Jacques Normand
Joseph Jaffé translation

geb. 1848

Nach dem Essen
In dem Ledersessel friedlich, Höchst gemütlich, Sitzt der Gastfreund. Wie ein Schlauch Bläst er aufwärts im Verdauen Dichten blauen Leicht gewellten Tabaksrauch. Nach der glänzenden Verpflegung, Der Erregung, Dem Geschwätz beim Mittagsmahl à l’anglaise sich zu strecken, Sich zu recken, Das ist einfach ideal. Und dann sitzt man so vertraulich Und beschaulich „Unter uns“, nicht jedermann Will im Bilde ängstlich bleiben Und umschreiben, Was man deutlich sagen kann. Nein, wir sprechen frei! O Wunder, Der Burgunder Löst die Zunge. Manchem schon Hängt der Himmel voller Geigen, Weshalb schweigen? Jetzt riskiert man einen Ton. Nur nicht Politik, nicht Wahlen, Keine Zahlen, Solche Themen sind zu fein, Sowas darf man sich nicht leisten, Denn die meisten Schlummern dabei friedlich ein. Lieber so ein Anekdötchen, So ein Zötchen, Das die Laune nicht verdirbt, Das im enggeschlossnen Kreise Seine Reise Fröhlich antritt und auch stirbt. Man erfährt von Eingeweihten Neuigkeiten, Das Ballett wird durchgesiebt, Dankbar hört man Jagdgeschichten Neu berichten, Die der Ahnherr schon geliebt. Was nach einem guten Essen Angemessen, Wird mit Wichtigkeit erzählt, So gewährt des Geists Entfaltung Unterhaltung, Die das ernste Haupt nicht quält. * * * Einsam sitzen unterdessen, Fast vergessen, Schöne Damen. Edler Stil Sind sie alle und Vollendung, Jede Wendung Zeigt beim Plaudern Halbprofil. Jeder kann von diesen Sternen Etwas lernen, Was ihn mit der Welt versöhnt, Von dem Wetter oder lieber Noch vom Fieber Und wie Baby man entwöhnt. Eine Schneiderin empfehlen Gute Seelen, Andere wissen andern Rat; Diesen Winter trägt man Loden, Nein, die Moden Sind abscheulich, in der Tat. Manches läßt man sich wohl bieten, Doch Visiten Nicht erwidern ist nicht fein, Bleibt man selber welche schuldig, Soll geduldig Immer hübsch der andere sein. Ein Roman, den jedes Wesen Schon gelesen Oder augenblicklich liest, Wird bewundert. Sehr erquicklich Und auch schicklich Ist es, was man da genießt. Der Tenor ... um Gottes Willen! Meine Pillen Tuen glücklich ihre Pflicht, Ach, die Leute .., alle Tage Solche Plage, Nein, man glaubt es wirklich nicht. Unser Doktor ist sehr peinlich. Höchst wahrscheinlich Gehn wir diesmal an die See. Vom Theater wird gesprochen. In die Wochen Kommt sie wieder mal ... o weh! Unerschöpflich quillt der Segen, Dauerregen Netzt in Strömen das Gesträuch. Trotzdem sieht sofort der Kenner, Ohne Männer Plagt die Langeweile euch. Arme Damen, seid bedauert, Denn ihr lauert Auf das stärkere Geschlecht. Ach, Ihr könnt noch lange harren, Die Zigarren Fordern mitleidlos ihr Recht. * * * Gott sei Dank, da sind sie endlich! Selbstverständlich Duften alle nach Tabak, Nach dem Kraute der Havanna, Frisches Manna Hat ganz anderen Geschmack. Doch die Frauen sind ja alle Ohne Galle! Manches liebliche Duett Tönt sofort. Nein, was ich sage, Ohne Frage, Dieser Abend war zu nett.


Taubenschießen
Nachmittag ist es, lau und linde, Kein Sonnenschein, kein Hauch im Winde. Des Himmels Blau ist nicht recht klar, Wie Seide glänzt es auf ein Haar. Die weiche Luft, die schwere, satte, Ist wie ein dichter Bausch von Watte. Behagen, Frieden ringsherum Und Schweigen, alles still und stumm. Ein kurzes Rollen nur, ein matter Halblauter Ton, Gewehrgeknatter. Ein Taubenschießen. Drüben stehn Die Schützen, deutlich kann man sehn, Wie von dem Hintergrund die Gruppen Sich lösen gleich bewegten Puppen. Sie treten nach der Reihe an, Korrekt und aufrecht jedermann. Von Zeit zu Zeit auf grünen Matten Ein flüchtiger bewegter Schatten. Der Vogel flattert auf erschreckt, Schon ist er von dem Blei gestreckt. Ein scharfes, abgehacktes Knallen, Zu Boden sieht man etwas fallen. Der Hund springt zu, er packt es fest, Er gibt dem armen Tier den Rest. So geht es weiter ohne Gnade, Kein Ende nimmt die Füsillade. Durch blaue Lüfte zuckt der Blitz, Ein Messerstich, kurz, scharf und spitz. Gemetzel, sinnlos, feig, empörend, Des Tages heiligen Frieden störend. In dieses Himmels reiner Luft Der Mensch allein ein Schelm, ein Schuft, Der Hekatomben, weil’s ihn lüstet, Zum Opfer bringt und sich noch brüstet, Der rings des Todes Saaten sät, Damit die Stunde schnell vergeht.


Aufrichtig
Jüngst las ein Buch ich, das ein Symbolist geschrieben, Ein höchst profunder Geist, ein starker Geist, mag sein, Jedoch so stark und tief, dabei so zart und fein, Daß mir von der Lektüre Kopfschmerz nur geblieben. Ich muß gestehn, ich hab Ästhetik nie getrieben, Für diese Welten ist mein armes Hirn zu klein, Solch hoheitsvolle Denker gehen mir nicht ein, Mit einem Wort: Ich bin ein Schaf. Ganz nach Belieben. Ich bin ein Schaf. Gut. Abgemacht. Es bleibt dabei. Ich finde niemals, ob gezwungen oder frei, Die Schönheit, wo die Worte sich im Dunkeln balgen. Ich bin ein Spießer, ein Philister, einerlei, Darauf laß ich mich hängen. Doch mein letzter Schrei Ist noch: Die Klarheit hoch! Jetzt schleppt mich hin zum Galgen.


Um den Ruhm
Beerdigung allerersten Ranges. In den Hallen Der Madeleine ist heute ganz Paris zu sehn, Kunst, Presse, Parlament, kaum kann man sich noch drehn. Das war ein Mann! Kein Apfel kann zur Erde fallen. Er starb. Hat er gelebt? Er lief dem Ruhm nach, allen War er im Wege. Nichts ist ohne ihn geschehn, Da hieß mit einem Mal der Tod ihn stille stehn, Es war vorbei. Er packte ihn mit Geierskrallen. Der greise Priester mit dem dünnen Silberhaar, Mit seinem schönen Kopf, mit Augen hell und wahr, Hebt die Monstranz. Kein Laut im weiten Heiligtume. Hier dieser Lebende und dort der Tote. Zwar Bin ich kein Großer, doch dies eine ist mir klar: Ein Schritt zu Gott gilt mehr als tausend Schritt zum Ruhme.

