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Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Paul Verlaine

Joseph Jaffé translation

Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

1844-1896

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An Eugen Carrière

Die alten Weisen, die wahrhaftig viel mehr wert Als die von heute, meinten — noch nicht ganz geklärt Ist dieser Punkt — ein jedes Menschenschicksal hätte Zum Leiter seinen Stern, dem es mit einer Kette Verbunden. Diese Ansicht hat man oft verlacht Und dabei, wie gewöhnlich, nicht daran gedacht, Daß Lachen nur beirrt, ein Merkmal stets des Toren! Dem Menschen, der im Zeichen des Saturn geboren, Ihm kündet dieser gelblich strahlende Planet, — Wie es schon in der Nekromanten Büchern steht — Ein vollgerüttelt Maß von Unglück und von Galle. Die Phantasie ist seine Herrscherin, zu Falle Kommt die Vernunft, die sie mit Listen tötlich trifft, In seinen Adern wird das Blut zu heißem Gift, Wie Lava brennt der Strom, die Ideale stumpfen Sich in der Schwüle ab, bis sie zusammen schrumpfen. So dulden des Saturnus Kinder, bis zuletzt Sie sterben — daß wir sterblich sind, vorausgesetzt. — Was sie erstreben, was sie hoffen und beginnen, Nie können ihrem bösen Sterne sie entrinnen.

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Nevermore

Erinnerung, warum steigst du aus dunkelm Schachte ....? Es war im späten Herbst, die letzte Drossel machte Sich auf den Weg gen Süd, ein stiller Lichtstrahl brachte Dem Walde Trost, dess’ kahl Geäst im Sturme krachte. Wir gingen ganz allein, ein traumversunken Paar, Mit den Gedanken flatterte im Wind das Haar, Da blickte sie mich an, so tief und groß und wahr: „Was war dein schönster Tag?“ vernahm ich golden klar. Ein Laut von Engeln, die durch lichte Sphären schweben! Ein stilles Lächeln nur hat Antwort ihr gegeben, In Demut stumm hab ich geküßt die weiße Hand. O Blütenpracht, o Mai, wie ist dein Duft berauschend, O höchstes Glück, das je ein Menschenherz empfand, Das erste Ja aus dem geliebten Mund erlauschend.

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Drei Jahre später

Und wieder bin durchs enge Pförtchen ich gegangen, Im kleinen Garten wandle still ich wie zuvor, Die Morgensonne küßt den bunten Blumenflor, Darin des Taus verlorene Silbertropfen hangen. Es ist noch ganz wie einst. Die weinumrankten Stangen, Die Laube mit dem Tisch, die Stühle drum von Rohr, Des Springbronns Wasser murmeln leise wie zuvor Die ewige Klage, die sie dazumal schon sangen. Ich kenne jede einzige Lerche, die hier fliegt, Die Rosen zittern immer noch, vom Wind gewiegt, Der durch das Geißblatt rauscht, das in die Höhe klettert; Dort hinten steht die alte Velleda sogar, Der Gips ist nur ein wenig mehr noch abgeblättert, Und die Reseden duften noch — —, ganz wie es war.

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Sentimentaler Spaziergang

Die allerletzten Sonnenstrahlen kosen Mit winddurchhauchten bleichen Wasserrosen, Mit großen Wasserrosen, die im Rohr So traurig leuchten aus dem See hervor. Allein mit meinem Schmerz will dort ich gehen, Wo längs des Ufers stille Weiden stehen, Wo hinterm Nebelvorhang riesengroß Gespenster schwanken, grau und hoffnungslos, Die schwerer Last erliegend qualvoll ächzen, Die flügelschlagend mit einander krächzen. Dort bei den Weiden sind wir ganz allein, Ich und mein Schmerz. Schon hüllt die Dämmerung ein Mit ihrem dichten Leichentuch das Kosen Der müden Strahlen und der Wasserrosen, Der großen Wasserrosen, die im Rohr So traurig leuchten aus dem See hervor.

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Herbstlied

Ein Schluchzen klingt, Der Herbst er singt Seine Lieder; Mein Herz ist bang, Der müde Sang Drückt es nieder. Die Uhr schlägt, gleich Wird alles bleich, Farblos scheinen; Einst war ich jung, Erinnerung Läßt mich weinen. Aus meinem Haus Muß ich hinaus, Wind und Wetter Treibt mich umher, Mich und noch mehr Tote Blätter.

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E
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Schäferstunde

Rot glänzt der Mond, der tief am Himmel steht, Die Wolken ziehn dahin, im Nebelschleier Träumt schon das Tal, das Froschkonzert im Weiher Schallt aus dem Schilf, durch das ein Windhauch weht. Die Wasserblumen schließen sich, die feuchten, Vom Horizonte hebt sich das Profil Der leicht umrissnen Pappel wie ein Spiel, Indes die Käfer durch die Büsche leuchten. Das Käuzchen ist aus seinem Schlaf erwacht, Auf trägem Fittich rudert’s durch das Dunkel, In ferner Wetter zuckendem Gefunkel Steigt Venus hell empor. Das ist die Nacht.

