Geschichte von England (continued 4)
Wilhelm Beseler translation
Dem Halifax wurde befohlen, das Geheimsiegel abzugeben und das Präsidium im Geheimen Rathe zu übernehmen. Er gehorchte mit größtem Widerwillen. Denn obgleich der Vorsitzende des Geheimen Rathes immer im Range über dem Lord Geheimsiegelbewahrer stand, so war doch die Stellung eines Geheimsiegelbewahrers zu damaliger Zeit eine viel wichtigere, als die eines Lord-Präsidenten. Rochester hatte den Witz, der vor einigen Monaten bei seinem Abgange vom Schatzamte gemacht worden, noch nicht vergessen, und genoß nun seines Theils das Vergnügen, seinen Nebenbuhler die Treppe hinaufzuwerfen. Das Geheimsiegel empfing Rochester’s älterer Bruder, Heinrich Earl von Clarendon. Vor Barillon machte Jakob kein Hehl aus seinem heftigen Widerwillen gegen Halifax. „Ich kenne ihn wohl, es ist ihm nicht zu trauen, er soll bei den Staatsgeschäften nicht verwendet werden! Was die Stellung betrifft, die ich ihm angewiesen habe, so wird dieselbe dazu dienen, um zu zeigen, wie unbedeutend sein Einfluß ist.“ Halifax gegenüber hielt man es freilich für gerathener, in ganz andrer Weise zu sprechen. „Alles Geschehene ist vergessen, sagte der König, mit Ausnahme des Dienstes, welchen Sie mir bei der Debatte über die Ausschließungsbill erzeigt haben.“ Diese Bemerkung ist oft als Beweis angeführt worden, daß Jakob nicht so rachsüchtig gewesen sei, als seine Feinde behaupteten; sie scheint jedoch eher darzuthun, daß er durchaus des Lobes nicht würdig ist, welches seine Freunde seiner Offenherzigkeit ertheilten.21
Ormond wurde höflich in Kenntniß gesetzt, daß man seine Dienste in Irland nicht länger beanspruche, und aufgefordert, nach Whitehall zu gehen und das Amt eines Lord Oberhofmeisters zu übernehmen. Er fügte sich pflichtgemäß, machte aber kein Hehl daraus, daß die neue Anordnung seine Gefühle tief verletze. Am Abend vor seiner Abreise gab er den Offizieren der Dubliner Besatzung in dem damals eben beendigten Kilmainhamhospital ein glänzendes Mahl. Zu Ende der Tafel stand er auf, füllte einen Pokal bis zum Rande mit Wein und frug, ihn emporhaltend, ob er einen Tropfen verschüttet habe. „Nein, meine Herren, was auch die Hofleute reden mögen, noch bin ich nicht kindisch geworden, noch versagt mir meine Hand nicht den Dienst und meine Hand ist nicht fester als mein Herz. Auf das Wohl König Jakob’s!“ Es war Ormond’s letztes Lebewohl an Irland. Er überließ die Verwaltung den Oberrichtern und ging nach London, wo man ihn mit den auffallendsten Zeichen öffentlicher Hochachtung empfing. Viele Personen von hohem Range kamen ihm entgegen. Eine lange Reihe von Wogen folgte ihm nach dem St. Jamesplatz, wo sein Haus stand, und der Platz war mit einer zahlreichen Volksmenge bedeckt, die ihn mit lautem Jubel empfing.22
Sir Georg Jeffreys. Das große Siegel blieb in Guildford’s Verwahrung, aber eine harte Demüthigung ward ihm zu gleicher Zeit zu Theil. Es wurde der Entschluß gefaßt, einen energischen und tüchtigen Juristen der Verwaltung beizugeben, und hierzu wählte man Sir Georg Jeffreys, Oberrichter des Gerichtshofes der Kings-Bench. Die Verworfenheit dieses Mannes ist zum Sprichwort geworden. Die beiden großen Parteien Englands haben sein Andenken mit wetteifernder Heftigkeit angegriffen, denn die Whigs erblickten in ihm einen grausamen Feind, und die Tories fanden es für angemessen, die Schuld an allen den Verbrechen, durch welche sie ihren Sieg entehrten, auf ihn zu wälzen. Eine genaue und auf Wahrheit beruhende Untersuchung wird darthun, daß einige entsetzliche Geschichten, welche man von ihm erzählt, unrichtig oder übertrieben sind, doch selbst der besonnene Geschichtsschreiber kann von der beispiellosen Menge von Schändlichkeiten, welche das Andenken dieses verworfenen Richters entehren, nur wenige beseitigen.
Er war ein Mann von regsamem, kräftigem Geiste, aber von Natur zur Frechheit und wilden Leidenschaften geneigt. Kaum dem Kindesalter entwachsen, hatte er seine Praxis an den Schranken der Old Bailey begonnen, wo die Rechtsgelehrten immer eine Freiheit der Sprache ausgeübt haben, wie sie in Westminsterhall völlig unbekannt war. Hier war viele Jahre lang seine Hauptbeschäftigung, die Verhöre der verstocktesten Bösewichter der Hauptstadt abzuhalten, und seine tägliche Berührung mit lockeren Dirnen und Dieben weckte und vervollkommnete sein Talent dergestalt, daß er der ausgebildetste Rabulist wurde, den jemals sein Beruf erzeugte. Jede schonende Rücksicht für die Gefühle Anderer, jede Selbstachtung, jeder Sinn für Anstand waren ihm fremd. Er gewann eine unbeschreibliche Fertigkeit in der Ausdrucksweise, in welcher der Pöbel Haß und Verachtung ausspricht. Der Reichthum von Verwünschungen und Schmähreden, aus denen sein Wörterbuch bestand, ließ kaum auf dem Fischmarkt oder im Bärengarten etwas Ähnliches auffinden. Sein Gesichtsausdruck und seine Stimme müssen immer unliebenswürdig gewesen sein, aber diese natürlichen Vorzüge — denn als solche scheint er sie betrachtet zu haben — waren von ihm zu einer solchen Vollkommenheit ausgebildet worden, daß es nicht Viele gab, die ihn in seinen Wuthausbrüchen sehen und hören konnten, ohne heftig erregt zu werden. Frechheit und Wildheit thronten auf seiner Stirne. Der Blick seines Auges übte einen Zauber aus auf das unselige Schlachtopfer, auf das es sich richtete; doch behauptete man, seine Stirn und seine Augen hätten weniger Entsetzliches gehabt, als die verzerrten Züge seines Mundes. Sein Wuthgebrüll klang, wie Jemand sagte, der ihn oft gehört, wie der Donner des Weltgerichts. Diese Eigenschaften brachte er von der Barre mit auf den Richterstuhl. Er wurde sehr bald Gemeindesachwalter und später Syndikus von London. Als Richter bei den Sitzungen der City entwickelte er dieselben Neigungen, die ihm nach der Zeit in einer höheren Stellung einen nicht eben beneidenswerthen Nachruhm verschafft haben. Schon konnte man an ihm das abscheulichste Laster, dessen die menschliche Natur fähig ist, Vergnügen am Elend, lediglich als solchem, wahrnehmen. Es lag eine hämische Wollust in der Art und Weise, wie er den Verbrechern das Urtheil verkündigte. Ihr Jammern und Flehen schien ihm einen angenehmen Kitzel zu verursachen, und es amüsirte ihn, sie bis zu Krämpfen zu peinigen, indem er ihnen mit der weitläufigsten Ausführlichkeit die Einzelheiten der Qualen schilderte, welche sie zu erdulden hätten. Wenn er Gelegenheit fand, eine unglückliche Frauensperson zum Staupbesen zu verurtheilen, so rief er: „Henker! ich verlange, daß Ihr dieser Dame besondere Aufmerksamkeit schenkt. Peitschet derb drauf los, Mann! Haut sie, bis das Blut herunterläuft! Es ist Weihnachten, eine kühle Zeit für Madame, um sich zu entkleiden, bemüht Euch, daß ihr die Schultern warm werden.“23 Er war kaum weniger scherzhaft, als er den armen Ludwig Muggleton verurtheilte, den trunkenen Schneider, der sich für einen Propheten ausgab. „Frecher Schurke, brüllte Jeffreys, Du sollst eine leichte, eine ungemein leichte Strafe erhalten.“ Ein Theil dieser leichten Strafe war der Schandpfahl, an welchem der arme Fanatiker durch Steinwürfe beinahe getödtet wurde.24
Zu dieser Zeit war Jeffreys’ Gemüth bis zu einem Grade verhärtet, wie es bei den schlimmsten Werkzeugen der Tyrannei erforderlich ist. Bisher hatte er in Betreff seiner Beförderung im Amte nur auf die Corporation von London gerechnet. Aus diesem Grunde hatte er sich zum Rundkopf bekannt, und immer eine freudigere Aufregung gezeigt, wenn er katholischen Priestern ankündigte, daß sie lebendig aufgeschnitten werden und mit eigenen Augen ansehen sollten, wie ihre Eingeweide ins Feuer geworfen würden, als wenn er ein gewöhnliches Todesurtheil aussprach. Sobald er von der City alles erlangt hatte, was von ihr zu erwarten war, ließ er es sich angelegen sein, seine eiserne Stirn und giftgeschwollene Zunge dem Hofe zu verkaufen. Chiffinch, dem es nichts Neues war, bei ehrlosen Geschäften aller Art den Unterhändler abzugeben, war ihm dabei behülflich. Derselbe hatte manche galante und politische Intrigue geleitet, nie aber seinem Herrn einen schändlicheren Dienst erwiesen, als durch die Einführung Jeffreys’ in Whitehall. Der Überläufer erfreute sich bald der Gönnerschaft des hartherzigen und rachsüchtigen Jakob, während Karl, dessen Fehler, so bedeutend sie auch immer waren, doch in keiner Verbindung mit Unverschämtheit und Grausamkeit standen, Verachtung und Abneigung gegen ihn empfand. „Dieser Mensch“, sagte der König, „hat weder Kenntnisse, noch Verstand und Lebensart, und mehr Frechheit als zehn ausgepeitschte Bordellschwestern.“25 Aber es gab Beschäftigungen, die Niemand übernehmen mochte, der Achtung vor dem Gesetz oder Gefühl für Schande hatte, und so wurde Jeffreys in einem Lebensalter, wo ein Sachwalter sich glücklich schätzt, wenn man ihm einen bedeutenden Prozeß anvertraut, zum Oberrichter an der Kings Bench erhoben.
Selbst seine Feinde konnten übrigens nicht in Abrede stellen, daß er manche Eigenschaften eines großen Richters besaß. Seine Rechtskunde beschränkte sich allerdings nur auf Kenntnisse, wie sie eine Praxis von nicht besonderer Wichtigkeit verleihen konnte, doch besaß er einen vortheilhaft organisirten Verstand, der ihn durch Irrwege von Sophistereien und Massen unerheblicher Thatsachen gerade auf das gesuchte Ziel hinführte. Übrigens war er selten im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, und selbst in civilen Rechtsfallen verwirrte sein boshafter und despotischer Character sehr häufig sein gesundes Urtheil. Vor seinen Gerichtshof treten war wie der Eintritt in die Höhle eines reißenden Thieres, das unzähmbar ist und durch Liebkosungen wie durch Angriffe in gleiche Wuth versetzt wird. Er überhäufte bisweilen Kläger und Beklagte, Anwälte und Advokaten, Zeugen und Geschworne mit einer Fluth unsinniger Schimpfworte, vermischt mit Fluchreden und Schwüren. Sein Blick und Ton hatten Furcht erregt, als er noch ein junger Advokat war, der sich Praxis zu verschaffen suchte, jetzt, wo er Präsident des furchtbarsten Gerichtshofs des Reiches war, gab es in Wahrheit nur Wenige, die nicht vor ihm gezittert hätten. Selbst in nüchternem Zustande war seine Leidenschaftlichkeit entsetzlich genug, gewöhnlich aber befand sich sein Verstand unter dem Einflusse des Rausches und seine gehässigen Leidenschaften erlangten dadurch eine höhere Gereiztheit. Seine Abende verbrachte er insgemein bei Trinkgelagen, und wer ihn blos bei der Weinflasche sah, mußte ihn für einen zwar groben, plumpen, rohen und sinnlichen Menschen, zugleich aber auch für einen gemüthlichen und geselligen Mann halten. In seiner Gesellschaft befanden sich bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich Possenreißer, welche in der Mehrzahl aus den erbärmlichsten Zungendreschern, welche vor ihm praktizirten, gewählt waren, und sich zu seinem Amüsement schimpften und aufzogen. Er riß mit ihnen Zoten, stimmte in ihre Rundgesänge ein, und wenn sein Kopf erhitzt wurde, so herzte und küßte er sie in seliger Weinlaune. Wenn aber auch anfänglich der Wein auf sein Herz einen besänftigenden Einfluß auszuüben schien, so machte sich doch nach einigen Stunden eine ganz andre Wirkung bemerkbar. Oft, wenn der Gerichtshof ihn längere Zeit erwartet und sein Rausch erst halb verflogen war, betrat er seinen Gerichtssitz mit glühenden Wangen und Augen, starrend wie die eines Verrückten. Befand er sich in solchem Zustande, so thaten seine Zechgenossen von voriger Nacht wohl, wenn sie ihm fern blieben, denn die Erinnerung an die ihnen gestattete Vertraulichkeit erregte seinen Zorn und er benutzte zuverlässig jeden Anlaß, um sie mit Schimpf und Schande zu überschütten. Unter seinen vielen abscheulichen Sonderbarkeiten bestand eine in dem Vergnügen, Diejenigen, welchen er bei seinen Anfällen von trunkener Zärtlichkeit seine Gunst zugesagt hatte, nachher öffentlich anzufahren und sie zu beleidigen.
Die Dienste, welche die Regierung von ihm erwartete, leistete er nicht nur ohne Zögern, sondern eifrig und triumphirend. Der Justizmord Algernon Sidney’s war seine erste That, und was darauf folgte, stand mit derselben in völligem Einklange. Ehrenwerthe Tories beklagten die Schande, welche die Unmenschlichkeit und das unanständige Betragen eines so hochgestellten Beamten auf die Verwaltung der Rechtspflege brachte, aber die Frevelthaten, welche bei diesen Männern Entsetzen erregten gaben Anspruch auf die Hochschätzung Jakob’s, und deshalb erhielt Jeffreys nach Karl’s Tode einen Sitz im Kabinet und die Pairswürde. Letztere Auszeichnung war ein besonderes Zeichen der königlichen Gnade, denn seit der Umgestaltung der Gerichtsverfassung des Reichs — im dreizehnten Jahrhundert — war kein Oberrichter Lord des Parlaments gewesen.26
Guildford sah sich nun von seiner politischen Thätigkeit entfernt und auf sein Amt als Billigkeitsrichter beschränkt. Im Rathe wurde er von Jeffreys mit bemerkbarer Unhöflichkeit behandelt. Die Besetzung aller Justizämter befand sich in den Händen des Oberrichters, und die Rechtsgelehrten wußten wohl, daß es das beste Mittel sei, den Oberrichter zu beruhigen, wenn man den Lord Siegelbewahrer verächtlich behandelte.
Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte. Nur wenige Stunden erst war Jakob König, als schon zwischen den beiden Häuptern der Justiz Streitigkeiten ausbrachen. Die Zölle waren Karl nur auf die Dauer seines Lebens überlassen worden, und der neue Souverain konnte sie aus diesem Grunde gesetzlich nicht erheben. Ehe ein Haus der Gemeinen gewählt wurde, mußten einige Wochen vergehen, und wenn während dieser Zeit die Erhebung der Zölle sistirt wurde, so erlitt das Staatseinkommen Verluste, der regelmäßige Handelsverkehr kam ins Stocken, die Consumenten hatten keinen Gewinn davon, und die Einzigen, welche Vortheil daraus zogen, waren die glücklichen Spekulanten, deren Waarenladungen zufällig in der Zeit zwischen dem Thronwechsel und der Versammlung des Parlaments anlangten. Das Schatzamt wurde von Kaufleuten umlagert, deren Magazine mit verzollten Gütern angefüllt waren, und welche in großer Sorge schwebten, durch niedrigere Preise zu Grunde gerichtet zu werden. Unparteiische Männer mußten zugestehen, daß dies ein Fall war, wo die Abweichung einer Regierung von dem streng verfassungsmäßigen Verfahren zu rechtfertigen ist; gebietet ihr aber die Nothwendigkeit, den strengverfassungsmäßigen Weg zu verlassen, so darf sie nicht weiter von demselben sich entfernen, als die Umstände es erfordern. Guildford sah das ein, und machte einen Vorschlag, der ihm zur Ehre gereichte. Er gab den Rath, daß man die Zölle einfordere, die eingegangenen Gelder aber, getrennt von anderen Summen, im Schatzamte so lange verwahre, bis das Parlament zusammengetreten sei. Auf diese Art würde der König den Beweis liefern, daß wenn er auch den Buchstaben des Gesetzes verletze, er doch im Geiste desselben zu handeln wünsche. Jeffreys war andrer Meinung. Er rieth Jakob, ein Edict zu erlassen, worin gesagt würde, es sei Sr. Majestät Wunsch und Wille, daß die Zölle fortgezahlt würden. Dieser Rath war vollkommen nach des Königs Sinne. Der vernünftige Vorschlag des Lord Siegelbewahrers wurde als nur eines Whigs, — oder was viel schlimmer — eines Trimmers würdig, verworfen, und es erschien eine öffentliche Bekanntmachung nach der Angabe des Oberrichters. Viele glaubten, daß der allgemeine Unwille dadurch in hohem Grade erregt werden würde, es war aber nicht der Fall. Der Geist der Opposition war noch nicht wieder zu Leben gekommen, und der Hof konnte ohne alle Gefahr sich Handlungen erlauben, welche fünf Jahre früher eine Revolution hervorgerufen haben würden. In der vor kurzer Zeit noch so unruhigen Hauptstadt ließ sich kaum ein Murren hören.27
Einberufung eines Parlaments. Die Proklamation, welche die Forterhebung der Zölle ankündigte, zeigte zugleich an, daß baldigst ein Parlament zusammenkommen würde. Nicht ohne großes Bedenken hatte Jakob den Entschluß gefaßt, die Stände des Reiches zu versammeln. Allerdings war der Zeitpunkt zu einer allgemeinen Wahl ein höchst günstiger, denn seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart waren die Wahlkörper noch nie dem Hofe so wohlgesinnt gewesen, wie jetzt; aber der Geist des neuen Herrschers war von einer Besorgniß umfangen, die selbst nach so langer Zeit noch Scham und Ärger erzeugen muß, wenn man ihrer gedenkt. Er fürchtete, daß die Versammlung des englischen Parlaments den Unwillen des Königs von Frankreich erregen könnte.
Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich. Dem König von Frankreich war es höchst gleichgültig, welche der zwei englischen Parteien bei den Wahlen den Sieg davon trug, denn sämmtliche Parlamente, welche seit der Restauration zusammengekommen waren, in welcher Stimmung sie auch rücksichtlich der inneren Staatsverwaltung sich befunden, hatten die emporstrebende Macht des Hauses Bourbon mit eifersüchtigem Auge betrachtet. In dieser Beziehung bestand kein großer Unterschied zwischen den Whigs und den trotzigen Landedelleuten, welche die Hauptmacht der Torypartei bildeten. Ludwig hatte deshalb weder Bestechungen noch Drohungen unterlassen, um Karl von der Zusammenberufung der Häuser abzuhalten, und Jakob, von jeher in das Geheimniß der auswärtigen Politik seines Bruders eingeweiht, war nun, nachdem er König von England geworden, gleichfalls ein Miethling und Vasall Frankreichs.
Rochester, Godolphin und Sunderland, aus welchen das innere Kabinet bestand, war es kein Geheimniß, daß ihr voriger Herrscher von dem Versailler Hofe Geld empfing. Jakob zog sie zu Rathe, ob es angemessen sei, den gesetzgebenden Körper zu versammeln. Sie gestanden zu, daß es von großer Bedeutung sei, Ludwig bei guter Laune zu erhalten, aber es schien ihnen, daß die Einberufung eines Parlaments durchaus keine Sache einer freien Wahl sein könne. Wie nachgiebig die Nation sich auch zeigte, ihre Geduld hatte Grenzen. Der Grundsatz, daß der König nicht berechtigt sei, das Geld seiner Unterthanen ohne Beistimmung der Gemeinen zu erheben, hatte in der öffentlichen Meinung feste Wurzel gefaßt, und wenn auch in einem außerordentlichen Falle selbst Whigs bereit waren, einige Wochen hindurch Zölle zu entrichten, deren Erhebung nicht gesetzlich gerechtfertigt war, so ließ sich doch nicht bezweifeln, daß selbst Tories widerspenstig werden mußten, wenn solche unbillige Besteuerung länger währen sollte, als die besonderen Verhältnisse, welche sie veranlaßt hatten. Die Häuser mußten daher unbedingt zusammentreten, und je früher sie einberufen wurden, um so besser war es. Selbst der kurze Aufschub, welcher, aus einer Mittheilung nach Versailles entstehen mußte, konnte ein Unglück herbeiführen, das nicht wieder zu beseitigen war. Unzufriedenheit und Verdacht würden sich schnell im Publikum verbreiten, und Halifax sich beschweren, daß man die Grundgesetze der Verfassung angegriffen habe. Der Lord Siegelbewahrer, als furchtsamer, pedantischer Kleinigkeitskrämer, würde ihn unterstützen. Was man mit freiem Willen hätte thun können, würde man später gezwungen thun. Gerade diejenigen Minister, denen der König die öffentliche Achtung zu entziehen wünschte, würden sich auf seine Kosten beliebt machen. Die schlechte Volksstimmung konnte auf die Wahlresultate einen wichtigen Einfluß haben. Diese Gründe ließen sich nicht widerlegen, und der König that dem Lande seinen Willen, kund, ein Parlament zusammen zu berufen. Dabei aber war er ängstlich bemüht, sich von dem Verdachte freizuhalten, als habe er vertragswidrig und unehrerbietig gegen Frankreich gehandelt. Er geleitete Barillon in ein geheimes Zimmer und bat um Verzeihung, daß er einen so bedeutungsvollen Schritt ohne vorherige Erlaubniß Ludwig’s gethan habe. „Geben Sie Ihrem Herrn die Versicherung meiner Dankbarkeit und Ergebenheit, ich weiß, daß ich ohne seinen Schutz machtlos bin. Es ist mir bekannt, welche Unannehmlichkeiten meinem Bruder dadurch entstanden sind, daß er nicht treulich zu Frankreich hielt. Ich werde Sorge tragen, daß die Häuser sich nicht in auswärtige Angelegenheiten mischen können; bemerke ich bei ihnen die Absicht, Unheil anzustiften, so werde ich sie unverzüglich heimschicken. Sagen Sie das meinem geliebten Bruder, ich hoffe, er wird es mir nicht übel deuten, daß ich ohne seinen Rath gehandelt habe, er hat ein Recht darauf, von mir um Rath gefragt zu werden, und es ist mein Wunsch, über Alles seinen Rath zu hören; bei dieser Gelegenheit aber hätte ein Aufschub von einer einzigen Woche ernste Folgen nach sich ziehen können.“ Diese schmachvollen Entschuldigungen wurden am nächsten Morgen von Rochester wiederholt, und Barillon nahm sie artig auf. Rochester, dadurch ermuthigt, bat nun um Geld. „Es wird gut angelegt werden“, bemerkte er, „Ihr Gebieter kann seine Einnahmen nicht einträglicher verwenden. Machen Sie ihn angelegentlichst darauf aufmerksam, von welcher Bedeutung es ist, daß der König nicht von seinem Volke, sondern von der Freundschaft Frankreichs abhängig sei.“28
Barillon säumte nicht, Ludwig mit den Wünschen der englischen Regierung bekannt zu machen, aber Ludwig war ihnen bereits zuvorgekommen. Kaum hatte er den Tod Karl’s erfahren, so beeilte er sich, Wechsel auf England, im Werthe von fünfhunderttausend Livres, anzuschaffen, eine Summe, die etwa siebenunddreißigtausendfünfhundert Pfund Sterling gleichkam. Solche Wechsel waren zu jener Zeit in Paris nicht leicht im Laufe eines Tages aufzubringen, nach wenigen Stunden aber war das Geschäft schon besorgt, und ein Courier ging nach London ab.29 Sobald Barillon die Rimessen erhielt, eilte er mit seinen angenehmen Neuigkeiten nach Whitehall. Jakob schämte sich nicht, Thränen der Freude und Dankbarkeit zu vergießen, oder zu thun, als vergösse er solche. „Niemand, außer Ihrem König, begeht so edle und freundliche Handlungen,“ sagte er. „Ich kann ihm niemals meine Dankbarkeit zur Genüge beweisen, geben Sie ihm die Versicherung, daß meine Ergebenheit erst mit meinem Tode endigen wird.“ Rochester, Sunderland und Godolphin kamen, Einer nach dem Andern, den Gesandten zu umarmen und ihm ins Ohr zu raunen, daß er ihrem königlichen Herrn neues Leben gegeben habe.30
Obgleich Jakob und seinen drei Räthen die von Ludwig bewiesene Schnelligkeit recht wohlgefiel, so erreichte doch der Betrag des Geschenks keineswegs ihre Erwartung. Da sie durch zudringliche Bettelei anstößig zu werden besorgten, so deuteten sie ihre Wünsche nur leise an. Sie versicherten, es sei nicht ihre Absicht, mit einem so edelmüthigen Wohlthäter wie der König von Frankreich zu feilschen, und sie wären entschlossen, gänzlich seiner Freigebigkeit zu vertrauen. Zugleich machten sie den Versuch, ihn durch ein großes Opfer der Nationalehre sich geneigt zu machen. Es war kein Geheimniß, daß es ein Hauptzweck seiner Politik war, die belgischen Provinzen mit seinem Gebiete zu vereinigen. England hatte durch einen Vertrag mit Spanien, der abgeschlossen werden war, als Danby das Schatzmeisteramt verwaltete, die Verpflichtung übernommen, jedem Versuche Frankreichs auf jene Provinzen sich zu widersetzen. Die drei Minister erklärten Barillon, daß ihr Herr durch jenen Vertrag sich nicht mehr für gebunden erachte, da er durch Karl abgeschlossen worden sei. Für diesen könne er gültig gewesen sein, sein Bruder aber fühle sich nicht durch ihn verpflichtet. Der allerchristlichste König möge daher ohne jede Besorgniß vor Einspruch von Seiten Englands beliebige Schritte thun, Brabant und Hennegau seinem Reiche einzuverleiben.31
Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt. Zu gleicher Zeit wurde bestimmt, daß eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt werden sollte, um Ludwig der Dankbarkeit und Ergebenheit Jakob’s zu versichern. Mit dieser Sendung beauftragte man eine Persönlichkeit, welche noch keine besonders hohe Stellung einnahm, deren Ruf aber, seltsam aus Schande und Ruhm hervorgegangen, zu einer späteren Periode die ganze gebildete Welt erfüllte.
Seine Geschichte. Bald nach der Restauration, in den fröhlichen, sittenlosen Zeiten, welche durch die Feder Hamilton’s so lebhaft geschildert worden ist, fühlte sich Jakob, jung und feurig im Genuß, von Arabella Churchhill angezogen, einer Ehrendame seiner ersten Gemahlin. Das Fräulein war nicht schön, aber Jakob’s Geschmack auch nicht wählerisch, und so wurde sie seine erklärte Maitresse. Sie war die Tochter eines armen Ritters, welcher nach Whitehall kam und sich durch Herausgabe einer längst verschollenen, schwerfälligen und gezierten Folioschrift blamirte. Die Verlegenheiten der Churchhills waren dringender Art, ihre Loyalität glühend, und ihre einzige Empfindung bei Arabella’s Entehrung scheint ein freudiges Erstaunen gewesen zu sein, daß ein so einfaches Mädchen so hoher Auszeichnung würdig befunden wurde.
Ihr Einfluß war von nicht geringem Nutzen für ihre Anverwandten, keiner von ihnen gelangte aber zu so besonderem Glück wie ihr ältester Bruder, Johann, ein schöner junger Mann, der eine Offiziersstelle in der Garde zu Fuß bekleidete. Er avancirte rasch, am Hofe wie im Heere, und machte sich bald als ein Mann von Welt und Heiterkeit bemerkbar. Er besaß eine stattliche Gestalt, ein hübsches Antlitz und ein äußerst einnehmendes Betragen, jedoch mit solcher Würde gepaart, daß es dem naseweisesten Gecken nicht in den Sinn kam, sich Freiheiten gegen ihn zu erlauben, und dabei wußte er sein Temperament in den unangenehmsten und aufregendsten Fällen vollkommen zu beherrschen. Doch hatte, er eine so mangelhafte Erziehung genossen, daß er die gewöhnlichsten Worte seiner Muttersprache nicht richtig zu schreiben wußte, aber sein durchdringender, kräftiger Verstand ersetzte in hohem Grade die fehlende Büchergelehrsamkeit. Er war nicht gesprächig, aber bei der Nothwendigkeit öffentlich zu reden, wurde seine kunstlose Beredtsamkeit von den geübtesten Rhetoriken bewundert. Während vieler von Sorge und Gefahr begleiteten Jahre hat er auch in den kritischesten Augenblicken den vollkommenen Gebrauch seiner seltenen Urtheilskraft nicht einmal verloren.
Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, stieß er mit seinem Regimente zu den französischen Truppen, welche damals gegen Holland operirten. Seine fröhliche Tapferkeit zeichnete ihn unter den Tausenden wackerer Soldaten aus, seine militairische Tüchtigkeit gewann ihm die Achtung der älteren Offiziere. Turenne, der damals das höchste militairische Ansehen genoß, dankte ihm einst öffentlich vor der Fronte des Heeres und gab ihm viele Beweise von Achtung und Vertrauen.
Unglücklicherweise waren die glänzenden Eigenschaften Churchhill’s mit Fehlern der schmutzigsten Art verbunden. Einige Neigungen, welche bei der Jugend besonders widerwärtig sind, begannen sich bei ihm sehr zeitig zu entwickeln. Selbst bei seinen Lastern ließ er den Vortheil nicht aus den Augen, und bezog bedeutende Stipendien von Damen, welche sich durch die Geschenke freigebigerer Liebhaber bereicherten. Einige Zeit war er ein Gegenstand der heftigen aber vergänglichen Liebe der Herzogin von Cleveland. Als er einst vom König bei ihr angetroffen wurde, war er genöthigt, aus dem Fenster zu springen, und sie belohnte ihm diese ritterliche Galanterie mit einem Geschenk von fünftausend Pfund. Mit diesem Gelde kaufte sich der junge kluge Held sofort eine Leibrente von fünfhundert Pfund jährlich, welche durch Grundbesitz gesichert war.32 In seinen geheimen Schubfächern befanden sich bereits Haufen von Goldstücken, welche nach funfzig Jahren, als er Herzog, Reichsfürst und der reichste Unterthan in Europa war, noch unberührt lagen.33
Nach beendigtem Kriege wurde er dem Hofstaate des Herzogs von York zugeordnet, ging mit seinem Gönner nach den Niederlanden und Edinburg und erhielt für seine Dienste eine schottische Pairschaft und den Befehl über das einzige Dragonerregiment, welches damals im englischen Heere sich befand.34 Seine Gemahlin war im Hofstaate der jüngeren Tochter Jakob’s, der Prinzessin von Dänemark, angestellt.
