daß es eine Seele gilt, er ist jetzt der Gebieter, auf seinen Befehl wird man das Zimmer räumen. Gehen Sie diesen Augenblick, oder es wird zu spät sein!“ Barillon ging nach dem Krankenzimmer, trat mit dem Herzog bei Seite und entdeckte ihm die Mittheilung der Favorite. Da erwachte Jakob’s Gewissen, er fuhr, wie aus dem Schlafe geweckt, heftig empor und versicherte, daß er ohne jede Rücksicht die heilige Pflicht erfüllen werde, welche schon zu lange verabsäumt worden sei. Mehre Pläne wurden hin und her überlegt, zuletzt befahl der Herzog den Umstehenden, auf die Seite zu treten, ging an das Bette, neigte sich herab und flüsterte einige Worte, welche Niemand im Zimmer hören konnte, die man aber für eine Frage in Bezug auf Staatsangelegenheiten hielt. Karl entgegnete mit munterer Stimme: „Ja, ja, von ganzem Herzen!“ Keiner der Anwesenden, mit Ausnahme des französischen Gesandten, hatte eine Ahnung, daß der König mit diesen Worten den Entschluß aussprach, sich in die Arme der katholischen Kirche zu werfen.
„Soll ich einen Priester bringen?“ fragte der Herzog. „Thue es, mein Bruder,“ entgegnete der kranke Mann, „um Gottes Willen thue es und verliere keine Zeit. Aber nein, es wird dir viele Mühe machen.“
„Und sollte es mein Leben kosten,“ rief der Herzog, „ich schaffe einen Priester!“
Es war aber keine leichte Aufgabe, in diesem Augenblicke einen Priester zu solchem Zweck aufzufinden, denn nach damaligem Gesetz war Derjenige, welcher einen Proselyten in die katholische Kirche aufnahm, ein schwerer Verbrecher. Graf Castel Melhor, ein portugiesischer Edelmann, der aus politischen Gründen seine Heimath verlassen mußte und am englischen Hofe ein Asyl gefunden hatte, unternahm es, einen Beichtvater aufzusuchen. Er wandte sich an seine Landsleute, welche dem Hofstaate der Königin angehörten, aber es zeigte sich, daß keiner ihrer Kapläne der englischen oder französischen Sprache mächtig genug war, um das Amt eines Beichtigers beim Könige zu versehen. Der Herzog und Barillon waren schon im Begriff, den venetianischen Gesandten um seinen Geistlichen zu bitten, als sie erfuhren, daß ein Benediktinermönch, mit Namen John Huddleston, zufällig in Whitehall anwesend sei. Derselbe hatte mit großer Lebensgefahr dem König nach der Schlacht bei Worcester das Leben gerettet und war aus diesem Grunde seit der Restauration stets eine bevorzugte Person gewesen. In den strengsten Verordnungen gegen katholische Priester, und als falsche Zeugen das Volk zur Wuth entflammten, war Huddleston stets namentlich ausgenommen worden.12 Er war gern erbötig, sein Leben ein zweites Mal für seinen König preiszugeben, aber es war noch immer eine große Klippe im Wege. Der gute Mönch war nämlich so unwissend, daß er keinen Begriff davon hatte, was er bei einer so wichtigen Veranlassung sagen müsse. Durch Vermittelung Castel Melhor’s empfing er von einem portugiesischen Priester verschiedene Andeutungen und wurde, so instruirt, von Chiffinch eine geheime Treppe hinaufgeführt. Dieser war ein vertrauter Diener, welcher, nach den Satiren jener Zeit zu urtheilen, oft Besuche ganz andrer Art auf diesem Wege eingeführt hatte. Der Herzog gebot jetzt im Namen des Königs allen Anwesenden, mit Ausnahme von Ludwig Duras, Earl von Feversham, und Johann Granville, Earl von Bath, sich aus dem Gemache zu entfernen. Beide Lords waren zwar Protestanten, aber Jakob wußte, daß er auf ihre Ergebenheit sich verlassen konnte. Feversham, ein Franzose von hoher Geburt und Neffe des großen Turenne, bekleidete einen hohen Posten in der englischen Armee und war dabei Kammerherr der Königin; Bath versah das Amt eines Garderobeinspectors.