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R
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Mondschein

Ein seltsam Bild ist deiner Seele Grund, Das Spiel der Masken kann ich unterscheiden, Die dort den Reigen schreiten, doch wie bunt Das Kleid auch ist, es täuscht mich nicht, sie leiden. Zur Laute singen sie ein Lied in Moll Von Amors Sieg, ein Lied zu seinem Preise, Des frohen Glaubens scheinen sie nicht voll, Der Silbermondschein trinkt die zarte Weise, Der stille Mondschein, welcher im Geäst Die Vögel schaukelt, die dort müde träumen, Der schlanke Wasserstrahlen schluchzen läßt, Die trunken aus dem Marmorbecken schäumen.

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Auf dem Spaziergang

Dem bleichen Himmel und den dürren Zweigen Sind unsere hellen Kleider nur zum Spott, Die mit vergnügten Mienen keck und flott Sich bauschen und sich leicht beflügelt zeigen. Des Windes Atem kräuselt still den Teich, Der Sonne zarter Strahl fällt durch die Linden, Die Schatten werden schwächer und sie schwinden Im fahlen Licht ersterbend blau und bleich. Wir losen Schönen, wir geschmeidigen Ritter, Mit Herzen, zärtlich zwar, doch niemals treu, Wir plaudern und wir scherzen ohne Scheu, Und unsere Liebe ist nur Tand und Flitter. Es fällt wohl auch einmal von Zeit zu Zeit Ein leichter Schlag zur Abwehr, darauf müssen Die Herren schnell den kleinen Finger küssen, Ganz vorn am letzten Glied. Geht man zu weit, Dann wehe! wehe! dann ist’s kein Vergnügen, Dann zuckt ein Blick, vernichtend, scharf und kalt, Jedoch das kleine Mäulchen straft gar bald In gnadenreicher Huld das Auge Lügen.

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Ein Aufzug

Possierlich muß und höchst galant Ein Affe vor der Dame schreiten, Ein Spitzentüchlein läßt sie gleiten Durch ihre wohlgepflegte Hand. Stolz trägt der Schleppe leichte Bürde Ein kleiner Neger, ganz in rot; Wo nur ein falsches Fältchen droht, Wehrt er mit Eifer und voll Würde. Der Affe hat sich umgedreht, Den weißen Hals frech anzustieren, Der Torso müßte Götter zieren, Den dieser stolze Hals verrät. Der Neger hebt die Schleppe höher, Als es erlaubt, schlau gibt er Acht Auf Dinge, die in stiller Nacht Der Traum ihm zeigt, der lose Späher. Die Treppe aufwärts schreitet sie, Es kann sie weiter nicht erregen, Was an Bewunderung entgegen Der Herrin bringt das liebe Vieh.

P
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Der Faun

Ein alter Faun grinst mit Behagen Im Park uns an. Es prophezeit Ein Ende voller Traurigkeit Der dreiste Wicht den heitern Tagen, Die dich und mich hierher geleitet. Wir zweifeln in Melancholie Auf unserm Pilgerweg ja nie, Daß trotz des Lärms die Zeit entgleitet.

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Halblaut

Tiefer Waldesschatten hält Jetzt im Dunkel Moos und Strauch, Tiefer Waldesschatten fällt Jetzt auf unsere Liebe auch. Und die Seele und der Sinn Und das Herz, es bebt und lauscht, Gibt sich müdem Traume hin, Der im Pinienwipfel rauscht. Schließe deine Augen halb, Hemme der Gedanken Lauf, Schüttle von der Brust den Alb, Höre ganz zu denken auf. Leise wiegt vom Wind durchhaucht Grüner Teppich unsern Schritt, Meine bange Seele taucht Still ins Nichts, sie wiegt sich mit. Steigt der Abendstern empor, Mahnt der Nachtigallen Schlag Mich an das, was ich verlor, An der Hoffnung letzten Tag.

T
T
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Sentimentales Zwiegespräch

Der alte Park liegt schweigend da, nur zwei Gestalten schleichen schemenhaft vorbei Mit toten Augen, schlaffen, müden Fratzen, Kaum hört man, was die beiden leise schwatzen. Der alte Park liegt schweigend da, die zwei, Herauf beschwören sie, was längst vorbei. Besinnst du dich der Zeit voll süßer Minne? ... Weshalb verlangst du, daß ich mich besinne? — Schlägt noch dein treues Herz für mich allein? Siehst du mich noch im Traum? So sprich doch! .... Nein. — Ach, unser Glück erschien uns fast unsäglich, Und wie wir wild uns küßten ...! Das ist möglich. — Wie war die Hoffnung groß, der Himmel blau! ... Die Hoffnung ist entflohn, der Himmel grau. — Gegangen sind sie ganz wie sie gekommen, Die Nacht allein hat ihr Geschwätz vernommen.