Lord Churchhill ging nun als außerordentlicher Gesandter nach Versailles. Er war beauftragt, die warme Dankbarkeit der englischen Regierung für das so freigebig gespendete Geld auszusprechen. Vorher hatte man den Plan gehabt, Ludwig um eine viel größere Geldsumme zu ersuchen, aber bei weiterem Nachdenken die Besorgniß gehegt, solch unzarte Gier könnte dem Wohlthäter, dessen unerbetene Freigebigkeit sich so glänzend gezeigt, unangenehm berühren, deshalb bekam Churchhill Befehl, blos den Dank für das Geschehene auszudrücken und über die Zukunft zu schweigen.35
Wahrend Jakob und seine Minister jeden Schein von Zudringlichkeit zu vermeiden suchten, wußten sie doch sehr verständlich anzudeuten, welche Wünsche und Hoffnungen sie noch hegten. Sie besaßen an dem französischen Gesandten einen gewandten, thätigen, wohl auch nicht uneigennützigen Unterhändler. Ludwig machte einige Schwierigkeiten, vermuthlich zu dem Zwecke, den Werth seiner Geschenke zu erhöhen, in einigen Wochen aber erhielt Barillon von Versailles fernere fünfzehnhunderttausend Livres, und bekam den Auftrag, diese Summe, welche ungefähr einhundertzwölftausend Pfund Sterling betrug, vorsichtig zu vertheilen. Er sollte der englischen Regierung dreißigtausend Pfund zur Bestechung von Mitgliedern des neuen Hauses der Gemeinen einhändigen, und den Rest für irgend einen außerordentlichen Fall, wie eine Auflösung des Parlaments oder eine Revolution, aufbewahren.36
Die Nichtswürdigkeit dieser Verhandlungen ist allgemein anerkannt, aber ihre wahre Natur scheint oft Mißdeutungen unterlegen zu haben, denn obgleich die auswärtige Politik der letzten zwei Könige der Stuart’schen Dynastie niemals, seit die Correspondenz Barillon’s zur Kenntniß des Publikums gekommen ist, einen Vertheidiger unter uns gefunden hat, so existirt doch noch immer eine Partei, welche es sich angelegen sein läßt, ihre innere Politik zu beschönigen. Es besteht aber kein Zweifel, daß zwischen ihrer inneren und auswärtigen Politik ein nothwendiger und nicht zu trennender Zusammenhang stattfand. Hätten sie nur einige Monate lang die Ehre des Landes nach Außen vertreten, so mußten sie sich entschließen, das ganze System ihrer inneren Verwaltung einer Änderung zu unterwerfen. Sie zu rühmen, weil sie sich sträubten, in Übereinstimmung mit den Ansichten des Parlaments zu regieren, und sie doch zu tadeln, weil sie den Befehlen Ludwig’s Folge leisteten, ist ein Widerspruch, denn sie hatten nur die Wahl, von Ludwig oder vom Parlamente abhängig zu sein.
Um gerecht zu sein, muß man sagen, daß Jakob gern einen dritten Weg eingeschlagen haben würde, aber es war keiner aufzufinden. Er wurde Frankreichs Sklave, aber man würde sich irren, wollte man glauben, er sei ein zufriedener Sklave gewesen. Er hatte Verstand genug, bisweilen sich selbst über solche Beugung unter das französische Joch zu zürnen und eine Befreiung davon zu wünschen, welche Absicht von den Agenten der fremden Mächte aufs Eifrigste unterstützt wurde.
Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England. Sein Regierungsantritt hatte an jedem Hofe des Festlandes Hoffnungen und Befürchtungen hervorgerufen, und der Beginn seiner Regierung wurde von Fremden mit nicht weniger Aufmerksamkeit beobachtet, als von seinen eigenen Unterthanen. Eine einzige Regierung wünschte, daß die Unruhen, welche England drei Menschenalter hindurch erschüttert hatten, niemals aufhören möchten; alle übrigen Regierungen aber, republikanische wie monarchische, protestantische wie katholische, hofften, daß diese Zerwürfnisse bald ein glückliches Ende nehmen möchten.
Die Natur der langen Streitigkeiten zwischen den Stuarts und ihren Parlamenten wurde freilich von den auswärtigen Diplomaten nur sehr unvollkommen begriffen, aber keinem Staatsmanne konnte die Wirkung verborgen bleiben, welche diese Streitigkeiten auf das Gleichgewicht der europäischen Mächte ausübten. Nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge würden die Sympathien der Höfe von Wien und Madrid ohne Zweifel einem Fürsten gehört haben, der gegen Unterthanen, und namentlich einem katholischen Fürsten, der gegen ketzerische Unterthanen kämpfte, aber alle diese Sympathien wurden jetzt durch ein mächtigeres Gefühl beherrscht. Die Besorgniß und der Haß, welche durch die Macht, die Ungerechtigkeit und den Stolz des französischen Königs hervorgerufen worden waren, befanden sich auf dem Culminationspunkte. Seine Nachbarn konnten wohl in Ungewißheit sein, ob es nachtheiliger sei, mit ihm in Krieg oder in Frieden zu leben, denn im Frieden hörte er nicht auf, sie zu berauben und zu verhöhnen, und Krieg hatten sie schon ohne allen Erfolg mit ihm geführt. In dieser bedrängten Lage richteten sie ihren Blick mit banger Erwartung auf England. Ließ sich annehmen, daß es nach den Grundsätzen der Tripleallianz oder denen des Vertrages von Dover handeln würde? Von dieser Entscheidung hing das Schicksal aller seiner Nachbarn ab. Mit Englands Beistand war es noch möglich, Ludwig Widerstand zu leisten, aber man konnte auf keine Hülfe von ihm rechnen, so lange es nicht mit sich selbst einig war. Bevor der Kampf zwischen dem Throne und dem Parlamente begann, war es eine Macht ersten Ranges; von dem Tage an, wo die Streitigkeiten ausgeglichen wurden, trat es wieder in die Reihe der Mächte höchsten Ranges, so lange aber der Zwiespalt fortdauerte, war es zu Unthätigkeit und Abhängigkeit verdammt. Zu den Zeiten der Plantagenets und Tudors war es groß gewesen, unter den Fürsten, welche nach der Revolution auf dem Throne saßen, war es wiederum groß, aber unter den Königen aus der Dynastie der Stuarts zeigte es auf der Karte von Europa eine leere Stelle. Während eine Gattung von Kräften versiegt war, hatte es eine andre noch nicht gewonnen. Die Art von Macht, welche es ihm im vierzehnten Jahrhunderte möglich machte, Frankreich und Spanien zu demüthigen, war verschwunden; die Art von Macht, welche im achtzehnten Jahrhundert Frankreich und Spanien wiederum niederwarf, noch nicht geschaffen. Die Regierung war nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wie im Mittelalter, sie war auch noch nicht eine beschränkte nach der neueren Einrichtung geworden. Sie besaß die Mängel zweier verschiedener Systeme, aber nicht die Kraft eines derselben. Die Elemente dieser Staatseinrichtung, anstatt vereinigt zu wirken, hinderten und vernichteten sich gegenseitig. Überall herrschte Unschlüssigkeit, Hader und Unordnung. Das hauptsächliche Streben des Souverains zielte dahin, die Prärogative des gesetzgebenden Körpers zu beeinträchtigen, und das Streben des gesetzgebenden Körpers ging nach Übergriffen in die Hoheitsrechte des Souverains. Der König bediente sich unbedenklich auswärtiger Unterstützung, welche ihn von dem Elend frei machte, von einem aufrührerischen Parlamente abhängig zu sein. Das Parlament verweigerte dem König die Mittel, die Ehre der Nation nach Außen hin kräftig zu vertreten, weil es mit gutem Grunde befürchtete, diese Mittel möchten benutzt werden, um im Inlande Despotismus zu erzeugen. Die Folge dieses gegenseitigen Mißtrauens war, daß unser Vaterland trotz seiner bedeutenden Hülfsquellen eine so untergeordnete Stellung in der Christenheit einnahm wie das Herzogthum Savoyen, oder das Herzogthum Lothringen, und gewiß noch weniger Geltung hatte, wie die kleine Provinz Holland.
Frankreich hatte die begründetsten Ursachen, den Stand dieser Verhältnisse so lange wie möglich zu erhalten,37 während alle übrigen Mächte dringend wünschen mußten, ihn beendigt zu sehen. Ganz Europa war von dem Wunsche durchdrungen, daß Jakob im Einverständniß mit dem Gesetz und der öffentlichen Meinung regieren möchte. Selbst vom Escurial langten Zuschriften an, welche in ernster Weise die Hoffnung aussprachen, daß der neue König in gutes Vernehmen mit seinem Volke und seinem Parlamente treten werde.38 Auch der Vatikan sandte Warnungen gegen unweisen Eifer für den katholischen Glauben. Benedikt Odescalchi, welcher unter dem Namen Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle saß, empfand in seiner Stellung als weltlicher Souverain alle die Befürchtungen, mit denen andere Fürsten die Überhandnahme der französischen Macht betrachteten. Er hatte auch seine besonderen Gründe zur Besorgniß. Es war ein wohlthätiger Umstand für den Protestantismus, daß in dem Moment, wo der letzte katholische König von dem Throne Englands Besitz nahm, die katholische Kirche durch Uneinigkeit geschwächt und von einem Schisma bedroht war. Ein ähnlicher Kampf, wie im elften Jahrhundert die Kaiser und Päpste mit einander führten, war zwischen Innocenz und Ludwig ausgebrochen. Ludwig, dem Katholizismus bis zur Bigotterie ergeben, aber mit eiserner Consequenz an seiner königlichen Autorität haltend, beschuldigte den Papst der Eingriffe in die weltlichen Rechte der französischen Krone, und erhielt wiederum vom Papste den Vorwurf, daß er sich Eingriffe in das geistliche Amt der Schlüssel erlaubt habe. Welchen Hochmuth der König auch immer besaß, er fand hier einen noch entschlosseneren Geist, als den seinigen. Innocenz war in seinem Privatleben ein höchst sanfter und gutmüthiger Mann, wenn er aber amtlich vom Stuhle Petri sprach, so geschah es in einem Tone, wie ihn Gregor VII. und Sixtus V. zu gebrauchen pflegten. Der Streit wurde heftiger, Beauftragte des Königs wurden in den Bann gethan; Anhänger des Papstes verwiesen. Der König erhob die Vertheidiger seiner Autorität zu Bischöfen, der Papst versagte ihnen die Bestallung. Sie bewohnten die bischöflichen Paläste und bezogen die Einkünfte, aber sie waren nicht berechtigt, das bischöfliche Amt zu verrichten. Noch vor der Beendigung des Streites befanden sich in Frankreich dreißig Prälaten, welche nicht firmeln oder die Weihen ertheilen durften.39
Hätte zu damaliger Zeit ein andrer Fürst als Ludwig eine solche Streitigkeit mit dem Vatikan gehabt, so hätte er darauf rechnen können, daß alle protestantischen Regierungen für ihn Partei nehmen würden, aber die Besorgniß und der Mißmuth, welche der Ehrgeiz und Übermuth des Königs von Frankreich hervorgerufen hatte, waren so bedeutend, daß Jeder, der muthig genug war, ihm mannhaften Widerstand entgegenzusetzen, der allgemeinen Billigung gewiß sein durfte. Selbst Lutheraner und Calvinisten, welche gegen den Papst den tiefsten Haß fühlten, konnten nicht umhin, ihm gegen einen Tyrannen, der eine Universalmonarchie herzustellen beabsichtigte, glücklichen Erfolg zu wünschen. Auf gleiche Art billigten in unsrem Jahrhunderte Viele, welche in dem Papste den Antichrist erblickten, den Widerstand, den derselbe der ungeheuren Macht Napoleon’s entgegenstellte.
Die Erbitterung Innocenz’ gegen Frankreich veranlaßte ihn, die englischen Angelegenheiten mit Milde und Unbefangenheit aufzufassen. Die Rückkehr des englischen Volkes zur Heerde, die er hütete, würde ihn ohne Zweifel sehr glücklich gemacht haben, er war aber ein zu einsichtsvoller Mann, um zu erwarten, daß eine so kühne und trotzige Nation durch die gewaltthätige und verfassungswidrige Handhabung der königlichen Autorität in den Schooß der katholischen Kirche zurückgeleitet werden könne. Es war leicht vorauszusehen, daß ein Versuch Jakob’s, die Interessen seiner Religion durch ungesetzliche und unpopuläre Mittel zu unterstützen, mißlingen würde, daß der Haß, den die ketzerischen Insulaner gegen den wahren Glauben hegten, heftiger und stärker als jemals emporlodern und sich bei ihnen eine nicht zu trennende Verbindung zwischen Protestantismus und bürgerlicher Freiheit, zwischen Katholizismus und Willkürherrschaft bilden müsse. Zu gleicher Zeit würde der König für sein Volk ein Gegenstand der Abneigung und des Verdachts sein. Wie zur Zeit Jakob’s I., Karl’s I. und Karl’s II. würde England als eine Macht dritten Ranges dastehen, und Frankreich rücksichtslos über die Alpen und den Rhein hinaus seine Herrschaft ausüben. In anderer Hinsicht war es nicht unwahrscheinlich, daß Jakob bei klugem und gemäßigtem Benehmen, bei strenger Achtung vor dem Gesetz und wenn er sich bemühte, das Vertrauen des Parlaments zu erlangen, seinen Glaubensgenossen bedeutende Erleichterungen verschaffen konnte. Die Strafgesetze mußten sofort fallen, und die Gesetze, welche die Unfähigkeit zu bürgerlichen Ämtern bestimmten, bald nachfolgen. Indessen konnte der englische König und sein Volk an die Spitze der europäischen Coalition treten und den Gelüsten Ludwig’s einen unübersteiglichen Damm entgegenstellen.
Innocenz wurde in seiner Ansicht durch die vornehmsten Engländer, welche an seinem Hofe lebten, unterstützt. Der bedeutendste unter ihnen war Philipp Howard, Abkömmling einer der edelsten Familien Britanniens, von einer Seite Enkel des Earl von Arundel, von der anderen des Herzogs von Lennox. Philipp war schon seit langer Zeit ein Mitglied des heiligen Collegiums, wurde gewöhnlich als der Cardinal von England bezeichnet, und war in Betreff aller Angelegenheiten, welche sein Vaterland betrafen, der wichtigste Rathgeber des heiligen Stuhles. Das Geschrei fanatischer Protestanten hatte ihn in die Verbannung getrieben, und ein Mitglied seiner Familie, der unglückliche Stafford, war als ein Opfer ihrer Wuth gefallen. Aber weder die eigenen Leiden des Cardinals, noch die seines Hauses hatten sein Gemüth so erbittert, daß er unbesonnene Rathschläge gegeben hätte, daher rieth jede Zuschrift, welche vom Vatikan nach Whitehall gesandt wurde, zu Geduld, Mäßigung und Rücksicht auf die Vorurtheile des englischen Volks.40
Innerer Kampf Jakob’s II. In Jakob’s Seele fand ein heftiger Kampf statt. Man würde ihm Unrecht thun, wollte man glauben, daß ein Abhängigkeitszustand seiner Gemüthsart zugesagt hätte. Er liebte Ansehen und Beschäftigung und besaß einen hohen Begriff von seiner persönlichen Würde, ja es fehlte ihm nicht gänzlich eine Empfindung, welche Ähnlichkeit mit Vaterlandsliebe hatte. Tief quälte ihn der Gedanke, daß das von ihm beherrschte Königreich weit weniger Bedeutung in der Welt habe, als viele Staaten, welche geringere natürliche Vortheile besaßen, und er hörte mit Eifer auf die Rede der fremden Gesandten, wenn sie in ihn drangen, die Würde seines Ranges zu behaupten, sich an die Spitze eines großen Bündnisses zu stellen, der Schutzherr gekränkter Nationen zu werden und den Stolz jener Macht zu demüthigen, welche der Schrecken des Continents war. Solche Ermahnungen erregten in seiner Brust Regungen, wie sie sein leichtfertiger und üppiger Bruder nie gefühlt hatte. Jedoch wurden diese Regungen gar bald durch ein stärkeres Gefühl verdrängt. Eine kräftige, auswärtige Politik setzte natürlich eine versöhnliche innere voraus. Es war nicht denkbar, der Macht Frankreichs entgegentreten und zugleich die Freiheiten Englands angreifen zu wollen. Die ausübende Gewalt war nicht im Stande, ohne den Beistand der Gemeinen etwas Wichtiges zu unternehmen, und dieser Beistand war nur dadurch zu erreichen, daß sie in Übereinstimmung mit der Ansicht des Hauses handelte. So fand Jakob, daß die zwei Dinge, nach denen er vorzugsweise strebte, sich nicht zu gleicher Zeit besitzen ließen.
