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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zweiter Band

Geschichte von England (continued 5)

Wilhelm Beseler translation

Wilhelm Penn. Die Quäker hatten einen mächtigen und eifrigen Fürsprecher am Hofe. Obgleich sie als Gesellschaft betrachtet mit der Welt wenig in Berührung kamen, und die Staatsangelegenheiten als eine Sache vermieden, die ihre geistlichen Interessen gefährdete, so lebte doch einer der Ihrigen, der sich von den Anderen durch Stellung und Reichthum bedeutend unterschied, in den höchsten Kreisen, und fand bei dem König stets bereitwilliges Gehör. Es war dies der gepriesene Wilhelm Penn. Sein Vater hatte eine hohe Befehlshaberstelle bei der Flotte bekleidet, war Commissar der Admiralität und Parlamentsmitglied gewesen und hatte, nachdem er die Ehre des Ritterschlags empfangen, Aussicht auf eine Peerschaft erlangt. Dem Sohne war eine liberale Erziehung zu Theil geworden, er sollte in Kriegsdienste treten, als er, noch sehr jung, seine Aussichten dadurch trübte und seinen Angehörigen dadurch Kummer verursachte, daß er sich denen anschloß, die man zu jener Zeit allgemein für eine Rotte unsinniger Ketzer hielt. Man hatte ihn bald in den Tower, bald in Newgate eingesperrt, und ihm bei der Old Bailey den Prozeß gemacht, weil er gegen den Willen des Gesetzes Predigten gehalten. Nochmals schloß er jedoch mit seiner Familie Versöhnung, und hatte so mächtigen Schutz zu erlangen gewußt, daß während alle Gefängnisse Englands mit seinen Brüdern angefüllt waren, er es viele Jahre hindurch wagen durfte, seine Meinungen ohne Belästigung auszusprechen. Gegen das Ende der vorigen Regierung hatte man ihn zur Tilgung einer alten Schuld, welche er von der Krone zu fordern hatte, mit ungeheuren Länderstrecken in Nordamerika beliehen, und er forderte seine verfolgten Freunde auf, sich in dieser, blos von indianischen Jägern bewohnten Gegend niederzulassen. Als Jakob zur Regierung gelangte, war die Colonie noch im Entstehen.

Jakob und Penn hatten schon seit langer Zeit eine vertraute Bekanntschaft unterhalten. Der Quäker wurde jetzt ein Hofmann und beinahe ein Günstling. Er wurde täglich aus dem Vorzimmer in das Kabinet gerufen und hatte häufig lange Audienzen, während Peers im Vorzimmer warten mußten, und man behauptete, daß er mehr wirkliche Gewalt zu nützen und zu schaden habe, als viele mit hohen Ämtern beliehene Edelleute. Bald sah er sich von Schmeichlern und Bittstellern umgeben, und in seinem Hause zu Kensington fanden sich, wenn er Morgens das Bett verließ, oft mehr als zweihundert Menschen ein, welche ihm ein Anliegen vorzutragen hatten. Jedoch kam ihm dieses scheinbare Glück theuer zu stehen, seine eigene Sekte behandelte ihn mit Kälte, und lohnte seine Dienste mit Vorwürfen. Man beschuldigte ihn laut, Papist und Jesuit zu sein, Einige behaupteten, er sei zu St. Omer erzogen, Andere er habe in Rom die Ordination empfangen. Obgleich nun diese Verleumdungen nur bei dem kurzsichtigen Haufen Glauben fanden, so waren dieselben doch mit besser begründeten Beschuldigungen verbunden.90

Die volle Wahrheit über Penn auszusprechen ist ein Unternehmen, welches einigen Muth erfordert, indem er mehr eine mythische als eine historische Person ist. Eifersüchtige Nationen und feindliche Sekten haben sich zu seiner Heiligsprechung geeinigt, England nennt mit Stolz seinen Namen, eine mächtige Republik jenseit des atlantischen Ozeans empfindet für ihn eine ähnliche Ehrfurcht, wie sie die Athenienser für Theseus und die Römer für Quirinus füllten. Die ehrenwerthe Gesellschaft, der er angehörte, erblickt in ihm einen Apostel, und fromme Männer andren Glaubens haben ihn in der Regel als ein Muster christlicher Tugenden aufgestellt. Dagegen ist sein Lob auch von Verehrern ganz anderer Art ausgesprochen worden. Die französischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts verziehen ihm das, was sie seine abergläubischen Einbildungen nannten, in Betracht seiner Verachtung der Priester und seines menschenfreundlichen Wohlwollens, das sich ohne Unterschied über alle Stämme und Glaubensformen erstreckte. Deshalb ist sein Name in allen civilisirten Ländern von gleicher Bedeutung mit Redlichkeit und Menschenliebe.

