Jean-Arthur Rimbaud
Joseph Jaffé translation

1854-1891

Mein Zigeunerleben
Ich bummelte, die Hände in den leeren Taschen, Mein schöner Überzieher war längst in Verfall, Der Himmel schien so hoch. O Muse, Dein Vasall Versuchte träumend Liebesgötter zu erhaschen. In meiner einzigen Hose war ein großes Loch. Ich Däumling, der die Reime aus den Hülsen schälte Und keck den großen Bären zum Quartier erwählte, Vernahm das süße Rauschen meiner Sterne noch, Als ich am Straßenrand mich lauschend niedersetzte; Des Herbstes Abendtau, der meine Stirn benetzte, Hat mich wie starker Wein begeistert und erquickt. Zur Leier griff ich. Während rings die Schatten flogen, Hab ich den Gummi aus dem kranken Schuh gezogen Und flott drauf los gereimt, den Fuß ans Herz gedrückt.


Lebenstiefe
Wenn in des Abends Blau das Ährenmeer sich wiegt, Streift mich der Halm, der mir sich neigt auf schmalen Pfaden, Die Kühle fühl ich träumend, die den Fuß umschmiegt, Und frei darf das entblößte Haupt im Winde baden. Das Denken schlummert ein, dem Mund entflieht kein Wort, Empor steigt grenzenlos die Liebe, still, allmählich; Wie ein Zigeuner wandere fort ich, immer fort, Allein mit der Natur ..., mit diesem Weibe selig.


Faunskopf
Im Laub, dem grünen, goldgefleckten Schrein, In schwanken Ästen, die ihn zitternd hüten, Schlief seines Mundes Kuß, der bittere, ein; Jetzt hebt er wieder aus gewirkten Blüten Den geilen Blick, der liebestolle Faun, Die großen Blumen schlingt sein offner Rachen, Dem Blut des alten Weines gleicht ihr Braun, Durch das Gebüsch hallt sein verrücktes Lachen. Schon ist er weiter wie ein Eichhorn flink, Nur das Gelächter hängt noch in den Zweigen; Den goldnen Kuß verscheucht ein frecher Fink, Stumm ist der Wald und überall ruht Schweigen.


Aufregung
Im hellen Kellerfenster ducken Fünf Kinderchen sich still und gucken In kalter Nacht Mit langem Hals und offnem Munde, Wie man das Brot, das schöne, runde, Da unten macht. Sie sehn den grauen Teig, es wenden Gesellen ihn mit flinken Händen, Hoch aufgestreift, Sie hören, wie vergnügt und lecker Das Brot backt, wie der dicke Bäcker Ein Liedchen pfeift. Des Feuers milde Flammen locken Wie einer Mutter Schoß; sie hocken Ganz still, kein Glied Bewegt sich, bis mit nacktem Arme Der Bursch das Brot heraus, das warme, Um ein Uhr zieht. Wenn dann zur Mitternacht, zur stillen, Der Brotgeruch, der Sang der Grillen Steigt mit dem Rauch, Dann spüren die zerlumpten Kleinen Dort oben auf den kalten Steinen Des Lebens Hauch. Dann merken diese Kinderseelen Nicht mehr, wie Frost und Kälte quälen, Und leise flieht Aus Mäulchen, die heut kaum gegessen, Die sie ans kalte Gitter pressen Ein altes Lied. Dort unten lacht zu ihren Füßen Der Himmel, den sie frierend grüßen, Es schmeckt und schmatzt Das kleine Volk, und alle bücken Sich so weit vor, daß auf dem Rücken Das Höschen platzt.


Der Schläfer im Tal
Ein grüner Winkel, wo im engen Bette munter Das Bächlein singt und Silberfetzen aufgeräumt An Gräser hängt, wo von dem stolzen Berg herunter Die Sonne glänzt, ein Tal, das hell im Lichte schäumt. Ein junger Krieger schläft barhaupt mit offnem Munde, Der Nacken badet tief im frischen blauen Kraut, Der bleiche Jüngling dehnt sich auf dem weichen Grunde, Das grüne Lager ist vom Sonnenlicht betaut. In Lilien ist der Fuß gebettet, um die Wangen Spielt eines kranken Kindes Lächeln, das umfangen Vom Traume ruht. Natur, umhüll ihn warm und gut, Denn ihm ist kalt. Die Brust trinkt nicht der Blumen Düfte, Er schläft im Sonnenbrand, die Hand auf seiner Hüfte, Darunter sickert aus dem Herzen rotes Blut.


Der Schrank
Ein reich geschnitzter großer Schrank in dunkel Eichen, Uralt, gleich alten Menschen blickt er gut und fein, Die Tür steht auf, die Düfte, die daraus entweichen, Umschmeicheln lockend Herz und Sinn wie alter Wein. Ganz vollgestopft ist er mit tausend Kinkerlitzen, Verblichner Wäsche, Wohlgerüchen, Weibertand, Verkramtem Kinderzeug, mit längst verschlissnen Spitzen, Mit Tüchern von der Großmama und buntem Band. Dort finden sich vergessne Medaillons und Locken, Weiß oder blond, Porträts, auch Blumen, welk und trocken, Ihr Staubgeruch und Obst in stiller Harmonie. Von ihren Vätern könntest künden Du den Söhnen, Du alter Schrank, Geschichten wüßtest Du ...! sowie Sich Deine Türen langsam öffnen, mußt Du stöhnen.