Dem Befehle des Herzogs wurde Folge geleistet, und selbst die Ärzte zogen sich zurück, worauf Pater Huddleston durch die Hinterthür eintrat. Über sein Priesterornat hatte er einen Mantel geworfen, und über der Tonsur trug er eine lockige Perrücke. „Sire“, sagte der Herzog, „dieser brave Mann rettete einst Ihr Leben, er kommt jetzt, Ihre Seele zu retten“. „Er ist willkommen“, entgegnete Karl mit leiser Stimme. Huddleston erfüllte seine Aufgabe über alte Erwartung. Er warf sich neben dem Bett auf die Knie, nahm die Beichte ab, gab die Absolution und ertheilte die letzte Ölung. Er fragte, ob der König das heilige Abendmahl zu empfangen wünsche? „Das will ich“, entgegnete Karl, „wenn ich dessen nicht unwürdig bin!“ Man brachte die Hostie, und der König machte eine mühsame Anstrengung, sich vor ihr zu erheben und niederzuknieen, der Priester aber gebot ihm, ruhig liegen zu bleiben, indem Gott die Demüthigung des Geistes, nicht aber des Körpers verlange. Es kostete dem König so große Mühe, die Hostie zu verschlucken, daß man die Thür öffnen und ein Glas Wasser herbeischaffen lassen mußte. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit erhob der Mönch vor dem Bußfertigen das heilige Kreuz, ermahnte ihn, seine letzten Gedanken auf die Leiden des Heilands zu richten, und verließ das Sterbezimmer. Der ganze Act hatte etwa dreiviertel Stunden gedauert, und während dieser Zeit hatten die in den Vorzimmern befindlichen Höflinge durch Flüstern und bezeichnende Winke einander ihren Verdacht mitgetheilt. Endlich wurde die Thür geöffnet, und die Menge trat wiederum in das Zimmer des Sterbenden.
Es war jetzt spät am Abend und der König schien durch das eben Geschehene sehr erleichtert zu sein. Man führte seine natürlichen Kinder an das Bett: die Herzöge von Grafton, Southampton und Northumberland, Söhne der Herzogin von Cleveland, den Herzog von St. Albans Sohn der Eleonore Gwynn, und den Herzog von Richmond, Sohn der Herzogin von Portsmouth. Karl gab Allen seinen Segen, behandelte aber mit besonderer Zärtlichkeit den Herzog von Richmond. Aber ein Gesicht fehlte, das hierher gehörte, das älteste und geliebteste Kind war in der Verbannung und streifte heimathlos umher. Sein Name kam nicht ein einziges Mal über des Vaters Lippen!
Während der Nacht empfahl Karl die Herzogin von Portsmouth und ihren Sohn der Fürsorge Jakob’s; „und laß auch das arme Lorchen keine Noth leiden“, fügte er gutmüthig hinzu. Die Königin ließ sich durch Halifax wegen ihrer Abwesenheit entschuldigen, indem sie vorgab, so tief ergriffen zu sein, daß sie sich außer Stande fühle, ihre Stelle am Sterbelager wieder einzunehmen. Sie ließ um Verzeihung bitten für alles Unrecht, das sie ihm unwissentlich angethan haben könnte. „Sie bittet um meine Verzeihung, das arme Weib!“ sagte Karl; „ich bitte um die ihrige mit aufrichtigem Herzen!“
Die Morgensonne fiel durch die Fenster von Whitehall herein und Karl bat die Diener, die Vorhänge zurückzuschlagen, damit er noch einmal den Tag sehen könne. Er machte darauf aufmerksam, daß es an der Zeit sei, eine Uhr aufzuziehen, welche nicht weit von seinem Bett sich befand. Diese unerheblichen Umstände blieben lange im Gedächtniß, weil sie den klaren Beweis lieferten, daß zur Zeit, wo er sich für den Katholicismus erklärte, der König im völligen Besitz seiner Geisteskräfte gewesen war. Er bat alle Diejenigen, welche sein Lager umstanden, während der Nacht um Verzeihung, daß er ihnen so viele Unruhe mache. Er liege eine ganz unverantwortlich lange Zeit im Sterben, sagte er, aber er hoffe, sie würden das entschuldigen. Dies war das letzte Aufblitzen jener unverwüstlichen Heiterkeit, durch deren Macht er so oft den gerechten Zorn seines entrüsteten Volkes hinwegzuzaubern vermocht hatte. Bald nach der Morgendämmerung verlor der Sterbende die Sprache, und noch vor der zehnten Stunde das Bewußtsein. Das Volk hatte sich in Massen zur Stunde des Frühgottesdienstes in die Kirchen begeben, und als das Gebet für den König verlesen wurde, verriethen schwere Seufzer und lautes Schluchzen die allgemeinste innige Theilnahme. In der Mittagstunde, am Freitag den 6. Februar, verschied er ruhig und ohne Kampf.13
