José-Maria de Hérédia
Joseph Jaffé translation

1842-1905

Vergessen
Der Tempel auf der steilen Klippe ist zerfallen, Die ehernen Heroen liegen tief im Sand, Die Marmorgöttin, welche auf dem Altar stand, Ruht im Gestrüpp, verödet sind die weißen Hallen. Ein Rinderhirt läßt seine Muschelflöte schallen, Die Weise ist seit altersgrauer Zeit bekannt, Zur Tränke zieht der Stier im heißen Sonnenbrand, Der Geier späht nach Raub für seine scharfen Krallen. Die milde Erde, die die Götter einst gesehn, Schmückt stets im Frühling, um für alte Huld zu danken, Geborstene Kapitäle mit Akanthusranken. Der Mensch will seiner Väter Traum nicht mehr verstehn, In hellen Nächten hört er ohne frommen Schauer Des Meeres Klagelied und der Sirenen Trauer.


Pan
Quer durch des Waldes rätselhaftes Dickicht schweift Auf stillen Pfaden, die im tiefen Dunkel enden, Der Bocksfuß, der die Nymphen mit den frechen Händen, Wo sie sein heißer Blick erspäht, verlangend greift. Rings Girren und Geraun. Ein heller Lichtstrahl streift Das Dach, frohlockend tanzt er auf den grünen Wänden; Es lebt und webt im Holz, verborgene Quellen spenden Ihm junge Kraft, zur Höhe ist der Tag gereift. Verloren hat sich eine Nymphe. Unentschlossen Lauscht sie der Träne, die vom Morgentau vergossen Im Moose schluchzt. Das junge Herz bangt ahnungsvoll. Ein Sprung! Da hält sie schon der Gott, von Wollust trunken, Im Arm, sein Lachen peitscht die weiche Luft wie toll ... Fort ist er. Und in Schweigen liegt der Wald versunken.


Der Ziegenhirt
Verfolge nicht den Bock auf diesem Kletterpfad, Ein Fehltritt, und Du kommst zu Schaden und zu Leide! Am Hang des Menalos, wo wir die Sommerweide Beziehn, gewahrst Du kaum, wie schnell das Dunkel naht. Ich habe Wein und Obst. Wir harren, durch den Grat Geschützt, des Morgens hier, doch laut zu sein vermeide, Allgegenwärtig sind die Himmlischen, uns beide Hat Hekate schon längst erspäht. Deshalb mein Rat. Der Satyr, der als Herr auf diesen Höhen schaltet, Haust dort im tiefen Loch, wo das Gestein sich spaltet, Er kommt hervor, wenn jemand ihn zu schrecken wagt. Horch, die Schalmei! laß flink uns in den Schatten schlüpfen ... Sieh, wie der Mondschein sich an seine Hörner hakt, Zum Tanze spielt er auf, und meine Ziegen hüpfen.


Weihe
Dem grimmen Ares weihe ich die treuen Waffen! Hilf mir, ich bin zu alt. Hier vor das Gottes Bild Häng an den Pfeiler meinen Helm, den schweren Schild Und dieses schartige Schwert ..., ich kann es nicht mehr schaffen. Und auch den Bogen. Meinst Du, daß er mit der straffen Sehne hier hängen soll? Ich wär es gern gewillt, Doch meine Kraft versagt, wenn solcher Kunst es gilt, Das harte Holz gehorcht nicht mehr dem Arm, dem schlaffen. Nimm jetzt den Köcher. Wunderst Du Dich etwa, weil Er leer ist? Ja, mir scheint, Dein Auge sucht den Pfeil, Damit er Dir von blutigem Männerstreit erzähle! Es ist umsonst, Du findest keinen mehr davon, Sie schwirrten zischend durch das Feld von Marathon Und stecken alle in des toten Persers Kehle.


Des Toten Bitte
Halt, Wanderer, ein Wort! Wenn je Dein froher Mut Nach Kypsela Dich führt am Hebrosstrand, so frage Dem greisen Hyllos nach, er soll die Totenklage Dem Erben weihn, der nie mehr an des Herdes Glut Sich wärmen wird. Zernagt vom Wolf und seiner Brut Vermodert der erschlagne Leib im finstern Hage, Vergebens harrt, daß ihn das Boot hinüber trage, Am Styx der Schatten. Rache heischt vergossenes Blut. Jetzt geh. Des Abends, wenn der Sonne Strahlen bleichen, Siehst Du vielleicht ein Weib zu einem Denkmal schleichen, Der schwarze Schleier hüllt das weiße Haupt ihr ein. Daß nächtigen Spuk die Ärmste treibt, darfst Du nicht wähnen, Es ist mein Mütterchen. Sie beugt sich auf den Stein Und füllt die leere Urne nur mit ihren Tränen.