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Frau und Katze

Die Katze — nein, die Dame drohte, Oft sieht man sowas, glaub ich, nicht. Die weiße Hand, die weiße Pfote, Sie neckten sich im Dämmerlicht. Die eine barg — ha, die Verdammte, Verdammt sei alle Zeit ihr Witz — In ihres Ärmels dunkelm Samte Die langen Nägel scharf und spitz, Die andere wollte gern gefallen; Da eingezogen sie die Krallen, Verlor der Teufel wirklich nichts. Er lachte, denn er sah im Dunkeln, Wie Flackern eines fahlen Lichts, Vier gelbe Phosphorflecke funkeln.

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Serenade

O Herrin, hör mein Lied! ein Toter singt, Längst liegt er im Grabe, Es krächzt die Stimme, die das Ständchen bringt, Wie ein heiserer Rabe. Die Seele öffne, öffne auch das Ohr, Lausche meiner Zither, Das Lied ist dein, nur dir trag ich es vor, Süß klingt es und bitter. Dein Auge preis ich und das Gold des Blicks, Seine Pracht, die klare, Die Lethe deines Busens und den Styx Deiner dunkeln Haare. O Herrin, hör mein Lied, ein Toter singt, Längst liegt er im Grabe, Es krächzt die Stimme, die das Ständchen bringt, Wie ein heiserer Rabe. Gesegnet sei dein Fleisch, wie sich’s gebührt, Auch der Duft des Leibes, Hab schlaflos manche Nacht ihn noch gespürt, Diesen Duft des Weibes. Und jetzt besing ich noch zum guten Schluß Deine blasse Wange, Die heißen roten Lippen und den Kuß, Engel du, du Schlange. Die Seele öffne, öffne auch das Ohr, Lausche meiner Zither, Das Lied ist dein, nur dir trag ich es vor, Süß klingt es und bitter.

O
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Çavitri

Maha-Barata.

Einst schwor Çavitri, um zu retten den Gemahl, Daß sie drei ganze Nächte und drei ganze Tage, Wie es Vyaça ihr befohlen, ohne Klage Sich unbeweglich halten wolle wie ein Pfahl. Nicht hat Curyas sengend heiße Mittagsglut, Nicht hat der schlaffe Traum, der in der Nächte Mitte Auf Tschandras Wink erscheint mit geisterhaftem Schritte, Den festen Willen ihr bezwungen und den Mut. Ob uns Vergessenheit zum bittern Lose fiel, Ob schwarzer Neid und Mißgunst uns umtosen täglich, Wir harren gleich Çavitri stumm und unbeweglich, Steht vor der Seele uns, wie ihr, ein hohes Ziel.

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Guter Sang

I.

Ah dein letzter Funken schillernd, Bleicher Morgenstern, verglüht, Schmettern trillernd Tausend Lerchen schon ihr Lied. Strahle einmal noch hernieder Und vergiß den Sänger nicht, Das Gefieder Reckt der Fink empor zum Licht. Strahlst dem Morgenrot entgegen, Das die Erde bald erhellt, Froher Segen Wogt im reifen Ährenfeld. Strahle mild auf meine Sorgen, Mir auch lacht des Himmels Blau, Durch den Morgen Blitzt der silberhelle Tau. Noch ist aus den süßen Träumen Die Geliebte nicht erwacht, Darfst nicht säumen, Sieh, die goldne Sonne lacht.

A
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II.

Silbergefunkel Leuchtet im Wald, Horch, durch das Dunkel Raunt es und schallt Rings von den Zweigen ... O du mein eigen. Still und bescheiden Schaun in den See Trauernde Weiden, Zitterndes Weh Rauscht durch die Bäume ... Stunde der Träume. Wunschloses Schweigen Scheint groß und sacht Niederzusteigen, Welten voll Pracht Messen die Runde ... Selige Stunde.

S
S

III.

An einem Sommertage wird’s geschehn: Die lichte Sonne, Zeuge meiner Freude, Sie wird, Geliebte, dann in Samt und Seide Noch schöner deine holde Schönheit sehn. Des Himmels tiefes Blau ist in Bewegung, Ein Baldachin, leicht schwankend, faltenreich; Dein Antlitz und das meine werden bleich, Erwartungsvoll in seliger Erregung. Und wenn der Abend naht, spielt leis und lind Sein Hauch mit deinem Schleier, und die Sterne Sie lächeln gut und friedlich aus der Ferne Die Gatten an, die dann vereinigt sind.

A
A
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Vergessene Weisen

I.

Mir ist es oft, mein Lieb, wie wenn ich Chören Aus längst verklungnen Zeiten könnte lauschen, Dazwischen wähne ich das helle Rauschen Des Morgens, welcher kommen wird, zu hören. Zwei Augen sind auch meiner Seele eigen, Und alle Töne schwingen in den Saiten, Die leise oder laut vorübergleiten In meiner Tage unruhvollem Reigen. O stürbe ich von diesem Spiel umgaukelt! Du fürchtest dich, der Horen Tanz zu sehen, Ich aber möchte enden und vergehen, Wenn sich Vergangenheit und Zukunft schaukelt.

M
M

II.