Schwankungen seiner Politik. Sein andrer Wunsch war, im Auslande gefürchtet und geachtet, sein erster aber im eigenen Lande unumschränkter Gebieter zu sein. Zwischen den nicht zu vereinigten Zielpunkten, nach denen sein Sinn strebte, schwankte er lange unentschlossen hin und her. Der Kampf, der ihm am Herzen nagte, gab seinen öffentlichen Handlungen einen seltsamen Anstrich von Unentschlossenheit und Falschheit. Wer ohne nähere Kenntniß der Sache die Irrgänge seiner Politik zu durchschauen versuchte, war nicht im Stande, sich zu erklären, wie derselbe Mann in der nämlichen Woche so hochmüthig und so erniedrigend sich betragen konnte. Selbst Ludwig wurde durch das wunderliche Benehmen eines Bundesgenossen, der in wenigen Stunden von Huldigungen zu Trotz und von Trotz zu Huldigungen überging, aus der Fassung gebracht. Jetzt aber, wo das ganze Verfahren Jakob’s klar vor uns liegt, scheint diese Unschlüssigkeit eine ganz einfache Deutung zuzulassen.
Als Jakob die Regierung antrat, war er in Ungewißheit, ob das Königreich sich gutwillig seiner Gewalt fügen werde. Die Ausschließungsmänner, welche vor kurzer Zeit noch so große Macht besaßen, konnten die Waffen gegen ihn ergreifen, er konnte französisches Geld und französische Truppen sehr nothwendig brauchen müssen, und so ließ er sich bestimmen, einige Tage lang die Rolle eines Schmeichlers und Bettlers zu spielen. Er bat demüthig um Verzeihung, daß er sich erlaubt habe, sein Parlament ohne Genehmigung der französischen Regierung zusammen zu berufen. Er bat dringend um französische Subsidiengelder, vergoß Freudenthränen über die französischen Wechsel und schickte eine außerordentliche Gesandtschaft nach Versailles, welche die Versicherung seiner Dankbarkeit, Ergebenheit und Unterwerfung überbringen sollte. Die Gesandtschaft war jedoch kaum abgegangen, als auch schon seine Gesinnungen sich änderten. Man hatte ihn aller Orten ohne einen einzigen Aufstand, ohne jede aufrührerische Kundgebung zum König ausgerufen, aus jedem Winkel der Insel kamen Nachrichten, daß das Volk ruhig und gehorsam sei, und sein Muth nahm überhand. Das unwürdige Verhältniß, in welchem er zu einer fremden Macht stand, schien ihm jetzt unerträglich, er wurde anmaßend, rechthaberisch, großprahlerisch und streitsüchtig. Er sprach in einem so hohen Tone über die Würde seiner Krone und das Gleichgewicht der Macht, daß sein ganzer Hof nichts Geringeres vermuthete, als eine vollständige Revolution in der auswärtigen Politik des Königreichs. Er gab Churchhill Befehl, eine genaue Darstellung des Ceremoniells in Versailles einzusenden, damit der französische Gesandte zu Whitehall nur dieselben Ehren empfangen möchte, welche der englischen Gesandtschaft am französischen Hofe zu Theil geworden waren. Die Kunde von dieser Sinnesänderung wurde zu Madrid, Wien und im Haag mit großer Freude aufgenommen.41 Anfänglich fand Ludwig die Sache nur spaßhaft. „Mein guter Bundesgenosse spricht stolz“, sagte er, „aber er hat eben so große Liebe zu meinen Pistolen, wie sein Bruder sie jemals hatte.“ Bald jedoch erregte das veränderte Betragen Jakob’s, und die Erwartungen, welche daraus für die beiden Zweige des Hauses Österreich hervorgingen, ernstere Aufmerksamkeit. Ein interessanter Brief des französischen Königs ist auf unsre Zeiten gekommen, worin derselbe den starken Verdacht ausspricht, daß er betrogen sei, und daß die Summen, welche er nach Westminster gesandt, gegen ihn benutzt werden könnten.42
Zu dieser Zeit hatte sich England von der Bestürzung und den Befürchtungen erholt, welche durch den Tod des gutmüthigen Karl hervorgerufen worden waren. Die Tories bekannten offen ihre Anhänglichkeit an den neuen Herrscher und die Whigs wagten nicht, ihren Haß zu zeigen. Die große Masse, welche nicht bleibend einer Partei angehört, sondern heute dem Whiggismus, morgen dem Toryismus huldigt, stand noch immer auf Seiten der Tories. Die Reaction, welche nach der Auflösung des Oxfordparlaments eintrat, hatte ihre Kraft noch nicht erschöpft.
Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob’s Palaste. Der König unterwarf die Loyalität seiner protestantischen Freunde sehr bald einer Prüfung. So lange er noch Unterthan war, hatte er die Gewohnheit, die Messe bei verschlossenen Thüren in einer kleinen Kapelle zu hören, welche für seine Gemahlin hergestellt worden; jetzt gab er Befehl, die Thüren zu öffnen, damit Alle, welche in der Absicht ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen nach Hofe kamen, die Ceremonie mit ansehen möchten. Bei der Erhebung der Hostie entstand im Vorzimmer eine heillose Verwirrung. Die Katholiken sanken auf die Knie, die Protestanten verließen das Zimmer. Es wurde bald darauf im Palaste eine neue Kanzel hergestellt, und während der Fastenzeit eine Reihe von Predigten durch katholische Geistliche vorgetragen, zur größten Entrüstung der eifrigen Anhänger der Landeskirche.43
Eine Neuerung ernsterer Art folgte. Die Charwoche kam heran, und der König faßte den Entschluß, die Messe mit derselben Pracht zu hören, welche seine Vorgänger zur Schau gestellt hatten, wenn sie sich in die Gotteshäuser der Landeskirche verfügten. Er theilte seine Absicht den drei Mitgliedern des inneren Kabinets mit und beanspruchte ihre Begleitung. Sunderland, bei welchem alle Religionen gleiche Geltung hatten, willigte ohne Weiteres ein; Godolphin als Kammerherr der Königin war daran gewöhnt, derselben den Arm zu bieten wenn sie nach der Kapelle ging, und deshalb trug er kein Bedenken von Amtswegen sich in dem Hause Rimmon’s zu demüthigen. Aber Rochester war in großer Verlegenheit. Sein Einfluß im Lande gründete sich auf die vom Klerus und der Partei der Tories gefaßte Meinung, daß er ein eifriger unbeugsamer Anhänger der Landeskirche sei, und seine Rechtgläubigkeit galt als ein vollkommener Ersatz für Fehler, welche ihn außerdem zum mißliebigsten Manne im Reiche gemacht hätten: für grenzenlosen Hochmuth, übertriebene Heftigkeit und Brutalität.44 Er hegte die Besorgniß, daß durch Fügsamkeit in das königliche Verlangen er die Achtung seiner Partei verlieren würde. Nach einigen Debatten bekam er die Erlaubniß, die Festtage außerhalb der Hauptstadt zu verleben; alle übrigen hohen Staatsbeamten erhielten die Aufforderung, am Ostersonntag auf ihrem Posten zu sein. Die Gebräuche der römischen Kirche wurden wiederum nach einem Zeitraum von einhundert und siebenundzwanzig Jahren zu Westminster mit königlicher Pracht ausgeübt. Die Garden standen in Parade, die Ritter des Hosenbandes trugen die großen Bänder. Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen Großen des Reiches im Range der zweite, hielt das Staatsschwert. Ein langer Zug hoher Lords geleitete den König nach seinem Sitze, doch bemerkte man, daß Ormond und Halifax im Vorzimmer zurückblieben. Noch vor wenigen Jahren hatten sie die Sache Jakob’s muthig gegen einige von Denen beschützt, welche sich jetzt an ihnen vorüberdrängten. Ormond hatte sich bei den Hinopferungen der Katholiken nicht betheiligt, Halifax hatte den Muth gehabt, Stafford für unschuldig zu erklären. Während Diejenigen, welche den Mantel nach dem Winde hingen, einst vorgaben, schon bei dem Gedanken an einen katholischen König sich zu entsetzen, und unbarmherzig das unschuldige Blut eines katholischen Peers vergossen, stießen sie jetzt einander zur Seite, um sich dem katholischen Altar zu nähern. Wohl hatte der vollkommene Trimmer einiges Recht, sich mit geheimem Stolze seines unpopulären Spottnamens zu freuen.45
Jakob’s Krönung. Eine Woche nach dieser Ceremonie brachte Jakob seinen eigenen religiösen Vorurtheilen ein bedeutenderes Opfer, als er jemals von einem seiner protestantischen Unterthanen beansprucht hatte. Er wurde am 23. April, dem Tage des heiligen Schutzpatrons des Reiches gekrönt. Die Abtei und die Halle waren prachtvoll geschmückt, und die Anwesenheit der Königin, umgeben von den Damen der Peers, gab der Festlichkeit einen Glanz, welcher bei der prachtvollen Inauguration des vorigen Königs gefehlt hatte. Diejenigen aber, die sich derselben noch erinnerten, meinten doch, daß der jetzigen Feierlichkeit etwas äußerst Erhebliches mangle. Es war eine alte Sitte, daß der Souverain vor seiner Krönung umgeben von den Herolden, Richtern, Geheimen Räthen, Lords und Großwürdenträgern im glänzenden Zuge vom Tower nach Westminster ritt. Die letzte und prachtvollste dieser Cavalcaden war die, welche sich durch die Hauptstadt bewegte, als die durch die Restauration hervorgerufenen Empfindungen noch in voller Kraft waren. Triumphbögen überragten die Straßen, ganz Cornhill, Cheapside, der St. Paulskirchhof, Fleet Street und der Strand waren mit Schaugerüsten umgeben, und die ganze City eingeladen, das Königthum in der prachtvollsten und feierlichsten Gestalt zu bewundern, in der es sich zeigen kann. Jakob ließ die Kosten berechnen, welche eine solche Procession erfordern würde, und da sich herausstellte, daß dieselben ungefähr die Hälfte der Summe betragen würde, welche er zur Anschaffung von Schmuck für seine Gemahlin bestimmt hatte, so faßte er den Entschluß, da verschwenderisch zu sein, wo Sparsamkeit an ihrem Orte, und geizig, wo Verschwendung zu entschuldigen gewesen wäre. Der Putz der Königin wurde mit hunderttausend Pfund bezahlt, und der Festzug vom Tower unterblieb. Die Thorheit dieses Verfahrens ist einleuchtend. Wenn Prunk im Staatsleben von Vortheil ist, so kann er es nur als Mittel sein, um auf die Phantasie der Menge einzuwirken. Es verräth einen hohen Grad von Beschränktheit, das gemeine Volk von einem glänzenden Schauspiel zurückzuweisen, dessen Zweck eben darin besteht, einen Eindruck auf den großen Haufen zu machen. Jakob hätte eine weit vernünftigere Freigebigkeit und weisere Sparsamkeit gezeigt, wenn er London mit der gewohnten Pracht von Ost nach West durchzogen und die Staatskleider seiner Gemahlin etwas weniger reich mit Perlen und Diamanten hätte besetzen lassen. Seine Nachfolger ahmten übrigens sein Beispiel noch lange Zeit nach, und Geldsummen, welche vernünftig angewendet einem großen Theile des Volkes einen außerordentlichen Genuß verursacht haben würden, verschwendete man zu Schaustellungen, welchen nur drei- bis viertausend bevorzugte Personen beiwohnen durften. Schließlich trat der altehrwürdige Gebrauch wieder ins Leben. An dem Tage, wo die Königin Victoria gekrönt wurde, fand ein Festzug statt, bei welchem zwar nicht wenig Mängel zu bemerken waren, der aber mit theilnehmender Freude von einer halben Million ihrer Unterthanen betrachtet ward, und ohne Zweifel weit größeres Vergnügen machte und höhere Begeisterung hervorrief, als das kostbarere Schauspiel, dessen Zeuge ein auserwählter Kreis im Innern der Abtei war.