Der Sklave
Ein Sklave bin ich jetzt, zerlumpt, gehetzt, gejagt, Mein Rücken kennt den Schmerz, mein Auge kennt die Tränen, Geboren bin ich frei, am Strande der Sirenen, Dort wo die blaue Hybla froh gen Himmel ragt. Hätt ich Sicilien nie Lebewohl gesagt, Ach würde noch einmal erfüllt der Seele Sehnen! Wenn Du zur Winterszeit nach Süden folgst den Schwänen, O Gastfreund, geh zu ihr, nach der mein Kummer fragt. Noch einmal möchte ich die Augen schaun, die feuchten, Daraus der Sonne Glanz und alle Sterne leuchten, Und ihrer dunkeln Brauen sieggewohntes Joch. Such Cleariste auf! ich fleh Dich an, erbarme Dich gnädig, sage ihr, ich lebe, liebe noch, An ihrer tiefen Trauer kennst Du sie, die arme.


An der Trebia
Auf kahlen Höhen flammt des bleichen Morgens Pracht, Numidische Geschwader führen, um zu tränken, Die Rosse schnell hinab, wo sich die Ufer senken, Die Hörner schmettern grell, das Lager ist erwacht. Sempronius nämlich, der die Augurn keck verlacht, Trotzt dem geschwollnen Strom und Scipios Bedenken, Die seines Consulates junge Würde kränken ... Lictoren, hebt das Beil, Cohorten, auf zur Schlacht! Der dunkle Horizont steht rings umher in Flammen, Des Insubrers armselige Hütte bricht zusammen, Laut in Trompetentönen klagt ein Elefant. Dort unterm Brückenbogen lehnt ein Mann. Ein dumpfes Geräusch vom Taktschritt der Legionen naht. Gespannt Lauscht Hannibal mit einem Lächeln des Triumphes.


Nach der Schlacht bei Cannae
Der eine Consul tot, der andere verschollen, Der Aufidus schwillt an, es wälzt die trübe Flut Zum Meer die Waffen und die Leichen. Rot wie Blut Wölbt sich der Himmel über Rom, die Donner grollen. Vergebens fällt der Opferstier, die Götter wollen Nicht sprechen, keine Vogelschau schafft neuen Mut, Die Bücher der Sibylle schweigen. Schrecken ruht Und Trauer auf der Stadt, des Schicksals Würfel rollen. Am Abend steht die Menge auf dem Aquäduct, Die Väter und das Volk. Nur ein Gedanke zuckt Durch Tausende. Sie spähn hinaus in bangem Schweigen. Sie sehen schon im letzten Abendsonnenstrahl Auf seinem Elephanten jenen Hannibal Von den Sabinerbergen klirrend niedersteigen.


Villula
Du bist am Ort, Du brauchst nicht weiter erst zu gehen! Dem alten Gallus eignet dieses kleine Gut, Das so bescheiden an dem niedern Hange ruht, Und dieses Schindeldach, kaum kann man drunter stehen. Im Häuschen mag er einen Freund schon bei sich sehen; Ein Weinberg ist dabei, des alten Herdes Glut Backt reichlich Brot, und wie die Bohnensuppe tut, Frag ihn ...! Soll von den Göttern er noch mehr erflehen? Des Wäldchens Reisig kommt im Winter ihm zu Nutz, Im heißen Sommer bietet ihm das Laubdach Schutz, Der Herbst bescheert wohl eine Drossel, ein paar Meisen. Hier lebt er an der Stätte, die des Knaben Spiel Geschaut, zufrieden mit dem Lose, das ihm fiel. Jetzt kennst Du Gallus, Freund. Du findest einen Weisen.


Tranquillus
C. Plinii Secundi Epist. I. 24.
Hier hat Sueton gelebt! stets führte das Verlangen Nach seines Tibur tiefer Ruh ihn wieder her; Noch steht ein Bogen von der Villa aufrecht, der Die Ranken stützt, die an den alten Ulmen hangen. In jedem Herbst ist er von Rom hierher gegangen, Aus jenem großen, glutdurchwogten Häusermeer, Hier leuchtete die rote Traube, reif und schwer, Dies Fleckchen Erde nahm ihn immer neu gefangen. Und in dem Frieden waren sie ihm alle nah, Des Claudius Spukgestalt, Nero, Caligula, Der Messalina frevelhaft verbuhltes Lieben, Das grause Spiel, das einst auf Capri ward getrieben ... Dies alles hat in Wachs geritzt, ganz wie’s geschah, Sein Griffel hier, der unerbittlich wahr geblieben.