Still gleiten zarte Finger durch die Tasten, Ein letzter Strahl vergoldet Turm und Dach, Die alte Weise zwingt den Tag zu rasten, Entschlafne Zeiten werden wieder wach, Verschüchtert suchen Töne im Gemach Nach ihres Atems Hauch, dem längst verblaßten. Was ist es nur, das mich zur Ruhe wiegt, Mag noch ein Glück mein armes Sein umwerben? Was will das Lied, das schmeichelnd mich umschmiegt, Die Melodie, die plötzlich mich besiegt, Die in den kleinen Garten, um zu sterben, Durch das halboffne Fenster zitternd fliegt?

S
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Bilder aus Belgien

I. Walcourt

Häuschen und Lauben, Fast wie zum Spiel, Für Turteltauben Welch ein Asyl. Ziegel und Dächer, Hopfen und Wein, Tapfere Zecher Stellen sich ein. Bier wird von drallen Dirnen geschafft, Ei, die gefallen! Alle Welt pafft. Dort bei der Bude Hält gleich der Zug .... Ewiger Jude, Ist dir’s genug?

H
H

II. Charleroi

Kobolde schwärzlich Schaffen geschwind, Warum, o Wind, Stöhnst du so schmerzlich? Giftiger Hauch, Willst du mich beizen? Sollst mich nicht reizen, Stinkender Rauch! Löcher im Kote, Nirgends ein Haus, Welch ein Gebraus, Qualmende Schlote! Rollt dort ein Rad, Hörst du ein Fauchen, Siehst du es rauchen, Wo liegt die Stadt? Gräuliche Düfte! Wie es mich preßt, Rauscht denn die Pest Hier durch die Lüfte? Dunst überall, Schwitzende Leiber, Hetzende Treiber, Knirschend Metall. Kobolde schwärzlich Schaffen geschwind, Warum, o Wind, Stöhnst du so schmerzlich?

K
K

III. Brüssel

Rötlich grüne Töne mischen In den Hügeln sich, den fernen, Während trübe Gaslaternen Alle Formen schon verwischen. Langsam scheint das Gold der Hänge Tief in rotes Blut zu tauchen, Aus entlaubten Kronen hauchen Vögel schüchterne Gesänge. Trübe Bilder, sie verfliegen, Ach, der Herbst nur kann so malen, Müde will ich meine Qualen In den müden Lüften wiegen.

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IV. Im Schloßpark

Weit, so weit ich seh, Streckt sich die Allee, Wie das Auge reicht. Dieser grüne Pfad Weiß nichts von Verrat, Ach, hier lebt sich’s leicht. Ernste alte Herrn Gehn mit Kreuz und Stern In das Schloß hinein — — Biedermeierstil! Geben würd’ ich viel, Könnt’ ich einer sein. Blendend weiß das Schloß, Hoch das Dachgeschoß, Frieden rings und Ruh. Welch ein selig Fest, Fänden hier ein Nest Einmal ich und du.

W
W

V. Brüsseler Karussell

Dreht euch, wackere Pferdchen, dreht euch schnell, Dreht euch hundert, tausend mal im Kreis, Munter, Pferdchen, dreht euch flott, mit Fleiß, Pfeifen quieken, Hörner schmettern grell. Plumpe Infanteristen, dralle Besen Sind auf eurem Rücken heut zu Hause, In der Kirmes fröhlichem Gebrause Treiben sie als Meister keck ihr Wesen. Dreht euch, Pferdchen, eurer Reiter Stolz, Um die Orgel, die so glorreich singt; Wenn ein Gaffer mit den Augen plinkt, Dreht euch weiter, Pferdchen ihr von Holz. Das ist eine Lust, berauschend, sündlich, Solch ein Karussell zum Zeitvertreibe! Schädelbrummen, Hochgefühl im Leibe, Wohl und übel macht’s, und beides gründlich. Dreht euch schnell, ihr tut ja eure Pflicht Ungespornt, nie wird der Reiter grob, Ohne Hülfen sprengt ihr im Galopp Lustig weiter, Hafer gibt es nicht. Aber jetzt heißt’s, bald den Tanz erledigen, Es wird Nacht, und wie ich beinah glaube, Will der Täuberich zu seiner Taube, Fern vom Jahrmarkt, fern auch von der Gnädigen. Dreht Euch flink, des Himmels Samt ist hell, Reich mit goldnen Sternen schon bestickt, Manches Pärchen hat sich längst gedrückt ... Trommelwirbel! Pferdchen, dreht euch schnell!

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VI. Mecheln

Die Wetterfahnen lädt zum Tanze Der Wind — —, an diesem stolzen Bau Des alten Schöffen fügt genau Sich jede Einzelheit ins Ganze, Die Ziegel rot, der Schiefer blau — —, Dann pfeift er durch die grünen Wiesen; Die Eschen schaffen die Idee Von Horizonten, eine Fee Hat sie gestaffelt, diese Riesen, Luzerne gibt es, bunten Klee. Und durch den tiefen Frieden gleiten Die Züge selbst in stiller Ruh. Schlaf ungestört, du brave Kuh, Ihr Stiere, denen diese Weiten Gehören, macht die Augen zu! Geräuschlos rollen alle Wagen, Die Zeit der Reisenden verfließt, Man plaudert oder man genießt Das Bild der Landschaft mit Behagen, Die wie der Fenelon sich liest.

