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Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Henri de Régnier

Joseph Jaffé translation

Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

geb. 1864

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Unsichtbare Gegenwart

Schnell flieht die Zeit, unsichtbar schreitet Sie neben uns im tiefen Sande, Du hörst, wie sie durch Nesseln gleitet, Behend, im fliegenden Gewande. Wir ahnen sie an jeder Stelle, Gehorchen ihr, was sie auch heische, Es zeigt uns ihren Hauch die Welle, Es mahnt an sie der Wurm im Fleische. Ein leises Knistern in den Wänden, Schon ist der harte Stein zersprungen, Ein leichter Druck von frechen Händen, Schon ist die Fäulnis eingedrungen. Wir brauchen nicht bei Wind und Wetter In alle Tiefen erst zu reisen, Wir brauchen keine Zifferblätter, Darum die schnellen Zeiger kreisen. Und keine Glocke braucht zu schlagen, Die unerbittlich uns verkündet An hellen und an dunkeln Tagen, Daß ewig sie enteilt und schwindet. Sie wandelt stumm auf Deinem Pfade, Doch nie wird sie Dein Blick erreichen, Wenn neben Dir sie am Gestade Den Mondschein pflückt aus stillen Teichen.

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Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Vor der Prägung

Wo sich die Wege kreuzen im Walde, bei der Nacht, Im Sturm mit meinem Schatten, bei der Nacht, Der Asche meiner Jahre müd und meiner Herde Hab dessen was das Schicksal bringen werde Ich nachgedacht. Das sind die Wege, die mir offen stehn Zum Tage. Wenn ich will, kann ich noch immer jetzt Weiter gehn Zum Land, zum fernen Meer, nach meinem Traume spähn Und Sonnen sehn, Bis dann des Todes weiche, geduldige Hand zuletzt Mein Auge schließt und still darauf seines Friedens Siegel setzt. Du Weg der Einsamkeit in hohen Eichenhainen, Den Müden peinigst Du mit spitzen Steinen, Wo er auch schreitet, wo er ruht, Benetzt versunkene Zeit den Pfad mit ihrem Blut. Der Schritt wird schwer, Im Sturme höre ich die stolzen Wipfel weinen Und kann nicht mehr. Du Weg der Birken, wo die trocknen Blätter wehen, Durch Bäume führst Du, bleich wie deiner Pilger Schande, Die keuchend durch den zähen Schlamm, durch Pfützen Zusammen gehen Und schmerzgebeugt sich vor den Blicken des Gefährten schützen. Du Weg, der durch den Kot sich windet, Durch Laub, darin der Wind flüsternd verschwindet; Im grauen Dämmerlicht staut sich an deinem Ende Aus Mondenschein und Frost der silberne Morast, Stumm reicht das Einerlei die Hände Dem trüben Gast. Du trauter Weg der Eschen gehst durch leichten Sand, Die Spur verweht der Wind, ach, er verwischt jeden Strebens Erinnerung, er huscht von Baum zu Baum mit dem Wanderer, Die Honigblüte zeigt des Sandes goldne Farbe. Auf dem gewundenen Pfad sucht der Blick das Ziel vergebens. Die gute Stadt, sie ist dem Fremden wohl bekannt, Am Tore wäre süß die Schwelle meinem Schritte, Doch weilte er zu lang auf Bahnen anderen Lebens Wo weinend Hoffnung wacht in bleicher Schatten Mitte. Ich gehe nicht durch die Eichen, Euch Birken und Euch Eschen will ich ausweichen, Ich wandere nicht zur Stadt, zum Meer, zum Sonnenball, O Wege! Schon höre ich das Blut vergangner Zeiten rinnen, Längst wähnte ich sie tot, doch kehren stets sie wieder, Sie eilen mir voraus in Eurem Widerhall, O Wege! Du leichter Pfad, Du Pfad, wo Schmach, Du Pfad, wo Ehre schreitet, Überall Hör ich den Wind, der stets mich irrgeleitet, Der stöhnend durch die Eichen gleitet. O Seele, diese Nacht klagt um den Tag, der ging, O Seele, diese Nacht bangt um den Tag, der kommt, O Seele, diese Nacht, Dir selbst wird sie Verhängnis.

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Illustration from Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Wechselstrophen

Ein kleiner Garten nur ist mein, Vier Mauern drum, der Efeu bindet Und sprengt den morschen, grauen Stein, Um den er sich im Klettern windet. Am Borde winziger Beete sprießt Der Buchsbaum, regelrecht geschnitten, Die schmalen Wege sind bekiest, Sie kreuzen sich nach wenig Schritten. Die Bäume strecken ihren Ast Nach Dir in täppischem Verlangen, Bald wird zum Scherz die Hand gefaßt, Bald kratzen sie Dir grob die Wangen. Kein klarer Wasserstrahl wagt kühn Im Sprunge hoch empor zu steigen, In herber Schönheit, schwarz und grün, Ruht auf dem Garten ernstes Schweigen. Aus keinem stillen Teiche quillt Der blaue Himmel Dir entgegen, Und keines Vogels Spiegelbild Siehst Du die Schwingen dort bewegen. Nie ist beim frohen Honigraub Ein Schwarm von Bienen zu entdecken, Es leuchtet wie Metall das Laub, Die scharfe Speise will nicht schmecken. Der schwere Duft macht müd und matt, Nur Buchsbaum, Myrten und Cypressen, Hier findest Du kein totes Blatt, Doch auch die Blüten sind vergessen. * * * Ich habe hinter meinem Haus Ein Winkelchen. Der Sand, der gelbe, Sieht heller bald, bald dunkler aus, Das Einerlei bleibt stets dasselbe. Ein einziger Baum steht dort, er kann Mich mit dem Schatten grade decken, Ich liebe es, mich dann und wann Behaglich drunter auszustrecken. Das grüne Laubdach ist so leicht, So luftig das Gebälk, die Streben, Wenn kaum der Wind darüber streicht, Läßt er die Blätter alle beben. Mir däucht, des kleinsten Vogels Lied Muß diesem Baume Freude wecken, Sobald ich grade stehe, sieht Das Auge über dichte Hecken. Da draußen zittert heiße Luft, Doch meines Herzens Unrast schwindet, Denn einer einzigen Rose Duft Verrät ihm, daß es Liebe findet.