Lupercus
M. Val. Martialis Lib. I. Epigr. 118.
Lupercus hält mich eifrig an, der Bücherjäger: Dein neues Epigramm ist köstlich, Meister, fein! Du borgst mir — tadellos ist wirklich das Latein — Die ganze Rolle, morgen schick ich meinen Neger. Den der so humpelt und so keucht? Das ist ein träger Gesell, der schläft auf meiner steilen Treppe ein. Du wohnst am Palatin? bequemer kann’s nicht sein, Im Argiletum haust Atrectus, mein Verleger. Sein Lager ist auf’s reichste assortiert, ich kenn’s: Vergil und Silius, Plinius, Phädrus und Terenz, Du magst nach Lebenden, Du magst nach Toten fragen. Dort steht, und nicht im letzten Fach, im Futteral Von Cedern, fein gefalzt, in Purpur eingeschlagen, — Für fünf Denare hast Du ihn — auch der Martial.


Die Dogaressa
Die Herren plaudern in den lichten Säulengängen, So malte sie des göttlichen Vecellio Hand; Noch röter leuchtet heut das rote Prachtgewand Im Glanz der schweren Ketten, die darüber hängen. Sie blicken in die trübe Flut, die in der engen Lagune, aus der weiten Adria verbannt, Vorüberrauscht, sie sehn den Himmel, lachend spannt Er sich ob buntem Volk, ob fröhlichen Gesängen. Die stolzen Nobili im purpurfarbenen Kleid, Mit kaltem Herrenblick und blitzendem Geschmeid Bewegen ernst sich auf der weißen Marmortreppe. Die Dame dehnt im Sessel lässig sich und stumm, Sie dreht sich langsam zu dem kleinen Neger um Und lächelt. Dieser Wicht trägt die brokatne Schleppe.


Der alte Goldschmied
Trotz manchem Namen, der ins Meisterbuch geschrieben, Trotz Ruiz, Becerril, Ximenez und Arphee Hab ich den Stein gefaßt, die Perle, die Kamee, Der Vase Griff gedreht, ihr Fries herausgetrieben. Den Märtyrer, der auf dem Roste treu geblieben, Ihn bildete ich nie, ich malte, Schmach und Weh, Dionysos im Rausch, den Fall der Danae Auf Silber und Email, statt meinen Herrn zu lieben. Ich habe mehr als eine Klinge damasziert, Bei diesem Teufelswerk, das frecher Stolz gebiert, Vergaß ich um der Seele Seeligkeit zu werben. Dem dunkeln Abend neigt sich meines Tages Glanz, Ich will wie Fra Juan von Segovia sterben, Mein letztes Werk sei eine goldene Monstranz.


Die Conquistadoren
Ein wilder Geierflug aus Horsten kahl und leer, Des stolzen Elends satt sind sie der Not entflohen, Von wüstem Traum berauscht, Banditen und Heroen, So stießen sie hinaus von Palos de Moguer. Zipango war ihr Ziel, des roten Goldes schwer, Gold sah die heiße Gier im tiefen Schachte lohen; Die Passatwinde, welche schreckenvoll sonst drohen, Geleiteten sie durch das unbekannte Meer. Die Tropennacht verheißt schon morgen Abenteuer, Ein blauer Phosphorglanz ringsum, ein Meer in Feuer, Durchfurcht von leichtem Kiel auf rätselhafter Bahn; Sie beugen sich hinab von ihren Caravellen, Da steigt ein neuer Stern tief aus dem Ozean Zum fremden Himmel auf, die Pfade zu erhellen.


Jungbrunnen
Juan Ponce de Leon erlag des Teufels Spiel, Als mit den Jahren er das dichte Haar sah bleichen; Von alten Schriften voll und kraft geheimer Zeichen Lenkt nach dem Bronnen ewiger Jugend er den Kiel. Er kreuzt, des Traumes Knecht, dem all sein Witz verfiel, Drei Jahre durch die Fluten, die sich endlos gleichen; Da taucht, vom Licht umrahmt, und alle Nebel weichen, Ein Märchen, Florida, empor. Er steht am Ziel. Nun segnet er den Wahn, der ihn hierher geleitet, Sein Banner pflanzt er auf, die müden Hände breitet Er nach dem Strande aus, der ihm zum Grabe wird. Beneidenswerter Greis, Dein Sehnen und Dein Streben Hat Dir der Tod erfüllt, und ob Du schon geirrt, Hat er des Ruhmes ewige Jugend Dir gegeben.