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Aquarell von Spleen

Die Rose hältst du in den Händen, Es rankt sich um dich wilder Wein, Und scheinst du dich nur abzuwenden, Stürmt die Verzweiflung auf mich ein. Zu blau ist dieses Himmels Schimmer, Zu zärtlich fast, das Meer zu grün, Geliebte Frau, ich fürchte immer, Du könntest jählings mir entfliehn. Die dunkeln Rosen, die so glühten, Der Buchsbaum, längst verblaßt sind sie, Wie müde bin ich aller Blüten .... Nur deiner müde werd’ ich nie!

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Weisheit

I.

Lauscht jetzt des Friedens stillem Sange! Ein Hauch ist er, zart und verschwiegen, Ein Grashalm, den die Winde wiegen, Er weint, doch deshalb seid nicht bange. Die Stimme war euch einmal teuer, Seit langer Zeit hat sie gefeiert; Wie eine Witwe dicht verschleiert Verrät sie doch noch Stolz und Feuer. Was vordem heilig ihr gewesen Verbirgt sich keusch. Den Schleier heben Die Lüfte, die vorüber schweben, Die klare Wahrheit könnt ihr lesen. Und solches wird euch dann verkündet: Das Gute nur wird ewig bleiben, Von allem eurem wilden Treiben Bleibt nichts, denn Haß und Neid entschwindet. Ein einziger Ruhm nur ist erquicklich, Zu kämpfen und nichts zu erstreben, Nehmt dankbar hin, was euch gegeben, Nur Frieden ohne Sieg macht glücklich. Ihr dürft Gehör der Stimme gönnen, Sie will nicht locken noch berücken; Ach, eine Seele zu beglücken Ist ja das beste, was wir können. Doch eilt, die Stunde währt nicht lange, Wir müssen leiden und nicht klagen, Nicht zürnen, wenn wir Schmerz ertragen, Lauscht jetzt der Weisheit stillem Sange.

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II. Kaspar Hauser singt:

In Städte voller Lug und Trug, Zu Menschen kam ich, eine Waise Mit stillen Augen, scheu und leise, Die Männer fanden mich nicht klug. Im Frühling ließ der warme Föhn Des Herzens kalte Decke tauen, Schön fand mit einmal ich die Frauen, Die Frauen fanden mich nicht schön. Kein König zahlte je mir Sold, Kein Vaterland hat meine Wiege Geschirmt, trotzdem sucht ich im Kriege Den Tod, er hat mich nicht gewollt. Kam ich zu früh, kam ich zu spät? Weshalb bin ich auf dieser Erde? Wie drückt mich meines Seins Beschwerde ... Sprecht für den Kaspar ein Gebet.

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III.

Lang gestreckte Hecken wogen Wie ein Meer in feuchter Luft, Voll an schwerem Blütenduft Hat der Nebel sich gesogen. Mühlen stehen auf dem Plan, Bäume, die sich aufwärts recken, Fohlen tummeln sich und necken Munter sich in freier Bahn. Sonntag! frohe Lämmer grasen, Schwankend wie ein zarter Hauch Lösen sich im Morgenrauch Weiße Vließe von dem Rasen. Leise kräuselt sich ein Meer Grüner Auen, grüner Wellen, Durch die Nebelschleier schwellen Glockenklänge ferneher.

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Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Prolog

Vorwärts jetzt, verruchte Truppe! Habt zu lange schon geweilt, Was euch zukommt, ward euch, eilt, Die Chimäre streckt die Kruppe. Schwingt euch auf, sprengt durch den Raum, Durch die Zeit, verlorne Kinder, Dieser Renner fliegt geschwinder, Als das kranke Hirn im Traum. Endlich, endlich fand ein Ende Meines Fiebers toller Wahn, Tastend suchen heiße Hände Einem Leben neue Bahn. Doch sie segnen euch, ihr schrillen Schreie wilder Angst, habt Acht, Meiner schwarzen Sonne Grillen, Grillen meiner weißen Nacht. Geht jetzt! ich verstoß euch heute, Was auch gestern noch geschah, Denn mein Herz sucht andere Beute, Packt euch, aegri somnia!

V
V
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Pierrot

Das ist der Mondscheinschwärmer nicht, der frech und frank Den Vätern durch die Tür gelacht in alten Tagen; Wie seine Kerze starb sein Witz, mit blödem Zagen Geht sein Gespenst nur schlotternd um, bleich, hager, krank. Im rauhen Wind beim Schein des Blitzes flattert bang Die weiße Jacke wie ein Leichentuch. Längst nagen Die Würmer an dem Hirn. Der welke Mund will klagen, Er grinst breit aufgesperrt, verzerrt von Schmerz und Zwang. Die Ärmel winken links und rechts verrückte Zeichen Gleich Fledermäusen, die durch’s Abenddunkel streichen, Doch keiner nimmt Notiz von dem erfrornen Witz. Aus leeren Augenhöhlen zucken Phosphorstrahlen, Und gräßlich steht in dem Gesicht, dem blutlos fahlen, Die mehlbestaubte Totennase, starr und spitz.