Dieser hohe Ruf ist nicht ganz unverdient. Penn war ohne Zweifel ein Mann von großen Tugenden. Er hatte ein starkes Gefühl für religiöse Pflicht und einen heißen Trieb, das Glück der Menschen zu fördern. Über einige Punkte von hoher Bedeutung besaß er richtigere Ansichten, als zu damaliger Zeit selbst Männer von unbefangenem Geiste sie hegten, und als Besitzer und Gesetzgeber einer Provinz, welche anfänglich fast unbewohnt war und ein weites Feld für moralische Versuche darbot, hatte er das seltene und vorzügliche Glück, seine Theorien ohne Rücksicht auf bereits bestehende Einrichtungen in Ausführung bringen zu können. Er wird stets als der Gründer einer Colonie, der das Übergewicht, welches die Civilisation gewährt, bei seinem Verkehr mit einem wilden Volke, niemals mißbrauchte, sowie als Gesetzgeber, der in einem Zeitalter der Verfolgung religiöse Freiheit zum Grundstein der Staatsverfassung machte, in hohen Ehren bleiben; seine Werke jedoch, wie auch sein Leben beweisen hinreichend, daß er kein Mann von großem Geiste war. Er hatte kein Geschick dazu, die Charactere zu erforschen, und sein Vertrauen zu Leuten, die nicht so tugendhaft waren als er selbst, veranlaßte manchen Irrthum und häufiges Mißgeschick. Sein Enthusiasmus für einen großen Grundsatz ließ ihn oftmals anderen großen Grundsätzen zu nahe treten, gegen die er hatte tiefe Ehrfurcht zeigen sollen, auch hielt seine Rechtlichkeit nicht immer den Versuchungen Stand, denen er in jener glänzenden, feingebildeten, aber völlig sittenlosen Gesellschaft, in der er sich bewegte, ausgesetzt war. Intriguen der Galanterie und des Ehrgeizes erhielten den Hof in beständiger Gährung, der Handel mit Ehren, Ämtern und Begnadigungen wurde ohne Unterbrechung getrieben, es war also natürlich, daß man einen Mann, der täglich im Palaste war und von dem man wußte, daß er täglich Zutritt zum König hatte, häufig anlag, seinen Einfluß für Zwecke geltend zu machen, die eine strenge Moral verwerfen mußte. Die Biederkeit Penn’s hatte der Verleumdung und Verfolgung widerstanden, aber jetzt, angegriffen durch das Lächeln des Königs, den Zauber weiblicher Liebenswürdigkeit, gewinnender Überredungskunst und feiner Schmeichelei gewandter Diplomaten und Hofleute fing seine Festigkeit an zu wanken. Titel und Redensarten, welche er oft gemißbilligt hatte, flossen jetzt bei Gelegenheit von seinen Lippen und aus seiner Feder. Es wäre gut, wenn man ihm nichts Übleres vorwerfen könnte, als daß er sich den Gebräuchen der Welt fügte, aber leider ist nicht in Abrede zu stellen, daß er bei einigen Verhandlungen sehr stark betheiligt war, welche nicht nur von der strengen Moral der Gesellschaft, der er angehörte, sondern überhaupt von dem Rechtlichkeitsgefühl aller unverdorbenen Menschen mit Abscheu betrachtet wurden. Er versicherte späterhin feierlich, daß er sich nie durch unerlaubten Gewinn bereichert, und nie Belohnung von Denjenigen angenommen habe, welche ihm verpflichtet waren, obgleich während der Zeit seines Einflusses am Hofe es ihm leicht gewesen sein würde, sich auf diese Weise hundertzwanzigtausend Pfund zu verschaffen.91 Diese Bereicherung ist nicht in Zweifel zu ziehen, aber Bestechungen lassen sich sowohl der Habgier wie der Eitelkeit anbieten, und es kann nicht geleugnet werden, daß Penn bestimmt wurde, sich bei einigen unverantwortlichen Verhandlungen zu betheiligen, von denen Andere den Gewinn zogen.

Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker. Der erste Gebrauch, den er von seinem Einflusse machte, war sehr lobenswerth. Er schilderte dem neuen König die Leiden der Quäker, und dieser erkannte mit Vergnügen, daß man diesen friedlichen Sektirern und den römischen Katholiken Nachsicht gewähren könne, ohne dieselbe den übrigen Parteien, welche damals noch der Verfolgung ausgesetzt waren, zu Theil werden zu lassen. Es wurde ein Verzeichniß der Personen angefertigt, welche deshalb in Anklagezustand versetzt worden, weil sie die Eide verweigert, oder die Kirche nicht besucht, über deren Loyalität aber die Regierung gültige Zeugnisse empfangen hatte. Diese Leute wurden in Freiheit gesetzt, und befohlen, daß kein ähnliches Verfahren eingeleitet werden solle, bevor der König dazu Belieben tragen würde. Auf diese Art erlangten etwa fünfzehnhundert Quäker und eine noch größere Anzahl Katholiken ihre Freiheit.92

Jetzt war die Zeit herangerückt, wo das englische Parlament zusammentreten mußte. Die Mitglieder des Hauses der Gemeinen, welche nach der Hauptstadt gekommen waren, bildeten eine so große Anzahl, daß man zweifelte, der Sitzungssaal in seiner damaligen Einrichtung würde genügenden Raum zu ihrer Aufnahme darbieten. Sie benutzten die der Eröffnung der Sitzung vorangehenden Tage zu Unterredungen über die öffentlichen Angelegenheiten unter sich und mit den Beauftragten der Regierung. Eine große Zusammenkunft der loyalen Partei fand in dem Wirthshause zur Quelle am Strand statt, und Roger Lestrange, dem der König kürzlich den Ritterschlag ertheilt, und den die Stadt Winchester ins Parlament gewählt hatte, betheiligte sich bei der Leitung ihrer Berathungen.93