Jakob hatte Sancroft den Auftrag ertheilt, das Ritual abzukürzen. Öffentlich führte man als Ursache an, daß der Tag zur Durchführung alles dessen, was zu thun sei, zu kurz wäre, aber wer die Abänderungen, welche getroffen wurden, genauer prüft, wird finden, daß man die Beseitigung einiger, die religiösen Gefühle eines Katholiken verletzenden Dinge beabsichtigte. Der Dienst beim Abendmahl wurde nicht verlesen, die Ceremonie, dem Souverain ein prachtvoll gebundenes Exemplar der englischen Bibel zu überreichen, und ihn zu ermahnen, höher als alle Reichthümer der Erde ein Buch zu schätzen, welches er, als von falschen Lehren entstellt betrachten gelernt hatte — kam in Wegfall. Was aber alle diese Abkürzungen noch übrig ließen, hätte wohl in dem Herzen eines Mannes, welcher überzeugt war, daß die englische Kirche eine ketzerische Genossenschaft sei, in deren Schooße man auf keine Seligkeit zu hoffen habe, Bedenklichkeiten erregen können. Der König legte ein Opfer auf dem Altar nieder, schien in die Bitten der Litanei einzustimmen, welche die Bischöfe absangen, erhielt von den falschen Propheten die eine göttliche Ausgießung darstellende Salbung und sank mit dem Ausdruck der Demuth auf die Knie, während sie den heiligen Geist auf ihn herabriefen, dessen böse und hartnäckige Feinde sie nach seiner Meinung waren. So groß zeigen sich die Widersprüche in der menschlichen Natur, daß dieser Mann, der aus fanatischem Eifer für seinen Glauben drei Königreiche von sich warf, lieber eine Handlung beging, die einer Apostasie sehr ähnlich sah, als daß er das kindische Vergnügen entbehrte, mit dem symbolischen Tand der königlichen Gewalt geschmückt zu werden.46
Franz Turner, Bischof von Ely, hielt die Predigt. Er gehörte zu jenen Schriftstellern, welche noch immer den veralteten Styl des Erzbischofs Williams und des Bischofs Andrews nachahmten. Die Predigt bestand aus gezierten Künsteleien, wie sie siebzig Jahre früher Bewunderung hervorgerufen haben würden, die aber den Spott einer Generation erregten, welche an die reinere Beredtsamkeit eines Sprat, South und Tillotson gewöhnt war. König Salomo war König Jakob, Adonia war Monmouth. Joab war ein Roggenhaus-Verschwörer, Simei ein whiggistischer Pasquillant, Ab Jathar ein redlicher, aber der Verführung erlegener Kavalier. Eine Stelle in den Büchern der Chronik wurde dergestalt interpretirt, daß der König über dem Parlament stehe, und eine andre als Beweis citirt, daß blos der König das Recht habe, die Miliz zu commandiren. Am Ende des Vortrags deutete der Prediger äußerst schüchtern auf die neue und schwierige Situation hin, in der sich die Kirche hinsichtlich des Souverains befand, und erinnerte seine Zuhörer, daß Kaiser Constantius Chlorus, obgleich kein Christ, doch diejenigen Christen hoch geachtet, welche ihrer Religion treu blieben, diejenigen aber mit Verachtung behandelt habe, welche sein Wohlwollen durch Abfall zu erwerben suchten. Nach dem Gottesdienste fand ein großes Banket in der Halle statt, dem Banket folgte ein Feuerwerk, und dem Feuerwerke eine Menge schlechte poetische Ergüsse.47
Enthusiastische Adressen der Tories. Diesen Moment kann man als denjenigen bezeichnen, wo die Begeisterung der Torypartei den Culminationspunkt erreicht hatte. Seit dem Antritte seiner Regierung war der neue König mit Adressen überschüttet worden, welche die tiefste Verehrung für seine Person und sein Amt und den stärksten Abscheu gegen die besiegten Whigs aussprachen. Die Magistratspersonen von Middlesex dankten Gott, daß er die Anschläge jener Königsmörder und Ausschließungsmänner zu Nichte gemacht, welche, nicht zufrieden, einen vortrefflichen Fürsten gemordet zu haben, auch mit der Absicht umgegangen seien, die Grundpfeiler der Monarchie umzustürzen. Die Stadt Gloucester verdammte die blutgierigen Bösewichter, welche den Versuch gewagt hätten, Se. Majestät um ihr Erbrecht zu bringen. Die Bürgerschaft von Wigan versprach ihrem Herrscher, daß sie ihn gegen alle verschwörungssüchtigen Achitophels und rebellischen Absaloms vertheidigen wollte. Die große Jury von Suffolk sprach die Hoffnung aus, daß das Parlament alle Ausschließungsmänner in die Verbannung schicken werde. Verschiedene Körperschaften verpflichteten sich, niemals Jemand in das Parlament zu wählen, der seine Stimme für die Entziehung von Jakob’s Geburtsrecht gegeben habe. Selbst die Hauptstadt zeigte sich höchst unterwürfig. Die Juristen und der Handelsstand wetteiferten zusammen in der Dienstbeflissenheit. Die Collegien der Gerichtshöfe des gemeinen Rechts und der Kanzlei übersandten bombastische Versicherungen der Anhänglichkeit und Devotion, und die großen Handelsgesellschaften, die Ostindische Compagnie, die Afrikanische, Türkische, Moskowitische, Hudsonsbai-Compagnie, die Marylandkaufleute, die Jamaikakaufleute, die abenteuernden Kaufleute, sie Alle erklärten, daß sie sich der königlichen Verordnung, welche von ihnen die fernere Bezahlung des Zolles beanspruchte, gern fügten. Bristol, die zweite Stadt Englands, war das Echo von London, nirgends aber zeigte sich der Geist der Loyalität bedeutender, als an den beiden Universitäten. Oxford versicherte, daß es nimmer die religiösen Grundsätze aufgeben werde, welche ihm die Verbindlichkeit auferlegten, dem König ohne jeden Vorbehalt und jede Beschränkung Gehorsam zu leisten; Cambridge mißbilligte in den heftigsten Ausdrücken die Eigenmächtigkeit und Verrätherei jener unruhigen Männer, welche den böswilligen Versuch gewagt hätten, den Gang der Thronfolge aus seiner alten Bahn zu drängen.48
Die Wahlen. Adressen, wie die angeführten, füllten lange Zeit die Nummern der Londoner Zeitung, doch bewiesen die Tories nicht nur durch Adressen ihren Eifer. Die Aufforderungen zur Wahl eines neuen Parlaments waren erlassen worden und das Land durch die geräuschvolle Thätigkeit der Wählenden in Aufregung versetzt. Noch nie hatte die Wahl unter Verhältnissen stattgefunden, welche dem Hofe so günstig waren wie die jetzigen. Hunderttausende, welche das papistische Complot zum Whiggismus getrieben, waren durch das Ryehousecomplot wieder zum Toryismus zurückgescheucht worden. In den Grafschaften konnte die Regierung auf eine überwiegende Majorität der Gentlemen mit dreihundert Pfund und mehr jährlichen Einkommens, so wie bei dem Klerus auf jedes Mitglied desselben zählen. Jenen Burgflecken, einst die Festungen des Whiggismus, hatte man kürzlich durch richterlichen Ausspruch ihre Freibriefe entzogen, oder sie waren dem Urtheil durch freiwilliges Aufgeben derselben zuvorgekommen. Sie waren jetzt in der Art umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden bei der Wahl nur auf Männer reflectiren, welche der Krone zugethan waren. Wo man den Stadtbewohnern kein Vertrauen schenken konnte, wurde das Wahlrecht auf die benachbarten Squires übertragen. In einigen kleinen Corporationen des Westens bestanden die Wahlkörper hauptsächlich aus Hauptleuten und Leutnants der Garde. Überall handelten die Wahlbeamten im Interesse des Hofes. Der Lordlieutenant und seine Abgeordneten bildeten in jeder Grafschaft einen mächtigen, thätigen und aufmerksamen Ausschuß, um die Freisassen zu gewinnen und einzuschüchtern. Von tausend Kanzeln ertönten feierliche Warnungen, für keinen Whigcandidaten zu stimmen, indem eine solche Handlung vor Demjenigen zu verantworten sein werde, der die Obrigkeit angeordnet und die Rebellion für eine eben so große Todsünde erklärt habe, wie die Zauberei. Alle diese Vortheile benutzte die herrschende Partei nicht nur aufs Äußerste, sondern trieb mit ihnen einen so schamlosen Mißbrauch, daß ruhige und besonnene Männer, welche der Monarchie in der Gefahr treu zur Seite gestanden und weder für Republikaner, noch für Schismatiker eingenommen waren, erschraken und aus solchem Beginnen das Herannahen schlimmer Zeiten weissagten.49
Die Whigs aber, obgleich sie die gerechte Vergeltung ihrer Irrthümer erduldeten, obgleich sie besiegt, entmuthigt und zersprengt waren, wichen nicht ohne Kampf. Noch immer waren sie eine bedeutende Anzahl, namentlich aus den Handelsleuten und Handwerkern der Städte und den Freisassen und Landleuten des flachen Landes bestehend. In einigen Bezirken, wie in Dorsetshire und in Somersetshire bildeten sie die Mehrzahl der Bevölkerung. Zwar konnten sie in den neuconstituirten Burgflecken nichts ausrichten, aber in jeder Grafschaft, wo sich ihnen irgend eine Aussicht bot, kämpften sie wie Verzweifelte. In Bedfordshire, dessen letzter Vertreter der edle, tugendhafte Russel gewesen war, siegten sie beim Händeaufheben, unterlagen aber bei der Abstimmung.50 In Essex hatten sie dreizehnhundert Stimmen gegen achtzehnhundert.51 Bei der Wahl für Northampton war der Pöbel in seinem Hasse gegen den Candidaten des Hofes so heftig, daß Truppen auf dem Marktplatze der Hauptstadt der Grafschaft aufgestellt wurden und Befehl erhielten, scharf zu laden.52 Die Geschichte des Wahlgefechts um Buckinghamshire ist noch merkwürdiger. Der Candidat der Whigs, Thomas Wharton, ältester Sohn von Lord Philipp Wharton, war ein durch Gewandtheit und Kühnheit ausgezeichneter Mann, und bestimmt, eine hervorragende, wenn auch nicht immer achtungswerthe Rolle in der Politik verschiedener Regierungen zu spielen. Er gehörte zu den Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche damals die Ausschließungsbill vor die Schranke des Hauses der Lords gebracht hatten. Der Hof bemühte sich daher, ihn durch redliche oder unredliche Mittel zu beseitigen. Der Lord Oberrichter Jeffreys verfügte sich selbst nach Buckinghamshire, um einem Gentleman, mit Namen Hacket, beizustehen, welcher zu den Hochtories gehörte. Es wurde eine Kriegslist ersonnen, von der man erwartete, daß sie nicht mißglücken könne. Man verbreitete das Gerücht, die Wahl solle zu Ailesbury vor sich gehen, und Wharton, der eine ungemeine Geschicklichkeit in der Anwendung von Wahlkünsten besaß, entwarf auf diese Voraussetzung hin seinen Plan; im letzten Augenblicke jedoch verlegte der Sheriff die Wahlhandlung nach Newport Pagnell. Wharton verfügte sich mit seinen Freunden schleunigst dorthin, fand aber, daß Hacket, dem das Geheimniß bekannt war, dort alle Gasthäuser und sonstigen Herbergen in Beschlag genommen hatte. Die whiggistischen Freisassen sahen sich gezwungen, ihre Pferde an die Hecken zu binden und auf den Wiesen, welche die kleine Stadt umgaben, zu übernachten. Es machte außerordentliche Mühe, in so kurzer Zeit für eine so große Anzahl von Menschen und Thieren die nothwendigen Nahrungsmittel herbeizuschaffen, obgleich Wharton, der im Interesse seines Ehrgeizes und Parteigeistes kein Geld schonte, an einem Tage fünfzehnhundert Pfund ausgab, in damaliger Zeit eine sehr bedeutende Summe. Diese Ungerechtigkeit mag übrigens auf den Muth der munteren Freisassen von Bucks, der Söhne der Wähler John Hampden’s, günstig eingewirkt haben, denn Wharton erhielt nicht allein die meisten Stimmen, sondern er konnte auch seine übrigen Stimmen auf einen Mann von gemäßigteren Ansichten übertragen, wodurch der Candidat des Oberrichters durchfiel.53
In Cheshire währte der Kampf sechs Tage. Die Whigs hatten ungefähr siebzehnhundert Stimmen, die Tories etwa zweitausend. Das niedere Volk stand entschieden auf Seiten der Whigs, schrie: „Nieder mit den Bischöfen!“ beleidigte die Geistlichen auf den Straßen von Cheshire, schlug einen Gentleman von den Tories zu Boden, zertrümmerte die Fenster und prügelte die Constabler. Man rief die Miliz unter die Waffen, um dem Tumult ein Ende zu machen, und ließ sie beisammen, um die Festlichkeiten der siegreichen Partei zu schützen. Als die Abstimmung vorüber war, verkündete eine Salve aus fünf schweren Geschützen vom Schlosse der umliegenden Gegend den Sieg der Kirche und der Krone, die Glocken ertönten und die neugewählten Abgeordneten zogen feierlich, begleitet von einem Musikcorps und einem langen Zuge von Rittern und Squires zu dem Stadtkreuz, Auf ihrem Wege sang die Prozession „Heil dem großen Cäsar“, eine loyale Ode, die Durfey kürzlich gedichtet und die, wie alle literarischen Erzeugnisse desselben, zwar sehr jämmerlich, aber trotzdem damals nicht weniger beliebt war, als einige Jahre später das Lillibullero.54 Die Milizen standen in Parade um das Kreuz, ein Freudenfeuer loderte empor, die Ausschließungsbill ward verbrannt und unter lautem Jubelgeschrei auf das Wohl König Jakob’s getrunken. Am folgenden Tage, einem Sonntage, bildete am frühen Morgen die Miliz auf den Straßen, welche nach der Kathedrale führten, ein Spalier. Die beiden Abgeordneten der Grafschaft wurden von den Magistratspersonen der Stadt mit großem Pomp nach dem Chor geführt, hörten eine Predigt des Dechanten — vermuthlich über die Pflicht des passiven Gehorsams — mit an, und wurden sodann von dem Mayor zu einem feierlichen Mahle gezogen.55
In Northumberland war der Sieg Sir Johann Fenwick’s, eines Hofmanns, dessen Name später eine traurige Berühmtheit erlangte, von Umständen begleitet, welche in London Aufsehen erregten und für wichtig genug gehalten wurden, in den Depeschen fremder Minister erwähnt zu werden. Newcastle war durch brennende Holzstöße erleuchtet und von den Thürmen schallte das fröhliche Geläute der Glocken. Eine Copie der Ausschließungsbill und ein schwarzes Kästchen, ähnlich demjenigen, welches nach der Volkssage den Heirathsvertrag zwischen Karl II. und Lucie Walters umschließen sollte, wurde öffentlich unter lautem Jubelrufe in die Flammen geworfen.56
Das allgemeine Resultat der Wahlen übertraf die kühnsten Erwartungen des Hofes. Voller Freude entdeckte Jakob, daß es nicht nothwendig sei, auch nur einen Heller zur Erkaufung von Stimmen zu zahlen; er sagte, mit Ausnahme von etwa vierzig Personen wäre das Haus genau so zusammengesetzt, wie er selbst es gewählt haben würde,57 und nach damaligem Gesetze stand es völlig in seiner Macht, dieses Haus der Gemeinen für die ganze Dauer seiner Regierung zu behalten.
Des parlamentarischen Beistandes gewiß konnte er nun daran denken, sich dem Rachegefühl hinzugeben. Er war nicht versöhnlicher Natur, und als er noch Unterthan war, hatte er verschiedene Male Beleidigungen und Beschimpfungen erduldet, welche selbst ein zur Versöhnung geneigtes Gemüth zu heftiger und nachhaltiger Rachsucht aufregen konnten. Namentlich hatte eine Klasse von Menschen mit beispielloser und unbeschreiblicher Niederträchtigkeit und Grausamkeit seine Ehre und sein Leben bedroht: die Zeugen des Complots. Es war zu verzeihen, wenn er Haß gegen sie fühlte, da noch heute die Erwähnung ihrer Namen den Abscheu und das Grausen aller Secten und Parteien hervorruft.
Einige dieser Elenden waren bereits dem Arme menschlicher Gerechtigkeit entrückt. Bedloe war in seiner Verruchtheit gestorben, ohne jedes Zeichen von Reue oder Scham.58 Auch Dugdale war ins Grab gesunken, zum Wahnsinn getrieben, wie man sagte, durch die Qualen des bösen Gewissens, und mit Jammergeschrei die Umstehenden anflehend, Lord Stafford von seinem Sterbelager zu entfernen.59 Auch Carstairs war gestorben. Er endete mit Grauen und Verzweiflung, und in den letzten Augenblicken seines Lebens hatte er den Wärtern geboten, man solle ihn, wie einen Hund, in einen Graben werfen, denn er verdiene kein Grab auf einem christlichen Friedhofe.60
Prozeß gegen Oates. Oates und Dangerfield aber befanden sich noch im Bereiche des strengen Fürsten, den sie beleidigt hatten. Kurz vor seinem Regierungsantritte hatte Jakob eine Civilklage gegen Oates wegen ehrverletzender Äußerungen erhoben und eine Jury hatte den Schadenersatz auf den ungeheuren Betrag von hunderttausend Pfund festgestellt. Der Beklagte war in Arrest genommen worden und befand sich jetzt ohne Hoffnung auf Befreiung im Gefängniß. Einige Wochen vor Karl’s Tode hatte die große Jury von Middlesex ihn zweimal des Meineides schuldig befunden, und bald nach dem Schlusse der Wahlen nahm der Prozeß seinen Anfang.61
Oates war unter den höheren und mittleren Klassen kaum ein Freund geblieben. Alle einsichtsvolleren Whigs hatten jetzt die Überzeugung, daß, wenn auch seiner Erzählung einige Thatsachen zu Grunde lägen, er doch auf diese Grundlage ein großes Gebäude romantischer Darstellungen errichtet habe. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Fanatikern aus der niederen Volksklasse sahen in ihm jedoch noch immer einen öffentlichen Wohlthäter. Diesen Leuten war es nicht unbekannt, daß sein Urtheil ein höchst strenges sein würde, wenn es gelang, ihm seine Schuld zu beweisen, und sie waren daher unermüdlich in ihren Versuchen, ihm zur Flucht zu verhelfen. Obgleich er sich jetzt nur in Schuldhaft befand, wurde er doch von den Beamten des Gefangenhauses in Eisen gelegt und selbst auf diese Art nur mit großer Mühe in sicherem Gewahrsam erhalten. Ein Bullenbeißer, welcher als Wächter vor seiner Thür lag, wurde vergiftet und in der Nacht vor dem Beginn seines Prozesses eine Strickleiter in seine Zelle gebracht.