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Die Kunst des Dichters

Erst Musik, Musik vor allen Dingen! Dazu braucht es keine Symmetrie, Wie ein Lufthauch steigt die Melodie, Nichts darf wuchtig, nichts gekünstelt klingen. Sorge nicht, wenn auch das Wort verfehlt, Dem Begriff sich ängstlich anzupassen; Kannst du’s, dann versuch dich so zu fassen, Daß dem Sinn das Rätsel sich vermählt. Sahst du Augen nie durch Schleier spähen, Nie den Mittag zittern heiß und schwer, Nie der Sterne unentwirrbar Heer Klar am lauen Herbsteshimmel stehen? Nur Nuancen, leise abgestimmt! Decke stets mit Tönen, die sich brechen, Nur Nuancen glätten so die Flächen, Daß die Flöte und das Horn verschwimmt. Übermaß an Geist geht in die Brüche, Lach nicht immer, sei nicht gar zu spitz, Weint der Himmel über deinen Witz, Ist es Knoblauch aus der Sudelküche. Schönen Worten brich nur das Genick, Nötig ist es auch den Reim zu zähmen, Deiner Führung muß er sich bequemen, Er geht durch, drum halte ihn am Strick. Wie wird dieser Reim gerühmt, verhimmelt! Welcher Nigger, welcher taube Fant Prägte diesen hohlen Jahrmarktstand, Der vergnügt wie falsches Kleingeld bimmelt? Nur Musik und davon nie genug! Verse tönen wie befreite Seelen, Die den Weg zu andern Sternen wählen, Die zu anderer Liebe trägt ihr Flug. Verse mußt du in den Frühwind säen, Auf gut Glück verstreuen, wenn er leicht Durch die Minze, durch den Thymian streicht, Sonst kann nur Literatur entstehen.

E
E
Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Schlaff

Ich bin das Römerreich, das seine Zeit vollendet, An blonder Nordlandvölker Heerfahrt längst gewöhnt, Das Verse drechselnd eitlen Nichtigkeiten fröhnt, Voll Pomp und Prunk, vom trüben Sonnenlicht geblendet. Nur seine Seele ahnt, wie dieses Spiel sie schändet, Sie hört den Schlachtenlärm, der in der Ferne dröhnt; O Ohnmacht, die sich feig und wunschlos selbst verhöhnt, O Willenlosigkeit, dem Leben abgewendet! Kein Wollen, keine Kraft, zum Sterben fehlt der Mut ... Bathyll, der Becher ist geleert, hör auf zu lachen, Vorüber ist der Schmaus, jetzt heißt’s ein Ende machen! Nur ab und zu ein Vers, fürs Feuer grade gut, Nur Lüste, die vor frechen Sklaven sich entschleiern, Nur Langeweile, unerklärlich, dumpf und bleiern.

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I
Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Liebe

Jawohl, gequält bin ich, geplagt, Bin wie ein Wolf gehetzt, gejagt, Der nirgends eine Freistatt findet, Den schon die Meute fast umringt, Den seine Wunde niederzwingt, Daß er in Angst und Not sich windet. Die drei, der Haß, das Gold, der Neid, Spürhunde sind’s, sie wittern weit, Ich bin gestellt, kann mich nicht wehren; Des Morgens Schreck, des Abends Qual, Das ist seit Jahr und Tag mein Mahl, Davon kann sich kein Bettler nähren. Längst grinst er mich von weitem an, Der widerliche Jägersmann, Die Krallen an den dürren Händen; Halb hat er mich, er höhnt und sperrt Die Wege mir und zieht und zerrt Am Herzen und will doch nicht enden. Ihr Wölfe, seht, so schleppe ich Zum finstern Strome blutend mich, Laßt, Brüder, endlich das Geläster, Gebt mir zu sterben freie Bahn, Ihr seid ja alle untertan Dem Weibe, meiner grimmen Schwester.

J
J
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Allegorie

Ein alter Tempel, dessen Bau schon weicht, Der vormals stolz von sonniger Höhe ragte, Schaut wie ein König, den der Feind verjagte, Sein Bild im Strom, der träg vorüber schleicht. Mit einer Weidengerte züchtigt leicht Den Faun, der lüstern sie zu necken wagte, Die schläfrige Najade, die betagte, Er lacht des Zorns, der ihn mit Ruten streicht. Der fade Vorwurf bringt mich um die Laune. Welch Dichter schuf dies Werk, das ich bestaune, Welch düsterer Stümper dachte dich nur aus, Verblichenes, zerschlissenes Gewebe? Wie ein Theatervorhang blöd — —, und kraus, Ach, wie das Leben, das ich ärmster lebe!

E
E
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Hirngespinste

I.