Verdacht der Vergiftung. In jener Zeit pflegte das gemeine Volk in ganz Europa, namentlich aber in England, den Tod fürstlicher Personen, zumal wenn der Verstorbene beim Volke beliebt war und der Tod rasch eintrat, dem abscheulichsten und schändlichsten Meuchelmorde Schuld zu geben. Man hatte Jakob I. in Verdacht, den Prinzen Heinrich vergiftet zu haben, und ebenso, behauptete man, hätte Karl I. Jakob I. ums Leben gebracht. Als während der Republik die Prinzessin Elisabeth zu Carisbrook starb, wurde laut versichert, Cromwell wäre feig und ruchlos genug gewesen, schädliche Stoffe unter die Speisen eines jungen Mädchens zu mischen, der etwas Böses zuzufügen kein einziger vernünftiger Grund vorhanden war.14 Nach wenigen Jahren wurde die rasche Verwesung von Cromwell’s eigenem Körper von Vielen einem tödtlichen Mittel schuldgegeben, welches ihm in der Arznei beigebracht worden wäre. Es ist nur zu natürlich, daß auch bei dem Tode Karl’s II. ähnliche Gerüchte umgingen. Das Publikum hatte schon verschiedene Male Geschichten von papistischen Anschlägen auf des Königs Leben gehört, so daß viele Gemüther bereits von Vorurtheilen eingenommen waren, und einige unglückliche Zufälligkeiten schienen diese befangenen Gemüther darauf hinzuweisen, daß in der That ein Verbrechen verübt worden sei. Die vierzehn Ärzte, welche über den Krankheitsfall des Königs disputirten, widersprachen einander, so wie sich selbst. Einige von ihnen erklärten den Anfall für epileptischer Natur, dem man seinen ungestörten Verlauf lassen müsse; die Mehrzahl aber erklärte ihn für apoplectisch und peinigte den Kranken mehrere Stunden lang wie einen Indianer am Marterpfahl. Hierauf einigte man sich, die Krankheit ein Fieber zu nennen und ihm Quantitäten von Chinarinde einzugeben. Ein Arzt protestirte aber gegen diese Behandlung und versicherte der Königin, daß bei solchem Verfahren der König unter den Händen seiner Kollegen sterben werde. Von einer so großen Anzahl von Rathgebern ließ sich natürlich nichts Andres als Zwist und Unentschlossenheit erwarten, aber viele Leute glaubten natürlicher Weise, bei der außerordentlichen Verlegenheit dieser großen Heilkünstler, daß die Krankheit ganz ungewöhnlicher Art sein müsse. Es ist Ursache da, zu glauben, daß Short, der trotz seiner ärztlichen Geschicklichkeit doch ein reizbarer, grilliger Mann gewesen zu sein scheint und der sich vermuthlich durch die Besorgniß vor gehässigen Beschuldigungen, denen er als Katholik besonders ausgesetzt war, in nicht ganz ungestörtem Genusse seiner Urtheilskraft befand, von einem furchtbaren Verdachte ergriffen worden sei. Es kann daher nicht überraschen, wenn von dem gemeinen Volke eine Menge toller Geschichten nacherzählt und geglaubt wurden. Die Zunge Sr. Majestät war bis zur Größe einer Rindszunge angeschwollen, in seinem Gehirn hatte man eine verhärtete Masse von giftigem Pulver gefunden, auch auf seiner Brust blaue Flecken und auf seiner Schulter schwarze Flecken wahrgenommen. Es war ihm irgend Etwas in die Schnupftabaksdose gethan worden, oder auch in seine Suppe; vielleicht hatte man ihm auch in seinem Lieblingsgericht, Eier mit grauem Ambra, etwas beigebracht. Die Herzogin von Portsmouth hatte ihn mit einer Tasse Chokolade, die Königin mit einer Schale gebackener