An dem Tage, wo er vor Gericht gestellt wurde, war Westminsterhall überfüllt von Zuschauern, worunter viele Katholiken, die begierig waren, das Elend und die Erniedrigung ihres Verfolgers zu betrachten.62 Vor wenigen Jahren war sein kurzer Hals, seine krummen Dachsbeine, seine Stirn, so zusammengedrückt wie die eines Pavians, seine dunkelrothen Wangen und die seltsame Länge seines Kinnes Allen wohlbekannt, welche die Gerichtshöfe betraten; damals war er der Abgott des Volkes, wo er sich zeigte, hatte man vor ihm das Haupt entblößt, das Leben und die Güter der ersten Männer des Reichs waren seiner Willkür preisgegeben; jetzt war es anders geworden, und Viele, die früher in ihm den Befreier des Vaterlandes erblickten, erfaßte jetzt ein Grausen, als sie die scheußlichen Züge erblickten, auf welche die Hand Gottes den Stempel der Schurkerei gedruckt zu haben schien.63
Es war bis zur größten Gewißheit erwiesen, daß dieser Mann durch falsche Beschuldigungen mit Absicht mehrere unschuldige Personen um’s Leben gebracht hatte. Vergeblich bat er die bedeutendsten Mitglieder des Parlaments, welche ihn belohnt und erhoben hatten, zu seinem Gunsten Zeugniß abzulegen, einige von den Aufgeforderten verließen den Saal, keiner aber machte den geringsten Versuch zu seiner Vertheidigung. Einer, der Earl von Huntingdon, machte ihm die heftigsten Vorwürfe, daß er die Häuser betrogen und die Schuld auf sie geladen habe, unschuldiges Blut zu vergießen. Die Richter ließen den Angeklagten hart an und schmähten ihn mit einer Leidenschaftlichkeit, welche selbst in den scheußlichsten Fällen mit der richterlichen Würde sich nicht verträgt. Er zeigte jedoch weder Furcht noch Scham und ertrug die Fluth von Schmähungen, welche von den Schranken, der Richterbank und Zeugenloge auf ihn losbrach, mit dem Trotze der Verzweiflung. Er wurde beider Anklagen schuldig befunden. Sein Verbrechen war zwar, vom moralischen Standpunkte angesehen, Mord der schwersten Art, nach dem Gesetz jedoch noch kein peinliches Verbrechen. Es lag aber in der Absicht des Tribunals, seine Strafe empfindlicher zu machen, als sie Verbrechern der ersten und zweiten Klasse zu Theil wurde, und ihm nicht blos das Leben zu rauben, sondern ihn auch unter entsetzlichen Qualen zu tödten. Es wurde das Urtheil über ihn ausgesprochen, er solle, seiner geistlichen Tracht entkleidet, im Palasthofe an den Pranger gestellt werden, alsdann sollte man ihn — mit einer Inschrift, welche seine Schandthaten aussprach, über seinem Haupte — um Westminsterhall führen, der königlichen Börse gegenüber wieder an den Pranger stellen und alsdann von Oldgate nach Newgate peitschen. Nach einer Pause von zwei Tagen sollte er wieder von Newgate nach Tyburn gepeitscht werden. Wenn er gegen alle Wahrscheinlichkeit nach dieser entsetzlichen Strafe noch lebte, so sollte er lebenslänglich — in enger Kerkerhaft bleiben, in jedem Jahre aber fünfmal aus dem Gefängniß gebracht und in verschiedenen Theilen der Hauptstadt an den Schandpfahl gestellt werden.64
Das schreckliche Urtheil wurde streng vollstreckt. An dem Tage, wo Oates am Pranger stand, wurde er unbarmherzig gesteinigt und war in größter Gefahr, zerrissen zu werden.65 In der City erregten zwar seine Anhänger, die sich in bedeutender Anzahl versammelt hatten, einen Tumult und warfen den Pranger um; aber es gelang ihnen nicht, ihren Liebling zu befreien.66
Man besorgte, er würde einen Versuch machen, dem schrecklichen Schicksale, welches seiner harrte, sich durch Gift zu entziehen, deshalb wurde Alles, was er genoß, einer sorgfältigen Prüfung unterworfen. Am nächsten Morgen wurde er vorgeführt, um die erste Auspeitschung zu empfangen, und schon in der frühesten Stunde wogten die Menschenmassen in den Straßen zwischen Oldgate und der Old Bailey. Der Henker führte die Peitsche mit solcher Erbarmungslosigkeit, daß man wohl sah, er habe ganz besondere Befehle erhalten. Das Blut strömte an dem Verbrecher herab. Eine Zeit lang zeigte er eine außerordentliche Standhaftigkeit, bis endlich seine hartnäckige Ausdauer erlag. Sein Geheul war fürchterlich, er fiel mehrere Male in Ohnmacht, aber die Peitsche hörte nicht auf, ihn zu zerfleischen. Als er losgebunden wurde, schien er das Äußerste ertragen zu haben, was ein menschlicher Körper bis zur Auflösung auszuhalten vermag. Jakob wurde gebeten, die zweite Auspeitschung zu unterlassen, aber seine Antwort war kurz und bündig: „Man soll damit fortfahren, so lange er noch Athem im Leibe hat!“ Ein Versuch, die Verwendung der Königin für den Unglücklichen zu erlangen, mißglückte gleichfalls, indem sie sich entrüstet weigerte, ein Wort zu Gunsten eines solchen Elenden zu verlieren. Nach einer Pause von achtundvierzig Stunden wurde Oates wiederum aus dem Gefängniß herbeigeholt. Er war nicht mehr fähig, sich auf den Füßen zu erhalten, so daß es nöthig wurde, ihn auf einer Schleife nach Tyburn zu schleppen. Wie es schien, hatte er nicht die geringste Empfindung, und die Tories versicherten, daß er sich durch den Genuß starker Getränke betäubt habe. Eine Person, welche die Schläge, welche er am zweiten Tage empfing, gezählt hat, versicherte, daß er deren siebzehnhundert erhalten. Der elende Mensch kam mit dem Leben davon, jedoch mit so genauer Noth, daß seine beschränkten und bigotten Anhänger seine Genesung für ein Wunder hielten und dieselbe als einen Beweis seiner Schuldlosigkeit anführten. Die Thür des Gefängnisses fiel hinter ihm ins Schloß und viele Monate lang lag er gefesselt in dem finstersten Kerker von Newgate. Man versicherte, daß er in seiner Zelle gänzlich der Schwermuth anheimfiel und, tiefe Seufzer ausstoßend, die Arme verschlungen und den Hut über die Augen gezogen, Tage lang vor sich hinbrütete. Nicht blos England nahm an diesen Ereignissen regen Antheil. Millionen Katholiken, welche weder von unseren Institutionen, noch unseren Parteien etwas wußten, hatten erfahren, daß auf unsrer Insel die Bekenner des wahren Glaubens einer unmenschlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wären, daß viele fromme Männer den Märtyrertod erlitten und Titus Oates das Haupt der Mörderbande gewesen sei; daher entstand großer Jubel in fernen Landen, als man erfuhr, daß Gottes Gericht ihn getroffen habe. Kupferstiche, welche ihn am Schandpfahl und auf der Schleife sich windend darstellten, verbreiteten sich über das ganze Europa und Epigrammenschreiber machten in allen Sprachen ihre Witze über den Doctortitel, welchen er von der Universität zu Salamanca erlangt haben wollte, und bemerkten, da seine Stirn nicht mehr des Erröthens fähig sei, so wäre es ganz in der Ordnung, daß sein Rücken dazu gebracht werde.67
Obgleich die Leiden des Oates entsetzlich waren, so standen sie doch zu seinen Verbrechen in keinem Verhältniß. Das alte englische Gesetz, welches außer Gebrauch gekommen war, behandelte den falschen Zeugen, der durch seinen Meineid den Tod eines Menschen verursachte, als Mörder.68 Es verrieth das eben so viel Weisheit wie Gerechtigkeit, denn ein solcher Zeuge ist in der That ein höchst gefährlicher Mörder. Mit dem Verbrechen, unschuldiges Blut zu vergießen, vereinigt er die schwere Schuld, die heiligste Verpflichtung zu verletzen, welche der Mensch seinem Mitmenschen gegenüber eingehen kann, und Gerichtsstellen, auf die das Volk nothwendig mit Ehrerbietung und Vertrauen blicken muß, zu Werkzeugen abscheulichen Unrechts und Gegenständen des allgemeinen Mißtrauens zu machen. Das Unglück, welches durch einen gewöhnlichen Meuchelmord herbeigeführt wird, steht in keinem Verhältniß zu dem Unglück, welches ein Meuchelmord erzeugt, bei dessen Ausübung die Gerichtshöfe als Helfershelfer mitgewirkt haben. Die bloße Vernichtung des Menschenlebens ist der unbedeutendste Theil von dem, was eine Hinrichtung entsetzlich macht. Die verlängerte Seelenangst des Delinquenten, die Schande und das Unglück seiner Angehörigen, die bis zur dritten und vierten Generation nachwirkende Schmach, das sind viel schrecklichere Dinge, als der Tod selbst. Man kann mit Gewißheit annehmen, daß der Vater einer zahlreichen Familie lieber alle seine Kinder durch ein böses Geschick oder Krankheit verlieren würde, als ein einziges durch die Hand des Henkers. Mord, durch falsches Zeugniß herbeigeführt, ist daher die schwerste Art des Mordes, und Oates hatte sich vieler solcher Morde schuldig gemacht; dennoch läßt sich die Strafe, mit welcher er belegt wurde, nicht rechtfertigen. Indem ihn die Richter verurtheilten, das geistliche Gewand abzulegen und auf Lebenszeit im Kerker zu schmachten, scheinen sie über ihre gesetzliche Berechtigung hinausgegangen zu sein. Sie waren ohne Zweifel befugt, ihn zur Auspeitschung zu verurtheilen, auch hatte das Gesetz die Anzahl der Hiebe nicht bestimmt; vollkommen verständlich war aber der Geist des Gesetzes, daß kein peinliches Vergehen strenger bestraft werden dürfte, als ein scheußliches Verbrechen. Der schwerste Verbrecher konnte blos zum Galgen verurtheilt werden, die Richter jedoch verurtheilten den Oates — wie sie wenigstens glaubten — zum Tode durch die Peitsche. Die Mangelhaftigkeit des Gesetzes bietet keine genügende Entschuldigung, denn mangelhafte Gesetze müssen durch die gesetzgebende Gewalt geändert und nicht von den Gerichtshöfen ausgedehnt werden, am wenigsten aber sollte man ein Gesetz mißbrauchen, um Qualen zu verursachen und Leben zu vernichten. Daß Oates ein Schurke war, entschuldigt nicht ausreichend, denn in der Regel erdulden zuerst die Schuldigen solche Unbilden, welche man nachher als Vorgänge benutzt, um die Unschuldigen zu unterdrücken. So war es in diesem Falle. Die unbarmherzige Anwendung der Peitsche wurde sehr bald eine Strafe für unbedeutende politische Vergehen. Man verurtheilte wegen unüberlegter Äußerungen gegen die Regierung Menschen zu solchen Martern, daß sie in vollem Ernste baten, man möchte sie lieber eines Capitalverbrechens anklagen und an den Galgen schicken. Glücklicherweise wurde diesem großen Übel sehr bald durch die Revolution und durch den Artikel der „Bill der Rechte“, welche alle grausamen und ungewöhnlichen Strafen verwirft, eine Ende gemacht.
Prozeß gegen Dangerfield. Die Schurkerei des Dangerfield hatte nicht wie die des Oates viele unschuldige Opfer vernichtet, indem Dangerfield das Geschäft eines falschen Zeugen erst zu betreiben anfing, als das Complot bereits seine Wichtigkeit verloren und die Geschwornen ungläubig geworden waren.69 Man stellte ihn nicht wegen Meineids, sondern wegen des geringern Vergehens, eine Schmähschrift verfaßt zu haben, vor Gericht. Während der Aufregung, welche die Ausschließungsbill hervorrief, hatte er eine Erzählung in Umlauf gebracht, worin einige unwahre und heimtückische Beschuldigungen gegen den vorigen und den jetzigen König enthalten waren; in Folge dieser Veröffentlichung wurde er jetzt, nach Ablauf von fünf Jahren, plötzlich verhaftet, vor den Geheimen Rath gebracht, verhört, für schuldig erklärt und verurtheilt, von Oldgate nach Newgate und von da nach Tyburn gepeitscht zu werden. Der Unglückliche behauptete während der Verhandlungen eine große Keckheit, als ihm aber sein Urtheil bekannt gemacht wurde, erfaßte ihn die äußerste Verzweiflung, er betrachtete sein Leben als verloren und wählte einen Text zu seiner Leichenpredigt. Er hatte richtig geahnet. Wenn er auch nicht so ganz unmenschlich gepeitscht wurde wie Oates, so besaß er auch nicht dessen körperliche und geistige Kraft. Nach erlittener Strafe wurde Dangerfield in eine Miethkutsche gebracht und nach dem Gefängniß zurücktransportirt. Als er an der Ecke von Hatton Garden vorüberkam, hielt ein Tory von Gray’s Inn, mit Namen Francis, den Wagen an und rief mit brutaler Übermüthigkeit: „Nun Freund, ist es Euch diesen Morgen nicht warm geworden?“ Der blutbedeckte Gefangene, durch diesen Hohn zur Wuth gebracht, antwortete mit einem Fluche; da schlug ihn Francis sofort mit einem Rohrstocke über das Gesicht und verletzte ihm das Auge. Dangerfield wurde mit dem Tode ringend nach Newgate gebracht. Diese schändliche Gewaltthätigkeit empörte die Umstehenden dermaßen, daß sie Francis ergriffen und nur mit größter Mühe zurückgehalten wurden, ihn in Stücken zu reißen. Der Anblick von Dangerfield’s Körper, den die Peitsche entsetzlich zerfleischt hatte, ließ Viele glauben, daß sein Tod vorzüglich, wenn auch nicht allein durch die Peitschenhiebe verursacht worden sei; die Regierung aber und der Oberrichter hielten es für gut, die ganze Schuld auf Francis zu laden, dem man, obgleich er im schlimmsten Falle nur eines Todtschlags unter erschwerenden Umständen schuldig gewesen zu sein scheint, wegen Mordes den Prozeß machte und ihn hinrichten ließ. Seine letzte Rede ist ein höchst merkwürdiges Denkmal der Sitten jener Zeit. Der wilde Geist, der ihn an den Galgen brachte, blieb ihm bis zum letzten Augenblick. Prahlerische Versicherungen seiner Loyalität und Schimpfreden auf die Whigs wechselten ab mit Abschiedsseufzern, womit er seine Seele der Gnade des Himmels empfahl. Es circulirte ein Gerücht, daß Dangerfield, der ein schöner Mann war und im Rufe der Galanterie stand, von Francis’ Weibe geliebt worden sei, und man behauptete, die Eifersucht habe den verhängnißvollen Schlag geführt. Der dem Tode geweihte Ehemann nahm mit einem halb komischen, halb rührenden Eifer die Ehre seiner Gattin in Schutz. „Sie ist ein tugendhaftes Weib aus einem loyalen Geschlecht“, sagte er, „und wenn sie die Absicht gehabt hätte, ihr eheliches Gelübde zu brechen, so würde sie wenigstens einen Tory und Anhänger der Landeskirche zu ihrem Geliebten gewählt haben.“70