Bald stellte es sich heraus, daß ein großer Theil der Gemeinen Absichten hegte, welche mit den Wünschen des Hofes nicht ganz im Einklange standen. Die toryistischen Landedelleute verlangten fast einstimmig die Aufrechterhaltung der Testacte und der Habeas-Corpus-Acte, und einige von ihnen waren der Ansicht, man solle das Einkommen nur auf eine bestimmte Reihe von Jahren gewähren. Sie zeigten jedoch die größte Bereitwilligkeit, strenge Gesetze gegen die Whigs zu erlassen, und sie würden mit Vergnügen gesehen haben, daß man alle Diejenigen, welche die Ausschließungsbill unterstützten, für unfähig erklärte, ein öffentliches Amt zu versehen. Andrerseits wünschte der König vom Parlament ein lebenslängliches Einkommen, die Zulassung der Katholiken zu Ämtern und die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen. Auf diese drei Punkte richtete sich seine Sehnsucht und er fühlte sich keineswegs geneigt, ein Strafgesetz gegen die Ausschließungsmänner als Ersatz anzunehmen. Im Gegentheile, es würde ihm ein derartiges Gesetz nicht angenehm gewesen sein, indem eine Klasse der Ausschließungsmänner bei ihm in hoher Gunst stand, die Klasse, welche Sunderland repräsentirte, und die während der Tage des Complots nur deshalb mit den Whigs gemeinschaftliche Sache machte, weil diese die Herrschaft führten, mit dem Umschwunge des Glücks aber ihre Gesinnungen wechselte. Jakob sah mit Recht in diesen Renegaten die nutzbarsten Werkzeuge, welche zu seiner Verfügung standen. Von den tapferen Kavalieren, welche in trüber Zeit ihm treu zur Seite geblieben, durfte er in seinem Glück keinen sklavischen, gewissenlosen Gehorsam erwarten. Die Männer aber, welche nicht von dem Gefühl für Freiheit oder Religion durchdrungen, sondern nur von selbstsüchtiger Gier und Furcht getrieben, während seiner Machtlosigkeit zu seiner Unterdrückung mitgewirkt hatten, waren die passenden Leute, um von derselben Gier und Furcht geleitet, ihm jetzt, wo er Gewalt hatte, bei der Unterdrückung des Volkes zur Hand zu gehen.94 Obgleich rachsüchtig, machte er doch in der Ausübung seiner Rache einen Unterschied. Es giebt kein einziges Beispiel, wo er ein edelmüthiges Mitleid für Diejenigen an den Tag gelegt hätte, die ihm offenherzig und aus politischen Beweggründen entgegentraten; nicht selten aber verschonte und erhob er Andere, welche aus niedrigen Ursachen ihn beleidigt hatten, denn die Schlechtigkeit, welche sie zu brauchbaren Werkzeugen der Tyrannei stempelte, schätze er hoch genug, daß er selbst dann, wenn sie auf seine eigenen Kosten sich geltend machte, Nachsicht eintreten ließ.

Die Wünsche des Königs wurden auf verschiedenen Wegen den toryistischen Mitgliedern des Unterhauses bekannt gemacht. Die Mehrzahl ließ sich leicht bestimmen, jede Absicht auf ein Strafgesetz gegen die Ausschließungsmänner aufzugeben, und einzuwilligen, daß Se. Majestät das Einkommen auf die Dauer des Lebens erhielt. In Bezug auf die Testacte und Habeas-Corpus-Acte konnten die Geschäftsträger des Hofes keine zufriedenstellende Zusicherung erhalten.95

Zusammenkunft des englischen Parlaments. Am 19. Mai wurde die Sitzung eröffnet. Die Bänke der Gemeinen gewährten einen seltsamen Anblick. Jene mächtige Partei, welche in den drei letzten Parlamenten die Oberhand gehabt, war jetzt zu einer kläglichen Minderzahl zusammengeschmolzen und betrug in der That nicht viel mehr als den fünfzehnten Theil des Hauses. Von den fünfhundertunddreizehn Rittern und Bürgern hatten hundertfünfunddreißig früher diesen Platz eingenommen. Es ist klar, daß eine Versammlung so unerfahrener Neulinge in einigen wichtigen Beziehungen weit unter dem durchschnittlichen Werthe unserer repräsentativen Corporationen stehen mußte.96

Die Leitung des Hauses hatte Jakob zwei Peers des Königreichs Schottland übertragen. Der Eine, Carl Middleton, Earl von Middleton, hatte früher ein hohes Amt in Edinburg bekleidet, war aber kurz vor dem Tode des vorigen Königs im englischen Geheimen Rath vereidigt und zum Staatssekretär ernannt worden; der Andre war Richard Graham, Viscount Preston, welcher lange Zeit den Gesandtschaftsposten in Versailles innegehabt hatte.