Dame Mäuschen trottet Schwarz in grauer Abendstund, Dame Mäuschen trottet Grau auf schwarzem Grund. Eine Glocke läutet Die Gefangnen in den Schlaf, Eine Glocke läutet, Schlaft und seid hübsch brav. Keine bangen Träume, Denket an die Liebste jetzt, Keine bangen Träume, Träumt was euch ergetzt. Strahlt der Mond vom Himmel, Schnarcht der müden Schläfer Schar, Strahlt der Mond vom Himmel, Ist es eben wahr. Wolken ziehn vorüber, Finster wird es, wie im Loch, Wolken ziehn vorüber, Und der Tag kommt doch. Dame Mäuschen trottet Rosig, ringsum ist es hell, Dame Mäuschen trottet, Auf, ihr Schläfer, schnell!

D
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II.

Im Kreise trotten sie herum Und keiner spricht, Der Hof liegt stumm Im grellen Licht. Das Unkraut wuchert rings, es zaust Der Wind die Stirn, Und Unkraut haust In ihrem Hirn. O Simson, drehe nur den Stein! Was für ein Korn Mag das wohl sein? Fragst Du im Zorn. Die Mühle, die das Schicksal treibt, Mahlt nicht zum Scherz, Du Narr, zerreibt Verstand und Herz. Sie kommen! klipp, klapp, geht der Schuh, Er ist von Holz, Jetzt hast Du Ruh, Verdammter Stolz! Daß keiner seufzt und keiner zuckt, Ihr wißt es doch: Wer auch nur muckt, Der fliegt ins Loch. Das ist mein Zirkel, Tag für Tag Bin ich sein Gast, Auf jeden Schlag Schon längst gefaßt. Gesellschaft, hab ich Dich verletzt, Dich keck bedroht, Gibst Du mir jetzt Kein Zuckerbrot. Genossen, Brüder von der Zunft, Seid nicht erbost, Denn die Vernunft Gewährt uns Trost. Es ist so süß, im Sonnenbrand Sich auszuruhn Und mit Verstand Mal nichts zu tun.

I
I
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Der Schamlose

Der böse Blick, des Lebens Not, Sie haben ihn gejagt, gehetzt, Und er, der herrisch einst gedroht, Hat eines Knechtes Seele jetzt. Ein Jettatore, einer der Als Bettler rettungslos verdirbt, Die Feinde folgen hinterher, Die beiden Feinde, bis er stirbt. Sein Blick schon macht die Kinder klug! Zertreten trotzt er noch genug, Ein Vieh, doch Narr auf eigne Faust. Ihr schönen Damen, schenkt kein Geld Dem schlechten Kerle, der hier haust, Schenkt ihm euch selber, wenn’s gefällt.

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D
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Hände

Das sind nicht Prinzenhände, keines Prälaten Hände, wohl gepflegt, Und doch ist etwas zartes, feines In diesen Händen ausgeprägt. Auch keines Künstlers, oder ehrlich Auch keines Dichters. Dennoch steckt Etwas von Leid darin, das schwerlich Ein anderes Empfinden weckt. Nicht minder fühlen, nicht geringer Als Welten sie ihr Weh und Wohl, Der Daumen und der kleine Finger Bezeichnen dem Magnet den Pol. Und bricht das Herz im Sturme nieder, Und wird das Hirn vom Blitz erhellt, Es spiegelt alles treu sich wieder In dieser klugen kleinen Welt. Vom Steine sind sie nicht zerrieben, Nicht schwielig von des Beiles Hieb, Doch in den Linien steht geschrieben Von Arbeit, die nichts schuldig blieb. Lang sind sie, mager und von schmalen Gelenken, grau, die Nägel breit, Wie man sie in den Kathedralen Auf Bildern sieht aus früher Zeit. Wie man sie wohl bei Invaliden, Die nichts mehr aus dem Traume stört, Von Tagen, die längst abgeschieden, Von schweren Kämpfen flüstern hört. Die trocknen Hände fielen heute In dieses Abends düsterm Bann Gedankenschwerem Leid zur Beute, Ich seh es ihnen deutlich an. Die Sorge peinigt sie, die blasse, Auch ihnen bleibt sie nicht erspart, Der Alb drückt sie, und die Grimasse, Die es verrät, ist eigner Art. Ich habe Angst, ich muß mich hüten! Auf meinem Tische seh ich sie In tiefem Schweigen finster brüten, So furchtbar schienen sie noch nie. Rechts die, links die ..! bin ich bei Sinnen? Sind diese Hände wirklich mein? Dort auf dem Bett das weiße Linnen, Das muß ein Totenlaken sein! Da draußen geht der Tag zu Ende, Der Sturmwind heult in wilder Wut ... Ach, wären Traum nur diese Hände! Das wäre gut — — nein, schlecht — — nein, gut.