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Ein Traum von Stunden und von Jahren

Vergessene Stunden sehe ich vorüber wallen. Francis Vielé-Griffin.

Die Schatten schmückte ich mit kalten Und blassen Blüten, mit den Falten Versäumter Tage meine Wand. Erstorbnen Abenden war ihre Farbe gleich, Und meiner Träume Land Erschien in dem Gewebe, schattenhaft und bleich, Die goldne Blume zitterte in reiner Hand. Und die Erinnerung irrt durch das stumme Haus im Dämmerlicht Von Stund zu Stund, von Raum zu Raume, Sie weint, sie lacht im Traume, Sie ist’s mit ihrem alt vertrauten Angesicht. Doch die Sandale Schwebt still dahin, sie stört ja nie den Schlaf. Ein goldner Strahl aus ihrer Silberlampe traf Hellblitzend die getreue Wächterin, die Hand, die fahle, Die schirmend ihr Gewicht Auf die vergessne Zeit legt, die im Aschenkleide, Geschlossnen Auges und mit funkelndem Geschmeide Auf reichgeschnitztem Sessel ruht im weiten Saale. Und dieser düstere Raum ist meiner Seele Zelt, Wo von der Decke auf die Fließen Die Falte an den Wänden fällt. Versäumter Tag, erstorbner Abend mahnt mich dort, Die Fenster, ach, sie schauen alle gegen Nord, Am Horizont sind Himmel, Straßen und das Meer. Ihr Träume, tragt mich doch noch einmal fort, Wie einst, zur Welt, Auf fernen Straßen bis ans Meer, Ihr Träume, führt mich wieder fort, In Eurer Hand die goldne Blume weiß den Ort.

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Ein Traum von Morgenrot und Schatten

Die Zeit ist ewig, nur die Stunden, sie verfließen! Gar lieblich rinnt der Strom zum Meere, hell und klar, Noch steht die Pforte auf, doch schnell wird sie sich schließen, Schon heut kann Asche sein, was gestern Leben war. Der Herbst zeigt mir die Frucht in seiner Gärten Schatten Im Augenblick, da sie des Daseins Höhe mißt, Geschwellt im Saft erscheint sie mir, dem Übersatten, Wie bald, und sie fällt ab ...! noch eine kleine Frist. Mein Leben, Klinge in der Scheide, ruhmlos träumend! Heiß glüht der goldne Griff in meiner zagen Hand, Die mit der Waffe spielt, die Stunde feig versäumend ... Und doch — —, vielleicht ist dieses Abends blutiger Brand Das Bild des Tages, den das Schicksal morgen sendet! Geweint hab ich, da gestern freundlich mir’s gelacht, Weh mir, weh, wenn es weint, dem Strom abgewendet, Der meinen Tag hinabschwemmt in die ewige Nacht!

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Der Raufbold

Mit stolz erhobnem Blick, gebräunt, keck und verwegen, Das Seidenwamms geschlitzt, hält breit gespreizt und fest Er vor dem Lager Wacht, dem Teufel und der Pest Tritt ohne lang zu fragen trotzig er entgegen. Mit Feuer und mit Schwert spricht er den Erntesegen, Vom Appenin zum Alpenrand, von Ost nach West Schweift plündernd er, um frech bis auf den letzten Rest Die Lombardei, die Marken Mailands auszufegen. Den Fluch im Mund, den Zorn im Blick lechzt er nach Krieg, Ihm ist es gleich, ob Marignano ihm den Sieg, Gleich, ob Pavia ihm den Ruhm nur hat gegeben. Er lacht des Schicksals, das am Wege lauernd droht, Die offnen Nüstern saugen aus dem vollen Leben Den Bluthauch künftiger Schlacht, sie wittern schon den Tod.

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Chrysilla

Ist einst der Becher voll, o Göttin reich an Gnaden, Erspar es mir die Zeit, die zögernde, zu sehn, Sie soll nicht tränenlos an meinem Lager stehn, Sie kürzt mir viel zu spät des Lebens langen Faden. Schick Eros aus! er hat mit Haß mich stets beladen, Ich weiß es nur zu gut, könnt es nach ihm geschehn, Im Sterben würde ich der Qual noch nicht entgehn, In meinem Herzblut müßte sich die Erde baden. Doch nein! ruf abends, wenn die frohe Sonne scheidet, Die Jugend an mein Bett, stumm, schön und unbekleidet, Wie sie den Reif auf bleiche Rosenblüten haucht. Die Quelle weint ein Lebewohl, die Stunden neigen Das Haupt vor ihr, die weder Pfeil noch Sichel braucht, Gern will ich dann zum finstern Hades niedersteigen.

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