Trevor zum Sprecher gewählt. Das erste Geschäft der Gemeinen bestand in der Wahl eines Sprechers. Wer es werden sollte, war eine im Kabinet schon vielfach verhandelte Frage. Guildford hatte Sir Thomas Meres vorgeschlagen, der, wie er selbst, zu den Trimmern gehörte. Jeffreys, der jede Veranlassung benutzte, dem Lord Siegelbewahrer entgegenzutreten, unterstützte mit allen Kräften Sir Johann Trevor. Trevor hatte eine Erziehung, halb als Rabulist, halb als Spieler erhalten, und Gesinnungen und Grundsätze in das politische Leben mit hinübergenommen, welche dieses doppelten Berufes würdig waren. Dabei war er ein Schmarotzer des Oberrichters geworden, und verstand es, gelegentlich den Strafredenstyl seines Gönners mit ziemlichem Glück nachzuahmen. Jeffreys’ Günstling wurde natürlich von Jakob bevorzugt, von Middleton in Vorschlag gebracht und ohne Widerspruch gewählt.97

Seymour’s Character. So weit ging Alles gut, aber ein Widersacher von bedeutendem Muthe wartete seine Zeit ab. Es war dies Eduard Seymour von Berry Pomeroy Castle, Mitglied für die Stadt Exeter. Durch seine Abkunft stand Seymour mit dem vornehmsten Adel Europa’s auf gleicher Stufe. Er war der directe männliche Leibeserbe jenes Herzogs von Somerset, Schwagers Heinrich’s VIII. und Protectors des englischen Reiches. Nach der ursprünglichen Bestimmung der herzoglichen Familie Somerset war der jüngere Sohn des Protectors dem älteren vorgezogen worden, vom jüngeren stammten die Herzöge von Somerset, vom älteren die Familie ab, welche zu Berry Pomeroy wohnte. Seymour besaß ein sehr großes Vermögen und bedeutenden Einfluß im Westen Englands, auch war die Bedeutung, welche ihm Geburt und Reichthum verliehen, nicht die einzige, denn sowohl in der Debatte, wie in den Staatsgeschäften gehörte er zu den vorzüglichsten Männern im Lande. In den vielen Jahren, welche er im Hause der Gemeinen zugebracht, hatte er eine genaue Kenntniß aller Regeln und Herkömmlichkeiten desselben erlangt, und kannte alle Eigenthümlichkeiten desselben von Grund aus. Während der vorigen Regierung hatte man ihn unter Umständen, welche diese Bevorzugung besonders ehrenvoll erscheinen ließen, zum Sprecher erwählt, indem mehrere Menschenalter hindurch nur Rechtsgelehrte auf den Präsidentenstuhl berufen worden waren, und er als der erste Landedelmann, dessen Kenntnisse und Geschick ihn dazu befähigten, diesem alten Herkommen ein Ende machte. Er hatte später hohe Staatsämter bekleidet und einen Sitz im Kabinet inne gehabt, aber sein stolzes und unfügsames Wesen erweckte ihm soviel Widersacher, daß er sich zurückziehen mußte. Als Tory und Hochkirchenmann, welcher zugleich der Ausschließungsbill sich kräftig widersetzt, konnte er sich deshalb mit aller Sicherheit in dem Hause eine Sprache erlauben, für welche jede im Verdacht des Republikanismus stehende Person in den Tower geworfen worden wäre. Lange Zeit war er der Führer einer starken parlamentarischen Verbindung gewesen, welche die „Westliche Allianz“ genannt wurde und viele Gentlemen aus Devonshire, Somersetshire und Cornwall in sich faßte.98

In jedem Hause der Gemeinen wird ein Mann, der neben Rednergabe, Kenntnissen, Geschicklichkeit und Reichthum auch noch von vornehmer Abkunft ist, ein hohes Ansehen genießen; aber in einem Hause der Gemeinen, von welchem die vorzüglichsten Redner und parlamentarischen Tactiker jener Zeit ausgeschlossen und das mit Männern angefüllt war, die niemals eine Debatte angehört hatten, mußte der Einfluß eines solchen Mannes furchtbarer Art sein. Sittlichen Werth besaß Eduard Seymour allerdings nicht, er war liederlich, ruchlos, verdorben, zu stolz, die gewöhnliche Höflichkeit zu zeigen, und doch nicht zu stolz, um unredlichen Gewinn zu verschmähen; dabei aber ein nützlicher Bundesgenosse und gefährlicher Widersacher, so daß ihm oft Diejenigen am meisten schmeichelten, welche die gründlichste Abneigung gegen ihn fühlten.99

Er befand sich jetzt in gereizter Stimmung gegen den Hof. Durch die neue Organisirung der westlichen Burgflecken hatte sein Einfluß an einigen Orten gelitten, durch die Erhebung Trevor’s auf den Stuhl des Präsidenten hatte man seinen Stolz verletzt, und er ergriff bald eine Gelegenheit zur Rache.