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Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Närrischer Rat

Zeig Dich niemals schüchtern, Wenn Du klug nur bist, Doch die Ehe ist Abgeschmackt und nüchtern. Tapfer trinken lohnt! Guckst Du in die Flasche, Trägst Du in der Tasche Sonne bald und Mond. Blöken dumme Kälber, Fühle Dich geehrt, Unsern wahren Wert Kennen wir nur selber. Rotes Herzblut kreist Flammend durch die Adern, Brauchst nicht gleich zu hadern, Wenn ein Floh Dich beißt. Wenn die Stürme tosen, Nimm es in den Kauf, Pfeife ruhig drauf, Pflücke keck die Rosen. Nimm nur alles so, Wie es ist auf Erden, Besser wird’s nicht werden, Also trag es froh. Laß die Leute sprechen, Ihnen macht es Spaß, Oben der vergaß Längst schon Dein Verbrechen. Deine Seele zagt, Doch zu neuer Blüte Führt sie seine Güte, Wenn der Morgen tagt. Wenn des Schicksals Tücke Schwache auch zerbricht, Dich zerschlägt es nicht Gleich in tausend Stücke. Spotte Deiner Qual, Zwinge Deinen Jammer, Wirst ja unterm Hammer Härter noch als Stahl, Mag der Amboß wimmern, Wenn er nieder saust; In Sankt Jürgens Faust Wird die Klinge schimmern. Und Sankt Michael Wird zum Licht Dich heben, Dort wirst neu Du leben Ohne Schuld und Fehl. Sieh, die Blumen sprießen Aus des Grabes Ruh, Lächeln sollst auch Du, Wenn die Tränen fließen. Sieh, aus dem Gestein Werden Funken sprühen, Bald wirst aller Mühen Du auch ledig sein.

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Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Lieder für sie

I.

Ich will nicht immer auf Dich zählen, Doch bin von Eifersucht ich frei, Wozu mit dererlei sich quälen, Denn glücklich wird man nicht dabei. Die Liebe hoch und hoch wir zwei! Du übst mit kluger Überlegung Praktiken von besonderer Art, Und Künste Deiner eignen Prägung Sind für den Kenner aufgespart, Mir bleibt noch immer was verwahrt. Laß nur die lieben Leute bellen, Was geht mich Dein Geburtsschein an? Ich sehe Deinen Busen schwellen, Verstrickt in Deines Auges Bann, Und was Dein heißer Kuß erst kann .... Sei mir so treu wie irgend möglich, Besonders wenn es Dir mal paßt; Begegne meinem Wunsch verträglich, Er ist ja ein bescheidener Gast, Auf jede Laune stets gefaßt. „Entschwunden sind die schönen Zeiten“ Höhnt mancher törichte Gesell. Dank Dir und Deinen Zärtlichkeiten Brennt immer noch die Lampe hell, Wir und die Liebe! Wein her, schnell!

I
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II.

Du meines Lebens süße Labe, Genossin meines armen Seins, Der ich mich ganz ergeben habe, Du allerletzte, wir sind eins. Komm her zu mir, ich will Dich küssen, Ich halte sicher Dich und fest, Wir lieben uns, weil wir es müssen, Bis zu des Bechers letztem Rest. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt. Du hast nur Deine beiden Hände, Arm bin ich wie die Kirchenmaus, Wir sehen auf die kahlen Wände Und führen kein zu großes Haus. Und doch sproßt immer uns das gleiche, Dasselbe Glück aus unserer Lust, Ein König bin ich, meine Reiche, Sie liegen tief in Deiner Brust. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt. Nach unsern großen Liebesnächten Erstrahlt mir heller stets der Tag, Du liebst mich mit der reichen, echten, Der Liebe, die nicht feilschen mag; Neu gießest Du in meine Säfte, In meine Adern Feuerwein, Es hauchen Deine Zauberkräfte Mir eines Gottes Odem ein. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt. Was Du einst warst, mich soll’s nicht stören, Und was ich bin, geht keinen an, Dir will für immer ich gehören, Nur Gutes hast Du mir getan. Das Leid, das wir gemeinsam tragen, Macht uns von Schuld und Sünde frei, Die Welt verstößt uns! was die sagen, Wenn Du mich liebst, ist’s einerlei. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt.

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An König Ludwig II. von Bayern

Du einziger König dieser Zeit, den Purpur kleidet, Der Du im Sterben Deinen Genius hast gerächt Am Wahnsinn jener Wissenschaft, die uns beneidet, Die breit an unserm Herd zu sitzen sich erfrecht, Die Gott gemordet hat und hämisch dem Geschlecht Des Menschen Freude, Kunst und Poesie verleidet, Im Tode gabst Du noch den Tod, Dein Stolz war echt, Ich grüße Deine Majestät, die glorreich scheidet! In dem Jahrhundert, wo die Könige wie nie Zuvor verlernt die wirklich königliche Pose, Warst Du ein König, Märtyrer der Phantasie. Heil Dir und Deiner einzigen Apotheose, Der stolzen Seele, die befreit des Weges zieht, In Gold und Erz, umrauscht von Richard Wagners Lied!

D
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Meine Büste

Hm ... das ist also die Gestaltung, In der mein Bild zur Nachwelt spricht! Höchst imponierend ist die Haltung, An Würde fehlt es wirklich nicht. Vor diesem Haupt, das jeden Morgen Um ein Erlebnis schwerer wiegt, Das dennoch seiner ewigen Sorgen Gewicht im bittern Kampf erliegt, Was urteilt einmal wohl die Clicque, Die schwatzend vor dem Marmor steht? „Gewiß, der harte Zug verrät, — Man sieht es schon am finstern Blicke — Der Kerl war, was man böse nennt, Doch in der Büste steckt Talent.“

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