Birnen vergiftet. Solche Erzählungen verdienen aufbewahrt zu werden, denn sie geben uns einen Begriff von der Einsicht und Moralität einer Generation, welche sie begierig in sich aufnahm. Daß in unserer Zeit dergleichen Gerüchte keinen Boden mehr finden, selbst wenn Menschenleben, von denen wichtige Interessen abhängen, durch raschentwickelte Krankheitsanfälle beendigt wurden, ist eines Theils dem Fortschritte der medizinischen und chemischen Wissenschaft, so wie andren Theils, wie wir annehmen dürfen, den Fortschritten zu danken, welche das Volk in Bezug auf vernünftiges Urtheil, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gemacht hat.15
Rede Jakob’s II. an den Geheimen Rath. Als Alles vorüber war, zog sich Jakob von dem Sterbelager nach seinem Zimmer zurück, wo er eine Viertelstunde allein blieb. Indessen versammelten sich die im Palaste anwesenden Geheimen Räthe, der neue König erschien und nahm seinen Sitz am oberen Theile der Sessionstafel ein. Dem Herkommen gemäß eröffnete er seine Regierung mit einer Rede an den Geheimen Rath. Er sprach sein Bedauern aus, rücksichtlich des Verlustes, der ihn so eben betroffen, und versicherte, die hohe Milde nachahmen zu wollen, welche eine der vorzüglichsten Eigenschaften der letzten Regierung gewesen sei. Es sei ihm nicht unbekannt, sagte er, daß man ihn einer Vorliebe für Willkürherrschaft beschuldige, es sei das aber nicht die einzige Lüge, die sich über ihn im Umlaufe befinde. Er habe die Absicht, die bestehende Verfassung in Kirche und Staat aufrecht zu erhalten. Die Kirche von England sei ausgezeichnet loyal, daher werde er aufs Angelegentlichste bemüht sein, sie zu unterstützen und zu vertheidigen. Es sei ihm bekannt, daß Englands Gesetze genügten, ihn zu einem so großen Könige zu erheben, als er nur wünschen könne. Seine eigenen Rechte werde er streng aufrecht erhalten, aber auch die Rechte Anderer achten. Er habe vordem sein Leben bei der Vertheidigung des Vaterlandes preisgegeben und werde auch jetzt beim Schutz der gerechten Freiheiten so weit gehen wie irgend Einer. Diese Rede war nicht, wie es bei ähnlichen Gelegenheiten geschieht, von den Räthen des Souverains vorbereitet, sondern sie enthielt den augenblicklichen Ausdruck der Empfindungen des neuen Königs in einem Momente hoher Aufregung. Die Rathsmitglieder ergossen sich in lauten Äußerungen des Entzückens und der Dankbarkeit. Der Lord Präsident Rochester sprach im Namen des Kollegiums den Wunsch aus, daß Sr. Majestät glückverheißende Erklärung zur Öffentlichkeit gelangen möchte. Der Generalprokurator Heneage Finch, erbot sich, den Sekretär abzugeben. Er war ein eifriger Anhänger der Staatskirche, und als solcher wünschte er natürlich, daß die gnädige Zusage, welche so eben ausgesprochen worden, in einer unvergänglichen Urkunde wiedergegeben würde. Diese Versprechungen, rief er aus, haben einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich sie wörtlich wiederholen kann. Bald darauf legte er seinen Bericht vor, den Jakob durchlas, genehmigte, und darauf befahl, ihn zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. In späterer Zeit behauptete er diesen Schritt ohne die nöthige Überlegung gethan zu haben, seine vorher nicht überdachten Ausdrücke rücksichtlich der englischen Kirche seien zu stark gewesen, und Finch habe mit einer Gewandtheit, welche damals von ihm unbeachtet gelassen worden, sie noch stärker gemacht.16