Rede des Königs an das Parlament. Am 22. Mai wurden die Gemeinen vor die Schranken des Oberhauses geladen, und der König, auf seinem Throne sitzend, hielt an beide Häuser eine Rede. Er erklärte seinen Entschluß, die bestehende Verfassung in Staat und Kirche aufrecht zu erhalten, aber er beeinträchtigte den Eindruck dieser Erklärung, indem er eine besondere Ermahnung an die Gemeinen erließ. Er hege die Besorgniß, äußerte er, daß sie geneigt wären, ihm das Geld in Zwischenräumen zuzutheilen, um ihn dadurch zu häufigerer Einberufung zu veranlassen; aber er müsse ihnen ein für alle Mal erklären, daß er sich in dieser Art nicht behandeln lassen würde, und daß sie nur bei einem angemessenen Betragen hoffen dürften, häufiger einberufen zu werden. Da es offenbar unmöglich war, daß die Regierung ohne die nothwendigen Geldmittel fortgeführt werden konnte, so besagten diese Worte ganz einfach, daß, wenn sie ihm weniger bewilligten, als sich mit seinen Wünschen vereinigen ließ, er sich das Fehlende nehmen würde. Merkwürdigerweise wurde diese Rede von den Gentlemen der Torypartei mit lauten Acclamationen begrüßt, doch waren solche Zurufe damals nicht ungewöhnlich. Seit langen Jahren hat jetzt das Parlament die ernste und würdige Sitte angenommen, alle Äußerungen, angenehme wie unangenehme, die vom Throne ausgehen, in ehrfurchtsvollem Schweigen anzuhören.100

Es herrschte damals der Gebrauch, daß, nachdem der König in gedrängter Kürze seine Gründe für die Zusammenberufung des Parlaments angegeben hatte, der Minister, dem das große Siegel anvertraut war, dem Hause den Stand der Staatsangelegenheiten ausführlicher auseinandersetzte. Guildford hatte, wie seine Vorgänger, Clarendon, Shaftesbury, Bridgeman und Nottingham zu thun pflegten, eine ausgearbeitete Rede in Bereitschaft, erfuhr jedoch zu seiner großen Demüthigung, daß man seiner Dienste nicht bedurfte.

Debatte bei den Gemeinen. — Rede Seymour’s. Nachdem die Gemeinen in ihr Sitzungslokal zurückgekehrt waren, wurde der Vorschlag gemacht, für die Feststellung des königlichen Einkommens einen Ausschuß zu ernennen. Jetzt erhob sich Seymour. Die Bilder, welche noch von ihm existiren, geben uns eine Vorstellung, wie er dastand, er, das Haupt eines ausschweifenden stolzen Adels, mit den künstlichen Locken, die in modischer Fülle über seine Schultern wallten, und den Ausdruck von Üppigkeit und Verachtung in den Augen und auf den Lippen. Er wünsche nicht, sagte der stolze Kavalier, daß das Parlament der Krone die Mittel zur Führung der Regierung verweigere, aber wäre denn wirklich ein Parlament vorhanden? Befänden sich nicht hier auf diesen Sitzen eine ziemliche Anzahl von Männern, die, wie allgemein bekannt, nicht berechtigt wären, auf diesen Bänken einen Platz einzunehmen, viele Männer, deren Wahl durch Bestechung befleckt. Viele, welche man durch Einschüchterung den widerstrebenden Wählern aufgedrungen, und Viele, deren Wahl von Corporationen vollzogen worden sei, die das Gesetz als bestehend nicht anerkenne? Hatte man nicht Wahlkörper trotz königlicher Freibriefe und uralter Verjährung neugestaltet? und wären nicht überall Wahlbeamte die rücksichtslosen Geschäftsträger des Hofes gewesen? Da er erkenne, daß die Grundlage der Volksvertretung so systematisch angegriffen werde, könne er sich nicht entschließen, die ihn umgebende Menge von Gentlemen mit dem ehrenwerthen Namen eines Hauses der Gemeinen zu bezeichnen, und doch wäre es niemals nöthiger gewesen, als jetzt, wo das öffentliche Wohl es erheischt hätte, daß das Parlament Würde und Ansehen in sich vereinige. Die kirchliche und bürgerliche Verfassung des Landes sei von großen Gefahren bedroht, es sei allgemein bekannt und bedürfe keines Beweises, daß man die Testacte, den Schild der Religion, und die Habeas-Corpus-Acte, den Schild der bürgerlichen Freiheit, der Vernichtung anheim geben wolle. Ehe wir zur Verhandlung über Fragen von so bedeutender Wichtigkeit übergehen, wollen wir uns wenigstens Gewißheit verschaffen, ob wir in der That eine gesetzgebende Versammlung sind. Beginnen wir daher mit der Untersuchung, in welcher Art und Weise die Wahlen stattgefunden haben, und laßt uns aufmerksam sein, daß diese Prüfung völlig unparteiisch bleibe. Denn wenn das Volk zu der Überzeugung gelangt, daß keine Abhülfe auf friedlichem Wege erreicht werden kann, dann dürfte vielleicht bald an uns die Gerechtigkeit vollstreckt werden, welche gegen Andere auszuüben wir Bedenken tragen. Er schloß mit dem Antrage, daß noch vor jeder Geldbewilligung das Haus Petitionen gegen die Wahlen in Erwägung ziehen, und daß kein Mitglied, dessen Wahl angefochten werde, stimmfähig sein solle.