Prozeß gegen Baxter. Zu derselben Zeit betrat ein Angeklagter ganz andrer Art wie Oates und Dangerfield den Gerichtssaal der Kings Bench. Kein hervorragender Parteiführer ist jemals durch lange Jahre bürgerlicher und religiöser Unruhen schuldloser geblieben, als Richard Baxter. Er gehörte der mildesten und gemäßigtsten Klasse der Puritaner an und war noch ein junger Mann, als die Revolution ausbrach. Überzeugt, daß das Recht auf Seiten der Häuser sich befinde, übernahm er unbedenklich die Stelle eines Kaplans bei einem Regimente der Parlamentsarmee, und sein heller und etwas skeptischer Verstand, sowie sein starker Sinn für Gerechtigkeit schützten ihn vor allen Übergriffen. Er ließ es sich angelegen sein, die fanatische Wildheit der Soldaten zu zügeln, und mißbilligte die gewaltthätigen Handlungen des hohen Gerichtshofs. Während der Republik war er verwegen genug, bei vielen Gelegenheiten, und sogar einmal in Cromwell’s Anwesenheit, Liebe und Ehreehrbietung für die alten Staatseinrichtungen des Vaterlandes auszusprechen. Während die königliche Familie in der Verbannung lebte, hielt sich Baxter meistentheils zu Kidderminster auf und lag mit großem Eifer seinen geistlichen Pflichten ob. Er betheiligte sich aufs Angelegentlichste bei der Restauration und wünschte von ganzem Herzen eine Einigung, zwischen den Episcopalen und den Presbyterianern herbeizuführen. Mit einer, für die damalige Zeit seltenen Unbefangenheit betrachtete er die Fragen über die kirchliche Verfassung als von geringerer Bedeutung, als die großen Prinzipien des Christenthums, und hatte selbst damals, als das Prälatenthum von den dominirenden Gewalten am meisten gehaßt war, nicht in das Geschrei gegen die Bischöfe eingestimmt. Der Versuch, die feindlichen Parteien zu versöhnen, mißglückte. Baxter theilte freiwillig sein Schicksal mit dem seiner verbannten Freunde, wies den Bischofshut von Hereford zurück, entsagte der Pfarrei zu Kidderminster und beschäftigte sich nur mit seinen Studien. Seine theologischen Werke, obgleich zu gemäßigt, um den bigotten Anhängern einer der beiden Parteien zu gefallen, hatten einen großen Ruf. Eifernde Männer der Hochkirche nannten ihn einen Rundkopf, und viele Nichtconformisten schimpften ihn einen Erastinianer und Arminianer. Sein redliches Herz aber, so wie die Unbescholtenheit seines Lebens, die Stärke seiner Fähigkeiten und seine bedeutenden Kenntnisse erkannten die rechtlichsten und weisesten Männer jeder Glaubensrichtung an. Trotz der Unterdrückung, welche ihm und seinen Brüdern zu Theil geworden, hatten seine politischen Meinungen die Grenzen der Mäßigung nie überschritten. Er war ein Freund der kleinen Partei, welche die Whigs und die Tories haßten, und versicherte, nicht in die Verdammung der Trimmer einstimmen zu können, wenn er daran dächte, wer es gewesen sei, der die Friedensstifter gesegnet habe.71
In einem Commentar zum neuen Testamente hatte er mit einiger Bitterkeit über die Verfolgung geklagt, der die Dissenters ausgesetzt waren. Daß Männer, die, weil sie das Gebetbuch nicht benutzten, aus ihren Häusern vertrieben, ihres Eigenthums beraubt und in das Gefängniß gebracht wurden, es wagten, ihre Unzufriedenheit darüber kundzugeben, wurde damals als ein schweres Verbrechen gegen Staat und Kirche betrachtet. Roger Lestrange, der Kämpfer für die Regierung und das Orakel der Geistlichkeit, erhob im Observator den Kriegsruf, und es wurde eine Anklage geschmiedet. Baxter bat um eine Frist, seine Vertheidigung vorzubereiten. An demselben Tage, wo Oates im Palasthofe am Pranger stand, kam das berühmte Haupt der Puritaner, niedergedrückt von Alter und Kränklichkeit, nach Westminsterhall, um dieses Gesuch vorzutragen. Jeffreys schäumte vor Wuth. „Nicht eine Minute“, brüllte er, „und kostete es mein Leben. Ich werde mit Heiligen ebenso gut fertig, wie mit Sündern. Dort steht Oates auf einer Seite des Prangers, wenn Baxter auf der andren stände, so würden die zwei größten Halunken des Landes nebeneinander stehen.“
Als der Prozeß in Guildhall begann, war der Gerichtshof angefüllt mit Denen, welche Baxter Liebe und Verehrung zollten. Ihm zur Seite stand Doctor William Bates, einer der vorzüglichsten nonconformistischen Geistlichen. Zwei whiggistische Advokaten von bedeutendem Rufe, Pollexfen und Wallop, erschienen für den Angeklagten. Eben hatte Pollexfen seine Anrede an die Jury begonnen, als der Oberrichter losdonnerte: „Pollexfen, ich kenne Euch sehr gut und will Euch ein Zeichen anhängen, Ihr seid der Beschützer der Faction! Das ist ein alter Schuft, ein schismatischer Halunke, ein heuchelnder Bube! Er ist ein Feind der Liturgie und verlangt nichts als langgedehntes Gewinsel ohne Buch.“ Darauf verdrehte Seine Herrlichkeit die Augen, faltete die Hände und begann in einer Art, welche er für eine Persiflage von Baxter’s Manier zu predigen hielt, durch die Nase zu singen: „Herr, wir sind dein Volk, dein auserwähltes Volk, dein theures Volk!“ Pollexfen machte den Gerichtshof mit Bescheidenheit darauf aufmerksam, daß Seine Majestät, der verstorbene König, Baxter eines Bisthums würdig gehalten habe. „Und was kratzte denn den alten Dummkopf, daß er es nicht annahm?“ schrie Jeffreys. Seine Wuth erreichte jetzt den höchsten Grad, er schimpfte Baxter einen Hund, und schrie, daß es nur ein Act der höchsten Gerechtigkeit sein würde, solch einen Buben durch die Stadt peitschen zu lassen. Jetzt nahm Wallop das Wort, es erging ihm aber nicht besser, als seinem Vorgänger. „Ihr betheiligt Euch bei allen schmutzigen Angelegenheiten, Mr. Wallop“, sagte der Richter, „Gentlemen in der Robe der Rechtsgelehrten sollten sich schämen, solchen revolutionären Schuften ihren Beistand zu gewähren.“ Der Anwalt bemühte sich noch einmal, Gehör zu erlangen, aber vergebens, „Wenn Euch Eure Pflicht unbekannt ist“, rief Jeffreys, „so will ich sie Euch kennen lehren.“
Wallop setzte sich nieder, und jetzt machte Baxter einen Versuch, sich zu vertheidigen, aber der Oberrichter ließ durch einen Strom von schmutzigen und schmähenden Worten, vermischt mit Citaten aus Hudibras, keine vernünftige Vorstellung aufkommen. „Mylord“, sagte der Greis, „die Dissenters haben mir den Vorwurf gemacht, daß ich mit Achtung von den Bischöfen gesprochen.“ „Was?“ schrie der Richter, „Baxter für die Bischöfe? das ist in der That ein köstlicher Einfall! ich verstehe, was Ihr unter Bischöfen versteht, Schufte, wie Ihr selbst, Kidderminster-Bischöfe, revolutionäre, schnüffelnde Presbyterianer!“ Noch einmal bemühte sich Baxter, zu Worte zu kommen, und wiederum schrie Jeffreys. „Richard, Richard, glaubst Du, wir werden Dir erlauben den Hof zu vergiften? Du bist ein alter Schurke, Richard, hast so viel Bücher geschrieben, daß man einen Wagen damit beladen könnte, und jedes Buch ist mit revolutionären Ideen angefüllt, wie ein Ei mit Flüssigkeiten! Bei der Gnade des Himmels, ich will mit Dir fertig werden. Wie ich bemerke, harrt eine große Anzahl Eurer Brüderschaft auf den Ausgang, um zu erfahren, welches Schicksal ihren Meister treffen wird. Und hier ist ein Doctor der Partei an Eurer Seite“, fuhr er fort, indem er mit wilden Blicken Bates betrachtete, „aber beim allmächtigen Gott, Ihr sollt alle der Vernichtung anheimfallen!“
Baxter schwieg, aber einer der jüngeren Advocaten, welchem die Vertheidigung zustand, machte einen letzten Versuch, um den Beweis zu liefern, daß die Worte, auf welche die Anklage gegründet war, die Auslegung nicht gestatteten, welche die Klagschrift angab. Zu diesem Behuf begann er den Inhalt derselben vorzulesen, aber sofort wurde er niebergebrüllt. „Ihr sollt den Gerichtshof in keinen Betsaal verwandeln!“ Als Baxter’s Freunde in lautes Weinen ausbrachen, nannte sie der Richter „blökende Kälber“.
Unter den Entlastungszeugen befanden sich auch mehrere Geistliche der Landeskirche, der Oberrichter aber wollte nichts hören. „Glaubt Eure Herrlichkeit“, fragte Baxter, „daß irgend eine Jury bei einem Verfahren wie das gegenwärtige den Angeklagten für schuldig erklären kann?“ „Das versichere ich Euch, Mr. Baxter“, entgegnete Jeffreys, „tragt keine Sorge darum!“ Jeffreys hatte wahr gesprochen, die Sheriffs waren Werkzeuge der Regierung, die Geschwornen von den Sheriffs aus den eifrigsten Anhängern der Torypartei genommen, und so beriethen sich diese nur wenige Augenblicke und sprachen dann das „Schuldig“ aus. Als Baxter den Gerichtshof verließ, sagte er: „Mylord, es gab einst einen Oberrichter, der ganz anders mit mir umgegangen sein würde!“ Er meinte seinen gelehrten und redlichen Freund, Sir Matthäus Hale. Jeffreys erwiderte: „Es giebt keinen anständigen Mann in England, der in Dir nicht einen Schurken erblicken wird!“72
Das Urtheil war für damalige Zeiten sehr mild. Was bei der Berathung unter den Richtern geschah, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Die Nonconformisten glaubten, und wohl mit Recht, daß der Oberrichter von seinen drei Kollegen überstimmt worden sei. Derselbe soll den Vorschlag gemacht haben, Baxter durch London hin den Staupbesen geben zu lassen. Die Majorität war der Ansicht, daß ein vorzüglicher Geistlicher, dem vor einem Vierteljahrhundert eine Mitra geboten wurde und der jetzt siebzig Jahre zählte, mit Geldbuße und persönlicher Haft hinreichend bestraft sein würde.73
Zusammentritt des schottischen Parlaments. Die Behandlung, welche sich Baxter von einem Richter gefallen lassen mußte, der ein Mitglied des Kabinets war und sich der Gunst des Monarchen erfreute, beweist in nicht zu verkennender Art die Gesinnung, welche zu jener Zeit die Regierung gegen die protestantischen Nonconformisten hegte. Diese Stimmung aber hatte sich schon durch stärkere und entsetzlichere Andeutungen bemerkbar gemacht. Das schottische Parlament war zusammengetreten, Jakob hatte es sich angelegen sein lassen, die Versammlung dieser Körperschaft nach Kräften zu beschleunigen und die Sitzung der englischen Häuser in der Erwartung hinausgeschoben, daß das zu Edinburg gegebene Beispiel in Westminster eine vortheilhafte Wirkung äußern werde. Denn der gesetzgebende Körper im Norden seines Königreichs war so gefügig wie jene bretagnischen und burgundischen Provinzalstände, denen Ludwig XIV. noch immer mit einigen ihrer alten Rechte zu spielen erlaubte. Nur Bischöfliche hatten das Recht, im schottischen Parlamente zu sitzen oder auch nur hinein zu wählen, und in Schottland war ein Bischöflicher immer ein Tory. Von einer derartig constituirten Versammlung war für die Wünsche des Königs keine Opposition zu erwarten, und selbst diese Versammlung konnte ohne vorhergegangene Genehmigung von Seiten eines Ausschusses von Hofleuten kein Gesetz erlassen.
Jedes Verlangen der Regierung wurde ohne Widerspruch gewährt. In finanzieller Beziehung hatte die Freigebigkeit der schottischen Stände allerdings wenig Bedeutung, indeß gaben sie, was in ihren Kräften stand. Sie vereinigten für immer mit der Krone die Zölle, welche dem vorigen König zugestanden und damals auf vierzigtausend Pfund berechnet worden waren. Dann gewährten sie Jakob auf die Dauer seines Lebens eine Erhöhung seines Einkommens von zweihundertsechszehntausend schottischen Pfunden oder so viel wie achtzehntausend Pfund Sterling. Die ganze Summe, welche sie bewilligen konnten, bestand in jährlich etwa sechzigtausend Pfund, nicht viel mehr, als die Einnahme der englischen Schatzkammer in vierzehn Tagen betrug.74
Da wenig Geld zu ihrer Verfügung stand, so ersetzten die Stände diesen Mangel durch loyale Versicherungen und unmenschliche Gesetze. Der König verlangte in einem Schreiben, welches in heftiger Sprache verfaßt war und ihnen bei der Eröffnung der Sitzung vorgelesen wurde, sie möchten darauf bedacht sein, neue Strafgesetze gegen die widerspenstigen Presbyterianer zu beschließen, und bedauerte, daß er durch Geschäfte abgehalten sei, solche persönlich vom Throne aus in Vorschlag zu bringen. Seinen Befehlen wurde gehorcht. Rasch wurde ein von den Ministern der Krone entworfenes Gesetz angenommen, welches selbst unter den Gesetzen des unglücklichen Landes in jener traurigen Zeit an Abscheulichkeit nicht seines Gleichen hat. Es wurde in kurzen nachdrücklichen Worten verordnet, daß Jeder, der bei einer Betversammlung in einem Hause predigen, oder, gleichviel ob als Prediger oder als Zuhörer, an einem Conventikel unter freiem Himmel theilnehmen würde, mit Verlust seines Vermögens und dem Tode bestraft werden solle.75
Gesinnungen Jakob’s gegen die Puritaner. Dieses Gesetz, welches auf Verlangen des Königs von der, seinem Willen gehorsamen Versammlung angenommen wurde, ist einer besonderen Beachtung werth. Unwissende Schriftsteller haben ihn oft als einen zwar unüberlegten und in der Wahl seiner Mittel rücksichtslosen Regenten, zugleich aber auch als einen Fürsten dargestellt, der es sich angelegen sein ließ, den edelsten Zweck eines solchen, die Begründung vollständiger religiöser Freiheit, zu erreichen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß einige Abschnitte in seinem Leben, wenn man sie von den anderen sondert und oberflächlich betrachtet, diese vortheilhafte Meinung von seinem Character zu bestätigen scheinen. Noch als Unterthan war er lange Jahre der Verfolgung ausgesetzt gewesen, und diese hatte ihre gewöhnliche Wirkung auf ihn nicht verfehlt; sein schwacher und beschränkter Geist hatte durch diese harte Schule gewonnen. Als er vom Hofe, der Admiralität und dem Geheimen Rathe ausgeschlossen war, als er sogar Gefahr lief, das Recht der Thronfolge zu verlieren, nur deshalb, weil er mit Überzeugung an die Transsubstantiation und an die Autorität des päpstlichen Stuhles glaubte, machte er so schnelle Fortschritte in den Lehren der Duldung, wie sie Milton und Locke nicht gekannt. Wie könne es ein größeres Unrecht geben, pflegte er zu sagen, als Absichten mit Strafen zu belegen, die blos der That gebührten, und wie unklug würde es sein, tüchtige Kriegsleute, Seemänner, Juristen, Diplomaten und Finanzmänner zurückzuweisen, blos weil sie eine falsche Meinung über die Anzahl der Sakramente und mehrfache Gegenwart der Heiligen hätten. Er wußte die Gemeinplätze auswendig, welche alle Sekten so geläufig wiederholen, wenn sie Verfolgung erdulden, und sofort vergessen, wenn es ihnen möglich wird, Vergeltung auszuüben. Und in der That wußte er seine Lektion so vortrefflich herzusagen, daß Diejenigen, welche ihn zufällig über diesen Gegenstand sprechen hörten, ihm viel mehr Einsicht und Redefertigkeit zutrauten, als er besaß. Seine Versicherungen täuschten einige gutherzige Personen und vielleicht sogar ihn selbst, aber sein Eifer für die Gewissensfreiheit verschwand mit der Herrschaft der Whigpartei. Als das Glück sich wendete und nicht länger zu besorgen war, daß er der Verfolgung Anderer ausgesetzt sein würde, es aber in seiner Macht stand, Andere zu verfolgen, machten sich seine wahren Neigungen bemerklich. Der Haß, den er gegen die puritanischen Sekten hegte, war mannigfaltig: theologisch und politisch, angeerbt und persönlich. Er sah in ihnen Feinde des Himmels, Feinde aller legitimen Gewalt in Staat und Kirche, Feinde seiner Urgroßmutter, seines Großvaters, seiner Eltern, seines Bruders und seiner selbst; er, der sich so bitter über die Gesetze gegen Papisten beklagte, behauptete jetzt, er begreife nicht, wie man die Frechheit haben könne, auf Zurücknahme der den Puritanern entgegenstehenden Verordnungen anzutragen.76 Er, dessen Lieblingsthema die Ungerechtigkeit gewesen war, von Staatsdienern Religionseide zu verlangen, führte während seines Aufenthalts in Schottland dort den strengsten Religionseid ein, den man jemals im Lande gekannt hatte;77 er, der seinen begründeten Unwillen aussprach, als man die Priester seines eigenen Glaubens hängte und viertheilte, hatte, sein Vergnügen daran, das Jammergeschrei der Covenanters zu hören und die schmerzlichen Windungen ihres Körpers anzusehen, indem ihre Kniee in den spanischen Stiefeln zerquetscht wurden.78 In dieser Stimmung bestieg er den Thron, und ohne Zögerung beanspruchte und erhielt er von den unterwürfigen schottischen Ständen als überzeugendsten Beweis ihrer Loyalität das blutigste Gesetz, welches jemals auf unseren Inseln gegen protestantische Nonconformisten erlassen worden ist.