Ausrufung Jakob’s. Der König fühlte sich durch langes Wachen und rasch auf einander folgende Gemüthsbewegungen erschöpft, und begab sich zur Ruhe. Nachdem ihn die Geheimen Räthe voll Ehrerbietung nach dem Schlafzimmer begleitet hatten, kehrten sie in den Sitzungssaal zurück, und erließen Verordnungen in Betreff der feierlichen Ausrufung. Die Garden standen unter den Waffen, die Herolde erschienen in ihren prachtvollen Wappenröcken und die Feierlichkeit ging ohne jede Störung vor sich. In den Straßen waren Weinfässer aufgestellt und die Vorübergehenden wurden aufgefordert, auf die Gesundheit des neuen Herrschers zu trinken. Obgleich aber hier und da ein Jubelruf ertönte, befand sich das Volk dennoch in keiner frohen Stimmung. Viele weinten, und man konnte wahrnehmen, daß in London kaum eine Magd war, die sich nicht mit einem Stückchen Trauerflor zu Ehren König Karl’s geschmückt hätte.17
Das Leichenbegängniß erfuhr vielfachen Tadel. Es wäre auch wirklich eines reichen, adeligen Unterthanen kaum würdig gewesen. Die Tories tadelten mit Schonung die Sparsamkeit des neuen Königs, die Whigs raisonnirten über den Mangel an verwandtschaftlicher Zuneigung, und die heftigen schottischen Covenanters verkündigten frohlockend, daß der seit Alters her über ruchlose Fürsten verhängte Fluch offenbar in Erfüllung gegangen, und der dahingegangene Tyrann wie ein Esel zu Grabe gebracht worden sei.18 Doch trat Jakob seine Regierung bei einem ziemlichen Maße des öffentlichen Vertrauens an. Seine Rede an den Geheimen Rath erschien im Druck und der durch sie hervorgebrachte Eindruck war ein höchst günstiger. Das war also der Fürst, den eine Partei in das Exil getrieben und seines Geburtsrechts zu berauben gesucht hatte, aus der Ursache, weil man ihn für einen heftigen Widersacher der Religion und der Landesgesetze hielt. Er hatte gesiegt, er saß auf dem Throne, und seine erste That war die Versicherung, daß er die Kirche schützen und die Rechte seines Volkes streng in Ehren halten wolle. Die Ansicht, welche jede Partei über seinen Character sich gebildet hatte, veranlaßte eine Überschätzung jedes Wortes, das von ihm kam. Die Whigs erklärten ihn für hochmüthig, unversöhnlich, starrköpfig, rücksichtslos gegen die öffentliche Meinung; die Tories rühmten seine fürstlichen Tugenden, beklagten aber dabei, daß er die Künste vernachlässige, durch welche er sich die Liebe des Volkes erwerben könne. Selbst die Satire hatte ihn nie als einen Mann hingestellt, der die Absicht habe, die Gunst des Publikums dadurch zu gewinnen, daß er etwas vorgebe, was er nicht empfinde, und etwas verspreche, was er nicht zu erfüllen beabsichtige. An dem Sonntage, welcher dem Regierungsantritt folgte, wurde seine Rede auf vielen Kanzeln erwähnt. „Wir haben jetzt für unsre Kirche“ — rief ein loyaler Prediger — „das Wort eines Königs, und zwar eines Königs, welcher niemals schlechter war als sein Wort!“ Diese geistreiche Äußerung machte bald die Runde durch Stadt und Land und wurde das Losungswort der Torypartei.19
Stand des Ministeriums. Durch die Erledigung des Thrones waren sämmtliche hohe Staatsämter freigeworden, und es wurde nöthig, daß Jakob ihre Wiederbesetzung vornahm. Wenige von den Mitgliedern des vorigen Kabinets hatten Ursache, auf seine Gunst zu rechnen. Sunderland, der Staatssekretär, und Godolphin, der erste Lord des Schatzes, hatten für die Ausschließungsbill gestimmt; und Halifax, der Geheimsiegelbewahrer, hatte sich zwar mit der Kraft der Beweisführung und Beredtsamkeit derselben widersetzt, aber er war ein Todfeind von Despotismus und Papstthum. Mit tiefer Besorgniß sah er den Fortschritt der französischen Waffen auf dem Festlande und die Wirkung des französischen Goldes auf die Rathschlüsse Englands. Hätte man seinen Rath befolgt, so wären die Gesetze streng beobachtet, die besiegten Whigs mit Güte behandelt, das Parlament zusammenberufen und ein Versuch gemacht worden, die inneren Parteien zu versöhnen; die Prinzipien der Triplealliance würden alsdann unsre auswärtige Politik wieder