Aber kein Zuruf ertönte, nicht ein Mitglied hatte die Kühnheit, den Antrag zu unterstützen. Seymour hatte in der That viel gesagt, was kein Andrer ungestraft hätte sagen dürfen. Der Antrag fiel durch und wurde nicht einmal in das Protokoll aufgenommen, machte aber einen außerordentlichen Eindruck. Barillon schrieb seinem Monarchen, daß Viele, die es nicht gewagt, diese merkwürdige Rede zu unterstützen, sie vollkommen gebilligt hätten, daß sie das Tagesgespräch in London bilde und daß der Eindruck, die sie auf die öffentliche Meinung ausgeübt, ein bleibender sein werde.101

Bewilligung des Einkommens. Die Gemeinen bildeten unverzüglich einen Ausschuß und bewilligten dem König auf die Dauer seines Lebens das ganze Einkommen, welches sein Bruder genossen hatte.102

Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion. Die eifrigen Hochkirchenmänner, aus denen die Majorität des Hauses bestand, scheinen die Ansicht gehabt zu haben, daß die Schnelligkeit, mit der sie dem Wunsche Jakob’s hinsichtlich seines Einkommens nachkamen, ihnen Berechtigung auf einige Zugeständnisse auch von seiner Seite gebe. Sie sagten, es sei viel zu seiner Zufriedenstellung gethan worden, man müsse nun auch etwas thun, um die Nation zu befriedigen. Das Haus verwandelte sich daher in einen Ausschuß für Religionsangelegenheiten, um die besten Mittel zur Sicherheit der Kirchenverfassung in Erwägung zu ziehen. In diesem Ausschusse wurden einstimmig zwei Beschlüsse angenommen: der eine sprach feurige Anhänglichkeit an die Kirche von England aus, der andre forderte den König auf, die Strafgesetze gegen alle Personen, welche nicht zu dieser Kirche gehörten, in Anwendung zu bringen.103

Die Whigs würden es gewiß am liebsten gesehen haben, wenn man die protestantischen Dissenters duldete und nur die Katholiken der Verfolgung aussetzte, aber die Whigs bildeten jetzt eine kleine, entmuthigte Minderheit. Sie machten sich daher so wenig als möglich bemerkbar, gaben ihren Parteinamen auf, hüteten sich, ihre besonderen Ansichten einem feindseligen Zuhörerkreise aufzudrängen, und bemühten sich, jeden Vorschlag zu unterstützen, der die Eintracht, welche bisher noch zwischen dem Parlamente und dem Hofe bestand, zu stören geeignet war.

Als der König die Verhandlungen des Religionsausschusses in Whitehall erfuhr, gerieth er in heftigen Zorn, auch ist er mit Recht nicht zu tadeln, daß ihn das Verhalten der Tories beleidigte. Hatten sie die Absicht, an der strengen Ausführung der Strafgesetze festzuhalten, so mußten sie unbedingt die Ausschließungsbill unterstützen, denn einen Katholiken auf den Thron erheben und dann verlangen, daß er die Lehrer des Glaubens, in welchem nach seiner Ansicht einzig das Heil der Seele zu erstreben sei, auf den Tod verfolgen solle, wäre ein offenbarer Unsinn gewesen. Milderte der König durch eine weniger strenge Verwaltung die Härte der blutigen Gesetze Elisabeth’s, so trat er keinem verfassungsmäßigen Grundsatze zu nahe, sondern bediente sich nur einer Gewalt, welche stets der Krone zugestanden war; ja er that nichts weiter, als was späterhin eine Reihe von Souverainen, welche mit großem Eifer den Lehren der Reformation huldigten, wie Wilhelm, Anna und die Fürsten des Hauses Braunschweig, gethan haben. Hätte er gestattet, daß katholische Geistliche, deren Leben er ohne Verletzung der Gesetze retten konnte, gehängt, geschleift und geviertheilt wurden, weil ihre Handlungen ihren geistlichen Pflichten entsprachen, so würden selbst Diejenigen ihn mit Haß und Abscheu betrachtet haben, deren Vorurtheilen er dieses verwerfliche Zugeständniß machte, und hätte es ihm genügt, den Mitgliedern seiner eigenen Kirche eine ausgedehnte Duldung zu Theil werden zu lassen, so würde die Nachwelt ihn deshalb einstimmig gepriesen haben.

Die Gemeinen erkannten vermuthlich bei ruhigerem Nachdenken über die Sache, daß sie sich eine widersinnige Handlungsweise hatten zu Schulden kommen lassen, und es erregte ihre Besorgniß, als sie hörten, daß der König, dem sie eine abergläubische Verehrung zollten, sehr erbittert sei. Sie ließen es sich daher angelegen sein, ihre Fehler wieder gut zu machen, verwarfen im Hause einstimmig den Antrag, den sie im Ausschuß einstimmig angenommen hatten, und faßten einen Beschluß des Inhalts, daß sie sich mit vollständigem Vertrauen auf Sr. Majestät Versprechen verließen, die Religion in Schutz zu nehmen, welche ihnen theurer sei als selbst das Leben.104

Bewilligung nachträglicher Steuern. Drei Tage nachher zeigte der König dem Hause an, daß sein Bruder einige Schulden hinterlassen habe und die Vorräthe der Flotte und der Artillerie ziemlich erschöpft seien. Es wurde sofort der Entschluß gefaßt, neue Steuern aufzulegen. Die Person, welcher der Auftrag wurde, Mittel und Wege ausfindig zu machen, war Sir Dudley North, jüngerer Bruder des Lord Siegelbewahrers.