Auf eine tote Stadt
Cartagena de Indias, 1533-1585-1697.[4]
Verträumte Stadt, voreinst die Königin der Meere! Heut tummelt in der Bucht sich ungestraft der Hai, Die Schatten dehnen sich in ödem Einerlei Dort wo die Flut gewiegt Galione und Galeere. Franz Drakes Eisenfaust brach Deine stolze Wehre, Die Mauer und den Turm schlug Englands Neid entzwei, Und Wunden klaffen noch, die Spur von Pointis’ Blei, Ein düsterer Perlenkranz der Trauer und der Ehre. Die Sonne kocht das Meer, das sich nur träge kräuselt, Die Königin, sie schläft, vom Windeshauch umsäuselt, Sie träumt von altem Ruhm und vom Conquistador, Von ihrem jähen Fall, die Trümmer sieht sie qualmen; In heißen Nächten schreckt sie angsterfüllt empor .... Dann schläft sie wieder ein, umrauscht von schlanken Palmen.


Antike Medaille
Noch immer kocht den Purpursaft, der Theokrit Berauscht, der Ätna an den glühend heißen Lehnen, Doch spähte heut umsonst des Sängers Blick nach jenen Gestalten, welche einst gepriesen hat sein Lied. Ach, Arethusa hat als Sklavin feig gekniet Vorm Grimm des Anjou, und der Lust des Sarazenen Hat sie gedient, das Griechenblut in ihren Venen Verdarb gleich dem Profil, das Götterhuld verriet. Der Zahn der Zeit hat selbst den Marmor angefressen, Zum Schatten wurde Agrigent, und halb vergessen Träumt unterm Blau des milden Himmels Syrakus. Das spröde Erz nur, dem sich Liebe anvertraute, Bewahrt den keuschen Abglanz und den letzten Gruß Der Mädchenschönheit, welche einst Sizilien schaute.


Bretagne
Die Unrast schwindet, Deine Seele wird sich weiten, Wenn Dir die salzige Seeluft durch die Lungen zieht; Zu Arvors Klippe klimm empor! Dein Auge sieht Tief unter Dir den weißen Ozean sich breiten. Die Erika, der Ginster blüht. In grauen Zeiten Sang der Druide hier dem Clan das Zauberlied Von Zwergen und Dämonen. Hart wie der Granit Sah auch der Mensch Jahrtausende vorüber schreiten. So komm und schau Dich um! Zum düstern Himmel ragt Des Menhir altes Mal, das um die Helden klagt, Die unter rotem Haidekraut vergessen liegen; Die ewige See, die Is und Occismor umschmiegt, Die sie in einem Bett von goldnen Algen wiegt, Wird flüsternd auch Dein Herz, das kummervolle, wiegen.


Maris stella
Von Tannenholz der Schuh, die Haube weiß wie Schnee, Aus Wollenstoff das Kleid, die Schürze von Perkale, Sie liegen auf den Knien, ach, zum wievielten Male, Am steilen Klippenrand, in Bangen und in Weh. Die Männer, Väter, Söhne, Brüder sind auf See Mit denen von Paimpol, Audierne und Cancale, Im Norden stellen sie dem Hering nach, dem Wale, Hart ist des Fischers Los und hart war es von je. Fromm tönet übers Meer, das sich unendlich weitet, Der Bittgesang zum Stern, der jeden Schiffer leitet, Und die bewegte See wird mählich wieder still; Der Abendglocken Ruf läßt alle Häupter neigen, Sie schallen von Roscoff, vom Turm von Sybiril, Der Himmel färbt sich rot, sie schwellen an und schweigen.


An Ernesto Rossi
Nach einer Dante-Deklamation.
O Rossi, ich hab Dich gesehn, da Du gelassen Opheliens Herz zertratst wie eine Blume, Dir Hab zitternd ich gelauscht, da Du, ein wildes Tier, Desdemona erwürgt — —, ich konnte es nicht fassen. Den Macbeth habe ich bewundert und den Lear, Ich sah Dich letzten, der zu lieben weiß, zu hassen Auf Italienerart, wie Juliens Mund, den blassen, Du küßtest. Größer schienst Du eines Abends mir. Da hab ich es erlebt, erschüttert und begeistert, Zum ersten Mal, wie die Terzinen Du gemeistert, Sie schmetterten gleich ehernem Drommetenklang. Und meine Seele wähnte bebend, voller Grauen, Umzuckt von roter Lohe Dante selbst zu schauen, Leibhaftig, wie der Hohe den Inferno sang.