geleitet haben. Dadurch hatte er sich Jakob’s bittere Feindschaft zugezogen. Von dem Lord Siegelbewahrer Guildford ließ sich kaum behaupten, daß er einer der Parteien angehöre, in welche der Hof zerfiel. Er war keineswegs ein Freund der Freiheit und besaß doch eine so hohe Achtung vor dem Buchstaben des Gesetzes, daß er als Werkzeug willkürlicher Herrschaft nicht zu verwenden war. Die heftigen Tories bezeichneten ihn daher als Trimmer und Jakob empfand gegen ihn einen stark mit Verachtung gemischten Widerwillen. Ormond, Lord Oberhofmeister und Vicekönig von Irland, befand sich damals in Dublin. Derselbe hatte gerechtere Anwartschaft auf die Dankbarkeit des Königs, als jeder andre Unterthan. Er hatte für Karl I. tapfer die Waffen geführt, war Karl II. in die Verbannung gefolgt und seiner Loyalität trotz mancher Versuchungen treugeblieben. Obgleich zur Zeit des Übergewichts der Cabale in Ungnade gefallen, hatte er doch niemals einer factiösen Opposition sich angeschlossen und in den Tagen des papistischen Complots und der Ausschließungsbill sich unter den ersten Vertheidigern des Thrones befunden. Jetzt war er alt, und kürzlich hatte ihn das Schicksal schwer betroffen, indem er einen Sohn zu Grabe geleitet, der nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge seinem Sarge hätte folgen müssen: den tapferen Ossory. Die anerkennungswerthen Verdienste, das hohe Alter und das häusliche Mißgeschick Ormond’s erregten für ihn die allgemeine Theilnahme des Volkes. Die Kavaliere sahen in ihm ihr Haupt nach dem Rechte des Alters wie des Verdienstes, und den Whigs war wohlbekannt, daß er zwar stets treulich auf Seite der Monarchie gestanden, dabei aber niemals weder dem Despotismus noch dem Katholicismus zugethan gewesen war. Obgleich er aber die allgemeine Achtung genoß, auf die Gunst seines neuen Gebieters durfte er wenig Hoffnung setzen. Jakob hatte, als er selbst noch Unterthan war, seinen Bruder aufgefordert, mit der irischen Verwaltung eine Umänderung vorzunehmen. Karl war darauf eingegangen, und man hatte bestimmt, daß nach einigen Monaten Rochester zum Lord Statthalter ernannt werden solle.20
Neue Anordnungen. Rochester war das einzige Mitglied des Kabinets, welches sich der hohen Gunst des Königs erfreute. Man glaubte allgemein, daß er unverzüglich mit der Leitung der Geschäfte beauftragt und daß mit allen übrigen hohen Staatsbeamten ein Wechsel vorgenommen werden würde, aber diese Annahme bewies sich nur zum Theil als begründet. Rochester wurde zum Lord Schatzmeister ernannt und war als solcher erster Minister; jedoch unterblieb die Wahl eines Lord Großadmirals, sowie eines Admiralitätsraths. Der neue König, welcher für die Einzelnheiten der Marineverwaltung eingenommen war und einen vortrefflichen Beamten auf den Werften von Chatham abgegeben haben würde, entschloß sich, sein eigner Marineminister zu werden. Unter ihm wurde die Leitung dieses wichtigen Verwaltungszweiges dem Samuel Pepys übergeben, dessen Bibliothek und Tagebuch seinen Namen bis auf unsre Zeit gebracht haben. Keinen der Räthe des verstorbenen Souverains traf öffentliche Ungnade. Sunderland entwickelte eine solche Schlauheit und Gewandtheit, wußte so viel Gönner in Thätigkeit zu setzen und war in so viele Geheimnisse eingeweiht, daß man ihn im Besitze seiner Siegel ließ. Godolphin’s Gefügigkeit, Fleiß, Erfahrung und Verschwiegenheit ließen sich nicht wohl entbehren, und da er beim Schatzamte überflüssig geworden war, so wurde er zum Kammerherrn der Königin erwählt. Diese drei Lords fragte der König bei allen wichtigen Angelegenheiten um Rath; was aber Ormond, Halifax und Guildford betraf, so nahm er sich vor, sie noch nicht zu entlassen, sondern nur zu demüthigen und zu peinigen.