Sir Dudley North. Dudley North war einer der befähigtsten Männer seiner Zeit. In seiner Jugend hatte man ihn nach der Levante gesandt, wo er sich lange mit kaufmännischen Unternehmungen beschäftigt hatte. Die meisten Menschen würden in dieser Lage ihre Fähigkeiten haben einrosten lassen, da es in Smyrna und Konstantinopel an Büchern und gebildetem Umgange fehlte, aber der jugendliche Geschäftsführer besaß einen starken Geist, der von äußeren Hülfsmitteln unabhängig war. In seiner Einsamkeit gab er sich tiefem Nachsinnen über die Philosophie des Handels hin und schuf sich nach und nach eine Theorie, im Allgemeinen derjenigen gleich, welche hundert Jahre später Adam Smith entwickelte. Nach vieljähriger Abwesenheit von der Heimath kehrte Dudley North mit großen Reichthümern nach England zurück und gründete in der City von London ein Handelsgeschäft nach der Türkei. Seine ausgedehnte theoretische wie praktische Kenntniß des Handels und die klare, lebhafte Auseinandersetzung seiner Ansichten lenkte bald die Aufmerksamkeit der Staatsmänner auf seine Person. Die Regierung entdeckte in ihm einen erleuchteten Rathgeber und gewissenlosen Diener, denn neben seinen außerordentlichen geistigen Vorzügen besaß er weder Character noch ein fühlendes Herz. Als die toryistische Reaction in vollem Gange war, ließ er sich zum Sheriff ernennen, lediglich zu dem Zwecke, dem Hofe bei seiner Rache behülflich zu sein. Seine Geschwornen verabsäumten niemals das „Schuldig“ auszusprechen, und an dem Tage einer gerichtlichen Metzelei wurden zum Entsetzen seiner Gemahlin Karren, auf welchen die Glieder geviertheilter Whigs lagen, vor seinen Palast in Basinghall Street zu weiterer Bestimmung aufgefahren. Der Lohn für seine Dienste bestand in der Ehre des Ritterschlags, einem Aldermans-Mantel und dem Amte eines Zollcommissars. Er war als Abgeordneter für Banbury ins Parlament getreten, und obgleich ein neues Mitglied, hatte doch auf ihn der Lord Schatzmeister rücksichtlich der Leitung der Finanzgeschäfte im Unterhause hauptsächlich sein Vertrauen gesetzt.105

Obgleich die Gemeinen den einmüthigen Entschluß gefaßt hatten, der Krone weitere Geldmittel zu bewilligen, so waren sie doch noch durchaus nicht über die Quellen einig, aus denen dieselben geschöpft werden sollten. Man beschloß alsbald, daß ein Theil des nöthigen Geldes durch eine Erhöhung des Zolles auf Wein und Essig, auf acht Jahre hinaus, aufgebracht würde; das war aber nicht ausreichend. Verschiedene unsinnige Vorschläge wurden gemacht. Viele Landedelleute empfahlen, eine bedeutende Steuer auf alle Neubauten der Hauptstadt zu legen. Hierdurch hoffte man der Vergrößerung einer Stadt hemmend entgegenzutreten, deren Wachsthum schon seit längerer Zeit von der ländlichen Aristokratie mit Eifersucht und Abneigung betrachtet wurde. Dudley North’s Plan ging dahin, daß man Zusatzzölle auf Zucker und Tabak acht Jahre hindurch legen solle; darüber entstand aber ein großes Geschrei. Verkäufer von Colonialwaaren, Zuckerbäcker und Tabakshändler richteten Bittgesuche an das Haus und belagerten die Behörden. Die Bewohner Bristol’s, welche mit Jamaika und Virginien in ausgedehnten Handelsverbindungen standen, sandten eine Deputation, welche an den Schranken der Gemeinen gehört wurde. Rochester war einen Augenblick betroffen, aber North’s rascher Verstand und vollkommene Handelskenntniß beseitigten, im Schatzamt wie im Parlament, jeden Widerspruch. Die alten Mitglieder sahen mit Verwunderung, wie ein Mann, der kaum vierzehn Tage im Hause saß und sein Leben größtentheils in fernen Ländern zugebracht, alle Verrichtungen eines Kanzlers der Schatzkammer mit größter Zuversicht und Geschicklichkeit übernahm und befolgte.106

Sein Plan ging durch und die Krone kam in Besitz eines aus England allein hervorgehenden Einkommens von einer Million und neunhunderttausend Pfund. Ein solches Einkommen genügte damals vollkommen zur Bestreitung der Regierungskosten in Friedenszeit.107

Verhandlungen der Lords. Während dem waren bei den Lords mehrere wichtige Fragen zur Erörterung gekommen. Die Torypartei war unter den Peers stets stark vertreten gewesen, zu ihr gehörte die Bank der Bischöfe, und in den letzten vier Jahren nach der vorigen Auflösung hatte sie durch einige neue Ernennungen bedeutende Verstärkung erlangt. Von den neun Peers waren die hervorragendsten der Lord Schatzmeister Rochester, der Lord Siegelbewahrer Guildford, der Lord Oberrichter Jeffreys und Lord Churchill, der nach seiner Rückkehr von Versailles zum englischen Baron ernannt worden war.