Grausame Behandlung der schottischen Covenanters. Mit diesem Gesetz stand der Geist seiner Verwaltung in vollständigem Einklang. Die grausame Verfolgung, welche während seiner Statthalterschaft in Schottland wüthete, wurde von dem Tage seiner Thronbesteigung an noch heftiger. Diejenigen Grafschaften, in denen die meisten Covenanters lebten, wurden der Zügellosigkeit des Heeres preisgegeben. Unter der Armee befand sich eine Miliz, welche aus den wildesten und verworfensten Subjekten Derjenigen gebildet war, welche sich Episcopalen nannten. Hervorragend unter den Banden, welche diese unglücklichen Distrikte unterdrückten und verwüsteten, waren die Dragoner, welche unter dem Befehle Jakob Graham’s von Claverhouse standen. Man behauptete, daß diese verworfenen Menschen bei ihren Zechgelagen um die Höllenstrafen spielten, und sich unter einander mit den Namen von Teufeln und verdammten Seelen zu benennen pflegten.79 Der Anführer dieser Hölle auf Erden, ein durch Muth und Geschicklichkeit in seinem Berufe ausgezeichneter Soldat, jedoch räuberisch, ruchlos, von heftiger Gemüthsart und Hartherzigkeit, hat einen Namen hinterlassen, der überall auf Erden, wo der schottische Stamm sich angesiedelt hat, mit untilgbarem Hasse genannt wird. Es würde eine nicht zu lösende Aufgabe sein, wollte man alle die Unthaten aufzählen, durch welche dieser Mann und seine Rotte die Landleute des westlichen Niederlandes zur Verzweiflung trieb. Wenige Beispiele mögen hinreichen, und dieselben sollen aus einem Zeitraume von nur zwei Wochen genommen werden, jenen zwei Wochen, in denen auf Jakob’s dringendes Ansuchen das schottische Parlament ein neues Gesetz von unerhörter Strenge gegen die Dissenters erließ.
Johann Brown, ein armer Fuhrmann in Lanarkshire, wurde wegen seiner besonderen Frömmigkeit insgemein der christliche Fuhrmann genannt. Nach vielen Jahren, als Ruhe, Wohlstand und religiöse Freiheit nach Schottland zurückgekehrt waren, schilderten ihn hochbejahrte Leute, die sich jener traurigen Zeit erinnerten, als einen in göttlichen Dingen bewanderten Mann, unbescholten im Leben und so friedfertig, daß die Tyrannen nichts Unrechtes an ihm auffinden konnten, außer daß er den öffentlichen Gottesdienst der Episcopalen nicht besuchte. Am 1. Mai arbeitete er in einer Torfgrube, als er von den Claverhouse’schen Dragonern ergriffen, eilig verhört, der Nonconformität überführt und zum Tode verurtheilt wurde. Selbst unter den Soldaten soll sich keiner zur Vollstreckung des Urtheils haben entschließen können, denn die Frau des unglücklichen Mannes war zugegen. Sie führte ein kleines Kind an der Hand, und man sah, daß sie nahe daran war, ein andres zur Welt zu bringen. Die wilden, herzlosen Menschen, die einander mit den Beinamen Apollyon und Beelzebub belegten, schauderten vor der Ruchlosigkeit zurück, den Mann vor den Augen der Gattin abzuschlachten. Der Gefangene, durch die nahe Aussicht auf die Ewigkeit erhoben, betete laut und inbrünstig wie in Begeisterung, bis Claverhouse in Wuth gerathend ihn niederschoß. Glaubwürdige Zeugen berichteten, daß die Wittwe in ihrem tiefen Schmerze ausrief: „Gut, Herr, gut, der Tag der Rechenschaft wird kommen!“ worauf der Mörder entgegnete: „Was ich gethan, kann ich vor Menschen verantworten, mit Gott will ich schon fertig werden!“ Doch ging die Sage, daß selbst auf sein verhärtetes Gewissen und unmenschliches Herz die Sterbegebete seines Opfers einen Eindruck machten, der sich nimmer verwischen ließ.80
Am 5. Mai wurden zwei Handwerker, Peter Gillies und John Bryce in Ayrshire durch ein Kriegsgericht verurtheilt, welches aus fünfzehn Soldaten zusammengesetzt war. Die Anklage ist noch vorhanden. Man beschuldigte die Gefangenen nicht etwa einer revolutionären Handlung, sondern daß sie denselben verderblichen Lehren huldigten, welche Andere zum Aufruhr veranlaßt hätten, und es nur an Gelegenheit gefehlt habe, ihnen gemäß zu handeln. Das Verfahren war summarisch. Einige Stunden später waren die beiden Angeklagten überführt, gehängt und ihre Leichname in ein Loch unter dem Galgen geworfen.81
Der 11. Mai zeichnete sich durch mehr als ein großes Verbrechen aus. Einige strenge Calvinisten hatten aus der Lehre von der Verwerfung den Schluß gezogen, daß das Gebet für eine Person, welche zur Verdammniß bestimmt wäre, eine Handlung der Auflehnung gegen die ewigen Beschlüsse des Allmächtigen sei. Drei arme Arbeitsleute, welche von diesem herzlosen Glauben tief überzeugt waren, wurden nahe bei Glasgow von einem Offizier verhaftet, und gefragt, ob sie für König Jakob VII. beten wollten. Sie weigerten sich dessen, es wäre denn, daß er zu den Auserwählten gehöre. Eine Abtheilung Musketiere traten vor, die Gefangenen knieten nieder, man verband ihnen die Augen, und eine Stunde nach ihrer Festnehmung leckten die Hunde ihr Blut vom Boden.82
Während sich dieses in Clydesdale ereignete, wurde in Eskdale eine nicht weniger abscheuliche That verübt. Ein geächteter Covenanter hatte, von Krankheit heimgesucht, in dem Hause einer rechtlichen Wittwe Zuflucht gefunden und war daselbst gestorben. Der Laird von Westerhall, ein kleiner Tyrann, der in den Tagen der Covenanters den größten Eifer für die presbyterianische Kirche gezeigt, seit der Restauration aber das Wohlwollen der Regierung durch seinen Abfall erlangt hatte, und gegen die von ihm aufgegebene Partei, wie jeder Abtrünnige, unversöhnlichen Haß fühlte, entdeckte den Leichnam des Verstorbenen. Dieser Mensch ließ das Wohnhaus des armen Weibes niederreißen, ihren Hausrath wegbringen, und indem er sie und ihre Kinder hinaustrieb, um auf den Feldern herumzuirren, schleppte er ihren Sohn Andreas, der fast noch ein Knabe war, vor Claverhouse, welcher gerade damals durch diesen Theil des Landes zog. Claverhouse war eben auffallend mild gesinnt, — Einige versicherten, seit dem vor zehn Tagen geschehenen Morde des christlichen Fuhrmanns wäre er noch nicht wieder zu sich selbst gekommen — aber Westerhall wünschte sehnlichst, einen Beweis von seiner Loyalität zu geben, und erzwang eine ungern gegebene Zustimmung. Die Musketen wurden geladen, und der Jüngling aufgefordert, die Mütze über das Gesicht zu ziehen. Er schlug es ab, und stand mit freiem Blick, die Bibel in der Hand, seinen Mördern gegenüber. „Ich kann Euch offen ins Antlitz blicken“, rief er, „denn ich habe nichts gethan, dessen ich mich schämen müßte. Aber wie wollt Ihr an jenem Tage dreinsehen, wo Ihr nach dem gerichtet werden sollt, was in diesem Buche steht?“ — Er stürzte todt zu Boden und wurde im Moore eingescharrt.83
An demselben Tage wurden zwei Frauen, Margarethe Maclachlan und Margarethe Wilson, erstere eine bejahrte Wittwe, letztere ein Mädchen von achtzehn Jahren, für ihren Glauben in Wigtonshire ermordet. Sie sollten ihr Leben geschenkt erhalten, wenn sie sich entschließen könnten, die Sache der aufrührerischen Covenanters abzuschwören und dem bischöflichen Gottesdienste beizuwohnen. Sie weigerten sich und wurden zum Tode durch Ertränken verurtheilt. Man führte sie an einen Ort, wo der Solway zweimal des Tages seine Ufer überschwemmt, und band sie zwischen den Zeichen des hohen und niederen Wasserstandes an in dem Sande befestigte Pfähle. Die ältere der beiden Dulderinnen wurde in der Erwartung, daß ihre Todesqual die jüngere zum Abfall bewegen möchte, der aufsteigenden Fluth näher gebracht. Der Anblick war grauenhaft, aber der Muth der Überlebenden war von so hoher Begeisterung unterstützt, wie die Geschichte der Märtyrer sie nur zu schildern vermag. Ohne jedes Zeichen von Unruhe sah sie die See herankommen, sie betete und sang Verse aus Psalmen, bis die Wogen ihre Stimme erstickten. Als sie die Bitterkeit des Todes gefühlt, hatte man die grausame Barmherzigkeit, sie loszubinden und wieder zum Leben zu bringen. Nachdem ihr Bewußtsein zurückgekehrt war, flehten sie mitleidige Freunde und Nachbarn an, sich zu fügen. „Liebe Margarethe, sage nur, Gott erhalte den König!“ Das unglückliche Mädchen, ihrem strengen Glauben getreu, wimmerte: „Mag ihn Gott erhalten, wenn es Gottes Wille ist!“ Ihre Freunde drängten sich um den vorsitzenden Offizier. „Sie hat es gesagt, Herr, wahrhaftig, sie hat es gesagt!“ „Wird sie die Abschwörungsformel leisten?“ erkundigte sich der Offizier. „Nimmermehr,“ rief sie aus, „ich bin Christi, laßt mich gehen!“84 — Die Wogen schlugen zum letzten Male über ihr zusammen.
So regierte Schottland ein Fürst, den unwissende Menschen als einen Freund religiöser Freiheit geschildert haben, dessen Unglück es gewesen, zu weise und zu gütig für das Zeitalter zu sein, in welchem er lebte. Ja sogar die Gesetze, welche ihm die Gewalt gaben, in solcher Weise zu regieren, waren nach seiner Ansicht von einer tadelnswerthen Milde. Indem seine Offiziere die Mordscenen verübten, welche eben geschildert wurden, verlangte er von dem schottischen Parlament ein neues Gesetz, mit welchem im Vergleich alle früheren Gesetze barmherzig genannt zu werden verdienen.
So groß auch in England sein Ansehen war, unterlag dasselbe doch einer Beschränkung durch alte, edle Gesetze, deren Übertretung selbst die Tories von ihm nicht ruhig hingenommen haben würden. Hier durfte er nicht Dissenters vor Kriegsgerichte treiben, oder im Rathe das Amüsement haben, sie in den spanischen Stiefeln ohnmächtig niederstürzen zu sehen; hier gab es keine Jungfrauen zu ersäufen, weil sie sich weigerten, die Abschwörungsformel zu leisten, oder arme Landleute niederzuschießen, weil sie in Zweifel waren, ob er einer der Auserwählten sei. Jedoch unterließ er auch in England nicht, die Puritaner, soweit seine Macht reichte, zu verfolgen, bis Ereignisse, welche später erzählt werden sollen, ihn veranlaßten, den Plan zu fassen, Puritaner und Papisten zur Entwürdigung und Beraubung der Landeskirche mit einander zu vereinigen.
Stimmung Jakob’s gegen die Quäker. Eine Sekte der protestantischen Dissenters betrachtete er jedoch selbst in dieser frühen Periode seiner Regierung mit einiger Zuneigung: die Gesellschaft der Freunde. Seine Vorliebe für diese eigenthümliche Brüderschaft ist keinen religiösen Sympathien zuzuschreiben, denn unter Allen, welche an die göttliche Sendung Christi glauben, weichen der römische Katholik und der Quäker am weitesten von einander ab. Es klingt widersinnig, zu behaupten, daß eben dieser Umstand ein Band zwischen dem Katholiken und dem Quäker knüpfte, und doch ist es so, denn sie entfernten sich in entgegengesetzten Richtungen von dem, was die Mehrzahl des Volkes als wahr anerkannt, so weit, daß selbst vorurtheilsfreie Männer in der Regel sie außerhalb der Grenzen der ausgedehntesten Duldung betrachteten. So hatten die zwei extremen Sekten eben dadurch, daß sie extrem waren, ein gemeinsames Interesse, welches sich von dem der dazwischenliegenden Sekten unterschied; auch trugen die Quäker durchaus keine Schuld an dem Unrecht, das Jakob und seinem Hause angethan worden war. Sie bildeten erst dann eine Gemeinschaft, als der Krieg zwischen seinem Vater und dem Langen Parlamente sich zu Ende neigte, und von einigen der revolutionären Regierungen hatten sie sogar grausame Verfolgung ausstehen müssen. Seit der Restauration hatten sie trotz oftmaliger übler Behandlung der königlichen Gewalt sich demüthig gefügt, denn — obgleich aus Vordersätzen schließend, welche die anglikanischen Gottesgelehrten als heterodox ansahen — waren sie gleich diesen zu der Überzeugung gekommen, daß keine übertriebene Tyrannei eines Fürsten den thätigen Widerstand der mißhandelten Unterthanen rechtfertigen könne. Niemals war ein Quäker als Verfasser einer Schmähschrift erfunden worden,85 und nie war ein solcher bei einer Verschwörung gegen die Regierung betheiligt gewesen. Die Gesellschaft hatte sich nicht bei dem Rufe nach der Ausschließungsbill betheiligt, und das Ryehousecomplot als einen höllischen Anschlag und ein Satanswerk feierlich verdammt.86 Die Quäker betheiligten sich in damaliger Zeit wirklich sehr wenig bei bürgerlichen Streitigkeiten, denn sie wohnten nicht, wie zu jetziger Zeit, in großen Städten massenhaft zusammen, sondern trieben fast durchgängig Landbau, aus welcher Beschäftigung sie nach und nach durch die Bedrückungen vertrieben wurden, welche eine Folge ihres seltsamen Bedenkens über die Entrichtung des Zehnten waren. Sie standen daher dem Schauplatze der politischen Streitigkeiten ziemlich fern, auch vermieden sie aus Grundsatz, selbst im häuslichen Leben, jede politische Unterhaltung. Denn dergleichen Gespräche waren ihrer Ansicht nach nicht zuträglich für ihre geistliche Stimmung und hatten störenden Einfluß auf den strengen Gleichmuth ihres Benehmens. Die jährlichen Versammlungen damaliger Zeit warnten die Brüder mehrere Male, Gespräche über Staatsangelegenheiten zu führen.87 Noch jetzt lebende Personen wissen sich zu erinnern, daß jene ernsten Ältesten, welche die Sitten einer vergangenen Generation festgehalten hatten, solche weltliche Reden systematisch zu verhindern suchten.88 Natürlich mußte Jakob einen großen Unterschied machen zwischen diesen friedlichen Leuten und jenen aufgeregten, eifrigen Sekten, welche den Kampf gegen Tyrannei für eine Christenpflicht hielten, in Deutschland, Frankreich und Holland, gegen legitime Fürsten die Waffen ergriffen und vier Generationen hindurch dem Hause Stuart feindlich gegenüber gestanden hatten. Hierzu kam die Möglichkeit, den Katholiken und den Quäkern eine bedeutende Erleichterung zu gewähren, ohne die Bedrückung der puritanischen Sekten zu mildern. Ein damaliges Gesetz belegte Jedermann mit Strafen, welcher auf Verlangen die Ablegung des Supremateides verweigerte. Dieses Gesetz konnte die Presbyterianer, Independenten oder Baptisten nicht berühren, denn diese zeigten sich sämmtlich willig, Gott zum Zeugen aufzurufen, daß sie aller geistlichen Verbindung mit auswärtigen Prälaten und Potentaten sich enthielten; aber der römische Katholik wollte keinen Eid schwören, daß der Papst in England keine Gerichtsbarkeit habe, und der Quäker leistete überhaupt keinen Eid. Andrerseits wurden weder Katholiken noch Quäker von der Fünfmeilen-Acte getroffen, welche unter allen Gesetzen des Gesetzbuchs wohl das drückendste für die puritanischen Nonconformisten war.89