Die Peers zogen sehr bald die Sache von vier Mitgliedern ihrer Körperschaft, welche unter der vorigen Regierung in Anklage versetzt, niemals aber gerichtet und nach kurzer Haft von dem Gerichtshof der Kings Bench gegen Bürgschaft freigelassen worden waren, zur Verhandlung. Drei dieser angeklagten Peers, welche auf Verlangen sich dem Gerichtshof zu stellen hatten, waren katholischen Glaubens, der vierte ein Protestant von großem Ansehen und Einfluß, der Earl von Danby. Nach seinem Falle und der Anklage der Gemeinen gegen ihn auf Hochverrath waren vier Parlamente aufgelöst, er aber weder freigesprochen, noch verurtheilt worden. 1679 hatten die Lords mit Rücksicht auf seine Lage in Erwägung gezogen, ob eine Anklage durch Auflösung des Parlaments erlösche oder nicht, und nach langer Debatte und genauer Prüfung der Vorgänge entschieden, daß die Anklage noch anhängig sei. Diese Entscheidung wurde jetzt verworfen, obgleich mehrere whiggistische Mitglieder einen erfolglosen Versuch machten, dagegen zu protestiren. Die Gemeinen beruhigten sich ohne Widerspruch bei der Entscheidung des Oberhauses, Danby nahm seinen Sitz unter den Peers ein und wurde ein thätiges und einflußreiches Mitglied der Torypartei.108

Die Verfassungsfrage, über welche die Lords in dem kurzen Zeitraume von sechs Jahren zweimal in entgegengesetztem Sinne entschieden hatten, ruhte länger als ein Jahrhundert und wurde zuletzt durch die Parlamentsauflösung, welche während der Dauer des langen Prozesses von Warren Hastings eintrat, wieder in Anregung gebracht. Es war damals nöthig, zu entscheiden, ob die 1679 aufgestellte oder die im Jahre 1685 geschaffene, ersterer entgegenlaufende Regel als Gesetz des Lande zu betrachten sei. Es wurde in beiden Häusern lange über diesen Punkt debattirt, wobei sich die vorzüglichsten juristischen und parlamentarischen Kräfte, an denen jenes Zeitalter überaus reich war, betheiligten. Die Juristen waren nicht ungleich getheilt. Thurlow, Kenyon, Scott und Erskine stellten die Behauptung auf, daß die Auflösung die Anklage aufhebe; die entgegengesetzte Meinung vertheidigten Mansfield, Camden, Loughborough und Grant. Unter denjenigen Staatsmännern aber, welche ihre Beweisgründe nicht auf Vorgänge und technische Analogien, sondern auf tiefe und klare verfassungsmäßige Grundsätze stützten, bestand wenig Meinungsverschiedenheit. Pitt und Grenville, sowie Burke und Fox waren der Ansicht, das die Anklage noch immer gültig sei. Beide Häuser verwarfen mit großer Majorität die Entscheidung von 1685 und erklärten die von 1679 für übereinstimmend mit den Gesetzen des Parlaments.

Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford’s. Von den Nationalverbrechen, welche während der Herrschaft des panischen Schreckens, hervorgerufen durch die Lügen des Oates, begangen worden waren, nahm der Justizmord Stafford’s die erste Stelle ein. Alle unparteiischen Männer sahen jetzt in der Verurtheilung des unglücklichen Edelmanns ein schweres Unrecht. Dem Hauptzeugen für seine Schuld hatte man eine Reihe der niederträchtigsten Meineide nachgewiesen, und unter solchen Verhältnissen war es die Pflicht der gesetzgebenden Versammlung, dem Andenken eines schuldlos Hingeopferten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und einen unverdienten Flecken von einem Namen zu tilgen, der so lange in den Jahrbüchern unsres Vaterlandes geglänzt hat. Eine Bill auf Umstoßung der Verurtheilung Stafford’s ging im Oberhause durch, trotz des Murrens einiger Peers, denen es unangenehm war, zugestehen zu müssen, daß sie unschuldiges Blut vergießen halfen. Im Unterhause wurde die Bill zweimal ohne Abstimmung verlesen und dann an den Ausschuß verwiesen, an dem Tage aber, welcher für diesen Ausschuß bestimmt war, kam die Kunde, daß im Westen Englands ein furchtbarer Aufstand ausgebrochen sei. Hieraus entstand die Nothwendigkeit, viele wichtige Geschäfte zu verschieben. Die Genugthuung, welche man dem Andenken Stafford’s schuldig war, wurde, wie man glaubte, nur auf kurze Zeit hinausgeschoben, aber die fehlerhafte Regierung Jakob’s veränderte in wenigen Monaten den Standpunkt der öffentlichen Stimmung vollkommen. Mehrere Menschenalter hindurch waren die Katholiken nicht in der Lage, Genugthuung für erlittene Ungerechtigkeiten zu verlangen, und waren völlig zufrieden, wenn man sie unbeschwert in Schweigen und Dunkelheit leben ließ. Endlich, unter der Regierung Georg’s IV., mehr als hundertvierzig Jahre nach dem Tage, wo Stafford’s Blut den Boden von Towerhill färbte, wurde die lang verschobene Sühne gewährt. Ein Gesetz, welches die Verurtheilung für nichtig erklärte und die schwergekränkte Familie in ihre alten Würden einsetzte, wurde von den Ministern der Krone dem Parlamente vorgelegt, von den Männern aller Parteien freudig begrüßt und ohne eine widersprechende Stimme angenommen.109

Es ist jetzt nothwendig, daß ich die Veranlassung und den Fortschritt des Aufstandes verfolge, durch den die Berathung der Häuser plötzlich unterbrochen wurde.

Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.

Notes in this chapter

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